Myelodysplasie oder Organminderwertigkeit?
Von Dr. ALFRED ADLER, Wien.
In einer „Studie über Minderwertigkeit von Organen“1 habe ich im Anhang an einem einzelnen Organsystem, dem Harnapparat, zeigen können, daß allen pathologischen Veränderungen, seien sie funktionell oder morphologisch, eine angeborene Minderwertigkeit im Organ und seinem nervösen Überbau zugrunde liegt. Diese Minderwertigkeit bleibt recht häufig im Zustande der Latenz und das erwachsende Defizit wird durch Kompensation gedeckt. Sehr oft wird die Minderwertigkeit an einer Stelle des Systems manifest und beherrscht das Krankheitsbild.
Als die deutlichsten Manifestationen beschrieb ich Krankheitsheredität und familiäres Auftreten, Kinderfehler, Degenerationszeichen und Reflexanomalien, und ging am Schlusse daran, von einem der Minderwertigkeitszeichen aus, der Enuresis, die anderen als mit ihr verbunden nachzuweisen. In meiner damaligen Kasuistik von 50 Fällen, die sich seither bedeutend vermehrt hat, konnte ich die Geschlossenheit der Organminderwertigkeitszeichen klarlegen. Einen breiten Raum nahm dabei die Aufdeckung der segmental angeordneten Minderwertigkeit ein, die im Falle der Enuresis vor allem angeborene Anomalien der unteren Extremitäten betrifft, und die Anordnung von Naevis, Neurofibromen und Angiomen in der befallenen Gegend.
Der hervorspringende Gesichtspunkt war der, den Begriff der Disposition zu ersetzen durch die Feststellung von hypoplastischen und dysplastischen Anlagen der Organe und ihres nervösen Überbaues, und diesen Tatbestand durch den klinischen Nachweis der oben erwähnten Minderwertigkeitszeichen festzustellen.
Da meine Arbeit sich auf Anomalien und Erkrankungen des ganzen Organismus bezog, so mußten meine Schlüsse, die ich als Organminderwertigkeitslehre zusammenfaßte und für alle Organsysteme zu beweisen trachtete, wohl in erster Linie eine prinzipielle Geltung beanspruchen. Immer wieder aber wurde darauf hingewiesen, daß sich die Organminderwertigkeit genetisch durchsetzt, das ganze Organ und seinen nervösen Überbau befällt, sich aber oft nur an einzelnen Stellen manifestiert. Ich verweise auf S. 17, 10, 22, 25, 30, 31, 47, 49, 53, 57, 60, 61: „Ja, es muß sogar hervorgehoben werden, daß sich die bereits charakterisierte Gleichzeitigkeit mehrfacher Organminderwertigkeit auch auf einzelne Anteile, Nervenbahnen des Zentralnervensystems erstreckt und daß sehr häufig der Wertigkeit jedes Organs eine von Natur aus proportionale Wertigkeit derjenigen Nervenbahnen entspricht, die mit dem zugehörigen Organ in Verbindung stehen, von ihm ihre Erregungen beziehen und ihre Impulse zu ihm leiten.“ Ferner auf den Anhang S. 75 (Zur Minderwertigkeit des Harnapparats — Schicksale der Enuretiker und ihres Stammbaumes): „An dieser Stelle muß ich mich darauf beschränken, die Zentrierung der Minderwertigkeitserscheinungen des Harnapparats durch die Enuresis durchzuführen, die gleichzeitige Minderwertigkeit des Zentralnervensystems und des Sexualapparats hervorzuheben und dieses durch Fälle zu belegen.“ Ebenso S. 78: „Dem mangelhaft dem Milieu gehorchenden Organ (der Blase) ist ein ursprünglich minderwertiger psychomotorischer Überbau übergeordnet ...“ Dies und der ganze Sinn und Zweck meiner „Studie“ sollen dem Nachweis gelten, daß sich die Minderwertigkeit morphologisch oder funktionell (s. S. 5—17) an einer Stelle des Organsystems manifestieren könne und so die angeborene Dysplasie oder Hypoplasie des Organsystems und seines „nervösen Überbaues“ verrate.
Alfred Fuchs hat in einer Arbeit über „Myelodysplasie“ (Wiener Med. Wochenschr. Nr. 37 und 38, 1909) die Ansicht ausgesprochen, „daß wir einzelne, vielleicht sogar viele Krankheitsbilder, welche bisher als funktionelle Neurosen angesehen wurden, mit größter Wahrscheinlichkeit auf eine kongenitale Hypoplasie oder Dysplasie der unteren Rückenmarksabschnitte zurückführen können ...“ Diese Arbeit, die im ganzen die gleichen Beziehungen schildert und zu ähnlichen Schlußfolgerungen gelangt, wie sie von mir behauptet und in weiterem Umfange an einem größeren Material nachgewiesen wurden, faßt sechs Punkte zum Symptomenkomplex der Myelodysplasie zusammen, als da sind:
Sphincterenschwäche, speziell Enuresis nocturna der Erwachsenen.
Syndaktylie, bei deren Besprechung noch einige Symptome Erwähnung finden: kongenitale Pigmentationen in mechanischer Anordnung vom 6. Dorsalwirbelfortsatze bis zur Mitte des Kreuzbeines reichend, Hypertrichosis lumbalis und Pes planus.
Sensibilitätsstörungen.
Defektbildungen der unteren Abschnitte der Wirbelsäule und des Kreuzbeines, rudimentäre Entwicklung einer Spina bifida occulta, vermutungsweise noch Überzähligkeit von Kreuzbeinwirbeln, Formveränderungen der unteren Lendenwirbel u. a.
Reflexanomalien.
Deformitäten des Fußgerüstes, trophische und vasomotorische Störungen an den Zehen.
Ad 1. Was die Enuresis anlangt, habe ich diese sowie eine Reihe anderer Kinderfehler in meiner „Studie“ als hervorragendes Merkmal des minderwertigen zugehörigen Systems in einem besonderen Abschnitt (II. Anamnestische Hinweise) abgehandelt und bin zu dem Schlusse gelangt, „daß ein Kinderfehler in der Heredität, bei Eltern, Kindern, Geschwistern des Erkrankten als Verdachtsmoment für die Minderwertigkeit des dem Kinderfehler entsprechenden Organs anzusehen ist“. Da Fuchs die Enuresis der Erwachsenen der des kindlichen Alters bezüglich ihrer Beweiskraft gleichsetzt, bin ich der Aufgabe enthoben, die Identität unserer Behauptungen in diesem Punkte nachzuweisen. Daß meine Schlüsse weitergehend sind, kommt weniger in Betracht. So der Hinweis, daß auch andere Teile des Systems, nicht bloß die zugehörigen Nervenbahnen, Zeichen und Folgen der Minderwertigkeit aufweisen können. In einer Arbeit über Nephrolithiasis2 konnte ich den Zusammenhang mit Enuresis nachweisen und so eine der Behauptungen meiner „Studie“ rechtfertigen, daß einer großen Anzahl von Affektionen des Harnapparats eine angeborene Minderwertigkeit des Systems zugrunde liegt, die sich durch die Enuresis verrät. Allerdings auch durch andere Minderwertigkeitszeichen, wie Anomalien der Lendenwirbelsäule, was späterhin durch die Befunde Jehles und anderer Autoren für die „lordotische Albuminurie“ sichergestellt wurde, eine Affektion, bei der immer deutlicher die anamnestische Enuresis betont wird. Den von mir angegebenen Zusammenhang der Enuresis und anderen gleichgeachteten Minderwertigkeitszeichen mit Tabes konnte ich seither in einigen weiteren Fällen bestätigt finden, und habe bereits früher in diesem Sinne auf Beobachtungen H. Schlesingers (Kombination von Nephrolithiasis mit Syringomyelie und Tabes) sowie Israels (Dystopie der Nieren und Hydrocephalus) hingewiesen.
Und es erhebt sich die Frage: Ist die Myelodysplasie, wie Fuchs meint, wirklich „ein ätiologisches Moment“, kann die Enuresis in der Tat „mit größter Wahrscheinlichkeit auf eine kongenitale Hypoplasie oder Dysplasie der unteren Rückenmarksabschnitte“ zurückgeführt werden, oder ist sie nicht vielmehr, wie ich zuerst hervorgehoben habe, die fehlerhafte embryonale Arbeitsweise eines im ganzen minderwertigen Harnapparats und seines nervösen Überbaues? Da diese Frage die einzige wesentliche Abweichung von meiner Anschauung enthält, bin ich verpflichtet, im Folgenden auf sie kurz einzugehen, obgleich sich in meinen früheren Arbeiten die hauptsächlichsten Erörterungen bereits vorfinden. In erster Linie spricht gegen die Abhängigkeit der therapeutische Effekt durch psychische Beeinflussung3, ein Erfolg, den auch Fuchs beobachtet hat, ferner der bei aller Gleichmäßigkeit variable Verlauf der Affektion, bei der ungemein häufig Übergänge in Pollakiurie, Dysurie, aber auch in größere Retentionsfähigkeit durch Überkompensation4 zustande kommen, Anomalien der Harnentleerung, die auf psychische Ursachen hin einander ablösen können. Auch müßte man das prägnante Bild der so ungemein häufigen Enuresis auf eine jedesmal in gleichem Sinne wirkende Anomalie des unteren Rückenmarksegments beziehen, wollte man der Hypothese Fuchs’ gerecht werden, eine Annahme, die schon an der Tatsache scheitert, daß die Enuresis selbst bei Hydromyelie durchaus nicht als regelmäßiger Befund nachzuweisen ist; daß sie durch die verschiedenartigsten abortiven Anomalien, die ich und Fuchs supponieren, fast regelmäßig verursacht werden sollte, ist demnach eine grundlose Annahme. Vielmehr ist die Anschauung der Minderwertigkeitslehre gerechtfertigt, daß die Enuresis, das Steckenbleiben der Funktion im embryonalen Typus, die Minderwertigkeit des Organsystems verrät, zu der sich noch andere morphologische Minderwertigkeitszeichen gesellen können, und zwar im Organ, in den an- und abführenden Nervenbahnen sowie im zentralen Überbau.
Jede dieser weiteren Anomalien kann unter Umständen ätiologisch wirksam werden und Symptome schaffen, aber nicht den enuretischen Komplex hervorrufen. „Die organischen Nervenerkrankungen aber sind nach unseren Voraussetzungen nur Spezialfälle, bei denen die lokalisierte Minderwertigkeit zu entzündlichen oder degenerativen Veränderungen“ gelangt (s. Studie S. 69).
Ad 2. Was den Befund der Syndaktylie anlangt, so kann ich in ihm, fast so wie Fuchs, bloß die Hervorhebung eines der vielen peripheren Degenerationszeichen erblicken, aus denen sich die Minderwertigkeit der unteren Extremitäten und ihres nervösen Überbaus erschließen läßt. Ihren Zusammenhang mit der Minderwertigkeit des Harnapparats (ebenso des Sexual- und Stuhlapparats) habe ich in meiner „Studie“ hervorgehoben und durch die Beteiligung benachbarter Segmente erklärt. Im dritten Kapitel der „Studie“ habe ich eine Anschauung vertreten, nach welcher die peripheren Degenerationszeichen in gleicher Weise wie Kinderfehler die Minderwertigkeit des zugehörigen Organs und seines Überbaues verraten. „Wenn von dieser embryonalen Hemmung (sc. im Organsystem) eine Spur bis an die äußeren Körpergrenzen reicht und sich so dem Auge des Forschers verrät, so geschieht dies in Gestalt der allgemein bekannten Degenerationszeichen.“ Besteht nun das Verdienst Fuchs’ darin, eines dieser Degenerationszeichen, die Syndaktylie, nach Fuchs’ Darlegungen sicher eines der häufigsten, gefunden zu haben, so darf in diesem Falle doch nur von einer Koordination, wie auch ad 1 hervorgehoben wurde, von einer „Koinzidenz“, keineswegs aber, wie Fuchs zusammenfassend hervorhebt, von der Syndaktylie als einem „Symptom“ der Myelodysplasie gesprochen werden. Gilt aber die Koinzidenz, dann hat Fuchs meine Anschauungen über Degenerationszeichen und Stigmen als periphere Zeichen der Minderwertigkeit des zugehörigen Organs zu den seinen gemacht und sie durch Aufdeckung der Rolle der Syndaktylie wesentlich gekräftigt.
Degenerationszeichen an den unteren Extremitäten im Zusammenhang mit Enuresis habe ich selbst hervorgehoben, wie ich zum Schlusse noch kurz anführen will.
Einen breiten Raum nimmt in meiner „Studie“ eine Anschauung über die Bedeutung des Naevus und einiger Gefäßanomalien als Zeichen einer segmental zugehörigen Organminderwertigkeit ein (S. 40).
Diese „Naevustheorie“ behauptet, daß eine Anzahl von äußeren Stigmen, wie Naevi, Angiome, Teleangiektasien und Neurofibrome, „Beziehungen zeigen zu den ihnen segmental zugehörigen inneren Organen, so daß ihre Anwesenheit eine Minderwertigkeit des Segments, eine ‚segmentale Insuffizienz‘ anzeigt“. Und dies wieder nicht im Sinne Fuchs’, als ob der Naevus von der Rückenmarksanomalie abhängig wäre, sondern als peripheres koordiniertes Minderwertigkeitszeichen.
Daß diese Stigmen sich so oft im Umkreis minderwertiger oder erkrankter Organe, zuweilen längs des Segments verschoben, vorfinden, konnte ich an einem großen Material beobachten. Daß diese Beziehungen auch für die Minderwertigkeit des Harnapparats gelten, habe ich an einer größeren Anzahl von Fällen feststellen können. Nach mir hat Robert Franke5 auf diese Zeichen bei Lungentuberkulose hingewiesen, hat ihnen aber eine andere Deutung gegeben. Josef Urbach6 erwähnt in einer Arbeit über tabische Knochen- und Gelenkserkrankung die „Naevustheorie“, schließt sich meiner Auffassung an und folgert aus dem Befunde von Minderwertigkeitszeichen (Naevi am Rücken und Bauch, Genua vara, Venenektasien) die Prädisposition zur tabischen Arthropathie. An einem großen orthopädischen Material hat Siegmund Steiner seit längerer Zeit Nachprüfungen angestellt und meine Behauptungen bestätigt gefunden, daß die meisten Anomalien der Wirbelsäule den Naevus nachweisen lassen, was sicher für die angeborene Minderwertigkeit der Wirbelsäule in Fällen von Verkrümmungen spricht.
Andere Minderwertigkeitszeichen des enuretischen Komplexes, wie Anomalien der Wirbelsäule, Pes planus, Lordose, Hypertrichosis, Andeutungen von Spina bifida, habe ich gekannt und erwähnt. Die Häufigkeit des erweiterten Hiatus sacralis und seinen röntgenologischen Nachweis sehe ich als einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis von den Minderwertigkeitszeichen an. Auch in diesem Falle ist die Koinzidenz nicht zu bezweifeln, die Abhängigkeit zu verwerfen. Man könnte mit dem gleichen Recht die „Myelodysplasie“ ein Symptom des Naevus nennen als umgekehrt.
Ad 3. Sensibilitätsstörungen bei Organminderwertigkeit habe ich kaum gestreift. Ein Hinweis auf den Zusammenhang mit den Head’schen Zonen, der Versuch, die Meralgia paraesthetica mit der Minderwertigkeit des Harnapparats in Zusammenhang zu bringen (Pals frühere Befunde über Koinzidenz der Meralgia paraesthetica mit Pes planus ermöglichen eine stärkere Einbeziehung dieser Affektion in unser Thema dies ist das Wenige, das ich als meine bisherigen diesbezüglichen Kenntnisse aufweisen kann. Die Beschreibung der „Gefühlsstumpfheit“ an den unteren Extremitäten, deren engere Einbeziehung in den enuretischen Komplex nach den Darlegungen Fuchs’ nötig ist, bedeutet sicherlich eine namhafte Erweiterung unseres Verständnisses auf dem strittigen Gebiete. Sie als „organisch-spinales Symptom“ aufzufassen, gebietet bloß der Standpunkt des Autors. Sie kann ebenso gut der Ausdruck cerebraler als peripherer Minderwertigkeit sein und sich als qualitative oder analog den Knochen- und Hautanomalien als morphologische Varietät darstellen. Das Resultat solcher Sensibilitätsprüfungen wird stets auch abhängen vom Training des Gehirns, ebenso auch der Verlauf des Kinderfehlers wie der Enuresis. Immer liegt die letzte Entscheidung in der Kompensation durch das Gehirn, und stets ist die Annahme gerechtfertigt, daß allen Minderwertigkeitserscheinungen, also auch der Enuresis koordiniert eine Gehirnminderwertigkeit besteht. Bei Erörterung der Minderwertigkeit von Sinnesorganen habe ich in der „Studie“ gezeigt, daß sie sich durch Ausfall partieller Wahrnehmungen, durch „dissoziierte Empfindungshemmungen“, recht häufig auch durch gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeiten verraten: letztere ist als Kompensationstendenz aufzufassen, aus der zuweilen eine Überkompensation, eventuell künstlerische Fähigkeiten ihren Ursprung nehmen7. Diese Klarstellungen lassen die direkte Abhängigkeit auch der Sensibilitätsstörungen von der Myelodysplasie für die größere Anzahl der Fälle als zweifelhaft erscheinen und rechtfertigen den Versuch, auch dieses „Symptom“ als koordiniert den anderen anzureihen und es in eine Linie zu stellen mit toxischen und neurotischen sowie den ausgebreiteten Hypästhesien bei „Moral insanity“.
Ad 4. Offenbleiben des Canalis sacralis etc. — ich habe in der Studie „Andeutungen von Spina bifida“ gesagt — stellen wohl den Kernpunkt von Fuchs’ Darlegungen vor. In meiner Arbeit ordnen sie sich den segmentalen Minderwertigkeitszeichen ein und behalten (s. ad 2) ihre Gleichberechtigung und ihre Unabhängigkeit von der Minderwertigkeit des Rückenmarkes. Haltungsanomalien der Lendenwirbelsäule sind in den einschlägigen Fällen häufig zu beobachten, gelegentlich auch bei Affektionen der Niere, wie Nephrolithiasis. In der Geschichte der Medizin müßte man bis auf Gall zurückgreifen, um dem Ursprung des Gedankens von Koinzidenz der Wirbelsäulentektonik und der Rückenmarkswertigkeit gerecht zu werden. Die Beobachtung von Fuchs über die Häufigkeit der Hiatusanomalie bedeutet also, wenn auch nicht in seinem Sinne, eine Bereicherung der Minderwertigkeitszeichen.
Ad 5. Im IV. Kapitel der „Studie“ („Reflexanomalien als Minderwertigkeitszeichen“) gelangte ich zu dem Schlusse (S. 44), daß sich die Ausfallserscheinungen bei Minderwertigkeit eines Organsystems darstellen „als motorische Insuffizienz, als mangelhafte Produktion zugehöriger Drüsensekrete und vor allem als dürftigere Ausbildung oder Fehlen von Reflexaktionen aller Art, aber auch als deren Gegenteil, als motorische Überleistung, als Hypersekretion und als Steigerung der Reflexe8. Noch einmal möchte ich an dieser Stelle auf den Zusammenhang der mangelhaften Reflextechnik des minderwertigen Organs und seines Kinderfehlers (Enuresis, Blinzeln, Stottern, Erbrechen etc.) hinweisen. Mit der Enuresis im Zusammenhange stehen Sphinkterkrampf und „weiter Sphinkter“ (mangelhafter Reflex) sowie das nicht seltene Freud’sche Adduktorenphänomen, eine partielle Myotonie. Der Ausfall der erworbenen Reflextechnik hängt in gleicher Weise vom Ausbau der peripheren, der Rückenmarks- und Hirnbahnen, ab. Toxische Einflüsse (der Schilddrüse, der Epithelkörperchen) als Beigaben einer mehrfachen Minderwertigkeit sind ebenso wenig von der Hand zu weisen wie symmetrische oder unsymmetrische Kompensationen im Rückenmark und Gehirn. Morphologische Veränderungen wären als ursprünglich koordinierte Stigmen anzusehen, die unter Umständen „Symptome“ erzeugen können. Sonst überwiegt in den Reflexanomalien der embryonale Charakter, wie ich bezüglich der Veränderungen des Gaumenreflexes bei entsprechender Organminderwertigkeit nachzuweisen versucht habe.
Ad 6. Von Minderwertigkeitszeichen der unteren Extremitäten habe ich an Einzelheiten noch namhaft gemacht: unproportionierte Beine. Die Deformitäten, die Fuchs noch namentlich anführt, Pes planus, varus, valgus etc., sind wohl ebenso wenig als Rückenmarkssymptome“ in Anschlag zu bringen wie die oben erwähnten Minderwertigkeiten.
Die Ausführungen in meiner „Studie“, die ich in der Zusammenfassung des enuretischen Komplexes vorgetragen habe, will ich, um ihre Identität mit den Befunden Fuchs’, aber auch ihre Differenz hervorzuheben, in einem kleinen Bruchstück wörtlich folgen lassen. Sie lauten (S. 76): „Der segmentalen Minderwertigkeit bei Enuretikern muß ich großes Gewicht beilegen. Nicht so sehr den Hautanomalien, die sich als Naevi oder Neurofibrome in der Höhe der Niere, in der Blasengegend oder in der Schenkelbeuge oft vorfinden, sondern einer Minderwertigkeit, die oft den ganzen hinteren Rumpfabschnitt betrifft und sich als primäre Schwäche in der Harn-, Stuhl- und Samenentleerung geltend macht, die oft überwunden, auch überkompensiert werden kann und offenbar mit einer Minderwertigkeit des Rückenmarkes von der Lendenwirbelsäule abwärts in Verbindung steht. Nicht selten sind in dieser Minderwertigkeit die unteren Extremitäten mit inbegriffen. Diese Relation ist wichtig für die Frage der Tabes, der Ischias, der Stuhlinkontinenz in Enuretikerfamilien. Die Wirbelsäule beteiligt sich daran auch mit Andeutung von Spina bifida oder Deformität, die unteren Extremitäten mit Deformität, unproportionierten Beinen oder Gelenkserkrankungen.“
Nebenbei erledigt Fuchs die „neurotische Theorie“ der Enuresis. Ich bin vor ihm diesen Weg gegangen und habe die organische Grundlage der Enuresis und anderer Kinderfehler ausreichend festgelegt. Meine Befunde haben mich aber weitergeführt, und ich war gezwungen, die gleichzeitige Minderwertigkeit des Gehirnes im Falle des Kinderfehlers in Betracht zu ziehen. Es ergab sich nun, daß die Kinderfehler „Signale sind, welche die noch nicht geglückte Bewältigung peripherer und zentraler Minderwertigkeit anzeigen“. In Verfolgung dieses Gedankens und meiner Befunde bei Neurotikern kam ich zur Behauptung, daß „alle Erscheinungen der Neurosen und Psychoneurosen zurückzuführen seien auf Organminderwertigkeiten, den Grad und die Art der nicht völlig gelungenen zentralen Kompensation und auf eintretende Kompensationsstörungen“. Ich bin also zur Entscheidung gelangt, daß die Enuresis in jedem Falle von einer Minderwertigkeit des Organs und seines nervösen Überbaues den Ausgang nimmt, daß aber die einsetzende Kompensationstendenz das minderwertige Hirn in einen „Zustand hoher psychischer Spannung“ versetzt, aus der die Disposition zur Neurose hervorgeht9. Daß diese Schlüsse bereits zur Geltung gelangen, zeigt mir unter anderem eine äußerst lesenswerte Arbeit von Otto Groß10, der von einem engeren Gesichtspunkt aus, unter Anschluß an eine Arbeit Antons zu dem Ergebnisse gelangt, „in der psychopathischen Konstitution den unmittelbaren Ausdruck einer Störung in den kompensatorischen Regulationen, und zwar eines Mißverhältnisses zwischen der kompensatorischen Inanspruchnahme des Gesamtgehirnes und seiner Befähigung zur kompensatorischen Mehrleistung“ zu erblicken.
Auch muß hier noch einmal hervorgehoben werden, daß die neurotischen Symptome mit Vorliebe im Gebiete des minderwertigen Organs und seines psychischen Überbaues ihr Spiel treiben11, daß sie die Kinderfehler wieder aufleben lassen oder an ihnen anknüpfen können, eine Annahme, die, soweit ich sehe, von der psychoanalytischen Schule geteilt wird. Dagegen war die von mir bekämpfte Einbeziehung der Enuresis in die Neurosen vorwiegend eine Leistung der Breslauer Schule. Von dieser kann aber nicht schlechterdings behauptet werden, daß sie einer gewissen spekulativen Richtung angehört.
Fuente: transcripción a partir de la Wiener Medizinische Wochenschrift 59 (1909), n.º 45 (6-11-1909), col. 2631-2636, digitalizada en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek); el OCR del portal se cotejó con las imágenes de las tres páginas (cifras y paginación de las citas, comprobadas en la imagen). Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios Sp. n marcan el comienzo de cada columna impresa (la revista numera columnas, no páginas); las notas a pie se dan como [^n]. Adler recogió el texto en Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920), cap. XXV.
Wien und Berlin, Urban und Schwarzenberg, 1907. ↩
Wiener klinische Wochenschrift Nr. 49, XX. ↩
So hat Paul Federn in einer großen Anzahl von Fällen die Enuresis durch Milieuwechsel zum Stillstande kommen gesehen. ↩
S. „Studie“ l. c. ↩
Münchener Med. Wochenschrift 1908. ↩
Wiener klin. Rundschau Nr. 31, 32. 1909. ↩
Als Beispiel mögen die Farbenblinden gelten, von denen einige, „die Daltonisten“, hervorragende Maler sind. Das wahrnehmbare Symptom, die Farbenblindheit, beruht auf peripherer Minderwertigkeit. Ähnliche periphere Stigmen lassen sich in den anderen Sinnesorganen nachweisen. ↩
Diese Stelle ist im Text durch den Druck nicht hervorgehoben. ↩
S. auch: Adler: Die Disposition zur Neurose. Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forsch. 1. Bd., 2. Hälfte. Leipzig und Wien, Deuticke, 1909. ↩
Über psychopathische Minderwertigkeiten. Wien und Leipzig, Braumüller, 1905. ↩
S. auch: Adler: Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. Fortschr. d. Med., Leipzig 1908. ↩