XXVII.

Die individuelle Psychologie der Prostitution.

I. Voraussetzungen und Standpunkte des kritischen Beurteilers.

Man kann im Leben geradeso wie in der forschenden Wissenschaft unausgesetzt die Erfahrung machen, dass die Diskussion der einfachsten und ebenso der wichtigsten Fragen oft zwecklos zerfliesst, aus keinem anderen Grunde als dem, dass die Betrachtung, Auswahl und Anordnung der betontesten Gründe und Gegengründe von einem vorgefassten, aber meist ungeprüften Standpunkte aus erfolgen. Es ist dann oft weniger der Scharfsinn des Gegners als seine anders gerichtete Aufmerksamkeit, mittelst deren es ihm gelingt, Einwände zu erheben oder zu entkräften, Material und Statistiken herbeizuschaffen oder zu werten oder neue Gesichtspunkte ins Treffen zu führen. Man mag sich noch so viel Unbefangenheit zusprechen oder bewahren wollen, erst die bewusste und kritische Betonung des persönlichen Standpunktes, die Herleitung jeder Bewertung eines Für und Wider aus dieser Perspektive gibt uns die wissenschaftliche Eignung zur Untersuchung und Diskussion, wie sie uns auch die Möglichkeit einer systematischen Entwicklung unserer Voraussetzungen bietet. Unterbleibt diese Klarlegung, dann dreht sich der forschende Geist derart im Kreise, dass er zum Schlusse sicher zu erkennen glaubt, was er anfangs bloss vermutend bei seiner Untersuchung vorausgesetzt hatte. Wie sich zu diesem Beginnen alle Hilfsmittel tendenziös verwenden lassen, ist bezüglich der Statistik oft treffend hervorgehoben worden.

Um unser Gebiet zuvor gehörig abzugrenzen, wollen wir hervorheben, dass wir unter Prostitutierten solche Personen meist weiblichen Geschlechts verstehen, die den Geschlechtsverkehr zum Zwecke ihres Erwerbs zulassen. Vom Standpunkt einer gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit der Menschen betrachtet zeigt sich der Beruf der Prostitution als eine Erwerbseinrichtung, die darauf gestützt ist, dass sie an Stelle von mannigfachen und grossen Verantwortlichkeiten einer sexuellen Vereinigung nach Analogie eines Handelsgeschäftes ein Geldäquivalent fordert.

Aus dieser Auffassung ergibt sich unverkennbar die weiter festzuhaltende Voraussetzung: dass die menschliche Gesellschaft, für vorläufig unabsehbare Zeiten, den Verkehr der Geschlechter in bestimmte Formen gebracht und mit solchen Verantwortlichkeiten ausgestattet hat, die zum Bestand eben dieser Gesellschaft als tauglich und nötig befunden und erprobt wurden. Manches davon, die Dauer der Zusammengehörigkeit und die Werbung im Liebesleben scheinen feststehende Formen. Betonen wir noch den freiwillig übernommenen Zwang zur Kameradschaftlichkeit, zur Begründung eines Familienlebens und die Forderung der beiderseitigen Würdigkeit, so verstehen wir leicht, wie sich alle diese gleichzeitig mit dem Geschlechtsverkehr eintretenden Folgerungen als die selbstverständlichen Forderungen eben dieser Gesellschaft ergeben, die mit diesen Methoden ihren Bestand zu sichern sucht.

Diese Betrachtung steht auch in vollem Einklang mit historischen, juristischen und soziologischen Überlegungen. Noch mehr: sie ist auch die einzige Auffassung, die uns das ethische Problem der Prostitution restlos erfassen lässt, die alte, bisher ungelöste Frage, woher es komme, dass die Gesellschaft eine Erscheinung, die sie selbst zutage fördert und toleriert, dennoch dauernd als schandhaft brandmarkt oder gar unter Strafe stellt. Und wir verstehen auf Grundlage unserer Betrachtung, dass die menschliche Gesellschaft in der Prostitution ein Aftergebilde geschaffen hat, einen Notausgang, einen Ausweg in der Not eintretender Schwierigkeiten, zu dem sich zahlreiche Volksgenossen verurteilt sehen, den aber eben diese Gesellschaft aus ihren anders gerichteten Zielen heraus mit dem Banne der Moral belegen muss.

II. Publikum und Prostitution.

Entsprechend dieser sozialen Struktur, — Kompromissbildung im schlechtesten Sinne des Wortes, da zwei gegensätzliche Tendenzen gesellschaftlichen Charakters der Prostitution Form und Gestalt verleihen: Verdammung und Förderung, — wird sich die Psychologie des öffentlichen Dirnentums als einer Massenerscheinung in den Köpfen ganz eigenartig wiederspiegeln, und die Haltung einzelner Personen zu dieser Frage wird wesentlich bedingt sein durch ihre Stellungnahme zu der Vorfrage: wie weit sie immanente Forderungen unseres gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebens bejahen oder verneinen. Die Stellung eines Menschen zur Prostitutionsfrage wird uns besser über seine Haltung zu den Forderungen der Gemeinsamkeit belehren, wird ein klareres Abbild seiner sozialen Einfügung geben, als er es in der Regel selber könnte. So wird der satte, zufriedene Bürger im allgemeinen das Gesellschaftsideal der legitimen Ehe gemildert durch die Prostitution als „selbstverständliche“ Voraussetzung seiner Weltanschauung einverleibt haben. Wer konservativen Anschauungen huldigt, auf die Erhaltung der Zelle des Staates, der Familie, bedacht ist, zumal wer die Stärkung und Vergrösserung der Volkszahl anstrebt, wird folgerichtig die Nachteile der Prostitution ins Auge fassen. Andererseits kann die Tendenz, die einer Auflösung der Familie zustrebt, Wesen und Bedeutung der Prostitution milder betrachten, möglicherweise ihre Kultivierung fordern.

Sind schon diese Typen kaum je scharf abzusondern und dogmatisch zu erfassen, so entschwindet uns der soziale Zusammenhang um so leichter, je weniger scharf sie ihr eigene Stellung zum Gesellschaftsproblem bewusst hervorheben. Ja wir werden bei derartigen Untersuchungen zumeist genötigt sein, uns unabhängig von den persönlichen Aussagen der in Betracht kommenden Personen ihre Haltung zur Gemeinsamkeit zu berechnen. Diese Notwendigkeit besteht vielleicht in noch viel höherem Masse bezüglich der Haltung zum anderen Geschlecht, aus der sich die Stellung zum Problem der Prostitution unmittelbar ergibt.

Unsere bisherige Untersuchung über die fälschenden Voraussetzungen aller Beurteiler der Prostitution zeigen uns demnach im grossen und ganzen 3 Gruppen von Vorurteilen, die im weiteren Verfolg der Standpunkte zu wertlosen, unfruchtbaren oder schädlichen Stellungnahmen führen, sobald man daran geht, praktische Folgerungen aus ihnen abzuleiten.

Die erste Gruppe umfasst im allgemeinen jene Autoren, Beurteiler und Laien, die, weltabgewandt und menschenfeindlich, bereits aufgehört haben, ernstlich an einem Fortschritt der Kultur mitzuarbeiten. Entsprechend ihrem Standpunkt dem Leben gegenüber, den sie logisch nie erfasst haben, der vielmehr in ihrer gefühlsmässigen Haltung zum Ausdruck kommt, können sie in der Prostitution wieder nur den Beweis von der Verwerflichkeit alles Bestehenden erblicken, und ihre persönliche Stellung wird in dem sogenannten „notwendigen Übel“ immer mehr das Übel hervorheben, wobei meist mit angeborenen Mängeln der menschlichen Natur gerechnet und in feindseliger Weise die Zwecklosigkeit alles menschlichen Bemühens hervorgehoben wird. Oder die Unfruchtbarkeit dieses abergläubischen Standpunktes wird durch heftige, in sittliche, moralische oder religiöse Kritik gekleidete Verdammung abgelöst. Richten wir aber unseren Blick auf die von uns behauptete Anschauung, dass die Stellung eines jeden in der Frage der Prostitution — als einer integrirenden — abhängig sei von der Lösung der Vorfrage, seiner Stellung zur Gesellschaft, so werden wir finden, dass all sein Pathos nur seinem voreingenommenen Standpunkt dient, und dass alles Moralisieren bisher nicht imstande war, die Prostitution zu beseitigen. Auch Zwangsmassregeln konnten dies nicht. Wir verstehen aber die bisherige Nutzlosigkeit aller Gegenbestrebungen, wenn wir einsehen, dass die menschliche Gesellschaft gerade eine solche Form der Prostitution nötig hat und aus sich erzeugt, bei der die einen fördernden Einfluss ausüben und die andern hemmen oder verurteilen. Diesem Kompromisstandpunkt entsprechen auch die hierhergehörigen gesetzlichen Massnahmen und die durchschnittliche gesellschaftliche Moral.

Man mag aber das Wesen der Prostitution noch so unbefangen betrachten, so wird man immer finden, dass es nur menschlichen Zuständen entspringen kann, die keinen Widerspruch dabei empfinden, das Weib als Mittel zur Geschlechtslust, als Objekt, als Sache des Mannes zu betrachten. Mit anderen Worten: die Tatsache der Prostitution ist nur in einer Gesellschaft möglich, die sich als Ziel schlechthin die Bedürfnisbefriedigung des Mannes gesetzt hat. Daher ist es auch begreiflich, dass von seiten der Feministen und Frauenrechtler die Prostitution als eine Beleidigung der Frau empfunden und bekämpft wird. Auch diesem Standpunkt, der uns nicht unsympathisch anmutet, ist jene unbewusste Voraussetzung eigen, von der oben die Rede war: die Absicht der Revolte, des Umsturzes der bestehenden Gesellschaftsordnung mit ihren männlichen Privilegien.

Die untrennbare Verknüpfung zweier Menschheitsfragen endlich, — Prostitution und Geschlechtskrankheit, — macht es aus, dass auch von seiten der Hygieniker, Volksfreunde und Nationalisten starke Angriffe gegen das Bestehen der Prostitution zu erwarten sind. Insbesondere sehen wir derartige Bestrebungen hervortreten, wenn es sich um kleine, gefährdete Nationen handelt, die noch so viel Kraft aufbringen, den Geburtenüberschuss als Gewähr ihres Bestandes zu sichern. Prüft man auch diese Kreise auf ihr Verhältnis zu den bestehenden Verhältnissen, so wird man auch bei ihnen, wenn auch in gemässigtem Grade, Tendenzen als richtiggebend vorfinden, die einer oft radikalen Umänderung des gesellschaftlichen Lebens zustreben.

Frägt man nach der Gesellschaftsgeschichte, die sich mit dem Bestand der Prostitution ganz einverstanden erklärt, so werden wir sie selbstverständlich in jenen Kreisen finden, die den gegenwärtigen Stand der menschlichen Kultur als tauglich und unabänderlich auffassen. Es ist das jene grosse, kompakte Schichte, die man in romantischem Aufschwung als die Durchschnittsphilister zu bezeichnen pflegt. Da sie den grösseren Teil der Stadt- und Landbewohner ausmachen, so geht auch ihre Anschauungsweise auf ihre Behörden und Verwaltungskörper über, die mit der Prostitution dann wieder als mit einer unabänderlichen Einrichtung rechnen und höchstens mit halbem Eifer den Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten führen. Zu ihnen stossen noch eine grössere Anzahl von Ärzten und Vätern, die aber auch in der Hoffnung, stärkere Emotionen ihrer Schutzbefohlenen verhüten zu können, in einer Art sexualfetischistischer Überzeugung dem regelmässigen Geschlechtsverkehr der Jugend, d. h. dem Besuch bei Prostituierten, das Wort reden.

Auch diesen Gruppen von Bekennern mangelt die Verachtung der Prostitution nicht. Ja sie bringen es sogar fertig, die unmenschliche Missachtung der Person einer Prostituierten mit deren Empfehlung zum Geschlechtsverkehr zu verbinden. Sie widerspiegeln derart am getreuesten die Psychologie einer Kultur, die der entwürdigten Prostitution als einer Ergänzung ihres Systems, — erschwerte Fortpflanzung der Gesellschaft, — nicht entraten kann.

Immerhin gibt es eine Anzahl von Typen, deren seelisches Gefüge die Prostitution als ein Bedürfnis empfindet. Wir können dabei ganz absehen von den oben genannten Ärzten und von gewissen Vätern, die schwerere Konflikte ihrer Schutzempfohlenen auszuschalten glauben, indem sie die Jünglinge auf die Linie des geringsten Widerstandes verweisen. Ebenso fruchtlos wie deren Absichten erscheinen uns die Versuche der dem Knabenalter Entsprossenen, die Vorrechte ihrer gärenden Mannheit mühelos an Prostituierten erweisen zu wollen. Aber in ihrem seelischen Gefüge schwingen bereits jene Saiten, deren Töne wir deutlicher vernehmmen bei drei Gruppen von Menschen, deren Beziehung zur Prostitution so innig ist, dass wir das psychologische Problem der Prostitution nur dann erst verstehen, wenn wir die Individualpsychologie dieser Personen begriffen haben.

III. Kreis der Prostitution.

Diese drei Kategorien von Personen, die wir nun betrachten wollen, sind:

  1. Prostitutionsbedürftige. Hierher gehört die ungeheuere Masse eines bestimmten nervösen Typus der Menschheit, deren genaue Schilderung in des Autors „Über den nervösen Charakter“ (Bergmann, Wiesbaden 1912)1 und vor allem auch in „The Homosexual Problem“ (in The Urologic and Cutaneous Review, Technical Supplement Saint Louis. Miss. Oktober 1914)2 zu finden ist. Eine schematische Schilderung mag an dieser Stelle erfolgen.

Die äussere Haltung dieser Personen erscheint oft ganz unähnlich. Man findet unter ihnen Männer, die zu Jähzornausbrüchen und tyrannischer Herrschsucht geneigt sind und sich mit grosser Unduldsamkeit und Überempfindlichkeit gegen den Anschluss an die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade bewaffnet haben. Dabei eignet ihnen eine auffallende Vorsicht, sie wählen in der Regel gesicherte Berufe, fallen durch ihr grenzenloses Misstrauen auf und sind nie wirkliche Freunde gewesen. Hervorragend sind ihr krankhafter Ehrgeiz und Neid, zuweilen fühlen sie sich zur Übernahme von öffentlichen Ämtern gedrängt, erfüllen aber ihre Aufgaben meist mit einem grossen Aufwand von Hinterlist, Prestigepolitik und Intriguen. Manchmal gelangen sie — wie durch einen Irrtum — zur Gründung einer Ehe; dann behandeln sie Frau und Kinder mit rücksichtsloser Strenge, nörgeln ewig, sind immer unzufrieden und finden oft wieder den Weg zur Dirne zurück. Oder sie behandeln ihre Frauen wie Dirnen. Jeder Schwierigkeit gehen sie ängstlich aus dem Weg oder trachten sie auf listige Weise zu umgehen. Sie haben ihr ganzes Leben und Streben auf billige Triumphe gesetzt und lassen sich durch eine Unzahl von Prinzipien leiten, die immer den anderen ins Unrecht setzen. Immer anklagend, immer richtend grenzen sie bereits an jenen erstgeschilderten Typus, der aber konsequenter mit der menschlichen Gesellschaft auch die Prostitution verwirft. Auch ihre Unzufriedenheit erstreckt sich auf die Frau, die sie durchaus für eine niedrige Art von Menschen halten. Und so wird auch ihnen das Weib zum Mittel wie den strengen Antifeministen, und sie bedienen sich desselben dort, wo seine Widerstandslosigkeit den Aberglauben von der männlichen Überlegenheit restlos zu erweisen scheint. Dieser Typus von Menschen ist es, der das Bedürfnis nach der Prostitution schafft und unterhält. Man wird bei ihm auch die seiner Linie entsprechende Überzeugung von der Alleinherrschaft des Sexualtriebs im menschlichen Seelenleben finden, oft höchst bizarr und wissenschaftlich verkleidet, während die wahre, ihm unbekannte Triebfeder seiner Weltanschauung, die Voraussetzung seines Denkens und Handelns, sein männlicher Paroxysmus, nur die grossen Schwierigkeiten des Lebens umschleicht, um billige Triumphe über Willenlose oder willenlos gemachte Objekte zu ernten. Als Grenznachbarn dieses Typus erkennen wir ferner gewisse Keuschheitsfanatiker, die aus Furcht vor der Frau schwere, oft unerfüllbare Bedingungen des Geschlechtsverkehrs stellen, dadurch aber gleichfalls allen wirklichen Schwierigkeiten aus dem Wege gehen. Als einen scharf umrissenen Typus der Bekenner zur Prostitution kann ich noch nennen: Söhne aus guten Familien, die man in oberflächlicher Weise oft als zur „moral insanity“ gehörig bezeichnet und als unheilbar nimmt, die nach unserer Erfahrung aber, ähnlich wie oben geschildert, den Anforderungen des Lebens infolge ihrer Selbstunsicherheit aus dem Wege gehen und lieber eine moralische Verurteilung auf sich nehmen, als dass sie sich — bei ihrem latenten empfindlichen Ehrgeiz — einer vermutlichen Niederlage im Verlaufe ehrlichen Strebens aussetzen. Wie wesensverwandt diese Personen den öffentlichen Dirnen sind, zu denen sie sich getrieben fühlen, wird später noch weiter ersichtlich werden. Desgleichen wird man den starken Zug zur Dirne beobachten können bei Personen, die leicht dem Alkohol verfallen, weil auch sie, wie die ganze hier abgehandelte Gruppe, dem billigen Kompromiss im Leben geneigt sind, gerne nach Vorwänden für ihre Verhinderungen suchen, und Meister sind in der Kunst, ernste Verantwortungen von sich abzuweisen. Auch Männer mit Verbrechensneigung weisen oft den gleichen Hang zur Prostitution auf; wir finden auch ihre Verbrechensneigung begründet in ihrer Vorliebe, schwierigeren Lösungsversuchen von erheblichen Widerständen bei entsprechender individueller Eigenart durch Bruch eines gesellschaftlichen Übereinkommens aus dem Wege zu gehen. Besonders innig ist auch der Zusammenhang gewisser Formen von Neurose und Psychose mit der Prostitution; dazu ist gleichfalls zu bemerken, dass auch diesen Personen, wie aus ihrem Leiden ersichtlich, Minderwertigkeitsgefühl, mangelndes Selbstbewusstsein, krankhafter Geltungstrieb, Neigung zur Unverantwortlichkeit und die Vorliebe für seelische Kunstgriffe und Praktiken anhaften, die wie die bezahlte Eroberung einer Frau, ihrem Selbstgefühl schmeicheln. Seelisch verwandt sind ihnen auch jene Gestalten, die Ehegefährtinnen niedriger Kultur oder selbst Dirnen suchen, um so zugleich ihre Furcht vor der Frau zum Schweigen zu bringen und ein zaghaftes Herrschergelüst dauernd zu befriedigen.

Gewiss greift der Strom der Besucher der Prostitution über die Grenzen dieses scharf umrissenen Typus hinaus. Man möge aber bedenken, dass gelegentliche oder vorübergehende Positionen auch Menschen anderer Art in ähnliche Beziehungen zu bringen vermögen, wo dann ein gesteigertes Minderwertigkeitsgefühl nach rascher, müheloser Befriedigung hascht. Ebenso kann auch ein ungeeignetes Mädchen gelegentlich dem Stande der Prostitution anheimfallen. Das Bestreben, andere gesellschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, wird sich in diesen Fällen deutlich genug offenbaren. Nicht aber diese, sondern die grosse unerschöpfliche Zahl der „Prostitutionsbedürftigen“ sind die Grundpfeiler des Dirnentums als einer Institution.

  1. Zuhälter. Man dürfte mit uns übereinstimmen, wenn wir die seelische Grundstimmung des Zuhältertums dahin verstehen, dass auch bei diesen Personen ein mangelhaftes Gemeinsamkeitsgefühl, eine Neigung zu billigen Erfolgen, die Erfassung der Frau als Mittel zum Zweck und der Hang zu mühelosen Befriedigungen von Herrschaftsgelüsten den Zusammenhang mit der Prostitution als Massenerscheinung immer wieder herstellen. Die mächtige Förderung des Dirnentums, die von dieser Schichte ausgeht, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Der Zuhälter hat die Funktion eines Schrittmachers, und er oder der Mädchenhändler lenken die angehende Dirne in die Bahn der öffentlichen Prostitution, helfen geheimen Neigungen nach, nehmen den letzten Rest von Verantwortlichkeitsgefühl von solchen Mädchen, die auf sich selbst gestellt noch schwanken und zaudern könnten. Die seelische Verwandtschaft mit den „Prostitutionsbedürftigen“ ist unverkennbar. Die Linie ihrer Persönlichkeit ist auf mühelosen Erwerb gerichtet, die Distanz zum Verbrechertypus ist meist verschwindend klein, der Hang zum Alkoholismus und zur Brutalität sind Paroxysmen eines empfindlichen Schwächegefühls, kompensierende Akte eines ungestillten Geltungstriebs. Die Stellung des Zuhälters zur menschlichen Gesellschaft enthält sichtbar eine kritische, kämpferische, revoltierende Note, und seine aufdringlich hervortretende Stellung als Retter und Beschützer der Dirne geben einen beredten Hinweis auf seine Grossmannssucht. Strafen der Gerichte trägt er wie ein Duellant die Wunden, auch findet er Belohnung und tröstliche Genugtuung dafür in der gesteigerten Achtung und Bewunderung seiner gleichgestimmten Kreise. So hat auch er sich eine subjektive Welt errichtet oder gefunden, die seinem krankhaften Geltungstrieb fern von der rauhen Wirklichkeit in fiktiver Weise Rechnung trägt. Man wird uns nicht missverstehen, wenn wir auch hier die Verwandtschaft mit dem „nervösen Charakter“ hervorheben. Schliesslich wirft diese Untersuchung auch ein helles Licht auf die seelische Verfassung jener Personen, die vor Schwierigkeiten ihres Lebens gestellt einen Notausgang suchen, indem sie die Hingabe ihrer Gattin an andere als Preis für die eigene Förderung bezahlen.

  2. Die Prostituierte. Die gebräuchlichen Anschauungen über die Triebfedern zur Prostituierung haben wenig psychologisch brauchbares Material zutage gefördert. Es ist eine unhaltbare Anschauung, dass Not und Elend als ausschlaggebend anzusehen sind. Denn vor allem gibt uns diese Annahme keinerlei Rechenschaft bezüglich der Auswahl jener armen Mädchen, die der Prostitution anheimfallen können. Oder will man behaupten, dass dies nur von einem mehr oder weniger von Entbehrungen abhängig sei? Dann unterschätzt man — ich will nicht gerade von Moral und Charakter sprechen — aber doch wohl die Abneigung gegen jene soziale Erniedrigung, die gemeiniglich mit dem Begriff der Dirne verbunden wird. Was bei solchem Fehlurteil vorschweben mag, sind ganz andere betrübende Erscheinungen sozialer Art, die häufige Tatsache etwa, dass Mädchen unter dem Drucke grosser Sorgen oder Elends das „Gut“ ihrer Weiblichkeit dauernd oder vorübergehend an den erstbesten verkaufen, ohne nach ihrer Neigung zu fragen oder gegen alle Neigung auch. Das unterscheidende Merkmal liegt in der kontinuierlichen „Erwerbsbeflissenheit“, die soweit geht, dass selbst reich gewordene Prostituirte ihrem Beruf mit der Emsigkeit des Gewerbetreibenden immer weiter nachgehen. Was hält diese Personen mit so eiserner Gewalt bei ihrem Berufe? Ist es nicht die gleiche Befriedigung, mit der auch der Geschäftsmann seinen Aufgaben obliegt? Ist es nicht das gleiche Geltungsbedürfnis, die gleiche „Expansionstendenz“, die wir bei allen Menschen, besonders stark aber bei allen jenen wieder finden, die wir als „nervöse Charaktere“ zu bezeichnen pflegen? Im vorhergehenden Teil dieser Arbeit haben wir jene krampfhaften Versuche geschildert, durch die gewisse Personen zu Prostitutionsbedürftigen oder zu Zuhältern werden, — und haben diese trügerischen Exaltationen als Auswege, als erborgten Schein von Kraft erkannt. In diesen unsozialen Erscheinungen spiegeln sich Furcht gegenüber den normalen Forderungen der Gesellschaft, die folgerichtig abgewiesen werden, mangelhaftes Selbstvertrauen zugleich in die eigene Leistungsfähigkeit gegenüber den Erwartungen des gesellschaftlichen Lebens, und ein Kunstgriff: aus der Sexualbeziehung auf leichte widerstandslose Weise die Empfindung, den subjektiven Eindruck einer Erhöhung der eigenen Persönlichkeit zu gewinnen. Dass letztere Selbstbereicherung auf dem erhöhten Schein einer vollendeten Männlichkeit beruht, wurde bereits angedeutet. Wie, wenn die gleichen seelischen Triebfedern in der psychischen Struktur der Prostituierten sich fänden? Wenn sie es wären, die erst ein Mädchen zur Prostitution tauglich machten und ihr den Weg wiesen?

Bevor wir an die Untersuchung dieser Fragen und anderer Beantwortungen gehen, wollen wir noch eine andere, weit verbreitete Anschauung über die seelische Konstitution der Prostituierten erwähnen und ihre Unhaltbarkeit aufdecken. Es ist gewiss verzeihlich, wenn kenntnislose Laien die Prostituierte, deren Gewerbe sie verurteilen müssen, sofern sie ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung treu bleiben wollen, als einen Abgrund von Sinnlichkeit, als ein stets entflammtes Wesen ansehen. Gelehrte Untersucher können nur im Leichtsinn oder von Blindheit geschlagen zu einer derartigen Anschauung gelangen. Da sich diese Ansicht aber recht häufig in wissenschaftlichen Abhandlungen findet, zuweilen mit Lombrosos unrettbarer Behauptung vom angeborenen Dirnencharakter verbrämt, so müssen wir hervorheben, dass der Dirne bei der Ausübung ihres Berufes jede sinnliche Regung fehlt. Anders freilich, wenn sie ein Liebesverhältnis eingeht oder ihrem Zuhälter gegenüber oder im homosexuellen Verkehr, dem sie auffallend häufig huldigt. Man kann sagen, dass nur in letzteren Beziehungen ihre Sexualität zur Geltung kommt, oft genug in Form einer Perversion, die uns schon auf die Abneigung der Prostituierten gegen die weibliche Rolle hinweist. In ihrem Berufe spielt sie nur für den gerngläubigen Partner ein weibliches Wesen, für ihre eigene Empfindung aber steht sie fern der weiblichen Rolle, ist bloss Verkäufer und bleibt frigid. Und während der Prostitutionsbedürftige seine männliche Überlegenheit über ein Weib zu fühlen glaubt, wird sie sich nur ihrer Werbekraft und ihrer Forderung, demnach ihres Wertbesitzes inne, und degradiert den Mann zum abhängigen Mittel ihres Unterhaltes. So gelangen beide auf dem Wege einer Fiktion zum täuschenden Empfinden ihres persönlichen Vorrangs.

Mit dieser Feststellung sind wir dem Kernpunkt der oben aufgeworfenen Fragen näher gerückt. Der verwegene Kunstgriff, den Sexualverkehr in ein Geldäquivalent umzuwerten, charakterisirt das Wesen der Prostitution ebenso wie das der beiden andern geschilderten Gruppen. Und wie bei den der Prostitution zugehörigen Männern bewirkt die Fiktion eines befriedigenden Triumpfes, einer immer neu gewonnenen Geltung das Verbleiben und die Standhaftigkeit dieser Einrichtung, so wie sie die hauptsächlichste Verlockung aller Beteiligten zur Prostitution bildet.

Die Fähigkeit aber, eine unveräusserliche Funktion der Frau, ihres Körpers und ihrer Seele, in Geld umzurechnen, kann nur der erringen, in dessen Seelenleben die Voraussetzung von der Minderwertigkeit der Frau fest verankert ist. Dies zeigt sich auch in den dazu zugehörigen Umgangsformen und es zeigt sich in dem Werdegang jeder Prostituierten. In meist frühzeitiger Verderbnis empfinden sich diese Mädchen als Opfer des „überlegenen“ Mannes, der geachteter Angreifer bleibt, während das Mädchen verurteilt wird. Was Wunder, dass da das weibliche Harren auf dem Manne als Schwäche, als der Feind, als fatale Dupierung veranschlagt wird, und im gleichen Sinne der Versuch, es dem Manne gleich zu tun, werbend wie er aufzutreten, sich weiblicher Haltung und Sittsamkeit zu entschlagen, um so mehr dem ungeübten Verstande einleuchtet, je mehr die weitere Vertiefung der Frauenrolle, Heirat und Mutterschaft, die Erwartungen der Gesellschaft, ungangbar werden, durch die Vorgeschichte sowohl als durch das Gefühl der Nichtigkeit gegenüber dem Manne. Sich in der Prostitution einen Ausweg und jene Geltung zu verschaffen, die ihr anderswo verwehrt ist, kennzeichnet regelmässig die Laufbahn der Prostituierten, den sie meist nach fruchtlosen oder fruchtlos scheinenden Versuchen — aus ihrer Stellung als Dienstmädchen, Gouvernante oder Arbeiterin geworfen — einschlägt. Immer aber schwebt ihr dabei die Schablone des „aktiven“ Mannes, nicht die der „passiven“ Frau vor.

Einschneidende Bedeutung gewinnt bei diesem Entwicklungsprozess das allgemein verbreitete Gift einer übermännlichen Weltanschauung. Es durchdringt schon das Familienheim der späteren Dirne, gewährt dem Vater die tyrannische Alleinherrschaft und macht die Frau und Mutter zum schreckenden Vorbild einer künftigen Frauenrolle. Es erhebt die Brüder zu einem beneideten Rang, macht dem Mädchen seine Weiblichkeit zum Makel und Vorwurf. Der Glaube an die eigene Kraft versinkt, und der noch oft unreife Verführer findet ein widerstandsloses, feiges Geschöpf, das in der Furcht des Mannes herangewachsen ist, oder das voll verhaltener Wut über sein weibliches Schicksal, gar oft auch aus den gleichen Gründen in einer Revolte gegen Verhaltungsmassregeln der Eltern seine normale Entwicklung nicht finden kann, von der es die gelungene Verführung noch weiter abdrängt. Auch die weiteren Folgen der Verführung sind beachtenswert: die Schlussfolgerungen werden nicht im Sinne einer Korrektur gezogen, sondern es vertiefen sich Minderwertigkeitsgefühl, Unglaube an die eigene Kraft und der Abscheu vor der weiblichen Rolle. Nun ergibt sich der breite Pfad des Dirnentums in einem Rausch der Aktivität, als Revolte gegen die Forderungen der Gesellschaft, als Ausweg gegenüber schwerer erreichbaren Zielen, der der werbenden und erwerbenden Männlichkeit näher zu liegen scheint, der Geltung verspricht und von dem Gefühle völliger Nichtigkeit erlöst. Uns andern scheint die Rechnung nicht zu stimmen. Man frage aber die Dirnen und ihre Zuhälter!

IV. Prostitution und Gesellschaft.

So schliesst sich der Kreis. Hier die menschliche Gesellschaft, die heute noch nicht imstande ist, ihre eigenen Forderungen strenger zu gestalten, deren Erfüllung zu ermöglichen. Dazu die Menschen, die vor den Feindseligkeiten des Lebens erschrecken und Auswege billiger Art suchen. Eine Kultur ferner, die immer mehr ihre Ideale mit dem Gedankenkreis des Warenmarktes, des Handels in Einklang bringt. Und ihre Opfer, die aus der Not eine Tugend zu machen suchen, dabei die Lücke des normalen Gesellschaftslebens stopfen, um dabei geduldet und verachtet zugleich unterzugehen.


Fuente: Alfred Adler, «Die individuelle Psychologie der Prostitution», en Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XXVII, págs. 228-236 (el capítulo no lleva fecha; no se ha identificado una publicación anterior); transcripción tomada del ejemplar digitalizado por Google y publicado en archive.org (identificador praxisundtheori00adlegoog). El OCR de ese ejemplar es deficiente y la copia con mejor OCR que señala el inventario (archive.org, bub_gb_oZ4MAAAAIAAJ) no estaba disponible localmente: el texto se ha transcrito de nuevo de las imágenes de las páginas (OCR propio con Tesseract, corregido línea a línea sobre la imagen y cotejado con el OCR de archive.org). Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión). Las cursivas reproducen el espaciado (Sperrsatz) del original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa. Las notas 1 y 2 son del autor. Se conservan las grafías de la impresión («Prostitutierten», «integrirenden», «charakterisirt», «Prostituirte», «vernehmmen», «Gesellschaftsgeschichte» en S. 231, probablemente por Gesellschaftsschichte).

  1. II. Auflage 1919. — In englischer Sprache erschienen 1917. — ↩

  2. Deutsch: Das Problem der Homosexualität, Reinhardt, München 1918. — II. Auflage in Vorbereitung. — ↩