Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare.
II. Teil:
Die Lehrmethode in Oschatz.
Von Otto Rühle.
Leipzig. 1896. August Schupp.
Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare.
Von Otto Rühle.
II. Teil: Die Lehrmethode.
Leipzig. August Schupp. 1896.
Vorwort.
Nicht denen zu lieb, die mich nach dem Erscheinen des ersten Teiles meiner Broschüre beglückwünscht und mir zugejubelt haben; nicht denen zu leid, die mich geschmäht — es sind auf beiden Seiten nicht wenige — sondern allein der Wahrheit und Gerechtigkeit willen und geleitet von dem Bestreben, nach allen Kräften dazu anzuregen und beizutragen, daß solcher bösen Dinge Wandlung geschaffen werde, folgt dem ersten Teile meiner Broschüre der zweite.
Es hat mir besondere Freude bereitet, daß ich unter der Zahl derer, die zu meiner Fahne hielten, auch Leute gefunden habe, die in derlei Sachen streng konservativ zu denken pflegen und von denen mich ein ziemlich tief sitzendes Vorurteil erwarten ließ, daß sie nach dem Muster von der Krähe, die der andern kein Auge aushackt, mit in das tönende Horn jener blasen würden, die durch den Lügenton desselben die Wahrheit und ihre eigene Schande zu übertäuben suchen. Ich habe mich aber angenehm getäuscht; und diese angenehme Täuschung hat in mir dieselben wohlthuenden Gefühle geweckt, wie das Vernehmen von Stimmen der Entrüstung und des Abscheues vor solchen skandalösen Zuständen, die aus dem Volke heraus, von Leuten, die dieser Angelegenheit sozusagen fernstehen, als Bauern, Handwerkern, Kaufleuten, Beamten u. s. w., zu mir drangen. Diese Wahrnehmungen haben mich zu der Überzeugung gebracht, daß es immer noch genug deutsch und rechtlich denkende Männer giebt, die sich nicht scheuen, das Unrecht auch wirklich Unrecht und den Unrat wirklich Unrat zu nennen; nicht aber wie jenes pfäffische Gelichter erst nach oben schielen, ob sie Farbe bekennen dürfen, dann aus Rücksicht auf das eigene liebe bißchen Ich durch alle möglichen Spiegelfechtereien und Lügengewebe die offenbar zu Tage liegende Schmach zu bemänteln und durch den Firniß der frommen Rede zu übertünchen suchen.
Von den Aufsätzen, in denen man sich mit dem ersten Teile meiner Broschüre befaßt hat, will ich nur auf den näher eingehen, der in den Oschatzer Gemeinnützigen Blättern am 13. März 1896, von „Einem von den vielen Freunden des hiesigen Seminars“ unterzeichnet, erschien.
Demselben gebührt Anerkennung und Beifall nur insoweit, als er auf dem Boden der Wahrheit fußt. Man macht darin nicht den Versuch, die greulichen Zustände zu beschönigen, sondern bezeichnet sie als solche, für die es nur die tiefste Entrüstung giebt. Weiter aber wird gesagt, daß die Darlegungen mehr Eindruck machen würden, wenn sie von einem kämen, der untadelig wäre. Da frage ich: Wer hat mich denn erst zu einem Tadeligen gemacht? — Ich habe als Seminarist frei und offen meinen Mitschülern wie dem Direktor gegenüber ausgesprochen, was ich beabsichtigte. Durch das Versprechen aber, das mir der letztere abzwang, wollte er mir eine Fessel anlegen, die mich an der Ausführung meiner Pläne hindern sollte, lediglich, daß seine eigene Schande verborgen bleiben sollte. Ich habe die unerschütterliche Überzeugung: es wäre in Oschatz nie und nimmer auch nur im geringsten besser geworden, wenn sich diese unliebsamen aber für das Ganze auf jeden Fall heilsamen Geschichten nicht zugetragen hätten. Wenn man aber diesem Versprechen, das dem — sans phrase — unlauteren Zwecke des Vertuschens dienen sollte, nun so etwas wie eine gewisse Heiligkeit verleiht und es dazu benutzt, ekelhafte und tief beschämende Zustände einigermaßen günstig zu beleuchten, so ist das ebensogut ein pharisäisches Gebahren, wie wenn man seinen Aufsatz in einer Tageszeitung analog jener jüdischen Sekte, die in den Schulen, auf den Gassen die Maske des frommen Mannes trug, von dem süßen Honigseim des göttlichen Wortes triefen läßt, mit Begriffen wie Nächstenliebe, christliche Demut ꝛc. hausieren geht, Moral und versöhnende Milde predigt, während man hinter den dicken Mauern die der „fürsorglichen“ Obhut anvertrauten Schüler mit Prügeln traktiert und mit Unrat besudelt. Es gilt eben auch hier: Richtet Euch nach meinen Worten, doch nicht nach meinen Thaten!
Man hat mich auch in dem Aufsatze an alles das erinnert, was ich der „Fürsorge“ meiner Lehrer verdanke. Ich habe dabei an ein Wort unsers Vaters Pestalozzi denken müssen: „Wehe dem Elenden, der im Winter den Armen speist und in der Ernte das Doppelte von ihm wieder abnimmt!“ Das heißt, auf diesen Fall übertragen, etwa folgendermaßen: „Wehe dem Elenden, der erst dem Armen hilft, dann aber von ihm fordert, alles Bittere und Unbillige ohne irgendwelche Spur einer Abneigung hinunterzuschlucken und alles Unrechte und Gemeine mit ewigkrummem Kautschuckrücken und heuchlerischem Lakaiengesichte allezeit als gut und recht zu bezeichnen!“ Eine Wohlthat hat aufgehört, eine zu sein, sobald man an dieselbe erinnert wird.
Wenn mir nach dem Erscheinen des ersten Teiles der Broschüre der Vorwurf gemacht wurde, ich hätte durch Weglassung des Guten, das von diesen Herren geleistet worden sei, ein Zerrbild geschaffen, so ist vielleicht mancher bestimmt worden, der Hoffnung Raum zu geben, daß es in unterrichtlicher Beziehung jedenfalls besser aussehen möge. Nach diesem zweiten Teile wird er sich jedoch genötigt sehen, seine Annahme zu korrigieren. Dann mag jeder Einzelne selbst erwägen, was zu dem Charakterbilde des Oschatzer Seminars noch an Licht übrig bleibt.
Ganz gewiß hat das Oschatzer Seminar auch Herren aufzuweisen, die weder durch die Behandlung ihrer Schüler noch durch die Art ihres Unterrichtes ihren Namen als Lehrer schänden. Aber es ist doch nicht der Zweck dieser Schrift, Honig um den Mund zu schmieren, sondern lediglich das Üble bloßzulegen. Daß man nicht in Bausch und Bogen urteilen, über das ganze Seminar den Stab brechen sollte, habe ich dadurch zu verhindern gesucht, daß ich die angegriffenen Herren namhaft machte. Die Herren, welche sich als echte, fürsorgliche Lehrer gezeigt haben, werde ich allezeit in Ehren halten; jenen aber, die mit ihren Schülern umgingen wie die Henker mit den Dieben, die sie körperlich wie geistig mißhandelten, ein ewiges Pereat!
Der weitere Vorwurf: die Sucht, mir durch diese Broschüre einen Namen zu machen, sei mit eine Triebfeder zur Abfassung derselben gewesen, ist geradezu lächerlich. Wenn jemand eine Schrift wie diese in die Welt gehen läßt und dabei seine Karriere riskiert, seine Zukunft aufs Spiel setzt, kurz gesagt: im voraus weiß, daß er nichts als Nachteile ernten wird, so wäre dieser mir an den Hals gedichtete Beweggrund ein großartiger Herostratismus, der sogar die eigene Person opfert. Dessen hält man mich aber — Hand aufs Herz — doch wohl nicht für fähig!
Was für ein System darin liegt, wenn einer im Seminar umhergeht und „Material“ sammelt? — Das will ich dem Freunde des Seminars sagen: Genau dasselbe, dessen sich Herr Seminardirektor J. bediente, als er von dem Sekundaner K. Schimpfreden des Herrn Oberlehrer S., seines „lieben Kollegen“ sammeln ließ, die dann samt der von einem Primaner geschriebenen Anzeige Herrn Geheim-Rat Dr. B. übersandt wurden. Ich habe das System nur nachgeahmt, Herr Seminardirektor J. kann vielleicht den Namen desselben angeben; ich bitte deshalb Wißbegierige, sich zu demselben bemühen zu wollen.
Daß man die Aufzählung erschienener Werke von mir auf einer der letzten Seiten der Broschüre1 bemängelt, beweist nur zu deutlich, welche Kleinigkeiten und vollständig außerhalb des Ganzen liegende Nebensächlichkeiten man herausklaubt und an den Haaren herbeizieht, um meinem Handeln unwahre Motive unterzuschieben und die Broschüre wie mich selbst in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen.
In Bezug auf den Vogel, der sein Nest beschmutzt, eine Frage: Wie kann ein Vogel sein Nest beschmutzen, das vom Schmutze schon übervoll ist?
Zum Schluß: Es wäre mir lieb gewesen, wenn dieser „eine von den vielen Freunden des Oschatzer Seminars“ mit offenem Visier gekämpft hätte, damit die Art der Freundschaft zu ersehen gewesen wäre. Hinter dem Strauche hervorzuschießen ist Art der Dunkelmänner und Buschklepper.
Soviel über jenen Aufsatz im Oschatzer Amtsblatt.
Durch eine Reihe anderer Amtsblätter ist noch eine lügenhafte und im höchsten Maße unverschämte Notiz gegangen, in der gesagt war, daß meine Broschüre nichts weiter enthalte als einige Äußerungen, die mir anstößig erschienen seien, und einige Ausdrücke, in deren Wahl man sich vergriffen habe. Wenn freilich dem Verfasser dieser Notiz die in meiner Broschüre enthaltenen Roheiten resp. Gemeinheiten als solche Ausdrücke und Äußerungen erscheinen, in deren Wahl man sich vergriffen hat ꝛc., so läßt dies einen netten Schluß auf den moralischen Standpunkt dieses Herrn zu, und man muß sich bloß wundern, wie Amtsblätter das Urteil eines solchen Herrn durch die Druckerschwärze sanktionieren können. Von den Prügeleien und den übrigen bösen Dingen allen wird kein Wort erwähnt; dann würde man es aber auch nicht glauben, wenn man sagt: Die Broschüre ist ein Zerrbild. — Die meisten der Blätter, welche diese Notiz brachten, haben selbe bereits widerrufen; mit dem Verfasser wird auf Grund etlicher Paragraphen des R.-Str.-G.-B. ganz wahrscheinlich noch ein anderes Wörtchen geredet werden.
Des Vorredens mag genug sein.
Es ist wohl anzunehmen, daß dieser Teil der Broschüre mehr den Fachmann als den Laien interessieren wird; doch gehört auch für den letzteren nicht gerade viel dazu, die Haltlosigkeit und Kläglichkeit dieser Zustände einzusehen. Ob nach meiner Entlassung aus dem Oschatzer Seminar irgendwelche Änderung der Unterrichtsmethode der betreffenden Herren eingetreten ist, weiß ich nicht. Sollte dies wirklich der Fall sein, so kann meine Schrift, die die Mißwirtschaft schildert, wie sie bis vor einem Jahre noch krassierte, vielleicht dazu dienen, das Augenmerk auf gewisse Schäden zu lenken, die unter dem rosigen Fleische fressen und an die das Seziermesser noch nicht gesetzt worden ist. Denn hätte man in Oschatz eher kräftiger nachgefühlt, so würde man an dem Jucken bald das Übel entdeckt haben. Daß man es nicht that, war eine Unterlassungssünde; hätten sich pflichtgetreue Hände, die zur Heilung berufen waren, wirklich um die Wunde bemüht als es noch Zeit war, würde das Bloßlegen und Ausschneiden derselben heute nicht so große Schmerzen bereiten.
Borna bei Bornitz, am Tage des Erscheinens.
Otto Rühle.
II. Die Lehrmethode.
Lasciate ogni speranza! (Laßt jede Hoffnung draußen!) Dante, Hölle 3, 9.
Die neuere Pädagogik ist davon überzeugt, daß die Methode in die erste Reihe jener Mittel zu stellen ist, die den Unterricht zu einem wahrhaft erziehenden gestalten. „Will daher eine Anstalt wirklich bildend wirken, so muß sie sich einer Methode befleißigen, durch welche der ganze innere Mensch ergriffen, der Geist in eine heilsame Zucht genommen wird, so daß er sich nicht in der Breite verlieren, sich verflachen und verflüchtigen kann, sondern in strenger Ordnung und Folgerichtigkeit, und darum mit immer zwingender Notwendigkeit sich in seinen Gegenstand vertieft und ihn selbstthätig zu durchdringen und zu erfassen veranlaßt wird. Wem bloß vorgepredigt und vordoziert, das Gedächtnis mit traditionellen Thatsachen und Urteilen vollgepackt und vollgestopft wird, dem wird der Geist zwar auch in Zucht genommen, aber in eine solche, bei welcher jede Maßregel zu einer Fessel wird, die den Geist überall drückt und beengt, die ihm jede selbständige Regung benimmt, die seine Kraft lähmt und zuletzt bricht. Solche Methode regt den Geist nicht zur Selbstthätigkeit und zum Selbstschaffen an, sondern sie deprimiert und verdummt ihn und ist darum für keine Bildungsanstalt, auch nicht für das Seminar, geeignet.“
Mit dem Attribut „keine“ schließt der Verfasser des soeben angeführten Abschnittes jede Bildungsanstalt bedingungslos aus. Der Seminare thut er jedoch noch einmal besonders Erwähnung. Sollte darin etwa ein Körnchen Salz liegen? —
Es hätte dies seinen guten Grund und seine Berechtigung, wenn er damit den sächsischen Seminaren oder, enger gefaßt und vielleicht (?) auch der Wirklichkeit gemäßer — dem Oschatzer Seminar, geschützt durch den Mantel der Allgemeinheit, einen Hieb versetzte.
In Oschatz nämlich werden nicht allein Unflätigkeiten fabriziert, ekelhafte Sudeleien verspritzt und Seminaristen massiert, sondern es liegen auch in unterrichtlicher Hinsicht die Verhältnisse so, wie sie Karl Richter und mit ihm jeder andere Schulmann, jeder vernünftig denkende Mensch überhaupt, als falsch, verderblich und nachteilig verurteilt. Die Schmach und das Elend des Oschatzer Seminars stinken gen Himmel. Es ist den Seminaristen reinweg unmöglich, sich für ihre künftige Amtsthätigkeit die ihrer Lehrer (natürlich mit Ausnahmen) zum Muster, zum Vorbild zu nehmen und in ihr das Ideal erblicken zu lernen, das jene ihnen vermitteln sollen und das zu einer fruchtbaren, gesegneten Arbeit, wie man sie einst von ihnen erwarten und fordern wird, so unbedingt notwendig, so durchaus unerläßlich ist.
Sie können an ihnen nicht lernen, was zu einem tüchtigen Lehrer gehört, sie erfahren an ihnen nicht, was ein rechter, für seinen Beruf begeisterter und geschickter Schulmeister ist. Da giebt es kein Individualisieren, Mann für Mann, vom Primus bis zum Ultimus, wird über ein und denselben Kamm geschoren. Da werden die Schüler geistig gemordet durch jenen schrecklichen Mechanismus, da werden die Stunden nach dem Stundenzeiger abgeschraubt, wie von Tagelöhnern, die am Tretrade arbeiten; da ist nichts zu spüren von einer freien Regung der Geister; da giebt es keinen heiligen Eifer, der den Schüler mit fortreißt, keine lebensweckende Wärme, die durch das Ganze pulst — nichts, nichts von alledem. Da macht sich die Faulheit und die Langeweile auf den Kathedern breit, da dehnt und reckt und wälzt sie sich, da streckt sie ihre faulen Glieder. Da werden ganze Bibliotheken geschrieben, nachgeschrieben und auswendig gelernt; da wird diktiert, stundenlang wie wahnwitzig, und die Federn fliegen über das Papier, und die Seiten füllen sich. Da wird hergesagt, Wort für Wort, wie sie aus der Feder floß, wie sie mühesam eingetrommelt wurde, die tote, abstrakte und dem Verständnis durch keine Erklärung irgendwie nahe gebrachte Wissenschaft, da drücken nur schwere enge Fesseln unbarmherziger, pedantischer Buchstabenmenschen. Es ist eine schwere Schuld, die diesen Herren auf die Seele gewälzt wird; es ist eine harte Anklage — aber sie ist berechtigt.
In ihrer vollsten Schwere trifft sie den Oberlehrer Herrn Gr. Von der Kläglichkeit und Elendigkeit seiner Unterrichtsstunden kann sich ein Uneingeweihter, ein Glücklicher, also der diesem Treiben fernsteht, keine gute Vorstellung machen. Er legt die junge Kraft der Schüler lahm und zwingt sie in qualvolle Fesseln, er erstickt und ertötet alles frische, freie Streben, er macht alle Lust und allen Eifer, alle Selbständigkeit und Liebe zur Sache durch sein geistloses Schablonentum, durch seinen frevelhaften Mechanismus zu nichte. Er verwandelt seine Schüler zu Maschinen, zu Automaten. Sehen wir uns seine unterrichtliche Thätigkeit einmal genauer an. Drei Jahre lang war ich von dem Unglücke gesegnet, als Schüler zu seinen Füßen sitzen zu müssen. Es waren Jahre voller Pein. Genannter Herr erteilte zur damaligen Zeit Unterricht in Religion, Katechetik, Bibelstunde, Deutsch, Litteratur, Geschichte. Und wie? Seine Unterrichtsstunden lassen sich in drei verschiedenen Phasen beobachten. Sie traten entweder rein als Diktier- oder Repetierstunde auf oder als eine Stunde, in der beide Erscheinungsformen vermischt waren.
Zunächst die Diktierstunde.
Es ist morgens etwa um 7 oder 8 Uhr. In der Klasse herrscht Tumult. Während ein Teil der versammelten Schülerschar noch einmal in fliegender Eile den Wust des dürren und unverdaulichen Trockenfutters über die Klappermühle laufen läßt, die blut- und seelenlose Masse mit immer größer werdender Vehemenz dem fast ruinierten Gedächtnisse einzutrommeln sucht, ergeht sich ein anderer Teil in landsknechtsmäßigen Flüchen über diese „elende Schinderei und Quälerei“, dermaßen, daß aus diesem Grunde schon fast vonnöten wäre, noch eine Fremdsprache auf den Stundenplan zu setzen, damit die Collektion der „wortgewordenen“ Donnerkeile an Mannigfaltigkeit zunehmen könnte. Wir wissen, von wem diese Sachen gelernt werden; die Quelle dieser Roheiten ist uns seit dem Erscheinen des I. Teiles dieser Broschüre bekannt. . . Plötzlich tritt Schweigen ein. Herr Oberlehrer Gr. tritt über die Schwelle und schreitet dem Katheder zu. Auf den Gesichtern der Schüler malt sich die Erwartung: repetieren oder weitergehen? — Da sucht Herr Oberlehrer Gr. mit einem Zeitaufwande von etlichen Minuten seine Brille — ein gutes Omen — und siehe, darauf ertönts, das erwünschte: Wir gehen weiter. Im Nu sind die Nachschreibehefte oben, die Federn mit Tinte gefüllt, und die „unterrichtliche Thätigkeit“, im Seminaristendeutsch „das Holzhacken“, des Herrn Oberlehrer Gr. nimmt seinen Anfang. Wort für Wort fließt die goldene Weisheit aus seinem Munde, und Wort für Wort gewinnt sie in den Heften der gebückt dasitzenden und in rasender Hast nachschreibenden Seminaristen Gestalt. Sie findet sich zwar genau so, oft wörtlich, im Holzweißig, Elterich, Hempel u. s. w., aber — gedruckt. Für die Stunden des Herrn Oberlehrer Gr. ist es jedoch erforderlich, daß sie erst durch die Tinte sanktioniert worden ist. Und während dieser Diktate giebt es keine Station, kein Innehalten und kein Verschnaufen, auch kein Erklären. Unablässig wird diktiert, unablässig wird nachgeschrieben. „Kürzen Sie!“ „Stenographieren Sie!“ . . . So währt dieses trostlose Bild, bis die Stundenschläge der Glocke endlich Erlösung künden, auf welche Schüler wie Lehrer, letzterer schon seit etwa 5 Minuten die Thürklinke in der Hand haltend, mit größter Sehnsucht gewartet haben. — Während dieser Zeit sind natürlich Thür und Fenster fest geschlossen. An warmen Sommertagen lagert über den Köpfen der wie wahnsinnig schreibenden Schüler eine fast erdrückende Schwüle. Aber geöffnet darf keinesfalls werden. Um Gotteswillen. Wie leicht könnte da jemand auf dem Corridor das Diktieren oder durch das offenstehende Fenster des Nachbarklassenzimmers das Herunterschnurren des gelernten Pensums hören! — Was heute diktiert worden ist, muß natürlich in der nächsten Stunde möglichst wortgetreu hergesagt werden. Möglichst wortgetreu, wiederhole ich; es könnte sonst der Fall eintreten, daß Herr Oberlehrer Gr. sich gezwungen sähe, durch die Bemerkung „es fehlt ein Wort“ das Referat zu unterbrechen, und seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. — „Das ist ja Menschenschinderei!“ höre ichs ausrufen. Nun, das Elend und die Erbärmlichkeit dieses Unterrichts läßt an Größe fast nichts zu wünschen übrig, aber Herr Oberlehrer Gr. hat immer noch ein Herz für seine gequälten Schüler. Deshalb zerlegt er das zu lernende Pensum, je nach seinem Umfange in zwei oder auch in drei Teile.
Die Schüler der ersten Bankreihe lernen den ersten Teil des diktierten Stoffes; der zweite und dritte Teil existiert vor der Hand für sie überhaupt nicht. Ebenso ist das Verhältnis der zweiten und dritten Bankreihe zu den ihnen zuerteilten Abschnitten und den der anderen Reihen. Jede lernt unbekümmert um die andere ihren Teil, bis nach ein- oder mehrmaligem Wiederholen desselben ein Wechsel oder besser gesagt: eine Verschiebung der Teile eintritt. Auf diese Weise wird es nach und nach erreicht, daß jeder Schüler den ganzen Stoff beherrscht, d. h. beherrschen soll. In Wirklichkeit nämlich beherrscht er ihn nicht. Es kann jeder Einzelne von dem ganzen Teile nichts mehr und nichts weniger als den jedesmal auf ihn fallenden Fetzen davon, also bei der Dreiteilung des gesamten Stoffes etwa ⅛ eines Teiles,2 das ist 1/24 vom Ganzen. Der Erste der Bankreihe, der immer nur den Anfang jedes Teiles referiert, hat von den übrigen ⅞ derselben ebensowenig einen Schimmer, als der Letzte, dem Anfang und Mitte bis auf das letzte Achtel böhmische Dörfer bleiben. So kommt es, daß jeder Einzelne nach abgeschlossener Behandlung größerer Stoffpensen, meinetwegen des Papsttums, des Sektenwesens, der Reden Jesu, der katechetischen Behandlung der Gebote, der Charakteristik der Personen im Nibelungenliede, des siebenjährigen Krieges u. s. w. über drei voneinander gänzlich unabhängige, vollständig zusammenhangslose Inselchen aus der großen Masse des ganzes Stoffes verfügt. Drei Mal 1/24, also ⅛ der Gesamtheit hat er als lebendes Kapital gewonnen, mit dem er wirtschaftet, das ihm Nutzen trägt. Das andere ist für ihn überhaupt nicht oder nur mittelbar vorhanden, denn er kann es bloß an den Mann bringen, wenn bei diesem oder jenem das Schnurrrad einmal versagt, oder wenn plötzlich ein Schüler aus der Reihe fehlt, was stets infolge der dadurch eintretenden Verschiebung der Teilchen oder Vergrößerung derselben peinliche Situationen hervorruft. Die Ersten und Letzten der Bankreihen sind manchmal schlimmer daran als die im Zentrum derselben sitzenden. Sie müssen gewärtigen, daß Herr Oberlehrer Gr. den Weg einmal umgekehrt einschlägt, also beim letzten beginnt. Beide haben deshalb Anfang und Ende jedes Teiles zu lernen. Während der Letzte nun referiert, erfassen die übrigen, die sich natürlich auf diesen Fall nicht vorbereitet haben, die Gelegenheit, und nehmen sich hinter dem Rücken des Vordermannes aus dem allezeit bereitliegenden Nachschreibeheftchen ein gehöriges Kuhmaul voll, um einen „Reinfall“ zu vermeiden. Man sieht also, wie durch diese elendige Methode der Seminarist direkt zum Betrug verleitet wird, aller Pädagogik zum Hohne, die die Erziehung zu einem sittlich-religiösen Charakter predigt. Herr Oberlehrer Gr. sucht in der Regel diese unangenehmen Vorfälle selbst zu umgehen, indem er gleich bei der Verteilung des Stoffes an die einzelnen Bankreihen die Bemerkungen hinzufügt: „Ich fange vorn an,“ „ich fange beim letzten an“ oder „es mag sich jeder sein Stück ausrechnen“! Ist dies nicht geschehen, so fragt er vor Beginn der Wiederholung den Primus: „Wie habe ich geteilt?“ und der Erste der betreffenden Bankreihe, die den ersten Teil zu lernen hat, giebt oft mit unverkennbarer Deutlichkeit dadurch, daß er sich schon halb vom Platze erhebt, zu erkennen: Ich bin der Anfang.
Die Wiederholung solcher Abschnitte geht natürlich fast ohne Ausnahme großartig. Jeder kann seinen Happen ziemlich oder ganz auswendig. Ist das Ganze einigermaßen eingeübt, so muß jeder Uneingeweihte an dem Fleiße der Schüler, der Exaktheit der Wiederholung, der Tüchtigkeit des Lehrers seine helle Freude haben. Geht endlich die Repetition tadellos, so werden die engen Schranken fallen gelassen, und nun bewegt sie sich in freieren Bahnen. Der Herr Oberlehrer spricht einige einleitende Worte, vielleicht über das Sektenwesen. Dann läßt er sich von diesem und jenem etwas über das oder dies erzählen, natürlich bunt durcheinander in der Klasse, doch immer so, daß stets der aufgefordert wird, der dieses Abschnittchen schon dutzendmal hergesagt hat. Dadurch wird die Täuschung vollkommen. Es ist wirklich großartig, mit welcher Sicherheit dieser Herr seine Leute herausfindet! Er hat es fast zu einer gewissen Virtuosität gebracht wie ein gewandter Klavierspieler, der, wenn er die Note sieht, schon weiß, wo die Taste liegt, die den gewünschten Ton angiebt. Ich kann mir nicht versagen, eine von mir selbst nachstenographierte Unterrichtsstunde hier wiederzugeben, die von der Funktion und den Leistungen dieses mit großartiger Schlauheit und Geriebenheit konstruierten Täuschungs-Apparates so recht Zeugnis ablegt.
Kirchengeschichte Klasse II.\ Gehalten am 24. I. 1894, früh 8—9 Uhr\ von Herrn Oberlehrer Gr.
Es ist zu repetieren über den Pietismus und das Sektenwesen. Dazu sind nach meinen Büchern 21 Seiten klein Oktav (mitunter sehr eng und stenographisch geschrieben) diktiert worden und ziemlich 2 Seiten gedruckt aus Elterich (Lehrbuch des ev. Rel.-Unt.) zu lernen. Die Klasse ist in zwei Hälften geteilt, je zu 12 Mann. Beginn: 8,15.
Oberlehrer Gr.: Gr.!
Seminarist Gr. (erhebt sich und repetiert 3 Minuten lang. Gr. ist der Klassenerste; mit ihm beginnt der erste Teil):3
Vom Ausgange des 16. bis in die 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die protestantische Kirche von zwei mächtigen Bewegungen beherrscht, von denen die eine mit dem Namen Orthodoxismus, die andere mit dem Namen Pietismus bezeichnet wurde. Der Orthodoxismus legt allen Nachdruck auf die Reinheit der Lehre und reines Bekenntnis, er war eine tote Rechtgläubigkeit, die alle Bewährung des Glaubens im Leben vergaß, und die der Kirche das Joch einer neuen Scholastik auflegen wollte. Der Pietismus dringt im Gegensatze zum Orthodoxismus auf lebendigen Herzensglauben, auf praktische Frömmigkeit. Männer der kirchlichen Erneuerung waren I. Generalsuperintendent Joh. Arnd zu Zelle, der Fenelon des Luthertums. Er will die Religion im Sinne der alten, volkstümlichen Mystik auf das Herz und das Leben zurückführen. Von ihm das zum Volksbuch gewordene „Vier Bücher vom wahren Christentum“ und „Das Paradiesgärtlein.“ — II. Valentin Andreas, Prälat zu Stuttgart, ein Enkel des Jakob Andreae, des Mitbegründers der Konkordienformel. Auch er dringt auf lebendigen Glauben. — III. Christian Scriver, von ihm den „Seelenschatz“. — Gegen die Einseitigkeit der Lehre wandte sich besonders der Helmstädter Professor Calixtus. Seinem Wahlspruche gemäß „Selig sind die Friedfertigen“ suchte er eine Versöhnung der feindlich geschiedenen Kirchen herbeizuführen. Er meinte, eine Einigung ließe sich erzielen, wenn man das Gemeinsame der verschiedenen Bekenntnisse zum einigen Bekenntnisse aller kirchlichen Gemeinschaften erhöbe. Man könne sich an dem begnügen, was außer in der heiligen Schrift von der alt-christlichen Kirche der ersten 5 Jahrhunderte gelehrt wurde. Das Mangelhafte aller Unterscheidungslehren solle wegfallen. Daraus entstand der synkretistische Streit. Der Vereinigungsversuch blieb ohne Erfolg. Calixtus wurde nicht mit Unrecht des Synkretismus (Religion-Mengerei) beschuldigt, da er Falsches und Wahres in Bezug auf Glaubenssätze mit einander vermischte. Zum Durchbruch kam aber die Bewegung gegen den einseitigen Dogmatismus in Deutschland erst durch die Begründer des Pietismus, Ph. J. Spener und Aug. H. Franke.
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist Th. (erhebt sich und repetiert 3 Minuten lang):
Ph. Jak. Spener, die bedeutendste ref. Persönlichkeit des 17. Jahrhunderts, geb. 1635 zu Rappoldsweiler im Elsaß. Nachdem er sein Studium in Straßburg beendet, war er erst in Straßburg, dann seit 1666 in Frankfurt a. M. als oberster Pfarrer thätig. Sein Streben war darauf gerichtet, die Religion aus dem Kopfe ins Herz zu bringen. Darum drang er in seinen einfachen Predigten vor allem auf gänzliche Erneuerung des Menschen, auf persönliche Wiedergeburt, und rief durch seine neue Predigtweise eine solche Wirkung hervor, daß 1669 eine Anzahl seiner Zuhörer zu besonderen Erbauungsstunden zusammentraten, deren Leitung er selbst übernahm (collegia pietatis). Auch machte er in seiner Schrift „Pia desideria“ (Fromme Wünsche) Vorschläge zur Besserung der evangelischen Kirche. Er drang darum auf lebendigen, werkethätigen Glauben, auf persönliche Wiedergeburt. Um die Gewissen zu schärfen, verlangte er nicht nur Vermeidung grober Sünden, sondern auch eine gewissenhafte Enthaltung sog. Mitteldinge (Adiaphora), wie Besuch des Theaters, Tanzes u. s. w. — Speners Wirkungskreis erweiterte sich, als er 1686 als Oberhofprediger nach Dresden kam, von wo aus sich sein Einfluß auch auf die Universität Leipzig erstreckte. Seine dortigen Anhänger (Franke, Anton, Schade) verbreiteten durch ihre „collegia philobiblica“ (Vorlesungen in deutscher Sprache zur Erklärung der Bibel) Speners Gedanken auch hier. Spener selbst fiel wegen seiner Freimütigkeit beim Kurfürsten in Ungnade und folgte daher 1691 einem Rufe Friedrich III. von Brandenburg als Probst in Berlin, wo er 1715 starb. — Spener hatte in seiner neuen Stellung in Berlin entscheidenden Einfluß auf die Besetzung der theologischen Fakultät an der neugegründeten Universität Halle, die der friedliebende Friedrich III. als Gegensatz zu dem streitsüchtigen Wittenberg und Leipzig gegründet hatte. Spener hatte Franke nach Halle berufen, und so wurde Halle für lange Zeit die Trägerin des Pietismus. (Th. ist mit seinem Abschnitte zu Ende und setzt sich.)
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist Fl. (steht auf und repetiert 3 Minuten lang):
August Hermann Francke, geb. 1663 zu Lübeck, seit 1684 Privatdozent in Leipzig (collegia philobiblica). Nach mehrfachem Wechsel seines Aufenthaltes fand er 1692 die rechte Stätte seiner Wirksamkeit als Prediger und Professor zu Halle. Hier hat er durch seine Vorlesungen, Predigten und Unterricht Großes gethan. Besonders nahm er sich der Armen und Waisen an. 1695 legte er den Grund zum jetzigen Hauptgebäude des Waisenhauses. Sein lebendiges Gottvertrauen fand oft die wunderbare Bewährung. An das Waisenhaus schloß sich ein Seminarium praeceptorum, in welchem arme Studenten durch theoretische Unterweisung und praktische Übung in der Waisenhausschule zu Lehrern gebildet wurden. Damit verband Francke weiter eine Bürgerschule, eine Lateinschule und ein Pädagogium für Knaben bemittelter Eltern. Außerdem errichtete er eine Buchdruckerei, eine Apotheke, seit 1712 wurde die Cannsteinsche Bibelgesellschaft damit verbunden. Er starb 1727. Bei seinem Tode hatte die Universität Halle als Hauptort der pietistischen Richtung schon Tausende von Theologen in diesem Geiste gebildet und dadurch den Pietismus in Kirche und Schule weithin zur Herrschaft gebracht. — Der spätere Pietismus verlor bald nach dem Tode seines Begründers deren Energie und erschien als eine mattherzige Gefühlsreligion. Es hefteten sich ihm an: einseitige Gefühlsschwärmerei, Weltflucht, Zuschautragen einer äußerlichen, gemachten Frömmigkeit und ein von geistlichem Hochmute nicht freies Conventikelwesen. Der würdigste Vertreter der Orthodoxie in dem Streite zwischen Orthodoxismus und Pietismus war der besonnene und gemäßigte Oberhofprediger Löscher in Dresden. — Das Verdienst der Pietisten besteht darin, daß sie ein Salz für die damals kraftlose Zeit waren und evangelisch-christliches Leben durch das ganze Aufklärungszeitalter bis ins 19. Jahrhundert bewahrt haben. (Fl. setzt sich, da sein Teil zu Ende ist. Zu gleicher Zeit erhebt sich sein Nachfolger.)
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist Kl.:
Die Herrnhuter Brüdergemeinde. Aus dem Pietismus ging die Brüdergemeinde hervor als eine besondere Gemeinde, die sich von der allgemeinen Kirche ausschied. Sie wurde 1722 durch den Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf aus den Resten der vertriebenen böhmischen und mährischen Brüder gebildet. Zinzendorf war 1700 zu Dresden geboren; in pietistischer Richtung erzogen, stiftete er schon auf dem Pädagogium zu Halle den „Senfkorn-Orden“. Er konnte den Gedanken seines Paten Spener nicht los werden, daß der Kirche möge aufgeholfen werden durch kleine Kirchlein in der Kirche (ecclesiola in ecclesia). Damit der Halleschen Einseitigkeit gründlich entgegengearbeitet werde, wurde er von seiner Familie auf die orthodoxe Universität Wittenberg geschickt; er studierte hier Jura, und trat nach mehrjährigen Reisen in den Staatsdienst. Verwirklichung fand sein Plan, eine von kleinen Gemeinden ausgehende Universalgemeinde Jesu zu gründen, als 1722 vertriebene böhmische und mährische Brüder Zuflucht auf den Gütern des Grafen suchten und sich auf seiner Besitzung Bertelsdorf ansiedelten. Bald fanden sich neue Ansiedler aus Mähren ein, denen er Hutberg überließ. Um die so entstandene „Erneuerte Brüdergemeinde“ selbständig leiten zu können, trat Zinzendorf 1727 aus dem Staatsdienste und wurde nach abgelegter Prüfung Geistlicher, 1734. Er zeichnete sich durch ein großes organisatorisches Geschick aus; trotzdem daß die Gemeinde aus Gliedern des mährisch-lutherischen und reformierten Bekenntnisses bestand, wußte er sie doch zu einen, indem er sie überzeugte, daß trotz des verschiedenen Bekenntnisses doch auf den Versöhnungstod Christi sich ein echtes Christentum gründen lasse. Wegen seiner Neuerung von der sächsischen Regierung aus Sachsen verwiesen, konnte er erst 1744 nach langen Reisen durch Europa und Amerika dahin zurückkehren. Er war vorsichtiger geworden und beseitigte viele Übelstände in seiner Gemeinde, die er bis zu seinem Tode leitete, 1760. Nach ihm wurde diese durch den zweiten Begründer der Herrnhuter, den Bischof Gustav Spangenberg, weiter reorganisiert.
Oberlehrer Gr.: Bis dorthin! — Gustav? Sie sagten Gustav Spangenberg sei der zweite Leiter der Gemeinde gewesen, Gustav? — (Herr Oberlehrer Gr. wird unruhig, blättert suchend in seinem Diktierhefte herum.) — — — August Gottlieb Spangenberg heißt er. Na weiter.
Seminarist W. (erhebt sich und repetiert 4 Minuten):
Die Eigentümlichkeit dieser Gemeinde liegt weniger in der Lehre, da sie seit 1749 die Augsburgische Konfession annahm, als vielmehr in der Verfassung und im Kultus. In Bezug auf die Lehre ist das einseitige Hervorheben des Sohnes und insbesondere seines Versöhnungstodes, oder die sogenannte Bluttheorie eigentümlich. In einer Rede Zinzendorfs findet sich wörtlich folgende Stelle: „Wir sind hier eine Versammlung, eine Synagoge unseres Heilandes, unseres Spezial-Vaters, denn Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi ist nicht unser direkter Vater; das ist eine falsche Lehre und einer von den Hauptirrtümern, die in der Christenheit sind. Was man so in der Welt einen Großvater, einen Schwiegervater nennt, das ist der Vater unseres Herrn Jesu Christi.“ — Auch der Kultus trägt den Charakter einer nur auf Erregung des Gefühls wirkenden Sentimentalität. Eigentümlich ist den Herrnhutern der weichliche Gesang, kindlich naive, aber auch bisweilen abgeschmackte Kirchenlieder. Die Abgaben, das Fußwaschen, der Bruderkuß vor der Kommunion und die tägliche Losung aus dem alten und neuen Testamente. Das Leben der Gemeindeglieder zeichnet sich aus durch mönchische Scheu vor der Welt, Gebrauch des Loses bei wichtigen Gelegenheiten, durch ihre Anschauung vom Tode. Wie die Christen der ersten Jahrhunderte die Stätten des Todes als Schlafstätten bezeichneten, so pflegen die Herrnhuter ihre Gottesäcker als liebliche Gärten der Freude anzusehen und sie auch so zu schmücken.
Oberlehrer Gr.: Weiter! (Macht einen Strich in sein Heft.)
Seminarist B. (repetiert 2 Minuten):
Was die Verfassung anbetrifft, so soll Christus „der liebe Heiland“ als Oberältester der Gemeinde diese durch das Los regieren. Die Kirchenämter gliedern sich in das Bischofs-, Prespyter-, Diakonen- und Akolutenamt. Die Geistlichen bilden keinen besonderen Stand. Jede einzelne Gemeinde steht unter der Leitung eines Ältesten-Kollegiums. Von Zeit zu Zeit treten in Generalsynoden Deputierte aller Gemeinden zusammen und fassen Beschlüsse im Namen der Brüder-Unität. Die Gemeinde selbst zerfällt in die einzelnen Chöre der Verheirateten, Verwittweten, Ledigen, Jungfrauen und Kinder. Die Brüdergemeinde ist heutzutage nach bedenklichen Ausschreitungen zu evangelischer Besonnenheit zurückgekehrt und hat diesem Umstande ihr segenreiches Fortwirken zu danken.
Oberlehrer Gr.: Weiter J.!
Seminarist J. (steht auf und referiert den Schluß des ersten Teiles 1 Minute):
In der Zeit des Unglaubens waren die Herrnhuter ein Salz der Kirche, da sie das Bekenntnis an Christus fest hielten und namentlich durch Bibelverbreitung und Mission großen Segen verschafften. — Jetzt ca. 21 000 Herrnhuter. In Sachsen: Herrnhut mit Bertelsdorf und Klein-Welka bei Bautzen; in Preußen: Nisky (eigenes Pädagogium), Gnadenfrei, Gnadenberg, Gnadenfeld, Gnadau. (Setzt sich.)
Außer diesen erwähnten 7 Seminaristen gehören zum ersten Teile noch 5 andere, also 12 Mann im ganzen, die Hälfte der Klasse. Da nun der Pietismus und das Sektenwesen meist in der soeben wiedergegebenen Verteilung repetiert wird, so haben die 5 anderen faule Zeit, besser ausgedrückt: entsetzliche Langeweile, die durch Träumen oder Schlafen überwunden zu werden pflegt.
Oberlehrer Gr.: Bis dorthin! (Zum Primus gewendet): Gr., hatten wir in zwei Teile geteilt?
Seminarist Gr: Ja!
Oberlehrer Gr.: A. weiter! (Mit A. geht die zweite Hälfte der Klasse an.)
Seminarist A. (ist schon aufgestanden; er repetiert 5 Minuten):
Der Methodismus. Auch in der reformierten Kirche hatte
sich eine strenge Orthodoxie ausgebildet. Der Methodismus bildete ein Gegengewicht gegen die Erstarrung und Lauheit in England. Was der Pietismus für die lutherische Kirche, das wurde der Methodismus für die reformierte Kirche. Die Gründer desselben sind: John Wesley, Georg Whitefield (Uitfild). — John Wesley gründete als Student der Theologie zu Oxfort 1729 einen Verein zum Zwecke gemeinschaftlichen Bibellesens und wohlthätigen Wirkens. Die Glieder des Vereins erhielten spottweise den Namen „Methodisten“, weil sie die Frömmigkeit gleichsam methodisch betrieben. Ganz besonders wurde ihre Wirksamkeit erweitert durch den Beitritt des begabten G. Whitefield, der als 2. Begründer des Methodismus gilt. Umherziehend arbeiten sie nun im Verein mit rastloser Thätigkeit, soweit die englische Zunge reichte, bis nach Nordamerika, an der Erweckung und Belebung ihrer Zuhörer. Sie wandten sich mit ihren gewaltigen Bußpredigten besonders an die Masse des von der Geistlichkeit vielfach vernachlässigten Volkes. Der Inhalt ihrer Predigten war ausschließlich die Sünde der Menschen, das Gesetz, die Schrecken der ewigen Verdammnis und die Gnade in Christo. (A. sagt hier etwas Falsches.)
Oberlehrer Gr.: Na, wer hat das gesagt? —
Seminarist A. (fährt fort):
Durch methodisch vorgeführte Schilderungen der Schrecken der Hölle und des Gerichts suchten sie ein ängstliches Erschrecken über die Sünde hervorzurufen, dann aber die freudige Zuversicht der Vergebung zu bewirken. Die rasche Bekehrung war oft mit krampfhaften Erscheinungen verbunden. Sie setzten die methodisch ins Werk gesetzte Gemütserschütterung so lange fort, bis sich die Erregtheit der Gemeinde unter Seufzen und Schluchzen zu wildem Geheul steigerte und mit konvulsivischem Gebahren endigte. Sie bezeichneten die plötzliche Bekehrung der Sünder gern als Durchbruch der Gnade. Sie hielten ihre Predigten meist auf freiem Felde, oft vor 20—30 000 Zuhörern. Von der reformierten Kirche trennten sie sich anfangs nicht, sie wollten vielmehr als ein geistlicher Sauerteig bessernd in ihr wirken. Erst später bildeten die Methodisten eine selbständige Kirchengemeinde. Zu dem deutschen Pietismus hatte der Methodismus vielfach Beziehungen. Wesley stiftete Gemeinden nach Art der Herrnhuter, Whitefield Schulen und Waisenhäuser nach Franckes Vorbild. Die beabsichtigte Vereinigung mit der Brüdergemeinde kam aber nicht zu stande, da die Art und Weise ihrer Predigt, der geforderte Bußkampf, man könnte sagen: Bußkrampf, in zu großem Gegensatze mit dem stillen Treiben der Herrnhuter stand. Wesley starb 1791 in England, Whitefield 1770 in Nord-Amerika. Der Methodismus findet sich namentlich in Nord-Amerika, England, Schweiz und Württemberg verbreitet. In der Zeit des Unglaubens war der Methodismus ein Salz der Kirche, auch hat er mit großer Opferwilligkeit und Ausdauer die Mission unter den Heiden gefördert. (A. setzt sich.)
Oberlehrer Gr.: Gut! — Wir haben auch in Sachsen Methodisten, 'ne ganze Menge. — Weiter!
Seminarist B. (repetiert 4 Minuten):
Die Quäker. Stifter: Der Schuhmacher Georg Fox. † 1691. Fox hatte mancherlei innerliche Anfechtungen durchzukämpfen gehabt, in denen er weder bei den Seelsorgern, noch in dem Worte Gottes rechte Befriedigung gefunden hatte; und war so zu der Überzeugung gekommen, daß nicht in der Kirche, nicht im Worte Gottes die wahre Religion zu finden sei, sondern daß Gott vielmehr sich fort- und fortgehend durch das „innere Licht“, das in dem Menschen wohne, offenbare. Und so wollte Fox das Christentum allein auf das innere Licht im Menschen, als einer fortgehenden Offenbarung gegründet wissen. Dieses innere Licht stellte er über die heilige Schrift und verwarf die Sakramente. Fox trat 1647 unter den Wirren, welche in England damals Staat und Kirche zerrissen, als Reformator und Bußprediger auf. Schon 1649 gründete er eine formelle Religionsgesellschaft, die er selbst die Gemeinschaft der Freunde nannte. Seine Sekte wurde anfangs verfolgt, weil sie alle äußerliche Kirchenordnung aufgab und von Kriegsdienst und Eid nichts wissen wollte. Als aber der angesehene William Penn, der Sohn eines englischen Admirals sich ihnen anschloß, da gewann das Quäkertum an Ansehen, ja als Penn von der englischen Regierung ein Stück Landes am Delaware erhielt, so entstand hier seit 1682 ein Staat Pennsilvanien mit der Stadt Philadelphia (Bruderliebe). Kultus. Die Quäker kennen keine Sakramente. Ihr Kultus ist ohne alle Form, sie haben keine Prediger, es predigt in ihren Versammlungen nur, wer vom Geist ergriffen wird, sei es Mann oder Weib. Ist dies nicht der Fall, so sitzen sie schweigend da mit bedecktem Haupte und gehen auseinander, ohne ein Wort gehört zu haben. Später haben sie besonders befähigte Redner vorzugsweise mit dem Predigen beauftragt. Im Leben haben sie sich als rechtschaffene, stille Leute bewährt, die alle conventionellen Formen und allen Luxus verschmähen; sie reden jeden mit „Du“ an, verbeugen sich vor niemand, nehmen vor niemand den Hut ab u. s. w. Ihre Kleiderordnung beschränkt den Anzug auf das Nötige und Bequeme. Ihre Zahl soll in England 20 000, in Nord-Amerika 150 000 betragen. In Deutschland findet sich eine kleine Quäkergemeinde in Friedensthal bei Pyrmont. Der Name Quäker bedeutet „Zitterer“. Sie erhielten ihn, weil sie vor innerer Gemütsbewegung, mit der sie sprachen, zitterten, oder weil ihr Stifter am Schluß einer Rede vor dem Richter sprach: „Zittert vor dem Worte des Herrn!“ und dieser darauf antwortete: „Seht da, den Zitterer!“ (B. setzt sich nieder.)
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist G. (erhebt sich und repetiert 3 Minuten):
Die Swedenborgianer. Die Sekte der Kirche „des neuen Jerusalems“. Stifter: der Bergrat Emanuel v. Swedenborg, 1688—1772. Er war ein gründlicher Kenner der Naturwissenschaften, wandte sich aber plötzlich von den Naturwissenschaften zu religiösen Studien, indem er sich berufen fühlte, infolge einer Offenbarung, das seit dem Konzil zu Nicäa verfallene Christentum durch die Stiftung der Kirche des neuen Jerusalem zu retten. (G. referiert hier etwas falsch.)
Oberlehrer Gr.: War falsch. (G. berichtigt den Fehler.) Weiter!
Seminarist G.:
Seine ganze Lehre wurzelt in der Überzeugung von einem Verkehre mit der Geisterwelt, durch welchen er genauen Aufschluß über das Jenseits und den Zustand nach
dem Tode zu erhalten glaubte und erhalten zu haben meinte. Mit viel Phantasie wußte er das Jenseits, mit dem er durch Correspondenz in Verbindung zu stehen glaubte, auszumalen. Die Bibel läßt er als Gottes Wort gelten, legt sie aber in willkürlicher Weise aus. So verwirft er die Lehre von der Dreieinigkeit und der Rechtfertigung aus dem Glauben. Seine Schriften wurden von seinen Anhängern als ein 3. Testament den biblischen Büchern gleichgestellt. Swedenborgianer giebt es besonders in Schweden, England und Nord-Amerika. — Über Irvingianer. Siehe Elterich, Lehrbuch für den evangelischen Religions-Unterricht, Seite 147 und 148, 20 Druckzeilen. (G. referiert recht mangelhaft, sagt manches falsch und spricht nicht fließend. Daher nachstehende Zwischenrufe.)
Oberlehrer Gr.: Nicht bloß! — Weiter! — Na, e bischen schnell! — Nein! — Ordentlich durchgehen. — Is ja Blödsinn! — Na, ich dächte doch! — Weiter! [Alle Ausdrücke sind ständig!]
Seminarist Kr. (referiert über Puseyten, Elterich, Seite 148, 10 Druckzeilen; er kürzt aber sehr).
Oberlehrer Gr.: Na, das war aber sehre kurz!
Seminarist W.: (ist schon aufgestanden, referiert über die Apostolische Gemeinde, siehe Elterich).
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist S.: (referiert über die Plymouthbrüder, aber oft ungenau).
Oberlehrer Gr. (Zwischenbemerkungen): Ist zu unbestimmt! — Das könnten Sie wissen! [Ständiger Ausdruck.] — Weiter!
Seminarist H.: (referiert über die Gesellschaft des Tempels. Da er nicht gut memoriert hat, läßt seine Wiederholung viel zu wünschen übrig).
Oberlehrer Gr. (Zwischenbemerkungen): Sie haben uns ja noch gar nichts angegeben. (H. hatte sich nach wenig Worten wieder gesetzt.) — Ist recht thöricht! [Stehende Redensart!] — Fangen Sie noch einmal an! — Na, aber warum denn das? — Na, ich dächte doch! [Ständiger Ausdruck!] — Weiter!
Seminarist L.: (über Darbisten und Mormonen, siehe Elterich, Seite 148 und 149, etwa 25 Druckzeilen).
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist Sch.: (hat sich schon erhoben. Er repetiert 2 Minuten über die Mormonen und hält dann inne).
Oberlehrer Gr.: Weiter!
Seminarist Sch.: Bis hierher ist aufgegeben!
Oberlehrer Gr.: Das nächste Mal wollen wir umtauschen! — Schlagen Sie das Buch auf! (Elterich) — Kirchenlied! — 2. Periode! —
Die Schüler schlagen das Buch auf. Elterich, Seite 199, Anhang: Übersicht über die wichtigsten evangelischen Kirchenlieder. Da die Stunde durch die Repetition des aufgegebenen Stoffes nicht ausgefüllt werden konnte, werden die noch übrigen zehn Minuten auf das Einprägen der Kirchenlieder verwendet, wozu Herr Oberlehrer Gr. die Seminaristen in wahrhaft entzückend geistreicher Weise anleitete.
Oberlehrer Gr.: Die Namen der Liederdichter! — (Die Seminaristen prägen sich dieselben ein.) Th.!
Seminarist Th. (erhebt sich und referiert).
Oberlehrer Gr.: Die Lieder mit dazu! — Nur die auf der ersten Seite! (Nach einer Weile): H.!
Seminarist H. (giebt sie an).
Oberlehrer Gr.: Die übrigen! — H.!
Seminarist H. (sagt auf).
Oberlehrer Gr.: Nun emal alle zusammen! — G.
Seminarist G. (referiert).
Oberlehrer Gr.: Charakteristik der 3. Periode! — A.!
Seminarist A. (sagt auf).
Oberlehrer Gr.: Die Namen der Dichter! — Kl.!
Seminarist Kl. (giebt sie an).
Oberlehrer Gr.: Was sie sind! (Lebensstellung nämlich!) — Na, gleich mal alle zusammen! (Er erhebt sich, geht an die Thür und erfaßt die Klinke.) — Sch.!
Seminarist Sch. (beginnt zu referieren; da schlägt die Uhr 9.)
Oberlehrer Gr. (unterbricht Sch. mitten im Worte): Na, s'ist gut. Die Aufgabe hatte ich gestellt. (Ab.)
Ähnlich wie in der zweiten Hälfte dieser Stunde gestaltete sich auch die unterrichtliche Behandlung des Lehrstoffes anderer Diszipline, nachdem derselbe mit Fleiß diktiert worden war. So liegt mir eine nachstenographierte Unterrichtsstunde aus Klasse III vom Jahre 1895 vor, die in ebenderselben Weise wie die vorhergehende ein trauriges und beschämendes Bild von der unterrichtlichen Thätigkeit dieses Mannes entrollt. Ich gebe dieselbe in aller Kürze wieder, aber so, daß ich nur die „Arbeit“ des Herrn Oberlehrer Gr. festnagele, die der Schüler durch Striche ersetze.
Bibelkunde Klasse III.
Oberlehrer Gr.: Fangen Sie an, E.! — Gut! — Br. weiter! — Der Nächste weiter! — Weiter Z.! — s'ist gut! — (Der dieser Reihe zugeteilte Abschnitt des zu wiederholenden Stoffes ist zu Ende.) — Jetzt mag fortfahren — (sehr unauffällig, so daß es den Anschein hat, als ob er den ersten Besten nähme) Sch.! Matth. 18! Welche zwei Gleichnisse finden wir da? (Um die Täuschung vollständig zu machen, werden einige Fragen eingestreut, obgleich Sch. seinen Fetzen tadellos hersagen kann.) — Weiter Gr.! — (Es sagt einer vor.) Nicht vorsagen! — Gut! (Oberlehrer Gr. macht einen Strich in sein Buch.) — Gehen wir weiter! Matth. 21. Welche beiden Gleichnisse haben wir dastehen? H.! — Prägen Sie sich jetzt das Gleichnis von den ungleichen Söhnen ein! — Geben Sie es an, H.! — Ich wills noch einmal hören, D.! — Was wir aufgeschrieben haben, K.! — Zusammengefaßt, Str.! — Weiter, von den bösen Weingärtnern! Nehmen Sie mal bloß bis Vers 27! H.! — Ich wills noch einmal hören, Sch.! — Weiter bis zum Schluß, Fr.! — (Läßt ein Stück weg.) — Vorn fehlt noch ein Stückchen, H.! — Im Zusammenhange das Gleichnis, A.! — Was wir aufgeschrieben haben, G.! — Im Zusammenhange, E.! — Matth. 22. Zunächst Vers 2—7, D.! — Bis zu Ende, K., wenn Sie es werden können! — Im Zusammenhange, E.! — u. s. w. u. s. w.
Aus diesen angeführten Proben kann jeder deutlich genug ersehen, in welchem Umfange und mit welcher Unverblümtheit und Unverfrorenheit dieser geisttötende, aller Bedingungen zu einem fruchtbaren Unterrichte entbehrende Mechanismus von seiten dieses Herrn getrieben wird. Etwa zwischen Michaelis und Weihnachten beendet er in den einzelnen Disziplinen sein Jahrespensum mit Hilfe seiner Siebenmeilenstiefeldiktate. Von nun an werden die unglückseligen Seminaristen Stunde für Stunde in der vorhin wiedergegebenen Weise vollgestopft und vollgepfropft; gut deutsch gesagt: geschunden in des Wortes verwegenster Bedeutung. So ist nach meinen Büchern (zum Teil recht eng und oft stenographisch) nachgeschrieben worden: Katechetik Klasse III 160 Seiten, Klasse II 80 Seiten. — Kirchengeschichte Klasse III 65 Seiten, Klasse II 115 Seiten; Bibelkunde Klasse III 70 Seiten; Litteraturgeschichte etwa 150 Seiten; Geschichte Klasse I 200 Seiten.4
Man mache sich eine Vorstellung: Religion, Geschichte und Litteraturgeschichte in den Händen dieses Mannes! — Es ist wahrhaftig eine Sünde und Schande. Ich muß, was meine eigene Person anlangt, frei und offen gestehen: die Religion ist mir durch diese seelenlose Holzhackerei dermaßen verleidet worden, daß ich mich heute noch eines gewissen Widerwillens ihr gegenüber nicht erwehren kann; die Geschichte kannte ich schon von Klasse V ab nur als Folterwerkzeug und Marterinstrument, die in den Händen eines pedantischen, kleinlichen, bis zum Verzweifeln trockenen „Lehrers“ wahre Höllenqualen zu bereiten im stande war; und ich bin überzeugt, hätte mich nicht eine starke subjektive Neigung zu eifrigem Privatstudium der Litteratur angetrieben und hätte ich dabei nicht den lebenspendenden Quell in ihr entdeckt, ich wäre ohne dies nicht dafür warm geworden. Bei den anderen Fächern ist es eher schlimmer als besser.
Dieses wenige nur über den Gewinn, den Nutzen, den der Seminarist aus diesen Stunden mit hinausträgt. Ich habe zwar nur von mir gesprochen; aber ich weiß, daß andere an sich selbst nicht bessere Erfahrungen gemacht haben.
Die Sache läßt sich auch noch unter einem anderen Gesichtswinkel betrachten. Was in aller Welt soll der Seminarist angesichts dieser heillosen Wirtschaft für seine Praxis, für seinen späteren Beruf lernen? — Rein gar nichts, höchstens: wie er's später als Lehrer nicht machen soll und darf. — Beatus ille, qui procul. . . .
Jedem, der von diesen Geschichten allen hört, wird natürlich die Frage auf den Lippen brennen: Warum hat man sich über diese mißlichen Zustände nicht beschwert? — Wie es um das Sich-beschweren steht und was dabei herauszuspringen pflegt, habe ich bereits im ersten Teile zur Genüge beleuchtet. — Da wird man fragen, ob diese unfruchtbare Wortdrescherei dem betreffenden Seminardirektor bei Gelegenheit seiner Inspektionen nicht aufgefallen sei? Es ist mir zwar mitgeteilt worden, der nunmehr in den Ruhestand versetzte Seminardirektor Herr E. habe allerdings davon gewußt und in seinem Tagebuche wiederholt darüber Aufzeichnungen gemacht. Ich kann freilich für die unbedingte Richtigkeit dieser Aussagen nicht eintreten, da mir persönlich die betreffenden Notizen nie zu Gesicht gekommen sind. Aber ich bin Zeuge gewesen, wie Herr Seminardirektor E. dem Herrn Oberlehrer Gr., nachdem er einer seiner Unterrichtsstunden, in der es natürlich „großartig gegangen“ war, beigewohnt hatte, mit dem Ausdrucke größter Freude die Schulter klopfte. (!) Hat er wirklich von dieser schauderhaften Wirtschaft Kenntnis gehabt, ohne sich verpflichtet zu fühlen, ihr durch entsprechende Maßregeln allen Ernstes Einhalt zu gebieten, so haftet auf seinem sonst sehr ehrenwerten Namen ein unangenehmer Schatten. Aber von Herrn Seminardirektor J. weiß ich mit größter Bestimmtheit, daß ihm dieser faule Punkt schon lange, lange vorher kein Geheimnis mehr war, ehe er anfing, auf eine Abhilfe zu dringen. Erst als er erfuhr, daß eine Broschüre erscheinen sollte, die den Thäter wie den Hehler unter Umständen an den Schandpfahl bringen würde, dachte er daran, daß es seine Pflicht war, dagegen Front zu machen. Vorher aber waren Schüler, die ihn gebeten hatten, diesem Frevel ein Ende zu bereiten, mit dem Bemerken abgewiesen worden: „Die Erfolge seien maßgebend!“ (!!) Aber was sind das für Erfolge! Scheinerfolge! Blendwerke! Potemkinsdörfer! Herr Oberlehrer Gr. geht mit einer Schlauheit, einem Raffinement zu Werke, die ihresgleichen suchen müssen. Nie wird, wenn unverhofft Inspektion erscheint, in der „Behandlung neuen Stoffes“ weitergegangen; stets wird repetiert. Und zwar wird das repetiert, das schon gehörig eingetrommelt worden ist. Jeder spielt seine Rolle; dazu einige eingestreute Fragen, einige verbindende Bemerkungen und dieses klägliche Machwerk, dieses wacklige, aus lauter Brocken und Bröckchen aufgebaute und übertünchte Gefüge giebt ein Bild von tadelloser Schöne! Doch diese Spiegelfechterei, dieser Humbug ist noch nicht zu Ende. Daß jeder Gefahr unter allen Umständen vorgebeugt werde, reitet der Herr Oberlehrer Gr. außerhalb der Schulzeit noch einige Privat-Paradepferde. Sobald er die Gefahr einer Inspektion im Anzuge wähnt, ruft er irgend einen oder auch etliche Schüler aus der Klasse zu sich und giebt ihnen besondere Fetzen zu lernen auf, jedoch mit dem Bedeuten: „Sie brauchen aber den anderen nichts zu sagen!“ — Kommt dann die geahnte und gefürchtete Inspektion, so heißts, nachdem eine lange Weile meinetwegen das Papsttum repetiert worden ist: „Na wolln mal was anderes nehmen!“ Bald ist mit wenig Worten eine Brücke zu Zwingli nnd Calvin geschlagen, und die beiden Seminaristen, die vielleicht am ganz andern Ende der Klasse sitzen und die Lebensgeschichten der beiden Reformatoren privatim eingeoxt haben, treten zum großen Ergötzen des Herrn Oberlehrer Gr., der sich seiner Schläue freut, und des inspizierenden Herrn Seminardirektors, der sich seines tüchtigen und wackeren Oberlehrers freut, in Aktion. — Dieses Gebahren nennt man auf gut Deutsch: Schwindel, infamen Schwindel! Und mochte sich Herr Seminardirektor J. auch seiner Zeit zum Anwalt des gekränkten „lieben Kollegen“ Gr. berufen fühlen und mich anbrüllen und andonnern, als ich in mein ausgeliefertes Notizbüchel geschrieben hatte „Gr. baut Potemkinsdörfer!“ — es ist so, es bleibt so, er baut wahrhaftig Potemkinsdörfer! — Dazu aber heute noch etwas: „Der Hehler ist so gut wie der Stehler“ und „Ich habe Treue nicht gelobt; doch sprich wie stehts mit deinen Pflichten?“
Wenn aber nun der Herr Geh.-Rat Dr. B. einmal inspiziert? — Der Fall ist dagewesen. Sollte etwa jemand Herrn Oberlehrer Gr. noch nicht haben schnelllaufen sehen, so mag er zum nächsten Male im Seminar Beobachtungen anstellen, wenn der Herr Geh.-Rat Dr. B. auf der Bildfläche sichtbar wird. Mit wahrer Todesangst eilt er in Sturmschritten in die II. Klasse: „Wie habe ich denn verteilt? Wir werden Besuch bekommen. Wir wollen übers Nibelungenlied reden“ und damit ist er wieder davon. Vor der nächsten Stunde ereignet sich in der III. Klasse dasselbe Manöver: „Wie habe ich denn die Teile gegeben? Wie weit reichts also? Bei H. gehts los. Also machen Sies gut!“ — Des andern Tages wieder in Klasse II: „Ich fange auf der 3. Reihe an!“ und in Klasse III: „Ich fange auf der mittelsten Reihe an!“ Das lassen sich die Seminaristen in diesen kritischen Lagen natürlich nicht zweimal sagen, jeder trommelt seinen Fetzen nach allen Regeln der Kunst ein, jeder wiederholt seinen Teil mit Glanz, auf den Gesichtern der Inspizierenden malt sich helles Entzücken, die Sache geht famos, und Herr Oberlehrer Gr. ist eine tüchtige Kraft, ein wackerer Schulmann. (!!) — — —
Wenn man freilich von solchem Wirken, solcher Tüchtigkeit und Schaffenslust erfährt, dann darf es einen nicht mehr Wunder nehmen, daß Herr Oberlehrer Gr. sich in seiner Rede bei der
Abgangsfeierlichkeit des Herrn Seminardirektor Schulrat E. den hochtönenden Passus gestattete: „Ich kann es *mit gutem* Gewissen bezeugen, daß *wir alle stets* unsere Pflicht gethan haben!“ (!!)Dem Weisen genug! Es leben die folgenden!
Ich muß, ehe ich die übrigen Glieder dieser Kette defilieren lasse, besonders noch erwähnen, daß die Gestalt des Herrn Oberlehrers Gr. und dessen unterrichtliche Thätigkeit den Glanzpunkt dieses Teiles der Broschüre bildet. Die folgenden Herren sind ihm an Wert, d. h. soweit sie als Schulmeister in Betracht kommen, auf jeden Fall über, der eine mehr als der andere. Es wäre auch wahrhaftig ein himmelschreiendes Elend, wenn in einem Seminar mehrere Herren vom Genre Gr.s ihr Unwesen treiben wollten; die Drachensaat, die der eine sät, zeitigt schon Verderben genug.
Wenn ich stufenweise aufwärts gehend das Niveau des Brauchbaren, Echten erreichen will, habe ich mich an zweiter Stelle mit Herrn Oberlehrer Dr. zu beschäftigen.
Derselbe erteilte zu meiner Zeit Unterricht in Geschichte, Geographie, zum Teil in Deutsch und Latein.
Der Charakter seiner Stunden ist von dem der Stunden des Herrn Oberlehrer Gr. wesentlich verschieden. Während dieser den Stoff einfach den Schülern in die Feder diktiert und auswendig lernen läßt, trägt jener denselben vor. Die Art des Vortragens zu kritisieren würde man mir — und das vielleicht nicht mit Unrecht — als kleinlich auslegen. Jeder hat seine Schwächen und nicht jeder kann ein Schulmeister sein, wie er im Buche steht. Wenn einer aber Unterricht in Geschichte erteilt, so verlangt man auch bei bescheidenen Ansprüchen heutzutage doch noch ein bißchen mehr von der Tüchtigkeit eines Geschichtslehrers als wir hier beobachten können. Die Jugend muß durch die Geschichte begeistert werden. Das läßt sich erreichen durch die Art der Darbietung, nicht zum letzten auch durch die Art des Vortrags. Beides ist leider in den Stunden des Herrn Oberlehrer Dr. nicht geeignet, diese Forderungen zu erfüllen. So sind die Geschichtsstunden ein Kreuz, weniger durch den einförmigen Vortrag als vielmehr durch die elendige Nachschreiberei, mit der auch hier die Seminaristen gepeinigt wurden.
Das Nachschreiben trägt jedoch hier einen ganz anderen Charakter als in den von Herrn Oberlehrer Gr. besetzten Fächern. Es wird außerhalb der Stunde getrieben. Sobald repetiert worden ist, trägt Herr Oberlehrer Dr. die ganze Stunde lang vor, und dieser vorgetragene Stoff wird dann aus einem von Herrn Oberlehrer Dr. ausgearbeiteten Hefte von den Schülern in ihre Bücher während der Arbeitsstunden nachgeschrieben. In dieser Nachschreiberei liegt das Unpraktische und Unpädagogische. Giebt es denn auf unserem so reichen Büchermarkte wahrhaftig kein Lehrbuch der Geschichte, das sich für Seminarien eignet und dem sich Herr Oberlehrer Dr. in seinen Stunden anschließen könnte? Der „Weber“ ist in Oschatz eingeführt; warum wird er so wenig benutzt? Man läßt sich einige Notizen da und dort gefallen, eine Ergänzung an dieser, eine Erweiterung an anderer Stelle; aber eine vollständig systematisch bearbeitete Geschichte für jede Klasse, dazu mit der eigenartigen Einteilung in „linke und rechte Geschichte“ von seinen Schülern nachschreiben zu lassen, erinnert doch gar zu bedenklich an die Klosterschulen und Mönchschroniken des grauen Mittelalters. Wie soll bei solcher mechanischen Handhabung, zu der noch ein Dringen auf möglichst wörtliche Wiederholung hinzukommt, die Aufgabe des Geschichts-Unterrichts: den Verstand zu erleuchten, das Herz zu veredeln, den Willen anzuspornen und auf edle Ziele zu lenken — denkbar sein! — Eine oder mehrere Stunden braucht der Seminarist Zeit, um den Unterrichtsstoff abzuschreiben, dann muß er noch gelernt werden. Nun denke man sich Tage, wo vielleicht vormittags zwei Stunden bei Herrn Oberlehrer Gr., eine Stunde bei Herrn Oberlehrer Dr., eine Stunde bei Herrn Oberlehrer W. und noch irgend eine andere Stunde auf dem Stundenplan stehen. Diese erschreckende Fülle toten Materials, das da dem Gedächtnisse eingepfropft werden muß! Ist es ein Wunder, daß nur für die Stunde gelernt wird und sich nach derselben der Geist so schnell als irgend möglich wieder von den drückenden Fesseln dieser Barbarei befreit? Ist es ein Wunder, daß dem Seminaristen die Geschichtsstunden der Inbegriff alles Unangenehmen, Widerwärtigen, Fürchterlichen sind? — Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Es ist wahrhaftig eine Sünde, die man an jungen Leuten verübt, indem man durch solch gewissenloses Arbeiten, durch solches Schablonentum und Wortgeklapper ihre geistige Kraft lähmt, ihr Streben verleidet, ihre jungen Tage verbittert und trübt, ihren Geist mordet. Wer nicht im stande ist, Geschichtsunterricht so zu erteilen, wie er erteilt werden soll und muß, der thut besser, er läßt seine Hände fern davon; denn der Schaden, den er anrichtet, ist größer als der Erfolg, der nur ein augenblicklicher ist, wenn überhaupt von einem solchen die Rede sein kann.
Die Unterrichtsstunden des Herrn Oberlehrer W. kranken, ebenso wie die der beiden vorgenannten Herren, an dem typischen Übel des Oschatzer Seminars: der unnötigen, zeitraubenden und unpädagogischen Nachschreiberei. Es darf nicht verkannt werden, daß Herr Oberlehrer W. bemüht ist, seine Schüler möglichst tief in die Gebiete seiner Wissenschaften einzuführen. Aber doch kann ich nicht unterlassen, auf einen Mangel seiner Unterrichtsstunden hinzuweisen, der infolge der traurigen Unterrichtsverhältnisse im Oschatzer Seminar für den Seminaristen zu seinen Ungunsten schwerer ins Gewicht fällt, als es sonst vielleicht der Fall sein würde. Herr Oberlehrer W. hält seine Stunden folgendermaßen: Er behandelt in der ersten Hälfte derselben den Lehrstoff in einer Form, wie sie sich gebührt und wohl der Kritik stand halten kann. Aber in der zweiten Hälte wird das Behandelte nach Diktat in ein dickleibiges Heft von den Schülern nachgeschrieben. Daran nehme ich Anstoß. Wozu bei der Menge unserer Lehrbücher diese Nachschreiberei? — Wenn freilich, wie in Oschatz, für Geometrie und Arithmetik, soweit sie in den Händen des Herrn Oberlehrer W. ruhen, nicht einmal Lehrbücher eingeführt sind, bleibt allerdings weiter nichts übrig, als die Weisheit mit eigener Kraft durch die schwarze Kunst in die gestaltverleihenden Fesseln des Wortes zu bannen. Warum aber sind keine Lehrbücher für die betreffende Disziplin eingeführt? — Von jeder Stunde geht dem Schüler durch diese unnütze Nachschreiberei die Hälfte verloren; das macht vom Jahre ebenfalls die Hälfte. Der Schüler muß also sein Jahrespensum in einem halben Jahre durcharbeiten. Das andere Halbjahr muß er zur Herstellung eines reichlich 500 Seiten starken handschriftlichen Lehrbuchs der Mathematik verwenden. Wie könnte bei sinngemäßer Methode unter Anlehnung an ein gutes Lehrbuch der Stoff auf das ganze Jahr famos verteilt werden! Dann fiele jenes aufreibende Hasten und Treiben weg, dann würden die Tagesportionen kleiner und mit viel mehr Lust und Liebe gelernt, dann würden die Schüler namentlich gegen das
Ende des Jahres hin durch die umfangreichen Wiederholungen nicht mehr so überbürdet. Ganz gewiß hat Herr Oberlehrer W. gute Erfolge zu verzeichnen; inwieweit diese aber für die Wertschätzung der Lehrthätigkeit eines Lehrers maßgebend sein dürfen, haben wir bereits vorhin mit peinlicher Deutlichkeit gesehen. Viele Schüler werden durch die Stunden des Herrn Oberlehrer W., weil er eben gute Erfolge erzielen will, reinweg gequält. Ihre geistige Begabung, ihr Vermögen, gerade in diesen Fächern zu arbeiten, ist nicht im stande, die für sie zu großen Tagesaufgaben zu bewältigen. Die Folge ist, daß sie sich, deutsch gesagt: schinden müssen, um zu einem befriedigenden Resultat zu gelangen. Das würde ganz anders sein, wenn man durch Weglassung der Diktate mehr Zeit gewönne. Dann könnte auch den Seminaristen die Verarbeitung des Unterrichtsstoffes leichter und bequemer gemacht und zur Verdauung desselben mehr Zeit gelassen werden. So läuft die ganze Lehrthätigkeit für den weniger Begabten auf eine Vollpfropferei hinaus. Ein so „scharfsinniger“ Herr wie Herr Oberlehrer W. sollte als Lehrer zu derartigen Ausstellungen gar keine Veranlassung geben! — Daß ich aus freien Stücken, d. h. ohne durch die vorhin abgethanen bösen Fälle darauf hingeleitet worden zu sein, die Unterrichtsstunden des Herrn Oberlehrer W. einer Kritik nicht unterzogen haben würde, darf ich wohl als selbstverständlich betrachten. An sich wäre die Sache nicht wesentlich und zwingend genug. Aber als Glied im ganzen, als ein Faktor, der mit thätig ist, die Seminaristen in Automaten umzuwandeln, auch um der Gerechtigkeit willen, darf sie nicht ungerügt bleiben.Zudem will die Broschüre anregen, daß eine vollständige Reform der zu diesen Kritiken anlaßgebenden Verhältnisse herbeigeführt, eine absolute Wandlung des Bestehenden geschafft werde; da dürfen auch solche Mängel und Schattenseiten nicht außer acht gelassen werden, die weniger tiefgehen und deren Tragweite enger begrenzt ist. Denn geschieht dies nicht, so wird aus der Reform eine Flickerei, man bessert einen Schaden aus und kaum ist man damit fertig, so entsteht daneben ein neuer. Was aus derartigen Ausbesserungsversuchen herauszuspringen pflegt, ist uns leider nur allzugut bekannt.
Was sonst noch zu erwähnen wäre, um das Bild von der Unterrichtsmethode in Oschatz möglichst in allen Einzelheiten und mit allen Schattierungen zu malen, möchte, wenn ich es anführte, als zu kleinlich erscheinen, obwohl auch diese Kleinigkeiten oft gerade recht sehr geeignet sind, Lust und Liebe zur Sache zu ertöten und so den Geist um den Gewinn zu bringen, z. B. das Dringen auf Angabe der Länge, Stärke und Schwere der Barrenholme, Stäbe und Hanteln in cm, kg und dgl., auf wörtliche Wiedergabe der diktierten methodischen Winke für den Zeichenunterricht, auf folgerichtiges Aufsagen der Eisenbahnstationen von Bordeaux bis Petersburg in der Handwerksburschengeographie und so manches andere.
Doch ich glaube, das Lied zum Ruhme des Oschatzer Seminars ist laut und lang genug gesungen.
Im ersten Teile meiner Broschüre habe ich von der körperlichen Mißhandlung der Seminaristen erzählt. Der zweite Teil berichtet von der geistigen. Es ist aus diesen meinen wahrheitsgetreuen Angaben zu ersehen, wie in Oschatz die Bequemlichkeit und Gewissenlosigkeit, die Unfähigkeit und Pflichtvergessenheit in den Unterrichtsstunden ihr Unwesen treiben; wie man selbst davor nicht zurückschreckt, seine Kläglichkeit und Untüchtigkeit durch offenbare Betrügereien zu verdecken und zu bemänteln, wodurch man nicht allein eine geistige Unfruchtbarkeit hervorruft, sondern auch unter Umständen den moralischen Halt seiner Schüler in rücksichtslosester Weise untergräbt.
Summa: Es sieht nicht allein in Bezug auf die schauderhafte Behandlung der Seminaristen in Oschatz höllisch faul aus; — auch die unterrichtliche Thätigkeit ist derartig verlottert und verwahrlost, daß es nachgerade zur Gewissenssache jedes Einzelnen wird, eine Reform solcher Mißstände energisch zu fordern. Diese wird aber erst dann den gewünschten Segen bringen, wenn sie darin besteht, daß man die betreffenden Elemente aus dem Organismus vollständig entfernt und die besseren und tüchtigen Kräfte in Zukunft derart scharf überwacht, daß solche elendige Zustände überhaupt nicht wieder einreißen können.
Zum Schluß wiederhole ich nochmals: Unbestritten hat das Oschatzer Seminar auch pflichtgetreue und fleißige Lehrer, die jeder Schüler in gutem Andenken halten wird. Sie sind, wie die guten Frauen, daran kenntlich, daß man von ihnen wenig spricht.
Explicitus liber.
Im nächsten Teile wird Gelegenheit geboten werden, einmal einen Blick in die Dunkelkammer der Censurenfabrikation zu werfen. Es ist mit größter Bestimmtheit zu erwarten, daß da wohl manchem ein „gewaltiges Licht aufgehen wird“. Den Oschatzer Skandalgeschichten setzt diese Enthüllung die Krone auf.
Fuente: Otto Rühle, Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare. II. Teil: Die Lehrmethode in Oschatz, Leipzig, August Schupp, 1896, 47 S. (portada interior: «II. Teil: Die Lehrmethode»). Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek, Múnich (Münchener DigitalisierungsZentrum, bsb11820112, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11820112; ejemplar con signatura Paed.th. 4874 d), con un OCR propio (tesseract, Fraktur) corregido página a página sobre las imágenes. Existe otro ejemplar digital en la SLUB Dresden (https://digital.slub-dresden.de/id337089558), no cotejado. Se conservan la ortografía y las erratas del impreso (p. ej. «des ganzes Stoffes», «Hälte», «nnd»); el espaciado del original se da en cursiva; se omiten los titulillos de pliego y las páginas de anuncios del editor. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa; la nota del preliminar se ha movido al final con las demás.
Einen rein buchhändlerischen Brauch. ↩
Es saßen bei uns 8 Schüler auf einer Bankreihe. ↩
Ich führe den Lehrstoff nicht nach den Referaten der Schüler, sondern nach den Diktaten des Herrn Oberlehrer Gr. an, damit jeder Gelegenheit hat, dieselben nach Form und Gehalt zu beurteilen. R. ↩
Das hat Herr Oberlehrer Gr. „kleine Notizen“ genannt. ↩