Kinderpsychologie und Neurosenforschung.

Von Dr. Alfred Adler, Wien.

I.

Wenn man das Gemeinsame in den Beziehungen des Kindes und des Nervösen zur Umgebung bezeichnen will, so ergibt es sich als deren Unselbständigkeit im Leben. Beide haben es nicht so weit gebracht, den Aufgaben des Lebens gerecht zu werden, ohne sich der Dienstleistungen anderer zu versichern. Und zwar fordert dies der Nervöse in viel höherem Maße als durch das Gesetz der Sozietät erheischt wird. Nur was im Falle des Kindes naturgemäß die Familie, das leistet im Falle des Nervösen Familie, Arzt und weitere Umgebung. Ist es beim Kinde die Hilflosigkeit und Schwäche, so wird in der Neurose das Mittel des »Krankseins« erfaßt, um die entsprechenden Personen vor erhöhte Aufgaben zu stellen und ihnen größere Leistungen oder Verzichte aufzuerlegen.

Die Ähnlichkeit in den »verstärkten Forderungen« also kann uns schon den Vergleich nahelegen. Wichtiger sind die Erkenntnisse der »vergleichenden Individualpsychologie«, die uns zeigen, daß wir in der Individualität eines Menschen seine Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und sein Ziel wie in einem Brennpunkt sehen. Ja wir sind gezwungen anzunehmen, wenngleich wir erst nach längerem Studium Beweise hierfür erlangen, daß wir in den Haltungen und Ausdrucksbewegungen, kurz im modus vivendi einer Person auch die Spuren der äußeren Einwirkungen aus ihren Reaktionen zu erkennen vermögen.

Mit dieser Anschauung sagen wir nun: daß es eigentlich in der Individualpsychologie nicht angeht, fertige Begriffsbestimmungen wie Wille, Charakter, Affekt, Temperament, ja jede seelische Eigenschaft anders zu verstehen, denn als Mittel, die einem geformten Lebensplan entsprechen und ihn ausführen. So wird als Wille eines Patienten erscheinen, in die Behandlung zu kommen, sobald ihm dies als Krankheitsbeweis erforderlich wird, wodurch sein Lebensplan, etwa die Einschränkung seines Kampfplatzes auf das Haus, z. B. bei der Platzangst, ganz erhebliche Förderung erfährt. Derselbe Patient wird gelegentlich später den Willen zeigen, die Behandlung zu verlassen, wenn ihm ein Mißerfolg der Kur als Mittel zur Fortführung desselben Planes nötig erscheint. Das heißt aber: wenn einer zwei gegenteilige Zwecke verfolgt, so kann er doch dasselbe wollen! Oder wenn Sie die beiden Willensstrebungen auf zwei Personen verteilen: wenn zwei nicht dasselbe tun, ist es doch oft dasselbe (Freschl, Schulhof). Daß in diesem Falle durch Analyse der Erscheinungen kein Verständnis zu gewinnen ist, kann sicher behauptet werden. Was uns dabei interessiert, das planvoll Individuelle, das persönliche Wesen, liegt als Vorbereitung vor der Erscheinung, als Ziel hinter ihr und ist in der Erscheinung selbst nur in einem Durchschnittspunkt getroffen. In beiden Fällen wird aber auch die ganze Summe der notwendig dazugehörigen Erscheinungen, Energie, Temperament, Liebe, Haß, Verständnis, Unverstand, Leid und Freude, Besserung und Verschlimmerung, soweit und in solchem Ausmaße vorhanden sein, daß der vom Patienten gewollte Ausgang sichergestellt erscheint! Daß auch die Bewußtheit und Unbewußtheit des Denkens, Fühlens und Wollens durch diesen Zwang zur Gestaltung der Persönlichkeit diktiert wird, kann leicht nachgewiesen werden und so ergibt sich auch die Verdrängung als ein Mittel und als eine Schablone des individuellen Seins, nicht etwa als dessen Ursache.

Die gleichen Zusammenhänge gelten, wie ich gezeigt habe1, von der Determination des Charakters und seiner Stellung als Mittel im Dienste der Persönlichkeit. Die Abstufungen der konstitutionell gegebenen Kräfte, ihre Abschätzung durch das Kind, die Erfahrungen des Milieus beeinflussen Zielsetzung und Lebenslinien. Stehen diese einmal fest, dann paßt der Charakter ebenso wie die Triebe ganz genau zu ihnen. Freilich darf man eine Gegensätzlichkeit oder Verschiedenheit in den Mitteln nicht ohne weiteres als grundlegende Unterschiede des Seelenlebens ansehen. So sehr sich auch ein Hammer von einer Zange unterscheiden mag, einen Nagel einzuschlagen glückt mit beiden. Bei nervös disponierten Kindern einer Familie sieht man zuweilen das eine im Trotz, das andere durch Unterwerfung um die Herrschaft in der Familie ringen. Ein fünfjähriger Knabe litt an der nicht seltenen Erscheinung, alles, dessen er habhaft werden konnte, zum Fenster hinauszuwerfen. Als er genug geprügelt war, erkrankte er an der Angst, er könne wieder etwas hinauswerfen. Durch beide Symptome gelang es ihm, die Eltern an sich zu fesseln und sich zu ihrem Herrn zu machen. — Einer meiner Patienten war bis zur Ankunft eines jüngeren Bruders das verhätschelte Kind der Familie. Seine Rivalität gegen den Jüngeren ging eine Zeitlang auf den Linien des Trotzes und der Indolenz, und um das Interesse der Eltern für sich zu gewinnen und wieder zu befestigen, kam er zur Enuresis und zur Nahrungsverweigerung. Es gelang ihm nicht auf diese Weise den jüngeren Bruder auszustechen. Da wurde er ein äußerst netter, fleißiger Knabe, mußte aber, um dauernd an erster Stelle zu stehen, seine Entwertungstendenz derart überspannen, daß eine schwere Zwangsneurose sich daraus entwickelte. Ein stark ausgesprochener Fetischismus verriet leicht die Hauptoperationsbasis dieses Patienten: das Arrangement der Entwertung der Frau als Folge der Furcht vor derselben. Was dieser Patient in einer wütenden Aggression von seinen Nebenmenschen zu erringen sucht, die Vormacht, erwarb sich sein jüngerer dereinst vorgezogener Bruder leichter durch einen hohen Grad von Liebenswürdigkeit; ein leichter Grad von Stottern verriet aber auch bei letzterem die Linien des Trotzes, des Ehrgeizes und der zugrundeliegenden Unsicherheit2.

So tritt uns der ganze Ablauf des Seelenlebens, so auch das neurotische Wollen, Fühlen und Denken, und der Zusammenhang der Neurose und Psychose als ein von langer Hand gefertigtes Arrangement, als ein Mittel zur siegreichen Bewältigung des Lebens entgegen. Die Anfänge aber führen uns regelmäßig in die Kindheit zurück, in der mit den Ausweisen der Konstitution, im psychischen Rahmen eines Milieus die ersten tastenden Versuche unternommen wurden, um zu einem sich aufdrängenden Ziel der Überlegenheit zu gelangen.

Um zu verstehen, worin das Arrangement des Lebenssystems besteht, wollen wir uns vor Augen führen, wie das Kind an das Leben herantritt. Wo immer wir nun die Entstehung seines Bewußtseins ansetzen wollen, es muß wohl ein Stadium sein, in welchem das Kind bereits Erfahrungen gesammelt hat. Es ist aber im höchsten Grade bemerkenswert, daß dieses Sammeln von Erfahrungen nur gelingen kann, wenn das Kind bereits ein Ziel vor Augen hat. Sonst wäre alles Leben ein wahlloses Herumtasten, jede Wertung wäre unmöglich und von notwendigen Gruppierungen, Heranbringung höherer Gesichtspunkte, Aneinanderreihung und Ausnützung könnte keine Rede sein. Jede Wertung ginge verloren, wenn das fiktive Maß, eben das fix angesetzte Ziel fehlte. Und so sehen wir denn auch, daß niemand seine Erfahrungen tendenzlos erleidet, sondern daß er sie macht. Das aber heißt wohl so viel, daß er ihnen den Gesichtspunkt abgewinnt, ob sie und wie sie seinen Endzielen förderlich oder hinderlich sein können. Was in den Erfahrungen und Erlebnissen wirkt und sich wirksam zeigt, ist ein auf ein Ziel gerichteter Lebensplan, der es auch ausmacht, daß wir unsere Erinnerungen immer in einer aufmunternden oder abschreckenden Stimme reden hören. Oder daß wir sie erst verstehen und richtig werten können, wenn wir diese Stimme in ihnen entdeckt haben.

Wo immer wir im Leben des Kindes oder anamnestisch ein Erlebnis, eine Erinnerung einer Untersuchung unterziehen, sagt uns die Erscheinung selbst gar nichts; sie ist an und für sich vieldeutig, jede Deutung aber muß erst hineingetragen werden und harrt ihres Beweises. Das heißt aber, daß das, was uns daran interessiert, gar nicht in dem Phänomen selbst liegt, sondern sozusagen vor und hinter dem Phänomen, und daß wir eine seelische Erscheinung nur verstehen können, wenn wir bereits intuitiv den Eindruck einer Lebenslinie gewonnen haben. Eine Lebenslinie aber ist erst durch mindestens zwei Punkte bestimmt. Und so ist auch vorzugehen, daß man anfangs zwei Punkte eines Seelenlebens verbindet. Dadurch erhält man einen Eindruck, der durch Hinzuziehung weiterer Erlebnisse erweitert oder eingeschränkt wird. Was dabei vorgeht, ist am ehesten einer Porträtmalerei zu vergleichen und wie diese nur an ihrer Leistung, nicht aber an Regeln zu bemessen. Oft hat man den Eindruck einer plastischen Attitude, wie in dem Falle einer meiner hysterischen Patientinnen, die an hysterischen Anfällen mit Bewußtseinsschwund, Armlähmung und Amaurose litt. Es ergab sich, daß sie, um ihren Mann sicher festhalten zu können, außer ihren täglich mehrmals auftretenden Anfällen äußerst scharfe Züge von Mißtrauen gegen jedermann, insbesondere gegen Ärzte an den Tag legte. Um ihr diese gegen andere abwehrende Haltung plastisch vor Augen zu führen, zeigte ich ihr, daß sie wie mit abwehrend vorgestreckten Händen distanzierend dastehe. Darauf teilte mir ihr Gatte, in dessen Anwesenheit die Kur vor sich ging, mit, gerade so hätten die ersten Anfälle ausgesehen, indem die Patientin plötzlich wie zur Abwehr gegen irgend jemanden die Hände ausstreckte. Die ersten Anfälle der Patientin waren eingetreten, als sie eine Untreue des Gatten befürchtete. Wie anamnestisch zutage kam, benahm sich die Patientin so wie in ihrer Kindheit, als sie auf kurze Zeit allein gelassen, fast einem sexuellen Attentat zum Opfer gefallen wäre. Wenn Sie diese zwei so entfernt liegenden Erscheinungen verbinden, erhalten Sie erst den Eindruck, der in keinem der beiden Phänomene an sich enthalten ist: die Patientin fürchtet allein gelassen zu werden! Und gegen dieses jetzt in Sicht tretende Erlebnis richtet sie sich mit der ganzen Wucht ihrer wertvollsten und brauchbarsten Erfahrungen. Nun erst erfahren wir, was wir schon voraussetzen konnten, daß sie bereits aus ihrem Kindheitserlebnis diese Nutzanwendung gezogen hatte: ein Mädchen müsse immer wen um sich haben. Damals bot sich ihr nur der Vater, und dies um so mehr, als dieser, fern jeder sexuellen Beziehung zu ihr, der Mutter ein Gegengewicht bieten konnte, die der älteren Schwester weitaus den Vorzug gab.

Aus diesen von mir und meinen Mitarbeitern schon öfters vorgetragenen Anschauungen geht die Unhaltbarkeit der Auffassung hervor, die den Krankheitsprozeß aus den Erlebnissen erklären will, wie es die französische Schule tut, und wie später Freud und insbesondere Jung hervorhoben, als ob der Patient an Reminiszenzen leide. Auch die dieswöchentliche Umarbeitung dieser Theorie, die dem Aktualkonflikt schon besser Rechnung trägt und sich so unserer Anschauung erheblich nähert, leidet noch an dem mangelhaften Verständnis der Lebenslinie des Patienten. Denn Erlebnis wie sog. Aktualkonflikt sind durch die wirkende Lebenslinie zusammengehalten, das unablässig hypnotisierende Ziel des Patienten hat es zustande gebracht, daß hier eine Erfahrung gemacht und dort ein Geschehnis zu einem Individualerlebnis erhoben wurde.

Für die Psychologie und insbesondere für die Psychologie des Kindes ergibt sich demgemäß die Notwendigkeit, nie aus einem einzelnen Detail, sondern immer nur aus dem ganzen Zusammenhang Schlüsse und Deutungen zu versuchen.

Wenn wir in der individualpsychologischen Deutung des obigen Krankheitsfalles weitergehen wollen, so genügt uns wieder die gewonnene Einsicht wenig, daß die Patientin das Alleinsein fürchtet. Denn auch diese Stimmungslage ist vieldeutig und sagt uns deshalb zu wenig. Wir wollen diesen Befund deshalb mit einem weiteren in Verbindung bringen. Die ersten Kindheitserinnerungen der Patientin sind durchtränkt von Gedanken und von Regungen der Rivalität gegen die Schwester. Insbesondere kommen immer wieder Erinnerungen an die Oberfläche, wie man ihre Schwester überallhin mitgenommen habe, während man sie allein gelassen habe. Wir sehen also auch in der Kindheitserinnerung, die Patientin als die früheste angibt, jenen gleichen Zug immer wiederkehren, und sind dadurch sicherer geworden, unsere Vermutung über die Lebenslinie der Patientin sei berechtigt. Ob wir damit aber auch ein weiteres Symptom der Patientin, einen anfallsweise auftretenden Kopfschmerz der als »reißend« beschrieben wird, verstehen? Und warum dieser Schmerz immer zur Zeit der Menses auftritt? Die anamnestischen Angaben der Patientin besagen, daß dieses Symptom kurz nach einer heftigen Szene mit der ungerecht handelnden Mutter aufgetreten sei. Die Mutter habe sie an den Haaren gerissen, und Patientin, die damals gerade die Menses hatte, lief voll Wut in den eiskalten Fluß, der an dem Gute vorüberfloß, in der Hoffnung, auf diese Weise krank zu werden oder zu sterben. Solche Wutanfälle, die, um den anderen zu treffen, bis zur Hintansetzung des eigenen Lebens gingen, hatte sie bei ihren beiden älteren Brüdern öfters gesehen. Während sie aber wie die Brüder handelt, verletzt sie auffallenderweise gleichzeitig ein Gebot, das für sie als Mädchen unbedingte Geltung hat: sie geht während der Menses im Winter in eiskaltes Wasser! Ihre Wut geht gegen ihre weibliche Natur! Und obwohl sie ihre Handlungsweise nicht versteht, sich an zunächst liegende Abfolgen von Ursachen und Wirkungen hält, zieht sie faktisch ein Resumé, das folgendermaßen lautet: meine Brüder revoltieren und sind die Herren im Hause; meine Schwester genießt die Gunst und Zärtlichkeit der Mutter; ich bin ein Mädchen, dazu die jüngere Schwester, mich läßt man allein, nur Krankheit oder der Tod können meine Erniedrigung aufhalten! In dieser Stimmungslage und in ihren Konsequenzen liegt so deutlich das Sehnen nach Gleichberechtigung ausgesprochen, daß ein Bewußtwerden desselben ganz überflüssig wäre. Das Resultat der Expansion genügt. Freilich hat es noch andere Gründe, daß dieser Vorgang im Unbewußten bleibt. Die Nötigung zum Bewußtwerden des Mechanismus besteht nicht, ja noch mehr! Das völlige Bewußtwerden des Vorganges müßte den erforderten Erfolg in Frage stellen: es wäre ganz ausgeschlossen, daß dieses Mädchen in ihrer Persönlichkeit intakt bleiben könnte, wenn sie sich das vor Augen hielte, was wir von ihr verstehen, daß nämlich die Hauptvoraussetzung ihres Lebens und ihres Lebensplanes auf einer tiefwurzelnden Empfindung ruht von der Minderwertigkeit der Frau! Um gegen eine solche Bloßstellung sich zu wappnen, zieht sie aus allen Erlebnissen die hierhergehörige Moral: um ihre Geltung zu bewahren, darf sie nicht allein bleiben! Und als sie die Geltung, den Einfluß, die Macht in bezug auf ihren Gatten zu verlieren fürchtet, tritt das indes herangewachsene Angriffs- und Verteidigungsorgan, als deren gewichtigsten Anteil wir die Neurose kennen, in Aktion, und beweist und erzwingt, daß sie wenigstens zum Scheine ihre alte Macht behält: sie darf nicht allein gelassen werden!

Sind wir so zum Zentralpunkt alles Wirkens, Fühlens und Denkens vorgedrungen, steht das seelische Porträt des Patienten klar vor uns, dann ergeben sich durch die Anschaulichkeit desselben eine Menge von weiteren Zügen und individuellen Eigenheiten von selbst. Die Furcht allein gelassen zu werden, muß doch wohl auch zur nächstliegenden Waffe, zur Angst, gegriffen haben. Eine diesbezügliche Erkundigung ergibt natürlich die Bestätigung. So z. B. tritt regelmäßig ein Angstanfall auf, wenn sie im Fond des Wagens allein sitzt, während ihr Mann vom Kutschbock aus den Wagen lenkt. Dieser Symptomkomplex ist die Antwort auf die Unterordnung, auf die Ausschaltung des eigenen Willens und auf das Fehlen der geforderten Resonanz. Unsere Patientin beruhigte sich erst, wenn sie selbst auch auf dem Kutschbock saß. Die Plastik dieser Attitude bedarf keiner weiteren Erörterung, wird übrigens von selbst noch deutlicher, wenn wir hören, daß auch dann noch Angstanfälle bei jeder Biegung des Weges, sowie bei jeder Begegnung mit anderen Fahrzeugen auftrat. In allen diesen Fällen griff sie ihrem Manne flugs in die Zügel, sie, die ungeübte dem kundigen Lenker. — Auch wenn die Pferde schneller liefen, bekam sie Angst. Sobald ihr Mann dies bemerkte, trieb er im Scherz die Pferde noch mehr an. Ihre Waffe der Angst versagte! Was nun geschah, ist bemerkenswert und wichtig für das Verständnis scheinbarer Heilungen: der Angstanfall trat nicht ein, damit ihr Mann die Pferde nicht antreiben könne!

Eine weitere, höchst bedeutungsvolle Einsicht ergibt sich jetzt mühelos bei der Beantwortung folgender, sehr berechtigter Frage: warum kam diese Patientin bei ihrem Streben zur Manngleichheit nicht dahin, selbst die Zügel des Gefährtes zu ergreifen? Ihre ganze Vergangenheit gibt uns eine ungeheuer bestimmte Antwort: sie traute sich diese Manngleichheit gar nicht zu, war vielmehr auf den Ausweg verfallen, sich des Mannes als Mittel, als Stütze, als Beschützers zu bedienen, um sich so über ihn zu erheben.

II.

Die Seelenkunde sowie die Pädagogik muß sich mehr als bisher auf die Erfahrungen des Neurologen und Psychiaters stützen. Ich brauche in diesem berufensten Kreise nicht weiter darauf einzugehen. Die Psychotherapie hinwiederum drängt uns mit Macht zur Erschließung des kindlichen Seelenlebens. Wenn es richtig ist, wie ich auch heute wieder zu zeigen versuchte, daß die Erfahrungen des Lebens, die Lehren der Vergangenheit, die Erwartungen der Zukunft, immer wieder zugunsten des in der Kindheit gefaßten, fiktiven Lebensplanes gerichtet werden, daß ein bißchen falsche Buchführung und ein wenig Autismus — und dies ist ja wohl seine Bestimmung! — genügen, um die alten Linien wieder zu gewinnen und die erhöhte Aggression offen oder verschleiert wieder zum Ausdruck zu bringen, dann bleibt nichts übrig, wenn man die Folgen eines solchen Lebens in der Einbildung gelebt, beseitigen will, als eine Revision dieses kindlichen Systems durchzuführen. Die dabei nötige Zusammenhangsbetrachtung glaube ich ins richtige Licht gerückt zu haben, den Symptomen, Charakterzügen, Affekten, der Einschätzung der eigenen Persönlichkeit des Kranken, sowie seiner Sexualbeziehung, gebührt dabei die Stelle wie der Neurose und Psychose im Ganzen: sie sind Mittel, Tricks, Zauberkunststückchen, die der Tendenz dienen, von unten nach oben zu kommen. In dem Erleben des Schicksals eines Patienten, in der Ergriffenheit des Psychotherapeuten durch das seelische Porträt bleibt ferner niemals der Eindruck der vermehrten Spannung einer Art Gehässigkeit aus, die zwischen dem Patienten und seiner Welt besteht, und wie er zur Bewältigung derselben zu gelangen hofft. Und wir schildern eigentlich kindliche Verhältnisse und die Kinderseele, wenn wir erzählen, wie aus der Angst eine Waffe wird, wie ein eigener Zwang gesetzt wird, um einen fremden zu verhindern, wenn wir von der zögernden Attitude im Falle einer Entscheidung sprechen, von der Beschränkung auf einen kleinen Kreis, vom Nichtmitspielenwollen, vom Kleinseinwollen und von Größenideen. Es wäre unrichtig, diese Erscheinungen als Infantilismen samt und sonders aufzufassen. Wir sehen bloß, daß, wer sich schwach fühlt, als Kind, als Wilder oder als Erwachsener, zu ähnlichen Kunstgriffen gedrängt wird. Deren Kenntnis und Übung stammt aber aus der individuellen Kindheit, wo nicht der gradlinige Angriff, die Tat, den Sieg verspricht, sondern meist der Gehorsam, die Unterwerfung oder die Formen des kindlichen Trotzes, der Schlafverweigerung, der Eßunlust, die Indolenz, die Unreinlichkeit und die mannigfaltigen Arten der deutlich demonstrierten Schwäche. In gewissem Belange ähnelt unsere Kultur auch der Kinderstube: sie gibt dem Schwachen besondere Privilegien. Ist das Leben aber der immerwährende Kampf, wie es das nervös disponierte Kind als stärkste Voraussetzung seiner Haltung erkennen läßt, dann kann es nicht ausbleiben, daß jede Niederlage und jede Furcht vor einer drohenden Entscheidung in Verbindung steht mit einem nervösen Anfall, der Waffe, der Revolte eines Menschen, der sich minderwertig fühlt. Diese Kampfposition des Nervösen, die ihm von Kindheit an die Richtung gibt, spiegelt sich in seiner Überempfindlichkeit, in seiner Intoleranz gegen jede, auch die kulturelle Art des Zwanges wider und zeigt sich in seinem steten Bestreben, sich solipsistisch der ganzen Welt gegenüberzustellen. Sie ist es auch, die ihn ständig aufpeitscht, die Grenzen seiner Macht zu überspannen, wie es das Kind tut, solange das Feuer nicht gebrannt, der Tisch nicht gestoßen hat. Die verstärkte Kampfposition, das verstärkte Messen und Vergleichen, das Pläneschmieden und Tagträumen, die kunstvolle Einübung technischer Kunststücke der Organe, ferner auch die ausgreifenden, trotzigen, sadistischen Bewegungen, der Zauberglaube und Gottähnlichkeitsgedanke wie auch die kunstvollen Ausbiegungen in die Perversion infolge von Furcht vor dem Partner finden sich regelmäßig bei Kindern, die unter einem unerträglichen Gefühl des Druckes, in verzärtelnder Verweichlichung oder unter erschwerter körperlicher und geistiger Entwicklung herangewachsen sind. Ein übergroßer Sicherungskoeffizient soll den Weg zur Höhe ermöglichen und vor Niederlagen behüten, — da schieben sich, wie durch ein Wunder, zwischen den Patienten und die Erfüllung seiner Aufgaben allerlei Hindernisse ein3, unter denen der Krankheitsbeweis als Legitimation immer die abschließende Rolle spielt. Nichtigkeiten werden wie bei der Zwangsneurose überschätzt und solange zwecklos hin- und hergetragen, bis die richtige Zeit glücklich vertrödelt ist.

Man kann nicht leugnen, daß dieses aufgepeitschte Drängen nach dem sicheren Erfolg zuweilen große Werke schafft. Was wir Nervenärzte davon sehen, ist zumeist ein trauriges ut aliquid fieri videatur, bei dem der natürliche Sinn der Organe verfälscht werden muß, um jede Bewegung bremsen zu können. Im Fanatismus des Schwachen kann jede Funktion pervertiert werden. Um einer Realitätsforderung zu entgehen, auch um den Schein eines ungeheuren Martyriums zu gewinnen, wird das Denken gedrosselt und macht dem Grübeln Platz. Durch ein kunstvolles System wird die Nachtruhe gestört, um die Müdigkeit des Tages und dadurch Arbeitsunfähigkeit vorzubereiten. Die Sinnesorgane, die Motilität, der vegetative Apparat werden durch tendenziöse Vorstellungen und durch tendenziöse Lenkung der Aufmerksamkeit zur Dysfunktion gebracht und die Fähigkeit der Einfühlung in schmerzhafte Situationen ruft Schmerzen, die in ekelhafte Erinnerungen, Ekel und Erbrechen hervor. Durch die von langer Hand her angesponnene Tendenz, dem geschlechtlichen Partner vorsichtig auszuweichen, die immer auch durch gleichgerichtete Ideale und ideale Forderungen protegiert wird, erscheint oft die durch die Kultur ohnehin eingeengte Liebesfähigkeit völlig aufgehoben.

In vielen Fällen erfordert die eigenartige Individualität des Patienten eine derart absonderliche oder eingeengte Stellung zum Liebes- und Eheproblem, daß sich der Typus und die Zeit der Erkrankung nahezu als vorherbestimmt ergeben. Wie weit die Formung eines solchen Lebensplanes in die Kindheit zurückreicht, ist aus ähnlichen Fällen wie den folgenden zu entnehmen:

I. Eine 34jährige Dame, die vor einigen Jahren an Platzangst erkrankt war, leidet derzeit noch an Eisenbahnangst. Schon in der Nähe eines Bahnhofes überfällt sie ein heftiges Zittern, das sie zwingt, umzukehren. Bei diesen und ähnlichen Erscheinungen ergibt sich das Bild, als wäre ein Hexenkreis als Hindernis gezogen. Ihre erste Kindheitserinnerung ist eine Szene zwischen ihr und der jüngeren Schwester, in der sie der Kleineren den Platz streitig macht. An der Vieldeutigkeit dieses Vorfalls besteht wohl kein Zweifel. Ziehen wir eine Linie bis zur Eisenbahnangst, der letzten ihrer Erscheinungen, und vergleichen wir diese mit der Erinnerung, etwa als ob sie auch der Eisenbahn den Platz streitig machen wollte, so ergibt sich sofort der Eindruck, daß die Patientin ausweicht, wo ihr die Herrschsucht nicht fruchtet. Solcher Fälle entsinnt sich die Patientin insbesondere aus dem Verhalten gegen ihre älteren Brüder, die sie zum Gehorsam zwangen. Wir dürfen demnach im Leben dieser Patientin erwarten, daß sie die Frauen zu beherrschen suchen wird, sich dagegen dem Willen des Mannes, des Kutschers, des Lokomotivführers, entziehen, schließlich auch Liebe und Ehe aus ihrem Leben ausstreichen wird. Ein wichtiges Detail ergibt sich aus einer weiteren Jugenderinnerung. Lange Zeit in ihren Mädchenjahren ging sie stets mit einer Peitsche bewaffnet auf ihrem Gute umher und schlug die männliche Dienerschaft. Wir werden demnach Vorfälle erwarten dürfen, aus denen auch Versuche klar hervortreten dürften, den Mann als Untergeordneten zu behandeln. Fast in allen ihren Träumen treten die Männer in Tiergestalten auf und werden von ihr überwunden oder geflohen. Ein einziges Mal in ihrem Leben trat sie einem Manne flüchtig näher: er erwies sich entsprechend unserer Erwartung als ein Schwächling, war homosexuell und berief sich vor der Verlobung auf eine Impotenz. Ihre Eisenbahnangst ist ihrer Ehe- und Liebesscheu adäquat: sie kann sich keinem fremden Willen anvertrauen.

II. Natürlich kann man diesen Mechanismus des »männlichen Protestes« auch in der Kindheit selbst studieren. Insbesondere deutlich zeigt er sich bei Mädchen; man findet diese Richtung der Expansionstendenz in den verschiedensten Variationen und entdeckt bald, wie auf diesem Wege die real erwarteten Spannungen des Kindes zu seiner Umgebung oft maßlos aufgepeitscht werden. Ich habe noch in keinem Falle dieses männliche Delirium vermißt.

Und aus dem Gefühl der Verkürztheit entwickelt sich regelmäßig ein Fanatismus der Schwäche, der uns alle Formen der Übererregbarkeit, des Negativismus und der neurotischen Kunstgriffe des Kindes verstehen läßt. Ein sonst gesundes, 3jähriges Mädchen bot z. B. folgende Erscheinungen: fortwährendes Messen mit der Mutter, furchtbare Empfindlichkeit gegen jede Form von Zwang und Zurücksetzung, Eigensinn und Trotz. Nahrungsverweigerung, Obstipation und andere Revolten gegen die Hausordnung setzten ständig ein. Der Grad ihres Negativismus wurde fast unerträglich. So führte sie eines Tages, als ihr die Mutter schüchtern eine Jause vorschlug, folgenden Monolog: »Sagt sie Milch, so trinke ich Kaffee, und sagt sie Kaffee, so trinke ich Milch!« Ihre Sehnsucht nach Manngleichheit kam häufig zum Ausdruck. Eines Tages stand sie vor dem Spiegel und fragte ihre Mutter: »Hast du auch immer ein Mann sein wollen?« — Später, als ihr die Unwandelbarkeit des Geschlechtscharakters klar geworden war, schlug sie der Mutter vor, sie wolle noch eine Schwester haben, beileibe keinen Bruder; dagegen werde sie, wenn sie groß sein werde, nur Knaben bekommen. So verriet sie später noch ihre unbedingte Höherwertung des Mannes.

III. Wegen ihrer vollendeten Deutlichkeit will ich noch aus dem Leben eines gesunden 3jährigen Mädchens folgende Details anführen: Seine liebste Beschäftigung bestand darin, die Kleider ihres älteren Bruders, anfangs nie der Schwester, anzuziehen. Eines Tages hielt sie bei einem Spaziergange den Vater vor einem Knabenkleidermagazin fest und wollte ihn bewegen, ihr dort Knabenkleider zu kaufen. Auf den Hinweis, daß ein Knabe auch keine Mädchenkleider bekäme, wies sie auf ein Mäntelchen, das zur Not auch für ein Mädchen geeignet sein konnte, und verlangte wenigstens dieses zu besitzen. Man kann in diesem Falle einen nicht seltenen Formenwandel der Leitlinie beobachten, der gleichwohl in Abhängigkeit vom männlichen Endziel steht: es genügt der Schein.

In den Fällen dieser zwei kleinen Mädchen, die ich typisch nennen kann, in denen wir einen Entwicklungsmodus beobachten, wie ich ihn ganz allgemein finde, ist es nötig, die Frage aufzuwerfen: welche Mittel bietet uns bisher die Pädagogik, diese eine Hälfte der Menschheit mit einem unabänderlichen Zustand restlos auszusöhnen, der ihr mißfällt? Denn — das eine ist klar: wenn dies nicht gelingt, so haben wir dauernd jenen Zustand vor uns, von dem ich schon ausführlich gesprochen habe; ein andauerndes Gefühl der Minderwertigkeit wird stets den Anreiz zur Unzufriedenheit und zu den mannigfachsten Versuchen und Kunstgriffen abgeben, trotz allem zum Beweis der eigenen Überlegenheit zu gelangen. So kommen dann jene Waffen zustande, teils von Wirklichkeitswert, teils imaginärer Art, die das äußere Bild der Neurose formen. Daß dieser Zustand auch Vorzüge hat, daß er eine intensivere, subtilere Art des Lebens ermöglicht, kommt in dem Momente nicht in Betracht, wo wir auf Abhilfe der viel größeren Nachteile sinnen. Diese Stimmungslage, an deren einem Pol das Gefühl der Minderwertigkeit, an deren anderem die Sehnsucht nach quasi-männlicher Geltung steht, wird noch verschärft, sobald das Mädchen den Knaben gegenüber in den Hintergrund gedrängt wird, sobald es seine Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt sieht, sobald die weiblichen Molimina, Menses, Geburt und Klimakterium mit neuen Benachteiligungen heranrücken. Es ist bekannt, daß diese Termine für die neurotische Revolte maßgebend, für uns demnach vorausbestimmbar sind. Haben wir so eine Wurzel des neurotischen Übels erfaßt, so ist es recht bedauerlich, daß wir weder im pädagogischen, noch im therapeutischen Inventar ein Mittel gefunden haben, die Folgen dieser natürlich und gesellschaftlich gegebenen Situation zu verhüten. Von unserem Gesichtspunkte aus ergibt sich vorläufig die Notwendigkeit, prophylaktisch und therapeutisch, die Unwandelbarkeit des organischen Geschlechtscharakters dem Kinde frühzeitig einzuprägen, alle Benachteiligungen aber als nicht unüberwindlich und als Schwierigkeiten des Lebens, wie andere auch verstehen und bekämpfen zu lehren. Damit, scheint uns, wird aus der Frauenarbeit auch jene Unsicherheit und jene Resignation schwinden, gleichzeitig auch die übertriebene Geltungssucht, die sie so oft als minderwertig erscheinen läßt4.

IV. Der Fall eines 10jährigen Knaben, der zeigen soll, wie im gesellschaftlichen Zusammenhang das irgendwo eingedrungene Gift, in unserem Falle der männliche Protest des weiblichen Geschlechts, auch auf den übrigen Teil, auf die Knaben übergreift und dort fast die gleichen Erscheinungen zeitigt. Es ist von vornherein bei der uns bekannten Natur des Menschen klar, daß sich der Knabe durch die meist offen betriebene, teils aus unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zutage tretende Höherwertung nicht bloß geschmeichelt, sondern noch mehr verpflichtet fühlt. So steigt auch bei ihm die Spannung, in der er sich zur Welt einstellt. Soweit dies mit realen Kraftleistungen einhergeht, balanciert ja unsere Kultur großenteils auf dieser Zuspitzung. Ein mäßiger Druck aber, der den Weg der kulturellen Aggression versperrt, genügt, um feindselige Haltungen, Gehässigkeit, Herrschgelüste und Imaginationen mächtig emporzutreiben. Der Knabe fürchtet oft seinen Verpflichtungen nicht gerecht werden zu können, jenes Maß von Geltung nicht erreichen zu können, das ihm zur männlichen Vollkommenheit nötig erscheint. Und so sieht man schon frühzeitig, bei organischer Minderwertigkeit, bei gedrückten und verhätschelten Kindern, den Beginn des Pläneschmiedens, der Hast und der Gier, um trotz allem zur Überlegenheit zu gelangen, was für viele Fälle, ein Ausnützen ihrer Schwäche, eine allgemein zögernde Attitude, ein sich Festlegen auf Zweifel und Schwanken, ein immerwährendes Zurück! zur Folge hat, — oder ein offenes und heimliches Revoltieren und ein deutliches Nichtmitspielenwollen. Damit ist der Boden der Neurose erreicht und man kann nun den Schaden besehen.

Der Fall von dem ich sprechen will, betrifft einen stark kurzsichtigen Knaben, der trotz aller Anstrengungen der 2 Jahre älteren Schwester nicht gewachsen war. Seine Aggression zeigte sich in immerwährenden Streitigkeiten. Auch die Mutter ließ sich kaum von ihm beeinflussen. Alle aber überragte an Geltung und Einfluß der Vater, der ein strenges Regiment führte und häufig auf die »Weiberwirtschaft« schimpfte. Der Knabe zeigte sich ganz nach dem Vater gerichtet, wie ich später noch nachweisen will. Nun schien ihm in seiner etwas bedrängten Situation der Beweis und die Zuversicht seiner dereinstigen Gleichwertigkeit mit dem Vater unsicher. Mit Knabenstreichen hatte er, wohl auch wegen seiner Kurzsichtigkeit, Unglück. Als er sich einmal der Schreibmaschine des Vaters bemächtigen wollte, schnitt ihm der Vater kurzerhand diese wissenschaftliche Betätigung ab. Der Vater war ein passionierter Jäger und nahm den Knaben zuweilen auf die Jagd mit. Dies scheint nun endlich diejenige männliche Attitude gewesen zu sein, die dem Knaben seine Gleichheit mit dem Vater und seine Überlegenheit über das »Weibervolk« bewies. Denn, so oft ihn der Vater nicht mitnahm, erkrankte der Knabe an Enuresis, worüber der Vater immer außer sich geriet. Später ereignete sich der nächtliche Unfall auch, wenn der Vater dem Knaben sonstwie seine Autorität spüren ließ. In einigen Unterredungen kam dieser Zusammenhang zutage, und ferner auch, daß er sich die Enuresis dadurch ermöglichte, daß er sich in der Halluzination des Traumes die gebräuchlichen Utensilien herbeizauberte. Es war leicht zu ersehen, daß sein Leiden eine heftige Revolte war und gegen den Vater zielte: vor oder nach dem nächtlichen Unfall träumte er zumeist, der Vater (der ihn nicht zur Jagd mitgenommen hatte) wäre gestorben. Über seine Zukunftspläne befragt, antwortete er, er wolle Ingenieur werden wie der Vater und eine Haushälterin anstellen. Ich fragte ihn, ob er nicht wie der Vater heiraten wolle? Er lehnte diese Zumutung ab mit der Bemerkung, die Frauen wären nichts wert und hätten nur für Putz Interesse.

V. Ähnlich und doch ganz anders zeigen sich die Erscheinungen des männlichen Protestes bei einem 8jährigen Knaben, der an status lymphaticus litt und geistig wie körperlich etwas zurückgeblieben war. Er kam wegen Zwangsmasturbation in Behandlung. Seine Mutter widmete sich fast nur den jüngeren Geschwistern und hatte ihn der Pflege der Dienstboten überlassen. Sein Vater war ein jähzorniger Mensch, der immer Befehle erteilte. Des Knaben Minderwertigkeitsgefühl offenbarte sich in einem schüchternen, scheuen Wesen und in einer dankerfüllten Haltung gegenüber von Personen, die sich mit ihm beschäftigten. Die weitreichendste Kompensation, die er gesucht hatte, fand er in einem rastlosen Interesse für Zauberkünste, auf die er durch Märchen und Kinovorstellungen verfallen war. Weit mehr als andere Kinder stand er in deren Banne und war eigentlich immer darauf aus, einen Zauberstab zu finden und ins Schlaraffenland zu kommen. Eine teilweise Realisierung dieser Idee gaukelte er sich derart vor, daß er immer andere alles für sich machen ließ. Das Zerrbild dessen, was er beim Vater sah, der gleichfalls alle in seinen Dienst stellte. Er konnte diesen Weg nur gehen, wenn er selbst unfähig und ungeschickt blieb. Also blieb er es.

Die masturbatorischen Erscheinungen waren nach langer Zeit von der Mutter bemerkt worden. Nun wendete sie wieder ihr Interesse dem Knaben zu. So gewann er wieder Einfluß auf die Mutter. Sein Kurs war erheblich gestiegen. Wollte er nicht sinken, so mußte er bei der Masturbation bleiben. Also blieb er dabei.

Sein Ziel, dem Vater gleich zu sein, verriet sich nebenbei auch in einem zwangsartigen Antrieb, steife Hüte erwachsener Personen, ähnlich dem kleinen Gernegroß, an sich zu bringen.


In einer kurzen Schlußbetrachtung möchte ich mir gestatten, unsere Erkenntnis von den neurotischen, in der Kindheit angesponnenen Kunstgriffen, auf die Kindheit der Menschheitsgeschichte auszudehnen. Der Glaube an eigene und fremde Zauberkräfte lag früher deutlicher zutage, ist aber auch heute fast allgemeine Voraussetzung des menschlichen Verhaltens. Die Furcht des männlichen Neurotikers vor der Frau und seine Gehässigkeit finden ihre Analogie im Hexenwahn und in der Hexenverbrennung, die Furcht des weiblichen Patienten vor dem Mann und sein männlicher Protest widerspiegeln uns die Furcht vor Teufel und Hölle und den Versuch, Hexenkünste zu betreiben. Es soll nur kurz darauf hingewiesen werden, wie durch die Erniedrigung der Frau die gegenseitige Unbefangenheit in der Liebe leidet, wie die Erziehung ganz allgemein darauf ausgeht, einen gegenseitigen Zauber an Stelle von Schätzung zu postulieren, die männliche Autorität gewaltsam durchzusetzen, und anderes mehr, was alles aber weniger einer seelischen Hygiene förderlich, als es vielmehr das wahnhafte Denken befruchtet.

Resumé.

I. Im Begriff des »Lebens« ist der organische und seelische Modus bereits vorgebaut, der uns als »Zwang zur Zielsetzung« überall entgegentritt.

II. Der ununterbrochene Anreiz zur Zielstrebigkeit ist beim Menschen durch Gefühle der Insuffizienz gegeben. Was wir Triebe nennen, ist schon der Weg und erweist sich als durch das Ziel orientiert; und die Fähigkeit des Wollens sammelt sich trotz scheinbarer Widersprüche, um zu diesem einheitlichen Ziele durchzudringen.

III. Genau so wie ein insuffizientes Organ eine unerträgliche Situation schafft, aus der zahlreiche Kompensationsversuche ihren Ursprung nehmen, bis sich der Organismus seiner Umwelt wieder gewachsen fühlt, — ebenso erwirbt die Seele des Kindes in ihrer Unsicherheit jenen Fond von Kraftzuschüssen, die seine Gefühle der Unsicherheit überbauen.

IV. Die Erforschung des Seelenlebens hat in erster Linie mit diesen tastenden Versuchen und Kraftanstrengungen zu rechnen, die aus den konstitutionell gegebenen Realien und unter probeweisen, schließlich erprobten Ausnützungen des Milieus erwachsen.

V. Jedes seelische Phänomen kann deshalb nur als Teilerscheinung eines Lebensplanes verstanden werden. Alle Erklärungsversuche, die davon Abstand nehmen, um durch Analyse der Erscheinung, nicht ihres Zusammenhanges, in das Wesen des kindlichen Seelenlebens einzudringen, sind deshalb als verfehlt zu erklären. Denn die »Tatsachen« des Kinderlebens sind nie als fertige Tatsachen, sondern im Hinblick auf ein Ziel als vorbereitende Bewegungen zu sehen.

VI. Nach diesem Konspekt aber geht nichts ohne Tendenz vor sich. Wir wollen es hier unternehmen, folgende Leitlinien als die wichtigsten hervorzuheben.

Realtätigkeit.a) Ausbildung von Fähigkeiten, um zur Überlegenheit zu gelangen.
b) Sich messen mit seiner Umgebung.
c) Erkenntnisse sammeln.
d) Empfinden eines feindseligen Charakters der Welt.
e) Verwendung von Liebe und Gehorsam, Haß und Trotz.
Imagination.f) Ausbildung des Als Ob (Phantasie, symbolische Erfolge).
g) Verwendung der Schwäche.
h) Hinausschieben von Entscheidungen; — Deckung.

VIII. Als unbedingte Voraussetzung dieser Richtungslinien findet man einzig ein hoch angesetztes Ziel, das im Unbewußten bleiben muß, um wirksam zu sein. Dieses Ziel ist je nach Konstitution und Erfahrung mannigfach konkret eingekleidet und kann in dieser Form, regelmäßig in der Psychose, bewußt werden.

IX. Die regelmäßigste Einkleidung, neben der im Bedarfsfalle andere oft scheinbar widersprechende zu finden sind, ist nach dem Schema »Mann — Weib« gebildet und deutet auf die Summe aller Macht, deren das Kind teilhaft werden will. Der darin erfaßte Gegensatz, in der Regel das Weibliche, wird als das feindliche Element, zugleich als das zu unterwerfende bekämpft.

X. Alle diese Erscheinungen treten beim Nervösen scharf hervor, weil der Patient sich bis zu einem gewissen Grade durch seine Kampfstellung jeder weitergehenden Revision seiner kindlichen Fehlurteile entzogen hat. Dabei kommt ihm sein dadurch gefestigter solipsistischer Standpunkt sehr zuhilfe.

XI. So kann es uns nicht wundernehmen zu erfahren, daß jeder Nervöse sich derart benimmt, als ob er den Beweis seiner Überlegenheit, immer auch den über die Frau ununterbrochen zu erbringen hätte.

Diskussion gemeinsam mit derjenigen über die Vorträge Häberlin, Hattingberg und Schrecker.

[Aus der Diskussion:] Adler: Schlußwort.

Ich kann meinen Dank für das Interesse und die Aufmerksamkeit der Versammlung nicht besser zum Ausdruck bringen, als wenn ich in sachlicher Weise auf die in der Diskussion vorgebrachten Einwände eingehe. Herr von Hattingberg bemängelt meine Anschauung, sofern sie die Phänomene des gesunden und kranken Seelenlebens als »Erscheinungen« vermerkt, und er glaubt dann einen Einwand gefunden zu haben, wenn er wie zum Scherz auch meine Anschauung als »Erscheinung« und wie er unmotiviert hinzufügt, deshalb als »belanglos« hinstellt. Er verwechselt leider das Arbeitsgebiet der Neurose mit meiner Individualität. Für letztere ist sie »Erscheinung«. Für die Neurose ein Mittel des Verständnisses. Ich habe keineswegs die Verpflichtung, wie einige Herren zu fordern scheinen, den »Stein der Weisen« zu finden. Habe es auch nicht behauptet. Sondern nur, daß meine Anschauung einen Fortschritt bedeutet und mehr zu sehen ermöglicht, als andere Standpunkte in der Neurosenforschung. Auch interessiert mich die Frage nicht, ob ich den »Stein der Weisen« gefunden habe. Wollte ich diese Frage lösen, so hielt mich das bloß von meiner Arbeit ab, auf die es mir ankommt.

v. Hattingbergs Frage, ob ich auch in der Tierseele einen Lebensplan annehme, führt schon tiefer. Man mag hier theoretisch leugnen soviel man will: sobald es aufs Handeln ankommt, wird jeder eine Haltung annehmen, aus der zu ersehen ist, daß er mit diesem Lebensplan rechnet. Mehr wie beim Menschen scheint der Lebensplan des Tieres in körperlichen Formen und in deren Bedeutung zu liegen. Fände in Zehntausenden von Jahren ein Forscher den Rest einer Katzenpfote, so könnte er aus ihr ableiten, wie sich dieses Tier in seiner Umgebung zurechtzufinden suchte.

Auf die bedeutsamen Fragen des Herrn Professor Bleuler kann ich nur kurz zurückkommen. Der Lebensplan des Kindes erwächst ihm aus dem Zusammenstoß seiner Mittel mit den Schwierigkeiten seiner Umgebung und entwickelt sich aus einem probeweisen Austasten und Vorhersehen. Da Schwierigkeiten zu überwinden sind, ergibt sich ein Ziel der Expansionstendenz, der Überlegenheit. Nun kann es vorkommen, — und dies ist nicht selten, daß dieses Ziel auf verschiedenen Wegen, oft scheinbar entgegengesetzten, angestrebt werden kann; oder die Verschiedenheit der Mittel, — in unserem Falle der nervösen Symptome, — ist ganz besonders im Lebensplan begründet. Ebenso finden wir die Bewußtheitsqualität dort, wo sie nötig, ebenso unbewußte Vorgänge, wo die Bewußtheit hinderlich wäre. Damit erscheint freilich die Rolle des Unbewußten und der Verdrängung aus der Überschätzung in der bisherigen Neurosenpsychologie auf ein richtigeres Maß zurückgeführt.

Herrn Dr. Feri will ich sagen, daß er uns in der Ablehnung aller Mystik kaum übertreffen dürfte. Der Streit zwischen mechanistischer und teleologischer Anschauung kann zur Not noch in der Theorie weiter geführt werden. Da er aber außerdem die Zielstrebigkeit zugibt, ist er bereits geschlagen. Denn dann ergibt sich das Ausweichen vor Schwierigkeiten und Hindernissen von selbst, und wir haben vor uns, was manche noch leugnen möchten: den neurotischen Lebensplan.


Fuente: transcripción a partir de Zeitschrift für Pathopsychologie, hg. von Wilhelm Specht, Ergänzungsband 1: Offizieller Bericht der Verhandlungen des Internationalen Vereins für medizinische Psychologie und Psychotherapie in Wien vom 19.-20. September 1913 (Leipzig und Berlin, 1914), S. 35-52 (ponencia) y 126-127 (réplica final de Adler en la discusión), ejemplar de la University of Wisconsin digitalizado por Google (Internet Archive; fichero local 1914/1914_Zeitschrift-Pathopsychologie_Ergbd1_Kongress-1913_Kinderpsychologie-und-Neurosenforschung__archive.pdf, págs. 39-56 y 130-131 del PDF), corregida sobre las imágenes. Se respetan las erratas del original que no afectan al sentido (falta el punto VII en el resumen: la tabla de líneas directrices hace sus veces; «Freschls», «hielt mich»). Cotejado con la versión publicada como «Zur Kinderpsychologie und Neurosenforschung» en la Wiener klinische Wochenschrift 27 (1914), n.º 17, S. 511-516 (fichero local 1914/1914-04_Wiener-klinische-Wochenschrift_Jg27-Nr17_Kinderpsychologie-und-Neurosenforschung__archive.pdf, OCR propio sobre las imágenes), con nota «Vortrag, gehalten am Kongreß für Psychotherapie und medizinische Psychologie in Wien 1913»: el texto de la WKW es una redacción revisada, sin el Schlußwort. Variantes principales de la WKW: añade al final del primer párrafo «Damit aber wird neben der Schwäche leider ihre Stärke in ein besonderes Licht gestellt»; añade «Lust und Unlust» a la enumeración de fenómenos y «oder als ätiologische Dissoziation» tras «grundlegende Unterschiede»; tras el caso de la paciente histérica intercala «Die Untreue des Gatten ist für jede Frau ein individuell verschiedenes Erlebnis und darf nicht an sich beurteilt werden» y cierra el caso con «Wieder erkennen wir die Voraussetzung ihres Denkens und Handelns, ihr weibliches Minderwertigkeitsgefühl: ein Mädchen darf nicht allein bleiben!»; «das Sehnen nach Gleichberechtigung» se lee «die Erwartung der Gleichberechtigung»; en el caso I faltan la frase del «Hexenkreis», «des Kutschers, des Lokomotivführers» y «entsprechend unserer Erwartung»; en el caso II se añade que la niña «suchte nach einer Ausgleichsmöglichkeit»; «jene Resignation» se lee «quälende Aggression» y falta la mención de la «übertriebene Geltungssucht»; el final del caso IV está redactado como diálogo (el niño tomará una vivienda y una sirvienta; no se casará porque «die Weiber schauen nur auf Putz»); el resumen se titula «Schlußsätze» y falta la consideración final sobre la historia de la humanidad (brujas, magia). El cotejo se hizo con OCR propio (tesseract) de la WKW, de calidad mediana; pueden existir otras variantes menores. Los resúmenes del congreso en el Zentralblatt für Psychoanalyse 4 (1913/14) y en la Wiener medizinische Wochenschrift (6-VI-1914) son reseñas ajenas y no se usan. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa. Adler lo reimprimió en Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. VI, S. 41-53; allí lleva la indicación «Vortrag, gehalten am Internationalen Kongress für medizinische Psychologie und Psychotherapie 1913» (reimpresión no cotejada); véase la página del libro.

  1. Adler, »Über den nervösen Charakter«, Bergmann, Wiesbaden 1912. ↩

  2. Siehe Appelt, Fortschritte der Stottererbehandlung in »Heilen und Bilden«, Reinhardt, München 1913. ↩

  3. Siehe Adler, »Das Distanzproblem, eine Grundtatsache der Neurose u. Psychose«. Zft. f. Individualpsychologie Heft 1. Reinhardt, München. ↩

  4. Siehe Schulhof, Individualpsychologie u. Frauenbewegung, Reinhardt, München 1914. ↩