Traum und Traumdeutung1.
Von Dr. Alfred Adler.
(Vortrag, gehalten im September 1912.)
Ein uraltes Problem, das bis an die Völkerwiege zurückzuverfolgen ist. Narren und Weise haben sich daran versucht, Könige und Bettler wollten die Grenzen ihres Welterkennens durch Traumdeutung erweitern. Wie entsteht ein Traum? Was ist seine Leistung? Wie kann man seine Hieroglyphen lesen?
Ägypter, Chaldäer, Juden, Griechen, Römer und Germanen lauschten der Runensprache des Traumes, in ihren Mythen und Dichtwerken sind vielfach die Spuren ihres angestrengten Suchens nach einem Verständnis des Traumes, nach seiner Deutung eingegraben. Immer wieder wie eine bannende Gewalt scheint es auf allen Gehirnen zu liegen: der Traum kann die Zukunft enthüllen! Die berühmten Traumdeutungen der Bibel, des Talmud, Herodots, Artemidorus, Ciceros, des Nibelungenliedes drücken mit unzweifelhafter Sicherheit die Überzeugung aus: der Traum ist ein Blick in die Zukunft! Und alles Sinnen geht den Weg, wie man es wohl anfinge, den Traum richtig zu deuten, um Zukünftiges zu erspähen. Selbst bis auf den heutigen Tag wird der Gedanke, Unwissbares erfahren zu wollen, regelmässig mit dem Nachdenken über einen Traum in Verbindung gebracht. Dass unsere rationalistisch denkende Zeit äusserlich ein solches Streben verwarf, die Zukunft entschleiern zu wollen, es verlachte, ist nur zu begreiflich, machte es auch aus, dass die Beschäftigung mit den Fragen des Traumes den Forscher leicht mit dem Fluch der Lächerlichkeit behaften konnte.
Nun soll vor allem, um den Kampfplatz abzustecken, hervorgehoben werden, dass der Autor keineswegs auf dem Standpunkt steht, der Traum sei eine prophetische Eingebung und könne die Zukunft oder sonst Unwissbares erschliessen. Vielmehr lehrt ihn seine umfängliche Beschäftigung mit Träumen nur das eine, dass auch der Traum, wie jede andere Erscheinung des Seelenlebens mit den gegebenen Kräften des Individuums zustande gebracht wird. Aber im gleichen Augenblick taucht da eine Frage auf, die uns darüber belehrt, dass die Perspektive auf die Möglichkeit prophetischer Träume gar nicht einfach zu stellen war, dass sie vielmehr verwirrend als klärend zu wirken imstande ist. Und diese Frage lautet in ihrer ganzen Schwierigkeit: Ist es denn für den menschlichen Geist wirklich ausgeschlossen, in einer bestimmten Begrenztheit in die Zukunft zu blicken?
Unbefangene Beobachtung gibt uns da sonderbare Lehren. Stellt man diese Frage unverblümt, so wird der Mensch sie in der Regel verneinen. Aber kümmern wir uns einmal nicht um Worte und Gedanken, die sich sprachlich äussern. Fragen wir die anderen körperlichen Teile, rufen wir seine Bewegungen, seine Haltung, seine Handlungen an, dann erhalten wir einen ganz anderen Eindruck. Obwohl wir es ablehnen, in die Zukunft blicken zu können, ist unsere ganze Lebensführung derart, dass sie uns verrät, wie wir mit Sicherheit zukünftige Tatsachen vorauswissen wollen. Unser Handeln weist deutlich darauf hin, dass wir — right or wrong — unser Wissen von der Zukunft festhalten. Noch mehr! Es lässt sich leicht beweisen, dass wir nicht einmal handeln könnten, wenn nicht die zukünftige Gestaltung der Dinge — von uns gewollt oder gefürchtet — in uns die Richtung und den Ansporn, die Ausweichung und das Hindernis gäbe. Wir handeln ununterbrochen so, als ob wir die Zukunft sicher vorauswüssten, obwohl wir verstehen, dass wir nichts wissen können.
Gehen wir von den Kleinigkeiten des Lebens aus. Wenn ich mir etwas anschaffe, habe ich das Vorgefühl, den Vorgeschmack, die Vorfreude. Oft ist es nur dieser feste Glaube an eine vorausempfundene Situation mit ihren Annehmlichkeiten oder Leiden, der mich handeln oder stocken lässt. Dass ich mich irren kann, darf mich nicht behindern. Oder ich lasse mich abhalten, um im erwachenden Zweifel2 zwei mögliche künftige Situationen vorauszuerwägen, ohne zur Entscheidung zu kommen. Wenn ich heute zu Bette gehe, weiss ich nicht, dass es morgen Tag sein wird, wenn ich erwache, — aber ich richte mich danach.
Weiss ich es denn wirklich? So etwa, wie ich weiss, dass ich jetzt vor Ihnen stehe und rede? Nein, es ist ein ganz anderes Wissen, in meinem bewussten Denken ist es nicht zu finden, aber in meiner körperlichen Haltung, in meinen Anordnungen sind seine Spuren deutlich eingegraben. Der russische Forscher Pawlow konnte zeigen, dass Tiere, wenn sie eine bestimmte Speise erwarten, im Magen beispielsweise die entsprechenden, zur Verdauung nötigen Stoffe ausscheiden, als ob der Magen vorauswüsste, welche Speise er empfangen wird. Das heisst aber, dass unser Körper in gleicher Weise mit einer Art Kenntnis der Zukunft rechnen muss, wenn er genügen, handeln will, dass er Vorbereitungen trifft, als ob er die Zukunft vorauswüsste. Auch in letzterem Falle ist diese Berechnung der Zukunft dem bewussten Wissen fremd. Aber überlegen wir einmal! Kämen wir denn zum Handeln, wenn wir mit unserem Bewusstsein die Zukunft erfassen sollten? Wäre nicht die Überlegung, die Kritik, ein fortwährendes Erwägen des Für und Wider ein unüberwindlicher Hemmschuh für das, was wir eigentlich nötig haben, das Handeln? Folglich muss unser vermeintliches Wissen von der Zukunft im Unbewussten gehalten werden. Es gibt einen Zustand krankhafter Seelenverfassung, — er ist weit verbreitet und kann sich in den verschiedensten Graden darstellen —, die Zweifelsucht, der Grübelzwang, folie de doute, — wo tatsächlich die innere Not den Patienten antreibt, in allem den einzig richtigen Weg zur Sicherung seiner Grösse, seines Persönlichkeitsgefühles zu suchen. Die peinliche Untersuchung des eigenen zukünftigen Schicksales hebt dessen Unsicherheit so weit hervor, das Vorausdenken wird so weit bewusst, dass ein Rückschlag erfolgt: die Unmöglichkeit, die Zukunft bewusst und sicher zu erfassen, erfüllt den Patienten mit Unsicherheit und Zweifel und jede seiner Handlungen wird gestört durch eine andersgerichtete Erwägung. — Den Gegensatz bildet der ausbrechende Grössenwahn, wo ein heimliches, sonst unbewusstes Ziel der Zukunft machtvoll hervorsticht und die Realität vergewaltigt.
Dass das bewusste Denken im Traume eine geringere Rolle spielt, bedarf keines Erweises. Ebenso schweigt die Kritik der nunmehr schlafenden Sinnesorgane. Wäre es undenkbar, dass nun die Erwartungen, Wünsche, Befürchtungen, die sich an die gegenwärtige Situation des Träumenden knüpfen, unverhüllter im Traume zutage treten?
Ein Patient, der an schwerer Tabes erkrankt war, dessen Bewegungsfähigkeit und Sensibilität stark eingeschränkt war, der ferner durch die Krankheit blind und taub geworden war, war ins Krankenhaus gebracht worden. Da es keine Möglichkeit gab, sich mit ihm zu verständigen, muss seine Situation wohl eine höchst sonderbare gewesen sein. Als ich ihn sah, schrie er unaufhörlich nach Bier und belegte irgend eine Anna mit unflätigen Schimpfworten. Sein unmittelbares Streben sowie die Art der Durchsetzung desselben war ziemlich ungebrochen. Denkt man sich aber eines der Sinnesorgane funktionierend, so ist es klar, dass nicht bloss seine Äusserungen, sondern auch seine Gedankengänge ganz anders verlaufen wären. Der Ausfall der Funktion der abtastenden Sinnesorgane im Schlafe macht sich demnach in mehrfacher Richtung geltend: in einer Verrückung des Schauplatzes vor allem, ferner auch in einem hemmungsloseren Hervortreten des Zieles. Letzteres führt mit Notwendigkeit dem wachen Leben gegenüber zu Verstärkungen und Unterstreichungen des Wollens, zu analogischen, aber schärferen Ausprägungen und Übertreibungen, die allerdings wieder infolge der Vorsicht des Träumers von Einschränkungen oder Hemmungen begleitet sein können. Auch Havelock Ellis („Die Welt der Träume“, Würzburg, Kabitzsch, 1911), der andere Erklärungsgründe anführt, hebt diesen Umstand hervor. — Von anderen Standpunkten aus kann man in obigem Falle, ebenso wie bei den Träumen verstehen, dass erst die Einfühlung in die reale Situation zur „Rationalisierung“ (Nietzsche) und zur „logischen Interpretation“ zwingt.
Immerhin ist die Richtung des Handelns, die vorbauende, voraussehende Funktion des Traumes immer deutlich erkennbar3; sie deutet die Vorbereitungen entsprechend der Lebenslinie des Träumers einer aktuellen Schwierigkeit gegenüber an, und lässt niemals die Sicherungsabsicht vermissen. Versuchen wir diese Linien an einem Beispiele zu verfolgen. Eine Patientin mit schwerer Platzangst, die an einer Hämoptoe erkrankt war, träumte, als sie im Bette lag und ihrem Beruf als Geschäftsfrau nicht nachgehen konnte:
„Ich trete ins Geschäft und sehe, wie die Mädchen Karten spielen.“
In allen meinen Fällen von Platzangst fand ich dieses Symptom als ein vorzüglich geeignetes Mittel, anderen, der Umgebung, den Verwandten, dem Ehegenossen, den Angestellten Pflichten aufzuerlegen, und ihnen wie ein Kaiser und Gott Gesetze zu geben. Unter anderem geschieht dies dadurch, dass die Abwesenheit oder Entfernung gewisser Personen durch Angstanfälle, aber auch durch Üblichkeit oder Erbrechen verhindert wird4. Mir taucht jedesmal bei diesen Fällen die Wesensverwandtheit mit dem gefangenen Papst, dem Stellvertreter Gottes, auf, der gerade durch den Verzicht auf seine eigene Freiheit die Verehrung der Gläubigen steigert, ferner auch alle Potentaten zwingt, zu ihm zu kommen („Der Gang nach Canossa“), ohne dass sie auf einen Gegenbesuch rechnen dürfen. Der Traum fällt in eine Zeit, als dieses Kräftespiel schon offen zutage lag. Seine Interpretation liegt auf auf der Hand. Die Träumerin versetzt sich in eine künftige Situation, in der sie bereits aufstehen kann und auf Gesetzesübertretungen fahndet. Ihr ganzes Seelenleben ist durchtränkt von der Überzeugung, dass ohne sie nichts in Ordnung geschehen könne. Diese Überzeugung verficht sie auch sonst immer im Leben, setzt jeden herab und bessert mit unheimlicher Pedanterie alles aus. Ihr immer waches Misstrauen sucht stets bei anderen Fehler zu entdecken. Und sie ist derart mit entsprechenden Erfahrungen in der Richtung des Misstrauens gesättigt, dass sie scharfsinniger wie andere manches von den Fehlern anderer errät. O, sie weiss genau, was Angestellte treiben, wenn man sie allein lässt! Sie weiss ja auch, was die Männer anstellen, sobald sie allein sind. Denn, „alle Männer sind gleich!“
Sie wird ohne Zweifel nach der Art ihrer Vorbereitung, sobald sie genesen ist, eine grosse Anzahl von Versäumnissen im Laden, der an die Wohnung grenzt, entdecken. Vielleicht auch, dass Kartenspiele gespielt wurden. Am Tag nach dem Traume aber befahl sie dem Stubenmädchen unter Vorwänden ihr die Spielkarten zu bringen, liess auch die angestellten Mädchen häufig an ihr Bett rufen, um ihnen immer wieder neue Aufträge zu geben, und um sie zu überwachen. — Um die dunkle Zukunft zu erhellen, braucht sie bloss im Wissen des Schlafes, entsprechend ihrem überspannten Ziel nach Überlegenheit, passende Analogien aufzustöbern, die Fiktion von der auch in der Einzelerfahrung zutage tratenden Wiederkehr des Gleichen5 prinzipiell und wörtlich zu nehmen. Und um schliesslich nach ihrer Genesung recht zu behalten, war ja nur nötig, das Mass ihrer Anforderungen höher zu stellen, Fehler und Versäumnisse mussten dann wohl offenkundig werden.
Als ein weiteres Beispiel der Traumdeutung möchte ich jenen aus dem Altertume von Cicero überlieferten Traum des Dichters Simonides benützen, an welchem ich schon früher einmal („Zur Lehre vom Widerstand“ l. c.) ein Stück meiner Traumtheorie entwickelt habe. Eines Nachts, kurz vor einer Reise nach Kleinasien, träumte Simonides, „ein Toter, den er einst pietätvoll begraben hatte, warne ihn vor dieser Reise“. Nach diesem Traume brach Simonides seine Reisevorbereitungen ab und blieb zu Hause. Nach unserer Erfahrung in der Traumkenntnis dürfen wir annehmen, dass Simonides diese Reise gescheut habe. Und er verwendete den Toten6, der ihm verpflichtet schien, um sich mit den Schauern des Grabes, mit Vorahnungen eines schrecklichen Endes dieser Reise zu schrecken und zu sichern. Nach der Mitteilung des Erzählers, soll das Schiff untergegangen sein, ein Ergebnis, das dem Träumer in Analogie mit anderen Unglücksfällen längere Zeit vorgeschwebt haben mag. Wäre übrigens das Schiff glücklich angelangt, wer hätte abergläubische Gemüter gehindert, bestimmt anzunehmen, es wäre doch untergegangen, wenn Simonides der warnenden Stimme kein Gehör geschenkt hätte und mitgefahren wäre?
Wir sehen demnach zwei Arten von Versuchen, im Traume vorauszudeuten, ein Problem zu lösen, das anzubahnen, was der Träumer in einer Situation will. Und er wird es auf Wegen versuchen, die seiner Persönlichkeit, seinem Wesen und Charakter angemessen sind. Der Traum kann eine der in der Zukunft erwarteten Situationen als bereits gegeben darstellen (Traum der Patientin mit Platzangst), um im Wachen das Arrangement dieser Situation hinterher heimlich oder offen durchzuführen. Der Dichter Simonides verwendet ein altes Erlebnis, offenbar, um nicht zu fahren. Halten Sie hier fest daran, dass es ein Erlebnis des Träumers ist, seine eigene Auffassung von der Macht der Toten, seine eigene Situation, in der ihm ein Entschluss not tut, zu reisen oder zu bleiben, — erwägen Sie alle Möglichkeiten, dann drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, Simonides träumte diesen Traum, um sich einen Wink zu geben, um sicher und ohne Schwanken zu Hause zu bleiben. Wir dürfen wohl annehmen, dass unser Dichter, auch ohne diesen Traum geträumt zu haben, zu Hause geblieben wäre. Und unsere Patientin mit der Platzangst? Warum träumt sie von der Nachlässigkeit und Unordentlichkeit ihres Personals? Hört man daraus nicht deutlich die Fortsetzung: Wenn ich nicht dabei bin, geht alles drunter und drüber, und wenn ich wieder gesund bin und die Zügel in die Hand nehme, werde ich schon allen zeigen, dass es ohne mich nicht geht.“ Wir dürfen demnach erwarten, dass diese Frau bei ihrem ersten Erscheinen im Geschäfte allerlei Entdeckungen von Pflichtvergessenheit, von Nachlässigkeiten machen wird, denn sie wird ja mit Argusaugen zusehen, um ihrer Idee von ihrer Überlegenheit gerecht zu werden. Sie wird sicherlich recht behalten, — und hat demnach im Traum die Zukunft vorausgesehen7.
Ich muss nun eine Erörterung einschalten, um einem Einwand zu begegnen, der gewiss schon vielen auf der Zunge sitzt. Wie will ich es denn erklären, dass der Traum auf die zukünftige Gestaltung der Dinge Einfluss zu nehmen sucht, wo doch die meisten unserer Träume unverständliches, oft albern scheinendes Zeug vorstellen? Die Wichtigkeit dieses Einwandes leuchtet so sehr ein, dass die meisten der Autoren das Wesentliche des Traumes in diesen bizarren, unorientierten, unverständlichen Erscheinungen gesucht haben, diese zu erklären trachteten, oder auf die Unverständlichkeit des Traumlebens gestützt, dessen Bedeutsamkeit geleugnet haben. Scherner insbesondere von den neueren Autoren, und Freud haben das Verdienst, eine Deutung der Rätsel des Traumes versucht zu haben; letzterer hat, um seine Traumtheorie zu stützen, nach welcher der Traum sozusagen ein Schwelgen in kindlichen, unerfüllt gebliebenen, sexuellen Wünschen vorstellen sollte, in dieser Unverständlichkeit eine tendenziöse Entstellung gesucht, als ob der Träumer, ungehindert von seinen kulturellen Schranken, dennoch verbotene Wünsche in der Phantasie befriedigen wollte. Diese Auffassung ist heute ebenso unhaltbar geworden wie die Anschauung von der sexuellen Grundlage der Nervenkrankheiten oder unseres Kulturlebens. Die scheinbare Unverständlichkeit des Traumes erklärt sich vor allem aus dem Umstande, dass der Traum kein Mittel ist, um die zukünftige Situation zu erhaschen, sondern bloss eine begleitende Erscheinung, eine Spiegelung von Kräften, eine Spur und ein Beweis davon, dass Körper und Geist einen Versuch des Vorausdenkens unternommen haben, um der Persönlichkeit des Träumenden gerecht zu werden im Hinblick auf eine bevorstehende Schwierigkeit. Eine gedankliche Mitbewegung also, in ähnlicher Richtung verlaufend wie der Charakter und wie das Wesen der Persönlichkeit es verlangen, in schwer verständlicher Sprache, die, wo man sie versteht, nicht deutlich redet, aber andeutet, wohin der Weg geht. — So notwendig die Verständlichkeit unseres wachen Denkens und Redens ist, weil sie die Handlung vorbereiten, so überflüssig ist sie zumeist im Traume, der etwa dem Rauch des Feuers zu vergleichen ist und nur zeigt, wohin der Wind geht.
Anderseits kann uns aber der Rauch verraten, dass es irgendwo Feuer gibt. Und zweitens kann uns die Erfahrung darüber belehren, an dem Rauch über das Holz Aufschluss zu gewinnen, das da brennt.
Zerlegt man einen Traum, der unverständlich erscheint, in seine Bestandteile, und kann man von dem Träumer in Erfahrung bringen, was diese einzelnen Teile für ihn bedeuten, so muss sich bei einigem Fleiss und Scharfsinn der Eindruck ergeben, dass hinter dem Traum Kräfte im Spiel waren, die nach einer bestimmten Richtung streben. Diese Richtung wird auch sonst im Leben dies Menschen festgehalten erscheinen und ist durch sein Persönlichkeitsideal bestimmt, durch die von ihm als drückend empfundenen Schwierigkeiten und Mängel. Man erhält also durch diese Betrachtung, die wir wohl eine künstlerische nennen dürfen, die Lebenslinie des Menschen, oder einen Teil derselben, wir sehen seinen unbewussten Lebensplan, nach welchem er der Anspannungen des Lebens und seiner Unsicherheit Herr zu werden strebt. Wir sehen auch die Umwege, die er macht, um des Gefühles der Sicherheit wegen, und um einer Niederlage auszuweichen. Und wir können den Traum ebenso, wie jede andere seelische Erscheinung, wie das Leben eines Menschen selbst dazu benützen, um über seine Stellung in der Welt und zu der anderer Menschen Aufschlüsse zu erhalten. — Im Traum erfolgt die Darstellung aller Durchgangspunkte des Vorausdenkens mit den Mitteln der persönlichen Erfahrung.
Dies führt uns zu einem weiteren Verständnis der anfänglich unverständlichen Einzelheiten in dem Aufbau des Traumes. Der Traum greift selten — und auch dann ist dies wieder durch einen besonderen Charakter des Träumenden bedingt — zu einer Darstellung, in der letzte Ereignisse, letzte Bilder auftauchen. Sondern zur Lösung einer schwebenden Frage klingen einfachere, abstraktere, kindlichere Gleichnisse an, häufig an ausdrucksvollere, dichterische Bilder gemahnend. So wird etwa eine drohende Entscheidung durch eine bevorstehende Schulprüfung ersetzt, ein starker Gegner durch einen älteren Bruder, der Gedanke an einen Sieg durch einen Flug in die Höhe, eine Gefahr durch einen Abgrund. Affekte, die in den Traum hineinspielen, stammen immer aus der Vorbereitung und aus dem Vorausdenken, aus der Sicherung für das wirklich bevorstehende Problem8. Die Einfachheit der Traumszenen — einfach gegenüber den verwickelten Situationen des Lebens — entsprechen nur vollkommen den Versuchen des Träumers, unter Ausschaltung der verwirrenden Vielheit der Kräfte, in einer Situation dadurch einen Ausweg zu finden, dass er es unternimmt, eine Leitlinie zu verfolgen nach Ähnlichkeit der einfachsten Verhältnisse. So wie etwa ein Lehrer den Schüler frägt, der einer Frage nicht gewachsen ist, der sich zum Beispiel keinen Rat weiss, was er bezüglich der Fortpflanzung der Kraft zu antworten hätte: „was geschieht, wenn Ihnen jemand einen Stoss gibt?“ Käme zu dieser letzten Frage ein Fremder ins Zimmer, er würde den fragenden Lehrer mit dem gleichen Unverständnis betrachten, wie wir es tun, wenn man uns einen Traum erzählt.
Drittens aber hängt die Unverständlichkeit des Traumes mit dem zuerst erörterten Problem zusammen, bei welchem wir gesehen haben, dass zur Sicherheit des Handelns eine ins Unbewusste versenkte Anschauung von der Zukunft gehört. Diese Grundanschauung über das menschliche Denken und Handeln, derzufolge eine unbewusste Leitlinie zu einem im Unbewussten liegenden Persönlichkeitsideal führt, habe ich in meinem Buch „Über den nervösen Charakter“ (Bergmann, Wiesbaden, 1912) ausführlich dargelegt. Der Aufbau dieses Persönlichkeitsideales und der zu ihm hinführenden Leitlinien enthalten das gleiche Gedanken- und Gefühlsmaterial, wie der Traum und wie die Vorgänge, die hinter dem Traum stecken. Der Zwang, der es ausmacht, dass das eine seelische Material im Unbewussten verbleiben muss, drückt so sehr auf die Gedanken, Bilder und Gehörwahrnehmungen des Traumes, dass diese, um die Einheit der Persönlichkeit nicht zu gefährden, ebenfalls im Unbewussten, besser gesagt: unverständlich bleiben müssen. Denken Sie beispielsweise an den Traum der Patientin mit Platzangst. Was sie eigentlich kraft ihres unbewussten Persönlichkeitsideales anstrebt, ist die Herrschaft über ihre Umgebung. Verstünde sie ihre Träume, so würde ihr herrschsüchtiges Streben und Handeln der Kritik ihres wachen Denkens weichen müssen. Da aber ihr wirkliches Streben nach Herrschaft geht, muss der Traum unverständlich sein. An diesem Punkte kann man auch begreifen, dass seelische Erkrankungen, alle Formen von Nervosität unhaltbar werden und der Heilung entgegengehen, wenn es gelingt, die überspannten Ziele des Nervösen ins Bewusstsein zu bringen und dort abzuschleifen.
Ich will nun an einem Traume einer Patientin, die wegen Reizbarkeit und Selbstmordideen in meine Behandlung kam, auszugsweise zeigen, wie sich die Deutung eines Traumes durch den Patienten selbst vollzieht. Ich will besonders hervorheben, dass Sie das Analogische der Traumgedanken jedesmal hervortreten sehen in dem „Als Ob“9, mit dem die träumende Person die Erzählung beginnt. Die schwierige Situation der Träumerin bestand darin, dass sie sich in den Mann ihrer Schwester verliebt hatte. Der Traum lautet:
Ein Napoleon-Traum10.
„Mir träumte, als ob ich im Tanzsaal wäre, ich hatte ein hübsches blaues Kleid, war recht nett frisiert und tanzte mit Napoleon.“
Hierzu fällt mir folgendes ein:
Ich habe meinen Schwager zu N. erhoben, denn sonst lohnte es sich nicht der Mühe, der Schwester ihren Mann wegzunehmen. (D. h. ihr neurotisches Streben ist gar nicht auf den Mann gerichtet, sondern darauf, der Schwester überlegen zu sein.) Um über die ganze Geschichte den Mantel der Gerechtigkeit breiten zu können, ferner, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob mich die Rache, weil ich zu spät gekommen bin, zu dieser Handlung veranlasst hätte, muss ich mich als Prinzessin Luise wähnen, mehr als die Schwester, so zwar, dass es ganz natürlich erscheint, dass Napoleon sich von seiner ersten Frau Josefine scheiden lässt, um sich eine ebenbürtige Frau zu nehmen.
Was den Namen Luise betrifft, so habe ich denselben längere Zeit hindurch geführt; es hat sich einmal ein junger Mann nach meinem Vornamen erkundigt, und meine Kollegin, wissend, dass mir Leopoldine nicht gefällt, sagte kurzweg, ich heisse Luise.
Dass ich eine Prinzessin bin, träumt mir öfters (Leitlinie), und zwar ist dies mein kolossaler Ehrgeiz, der mich im Traume immer eine Brücke über die Kluft, die mich von den Aristokraten trennt, finden lässt. Ferner ist diese Einbildung darauf berechnet, beim Erwachen es um so schmerzlicher zu empfinden, dass ich in der Fremde aufgewachsen und allein und verlassen bin; die traurigen Gefühle, die mich dann beschleichen, setzen mich in den Stand, hart und grausam gegen alle Menschen zu sein, die das Glück haben, mit mir in Verbindung zu stehen.
Was nun N. betrifft, so will ich bloss bemerken, dass, nachdem ich nun einmal kein Mann bin, ich mich nur vor jenen beugen will, die grösser und mächtiger als die anderen sind; übrigens würde mich dies nicht hindern, am Ende zu behaupten, N. sei ein Einbrecher (Einbrecherträume). Auch würde ich mich nur beugen, nicht etwa auch unterwerfen, denn ich möchte den Mann, wie aus einem anderen Traume hervorgeht, an einem Faden halten, und dann, dann will ich tanzen.
Das Tanzen muss mir gar vieles ersetzen, denn die Musik hat einen kolossalen Einfluss auf mein Gemüt.
Wie oft hat mich bei irgend einem Konzert das sehnende Verlangen überkommen, zu meinem Schwager zu eilen und ihn halbtot küssen zu dürfen.
Um nun diesen Wunsch einem fremden Manne gegenüber nicht in mir aufkommen zu lassen, muss ich mich mit der ganzen Leidenschaft dem Tanze hingeben oder, für den Fall, als ich nicht engagiert bin, mit zusammengepressten Lippen sitzen und finster vor mich hinblicken, um jede Annäherung eines anderen unmöglich zu machen.
Ich wollte der Liebe nicht unterliegen, und meines Erachtens gehören Ball und Liebe zusammen.
Die blaue Farbe habe ich gewählt, weil sie mich am besten kleidet, und ich von dem Wunsche beseelt war, einen günstigen Eindruck auf N. zu machen; jetzt habe ich doch schon das Bestreben zu tanzen, was ich früher auch nicht konnte.“
Von hier aus würde die Deutung noch viel weiter gehen, um schliesslich zu zeigen, dass der unbewusste Plan dieses Mädchens bloss auf Herrschsucht ausging, derzeit aber so weit geändert und abgeschwächt ist, dass sie im Tanzen nicht mehr eine persönliche Demütigung erblickt.
Ich bin am Schlusse angelangt. Wir haben gesehen, dass der Traum eine für das Handeln wohl nebensächliche seelische Erscheinung vorstellt, dass er aber wie in einer Spiegelung Vorgänge und körperliche Attituden verraten kann, die auf das spätere Handeln abzielen. Ist es demnach verwunderlich, dass die Volksseele aller Zeiten mit der Untrüglichkeit eines allgemeinen Empfindens den Traum als ein auf die Zukunft weisendes Gebilde aufnahm? Ein ganz Grosser, der wie in einem Brennpunkt alle Empfindungen der Menschenseele in sich vereinigte, Goethe, hat dieses „In-die-Zukunft-Schauen“ des Traumes und die darin verströmende vorbereitende Kraft in einer Ballade herrlich gestaltet. Der Graf, der vom heiligen Land in seine Burg heimkehrt, findet diese verwüstet und leer. In der Nacht träumt er von einer Zwergenhochzeit. Und der Schluss des Gedichtes lautet:
Und sollen wir singen, was weiter gescheh'n,
So schweige das Toben und Tosen.
Denn, was er, so artig, im kleinen geseh'n,
Erfuhr er, genoss er im grossen.
Trompeten und klingender, singender Schall,
Und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall,
Sie kommen und zeigen und neigen sich all',
Unzählige, selige Leute.
So ging es und geht es noch heute.
Der Eindruck, dass dieses Gedicht des Träumers Gedanken auf Hochzeit und Kindersegen gerichtet zeigt, wird von dem Dichter laut genug hervorgehoben.
Fuente: transcripción a partir del Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 3 (1912/13), H. 12, S. 574-583 (Internet Archive; fichero local 1913/1913-09_Zentralblatt-Psychoanalyse_Jg3-H12_Traum-und-Traumdeutung__archive.pdf, págs. 8-17 del PDF). OCR de Internet Archive corregido íntegramente sobre las imágenes (el OCR omitía el final de la S. 581, restituido sobre la imagen). Según la nota 1, la conferencia se publicó primero en la Österreichische Ärzte-Zeitung (1913, n.º 7 y 8), versión que no se ha podido consultar; se reimprimió en Geschlecht und Gesellschaft 8 (1913), S. 136 y ss. (fichero local 1913/1913_Geschlecht-und-Gesellschaft_Bd8_Traum-und-Traumdeutung-Nachdruck__archive.pdf, incompleto: solo S. 136-144, hasta «unter Ausschaltung der verwirrenden»), cuyo OCR, muy desordenado, solo permite un cotejo somero: el texto es el mismo, con ortografía con ß y variantes mínimas («darnach», «lehrt ihm»). Las notas, numeradas por página en el original, se numeran aquí de forma continua. Se respetan las erratas del original («auf auf der Hand», «dies Menschen», «zutage tratenden», «entsprechen» con sujeto singular, el punto final que falta en la nota 7). Las cursivas reproducen el espaciado del original; los nombres propios espaciados se dan también en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa. Adler lo reimprimió en Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XVIII, S. 149-157; allí lleva la indicación «Vortrag, gehalten im September 1912» (reimpresión no cotejada); véase la página del libro.
Zuerst publiziert in der „Österr. Ärzte-Zeitung“ (Nr. 7 u. 8, 1913). ↩
Die Funktion des Zweifels im Leben wie in der Neurose ist, wie ich zeigen konnte, immer: eine Aggressionshemmung durchzuführen, einer Entscheidung auszuweichen, und dies der eigenen Kritik zu verbergen. Siehe „Zur Rolle des Unbewussten“ im Zentr. f. Psychoanalyse, 1913, H. 4/5. ↩
Zuerst geschildert in „Aggressionstriebe“ (Fortschritte der Medizin, Leipzig 1908), in der „Psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie“, im „Beitrag zur Lehre vom Widerstand“, in der „Syphilidophobie“ (Zentr. f. Psychoanalyse 1910 bis 1911, Bergmann, Wiesbaden) und im „Nervösen Charakter“ 1912. ↩
Vgl. Adler, „Beiträge zum organischen Substrat der Neurosen“, Österr. Ärztezeitung 1912, H. 23 u. 24 und einen Ausschnitt aus der Krankengeschichte der obigen Patientin in „Zur Rolle des Unbewussten“ (l. c.). ↩
Die genauere Kenntnis dieser „Fiktion des Gleichen“, einer der wichtigsten Voraussetzungen des Denkens überhaupt und des Kausalitätsprinzipes verdanke ich meinem Freunde und Mitarbeiter A. Häutler. Siehe „Fiktionen des Denkens“, (Ztt. f. Psychoanalyse. Im Erscheinen.) ↩
Über die Verwendung solcher bereitgestellter, affektauslösender Erinnerungsbilder, die eben den Zweck haben, Affekte und deren Folgen, vorsichtige Haltungen, aber auch Ekel, Üblichkeit, Angst, Furcht vor dem geschlechtlichen Partner, Ohnmacht und andere neurotische Symptome hervorzurufen, wird noch ausführlich abzuhandeln sein. Vieles davon habe ich im „Nervösen Charakter“ (l. c.) als Gleichnis (z. B. als Inzestgleichnis, als Verbrechensgleichnis, als Gottähnlichkeit, als Grössen- und Kleinheitswahn) auflösen können oder als „Junktim“ beschrieben. Soweit mir bekannt, ist nur Herr Professor Hamburger zu annähernd ähnlichen Anschauungen gekommen. Eine ausführliche Schilderung dieser neurotischen Arrangements erschien in den „Jahreskursen für ärztl. Fortbildung“, Mai 1913, Verlag von Lehmann, München („Individualpsychologische Behandlung der Neurosen“). ↩
Es lässt sich leicht erraten, dass Simonides, der als Dichter nach der Unsterblichkeit zielte, diesem Traum gemäss durch Todesfurcht konstelliert war, während die Patientin mit Platzangst das fiktive Ziel eines Herrschertums, ein Königinnenideal verfolgte. Vgl. für ersteres auch „Individualpsychologische Ergebnisse über Schlaflosigkeit“ (Fortschritte der Medizin, Leipzig 1913), wo unter anderem die Beziehung kindlicher Todesfurcht zum ärztlichen Beruf hervorgehoben ist ↩
Verstärken sich aber tendenziös aus dem Traumbild, wenn dies erforderlich ist. ↩
Vgl. Vaihinger, „Die Philosophie des Als-Ob“, Berlin, Reuther und Reichardt 1911, dessen erkenntnis-theoretische Anschauungen auf anderen Gebieten mit meinen Auffassungen in der Neurosenpsychologie vollkommen übereinstimmen. ↩
Napoleon, Jesus, die Jungfrau von Orleans, Maria, aber auch der Kaiser, der Vater, ein Onkel, die Mutter, ein Bruder etc. sind häufige Ersatzideale der aufgepeitschten Gier nach Überlegenheit und stellen gleichfalls richtunggebende, affektauslösende Bereitschaften im Seelenleben des Nervösen dar. ↩