Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare.
I. Teil:
Die Behandlung der Seminaristen.
Von
Otto Rühle.
- Auflage (3.—5. Tausend.)
Leipzig. 1896. August Schupp.
Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare.
Von
Otto Rühle.
I. Teil:
Die Behandlung der Seminaristen.
Zweite Auflage.
Leipzig. August Schupp. 1896.
Vorwort.
„Kein Kunstwerk, aber ein Werk des Herzens.“
Diese Worte möchte ich meinem Schriftchen voransetzen.
Der aller Pädagogik, aller Bildung und Gesittung, wie aller Menschenwürde Hohn sprechende Jammer wahrhaft skandalöser Zustände, die in vorliegender Broschüre zu tage gelegt werden sollen, greift ins Herz; und es ist kein anderer Grund als dieser gewesen, der mir die Feder zur Abfassung dieses Schriftchens in die Hand gedrückt hat. Die, welche die Schneide des Schwertes treffen wird und treffen soll, werden sich natürlich bemühen, die Broschüre als einen Ausfluß gemeiner Rache hinzustellen. Sie vergessen oder verschweigen nur dabei, daß der Anfang zu derselben schon gemacht war, ehe mir von ihrer Seite aus Veranlassung gegeben wurde, etwa irgendwie Rache an ihnen zu üben. Daß das Gebahren und Verhalten der Oschatzer Seminar-Direktion, das ich nachfolgend in allen Einzelheiten wiedererzähle, mich veranlaßte, an dem gefaßten Plane
mit besonderer Zähigkeit festzuhalten, gebe ich zu; daß dieselbe mir dadurch nur noch mehr Stoff lieferte, ist ihre Schuld. Ich weiß nur zu genau, daß viele, unzählig viele von Herzen froh sein werden, wenn die Öffentlichkeit erfährt, wie es hinter den Coulissen zugeht. Diejenigen aber, die von der Sache falsch oder einseitig unterrichtet waren, bitte ich, nun auch mich anhören zu wollen und darnach erst ihr Urteil zu fällen. Daß es mancher früher that, war übereilt; eines Mannes Rede war schon bei Luther keine Rede.
Das Schriftchen will mit ruhigem Blute gelesen sein. Freilich ist das schwer, aber immer noch leichter, als es mit ruhigem Blute schreiben. Ich habe auch beim Schreiben nicht immer gebührend Maß halten können. Doch hoffe ich, daß es nicht zum Schaden sein wird, denn solch ekelhafte Speise wie diese muß man schon etwas würzen, um sie einigermaßen genießbar zur machen.
Die Broschüre hat eine Geschichte.
Als Seminarist begann ich mit den Vorarbeiten. Ich sammelte Schimpfreden, Zoten, Beispiele von Prügeleien, orthographische Fehler u. a. m. Für jeden einzelnen Fall suchte ich mir Unterlagen und Unterschriften von Zeugen zu verschaffen, um sicher zu gehen, da ich fürchtete, die Seminaristen könnten ihre mündlichen Aussagen verweigern, falls ich später von der Seminar-Direktion gerichtlich angegriffen werden würde. Die Sache wurde jedoch verraten, um eine Beschimpfung des Oschatzer Seminars zu vereiteln.
Wie köstlich! — Schlimm genug für eine sächsische Lehrerbildungsanstalt, wenn einer ihrer Schüler zu dem letzten Mittel, durch die Öffentlichkeit zu wirken, greifen muß, um das Leben auf derselben einigermaßen erträglich zu machen. Nicht das ist
ein Schimpf, daß man die Zustände aufdeckt, sondern daß sie überhaupt vorhanden sind. Die Eiterbeule wird nicht heil, indem man sie überpflastert, sondern indem man sie aufschneidet.
Die Sammlungen, die ich angelegt hatte, mußte ich nun — wiederholt nachdrücklich auf das äußerste hingewiesen, was passieren könne — dem Herrn Direktor J. ausliefern und versprechen, nichts aus dem Gedächtnisse über die Anstalt zu schreiben. Von der Art des Vorgehens mir und den beteiligten Schülern gegenüber, von den sonderbaren Andachten morgens und abends u. v. a. aus dieser stürmischen Zeit werde ich gelegentlich noch etwas ausführlicher erzählen.
Alle Zeugen, welche unterschrieben hatten, wurden verhört, obwohl mir Herr J. mit der Hand versprochen hatte, bis nach meiner Entlassung aus dem Seminare das Buch nicht anzusehen. So viel ich weiß, hat man mir aus meinen Notizen keine Unwahrheit nachweisen können.
Etwa acht Tage vor meinem Examen machte mir Herr J. die Eröffnung, daß er mir eine niedrige Sittencensur geben würde. Käme ich aber und bäte ihm alles ab, sollte die ganze Angelegenheit als Privatsache angesehen werden. Auf meine Frage, warum ich eine niedere Sittencensur erhalten sollte, hat er eigentlich gar nicht geantwortet; er sagte nur, daß er dem Kollegium auch nicht sagen würde, weshalb ich sie erhalte, würde auch meinem Herrn Bezirksschulinspektor sowie der Fr. v. B., zu der ich in Stellung ging, die Angelegenheit mitteilen, daß mir keine Nachteile erwachsen würden.
Auf diesen Charaktermord, die reine lautere Wahrheit abzubitten, ging ich natürlich nicht ein, und so war das Unglück da.
Die Sitten-Ib ist mir also von der Prüfungskommission
des Oschatzer Seminars auf Antrag des Vorsitzenden, Herrn Sem.-Dir. J., zuerteilt worden, ohne daß derselbe die genannte Kommission unterrichtet hatte, aus welchem Grunde dies geschehen sollte.
Am Abende meines Examens hat dieser Herr J. vor sieben Zeugen, ungerechnet die Prüfungskommission, noch einmal ziemlich dasselbe gesagt, was er acht Tage vorher mir unter vier Augen mitgeteilt, hat dann von Pietätlosigkeit und Undankbarkeit gesprochen und seine Rede in dem Satze gipfeln lassen: Untreue schlägt den eigenen Herren.
Dazu möchte ich an dieser Stelle etwas sagen:
Zum ersten: Ich bin sofort bereit, den Herren — ich spreche immer nur von gewissen — Ehrerbietung entgegenzubringen, wenn sie mir beweisen, daß sie dieselbe wirklich verdienen; der Name „Lehrer“ allein kann mich dazu nicht veranlassen.
Zum zweiten: Ist es ein Zeichen der Undankbarkeit, wenn einer dem Staate eine fressende Wunde zeigt? Was habe ich anderes thun wollen? Herr J. hat es selbst zu Protokoll genommen, daß der Zweck meiner Broschüre die Herbeiführung einer Reform gewesen ist. Daß die Lehrer an mir gearbeitet haben, dafür sind sie famos bezahlt worden, und wie diese Arbeit zuweilen ausgesehen hat, kann jeder aus einer in diesen Teil aufgenommenen Lateinstunde des Herrn Dr. P. und zwei im nächsten Teile angeführten s. Zt. nachstenographierten Unterrichtsstunden des Herrn Oberlehrer G. bewundern. Ich enthalte mich jedes Urteils, da die Thatsachen selbst genug sprechen.
Zu der „Untreue, die den eigenen Herrn schlägt“ etwas Gereimtes:
Ich habe Treue nicht gelobt,
Doch sprich, wie stehts mit Deinen Pflichten? —
Schon mancher glaubte sich erprobt . . .
Wenn nur der Sturm erst ausgetobt,
Dann werden andre noch Dich richten! — —
Natürlich habe ich mich mit dieser schmutzigen Wäsche an das Königliche Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts gewandt, und gebeten, für eine Abhilfe der Mißstände Sorge tragen zu wollen, meine Censur gegebenen Falles nicht zu ändern, aber zu untersuchen, ob die Art und Weise, wie sie mir erteilt worden ist, gerecht war. Lange blieb ich ohne Bescheid. Erst als ich nach Veröffentlichung einer Notiz in der „Deutschen Wacht“1 und einer Gegennotiz im „Dresdner Journal“,2 wonach ich einen Bescheid nicht zu erwarten hätte, mich wieder an die oberste Schulbehörde wandte, wurde mir der Bescheid, daß ich die Sitten „Ib“ wegen „achtungswidrigen Betragens gegen meine Lehrer“ erhalten habe. Ob die Art der Erteilung dieser Sittencensur seiner Zeit gerecht war, weiß ich heute noch nicht. Ich darf nicht wagen, den Schiedsspruch meiner obersten Behörde einer Kritik zu unterziehen, kann aber nicht unterlassen, etwas hinzuzufügen. Ganz wahrscheinlich besteht mein „achtungswidriges Betragen gegen meine Lehrer“ in einer Klausel, die ich in meinen später ausgelieferten Sammlungen den Notizen über die unterrichtliche Thätigkeit des Herrn Oberlehrer G., von welcher der II. Teil handeln wird, hinzufügte. Dieselbe war allerdings ziemlich stark; ob sie aber der Wahrheit entbehrt, mag man erst nach Veröffentlichung des zweiten Teiles beurteilen. Sie war auch nicht für die
Öffentlichkeit bestimmt, kein Schüler hat sie durch mich erfahren. Darum bekam ich, als ich den Bescheid des Königlichen Ministeriums erfuhr, einen sonderlichen Gedanken: Es müßte niedlich sein, wenn es für Seminaroberlehrer und Seminardirektoren auch Sittencensuren gäbe. Was für eine denn wohl Herr Seminar-Direktor J. erhalten würde, der sich nicht entblödete, zu einem seiner Seminaristen von einem seiner „lieben Kollegen“ zu sagen: „Wissen Sie, der Mann ist ein Lump!“?
Das „Dresdner Journal“ machte auf die Notiz in der „Deutschen Wacht“ hin bekannt, daß in dem betreffenden Seminar eine Remedur bereits eingetreten sei. Ein neuerdings eingetretener Fall beweist jedoch, daß die Zustände, wenigstens nach dieser einen Seite hin, noch die alten sind. — „Ein Sextaner hielt seine Violine ganz schief. Herr Oberlehrer M. wollte sie geraderücken, deswegen schlug er ihn an den Ellenbogen, so daß die Geige aus der gewöhnlichen Haltung dem Sextaner an die Nase flog, das diese blutete.“ —
Es gehen ja viele Wege nach Rom. —
Die in der Broschüre angeführten Thatsachen beruhen vollständig auf Wahrheit. Woher ich die Unterlagen habe, will ich nicht verschweigen: Die Herrn J. ausgehändigten Sammlungen besaß ich doppelt. — Wenn ich nun Herrn J. seiner Zeit die Versicherung gegeben habe, daß nach Auslieferung des Materials nichts mehr in meinem Besitz sei, was diese Angelegenheit betreffe, und ich doch noch etwas besessen habe — so bin ich ein Falschmünzer. Ob ich aber der Falschmünzer um eine Jota größer bin, als jener, der mir mit der Hand versprach, die ihm ausgehändigten Sammlungen bis nach meiner Entlassung aus dem Seminar liegen zu lassen, ohne hineinzusehen — und schon am anderen Tage über alle unterschriebenen
Zeugen, von denen ich keinen Einzigen verraten hatte, eine hochnotpeinliche Untersuchung verhängte, überlasse ich anderen zur Beurteilung. Daß dieser Herr nun gerade mit Vorliebe auf mein gegebenes Versprechen hinweist, berührt eigentümlich. Es erinnert mich dieses Gebahren lebhaft an das des Haupthelden der Oschatzer Skandalscenen, der seine Schüler mit Fäusten bearbeitet, einen sogar mit einem starken Spazierstocke geschlagen hat, dann aber, als ich ihm die Zähne zu zeigen begann, mich auf die „christliche Nächstenliebe“ hinwies, die für manche Menschen nur zu existieren scheint, wenn es ihnen an den Kragen geht. Daß ich die Sammlungen damals herausgab, war für mich unumgänglich, da mir die Alternative gestellt wurde: ich solle entweder die Sachen frei herausgeben oder man würde mir die Schlüssel gewaltsam nehmen und meine Schränke durchsuchen. Ich konnte also nichts anderes thun, als einen Teil herauszugeben und den anderen zugleich in Sicherheit bringen. Der so häufig dieser Sache wegen angerannte Seminarist B. ist dabei völlig unschuldig. Hätte Herr J. wirklich im Falle des Gelingens aus eigenem Antriebe eine Reform der Zustände herbeigeführt? Aus welchem Grunde hat er sich darum beharrlich geweigert, die ihm übergebenen Sammlungen vor meinen Augen einzusiegeln und der obersten Schulbehörde vorzulegen? Warum hat er erst dann begonnen, als die Flamme ausbrach, und nicht eher, wo er von seinen Schülern darum gebeten wurde? — Um meine Haut zu wahren, hätte ich das Versprechen nie gegeben, von dem ich im ersten Augenblicke wußte, daß ich es brechen müßte; aber um meiner armen Eltern willen, denen ich drei Wochen vor meinem Abgange den Kummer nicht anthun wollte, davongejagt zu werden, bin ich zum Wortbrüchigen geworden. — Der Punkt ist für
mich sehr peinlich. Ich will auch keinesfalls versuchen, mich reinzuwaschen. Wenn sich aber einer mir zum Sittenrichter aufwerfen will, darf er nicht selbst dasselbe Werg an seinem Rocken haben.
Ich weiß, es wird mir mancher Feind und mancher Nachteil aus der Saat, die ich jetzt säe, erwachsen; aber ich wage den Kampf bis aufs Messer — weil ich für die Wahrheit meine Waffen führe.
Ich weiß auch, daß viele, viele tief aufatmen und Gott danken werden, wenn das lang ersehnte Büchlein endlich da ist.
Habe ich eine Unwahrheit gesagt oder Schmutz geworfen auf Personen und die Anstalt, an die ich — leider — mit Schrecken zurückdenke, so mag man kommen. —
Mir gehen mancherlei Gefühle durchs Herz.
Alle jedoch werden sie überwogen von der Zuversicht, daß es auf Gottes weiter Erdenwelt noch eine Wahrheit und Gerechtigkeit giebt und geben muß, die meine Sache gewiß zum Besten lenken wird.
Borna bei Bornitz,
am Tage des Erscheinens.
Der Verfasser:
Otto Rühle.
I. Die Behandlung der Seminaristen.
„Es geht kein andrer Weg nach Küßnacht!“
(Schiller: Tell.)„Schau' nicht zurück!
Denk' an das Weib des Lot!“
Es hat einmal ein Pädagog gesagt, das Seminar müsse im Leben jedes Lehrers einen Lichtpunkt bilden, auf den er sein Leben lang gern zurückblicke.3 — Ich habe an den Anfang dieses Teiles der Broschüre zwei Worte anderen Inhaltes gesetzt und glaube dazu berechtigt zu sein. Das erste ist durch das Vorwort genügend erklärt. Von dem zweiten bin ich überzeugt, daß es obenerwähnter Pädagog auch gesagt haben würde, hätte er seine Tage in dem Internate verbringen müssen, mit dessen wahrhaft entzückenden Zuständen sich nachfolgende Darlegung befassen soll. Wer von dem alten Virgil absolut weiter nichts kennt, als seinen Ausspruch: „O daß mir Gott diese verlorenen Jahre wiedergebe“4 und daneben die idyllischen Zustände des Oschatzer Seminars kennen gelernt hat, der könnte
anzunehmen versucht sein, Virgil wäre ein Schüler desselben gewesen.
Jedem denkenden Menschen ist es selbstverständlich, daß ein Mensch auch wirklich als solcher behandelt wird. Namentlich in der Erziehung junger Menschen wird eine menschenwürdige Behandlung zur unbedingt notwendigen und durchaus unerläßlichen Bedingung, da die Erfolge derselben von der Behandlung wesentlich mit abhängen. Insonderheit muß der künftige Lehrer an sich selbst erfahren, was menschenwürdige Behandlung ist, da er später seinen Kindern auch eine solche angedeihen lassen soll. Polack sagt: „Je menschenwürdiger die künftigen Lehrer des Volkes erzogen werden, desto mehr steht zu hoffen, daß die ihrer Pflege anvertrauten Seelen eine menschenwürdige Erziehung genießen.“ — Dem Ausspruche liegt die Überzeugung zu Grunde, daß es in der Erziehung künftiger Lehrer wirklich eine menschenwürdige Behandlung giebt.
In unseren Tagen hört man viele Klagen über die jüngere Lehrerschaft. Das Überschreiten des Züchtigungsrechtes bietet am häufigsten Veranlassung dazu. Die Gründe dieser unliebsamen Erscheinung glaubt man entweder in der überschäumenden Kraft und dem Eifer suchen zu müssen, mit dem der junge Lehrer an seine Arbeit geht, oder man schiebt die Schuld, um nicht länger in der Wunde zu bohren, dem großen Sündenbocke Zeit in die Schuhe. Selten schreibt man sie der Erziehung des Lehrers zu. Und das ist doch in den meisten Fällen das einzig richtige.
Man macht sich nämlich in der That keinen Begriff von der Art und Weise, mit welcher in einem sächsischen Lehrerseminare — Oschatz — künftige Lehrer des Volkes erzogen werden. Unter Zugrundelegung verbürgter Thatsachen will ich
dieselbe einmal unter die Lupe einer offenen, freimütigen Kritik rücken und die Öffentlichkeit um ihr Urteil anrufen.
In Oschatz herrscht ein ungemein roher Ton. Früh und abends wird zwar gesungen und gebetet; was nützt aber die schmale Goldleiste am Bilde, wenn dieses selbst das denkbar häßlichste und widerlichste ist?
Mit einer „musikoberlehrerischen“ Taktlosigkeit beginnt die Seminarlaufbahn jedes Seminaristen. Sie besteht darin, daß genannter Herr mit jedem neueintretenden Sextaner ausnahmslos Brüderschaft schließt, die freilich sehr einseitig ist. In Quarta und Tertia gesellen sich zu diesem allerdings nicht mehr regelmäßigem „Du“ von dieser und jener Seite her noch allerhand schmückende Beiwörter, die ein umfangreiches zoologisches Wissen bekunden und den Herren alle Ehre machen. Da sind einige: Esel, Kamel, Hornochse, Faultier, ekelhaftes Insekt, Stinkvieh. Außer dieser Kollektion zoologischer Liebenswürdigkeiten verfügen dieselben jedoch noch über einen ganzen Apparat anderer Titulaturen. Ich pflücke ein duftiges Sträußchen: Dummer Junge, grüner Junge, Drehkopf, Schlot, Kannegießer, Pinsel, alberner Narr, Erzpinsel, Großmaul, trauriger Schlappjee, elender Mensch, Vogelscheuche. — Man sieht, es sind feine, hochgebildete Herren, mit denen man es da zu thun hat! — Doch ich habe mir aus ihrem Anstands-Codex noch mehr notiert: Lump, Erzlump, ekelhafter Lump, Lumprich, Lumprian, Lumpenhund, elende Fratze, verdammter Faulpelz, verrottete Bande, dummes Geschöpf, elendes, dummes Thier, elender Fatzke, Lapprian, großguschiger Mensch, Erzlümmel, altes dummes Bauernluder, langstieliges Ungeheuer u. a. — Fürwahr, entzückende Kosenamen! Wackere Vorkämpfer für die Verfeinerung gesellschaftlicher Umgangsformen! — Doch
noch eine Blütenlese. „Elender Kerl! Ein Kerl, den man ein paar Mal an den Nischel hauen kann und großguschig ist der Mensch.“ — „Ich haue Ihnen ein paar hinter die Ohren, Sie Lausejunge!“ — „Wenn Sie etwas vorsagen wollen, haue ich Sie (!) aber eins in Ihre Fresse, Sie verfluchter Lump, trauriger!“ — „Da stehen sie da, die Pinsel, wie Blödsinnige; aber auf dem Turnplatze, da leisten sie was wie die Albernen mit Häckerlingsköppen und Wassernischeln.“ — „Halten Sie Ihr Maul, Sie dummes Kamel! werden Sie Wagenschieber oder [Ochsentreiber],5 dumme Kreatur!“ — „Sie Lumprich; solche Lumpriche mit der großen Schnauze.“ — „Ich haue jeden nieder, der aufsteht und moquiert! (Dazu den Regenschirm schwingend.) — Alle diese Liebenswürdigkeiten stammen von Herrn Dr. P., Seminaroberlehrer, früher in Oschatz, jetzt in Plauen i. V. — Zur Abwechslung noch einige von anderen. So Herr Oberlehrer S.: „Er Krautjunker; ich werde ihn bei seinen Schweinsohren anpacken und hinausschmeißen!“ — Herr Oberlehrer M.: „Ich haue Ihnen eins auf den Kopf, daß die rote Suppe an der Tafel runterläuft!“ — Die Herren leisten, wie Figura zeigt, außerordentliches. Sie haben es nicht allein in der Bildung einer Terminologie mit dem Stammworte „Lump“ fast zu einer gewissen Virtuosität gebracht, auch nach anderen Seiten hin verfügen sie über eine Unsumme „drastischer“ Bezeichnungen, die man in einer Notiz, welche nach Erscheinen der ersten Auflage durch eine Anzahl Amtsblätter ging, als Ausdrücke, die mir anstößig erschienen seien, und Äußerungen, in deren Wahl man sich
vergriff, zu bezeichnen die Naivetät besaß. Ein Kommentar ist wohl nicht von nöten. Neben der nochmaligen Versicherung, daß alles Wahrheit ist, dürfte eine Erinnerung an Lessings Wort „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, hat überhaupt keinen zu verlieren“ nicht überflüssig sein.
Wie mag daheim manche Mutter ihr Kind gehütet, das Auge manches Vaters über dem Thun seines Sohnes gewacht haben, daß er dem rohen Treiben der Gasse fern bleibe, daß die gottlosen Fluche und schmutzigen Redensarten roher und ungebildeter Menschen nicht auch die seinen werden möchten! Und wie viele Eltern mögen jetzt ihr Kind in den besten Händen wähnen, wo es, abgeschlossen von dem gemischten Leben der Welt unter der fürsorglichen Obhut ernster, gebildeter, liebevoller Männer seinem schönen Ziele entgegengeführt wird! O, wenn sie nur manchmal den Jammer sähen! Wenn sie nur einmal Gelegenheit hätten, Zeugen jener Skandalscenen zu sein, wo ihr Kind nicht allein die unflätigsten Beschimpfungen, sondern oft sogar Prügel ertragen muß! Wenn sie nur hineinschauen könnten in die Violin-, Klavier- oder Harmonielehrstunden, wo man den Schüler mit zotigen Gemeinheiten besudelt und in gewissenloser Weise Gift in die junge Seele spritzt. Nachstehende — leider6 nur sehr wenige — Beispiele werden meine Behauptung nicht Lügen strafen. — Was soll man z. B. dazu sagen, wenn fünfzehnjährigen Leuten die Weisung gegeben wird, „in die Harmonielehrhefte kein Löschblatt zu legen, das aussieht, wie ein A—wisch?“ — oder wenn ein Oberlehrer einen Schüler einer falschen Antwort wegen niederschreit:
„Quatschkopp, setz' dich off'n Sch—topp!“? — oder, wenn zwei Sextaner, die während ihrer Übungsstunde auf die Aborte gegangen sind, angebrüllt werden: „Habt ihr denn ausgek—t, ihr Sch—er? das hab' ich mir gedacht, daß ihr die ganze Übungsstunde versch—t!“? — oder wenn ein Oberlehrer zu Schülern auf der Krankenstube sagt: „Ihr Sch—kerle, wenn euch einmal ein F—z derquere fährt, da geht ihr auf die Bude!“? — oder wenn ein Oberlehrer im Violinvorspiele zu einem Liede singt: „Off'n F—z gekroppt, off'n F—z gekroppt!“ — oder wenn Quintaner, weil sie an einem kalten Tage das Fenster geöffnet haben, angeschrieen werden: „Setzt euch mit dem A—e in den Schnee, wenns euch zu wohl wird!“ — oder, wenn derselbe Herr jungen Leuten gegenüber von einem „moralischen Haltepunkte am Bauche“ und ähnlichen anderen unsauberen Dingen spricht — ? ? — Pfui Teufel, meine Herren, pfui Teufel! —
Ihr wollt der Jugend Lehrer sein? —
Ihr wollt sie zu der Höhe leiten! —
Nein, sag ich, nein und aber nein!
Zum Himmel muß die Schande schrein,
Wie Eure Hände sie bereiten. —
Man braucht wahrhaftig kein „Anarchist“ oder „Idealist“ oder „Pessimist“ zu sein, um getrieben zu werden, gegen derartige Zustände seiner gerechten Entrüstung Ausdruck zu geben. Unter solchen krassen — wie die „Deutsche Wacht“ richtig sagt — haarsträubenden Verhältnissen muß selbst der „bodenloseste Optimismus“ zu Schanden werden. Wir wissens alle: „Knabenzucht will harte Hände“ — aber Schmutz, ekelhafter Unrat darf nicht daran kleben!
Man denke sich nur die Wirkung solcher Roheiten und
alles bessere Empfinden verletzenden Gemeinheiten unter den Seminaristen! Nach den Unterrichtsstunden werden sie von gewissen Leuten x-mal aufgewärmt und stets von neuem belacht. Bald finden sich auch welche, die in ähnlichen Kraftleistungen ihren Vorbildern nacheifern und sie zu übertreffen suchen. Thut es der Herr Oberlehrer, ohne sich zu genieren, ist's dem Seminaristen natürlich auch erlaubt. So kommt es, daß Zoten und Roheiten bald gäng und gäbe sind, daß man sich ohne Skrupel der schamlosesten und rohesten Redensarten bedient, an denen das Oschatzer Seminar überreich genannt werden muß. Ich erinnere nur an das Schimpfwort, daß einer der Herren Musik-Oberlehrer so viel ich weiß einmal gebraucht, und das man seines thatsächlich nicht wiederzugebenden gemeinen Inhalts wegen zum „Spitznamen“ desselben erhoben hat, und an die oft gräßlichen Verwünschungen und Verfluchungen, die — ganz natürlich — auf die Häupter gewisser, bei den Schülern unbeliebter Lehrer manchmal herabregneten. Wie die Alten sungen . . . . . . — Es ist wahrhaftig eine Schande, daß sich unsere heranwachsende Jugend, die man einem so idealen Berufe zuführen will, in den Händen solcher Männer befindet.
Doch das Liedlein zum Ruhme des Oschatzer Seminars ist noch nicht ausgesungen. Es ist daselbst auch die Prügelei zu Hause.
Bruder Heinrich in Mariaberg schlug mit einem Schlüsselbunde; in Oschatz verleiht man dem „Lumpenhund“ oder dem „Stinkvieh“ mit dem Violinbogen, dem Buche, der Hand, der Faust oder dem Stocke, den gehörigen (oder besser: ungehörigen) Nachdruck. Das Königl. Sächs. Volksschulrecht fügt zur letzten und schärfsten auf Lehrerseminaren erlaubten Strafe ausdrücklich noch die Bemerkung hinzu: Körper-
liche Züchtigung ist kein zulässiges Strafmittel;“7 und doch werden die Seminaristen geprügelt. Schmisse mit einem oben und unten abgeschnittenen Violinbogen sausten fast in jedem Violinvorspiele auf die Finger und Handrücken und waren oft so schmerzhaft, daß es nicht selten kaum noch möglich war, die Violine zu halten. Auch der Kopf ist zu Zeiten bearbeitet worden. So hat Herr Oberlehrer M. einen Sextaner, der in der Harmonielehre falsch spielte, „mehrere Male gehörig mit der Faust auf den Kopf geschlagen“. Der arme Kerl kam nach drei Tagen darnach zu mir, und bat mich mit Thränen in den Augen, diesen Fall zu notieren; er könne es nicht mehr aushalten. Sein Primus hat die Notiz bestätigt. Noch ein anderer Einzelfall liegt mir vor. Klasse III, Sektion II hat Violin-Repetition. Herr Oberlehrer M.: Geige hoch! Ein Seminarist hebt die Geige nicht genügend hoch. Der Herr Oberlehrer schreit und kommt auf denselben zu, haut ihn mit seinem zerbrochenen Violinbogen auf die Finger der linken Hand, daß der betreffende Schüler die Geige nicht mehr halten kann, sondern sie herunternehmen muß. Dabei sieht Herr Oberlehrer M., wie an dessen rechter Hand die Fingernägel nicht genügend verschnitten und geputzt sind; er giebt ihm eine Ohrfeige (der Schüler war 18 Jahre alt) und sagt: Wo bist Du Kartoffellesen gewesen? — Darauf packt er ihn am Kragen, schmeißt ihn an die Wand, faßt ihn wieder, macht die Thür auf und wirft ihn hinaus und sagt: Gigerl spielen (der langen Nägel wegen) und in die Conditoreien laufen, das kannst Du, aber weiter nichts! — (3 Jahre zuvor
hatte nämlich der Tertianer seine Mutter in den Osterferien in eine Conditorei in Oschatz begleitet.) Der Fall ist durch die Unterschrift des mißhandelten Schülers und den Zusatz: „Stimmt mit der Wahrheit vollständig überein“ verbürgt. — Genannter Seminarist hat späterhin noch einmal notgedrungener Weise den „geschundenen Helden“ einer ähnlichen Spektakel-Komödie abgeben müssen. Die erste Lateinstunde in Quarta war zu Ende. Der Lateinlehrer war ein Mann, den ich am besten dadurch zu charakterisieren glaube, indem ich darauf hinweise, daß die angeführten Titulationsblüten zum guten Teile Produkte seiner Kraft sind. Die älteren Klassen hatten uns ihn in den lebhaftesten Farben geschildert. Allotria, Radau, Feixerei, Brüllerei, Balgerei, Prügelei machten seine Unterrichtsstunden aus. Der Seminarist hat für alles den Kollektivnamen: Schloterei. Die erste Stunde verlief mäßig, obwohl wir uns eigentlich alle mehr oder weniger auf das bisher niegesehene, aber von anderen Klassen vielbesprochene Schauspiel einer allgemeinen Rauferei zwischen Lehrer und Schüler, einer oberbayrischen Kirchweih — Raufi en miniature — schon lange gefreut hatten. Natürlich, dafür sitzen in Quarta 16—17jährige Leute. Nach der Stunde aber wurde ein äußerst lebhafter und lauter Meinungsaustausch geführt. Plötzlich geht die Thür auf, Herr Dr. P. stürzt kochend vor Wut und Erregung herein, packt den ersten besten, der vor den Bänken herumhopst, und schüttelt ihn in einer Weise ab, die aller Beschreibung spottet. Die sich schnell auf die Plätze flüchtende Schar der übrigen ist für den ersten Augenblick vor Schreck fast sprachlos. Bald aber ist sie wieder mobil und einige haben Mühe angesichts der ungemein rohen, daneben aber im höchsten Grade zum Lachen reizenden Scene ein Auf-
lachen zu verbeißen. Einer vermags nicht mehr zu verdrücken und platzt heraus. Im Nu läßt der stutzende und schnaufende Herr Oberlehrer sein Opfer fahren, und stürzt sich auf den „ekelhaften Feixjee“, schüttelt ihn nach Kräften ab und schlägt ihm seine zwei mittelstarken gebundenen Unterrichtsbücher mit großer Wucht auf den Kopf. — Der ganze Vorgang ereignete sich nach der Stunde. Das Lachen des Schülers hatte die Grenze des Statthaften und Schicklichen nicht überschritten, eine Maßregelung war also im gewissen Sinne nicht berechtigt, keineswegs wenigstens in dieser Form. Zudem hatte Herr Dr. P. durch sein eines Lehrers unwürdiges Gebahren selbst die Veranlassung zum Lachen gegeben.
Solche und ähnliche Scenen kamen leider nur zu häufig vor, oft täglich, manchmal sogar täglich mehrmals. Ein Schüler ist einmal so in die Bank hin und her geworfen, abgeschüttelt und abgewalkt worden, daß er noch eine Zeit darnach ganz rote Flecken am Leibe hatte. Einen andern hat derselbe Herr mit den Fäusten den Rücken bearbeitet, einem dritten die Jacke zerrissen, einem vierten die Uhr beschädigt, das Chemisette zerrissen, einem sogar mit seinem ziemlich starken Spazierstocke geschlagen. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Jeder Schüler, der bei Herrn Dr. P. Unterricht „genossen“ hat, ist von demselben „abgeschlotet“ worden. Ohrfeigen gab es gelegentlich auch von anderen Herren. Daß auch die Seminaristen an derartigen Skandalscenen zum Teil die Schuld trugen, gebe ich zu, aber ich finde es auch begreiflich. Von den vorhergehenden Klassen in eine unglaubliche Spannung und Erwartung versetzt, gab sich jede neu in das Regiment des Herrn Oberlehrers eintretende Klasse
natürlich Mühe, die ihr bis jetzt fremden Vergnügen möglichst bald kennen zu lernen. Diesem Bestreben einerseits kam ein großes Mißtrauen andererseits entgegen, das oft auch in den unschuldigsten, harmlosesten Sachen absichtliche Kränkung, Bosheit und Rüpelhaftigkeit witterte. So platzten die Geister (und auch die Körper) aufeinander. Daß zuguterletzt nicht ein Schimmerchen von Ehrerbietung und Achtung unter den Schülern, diesem Manne gegenüber, vorhanden war, bedarf keiner Erwähnung. Es gab auch noch andere Lehrer, die es nicht recht vermochten, straffe Disciplin zu halten, aber in ihren Stunden sind niemals Ausschreitungen vorgekommen, die jenen nur im entferntesten geähnelt hätten. Das beweist, daß die Hauptschuld auf das Konto des Lehrers zu setzen ist. Ich will die Seminaristen durchaus nicht in Schutz nehmen, was Recht ist, soll Recht bleiben. Sie haben oft zu Mitteln der raffiniertesten Art gegriffen, um die Wut ihres Oberlehrers zu entfachen, weil sie sich mitunter dabei ganz köstlich amüsierten. Das kann aber kein Grund sein, über diese Angelegenheit das Mäntelchen des Vergessens und Verschweigens zu decken. Aus nachstenographierten Bruchstücken und ständigen Ausdrücken, Redensarten etc. hat man eine Unterrichtsstunde dieses Herrn zusammengebaut, die eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Originale aufweist. Ich lasse sie folgen:
Eine Latein-Stunde.
Der Herr Oberlehrer geht schweigend und mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab, die Schüler sitzen in den Bänken und übersetzen untereinander. Der Unterricht hat noch nicht begonnen. Plötzlich bleibt der Herr Oberlehrer vor einem Schüler stehen und fängt ein Gespräch an.
Oberlehrer: Hören Sie mal, Sie treiben doch auch lieber Musik als Latein?
Schüler (bleibt natürlich in der Bank sitzen): Nu, das ist klar!
Oberlehrer: Nu, hören Sie mal, warum denn nicht, Bursche? Denken Sie denn etwa, Latein kann Ihnen nichts nützen? Was? Oder haben Sie kein Interesse daran?
Schüler: Nu, viel Interesse hab ich gerade nicht dran.
Oberlehrer (erregt): Ja, ja, Kerl, Sie sind och so e alberner, einfältiger, naseweiser, großmäuliger Pinsel, der alles besser weiß!8
Schüler: Aber, Herr Doktor . . .
Oberlehrer: Halten Sie Ihr ungewaschenes Maul, dummer ekelhafter Rülpser, Schlot widerhaariger! Das ist eben heutzutage so, da denken diese Kerle, wenn sie sechs Jahre lang ihre Hosen durchgerutscht haben, da müssen sie Schulmeister werden, die Schlurkse. Und nachher, wenn sie draußen sind, da pfeifen sie auf die litteris . . . (Läuft aufs höchste erregt hin und her und fuchtelt mit den Armen. Sieht nach der Uhr.) Na, jetzt ist es wohl Zeit, woll'n mal anfangen. Wir haben am letzten Male . . . (Hinten murmelt noch einer.) Halten Sie Ihr Maul, Geselle (brüllend), sonst gehen Sie naus! Kannegießius! Fitzke! Fatzke! — (Rennt zu irgend einem hin und wird handgreiflich.) . . . (Brüllend): Wenns Ihnen nicht paßt, gehen Sie ab! — Werden Sie Kellner, Talent hamm Sie dazu und ooch scheene Hosen! — (Die Klasse amüsiert sich köstlich, der angerannte Schüler opponiert halblaut.) . . . Kerl, nu setzt's aber Ohrfeigen;
langer, widerhaariger Schlot! . . . Solche Bagage kriegt einfach eine rein! (Läuft pustend und keuchend auf und ab.) . . . (Nach einer Weile): Na, nu woll'n wir aber anfangen. Fangen Sie an, S.!
Schüler (erhebt sich, das Buch in der Hand): Soll ich erst nachübersetzen?
Oberlehrer (hat die Frage nicht verstanden, zum Primus sich wendend): Hören Sie was will er, der dumme Mensch? (Der Primus wiederholt die Frage.) Oberlehrer zu dem betreffenden Schüler gewendet: Nu natürlich . . . (S. übersetzt nach, aber falsch.) Ach Herr Jeses, ist der Mensch dumm! Hör'n Sie mal, Borneo! (Oberlehrer verzieht das Gesicht gräßlich und fährt mit der Hand über die Stirn.) [Eine Stimme aus dem Hintergrunde halblaut: Der ist wieder mal krank.] (Oberlehrer hört, daß einer spricht.) Ja, und ekelhafte Lumpenbande (wütend), das große Maul verbitte ich mir, sonst giebts ganz einfach etwas mit der Hand! In etwas ruhigerem Tone zum Nächsten: Fahren Sie fort, der Nächste! Der Kerl (er meint S.) ist ja stupid, kraßdumm, hornig, borneadenmäßig! (S. macht Bemerkungen.) Ja, ja, Kerl, nur nicht's Maul gebrauchen und nicht gefeixt! (Der Vordermann von S. dreht sich um und lacht diesen an. Der Oberlehrer stürzt sich auf ihn: Rum, Geselle! und nicht Allotria getrieben! (Rückt ihn zurecht, in der Klasse lebhafte Bewegung, Kichern, Poltern.)
Schüler X. (fängt an zu übersetzen): Interim accidit . . .
Oberlehrer: Richtig! Nu weiter! . . . Das Subjekt heißt wie? — (Sagt einer vor.) . . Wenn ich nur diesen ekelhaften Einbläser rauskriegen könnte; da setzte es aber etwas hinter die Ohren und außerdem e Kapitel. Na, wie heißt das Subjekt?
Schüler X.: Es.
Oberlehrer: Richtig! Und das Prädikat?
Schüler X. schweigt.
Oberlehrer: Na, das ist wohl wieder für Ihren Horizont zu hoch, Dummrian? [Aus dem Hintergrunde: Der ist ja krank.] Rennt hinter und brüllt den ersten besten an: Halten Sie ihr Maul, Schlot! . . . (Geht langsam wieder zurück, in höchster Erregung, den betreffenden Schüler scharf im Auge behaltend.) Wie heißt das Prädikat? Sie? (fragt den Nächsten.)
Schüler N.: accidit!
Oberlehrer (tief Atem holend): Nu natürlich! . . A verbo?
Schüler X.: accido . . .
Oberlehrer: Herrjeh, ist der Mensch dumm! Solche Kannegießer! Lumpenpack, Donnerwetter noch emal! Und dabei das große Maul! (Dabei guckte er einen an, der gar nicht beteiligt ist und deshalb verwundert dreinschaut.) Ja, ja, Schlot! (Die Klasse amüsiert sich, es wird eine allgemeine Unruhe, man kichert, auf der vorderen Bankreihe giebt einer einen lauten Ton von sich. Der Oberlehrer hopst in die Höhe.) Wer war der Rülpser? (Brüllend): Wer war das? (Niemand meldet sich.) Niemand? . . . Waren Sie's? (fragt den letzten.)
Schüler: Nein!
Oberlehrer: Sie? (fragt einen anderen.)
Schüler: Keine Ahnung!
Oberlehrer: Nu ja, natürlich, wieder e mal kee Cenzger von dieser elenden Bande. Solche Schlote soll man nun zu Volksbildnern heranziehen, die weiter nischt können als Schloten. Bei mir setzts nun ganz einfach Ohrfeigen. Und wenn ich morgen im Fracke vors Ministerium treten soll, das ist mir ganz wurschtikado. Also vorwärts, Schlot!
Schüler N.: Weiß nicht, wo es ist.
Oberlehrer: Ja, nu schreiben Sie mal den auf (zum Primus, der eine Liste führt), der mags schriftlich übersetzen.
Schüler N.: (opponiert).
Oberlehrer: Was haben Sie wieder zu maulen und zu guschen, feixiger Patron, alberner Pippch! Werden Sie Bogenkratzer oder Gastwirt, e Renommierstöckchen hamm Sie auch, da brauchen Sie kee Latein. Oder werden Sie Musikante, Kerl, und blasen Sie mit vom Turme runter. (Ist ganz außer Atem.) . . . . . Nu wollen wir aber schnell machen, sonst kriegen wir nicht emal e Kapitel fertig! Übersetzen Sie los, aber e bischen fix! (Der nächste übersetzt, der Oberlehrer guckt immer über das Buch weg und lauscht.) Und wenn ich den Schlot nicht bald rauskriege, der immer wieder mitspricht, da sperre ich die ganze Klasse nächsten Sonntag ein! . . . Weiter! (übersetzt weiter) Richtig! Na, der ist wenigstens ein bißchen beschlagen.
Schüler M. (hat den Oberlehrer falsch verstanden): Ich wäre verschlagen?
Oberlehrer (auffahrend): Schlung, das kann Ihnen ganz egal sein, vielmäuliger Bursche! (Der Nächste übersetzt, der Oberlehrer richtet plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit nach einer Seite und läuft dann stracks auf einen Schüler los): Sie schreiben wohl gar über, Dummrian?
Schüler W. verneint.
Oberlehrer (hat nicht recht verstanden): Hör'n Sie, was will der alberne Mensch?
Schüler W.: Aber Herr Doktor, ich habe gar nicht nachgeschrieben.
Oberlehrer (laut): Ruhe Kerl! Was ich sehe, das sehe ich, und was ich höre, das höre ich!
Schüler W. (für sich): Da hat mans!
Oberlehrer: Unverschämter! (Wird handgreiflich. Vorn geht ein grenzenloser Skandal los. Plötzlich läßt der Oberlehrer den W. los und stürzt sich auf H., ihn mit dem Buche bearbeitend und aus Leibeskräften schreiend: Schlote! Schlote! elende Schlote!) (H. hebt die Hand.) . . Was wollen Sie?
Schüler H.: Herr Doktor, o, o, mein Arm!
Oberlehrer: Nieder Kerl! (haut den Arm mit dem Buche nieder.)
Schüler H. (steht wieder auf): O, o Herr Doktor.
Oberlehrer: Nieder! (bearbeitet G. von neuem, dessen Schmerz nur simuliert ist.)
Schüler H.: O, Herr Doktor, 's Blut kommt! (kann sich jedoch des Lachens nicht mehr enthalten.) Der Oberlehrer stürzt sich wieder auf H. und schlägt auf ihn ein. Alles ist in größter Aufregung, lautes Lachen, Brummen geht durcheinander. Dann packt der Oberlehrer den nächsten besten an, rüttelt und schüttelt ihn ab, immer brüllend: Schlote! Schlote! . . . . . (Es schlägt. Der Oberlehrer nimmt Hut und Stock und läuft glühend vor Wut hin und her.) Elende, traurige, lumpige, krasse Lumpenbande, Schlote ekelhafte; allesamt das Kapitel und nächsten Sonntag Arrest! (Ab. Lautes Lachen und Johlen — traurig, aber wahr — folgt ihm.) — — — — — —
Derjenige Leser, der in diese Zustände nicht eingeweiht ist, wird nach dieser Glanzprobe nicht wissen, was er sagen soll. Es ist ein schauderhaftes, haarsträubendes und tief zu beklagendes Elend, das in diesem Seminar krassiert. Und Stunden dieser Art stehen nicht vereinzelt da. Tage-, manchmal wochenlang haben sie sich in allen möglichen Schattierungen bald heftiger, bald mäßiger wiederholt. Von dem ganzen Treiben hätte natürlich keine Rede sein können, hätte sich der
betreffende Oberlehrer so betragen, wie es seine Stellung als Lehrer forderte, und wäre er fleißiger in seinen Unterrichtsstunden inspiziert worden. Aber auch Herr Direktor J., der doch sicher von diesen Zuständen gewußt, hat damit so lange gewartet, bis seine Schüler selbst anfingen, sich zu erheben und man Vorbereitungen traf, dem Spaß ein Ende zu machen.
Auch in den Turnstunden kam es manchmal zu verwandten Auftritten. Ein Fall mag für das Ganze reden: Der Seminarist G. hat im Kürturnen am Reck geturnt und dann eine Pause gemacht. Herr Oberlehrer S. sieht ihn pausieren, kommt vom Sprungkasten aus direkt auf ihn zu, packt ihn und brüllt ihn an, warum er nicht geturnt habe. G. sagt, er habe ja geturnt. Darauf stößt der Herr Oberlehrer einen unartikulierten Laut aus, packt ihn wieder, schüttelt ihn ab und drückt ihn zusammen, daß G. das Gleichgewicht verlor und beinahe zur Erde gefallen wäre. G. mußte nun fortgesetzt turnen und bekam zu Ostern „wegen unangemessenen Betragens“ die Sitten-Ib. — (Wörtlich angeführt nach der mir übermittelten und unterschriebenen Notiz des betreffenden Schülers.)
Auch die Orgel- und Klaviervorspiele waren an Püffen und Rippenstößen reich gesegnet. — Einmal hatte der Lateinlehrer mit einem Seminaristen vor Beginn des Orgelvorspiels Skandal, — was keine Seltenheit war — der damit endigte, daß er diesen in Gegenwart des Musikoberlehrers abschüttelte. Nach einiger Zeit kam letzterer wieder darauf zu sprechen, machte dem Seminaristen nach allen Dimensionen den Standpunkt klar und spuckte vor ihm aus. — Es ist das derselbe Herr, der einen Sekundaner vor der Klasse als „Brechmittel“ und ein andermal als „Vogelscheuche“ bezeichnete; der auch die Naivetät besaß, die Seminaristen als Dienstmädchen resp. als
Laufjungen zu verwenden. Es ist vorgekommen, daß genannter Herr Oberlehrer S. sich eines Sonntags nachmittags, wo er von 3 Uhr ab die Aufsicht über etwa ein halbes Schock internierter Seminaristen führte, von einem Quintaner im offenen Glase aus dem „Schwan“ Bier holen ließ. Dieser, zum Dienstmädchen des Herrn Oberlehrer S. avancierte blaubemützte Seminarist mußte es über den ganzen Marktplatz weg und durch die lange Seminarstraße tragen, und wurde dafür vielleicht damit belohnt, daß ihm sein Auftraggeber des anderen Tages in der Singestunde den Wandtafel-Vorsteckepflock in den Mund rammelte, wie es jener Herr nicht selten zu thun pflegte. Es ist mir auch unter Versicherung der Wahrheit mitgeteilt worden, daß mittags ein Sextaner in seine Wohnung hat kommen müssen und fragen, ob der Herr Oberlehrer etwas zu besorgen habe. Gewöhnlich mußte er dessen Geige mit hinausnehmen, aber auch sonst Wege gehen. So berichtete mir einer, daß er nach der Apotheke hat gehen müssen. Leider habe ich von diesem „Privilegium“ erst zu spät erfahren, so daß ich mir nicht genug notieren konnte, um ein klares Bild davon entwerfen zu können. Das aber ist schon aus dem Angeführten sicher, daß die ganze Handlungsweise eine Anmaßung und Unverfrorenheit ist, die ihresgleichen sucht. Es ist zu entschuldigen, wenn sich ein Oberlehrer einmal oder etliche Male Bücher oder dergl., was ihm zu viel und zu schwer ist, nachtragen läßt, — kein Mensch wirds ihm auch verargen. Aber einen Sextaner, dessen Zeit wahrhaftig schon sehr kurz bemessen ist, während der Mittagszeit, die seine einzige Freiheit bedeutet, noch Dienstmädchen- oder Laufjungenarbeiten abzuverlangen — das ist mindestens stark.
Die Bemerkung, daß die Freiheit des Seminaristen so wie
so schon sehr knapp bemessen sei, lenkt mich auf ein anderes Übel hin, das gleich den übrigen geneigt ist, das Seminar als eine Flamme erscheinen zu lassen, in der man Pein leidet. Ich meine damit die Strafe der Freiheitsentziehung. Das Schulgesetz gestattet sie erst in vierter Linie.9 Und das mit Recht, denn junge Leute wie die Seminaristen, die von früh bis abends genötigt sind, im Zimmer zu stecken, und zwar in der Zeit des besten Wachstum und der kräftigsten Körperentwickelung, bedürfen des Stündchens Freiheit, die ihnen gewährt wird, sehr dringend. Deshalb ist es eine Gewissenlosigkeit, das Recht der Freiheitsentziehung zu mißbrauchen. In Oschatz ist es vorgekommen, daß sich die Anzahl der Arrestanten auf etwa ungefähr 30—40 belaufen hat. Das sind ungefähr 25 % der ganzen Schülerschaft. Gewisse Herren suchten, wie es den Anschein hatte, eine Force darin, möglichst viele einzusperren. Oft belegten sie auch gleich eines Vergehens wegen mehrere Sonn- und Wochentage. So war es Regel, daß in Violinstunden jeder, der einen Choral oder ein Volkslied nicht sicher oder überhaupt nicht spielen konnte, drei — sage drei — Mittage hindurch eingesperrt wurde. In der halben Stunde von ½1—1 Uhr hatte er Mühe, seine nötigen Einkäufe beim Buchhändler in der Stadt besorgen zu können, — war er Sextaner und „hatte gerade die Woche“, so mußte er ja auch noch zu Herrn S. und fragen, ob es etwas zu besorgen gäbe —. Von Schlag 1 Uhr an war für ihn dann das bißchen Sonnenschein wieder vorüber. Ich habe genug Bedauernswerte gekannt, die oft nur ein- oder zweimal in mancher Woche ausgehen konnten und auch Sonntags regelmäßig von 3—4 Uhr „Privatstunde“ —
wie eine Art Galgenhumor die Arreststrafen euphemistisch nannte — absaßen. Zieht man dazu in Erwägung, für welch lächerliche Kleinigkeiten zuweilen Strafen zudiktiert wurden, so muß man mir beipflichten, wenn ich die ganze in diesem Maße getriebene Einsperrerei — die noch dazu ganz unpädagogisch war, weil der Arrestant nicht beschäftigt wurde — eine großartige Gewissenlosigkeit nenne. Hier steht ein Beispiel von einer solchen Lappalie. Der Sekundaner W. wischt in der Harmonielehrstunde die Wandtafel ab, kann sie aber in Ermangelung eines Lappens nicht trocken wischen. Herr Oberlehrer S. verlangt aber, sie solle trocken sein. W. entschuldigt sich und weist darauf hin, daß kein Lappen vorhanden sei. Da bekommt er Arrest. Einer nochmaligen Entschuldigung bricht der Herr Oberlehrer die Spitze, indem er ihm sofort das Wort entzieht. — Wie diese unangenehme Geschichte noch einen unangenehmen Verlauf nahm, erzähle ich dann. Namentlich in den Geschichtsstunden, die auch einer eingehenden Schilderung wert sind (ich komme höchstwahrscheinlich im II. Teile auf sie zurück) hagelte es förmlich von Arreststrafen. Wer z. B. die sechs Frauen Heinrichs VIII. oder die von Ernst v. Mansfeld auf seiner Flucht nach Ungarn (1626) berührten Städte nicht genau in der Reihenfolge angeben konnte, lief Gefahr, eine Stunde Freiheit einzubüßen. Ich weiß bestimmt, daß beide Fälle in Sekunda vorgekommen sind. — Auch in der Geographie, die schon mehr eine Handwerksburschen-Geographie genannt zu werden verdient, war es Grund genug, einen hinter Schloß und Riegel zu setzen, wenn er von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien, die z. B. von Bordeaux bis Petersburg, von Leipzig nach Otrando gingen, die einzelnen Stationen nicht in sicherer Folge zu referieren vermochte. Ebenso war die
Turnstunde eine von denen, bei welchen man froh war, wenn man, ohne Arrest bekommen zu haben, wieder ins Freie schlüpfen konnte. Wer die Stärke eines Barrenholmes, die Länge eines Turnstabes in cm, oder das Erscheinungsjahr eines unter Umständen längst vermoderten Schwimmbüchleins irgend welches Turnmannes nicht genau angeben konnte, mußte es als besonderes Glück betrachten, wenn er mit dem blauen Auge wegkam. Bedeutete doch einmal Herr Turnoberlehrer St. allen Ernstes einem Primaner, der da fragte, ob es wirklich so wichtig zu wissen sei, daß ein Barrenholm nicht 6, sondern 5 cm Stärke habe — wenn er das nicht wisse, werde er seine Turncensur herabdrücken!!
Gänzlich unmusikalische Leute, die in ihren zwei Klavierübungsstunden 5 leichte und 5 schwere Choräle, 2 bis 3 Volkslieder, 4 bis 5 Übungen aus Hauer (A-Cappella-Gesang) Intervalle, Tonleitern etc. und außerdem noch für das Klaviervorspiel ein Übungsstück zu lernen hatten, wurden rückhaltlos, sobald sie einen Choral oder eine Übung nicht sicher singen konnten, interniert und dann in des Herrn Oberlehrers Wohnung bestellt, wo sie zeigen mußten, ob sie den Choral gelernt hätten. — Die Sterblichkeit junger Lehrer an der Lungenschwindsucht ist beängstigend groß. Wenn man es nur erst verstünde, den Keim dieses Übels da zu suchen, wo er wirklich sitzt: in dem Versagen der notwendigen, frischen Luft während der Zeit des besten Wachstumes und der besten Körperentwickelung. Dann wird es schon um vieles anders werden. — Habt Ihrs nicht gehört, Ihr Herren, ein „Lichtpunkt“ soll das Seminar sein, aber kein Arresthaus! —
Man wird mir nach Darlegung dieser wahrhaft klassischen Zustände entgegenhalten: Warum beschwert man sich nicht?
Wer jemals im Leben, sei es, wo es sei, unter der Fuchtel barbarischer Zuchtmeister gestanden hat, der weiß, was das Sichbeschweren und Anzeigen für eine heikle Sache ist. Die erstrebten Vorteile sind mit den erwachsenden Nachteilen oft gar nicht in Einklang zu bringen.
Des Seminaristen nächste Behörde ist der Seminardirektor. An ihn allein hat er sich zu wenden, sobald ihm ein Lehrer menschenunwürdig, oder um nicht gleich mit dem schlimmsten zu beginnen, überhaupt schlecht behandelt. Nun wollen wir uns einmal diesen Herrn genauer ansehen. Ich erzähle von ihm einen Charakterzug: Quintaner verführen während ihrer Klassenarbeitsstunde Skandal. Herr J. kommt hinzu und giebt dem Primus die Weisung: „Wenn sie nicht ruhig sind (des Primus Klassenbrüder nämlich), schmeißen Sie sie an die Wand, daß sie quietschen!!“ — Das nennt Herr J. eine „drastische Ausdrucksweise“. Ich glaube aber, daß die liebe deutsche Sprache für derartige Formen noch treffendere Bezeichnungen hat. — Jedenfalls offenbart sich darin die erbarmende Heilandsliebe des Lehrers, die sich zu dem Schüler neigt. — Doch noch ein Charakterzug: Primaner beschweren sich über unverschämte Quintaner. Welchen Rat erteilt ihnen Herr J.? — „I, geben Sie ihnen doch en Kuff!“ — Die betreffenden Primaner aber sind pädagogisch taktvoll genug, ihrem Herrn Direktor die beschämende Antwort zu geben: „Das werden wir nie thun!“ —
Werden nicht durch derartige direkte Aufforderungen, die Kleinen körperlich zu züchtigen, die ohnehin schon von ihren Lehrern, wie vorhin dargelegt, nicht säuberlich behandelt werden, die größten Prügelpädagogen großgezogen? Wenn er die Quintaner durchaus geprügelt haben will (auch einen anderen Primaner hat er noch denselben Rat erteilt), so würde er gut thun,
selber den Stockmeister zu spielen oder beim Kgl. Ministerium nachzusuchen, daß ihm einer gehalten wird. Größere Seminaristen aber dazu zu verleiten, ist durchaus unpädagogisch. Wenn auch diesem oder jenem von den angezeigten Quintanern, deren Unverschämtheit zuweilen „ins Aschgraue ging“, wie der Seminarist sagt, eine Tracht Prügel unter Umständen vielleicht nichts geschadet hätte, so hätte die Befugnis zur Erteilung derselben doch den betreffenden Primanern sehr geschadet. Übrigens hätte sich die Unverschämtheit gewisser Schüler gar nicht zu einer solchen Höhe entwickeln können, wären selbe nicht von den Missethaten mehrerer Primaner und Sekundaner unterrichtet gewesen, so daß sie bei jedem Versuche, sie zu bestrafen, mit Anzeige drohten. Das war des Pudels Kern. — Es braucht uns nicht Wunder zu nehmen, daß junge Lehrer draußen die hilflosen und wehrlosen Kinderchen prügeln, wenn sie als neunzehnjährige oder zwanzigjährige Seminaristen ihre sechszehnjährigen Seminarbrüder ungestraft prügeln durften. Daß eine Anregung, eine Aufforderung zur Prügelei auch zugleich die Zusicherung (wenn auch unausgesprochen) des ev. Schutzes oder Beistandes von seiten des Auffordernden enthält, ist doch selbstverständlich. Das Seminarleben in Oschatz hat in der That auch Beispiele geliefert, wo Untere von Oberen geohrfeigt wurden; und zwar sind von drei Fällen, auf die ich mich augenblicklich besinne, in zwei Fällen die Strafen gänzlich unbegründet gewesen. Einmal beschwerte sich ein Geschlagener einer unschuldig erhaltenen Ohrfeige wegen. Ein Primaner applizierte sie ihm in der Hitze, weil er glaubte, daß dieser ihm die Bank in dem Augenblicke weggezogen, in dem er sich setzen wollte. Es gab eine Untersuchung. Der Primaner behauptete, daß Herr J. ihm gesagt habe: er habe darin ganz recht gehandelt. Als ich Herrn J. vor Ostern
(in der Zeit des Sturmes) über die Prügelei dasselbe sagte, was ich heute sage, und auf genannten Fall hinwies — hatte ihn sein Gedächtnis so im Stich gelassen, daß er sich garnicht entsinnen konnte, daß ihm diese Angelegenheit jemals angezeigt worden sei. — Was soll denn, Herr J., das „liebe Brüder“ in den Sonntagsandachten, wenn nach denselben der brüderlichen Liebe durch diverse Maulschellen oder eine Tracht Prügel Ausdruck gegeben wird? — Auch ein Pröbchen von der in Oschatz waltenden Gerechtigkeit. Ein Primaner, ein Sekundaner und ein lediglich der Bezahlung wegen mitgenommener Quartaner hatten in unerlaubter Weise nachts das Seminar verlassen und sich in Gasthäusern herumgetrieben. Nebenbei gesagt, war es etwa das 30. oder 40. Mal, daß sie ausgestiegen waren. Durch Verrat, der ja in Oschatz eine ziemliche Rolle spielt, erhielt der Direktor Kenntnis davon. Der Primaner suchte sich anfangs durch Lügen aus der unangenehmen Lage zu schlängeln; endlich gestanden alle drei ihre Vergehen ein, die nach dem Hausgesetze mit Entlassung zu bestrafen sind, gaben auch zu, daß sie wiederholt das Seminar verlassen hatten. Welche Strafe erhielten die drei „Aussteiger“? — Keine Stunde Arrest, keine Rüge vor der Konferenz, keine niedere Sittenzensur, kein concilium abeundi, nichts von alledem. Es mußte jeder nur einen Brief an seine Eltern schreiben und seine Sünden beichten. Der Herr Direktor hatte sie begnadigt. — Wozu wohl das Hausgesetz überhaupt existieren mag? — Doch dazu ein Gegenstück. Quartaner verführen in ihrer Klasse Skandal. Ein Sekundaner verbietet denselben und verlangt von einem, er soll ihm die Skandalierer nennen. Das thut er nicht und bekommt eine Strafarbeit, die ihm aber wieder erlassen wird. Nach 8 Tagen ist zu derselben Stunde derselbe Krawall. Zwei Tertianer, vor denen Quartaner
natürlich keinen Respekt haben, verlangen Ruhe, desgleichen derselbe Sekundaner wieder; jedoch ohne unbedingten Erfolg. Daraufhin werden die Quartaner angezeigt. Strafen: 1. Alle werden vor die Konferenz geladen; 2. erhalten sie eine deutsche Arbeit zu fertigen; 3. vierzehn Tage Hausarrest; 4. jeden Tag 2 Mann Karzer; 5. nach Schluß des Unterrichts um 11 Uhr erst abends 9 Uhr Ferien; 6. ein Seminarist die Sitten-III, einer die Sitten-II, alle anderen die Sitten-IIa!!! — — — Nun halte man das Vergehen im ersten Falle dem im zweiten gegenüber! Dort Leute, alte Sünder, die von vor Ostern an bis etwa zu den Großen Ferien jede Woche mehreremale ausstiegen und noch einen Schüler aus einer Unterklasse dazu verführten. Hier Schüler, mitten in den Flegeljahren, die während ihrer Klassenarbeitsstunde (gerade nach dieser Seite hin eine der denkbar unpraktischsten und nachteiligsten Einrichtung), eine laute, störende Unterhaltung pflegen. Dort vor dem Geständnis die Lüge, hier das offene Bekenntnis, besser: die Überführung. Dort Leute, die den Kleinen ein Vorbild sein sollen, hier Leute, von denen man schon von vornherein überzeugt ist, daß ihnen die Reife fehlt. — Und dann bedenke man die Strafen! — Jener Sekundaner, der mit ausgestiegen war, ist, nebenbei gesagt, derjenige, der später mich verriet. Kurz vor Ostern wurde er von seinem Herrn Direktor in total betrunkenem Zustande in seinem Wohnsaale aufgefunden, von ihm mit Cacao traktiert, damit er wieder zu Verstande kam. Von irgendwelcher Strafe ist nichts verlautbar geworden. Später wurde er allerdings, eines niedlichen Intermezzos wegen, das zwischen ihm und Herrn J. sich abgespielt haben soll, als Primus degradiert. Er war auch ein „würdiger“ Primus! —
Ehe sich natürlich ein Seminarist dem Schiedsspruche
dieses Direktors unterwirft, läßt er sich lieber von seinem Musikoberlehrer ein „Stinkvieh“ schimpfen oder von seinem Lateinoberlehrer „massieren“. Dem Vater des Seminaristen fällt es ebenfalls nicht ein, Ausstellungen zu machen oder Beschwerde zu führen. Er fürchtet, das Verhältnis seines Sohnes zu den Lehrern dadurch zu verschlechtern anstatt zu verbessern, der Stipendien, die sein Sohn erhält, etwa verlustig zu gehen, überhaupt den Kürzeren zu ziehen. Ich muß selbst gestehen, daß ich auch keinem dazu raten würde, solange sein Sohn Seminarist ist. Hat dieser endlich das Seminar verlassen, so thut ers erst recht nicht; es nutzt ihm ja nichts mehr; die anderen mögen auch sehen, wie sie durchkommen. — Ich kenne den Vater eines Seminaristen, der den Vorsatz hatte und oft aussprach, gegen den Diktierhelden des Seminars ganz energisch vorzugehen. Es ist aber nichts daraus geworden. Doch hat er sein Vorhaben ziemlich laut ausgesprochen. Sein Sohn ist darauf zum Liebling des betreffenden Oberlehrers erhoben und mit gewissen „Vertrauenssachen“ bedacht worden, die ich im dritten Teile meiner Broschüre ans Licht ziehen werde.10 Sagen darf man zu dem inneren Zusammenhange nichts, — weil man keine Beweise hat. Aber Gedanken sind zollfrei.
Wenn nun aber doch ein Seminarist kommt und Klage führt? — Da muß natürlich untersucht werden. Das geschieht auf folgende Weise: Sonnabend nach der Probelektion, wo die drei Oberklassen versammelt sind, wird über den angezeigten Oberlehrer ein Gerichtstag abgehalten. Jedem Schüler ist das Wort erlaubt; es ergeht sogar wiederholt an alle die dringende Aufforderung, von dem „lieben Kollegen“ auszusagen, was an seinem Verhalten im
Unterricht auszusetzen ist. Einer bringt dies, der andere das, so wird zuletzt die Beteiligung ganz lebhaft. Der als Präsident fungierende Herr J. bringt alle Aussagen mit sichtlichem Ergötzen zu Papiere. Nun wird der betreffende Seminaroberlehrer vor den Richterstuhl des Herrn Direktors gefordert. (Ich habe selbst einmal mit über Herrn Oberlehrer St. zu Gericht gesessen.) — Wer nun denkt, der angezeigte Oberlehrer ist überführt, sieht sein Unrecht ein, und vermeidet in Zukunft alles, was Veranlassung zu Beschwerden geben könne, — der ist im Irrtum. — Herr Oberlehrer St. soll Lump gesagt haben? — Man will ihn nur verdächtigen! — Herr Oberlehrer S. soll Arrest gegeben haben, weil die Wandtafel nicht trocken war? — Das ist nicht wahr und wenn die ganze Klasse das Gegenteil bezeugt: es ist nicht war! — — Was soll der Direktor thun? — Er stellt (man höre und staune) Lehrer und Schüler gegenüber. Der Schüler versichert, daß der betreffende Oberlehrer den und jenen „gemeine Lügner“ genannt hat; der Oberlehrer stellt es in Abrede. Der Schüler bringt Zeugen; der Herr Oberlehrer verharrt bei seiner Aussage. — So wirds gemacht; so gehts in Oschatz zu! — Die Sache bleibt natürlich wie sie war. Der Schüler hat nichts gewonnen; er geht mit der Gewißheit aus dem Direktorialzimmer, daß für ihn die goldene Zeit, wo er es bei diesem Herrn gerade noch aushalten konnte, nun wohl vorüber sein wird. Der Herr Direktor ist natürlich taktvoll genug, ihm, ehe er geht, noch vertrauensvoll ins Ohr zu flüstern, daß er von der Aussage des Oberlehrers keineswegs moralisch überzeugt sei, aber . . . . er zuckt die Achseln. Manchem anderen, von dessen Treiben er vielleicht zu einem sich beschwerenden Schüler geäußert hat: „Lassen Sie nur das Hühnchen erst groß werden!“ geht er auch zu Leibe. Ist das
Hühnchen groß genug, wird eine Anzeige wegen schlechter Behandlung der Schüler eingegeben. Ein Sekundaner läuft im Seminar umher und sammelt unter den Seminaristen die Schimpfreden der betreffenden Herren, ein Primaner schreibt die Anzeige. Bald kommt die „Nase“. Etwa 3 Tage lang ists erträglich, bald aber gehts wieder im alten Gleise fort. Das ist die Abhilfe. — Aus all dem Angeführten kann man sich ein ziemlich klares Bild von dem Verhältnis zwischen Direktor, Lehrern und Schülern machen. Durch derartige Bloßstellungen und ebenso unpädagogisch wie unkollegiale Manipulationen wird ja auf eine gegenseitige Entfremdung zwischen Lehrer und Schüler direkt hingearbeitet. — Ich habe Treue nicht gelobt, doch sprich, wie steht's mit Deinen Pflichten?! —
Man sieht aus allem, was den Inhalt dieses Schriftchens bildet, klar und deutlich, daß sich die Zustände im Oschatzer Seminar in den bis jetzt eingeschlagenen Bahnen unmöglich weiter bewegen können.
Über die Zustände in Mariaberg hat man geeifert und die Hände zusammengeschlagen; — du sächsisch Volk in deinen engen Grenzen beherbergst du fast dasselbe Elend und denselben Jammer! — Und ob diese eine Stimme aus andern Seminarien nicht ein Echo wecken wird, wage ich im voraus nicht zu verneinen.
Es ist die allerhöchste Zeit, das die Sonde einmal hineingehalten wird in diese Eiterbeule und man erkennt, wie dringend solche Zustände eine Reform fordern. Bei einem solchen krassen Treiben, das allen Bestrebungen unserer Zeit wie aller Pädagogik gegenüber wie ein Schlag ins Gesicht wirkt, ist ein Arbeiten zum Guten reinweg undenkbar.
Aber was hilft da ein Rufer zum Streite? Was ver-
mag da eine schwache, dazu in Stürmen noch unerprobte und ungeübte Kraft?
Wir alle müssen aufstehen, das ganze Volk muß sich erheben wie ein einziger Mann und in geschlossener Kolonne vorrücken, das zu fordern, was wir alle zu fordern berechtigt sind: Eine menschenwürdige Behandlung unserer Seminaristen!
Deutsches Volk, sächsische Lehrerschaft, wascht Euch rein von der Schmach, die Euch mit trifft; gebietet Einhalt solchem Treiben, das Euren guten Namen schändet; Ihr vermögt es!
Hier hilft nur eine umfassende, durchgreifende Reform! Hier hilft nur ein Schnitt bis auf die Knochen!
Im Interesse der Sache bittet der Verfasser freundlichst, ihm alle Besprechungen dieser Broschüre, Diskussionen darüber u. s. w. — gleichviel von welchen Gesichtspunkten aus der Inhalt beleuchtet ist — gefälligst zugehen zu lassen.
Druck von Sellmann & Henne, Leipzig.
In Vorbereitung:
II. Teil.
Die Lehrmethode in Oschatz.
III. Teil.
Wie in Oschatz Censuren gemacht werden.
Fuente: Otto Rühle, Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare. I. Teil: Die Behandlung der Seminaristen, Leipzig, August Schupp, 1896, 43 S. (2. Auflage, 3.-5. Tausend; die erste Auflage, 1.-2. Tausend, erschien im selben Jahr). Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek (Münchener DigitalisierungsZentrum, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11820111; signatura Paed.th. 4844 d), leyendo directamente las imágenes de página (Fraktur) y usando como apoyo un OCR tesseract propio. Se conservan la ortografía y las erratas del impreso (p. ej. «zur machen», S. 6; «das diese blutete», S. 10; «nicht war», S. 41; «bearbeitet G.» por «H.», S. 30); se omiten las signaturas de pliego, el título corrido y las anotaciones manuscritas de un lector en el margen de S. 16. Las notas del autor, numeradas por página en el impreso, se numeran aquí correlativamente. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.
„Deutsche Wacht“, Dresden, Nr. 249, 1895, 1. Beilage. ↩
„Dresdner Journal“ Nr. 216, 1895. ↩
Curtmann, Die Schule und das Leben. 2. Aufl. Friedberg, 1847, Seite 117. ↩
Virgil, Aeneide VIII, 560. ↩
Dieser Ausdruck kann nicht mit unbedingter Sicherheit verbürgt werden. R. ↩
Das „leider“ soll das Bedauern des Verfassers über das in so geringer Menge zur Verfügung stehende Beweismaterial ausdrücken. Im übrigen wäre es besser, es gäbe überhaupt keine derartigen Beispiele. R. ↩
Siehe Anmerkung zur 19. Verordnung, 10, Seite 385 des Königl. Sächs. Volksschulrechts. ↩
Vor etwa 1 oder 2 Jahren ist von Seiten des H. Kgl. M. d. K. u. öff. U. an die Seminarien eine Verordnung ergangen, ungefähr des Inhaltes: es möchte von den Lehrern auf eine gute, hochdeutsche Sprache der Seminaristen gesehen werden. R. ↩
- Verordnung 10, 4 des Kgl. Sächs. Volksschulrechts.
„Wie Censuren ‚gemacht‘ werden.“ ↩