XV.

Die Zwangsneurose.

(Vortrag, gehalten im März 1918 in der „Gesellschaft der Ärzte“ in Zürich.)

Wer sich der Stimmung des Zwangsneurotikers erinnert, hat sicher den Eindruck eines Menschen, der sich ununterbrochen abseits von der normalen menschlichen Betätigung emsig abquält. Niemals fehlt diese Stimmung: ängstlicher, peinigender, quälender Natur.

Es ist auch auffällig, wie Patienten, die niemals mit medizinischer Literatur in Berührung kamen, die Eingebungen zu Zwangshandlungen mit einem Begriff bezeichnen, den auch die Wissenschaft wie die Philosophie aufgenommen hat: als Imperative. Man macht die überraschende Beobachtung, dass die Philosophie oft ähnliche Ausdrücke und Anschauungen produziert wie der Kranke.

Die Formen, in denen die Zwangsneurose meistens auftritt, sind: Waschzwang, Gebetzwang, Zwang zur Masturbation, moralische Zwangsideen der verschiedensten Art, Grübelzwang etc. Man kann vom Standpunkt einer systematischen Einteilung das Gebiet der Zwangsneurose noch erheblich erweitern und findet den gleichen Mechanismus auch beim Symptomengebiet der Enuresis nocturna, bei Nahrungsverweigerung nervöser Natur, Zwangshungern, Perversionen etc.

Das Symptom der Zwangshandlungen ist auch in die Literatur übergegangen.

Drei Fälle sind mir bekannt geworden.

So die Lebensgeschichte des verschollenen Romantikers von Sonnenberg, der in früher Kindheit und bis über die Pubertät hinaus am Symptom des Gebetszwanges gelitten hat. Er war ein trotziger, sehr ehrgeiziger und ungebärdiger Junge, geriet mit seiner Umgebung häufig in Konflikt. Frühzeitig tauchten religiöse Ideen auf. Er zeigte dieses Symptom meist während der Unterrichtsstunde, so dass der Unterricht oft stockte und unterbrochen werden musste. Dann hat Jean Paul in „Schmelzles Reise nach Flaez“ eine Unzahl von Zwangshandlungen beschrieben. In der Kindheit trat beim Helden der Handlung der Zwang auf, plötzlich laut „Feuer“ zu schreien, was leicht Paniken hervorrufen konnte. Dieses und ähnliche Symptome sind ausserordentlich häufig und führen zuweilen grosse Störungen des öffentlichen Lebens herbei.

Im dritten Fall, in Vischers „Auch einer“, ist die ganze Weltanschauung des Helden auf Nieszwang und Schnupfen aufgebaut.

Für die Zwangsneurose ist es besonders charakteristisch, dass alle Zwangshandlungen ein Vorstadium besitzen, das man als Kampf des Patienten gegen seine Eingebung bezeichnen kann. In diesem Stadium verweilt er mit peinlichen Gefühlen. Es wird von allen Autoren als besonders bedeutsam hervorgehoben, dass der Patient sich der Sinnlosigkeit seines Zwangssymptoms in voller Weise bewusst ist.

Wie alle derartigen Maximen und Anschauungen in der Neurosenliteratur, muss man auch diesen Satz cum grano salis nehmen. Eine Anzahl von Patienten haben berichtet, dass sie gerade in ihrer Symptomhandlung eine Erlösung und Erledigung gefühlt haben, weil sie aus ihrem ganzen Wesen entsprungen sei und sich als berechtigt und notwendig erwiesen habe. Diesem Stadium einer gefühlsmässigen Entscheidung zu Gunsten des Symptoms geht eine grosse Spannung in der Psyche des Patienten monate- und jahrelang vorher. Daher sind wir berechtigt, anzunehmen, dass auch diese Stellungnahme igentlich nur der Lockerung des Symptoms diente, als ob sich der Patient aus seinem angeblichen Kampf gegen die Zwangshandlung das Recht zusprechen wollte. sein Symptom zu produzieren. Es ist auch nicht zu übersehen, dass der Kranke in seiner Argumentation willkürlich schaltet, dass er Richter, Kläger und Angeklagter in einer Person ist.

Die Zwangsneurose stellt in der Tat ein ungefähr abgeschlossenes Krankheitsbild dar und weist auch die Grundzüge der allgemeinen Neurosen auf. Zusammenhänge der verschiedensten Natur liegen vor. Der Übergang zum neurasthenischen Komplex ist ein ganz gewöhnlicher. Wenn wir die Zwangshandlung des Luftschluckens ins Auge fassen, die häufiger vorkommt als man gewöhnlich annimmt, so wird der Zusammenhang mit einer grossen Anzahl von neurasthenischen Magen- und Darmstörungen augenscheinlich. Ebenso häufig sind die Zusammenhänge mit der Hysterie, und gerade im Gebiete der Kriegsneurosen sind die Analogien mit hysterischem Tremor, Lähmungen und Spasmen recht bekannt geworden. Nicht selten findet man beim Errötungszwang das Auftauchen von leichteren oder schwereren paranoiden Erscheinungen. Den Zusammenhang mit Angstneurosen ergibt die Tatsache, dass die Unterdrückung der Zwangssymptome durch Angst ersetzt wird. Nicht selten gehen die Zwangsneurosen in Alkoholismus oder Morphinismus über oder sind mit ihnen verbunden. Zusammenhänge mit impulsivem Irresein, mit Zwangsimpulsen zu Verbrechen und mit zwangsmässigen Selbstbeschuldigungen, ebenso zu Moral insanity ergeben besondere Bilder. Eine Unzahl von Beziehungen liegen zu scheinbaren Unarten vor, so z. B. zu gewissen Formen von Faulheit, zur Pedanterie, Zeitvertrödelung und insbesondere zu quälenden, hypermoralischen Anschauungen, Wahrheitsfanatismus etc.

Eigentlich besitzt jeder Mensch irgend einen Anteil in seinem psychischen Wesen, der an die Zwangsneurose erinnert, der, verschiedentlich ausgebildet, gelegentlich zu Störungen nicht unbeträchtlicher Art führt. So, übertriebenes Vertrauen auf überirdische Hilfe, das sich bei manchen Menschen durch ihr ganzes Leben und alle ihre Handlungen zieht. Ferner Silbenzählen, Lesen der Firmentafeln, Zählen der Fenster etc., alles scheinbar ohne Sinn, worüber viele normal gebliebene Menschen berichten können.

Ausserordentlich enge Zusammenhänge bestehen zwischen Zwangsneurose und neurotischem Zweifel.

Der psychische Zusammenhang aller dieser Erscheinungen bringt die Gefahr nahe, uns in der Psychologie mit ihren unmessbaren Differenzen zu verlieren.

Es gibt aber eine Anzahl von Proben auf die Richtigkeit oder ungefähre Richtigkeit einer neuropsychologischen Anschauung.

Die eine Probe besteht in folgendem: Der Neurologe hat in Anwesenheit des Hausarztes eine Untersuchung, ein Examen des Patienten durchzuführen, ohne sich zu Suggestivfragen oder zu irgendwie planmässigen Ausforschungen hinreissen zu lassen. Wohl aber so vorzugehen, dass auf die ganze Persönlichkeit des Untersuchten ein Licht fällt. Und dies ohne Verabredung mit dem konsultierenden Arzt. Der Arzt sieht gewöhnlich den Zusammenhang, während der Patient im Laufe des Examens keine Ahnung von diesem hat, der aus der Fragestellung und den Antworten zutagekommt.

Diese Methode hat durchaus keine einwandfreie Bedeutung. Deshalb ist eine weitere Probe über die Richtigkeit unserer Anschauung von den Symptomen nötig. Man schiebe das Symptom und den eigentlichen Grund zur Krankenbehandlung ganz beiseite und kümmere sich bloss um die Persönlichkeit des Patienten. Man versuche, Aufschlüsse über ihn zu bekommen, sein Wesen zu ergründen, seine Absichten im Leben, seine Haltung zu den Forderungen der Familie und Gesellschaft. Man wird bald ein ziemlich scharf umrissenes Charakterbild erlangen. Die Untersuchung zeigt den Patienten mit einer Anzahl von Zügen behaftet, die wir zu einem Gesamtbilde zusammenfügen können.

Vor allem zeigt sich, dass es sich um Personen handelt, die wir nicht als durchaus passiv bezeichnen können. Sie entbehren einer gewissen Aktivität nicht. Man merkt dies schon daran, dass sie nicht völlig im Hintergrunde des Lebens stehen. Sie haben gewöhnlich schon Prüfungen abgelegt, haben etwas gelernt, aber sie stehen in einem gewissen bedeutsamen Abschnitt ihres Lebens, in dem ihnen eine bestimmte Entscheidung bevorsteht, die Liebe, Ehe, Beruf, Altern usw.

Wenn man aus dieser Skizze und den Richtungslinien einen Schluss gezogen hat, wenn man bei den Patienten Züge grosser Empfindlichkeit und ein Verhalten festgestellt hat, das wir als unnahbar bezeichnen können, wenn wir die Tatsache konstatieren können, dass sie wenig Menschenliebe, wenig Nächstenliebe besitzen, dass ihr ganzes Leben Neigung zu Isolierung zeigt, dass sie wenig Freunde haben, dass ihr Ehrgeiz aber scharf hervortritt, in der Regel so scharf, dass er ihnen selbst bewusst ist: dann wird der Eindruck plastisch, dass diese Menschen dem Leben mit einer leicht abwehrenden Geste gegenüberstehen.

Wie bei den anderen Neurosen dürfen wir von einer Positionserkrankung sprechen, im Gegensatz zu den Autoren, die eine Dispositionserkrankung annehmen. Die Familie drückt oft auf den Patienten in einer Weise, dass sie ihn zu einem latenten oder offenen Trotz erzieht. Diese Kampfstellung äussert sich jeder Forderung gegenüber, die das gesellschaftliche Leben stellt.

Man lege dem Patienten die Frage vor: Was würden Sie tun, wenn Sie heute ganz gesund wären? Und er wird mit grosser Sicherheit jene Forderung nennen, von der wir gerade erwarteten, dass er ihr auszuweichen suche.

Bestätigungen dieser Auffassung gab es im Kriege genug. Die Kriegsneurose ist eine Form der Erkrankung, bei der das finale Moment der sichernden Isolierung als das ausschlaggebende zu betrachten ist. Der Krieg stellte Forderungen, denen sich die erschütterte Seele des im Kriege zweckmässig nervös Gewordenen zu entziehen suchte.

Auffallend häufig sind zweitgeborene Söhne oder einzelne Mädchen unter einer Reihe von Knaben, einzelne Knaben unter einer Reihe von Mädchen von der Zwangsneurose befallen. Der Zweitgeborene befindet sich nämlich regelmässig in einer Position, aus der ihm leichter wie anderen durch Irrtum oder verlockende Tatsachen der Anreiz nahe gebracht wird, mit verstärkten Bewegungen um seine Geltung im kleinen Familienkreise zu ringen.

Die dritte Probe auf die Richtigkeit des gefundenen Resultats besteht darin, dass die von uns aus dem Wesen des Patienten erschlossenen Richtungslinien uns das Symptom als notwendig, in irgend einer Form als verwertbar, als gelegen auffassen lassen können. Von einer kausalen Bedingtheit ist natürlich keine Rede; der Patient ist nicht etwa zu seinem Symptom verpflichtet, wie man bei kausaler Betrachtung herausbekommen müsste. Es ist, als ob er sich zu seinem Symptom verlocken, verleiten liesse. Es liegt eine Verführung des menschlichen Geistes vor, die aber so nahe liegt, dass wir sie nachfühlen können.

Dieser Irrtum im seelischen Aufbau des Patienten stammt aus einer mehr oder weniger pessimistischen Weltanschauung, baut sich über einem Gefühl der Minderwertigkeit auf, und ergibt automatisch eine Verlockung zum Rückzug, sobald die Forderungen der Gemeinschaft an den Patienten herantreten. Andererseits wird aus dieser Tatsache erklärlich, dass eine Änderung seines Wesens durch Belehrung und nur durch sie zustande kommen kann.

Obige Zusammenhänge sollen an 2 Fällen klargelegt werden.

Der 1. Fall betrifft eine junge Frau, die vor mehreren Jahren gegen ihren Willen durch einen etwas strengen Vater verheiratet wurde. Sie war immer ein ernstes, strebsames, äusserst gewissenhaftes Mädchen gewesen, dessen Gewissenhaftigkeit sich daraus erklärt, dass auch der Vater, den das Mädchen als die bedeutendste Persönlichkeit in der Familie einschätzte, auf diese Eigenschaft ganz besonderen Wert legte. Sie war das einzige Mädchen neben drei Knaben und erzählte sofort spontan, dass sie ihre zurückgesetzte Stellung ausserordentlich schwer empfunden habe. Sie war auf die Hauswirtschaft beschränkt und dort eigentlich nur der Obhut einer etwas zänkischen, nörgelnden Mutter anvertraut. Durch ihre Gewissenhaftigkeit verdiente sie sich das Lob des Vaters.

Sie leistete wenig Widerstand gegen die Ehe. Diese war eine katholische und wurde nach zweijähriger Dauer wegen Vergehungen des Mannes im Privatleben gelöst. Nicht lange danach machte sie die Bekanntschaft eines Mannes, den sie bald liebte und mit dem sie eine nach ungarischem Ritus geschlossene Ehe einging. Die Ehe stiess auf den Widerstand der neuen Schwiegermutter. — Die Kriegsjahre brachen herein. Aus der ersten Ehe hatte sie einen Knaben mitgebracht. Nun musste sie zur Schwiegermutter übersiedeln, während der Mann im Kriege war. Sie kam so kurz nach der Eheschliessung in eine Situation, aus der sie sich mit allen Fasern heraussehnte. Die neue Situation beschwor ein Gefühl der Niederlage herauf, das sie schon bei ihrer Mutter kennen gelernt hatte. Die Kritik der Schwiegermutter fiel ausserordentlich heftig aus. Da fiel ihr ein Buch Professor Försters in die Hände. Darin las sie, dass die Ehe in jedem Falle unlösbar sei, und dass die Lösung eine schwere sittliche Verfehlung sei.

Seitdem hatte sie von Zeit zu Zeit unter depressiver Stimmung die Idee, sie müsse eigentlich zu ihrem ersten Manne zurückkehren. Die Depression war ununterbrochen vorhanden. Es handelte sich um eine der Zwangsneurosen, bei denen Depressionszustände auftreten und zwar zur Unterstützung der Zwangsidee. Die Bedeutung dieses Zwangsgedankens bestand darin, dass sie erstens eine Krankheitslegitimation hatte und, darauf gestützt, sich einer Anzahl von Privilegien erfreute, und zwar gerade jener, nach denen ihr Ehrgeiz ganz besonders ging. Sie war nun von jeder Kritik befreit, konnte die Sorge für das Kind, also die niedrig eingeschätzte Hauswirtschaft, der Mutter übertragen und sah sich bald in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Hauses gerückt, mit einer Anzahl von Vorteilen fiktiver Art, wie sie der ehrgeizigen Frau als Ersatz dienen konnten für das, was sie als ihren Nachteil gegenüber ihren Brüdern empfunden hatte.

Wenn man an der Richtigkeit des von mir für alle Neurosen festgestellten Zieles der Überlegenheit zweifelt, dann mache man folgende Probe: man suche die Absicht des Symptoms selbst, des Zwangsgedankens, sie habe eine Sünde begangen. Was ist der eigentliche Hintergedanke, der hinter diesen Gedanken steckt? Der religiös gewissenhafte Vater war nie auf eine ähnliche Idee gefallen. Die Tochter spielt sich als die religiösere und gewissenhaftere Natur auf! Sie war eine überaus ehrgeizige Natur, die unbefriedigt war, weil ihr Ehrgeiz nicht nur in der neuen Situation keine Erfüllung gefunden hatte, sondern nach der ganzen Art des Ehrgeizes auch nicht finden konnte. Was sie tat, war eigentlich ein Akt der Revolte in der Form der passiven Resistenz, wie wir ihm ähnlich bei jeder Neurose konstatieren können. Sie macht sich unfähig, die ihr obliegenden Arbeiten auszuführen, und zwar dadurch, dass sie statt des Zwanges der Welt, des Lebens, einen selbstgesetzten Zwang aufstellt und mit dieser Präokkupation alle Forderungen der Gesellschaft und des Familienkreises beiseite schiebt. Mit Regelmässigkeit ist zu konstatieren, dass als grösster Feind solcher Patienten eigentlich die Zeit zu betrachten ist. Sie muss die Zeit vertrödeln, denn die Zeit selbst ist eine Forderung an sie in der Form: Wie willst du mich zubringen? Dieser Zeitvertrödelung diente bei der Patientin ein ausgebreitetes System der Korrespondenz mit Geistlichen und Ethikern, dann die Depressionen und erzwungenen Tröstungen der Umgebung. Vor der Forderung, die Pflichten der zweiten Ehe zu erfüllen, war sie zurückgeschreckt, insbesondere, weil sie der Kritik der zweiten Schwiegermutter ausweichen wollte.

  1. Fall. Der Patient ist ein ausserordentlich wertvoller und ehrgeiziger Mensch. Er hatte schon in der Kindheit eine Unfähigkeit für das Leben empfunden, was ihn von den Kameraden ausserordentlich unterschied. Er hatte nie eine Vorstellung über einen zukünftigen Beruf oder über ein zukünftiges Eheleben. Wir dürfen bei der Selbstverständlichkeit solcher Forderungen schliessen, dass es sich nicht um ein blosses Fehlen von Gedanken gehandelt haben wird, sondern um den Vorsatz, keinen Beruf auszuüben und keine Ehe zu schliessen. Vorsätze, die man bei Kindern oft findet. Patient war wohl ausserordentlich ehrgeizig, hatte aber, wie aus dieser Ausweichung hervorgeht, den Glauben an sich verloren.

Er wurde von den Eltern sorgsam erzogen. Der Vater war ein auffällig rechtlicher Mann. Schon in der Kindheit erlitt der Patient einige Unannehmlichkeiten, die seinen Stolz auf seine Moral empfindlich berührten. Er wurde vom Vater auf einer Notlüge ertappt, was ihm sein Lebenlang nachgegangen war. Ziemlich früh nach diesem Erlebnis stellten sich Zwangsgedanken in der Form eines heftigen Schuldgefühls ein. Sein Leiden wurde von der ganzen Umgebung peinlich empfunden, und man suchte es zu mildern. Monatelang machte er sich Selbstvorwürfe wegen einer falschen Auskunft, brütete ein Jahr lang über Lappalien, berichtete alles den Eltern, ging dann zu einem seiner Lehrer und beichtete etwa, dass er ihm vor einem Jahr irgend eine unrichtige Angabe gemacht habe.

Er legte dennoch seine Prüfungen ab und absolvierte eine Hochschule. Nun aber, da er ins Leben treten, einem Erwerb nachgehen sollte, brach eine fatale Erkrankung herein und verhinderte ihn daran. Nicht bloss sein Schuldgefühl bestand weiter, sondern es zwang ihn auch, öffentlich niederzuknieen und Gebete vor sich her zu sagen. Dabei wiegte er sich scheinbar in die Hoffnung, man werde in ihm einen aussergewöhnlich religiösen Menschen sehen, ohne ihn für einen Narren zu halten. Durch diese Annahme gestattete er sich die Prostration.

Die Krankheit schien verschwunden, als man ihm nahelegte, ein anderes Fach zu ergreifen. Er ging in eine andere Stadt. Dort warf er sich in der Marienkapelle nach längeren Vorbereitungen angesichts einer grossen Menschenmenge zu Boden, stiess heftige Anklagen gegen sich aus und bekannte vor dem ganzen Volke seine Schuld. Er wurde interniert, dann vom Vater übernommen.

Nach einer Besserung begann er sein neues Fach zu studieren. Eines Tages war er plötzlich verschwunden. Man fand ihn in einer Irrenanstalt, in die er geflüchtet war, um dort erst seine Heilung abzuwarten. Dort, von allen Erprobungen enthoben, besserte sich sein Zustand. Die Selbstbeschuldigungsideen traten immer mehr zurück, waren eigentlich ganz belangloser Natur, schlossen wohl noch immer mit dem Imperativ niederzuknieen und zu beten; er war aber imstande Widerstand zu leisten. Der Arzt riet ihm, nach Hause zu fahren und sich irgendwie zu betätigen.

An demselben Tage erschien er plötzlich splitternackt im gemeinsamen Speisezimmer.

Nach längerer Zeit verliess er die Anstalt in gebessertem Zustande und setzte seine Studien fort. Jedesmal aber, sobald er vor irgend einer selbstgestellten oder ihm vorgelegten Aufgabe stand, flüchtete er in die Irrenanstalt, um dort längere Zeit zu verweilen. Er galt als guter Kenner in seinem Fache, war also kein passiver Mensch, sondern ziemlich weit den anderen voraus. Er selbst aber stand ganz unter dem Eindruck seiner Unfähigkeit. Das höchste Ziel seines Ehrgeizes war, mehr zu sein als die anderen, vor allem mehr als der ältere Bruder. Sein Leiden gestattete ihm, sich einigermassen befriedigt zu fühlen, weil er so ungemein viel in der Reserve hatte. Er konnte immer durchdrungen sein von dem Gedanken, was er alles geleistet hätte, wenn nicht diese fatale Neurose über ihn hereingebrochen wäre, die ihm soviel Zeit gekostet, ihm soviel Mühe und Kummer gemacht habe. Folglich: verlockte ihn sein zitternder Ehrgeiz in die rettende Krankheit, wie bei andern in ähnlicher Lage ein Narkotikum gesucht wird, etwa im Alkoholismus oder Morphinismus, gelegentlich auch in der Politik.

Es ist unmöglich, rein intellektuell ein solches Leben aufzubauen. Er verwendete alle seine Fähigkeiten und Gefühle zum Arrangement des Leidens.

Seinen engeren Kreis nur wollte er jetzt mehr überragen. Dies lässt sich auch aus der Art seines Zwangsgedankens entnehmen. „Ich bin ja besser als die andern, ich fühle mich bereits da als schuldig, wo die anderen nichts besonderes empfinden können. Ich bin frömmer, tugendhafter, gewissenhafter als alle anderen zusammen, meinen Vater mitinbegriffen“.

So wollte er im beschränkten Kreise der erste sein, nicht in der Gesellschaft, nicht auf geradlinigem Wege, nicht mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft. Es genügte ihm sein eigenes Vorurteil und der Schein der Überlegenheit.

Die Tendenz zur Überlegenheit findet sich bei allen Neurosen. Sie ist auch das treibende Element bei der Zwangsneurose. Man wird es in keinem Falle vermissen. Doch eignet sich das Symptom der Zwangserscheinung nur für solche zur Neurose disponierte Menschen, deren Lebenslinie näher an die Forderungen der Gemeinschaft hinanreicht. Der Ausbruch der Zwangsneurose verhindert dann wie eine Revolte die völlige Hingabe an diese Forderungen.

Zusammenfassung.

In einer Stimmung von ängstlicher, peinlicher, quälender Natur taucht als „imperative Eingebung“ die Zwangsidee, das Zwangssprechen, die Zwangshandlung auf. Die Häufigkeit dieser Neurose ist bekannt, ist aber grösser als derzeit angenommen wird, wenn der nervöse Zwang als Symptomenbild der Neurose verstanden wird und nicht durch einen ungerechtfertigten Einteilungsmodus verkürzt erscheint. Als Beitrag aus der Literatur kann die schöne biographische Schilderung aus dem Leben des in Melancholie verstorbenen, verschollenen Romantikers Sonnenberg gelten, ferner Vischer's „Auch Einer“ und die Figur „Schmelzle's“ von Jean Paul. Enuresis, Zwangshungern und sexuelle Perversionen gehören unbedingt in diese Gruppe.

Die allgemeine Behauptung der Autoren, dass das wesentliche Merkmal der Zwangsneurose in der Empfindung des Unsinnigen, aber Unabwendbaren beim Patienten bestehe, trifft gelegentlich nicht zu. Zuweilen betont der Patient entgegen seiner sonstigen Haltung das Zweckmässige und seiner Natur Entsprechende im Zwang. Die Bedeutung dieser Betonung von der Unsinnigkeit des Phänomens liegt aber nicht dort, wo die Autoren sie suchen, im Beweis von der uneingeschränkten Intelligenz des Patienten, sondern in der dadurch erworbenen Krankheitslegitimation, in der Unterstreichung des trotz aller Mühe Unentrinnbaren und in der Feststellung einer grossen Qual und einer Mehrbelastung, die zu einer teilweisen oder völligen Enthebung von den allgemeinen Pflichten den Grund abgeben muss.

Die Grenzen zum neurasthenischen, hysterischen und angstneurotischen Symptomenkomplex sind oft verschwommen; Alkoholismus, Morphinismus etc. sind nahe verwandt, impulsives Irresein, Triebhandlungen, zwangsmässige Selbstbeschuldigungen, gewisse Stereotypien und Verstimmungen psychotischer Natur zeigen eine ähnliche psychologische Struktur. Erscheinungen des normalen Seelenlebens leiten uns zum brauchbaren Untergrund des Zwangsphänomens, gewisse Formen von Gewohnheiten übertriebene Prinzipien, Missbrauch der Wahrheit und der Moral sind psychologisch von ähnlicher Struktur. Eng ist der Zusammenhang mit der Stimmungslage des Zweifels, der gleichfalls das Vorwärtsschreiten hindert.

Die individualpsychologische Klarstellung eines Falles von Zwangsneurose ergibt die unbewusste Absicht des Patienten, sich durch den krankhaften Zwang vom Zwang der gesellschaftlich notwendigen Forderungen zu entlasten oder zu befreien, einen sekundären Kriegsschauplatz zu errichten, um dem Hauptkampfplatz des Lebens entweichen zu können und die Zeit zu vertrödeln, die ihn sonst zur Erfüllung seiner individuellen Aufgaben zieht.

Als einzig entscheidende Probe auf die Richtigkeit der psychologischen Klarstellung des Falles kann nur gelten, wenn es sich erweist, dass der Patient auch mit andern Mitteln als mit dem der Zwangsneurose, also ganz abgesehen von seinen krankhaften Erscheinungen, unter Vorwänden, Ausflüchten, Ausreden und unter scheinbar guten Gründen den Forderungen seines Lebens zu entfliehen trachtet oder zum mindesten die Verantwortung für die Entscheidungen über seine Leistungen zu mildern versucht.

Die Behandlung besteht in dieser Aufklärung des Sachverhaltes, in der Beseitigung von irrtümlichen Anschauungen aus der Kindheit, in einer offenen Wundbehandlung des übertriebenen Ehrgeizes, der Eigenliebe und der überängstlichen Tendenz des Patienten sich zu isolieren.


Fuente: Alfred Adler, «Die Zwangsneurose. (Vortrag, gehalten im März 1918 in der „Gesellschaft der Ärzte“ in Zürich.)», en Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XV, págs. 136-143 (con «Zusammenfassung», págs. 142-143); no se ha identificado una publicación anterior de la conferencia. Transcripción tomada del ejemplar digitalizado por Google y publicado en archive.org (identificador praxisundtheori00adlegoog; fichero local 1920/1920_Praxis-und-Theorie-der-Individualpsychologie__archive.pdf, págs. 149-156 del PDF). El OCR de ese ejemplar es deficiente y la copia con mejor OCR que señala el inventario (archive.org, bub_gb_oZ4MAAAAIAAJ) no está disponible localmente: el texto se ha transcrito de nuevo de las imágenes (OCR propio con Tesseract a 300 ppp, revisado página a página sobre la imagen y cotejado con el OCR de archive.org). Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión). Se conservan las grafías de la impresión: «igentlich», «zusprechen wollte. sein Symptom» (punto por coma), «Gebetzwang» junto a «Gebetszwanges», «sein Lebenlang», «Vischer's», «Schmelzle's», «Flaez» (por Flätz, en el título de Jean Paul, Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz), «gewisse Formen von Gewohnheiten übertriebene Prinzipien» (sin coma). Las cursivas reproducen el espaciado (Sperrsatz) del original. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.