Praxis und Theorie der Individualpsychologie
Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer
von
Dr. Alfred Adler Wien
München und Wiesbaden Verlag von J. F. Bergmann 1920
Nachdruck verboten. Übersetzungsrecht in alle Sprachen vorbehalten. Copyright 1920 by J. F. Bergmann.
Druck der Universitätsdruckerei H. Stürtz A. G., Würzburg
Vorwort.
Die individualpsychologische Forschung erstrebt eine Vertiefung der Menschenkenntnis, die nur zu holen ist aus dem Verständnis der Stellung des Individuums zu seiner sozial bestimmten Aufgabe. Nur die Bewegungslinie, in der sich die soziale Aktivität einer Persönlichkeit darstellen und empfinden lässt, gibt uns Aufschluss über den Grad der Verschmelzung eines Menschen mit den Forderungen des Lebens, der Mitmenschen, des Weltalls. Sie gibt uns auch Aufschluss über den Charakter, über den Elan, über sein körperlich-geistiges Wollen. Sie lässt sich zurückverfolgen bis zu ihren Ursprüngen in der Zeit der Ichfindung und zeigt uns dort, in der frühesten Position des Menschenkindes, die ersten Widerstände der Aussenwelt und die Form und Kraft des Wollens und der Versuche, sie zu überwinden. In diesen frühesten Kindheitstagen schafft sich das Kind irrend und unverständig seine Schablone, sein Ziel und Vorbild und den Lebensplan, dem es wissend-unwissend folgt. Vorbildlich werden ihm dabei alle Erfolgsmöglichkeiten und die Beispiele anderer Überwinder. Den Rahmen gibt ihm die umgebende Kultur.
Über dieser tiefsten Bewegungslinie des Individuums, von der das Menschenkind manches weiss, deren grundlegende Bedeutung es immer verkennt, baut sich die ganze seelische Struktur auf. Alles Wollen, der ganze Kreis des Gedanken, des Interesses, Assoziationsverlauf, Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen laufen im Geleise dieser Dynamik. Aus ihr und zu ihrem Schutze stammen Weltanschauung, Antrieb oder Bremsvorrichtungen, und jedes Erlebnis wird soweit gedreht und gewendet, bis es zugunsten des eigentlichen Persönlichkeitskernes, jener kindlichen Bewegungslinie, seinen Nutzeffekt abgegeben hat.
Unsere Individualpsychologie hat aber auch den Nachweis erbracht, dass die Bewegungslinie des menschlichen Strebens zunächst einer Mischung von Gemeinschaftsgefühl und Streben nach persönlicher Überlegenheit entspringt. Beide Grundfaktoren zeigen sich als soziale Gebilde, der erste als angeboren, die menschliche Gemeinschaft festigend, der zweite als anerzogen, als naheliegende, allgemeine Verführung, die unablässig die Gemeinschaft zum eigenen Prestige auszubeuten trachtet.
Es war nicht allzu schwierig, die Prestigepolitik des Einzelindividuums den Psychologen, Pädagogen und Neurologen klar zu legen. Dass sich Prestigewissenschaft dem Einflusse unserer Individualpsychologie zu entwinden trachtet, dass sie mit Finten und auf Umwegen unsere Aufdeckungen nicht bekämpft, sondern übernimmt, ist mir und meinen Schülern keine sonderliche Überraschung. Vor der einen Tatsache, dass sie immer unseren Aufdeckungen des Machtrausches nachhinkt, sie niemals überflügelt, verblasst ihr eigener Dünkel und ihre Grosssprecherei.
Schwieriger dürfte es uns fallen, den allgemeinen Beitrag des Gemeinschaftsgefühls klar zu machen. Denn hier stossen wir gegen das Gewissen des einzelnen. Viel leichter verträgt er den Nachweis, dass er wie alle andern nach Glanz und Überlegenheit strebt, als die unsterbliche Wahrheit, auch ihn umschlinge das Band der menschlichen Zusammengehörigkeit, und er verschleiere es listig vor sich und den andern. Seine Körperlichkeit verweist ihn auf den Zusammenschluss, Sprache, Moral, Ästhetik und Vernunft zielen auf Allgemeingültigkeit, setzen sie voraus, Liebe, Arbeit, Mitmenschlichkeit sind die realen Forderungen des menschlichen Zusammenlebens. Gegen diese unzerstörbaren Wirklichkeiten stürmt und tobt das Streben nach persönlicher Macht oder sucht sie listig zu umschleichen. In diesem unablässigen Kampf aber zeigt sich die Anerkennung des Gemeinschaftsgefühls.
Das Wissen der Menschen um die Beweggründe ihrer Handlungen, das allgemeine Verständnis von den seelischen Erscheinungen bei Gesunden und Nervösen, die immer anderes bedeuten können als sie oberflächlich zum Ausdruck bringen, ist unzulänglich, solange die formale Gestaltung und die Dynamik ihrer Leitlinie verborgen bleibt. Was Führer der Menschheit als das Wirken Gottes, des Schicksals, der Idee, der ökonomischen Grundlage erfasst hatten, zeigt uns die Individualpsychologie als die machtlüsterne Ausgestaltung eines formalen Gesetzes: der immanenten Logik des menschlichen Zusammenlebens.
Der vorliegende Band enthält Vorarbeiten, Erweiterungen und Forschungen der Theorie und Praxis der Individualpsychologie und hat die Aufgabe durch eine Reihe von älteren und neuen Arbeiten den Weg zu unserer Wissenschaft zu weisen. In diesem Sinne ist er auch ein Begleiter des früher erschienenen Werkes „Über den nervösen Charakter (II. Auflage 1919, J. F. Bergmann, München)“.
Prigglitz, im August 1920.
Inhaltsverzeichnis.
- Vorwort, S. III
- I. Die Individualpsychologie, ihre Voraussetzungen und Ergebnisse, S. 1
- II. Psychischer Hermaphroditismus und männlicher Protest — ein Kernproblem der nervösen Erkrankungen, S. 11
- III. Neue Leitsätze zur Praxis der Individualpsychologie, S. 16
- IV. Individualpsychologische Behandlung der Neurosen, S. 22
- Einleitung, S. 22
- Das Arrangement der Neurose, S. 25
- Psychische Behandlung der Neurosen, S. 29
- Anhang, S. 32
- V. Zur Theorie der Halluzination, S. 36
- VI. Kinderpsychologie und Neurosenforschung, S. 41
- Schlussbetrachtung, S. 52
- VII. Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie, S. 54
- VIII. Das Problem der Distanz, S. 70
- IX. Über männliche Einstellung bei weiblichen Neurotikern, S. 76
- X. Beitrag zur Lehre vom Widerstand in der Behandlung, S. 100
- XI. Syphilidophobie, S. 106
- XII. Nervöse Schlaflosigkeit, S. 113
- Anhang, S. 118
- XIII. Individualpsychologische Ergebnisse bezüglich Schlafstörungen, S. 119
- XIV. Über die Homosexualität, S. 127
- XV. Die Zwangsneurose, S. 136
- Zusammenfassung, S. 142
- XVI. Zur Funktion der Zwangsvorstellung als eines Mittels zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühles, S. 144
- XVII. Nervöser Hungerstreik, S. 147
- XVIII. Traum und Traumdeutung, S. 149
- XIX. Zur Rolle des Unbewussten in der Neurose, S. 158
- XX. Lebenslüge und Verantwortlichkeit in der Neurose und Psychose, S. 164
- XXI. Melancholie und Paranoia, S. 171
- I. Melancholie, S. 172
- II. Paranoia, S. 177
- Anhang, S. 181
- XXII. Individualpsychologische Bemerkungen zu Alfred Bergers „Hofrat Eysenhardt“, S. 183
- XXIII. Dostojewski, S. 195
- XXIV. Die neuen Gesichtspunkte in der Frage der Kriegsneurose, S. 203
- XXV. Myelodysplasie oder Organminderwertigkeit?, S. 214
- XXVI. Über individualpsychologische Erziehung, S. 221
- XXVII. Die individuelle Psychologie der Prostitution, S. 228
- I. Voraussetzungen und Standpunkte des kritischen Beurteilers, S. 228
- II. Publikum und Prostitution, S. 229
- III. Kreis der Prostitution, S. 231
- IV. Prostitution und Gesellschaft, S. 236
- XXVIII. Verwahrloste Kinder, S. 237
Fuente: Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer, München und Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, IV + 244 S. (primera edición; las ediciones 2.ª, 1924, 3.ª, 1927, y 4.ª, 1930, revisada, no se han consultado). Transcripción de la portada, el verso, el prólogo (S. III-IV) y el índice a partir del ejemplar de la University of Michigan (colección Max Sylvius Handman) digitalizado por Google y publicado en archive.org (praxisundtheori00adlegoog; fichero local 1920/1920_Praxis-und-Theorie-der-Individualpsychologie__archive.pdf, págs. 8-12 del PDF), con OCR propio (Tesseract, 300 ppp) corregido sobre las imágenes. Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión); se respeta «des Gedanken» (S. III). En el índice impreso, la página del cap. XXIV puede leerse «208»: el capítulo empieza en la S. 203, que es la que se da. Las cursivas reproducen el espaciado del original. El texto de los 28 capítulos se publica en las páginas de cada uno, enlazadas en el índice: los capítulos que habían aparecido antes se transcriben de su primera publicación, cuando estaba disponible, y su pie Fuente: remite a esta reimpresión; los demás (caps. I, II, III, V, XIV, XV, XVI, XXI, XXIII, XXVI, XXVII y XXVIII) se transcriben de este libro. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.