XXI.
Melancholie und Paranoia.
(1914.)
Individualpsychologische Ergebnisse aus den Untersuchungen der Psychosen.
Vorbemerkung: Die von mir gefundenen und beschriebenen treibenden Kräfte der Neurosen und Psychosen: kindliches Minderwertigkeitsgefühl, — Sicherungstendenz, Kompensationsbestreben, — in der Kindheit errichtetes, hernach teleologisch wirkendes, fiktives Ziel der Überlegenheit, — die sich ergebenden, erprobten Methoden, Charakterzüge, Affekte, Symptome und Haltungen gegenüber den Forderungen des gesellschaftlichen Zusammenhangs, — alle verwendet als Mittel zur fiktiven Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls gegenüber der Umgebung, — das Suchen nach Umwegen und nach einer Distanz zu den Erwartungen der Gemeinschaft, um einer realen Wertung und persönlicher Haftung und Verantwortung zu entgehen, — die neurotische Perspektive und die tendenziöse, bis zur Verrücktheit gehende Entwertung der Wirklichkeit führten mich und viele andere Untersucher zur Aufstellung eines erklärenden Prinzips, das sich im weitesten Umfang für das Verständnis der Neurosen und Psychosen als wertvoll und unerlässlich erwiesen hat1. Die oben angeführten Mechanismen finden sich ausführlich in des Autors Werk „Über den nervösen Charakter“ (Bergmann, Wiesbaden, II. Aufl. 1919), „Studie über Minderwertigkeit von „Organen“ (Urban und Schwarzenberg, Wien 1907) und im vorliegenden Band dargestellt.
Meine weiteren Untersuchungen über den Mechanismus der Psychose haben mit folgenden Feststellungen einen vorläufigen Abschluss gefunden: zu den drei bereits hervorgehobenen Grundbedeutungen des Wahns:
Antizipation und halluzinatorischer Darstellung eines Wunsches oder einer Befürchtung zum Zwecke einer Sicherung,
tendenziöser Entwertung der Wirklichkeit und
resultierender Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls
gesellen sich zwei weitere von grösster Wichtigkeit:
Kampf gegen die nähere oder weitere Umgebung und
Verlegung der Aktivität des Patienten von seinem Hauptproblem weg auf einen Nebenkriegsschauplatz.
Wie leicht ersichtlich, stehen alle fünf Bedingungen des Wahns in einem logischen und psychologischen Zusammenhang.
In der folgenden Mitteilung, die im Jahre 1914 dem nicht mehr zustande gekommenen Kongress für Psychologie und Psychiatrie (in Bern) fast in der gleichen Form vorlag, ist der Versuch unternommen, die psychologische Struktur der Melancholie und der Paranoia gemäss den obigen Befunden zur Darstellung zu bringen.
I. Melancholie.
Haltung und Lebensplan der zur Melancholie Disponierten, Ausbruch der Erkrankung und Kampf gegen die Umgebung. Gewinnung des Nebenkriegsschauplatzes aus Furcht vor herabsetzenden Entscheidungen.
1. Die Melancholie befällt Individuen, deren Lebensmethode vorwiegend mit den Leistungen und Unterstützungen anderer Personen schon seit der frühen Kindheit an rechnet. In ihrem Leben überwiegen Erscheinungen von geringerer Aktivität und solche unmännlicher Natur. Sie zeigen sich meist auf den Familienkreis oder auf einen kleinen, ständigen Freundeskreis in ihrem Verkehr eingeschränkt, suchen immer Anlehnung an andere und verschmähen es nicht, durch übertriebene Hinweise auf die eigene Unzulänglichkeit die Unterstützung, Anpassung und Fügsamkeit anderer zu erzwingen. Dass ihr oft schrankenloser Egoismus ihnen in einer Zeit schrankenloser Plusmacherei zuweilen äussere Erfolge bringt, spricht nicht dagegen. Der Hauptfrage ihres eigenen Lebens aber, dem Fortschreiten, der Entwickelung oder auch nur dem Festhalten ihres eigenen Wirkungskreises weichen sie bei auftauchenden Schwierigkeiten aus oder nähern sich ihnen nur zögernd. Der Typus des Manisch-Depressiven dagegen dürfte ganz allgemein dadurch gekennzeichnet sein, dass er jede Aktion enthusiastisch beginnt, um bald nachher gewaltig abzuflauen. Dieser charakteristische Rhythmus, der auch den Bewegungen und Haltungen der gesunden Tage eigen ist, wird im Zeitpunkt der Erkrankung unter Berufung auf die Wahnidee und durch demonstrative und zweckentsprechende Ausgestaltung derselben verstärkt und befestigt. Zwischen diesen beiden Formen steht die periodische Melancholie, deren Ausbruch regelmässig erfolgt, sobald der wankende Glaube des Patienten an seinen Erfolg einen Ruf des Lebens (Ehe, Beruf, Gesellschaft) abzuwehren zwingt.
2. Die gesamte Lebensführung des „Typus melancholicus“ lässt als Voraussetzung und wichtigsten Ausgangspunkt eine fiktive, aber durchdringende Anschauung, — eine melancholische Perspektive, dem kindlichen Seelenleben entstammend, — erkennen, nach welcher das Leben ein schwieriges, ungeheures Wagnis vorstellt, die überwiegende Mehrzahl der Menschen aber aus feindlichen Individuen und die Welt aus unbequemen Hindernissen besteht. Wir erkennen in dieser dem Gemeinschaftsgefühl zuwiderlaufenden Haltung ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl und einen jener Kunstgriffe, wie wir sie als Grundlage des nervösen Charakters beschrieben haben; mit ihren eigenartigen, zu Charakterzügen, Affekten, Bereitschaften und Fertigkeiten (Weinen!) umgebildeten Angriffstendenzen fühlen sie sich den Forderungen des Lebens besser gewachsen und suchen sich in „gesunden Tagen“ in einem kleinen Kreis zur Geltung zu bringen. Indem sie ihr subjektives Minderwertigkeitsgefühl konkretisieren, erheben sie offen oder unausgesprochen seit ihrer Kindheit den Anspruch auf eine erhöhte „Krüppelfürsorge“.
3. Ihre Selbsteinschätzung ist demnach seit der Kindheit eine deutlich niedrige, was aus ihren unausgesetzten Versuchen, zur Geltung zu kommen, zu folgern ist; immerhin deuten sie häufig, — und diese meist versteckten Hinweise kennzeichnen die seelische Verwandtschaft mit der Paranoia, — auf die versäumte Möglichkeit einer ausserordentlichen Entwickelung hin, meist auf familiäre Übelstände, oder sie verraten in ihrer melancholischen Wahnidee eine unerschütterliche Voraussetzung von übermenschlichen, ja göttlichen Kräften. Dies und nichts anderes nämlich liegt solchen Klagen zugrunde, in denen der Kranke in einer versteckten Grössenidee das schreckliche Schicksal beklagt, das zugleich mit seinem Ende über seine Familie etwa hereinbrechen werde, oder wenn er seine Schuld an dem Untergang der Welt, an der Entfesselung des Weltkrieges, am Tod und Verderben anderer Personen unter Selbstvorwürfen hervorhebt. Nicht selten auch liegt in der forzierten Klage über die eigene Unfähigkeit ein drohender Hinweis auf ganz reale, materielle oder moralische Gefahren für den Familien- und Freundeskreis, und zugleich eine nicht stärker zu denkende Hervorhebung der persönlichen Bedeutung des Kranken. Solcher Art sind die Ziele des Melancholikers und zu solchen Zwecken bezichtigen sie sich offen aller Formen der Minderwertigkeit und nehmen demonstrativ die Schuld für alle Fehlschläge und Misserfolge auf sich. Der Erfolg ihres Verhaltens ist dann zummindesten der, dass sie weitaus mehr als bisher in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit ihres eingeschränkten Kreises rücken, und dass sie die ihnen verpflichteten Personen zu den grössten Leistungen, zu den namhaftesten Opfern und zum weitgehendsten Entgegenkommen anspornen. Dagegen hat sich ihr Wille von jeder kleinsten sozialen Verpflichtung und Gebundenheit befreit, was ihrem egozentrischen, leitenden Ideal immer am besten entsprach, weil dieses jede Einfügung und Bindung an den anderen und dessen Rechte als einen unerträglichen Zwang und als schweren Verlust des persönlichen Wertes empfinden liess.
Neben den Selbstvorwürfen und Selbstbeschuldigungen fehlen aber nie die heimlichen Hinweise auf Heredität, auf Erziehungsfehler der Eltern, auf böswillige Rücksichtslosigkeit von Angehörigen oder Vorgesetzten; nur dass sich diese Anschuldigung anderer, — abermals ein der Paranoia verwandtes Phänomen, — aus der einleitenden Position des Melancholischen ergibt. So z. B. wenn sich der Ausbruch der Melancholie bei einer jüngsten Tochter ergibt, nachdem sich die Mutter entschlossen hat, mit der ältesten Tochter auf längere Zeit zu verreisen, oder wenn die Erkrankung bei einem Geschäftsmann entsteht, der mehrfach durch seine Kompagnons überstimmt, zur Erledigung der gegen seinen Willen gefassten Entschlüsse gedrängt wird.
Hinweise wie die obigen, auf Heredität, körperliche Anomalien etc., dienen andererseits auch der Feststellung, dass es sich um eine unabänderliche, unheilbare Erkrankung handelt, was den Kurswert des Leidens beträchtlich erhöht.
So dient die Melancholie, wie jede Neurose und Psychose, dem Bestreben, den gesellschaftlichen Wert des Eigenwillens und der Persönlichkeit, zumindestens für die eigene Empfindung namhaft zu erhöhen. Ihre forzierte Eigenart gestaltet sich unter dem Drucke einer tief gefühlten Unzufriedenheit und eines objektiv meist unberechtigten Minderwertigkeitsgefühls bei Personen, deren Kindheitstypus eingangs geschildert wurde. Dass sie die uns unglaublich erscheinenden Kosten einer immerhin konsequenten Haltung in schwierigen Positionen ihres Lebens zahlen, lehrt vor allem der Augenschein, und ist in der übergrossen Spannung begründet, in der sie zum Leben stehen. Ihr empfindlicher Ehrgeiz, der sie mit heimlichem Zagen nach aufdringlicher Überlegenheit jagen lässt, zwingt sie gleichzeitig zur Desertion oder zur Zaghaftigkeit vor grösseren gesellschaftlichen Aufgaben. So gelangen sie durch systematische Selbstbeschränkung auf ein Nebengeleis, in einen streng abgezirkelten Kreis von Personen und Aufgaben, den sie solange pflegen, bis ihnen eine schwierig scheinende Veränderung droht. Jetzt greift die in der Kindheit aufgebaute, niemals revidierte Schablone, abermals ungeprüft, ein: sich klein zu machen, durch Schwäche und Krankheit zu wirken.
4. Das hervorragendste Kampfmittel des Typus melancholicus behufs Hebung der Position ist seit früher Kindheit: Klage, Tränen und traurige Verstimmung. Er demonstriert in quälendster Weise seine Schwäche und die Notwendigkeit seines jeweiligen Begehrens, um andere zu Dienstleistungen zu zwingen oder zu verleiten.
5. Sie gewinnen ferner auf ihre Art den Anschein und die Überzeugung der Unverantwortlichkeit für ihre Misserfolge im Leben, weil sie immer ihre unabänderliche Schwäche und den Mangel einer Hilfe von aussen hervorheben. Die seelische Verwandtschaft mit dem Typus der Phobiker und Hypochonder ist nicht zu verkennen; nur dass im Falle der Melancholie zum Zwecke des stärkeren Angriffs und aus Gründen des umfassenderen Minderwertigkeitsgefühls die Krankheitseinsicht schwindet und jede Kritik der Wahnidee ausgeschaltet wird: mittelst einer starken Antizipation eines unentrinnbaren Unheils und einer entschlossenen Einfühlung in die drohende Gefahr. Der kategorische Imperativ des Melancholischen lautet demnach: „handle, denke und fühle so, als ob das schreckliche Schicksal, das du an die Wand malst, bereits über dich hereingebrochen oder unabwendbar wäre“. Dabei als Hauptvoraussetzung des melancholischen Wahns: sein der Gottheit verwandter, prophetischer Blick.
Im weiteren Verfolg dieser Erkenntnis wird auch, gemessen am gemeinsamen Band der pessimistischen Perspektive, der Zusammenhang mit der Neurose und Psychose überhaupt klar. Etwa, um einfache Beispiele zu wählen: Enuresis nocturna: „handle so, als ob du am Klosett wärst!“ Pavor nocturnus: benimm dich, wie in einer grossen Gefahr!“ Sogenannte neurasthenische und hysterische Sensationen, Schwächezustände, Lähmungen, Schwindel, Üblichkeiten etc.: „denke dir, du hättest einen Reifen um den Kopf, — etwas im Halse stecken, — wärest einer Ohnmacht nahe, — könntest nicht gehen, — dass sich alles dreht, — du hättest eine üble Speise genossen“ etc.
Immer handelt es sich um die Wirkung auf die Umgebung. So auch, wie ich seit langem hervorgehoben habe, bei der „genuinen Epilepsie“, bei der vielleicht immer in pantomimischer Weise der Tod, ohnmächtige Wut, Vergiftungserscheinungen, ein Sichwehren und Unterliegen zur Darstellung gelangt. Das Material der Darbietung ergibt sich aus den Möglichkeiten des Organismus, die sich oft aus angeborenen Minderwertigkeitserscheinungen herleiten (siehe Adler, Studie über Minderwertigkeit der Organe, 1917), und sie fangen an eine Rolle zu spielen, sobald sie die höheren Ziele des Nervösen zu fördern imstande sind und gefördert werden. In jedem Falle aber bedeutet das Symptom oder der Anfall des Patienten, dass er der Gegenwart (durch Antizipation) und der Wirklichkeit (durch Einfühlung in eine Rolle) entrückt ist. Am stärksten äussert sich der Erfolg der Entrückung wohl bei der genuinen Epilepsie. Ein häufig vorzufindender Typus solcher Kranken erweist sich als jüngstes Kind (zuweilen gefolgt von einem Spätgeborenen) und zeigt asymmetrische Verschiebung der rechten Gesichtshälfte nach unten, Vergrösserung des rechten Scheitelbeinhöckers und Spuren von Linkshändigkeit.
Die Psychose zeigt, entsprechend der abschliessenderen Haltung des Patienten, der im Begriffe ist, jedes loyale Streben aufzugeben, die stärkere Entrückung, die weitergehende Entwertung und Vergewaltigung der Wirklichkeit.
6. So sind es auch in der Psychose wie in der Neurose neue oder schwierig scheinende Situationen, Entscheidungen im Beruf, in der Liebe, Prüfungen aller Art, in denen sich zu Zwecken der Ausreisserei oder des Zögerns wie in einem komplizierten Lampenfieber der verstärkte Hinweis auf die Unabänderlichkeit von Schwächen und auf ein trauriges Schicksal als nötig erweist. Dabei muss der Untersucher sorgfältig vermeiden, seinen eigenen Eindruck von der ganzen Schwierigkeit der Situation in die Rechnung zu stellen. Denn was den Melancholiker bei seinen Befürchtungen leitet, was seine Wahnidee „unkorrigierbar“ macht, ist nicht der Mangel an Intelligenz oder Logik, sondern die Unlust, die planmässige Abneigung, diese Logik anzuwenden. Der Patient denkt, fühlt und handelt „sogar“ unlogisch, wenn er nur auf diesem Wege, mit dem Mittel des Wahns, seinem Ziele näher kommt, wenn er sein Persönlichkeitsgefühl erhöhen kann. Wer an seinem Wahn zu rütteln sucht, erscheint ihm folgerichtig als sein Gegner, und so empfindet er auch die ärztlichen Massnahmen und Persuasionsversuche als gegen seine Position gerichtet.
7. Es ist die dem melancholischen Typus eigentümliche Linie, dass er in Fortsetzung alter, ausgebauter Bereitschaften zu einem Krankheitsbild gelangt, das durch den geoffenbarten, verstärkten Hinweis auf die eigene Schwäche den Zwang zu ununterbrochener aber nutzloser Hilfeleistung und Berücksichtigung auf die Umgebung erstreckt. Die Nutzlosigkeit jeder von aussen kommenden Beruhigung bei Ausbruch der Melancholie liegt gleichfalls nicht in einem Mangel ihrer Folgerichtigkeit, sondern ergibt sich aus der unbeugbaren Absicht des Kranken, die Erschütterung seiner Umgebung bis zum stärksten Mass zu steigern, alle Beteiligten einzuklemmen und ihnen jede Aussicht zu nehmen. Eine Heilung erfolgt nach Massgabe des dem Patienten verbliebenen Lebensmutes in dem Zeitpunkt, in welchem der Patient die Genugtuung seiner Überlegenheit voll genossen hat; der taktvolle Hinweis auf die wirklichen Zusammenhänge, fern von jeder Überlegenheitspose und von Rechthaberei hat sich in meinen Fällen als günstig erwiesen. Die Voraussage des Abschlusses eines melancholischen Arrangements ist sicherlich nicht leichter als die von der Beendigung der Tränen bei einem Kinde. Rettungslose Positionen, besonderer Mangel an Lebensmut in der Vorgeschichte, Provokationen und zur Schau getragene Respektlosigkeit der Umgebung können die Selbstmordabsicht als äussersten Racheakt einer ständig gegen die eigene Person gerichteten Aktivität hervorrufen.
Die Furcht vor einem Misserfolg, die Angst, dem sozialen Wettbewerb oder den Erwartungen der Gesellschaft, der Familie nicht oder nicht mehr gewachsen zu sein, drängt diesen Typus im Falle subjektiv gefühlter Not zu dem Mittel der Antizipation des Verlorenseins. Die aus dieser Einfühlung erwachsende melancholische Perspektive, die aus ihren tendenziösen Ergebnissen im Wachen und im Traume sich immer aufs neue vertieft, gibt in ihren Wirkungen auf den Gesamtorganismus den ständigen Anreiz ab für eine verschlechterte Funktion der Organe. In vorsichtiger Weise kann demnach die Funktion der Organe, körperliche Haltung, Schlaf, Muskelkraft, Herztätigkeit, Darmerscheinungen etc. prognostisch verwertet werden. Gegen die ätiologische Deutung der Abderhaldenschen Befunde bei den Psychosen streitet der psychologische Zusammenhang; im Zusammenhang mit unseren Anschauungen müssten sie sich als Folgeerscheinungen oder bloss als in der Psychose gesteigerte Symptome von angeborenen Organminderwertigkeiten herausstellen. Von den Organminderwertigkeiten haben wir unter anderem bekanntlich hervorgehoben, dass sie in ihrem Endergebnis eine wichtige Grundlage des ätiologisch bedeutungsvollen kindlichen Minderwertigkeitsgefühls bilden können.
8. Die Organe geraten also, soweit sie zugänglich sind, unter die Macht des melancholischen Zieles, passen ihre Funktion der Gesamtrolle an und helfen so, das Bild der klinischen Melancholie herzustellen (Herz, Körperhaltung, Appetit, Stuhl- und Harntätigkeit; Gedankenablauf). Sie werden, soweit sie willkürlichen Antrieben gehorchen, in die melancholische Stimmung versetzt. Oder die Funktion bleibt annähernd normal, wird aber vom Kranken als fehlerhaft empfunden und beklagt. Zuweilen wird auch durch ein deutlich unzweckmässiges Verhalten eine Störung oder ein Reizzustand vom Kranken hervorgerufen (durch Schlafstörung, durch übermässige Provokation der Stuhl- und Harntätigkeit.)
9. In letzterem Falle wie auch bezüglich der Nahrungsaufnahme zeigt der Patient oft eine Reihe von störenden Selbstbeeinflussungen, die ohne genügende Selbstkritik, aber systematisch und planmässig erfolgen. Diese Erscheinungen sowie des Patienten überspannte Forderungen an das Funktionieren seines Organismus, ferner seine unrichtige Einschätzung einer fiktiven Norm, die er angeblich entbehrt, lassen die Absicht erkennen, eine ernste Krankheitslegitimation allen sichtbar zu erbringen.
10. Die Nahrungsaufnahme wird durch Erweckung ekelerregender Gedanken oder ängstlichen Argwohns (Gift) eingeschränkt, steht überdies wie alle andern Funktionen unter dem Drucke der tendenziösen melancholischen Einfühlung („als ob alles nichts tauge, alles zum Schlechten ausgehen müsse“), der Schlaf wird durch erzwungenes Grübeln und durch Gedanken über den ausbleibenden Schlaf sowie durch sichtlich zweckwidrige Mittel gestört. Die Stuhl- und Harnfunktion kann durch konträre Beeinflussung oder durch fortwährende Beanspruchung ins Krankhafte verändert werden, letzterenfalls durch Erzeugung eines Reizzustandes im zugehörigen Organ. Herztätigkeit, Atmung und Haltung der erkrankten Persönlichkeit geraten ebenso wie etwa gelegentlich die Tränendrüsen unter den Druck der melancholischen Fiktion, die zu einer restlosen Einfühlung in eine Situation der Verzweiflung hindrängt.
11. Der nähere Einblick, der einzig und allein durch eine individualpsychologische Zusammenhangsbetrachtung ermöglicht wird, ergibt: dass die melancholische Haltung als ein Zustandsbild und gleichzeitig als ein Kampfmittel bei den oben charakterisierten Personen in einer derartigen Lage (Position) auftreten kann, in denen wir andernfalls eine zornige, vielleicht wütende, rachsüchtige Aufwallung erwarten würden. Der frühzeitig erworbene Mangel an sozialer Aktivität bedingt jene eigenartige Angriffshaltung, die einem Selbstmord nicht unähnlich durch Schädigung der eigenen Person zu einer Bedrohung der Umgebung oder zur Rache schreitet,
Im gelegentlichen Raptus melancholicus oder im Selbstmord, der immer einen Racheakt vorstellt, bricht auch der zu erwartende Affekt sichtlich durch.
12. Niemals aber fehlt, — als Voraussetzung ihres Handelns, — der verborgene Hinweis auf die Bedeutung der eigenen Person, wie sie bereits in der Forderung nach Unterordnung des andern, in dem Anspruch auf den andern als auf ein Mittel zutage liegt. Da auch der Hinweis auf die fremde Schuld (s. oben) niemals ausbleibt, so ist durch die melancholische Haltung die fiktive Überlegenheit und Unverantwortlichkeit des Kranken gewährleistet. Durch Verstärkung der letzteren Züge (Hinweis auf die fremde Schuld) gelangen paranoische Nuancen in der Melancholie zum Durchbruch.
13. Da dem Melancholiker der Nebenmensch immer nur Mittel zum Zweck der Erhöhung des eigenen Persönlichkeitsgefühls ist (wozu ihm ausserhalb der Krankheit wohl auch die Geberde der Freundschaft und Fürsorglichkeit zur Verfügung steht), kennt er keine Grenzen in der Erstreckung seines Zwanges über den andern, raubt ihm alle Hoffnung und geht bis zum Selbstmord oder zu Selbstmordgedanken, falls er seine Endabsicht auf Enthebung von fremden Forderungen verloren geben muss, oder wenn er unüberwindlichen Widerstand findet.
14. So ist der Ausbruch der Melancholie recht eigentlich die ideale Situation für diesen Typus, sobald Schwierigkeiten seine Position bedrohen. Die Frage, warum er trotzdem seinen Zustand nicht mit Behagen geniesst, wäre müssig: das Kampfmittel der Melancholie lässt keine gegenteilige Stimmung aufkommen, und da der Patient auf Erfolg arbeitet, ist kein Platz für frohlockende Gefühle vorhanden, die seiner zwingenden Haltung von Depression hinderlich wären.
15. Die Melancholie klingt ab, sobald der Patient in irgend einer Art das fiktive Gefühl seiner wiedergewonnenen Überlegenheit und die Deckung gegenüber eventuellen Misserfolgen durch die Krankheitslegitimation erlangt hat.
16. Die Haltung von Menschen, die der Melancholie verfallen können, ist von Kindheit an eine misstrauische und verurteilend kritische gegenüber der Gesellschaft. Auch in dieser Haltung lässt sich als Voraussetzung ein Gefühl der Minderwertigkeit samt Kompensation, ein vorsichtiges Suchen nach Überlegenheit trotz aller andersartigen eigenen Behauptungen erkennen.
II. Paranoia.
1. Befällt Personen, deren Haltung in der menschlichen Gesellschaft dadurch charakterisiert ist, dass sie nach einem mehr weniger energischen Auftakt in ihrer Bewegung oder in ihrer Lebenslinie in einiger Entfernung vor dem von ihnen und ihrer Umgebung erwarteten Ziele haltmachen und durch umfängliche, gedankliche, meist gleichzeitig aktive Operationen in einem Scheinkampf gegen selbstgeschaffene Schwierigkeiten den unbewussten Vorwand gewinnen, ihre mögliche oder vermutete Niederlage im Leben zu verdecken, zu rechtfertigen oder endlos hinauszuschieben.
2. Diese Haltung in toto und gegenüber Einzelfragen ist von früher Kindheit an vorbereitet, erprobt und gegen die ärgsten Einwände der Wirklichkeit tunlichst abgeschliffen und gesichert. Deshalb auch trägt das paranoische System die Züge des Planmässigen mehr als die andern Psychosen und ist nur unter günstigen Bedingungen, etwa im Beginne, zu erschüttern. Weder das Gemeinschaftsgefühl noch seine Funktion, die „allgemeingültige“ Logik, wird jemals völlig gedrosselt.
3. Als eine der Voraussetzungen dieser Haltung lässt sich eine tiefe, unabänderlich empfundene Unzufriedenheit mit den Errungenschaften im Leben erschliessen, die den Patienten dazu drängt, für seinen Misserfolg vor sich und vor anderen die Deckung zu gewinnen, um nicht im Ehrgeiz und im Selbstbewusstsein verwundet zu werden.
4. Die stets vorhandene, immer merkbare Aktivität, — meist stark kämpferischer Art und vom Charakter der Sehnsucht nach Überlegenheit geleitet, — macht es aus, dass der Zusammenbruch gewöhnlich erst in späteren Jahren erfolgt, was auch der Wahnidee die Züge einer gewissen Reifung nach aussen verleiht.
5. Diese Aktivität, die sich nach dem Zielpunkt eines Überlegenheitsideals richtet, erzwingt in ihrem Verlaufe von selbst eine den Nebenmenschen verurteilende, feindliche Haltung, die letzter Linie in sich eine Spitze trägt gegen den andern, gegen Einflüsse und Situationen, hinter denen sich ein Teil oder die Gesamtheit der Menschen verbirgt. So wird zur Schuld der andern gemacht, was dem Patienten von seinen überspannten Plänen nicht gelang. Auch bei der Paranoia dient die Antizipation des Überlegenheitsideals (Grössenwahn) dazu, das Gefühl der Überlegenheit zu begründen und gleichzeitig der Verantwortung für das Scheitern in der wirklichen Gemeinschaft durch die Schaffung eines Nebenkriegsschauplatzes auszuweichen.
6. In der Haltung des Paranoikers spiegelt sich die von frühester Kindheit her eingenommene feindliche Stellung zum Nebenmenschen wieder; sie ergibt sich von selbst aus dem aktiven Streben nach Allüberlegenheit, welch letzteres in der Form der Beachtungsidee, des Verfolgungs- und Grössenwahns zum Ausdruck kommt. In allen drei Zustandsbildern sieht sich der Patient als das Zentrum der Umwelt.
7. Bei der reinen Form der Paranoia, die nur als Grenzfall in Betracht kommt, ergibt sich demnach immer ein aggressiver Auftakt, dem durch die Konstruktion des Wahnsystems Halt geboten wird. Ähnlich bei der Dementia praecox, bei der die Furcht vor dem Leben mit seinen Anforderungen grösser zu sein scheint, die deshalb schon in früheren Jahren zutage tritt. Angrenzend beobachtet man Fälle von Zyklothymie, hysterischer Aboulie und Depressionserscheinungen neurasthenischer Art, und von Konfliktsneurosen (s. „Über den neurösen Charakter“ l. c.), die ein stärkeres Zurückfluten vorübergehenden Charakters nach anfänglicher Aggression aufweisen können. Grosse Verwandtschaft in dynamischem Sinne zeigt das Verhalten der psychogenen Epilepsie, des chronischen Alkoholismus, Morphinismus und Kokainismus. Unterschiede liegen in dem zäheren oder intermittierenden Zurückfluten nach weitgehender Aktivität oder geringerer Gebundenheit derselben.
8. Sowohl in der Vorwärts- als in der Rückwärtsbewegung der psychotischen Welle liegt deutlich erkennbar der feindselige, kämpferische Zug, der zuweilen im Selbstmord mündet; so erscheint uns die Psychose überhaupt als geistiger Selbstmord eines Individuums, das sich den Anforderungen der Gesellschaft und seinen eigenen Zielen nicht gewachsen glaubt. Auch in seiner Rückwärtsbewegung liegt eine heimliche Actio in distans, Feindseligkeit gegen die Wirklichkeit, während die Vorwärtsbewegung immer auch durch das Moment der Exaltation ihre innere Schwäche anzeigt.
9. Die Selbsteinschätzung des Paranoikers ist bis zur Gottähnlichkeit emporgetrieben. Sie baut sich aber kompensatorisch auf einem tiefen Gefühl der Minderwertigkeit auf und verrät ihre Schwäche in dem raschen Verzicht auf Erfüllung der gesellschaftlichen Forderungen und der eigenen Pläne, in der Verlegung des Kampfplatzes auf das Gebiet des Irrealen, in der starken Neigung zur Konstruktion paranoischer, präokkupierender Vorwände und in der prinzipiellen Beschuldigung der anderen. Dem Patienten fehlt offensichtlich der Glaube an sich; sein Misstrauen und sein Unglauben den Menschen, ihrem Wissen und Können gegenüber, die zur Konstruktion kosmogonischer, religiöser Staatsideen eigener Erfindung drängen, der in diesen Phantasien liegende Gegensatz zu den allgemeinen Anschauungen sind für ihn nötig, damit er sein Gleichgewicht und sein Übergewicht fühlen kann.
10. Die Ideen des Paranoikers sind schwer korrigierbar, weil er sie gerade in ihrer Form zur Festigung seines Standpunktes braucht, insbesondere zur Erzielung seiner Unverantwortlichkeit im Leben, zum Vorwand gegenüber dem Mangel an Erfolgen und um den Stillstand seiner Aktion im gesellschaftlichen Leben zu erzwingen. Gleichzeitig gestatten sie ihm die Fiktion seiner Überlegenheit festzuhalten, ohne sie auf die Probe zu stellen. Denn die Schuld liegt immer an der Feindseligkeit der anderen.
11. Ist die Passivität des Melancholikers eine Actio in distans, um andere zur Unterordnung zu zwingen, so zielt die aktive Phantasie des Paranoikers darauf hin, den unverantwortlichen Vorwand für seine Erfolglosigkeit im Leben und eine zeitfüllende Präokkupation zu gewinnen.
12. Seine Unverantwortlichkeit stützt sich im Gegensatz zum Bilde der Melancholie äusserlich mehr auf die Schuld des andern oder äusserer Umstände.
13. Der wahrnehmbare Ausbruch der Paranoia erfolgt gleichfalls in einer bedrohlichen Situation, in der der Patient seine überspannten Forderungen bezüglich seiner gesellschaftlichen Position endgültig verloren glaubt. In der Regel also vor einem Unternehmen, im Verlaufe desselben oder vor einer Herabsetzung, zumeist vor der „Gefahr“ des Alterns.
14. Der Abbruch dieser Unternehmung erfolgt durch die Zwischenkonstruktion des vorbereiteten Wahnsystems, durch dessen Aktivierung die Verantwortlichkeit des Patienten erlischt. Gleichzeitig steigt das Grössengefühl des Patienten durch seine Einfühlung in die Verfolgungs-, Beachtungs- und Grössenidee. Wir sehen in diesem Mechanismus einen kompensatorischen Akt, der sich aus der Erwartung einer Herabsetzung entspinnt, und er verläuft in der Richtung des „männlichen Protestes“, wie ich es auch in der Psychologie der Neurosen (siehe: „Über den nervösen Charakter“ l. c.) abschliessend dargestellt habe.
15. Die Konstruktion der Wahnideen lässt sich bis in die Kindheit zurückverfolgen, wo sie sich aus Tagträumen und Phantasien in kindlicher Weise an Situationen irgend einer Herabsetzung anknüpften.
16. Die paranoische Haltung bringt nicht nur die Seele sondern auch den Körper in die ihrem Wahnsystem adäquate Rolle. Stereotype Redensarten, Haltungen und Bewegungen stehen mit der leitenden Idee in Verbindung, finden sich übrigens reichlicher im Grenzgebiet und im Rahmen der Dementia praecox.
17. Melancholische Züge finden sich häufig der Paranoia beigemengt. So treten insbesondere Klagen über schlechten Schlaf, über mangelhafte Ernährung etc. öfters auf und werden im weiteren Verlauf meist einer Verarbeitung in der Richtung von Verfolgungs-, Vergiftungs- oder Grössenideen zugeführt. Der letztere Weg zeigt sich zuweilen nur in der Betonung der Einzigartigkeit des Leidens.
18. Halluzinationen stehen im Zusammenhang mit der starken Einfühlung in die Rolle und vertreten aufmunternde oder warnende Stimmen. Sie ergeben sich in jedem Falle, wenn eine Willensrichtung des Patienten als inappelabel und gleichzeitig als unverantwortlich genommen werden will. Sie sind wie der Traum gleichnisweise zu verstehen, brauchen dem Patienten nicht verständlich zu sein, charakterisieren aber die Taktik des Patienten, die er einem bestimmten Problem gegenüber einschlagen will. Die Halluzination sowie manche der Träume ergeben sich als ein Kunstgriff der Objektivierung subjektiver Regungen, an deren scheinbare Objektivität der Patient sich unbedingt bindet. (Siehe die Traumtheorie des Autors in „Traum und Traumdeutung“, dieser Band — und im „Nervösen Charakter“ l. c.) Der Zwang zur Unverantwortlichkeit lässt die Führung des Willens durch eigene Bestimmung nicht zu und setzt an dessen Stelle scheinbar fremde Stimmen und Gesichte.
19. Dazu kommt als Befestigung des Systems die tendenziöse, d. h. dem Wahnsystem günstige Auswahl der Erinnerungen und die von der Endabsicht geleitete Auswertung der Erlebnisse. Von unserem Gesichtspunkt aus tritt die Tendenz derselben (Befestigung des Systems) und der entscheidende Zwang zu dieser Tendenz infolge der Zielsetzung (Zurück! Arrangement der Unverantwortlichkeit, Schuld des andern, Deckung des offenbaren Zusammenbruchs) womöglich noch deutlicher hervor.
20. Unsere Anschauung ergibt demnach, dass sich die Paranoia dort einstellt, wo normale Menschen etwa den Mut verlieren, wo labilere Naturen Selbstmord verüben oder querulierend alle anderen anschuldigen, wo ein aggressiver, den normalen Forderungen des Lebens feige ausweichender Mensch zum Verbrechen, zum Alkoholismus kommt, und wo nur im Gemeinsinn gutgeschulte Charaktere im Gleichgewicht bleiben. Gelegentlich findet man Beimischungen jeder der vorhergenannten Wendungen.
21. Das selbständge Ringen des paranoisch Disponierten nach dem Triumph über alle bringt es mit sich, dass jeder als Feind oder als Schachfigur angesehen und behandelt wird. Dem Paranoiker fehlt wie jedem nervös und psychotisch Erkrankten das echte Wohlwollen für den Mitmenschen; er ist niemals ein verlässlicher Mitspieler in der Gesellschaft und geht in schlechter Haltung alle menschlichen Beziehungen (Liebe, Freundschaft, Beruf, Gesellschaft etc.) ein. Diese Haltungsanomalie stammt aus einer niederen Selbsteinschätzung und einer Überschätzung der Schwierigkeiten des Lebens. Sie ist es auch, die ihn zum Arrangement der (Neurose und) Psychose verleitet. Seine feindliche Haltung zur Gesellschaft ist demnach keineswegs angeboren oder unausrottbar, sondern sie ergibt sich als ein verlockender Notausgang.
22. Die Paranoia klingt selten ab, weil sie an jener Stelle der Lebenslinie auftritt, an der der Patient seinen unwiderruflichen Zusammenbruch wittert. Sinnfällige, subjektive Übertreibungen können im Anfang der Korrektur unterzogen werden. Dann kann die Erkrankung heilen.
23. Die Haltung des zur Paranoia neigenden Menschen zeigt von Kindheit an einen aktiven Zug, der vor Schwierigkeiten leicht zum Stillstand kommt. Deshalb findet man im Leben des Patienten häufig Unterbrechungen der geradlinigen Entwicklung, scheinbar rätselhafter Natur. Alle diese den Fortschritt verzögernden Unternehmungen (auch häufiger Wechsel der Beschäftigung und Vagabundage) sind in Wirklichkeit durch die leitende Idee erzwungen: Zeit zu verlieren, um Zeit zu gewinnen
Herrschsucht, Unverträglichkeit, Mangel der Kameradschaftlichkeit, Fehlen von Liebesbeziehungen oder Auswahl gefügiger Personen sind regelmässige Erscheinungen im Leben des Erkrankten. Er zeichnet sich durch ein nörgelndes und ungerecht kritisches Wesen aus.
Anhang.
Aus den Träumen eines Melancholikers.
Ein 40jähriger Beamter wird in ein anderes Bureau versetzt. Vor 13 Jahren war aus dem gleichen Erlebnis heraus eine Melancholie entstanden. Auch diesmal fand er sich unfähig, den ihm bevorstehenden Dienst zu versehen. Nebenbei kamen auch noch Gedanken zum Vorschein, in denen er andeutungsweise den andern die Schuld gab. Sie nähmen sich seiner nicht an, legten ihm Schwierigkeiten in den Weg, kurz die Bahn zur Paranoia war in schwacher Andeutung wie fast immer bei M. wahrzunehmen. Von mir verlangte er Gift, um seinen Qualen zu entgehen. Was immer sich ereignete, er gewann ihm die schwärzeste Seite ab. Schlaflosigkeit, Verdauungsbeschwerden, vor allem aber ununterbrochene Depression und die ärgsten Befürchtungen für die Zukunft, von Tag zu Tag steigend, liessen die Diagnose unzweideutig sicherstellen.
Ich habe gezeigt, wie die Melancholie als das „Restproblem“ zu verstehen ist, bei dem die Individualität des Kranken, um den Krankheitsbeweis bemüht, darauf verfällt, sich die Schuld zu geben, sich zu verkleinern, um der offenen Entscheidung auszuweichen. Unser Patient z. B. wird es auf seine Art erreichen, entweder einen ungünstigen Erfolg zu hintertreiben oder durch seine Krankheitslegitimation abzuschwächen, oder einen günstigen Erfolg als Abschlagszahlung erscheinen zu lassen für eine fiktive Leistungsfähigkeit, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Niemals fehlt auch die vergewaltigende Inanspruchnahme anderer Personen, die durch die Krankheit erschüttert werden sollen und zu grösseren Anstrengungen im Dienste des Patienten angepeitscht werden.
Reduzieren wir diese Position auf eine kindliche, so geraten wir auf das Bild des weinenden Kindes. Die ersten Kindheitserinnerungen dieses Patienten nun sind folgende: er sieht sich auf einem Sofa als weinendes Knäblein. Eine zweite: seine Tante schlug ihn einmal, als er 8 Jahre alt war; da lief er in die Küche und rief unter Tränen aus: „du hast mir meine Ehre geraubt!“ Mit diesem individuellen Kunstgriff, andere durch sein Klagen zu erschüttern (zu vergewaltigen?) steht er auch jetzt der neuen Situation gegenüber. Nicht zu übersehen ist dabei, dass dieser Kunstgriff seines Lebens nur verständlich wird, wenn man annimmt, dass hier ein überaus ehrgeiziger Mensch nicht soweit an sich glaubt, als könnte er auf geradem Wege sein Ziel der Überlegenheit erreichen. Drittens sieht man deutlich, wie er, was mit all dem Früheren zusammenhängt, unter dem Drucke seiner heimlichen Gottähnlichkeitsidee in der Wirklichkeit der Verantwortung für seine Leistungen enthoben sein möchte, um seinen Gott nicht auf die Probe stellen zu müssen. So erklärt sich seine zögernde Attitude und das unbewusste Arrangement des „Restes“, der Distanz von seinem Ziele der Überlegenheit, das er bei jeder neuen Entscheidung zu verlieren fürchtet.
In der ersten Woche der Behandlung träumte er den in Kapitel 19 berichteten Traum vom Weltuntergang. Hier finden wir alle oben hervorgehobenen Mechanismen der Melancholie. Er setzt den Fall einer vollkommenen Unverantwortlichkeit in seinem Sinne, er zeigt sich als der Stärkere, und seine Phantasie spielt wie ein Gott mit dem Schicksal der Welt. Alles ist erlaubt, wenn alles verloren geht2)! Ist nicht die gleiche Melodie in seinem: du hast mir die Ehre geraubt? Wie er sich klein macht, — müssen wir da nicht als Fortsetzung denken: jetzt komme ich mit dem ärgsten Gegenzug? Liegt nicht die Selbstmorddrohung in der Luft, ist nicht die Depression als Pression benützt?
Alles soll sich seinem Willen beugen! Darauf zielt die Konstruktion seiner Melancholie. Hier der zweite Traum: „Ein Mädchen, das ich auf der Gasse sah, kam zu mir ins Zimmer und gab sich mir hin.“ Der Hintergrund dieses Traumes? Wie fern ist er aller offenen Aggression! Aber es muss ein Zauber in ihm wohnen, der alle gefügig macht. Ausserdem hilft er aber wie ein Taschenspieler nach und drückt mit dem Weltuntergang, mit seiner Depression auf die andern.
Ein dritter Traum zeigt uns das Arrangement seiner Depressionen. „In einem andern Bureau, das er in Wirklichkeit ausgeschlagen hatte, findet er sich leicht in die Arbeit. Alles geht gut und schön. „D. h. dort wo ich nicht bin, dort ist das Glück.“ Eine Annahme, durch seine Tendenz aufgeworfen, um die gegenwärtige Situation schmerzlich zu empfinden. Eine Widerlegung ist nicht möglich, denn es handelt sich um eine unerfüllbare Bedingung, wenn er sich anderswo sieht. Könnte man ihn dorthin versetzen, so fände er andere Ausflüchte.
Fuente: Alfred Adler, «Melancholie und Paranoia. (1914.) Individualpsychologische Ergebnisse aus den Untersuchungen der Psychosen», en Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XXI, págs. 171-182 (I. Melancholie, págs. 172-177; II. Paranoia, págs. 177-181; Anhang, págs. 181-182). Según el propio texto (S. 172), la comunicación estaba preparada «casi en la misma forma» para el congreso de psicología y psiquiatría de Berna de 1914, que no llegó a celebrarse a causa de la guerra; no se ha encontrado una publicación anterior a 1920 (no está en la Zeitschrift für Individualpsychologie de 1914). La «Vorbemerkung» es, al menos en parte, posterior: cita la 2.ª edición de Über den nervösen Charakter (1919) y «el presente volumen». Transcripción tomada del ejemplar digitalizado por Google y publicado en archive.org (praxisundtheori00adlegoog; fichero local 1920/1920_Praxis-und-Theorie-der-Individualpsychologie__archive.pdf, págs. 184-195 del PDF). El OCR de ese ejemplar es deficiente y la copia con mejor OCR que señala el inventario (archive.org, bub_gb_oZ4MAAAAIAAJ) no está disponible localmente: el texto se ha transcrito de nuevo de las imágenes (OCR propio con Tesseract a 300 ppp, revisado página a página sobre la imagen y cotejado con el OCR de archive.org). Ortografía original de 1920 (ss por ß). Se conservan las grafías y erratas de la impresión: «zummindesten», «selbständge», «neurösen Charakter» (S. 178, por nervösen), «Studie über Minderwertigkeit von „Organen“» (comillas internas), «Studie über Minderwertigkeit der Organe, 1917» (la Studie es de 1907; 1917 es la fecha de su reedición), «Attitude», el punto que falta tras «gewinnen» (S. 181) y las comillas desparejadas en la cita del tercer sueño. El «Traum vom Weltuntergang» remite al «Kapitel 19», pero el sueño se cuenta en el cap. XX del libro («Lebenslüge und Verantwortlichkeit…», 1914). Las listas de la «Vorbemerkung» van sangradas en el original y se reproducen como cita. Las cursivas reproducen el espaciado (Sperrsatz) del original. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.