Die Schund-Litteratur und ihre Bekämpfung von seiten des Lehrers
von
OTTO RÜHLE
Preis 25 Pf. 20 Exemplare Mk. 4.50, 50 Ex. Mk. 10.50, 100 Ex. Mk. 20.—.
Großenhain i. S. Verlag von Herrmann Starke.
Vorwort.
Wenn ich diesem Schriftchen einige Worte auf den Weg mitgeben soll, so kann ich nichts Besseres thun, als mir jene ins Gedächtnis zurückzurufen und an dieser Stelle zu zitieren, die der Prinz Emil zu Schoenaich-Carolath schrieb, als er mir seine Novelle „Bürgerlicher Tod“ schenkte. Sie lauten: „Kein Kunstwerk, aber ein Werk des Herzens.“
Das Elend des armen Volkes hat mir schon das Herz warm gemacht, als ich noch auf der Schulbank saß; obgleich da dicke Mauern den Blick in die Tiefen menschlichen Jammers (freilich auch nach den Höhen menschlicher Herrlichkeit) wehrten. Später jedoch habe ich zur Genüge Gelegenheit gefunden, die sittliche Verkommenheit und Versunkenheit des Volkes in ihrer ganzen Schwärze zu schauen.
Die Frucht dieser Beobachtungen und Erfahrungen ist dies Büchlein.
Ich danke Gott, daß es mir vergönnt ist, zur Linderung des Elends, das am Marke des Volkes frißt, auch ein Scherflein beitragen zu können, wenn es auch vielleicht der kleinsten eins ist. Die Hoffnung, daß mein Büchlein doch vielleicht diesem oder jenem Kollegen in dem Kampfe gegen die Schundlitteratur ein guter Freund und Berater sein möge, macht mich fröhlich und ist mir Lohns genug.
Gott walt's, daß es geschehe! — Das sei mein Wandersegen.
Borna b. Bornitz, Sachsen.
Otto Rühle.
Es sind zu diesem Schriftchen zwei früher in der „Lpz. Ztg.“ (Nr. 148 und 168 1895) erschienene Aufsätze über „Schundlitteratur“ und „Jugendlektüre“ desselben Verfassers teilweise wieder mit benutzt worden.
Der Berliner Schriftsteller Heinrich Stümcke sagt in seinem kleinen aber interessanten Schriftchen „Literarische Sünden und Herzenssachen“: In den breitesten Volksschichten hungert man heutzutage nach Bildung.
Damit hat er eigentlich die ganze Stellung des Volkes zu Kunst und Wissenschaft dargelegt. Und jeder, dem Gelegenheit gegeben ist, das Volk nach dieser Seite hin zu beobachten, wird zu demselben Resultate gelangen.
Es hat diese Erscheinung im großen ganzen ihren Grund in dem unserer modernen Zeit eigentümlichen Gepräge, in den Verhältnissen des Lebens, das auch den untersten Volkskreisen schon eine allgemeine Bildung fast zur Bedingung macht. Auch die politischen Strömungen und Bewegungen unserer Tage bilden zur Erwerbung eines höheren Bildungsgrades eine gewisse Triebkraft, indem jeder einzelne, um den jeweiligen Tagesfragen volleres Verständnis entgegenbringen zu können, seinen geistigen Gesichtskreis zu erweitern sucht. Von allen politischen Parteien ist insonderheit die Sozialdemokratie dem Verlangen nach Bildung entgegengekommen. Sie thut dies aber nur in einseitiger Weise, weil sie damit die Absicht verbindet, das Volk für ihre Ideen empfänglich und für ihre Zwecke brauchbar zu machen. Der Zweck ihres Entgegenkommens ist also kein anderer, als gewisse Sonderinteressen ihrerseits zu fördern und zu wahren; ihre Arbeit ist das Mittel zu einem Zwecke, der außerhalb des eigentlichen kosmopolitischen Zweckes liegt — und außerdem noch vom ethischen wie sozialpolitischen Standpunkte aus durchaus verwerflich ist.
Wir sehen aus dieser Erscheinung klar, daß es unbedingt notwendig ist, die Lektüre des Volkes in die richtigen Bahnen zu leiten und darin zu erhalten, wenn sie gute Früchte zeitigen soll.
Ein Blick in unser Volksleben verhilft uns zu der Überzeugung, daß man in allen Kreisen, namentlich auch in den untersten Schichten der Bevölkerung, die Lektüre als Hauptbildungsmittel betrachtet; zugleich aber auch, daß man sich gerade darin auf einer abschüssigen Bahn bewegt.
Luther sagt einmal: „Soll es mit uns besser werden, so fange man bei der Jugend an!“ Und wahrhaftig! Der Jugend thut es in unseren Tagen dringend not, daß man endlich beginnt, ihrer geistigen Kost größere Aufmerksamkeit und Sorgfalt zuzuwenden, als es bisher der Fall war. Besonders der Umstand, „daß die Jugendlektüre zu einer Macht geworden ist, die mit stärkeren Reizen auf die Jugend einzuwirken vermag, als manche andere pädagogische Einrichtung“, macht dies zur zwingenden Notwendigkeit. Die Sammlungen von Jugendschriften schwellen von Jahr zu Jahr stärker an, die Anzahl der Werke und Werkchen, die man der „lieben Jugend zur Unterhaltung und Belehrung“ darbietet, grenzt fast ans Unheimliche; daneben aber bilden die wirklich guten Schriften nur ein verhältnismäßig kleines Häuflein.
Wenn Jugendschriften gut sind?
Der „Wegweiser für deutsche Jugendlitteratur“ legt zur Beurteilung derselben folgenden Maßstab an: „Jugendschriften, welche bedingungslos empfohlen werden sollen, müssen eine sittliche, oder überhaupt eine belehrende Tendenz haben, der jugendlichen Fassungskraft nach Form und Inhalt entsprechen, anregend aber keinesfalls aufregend oder die sogenannte Lesewut befördernd geschrieben sein! —
Dieser billigen, gerechten Forderung wolle man nun die unzähligen Waldläufer-, Trapper-, See-, Ritter-, Urwald-, Indianer-, Seeräuber-, Büffeljäger-, Goldgräber-, Polarfahrer- oder die in neuerer Zeit unverdienter Weise in solchem Maße beliebt gewordenen Lederstrumpf-Geschichten einmal an die Seite zu halten!
Wenn bei ihnen von einem heilsamen, wohlthuenden Einflusse die Rede sein kann, was bei dem und jenem der Fall sein mag, so ist derselbe doch nur auf das belehrende Moment zu beschränken, indem nämlich dem Kinde in ethnographischer, kultur- und naturgeschichtlicher Hinsicht manches Neue vermittelt wird, freilich auch fast ohne Ausnahme in zu lebhaften Farben. In sittlicher Beziehung tragen sie wohl selten wahre Früchte, zumal wenn man sie nach dem Muster von Campes Robinson mit allerhand salbungsvollen Betrachtungen ausspickt, die fast durchweg von dem Kind als „zu langweilig“ bezeichnet und einfach überschlagen werden. Alle diese obengenannten Jugendschriften, die unter der Flagge „Indianergeschichten“ segeln, sind vielmehr geeignet, das kindliche Gemüt zu verrohen, den Kopf zu verdrehen und abenteuerliche Gelüste zu wecken. Tagesblätter berichten leider nur zu häufig, daß jugendliche, durch überspannte Lektüre erregte Schwärmer den Eltern Geld entwendet haben und auf die Wanderschaft gegangen sind, um wie die Helden ihrer Romane allerlei Abenteuer zu bestehen und endlich nach einem thatenreichen Leben goldbeladen heimzukehren. Kommt es auch nicht immer so weit, so wird doch durch diese Lektüre die Zerstreutheit und Träumerei ungemein gefördert, was der Lehrer am besten zu beobachten Gelegenheit hat, und den jugendlichen, meist urteilslosen Lesern sehr oft ein ganz und gar schiefer Begriff vom Heldenhaften, Tapfern, Männlich-Kühnen vermittelt, der dem Begriffe Mordlust häufig sehr bedenklich ähnelt. Auch macht die Indianer-Schwärmerei es nicht selten zur großen Schwierigkeit, wahrhafte Begeisterung für deutsche Heldengröße zu wecken. Es ist darum geboten, derlei Kost von dem Kinde entschieden fernzuhalten; es bedeutet dies für dasselbe durchaus keinen Verlust, wie vielleicht mancher denken mag; (der Fall, das der Verfasser einer kleinen Schrift über klassische Hausbibliotheken, denselben die Lederstrumpf-Geschichten mit einverleiben will, beweist dies nur zu deutlich); nein — es bedeutet dies vielmehr einen Gewinn.
Ebenso gefahrvoll wie die „Indianergeschichten“ sind für die Jugend die „ohne den nötigen pädagogischen Takt, wie auch ohne Verständnis für die Anforderungen, die man an eine Jugendschrift zu stellen hat“, bearbeiteten Stoffe aus der deutschen oder ausländischen Litteratur. Wohl ist die Absicht, auch der Jugend die Schöpfungen der bedeutendsten Geisteshelden, wenn auch vielleicht kindfaßlicher umgearbeitet, näherzurücken, durchaus anzuerkennen; bestand doch sogar die allererste, uns bekannte Jugend- schrift aus Liedern, welche der chinesische Weise Konfutse dem Schi-king (Buch der Lieder) entnahm und für die Jugend zusammenstellte. Wenn aber z. B. eine Sammlung wie die von Greßner und Schramm in Leipzig u. a. Musäus „Schatzgräber“ enthält, dessen schlüpfrige und unsittliche Redewendungen das allergefährlichste Gift für die Seele des Kindes sind, so ist das mindestens ein unverzeihlicher Fehlgriff, der einer Gewissenlosigkeit zum Verwechseln ähnlich aussieht.
In neuerer Zeit sind auch die Sozialdemokraten dahintergekommen, daß sie in der Jugend-Litteratur ein äußerst passendes Mittel in den Händen haben, dem Kinde schon ihre welt- und völkerbeglückenden Ideen einzuimpfen und dadurch auf die Verwirklichung ihrer Pläne intensiver hinzuarbeiten. Seit dem Erfurter Parteitage 1891, auf welchem der Beschluß gefaßt wurde, „mehr als bisher ein Augenmerk darauf zu richten, daß eine Jugend-Lektüre zu stande komme, die in unterhaltender Weise, dem Wesen der Kindheit entsprechend, den Geist und das Fühlen der Jugend zu Gunsten des Sozialismus weckt und bildet“, hat man etliche Werke herausgegeben, die diesem Zwecke dienen sollen. Ich nenne einige: Lesebuch für Kinder aufgeklärter Eltern von Theobald Werra; Lehrbücher für die Jugend von Dr. Bruno Wille, dem ehemaligen Generalschulmeister der Berliner Sozialdemokratie, einem Manne, „der alles religiöse Gefühl in den Herzen der Kinder mit Füßen tritt“ und Schmutz auf die Kirche und ihre Vertreter wirft. Ferner: Märchenbuch für die Kinder des Proletariats, das auch bestimmt ist, den Samen sozialdemokratischer Irrlehren in die Herzen der Kinder zu säen. Ich komme wieder auf Luther zurück, der da predigt: „Den Kindern soll man nichts von Hadersachen sagen“, und bin der Meinung, daß es auch für die „Kinder des Proletariats“ wahrhaftig besser wäre, wenn ihnen nicht schon ihr Lebensfrühling durch das widerliche Gezänk der Parteien getrübt würde.
Zu dem Schunde, der auf litterarischem Gebiete der Jugend dargeboten wird, rechne ich auch die Bilderbogen, die zumeist von Lumpensammlern als Bezahlung gegeben werden. Wohl mögen auch sie nicht zu unterschätzende Vorteile haben, vielleicht, daß sie das litterarische Interesse im Kinde wecken oder ihm zu diesem und jenem Märchen stets willkommene Illustrationen liefern. Aber die Nachteile sind zahlreicher und schwerwiegender. Die sowohl in der Zeichnung wie im Colorit zumeist sehr mangelhaften Bilder können das Auge nicht bilden, sondern nur verletzen; und die darunterstehenden Verse sind oft so fade und zuweilen auch so bedenklichen Inhalts, daß es besser wäre, sie hätten nie mit der Druckerschwärze Bekanntschaft geschlossen. Außerdem ziehen beide, Verse wie Bilder, nicht selten den Kindern nahestehende Personen ins Lächerliche, daß die oft jedes bessere Gefühl beleidigende Art und Weise, in der dies geschieht, diesen die ihnen gebührende Achtung und Ehrfurcht unbedingt rauben muß. Erst kürzlich ist mir ein solcher Bogen zu Gesicht gekommen, auf welchem jedes Bild in anderer Form darstellte, wie man eine Schwiegermutter, die zuletzt von einem Krokodil gefressen wurde, aus der Welt zu schaffen bemüht war. Wenn man bedenkt, welche peinlichen Scenen und Augenblicke zwischen den beteiligten Personen durch solchen wertlosen Schund hervorgerufen werden können, welche widerlichen, unangenehmen Vorstellungen dem kindlichen Geiste dadurch vermittelt werden, so wird man meinen Rat, auch auf die Bilderbogen ein wachsames Auge zu richten, nicht für überflüssig halten.
Weit schlimmer als unter der Jugend-Lektüre herrscht freilich das Elend des litterarischen Schundes unter der Volks-Lektüre. Hier findet man es in aller Gestalt.
Ich denke da zunächst an die Zeitungen und Tagesblätter, die — Gott sei's geklagt — Tausenden und Abertausenden die einzige geistige Kost vermitteln. Die Romane, welche sie enthalten, sind oft die Druckerschwärze nicht wert, die man zu ihrem Abdrucke verwendet, obwohl sie wohlfeil ist wie Stiefelschmiere; trotzalledem wird die sog. „Geschichte“, namentlich von den Frauen, oft mit einer Ungeduld erwartet, die unglaublich ist und eines Bessern wert wäre. In der Regel sind es spannend geschriebene und mit möglichst vielen „interessanten“ Einzelheiten ausgespickte Kriminal-Romane, mit denen man dem Streben des Volkes nach Bildung entgegenzukommen sucht, oder Erzählungen aus dem Leben der Verbannten in Sibirien, die jenen qualitativ um nichts voraus sind. Deutsche Romane findet man spärlich, dagegen mitunter ganz miserable Übersetzungen französischer und englischer Werke in reicher Fülle. Zwar kann ich an dieser Stelle bemerken — und ich thue es mit Freuden — daß ich einmal in einem ganz armseligen Blättchen einen wirklich feinen Roman des Russen Tolstoi begegnet bin, der sich dem kläglichen Unterhaltungsstoffe etlicher anderer Zeitungen gegenüber ausnahm wie ein Gentleman unter Lumpenpack. Leider sind solche freudige Überraschungen nur allzu dünn gesät. Bessere Zeitungen enthalten besseren Lesestoff, kosten aber mehr Geld und können infolgedessen nur von besseren Kreisen gelesen werden.
Mehr noch als die Belletristik ist die ausführliche Schilderung begangener Mordthaten, ausgeführter Attentate, stattgefundener Gerichtsverhandlungen u. dergl. geeignet, den Menschen moralisch zu verderben, wenn nicht gar direkt zum Bösen zu verführen. Wenn ich z. B. an die vor nicht zu langer Zeit dem Polizei-Direktor Krause in Berlin zugesandte Höllenmaschine und ihre in allen Blättern bis ins Einzelnste ausgeführte, da und dort wohl gar mit Illustrationen versehene Beschreibung denke, so finde ich es natürlich, daß ein denkender, vielleicht gar sachverständiger Leser sich im Stillen damit beschäftigt, wie dieselbe noch praktischer anzufertigen wäre, um eine sichere Funktion zu erzielen. Irgendwelchem Individuum aber, das für derartige Artikel Verwendung hat, wird durch die Beschreibung in den Zeitungen zur Herstellung eines verbesserten, unbedingt sicher wirkenden Apparates die Hand geboten. Auch sonst werden durch derartige ausführliche Schilderungen zur Verwirklichung gefaßter Pläne, zur Umgehung gesetzlicher Bestimmungen und Täuschung der staatlichen Aufsichtsorgane sehr oft Mittel, Wege und Schliche gezeigt. Wer die Gier zu beobachten Gelegenheit hat, mit der manche Menschen sich der Lektüre gerade solcher Aufsätze und Berichte hingeben, mit der z. B. die Gerichtszeitungen gelesen werden, wird mein Zukommen auf diesen Teil unserer Volkslektüre begreiflich finden.
Unter die Kategorie, die ich als Schund zu bezeichnen pflege, gehören zweifelsohne auch die Blätter, welche von Bänkelsängern verkauft werden. Sie erzählen zu einem aufgestellten Bilde irgend eine grauenhafte Mordgeschichte, die zum Schluß in einem Liede ihre Verherrlichung findet, das der Bänkelsänger heruntersingt. Bei uns ist diese Spezialität fahrender Leute mehr oder weniger ausgestorben, doch giebt es noch Gegenden, wo auf Jahrmärkten und Schützenfesten ganze Reihen solcher Bänkelsänger ihr unseliges Gewerbe treiben. Daß durch handwerksmäßiges Vorführen von Blutthaten in Wort und Bild die Phantasie erhitzt, das klare Urteil über Gut und Böse nachteilig beeinflußt wird, da und dort sogar das gefährliche Pflänzchen Herostratismus zu keimen und zu wuchern beginnt, bedarf keiner breiten Ausführung. Darum weg damit!
Auch die Kalender gehören zum großen Teile mit zu dem genügend charakterisierten Unkraute. Der unterhaltende Teil setzt sich fast ausnahmslos aus Witzen, Anekdoten und oft zweideutigen Humoresken zusammen, die, wie einer einmal bemerkt hat, ein grausames Bildungsmittel sind. Von 25 Volks- und Familienkalendern, die ich mir aus den Kreisen gewöhnlicher Fabrikarbeiter und Handwerksleute zusammentrug und einer sorgfältigen Prüfung unterzog, habe ich nur drei, sage und schreibe: drei, gefunden, die ich bedingungslos hätte empfehlen können. In der That ein deprimierendes Resultat!
Weit gefährlicher aber sind noch die sozialdemokratischen Volksschriften, wenn auch in den Hauptzügen nach einer anderen Seite hin. Zufällig besitze ich einige, die hier Erwähnung finden mögen. Sie führen den Titel: „Gekrönte Häupter“, bilden Beiträge zur Naturgeschichte des Absolutismus und behandeln in denkbarster Ausführlichkeit lediglich die schwärzesten Nachtseiten aus dem Leben gewisser Regenten, oder, wie der Prospekt sagt: blut- und schmutzbedeckter Gestalten größenwahnsinniger Cäsaren. Das unheimliche äußere Aussehen (schwarz mit Weißdruck) entspricht ganz dem Innern. „Düstere Bilder menschlicher Verruchtheit“ steigen auf und ziehen an unsern entsetzten Blicken vorüber. Werkchen wie die über Katharina II. von Rußland oder August den Starken von Sachsen, für die eine später aufgehobene Konfiskation unfreiwillig Reklame macht, starren vor Schmutz. Mag der Inhalt Wahrheit sein oder nicht — was ist der Zweck? — Das Volk soll zwischen den Fürsten jener Zeit und der Gegenwart unlogische Konsequenzen ziehen lernen, die Ausnahme für die Allgemeinheit annehmen und dadurch seinen Fürsten entfremdet werden. — Das Schwinden von Ehrerbietung und Vaterlandsliebe ist die erste Frucht; Unzufriedenheit, Mißtrauen, Unbotmäßigkeit, Ungehorsam greifen Platz, der Gedanke an Thron und Krone erfüllt mit Haß und Abscheu
— dann breitet die alleinglücklichmachende Sozialdemokratie ihre Arme aus. —Am allermeisten jedoch ist von allen litterarischen Darbietungen die sog. Hintertreppen-Litteratur geeignet, die Seele des Volkes zu vergiften und zu verderben.
Wenn der Werktag zu Ende geht und der Feierabend von den Schultern die drückende Bürde nimmt, hat der Arbeitsmann, einem natürlichen Bedürfnisse folgend, Verlangen nach Ruhe und Erholung. Wie nach schwerer geistiger Arbeit eine leichte körperliche Beschäftigung, so gewährt auch eine leichte geistige Beschäftigung, psychologischen Gesetzen zufolge, Erholung nach schwerer Körperarbeit. Der Arbeiter greift also nach einem Buche. Solange der Kalender etwas Neues ist, befriedigt er sein Bedürfnis. Für die fernere Zeit bringt ihm ein Colporteur Hefte ins Haus, etwa: Robert der Teufel, Der Scharfrichter von Berlin, Zehn Jahre unter der Erde, Der stumme Bettler von Pest etc. Die Lektüre dieser Romane ist nicht schwer, soll auch nicht schwer sein, denn für den gemeinen Mann bildet sie kein Studium, das eine ungeteilte Aufmerksamkeit fordert, auch geht ihm das für schwere Lektüre „nötige Verständnis“ mehr oder weniger ab. Für Gedichte legt er zu wenig Interesse an den Tag; dazu sind sie oft zu schwer, und die ungewöhnte gebundene Rede erschwert ihm das Lesen. Neuerdings ist ein Unternehmen ins Leben gerufen worden, das der dankenswerten Aufgabe lebt, dem Volke klassische Werke zu den denkbar billigsten Preisen, gut illustriert und in tadelloser Ausstellung, zu vermitteln. (Minerva, Berlin W, Corneliusstraße 5.) Thatsächlich aber sind klassische Sachen keine durchweg geeignete Lektüre für den Mann des Volkes, für die breiten Schichten des Durchschnitts- und Unterdurchschnittsmenschen Sie sind für gebildete Kreise berechnet. Leider werden sie von diesen auch allzuoft nicht als das, was sie sein sollen, als Brot, als Speise, sondern als Schmuck, als Zierat betrachtet. Man stellt die feingebundenen Bände in das Regal oder legt sie auf den Putztisch in die gute Stube und läßt den Inhalt Inhalt sein. Ich bin überzeugt, wäre Schinderhans oder Rinaldini genau so gebunden, er würde in vielen Fällen gerade so ohne jegliche Bedenken gekauft werden wie Schiller und Goethe. Für denjenigen aber, der da weiß, was er kauft und warum er Klassiker kauft, bildet das Unternehmen eine wahre Fundgrube der köstlichsten Kleinode aus dem Wunderlande der Dichtung.
Das Volk die Menge verlangt etwas Interessantes, Packendes, Hinreißendes. Das ist ihm das Liebste, was in die Augen springt, was sich mit den Händen greifen läßt, was auf der Messerschneide steht. Es will kräftige, tiefgehende und nachhaltige Eindrücke. Dazu bedarf es starker Reize. „Diese Reize aber haben kluge Spekulanten, gerade die niedrigsten Triebe im Menschen berechnend, mit der Zeit zum Uebermaß gesteigert.“ Sie schreiben Zeug, das ein gesunder Verstand und gesunde Nerven kaum verdauen können. Alles Denkbare und Undenkbare, Mögliche und Unmögliche hetzt und jagt sich und das Blut fließt in hellen Strömen. Grausige Hinrichtungen und Abschlachtungen, blutrünstige Greuelthaten und Schauerscenen, raffinierte Spitzbuben und Gauner-Heldenthaten werden bis in die nebensächlichsten Details in behaglichster Breite geschildert. Das Volk soll und will ja nichts dabei denken, daher bietet man ihm solche leichte geistige Kost! Es liest nur, vertreibt sich nur die Langeweile, schlägt nur die Zeit tot! Daß es sich aber von vergifteter Speise nährt, dessen ist es sich gar nicht bewußt. Ein gewisser Herr Kolck hat einmal in der Künstler- und Schriftstellerzeitung gesagt: „Das Volk mag lieber Schinderhans lesen als Schnaps trinken!“ Ein anderer aber hat ihm treffend entgegnet: „Schinderhans ist geistiger Fusel!“ Ja, es ist nicht zu hart geurteilt, wenn man sagt: „Schinderhans (und alle inhaltsverwandten Werke mit ihm) sind geistiges Gift.“ Man denke nur daran, daß diese „Volksromane“ neben butigen, grausigen Scheußlichkeiten und Schandthaten in der Regel noch von einer Unsumme widerlicher, schmutziger Gemeinheiten triefen. „Durch diese, zumeist in brennenden Farben ausgemalten Scenen wird die Phantasie des Lesers bis zur gefährlichen Siedeglut erhitzt.“ Der ganze Erfolg eines solches Romanes beruht natürlich nur auf einer Wirkung, welche die zügellose Leidenschaft erregt, die sinnliche Gier reizt und anstachelt. Von einer Erholung und geistigen Erfrischung kann natürlich dann keine Rede sein, denn gerade zum Nachdenken, das von vornherein mehr oder weniger ausgeschlossen sein soll, giebt derartige Lektüre ungemein viel Veranlassung. Die sog. leichte Lektüre ist also gar nicht leicht; und der Arbeitsmann könnte unter Voraussetzung des zum Verständnisse erforderlichen Bildungsgrades ebensogut einen schweren Roman lesen. Wirkliche Erholung findet er in beiden Fällen nicht. Doch gewährt die Lektüre eines guten, aber schweren Romans immerhin noch Vorteile. Während bei der Lektüre von Schundromanen die krankhaft überreizte Phantasie in allerhand schmutzigen, schlüpfrigen und wollüstigen Bildern und Scenen schwelgt, giebt ein guter Roman Veranlassung, über die Charaktere, den Aufbau der Handlung etc., nachzudenken. Und läßt er Kopf und Herz wirklich leer, so ist es doch immer noch besser, als wenn er einen nachteiligen Einfluß ausübte.
Namentlich leiden auch die besseren und feineren Kreise unserer modernen Gesellschaft sehr an den Folgen unsittlicher, frivoler, oder wie man sagt: pikanter Litteratur. Durch die französischen Ehebruchsdramen und deutschen — venia verbo sit — Bordellromane ist die feine Welt, namentlich auch ein guter Teil der Damenwelt, völlig verseucht, und jedes bessere moralische Empfinden erstickt worden. Man denke nur an den außerordentlichen Absatz Zola'scher Romane oder an den jungen Berliner Dichter Heinz Tovote, der sich mit ziemlicher Sicherheit im zweifelhaften Halbdunkel diskreter Gebiete bewegt und sich dadurch den schmeichelhaften Beinamen: „Liebling der Damenwelt“ erworben hat. — Rektor Liebeskind erzählt in seinem bei Woywod in Breslau erschienenen Schriftchen über Jugendlektüre folgenden ihm passierten Fall: „Vor einigen Jahren entnahm ich einer Leihbibliothek eines besseren Landstädtchens Zola's Roman „La terre“. Das Buch trug deutliche Spuren an sich, daß es viel gelesen worden war. Ich konnte nicht unterlassen, bei Rückgabe desselben den Besitzer der Bibliothek zu fragen, von wem es so fleißig gelesen worden sei. Er nannte mir meistens junge Mädchen besserer Stände. Wer aber Zola's „La terre“ kennt, wird mir beipflichten, wenn ich behaupte, „hätten diese jungen Dämchen ein feines Anstandsgefühl gehabt, so hätten sie dies Buch schon beim Lesen des ersten Kapitels wieder beiseite legen müssen. „Die vielfach in den besseren Kreisen hervortretende Unsittlichkeit“, fährt derselbe fort, die Zerrüttung der sittlichen Kraft, die Zerfahrenheit der Geister und die Unfähigkeit zur Beschäftigung mit den Werken ernster Geister dürfte zum guten Teil unmittelbar auf den Einfluß schädlicher Schriften zurückzuführen sein.
Doch nun wieder zur Volkslektüre! Zu den in die Augen springenden Schattenseiten derselben, die ihre fernere Existenz mit vernichten helfen, tritt zumeist noch eine hinzu, die der Bezeichnung Gift, wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus, noch vollere Berechtigung giebt. „Der Schund-Roman rekrutiert seine Schurken und Intriganten mit einer gewissen Vorliebe aus den höheren Schichten und lehrt sie dort suchen; die Mörder und Räuber dagegen erhebt er zu Volkshelden und umgiebt sie mit einem Glorienscheine. Dabei aber schafft er nicht allein ein Zerrbild des Lebens, sondern entwöhnt auch das Volk, den Dämon da aufzusuchen, wo er thasächlich wohnt — in der Brust eines jeden Einzelnen.“
Das Elend des litterarischen Schundes läßt sich aber auch vom ökonomischen Standpunkte aus betrachten, von dem aus es ebenfalls bekämpft zu werden verdient.
In Schriftsteller- wie Buchhändlerkreisen ist die Klage über die Interesselosigkeit des Publikums gegenüber den litterarischen Erscheinungen unserer Tage ziemlich allgemein. Augenscheinlich will sich das Faktum dieser Misère mit dem eingangs zitierten Worte Stümcke's und der daran anknüpfenden Ausführung desselben nicht ohne weiteres vereinbaren lassen. Und doch ist die Klage berechtigt, ohne daß erwähntes Diktum beanstandet werden müßte. Die Sache verhält sich wie folgt: Ein gutes Buch kostet bei uns 3—6 Mk. und noch mehr; soviel hat aber der gemeine Mann nicht gleich daliegen. Und hat er's wirklich, so fällt es ihm nicht im Schlafe ein, damit in eine Buchhandlung zu gehen und sich ein Buch zu kaufen. 5 Mk. für ein Buch auszugeben, das man nicht unbedingt braucht, scheint ihm Verschwendung. Dafür bringt ihm ein Colporteur aller 14 Tage 2—3 Heftchen ins Haus, das Stück zu 10 Pf., so ist er versorgt. 20—30 Pf. bringt er in den zwei Wochen für seine geistige Kost schon auf, dazu wird sie ihm noch ins Haus getragen. Freilich umfaßt ein solcher Roman nicht selten 100—150 Heftchen; so sind bald 10—15 Mk. verlesen; aber die Anschaffung derselben hätte ihn Ueberwindung gekostet, die Schwierigkeiten nicht zu rechnen. Das allmähliche Anwachsen der dünnen Lieferungen zu einigen starken Bänden hat er
jedoch gar nicht gemerkt, ebenso, wie ihm das Anwachsen der Zehnpfenniger zu Mark- und Thaler- und Zehnmarkstücken, die er für puren Schund so gut wie zum Fenster hinausgeworfen hat, nicht aufgefallen ist. Das ist gut deutsch gesagt: das Geld aus der Tasche geholt. Das Lamento der Verleger und Schriftsteller bleibt also, wie es war; dafür füllen sich jene charakter- und gewissenlosen Schundroman-„Schmierer“ und -Verleger die Säckel, und an Stümcke's Diktum ist auch nicht zu rütteln: Das Volk hungert nach Bildung. Wer aber etwa des Glaubens sein sollte, die Beteiligung des Volkes sei nicht so stark, als man sage, irrt sich gewaltig. „Der Scharfrichter von Berlin“ mit seinen 250000 unter dem Volke verbreiteten Exemplaren, der seinen Verleger zum Millionär machte, kann's bezeugen, manch anderer seines Genres mit mehr oder weniger blutigem Titel dazu. In den Hinterhäusern, den Arbeitervierteln und Mietskasernen der Großstädte, den Dachstuben und Mädchenkammern, in den Händen der Knechte, Kutscher, Köchinnen und Lehrlinge sind sie zu finden.Ich selbst habe auf meiner Reise durch Steiermark in einem ganz entlegenen Gebiete, das man „die vergessenen Lande“ nennt, hoch oben in einer armseligen Alpenhütte solche Schundromane angetroffen. Der eine führte den Titel „Schinderhans, des größten Räuberhauptmanns Leben, Thaten und Ende“, der andere entstammte einem sächsischen, berüchtigten Volksschriften-Verlag, den ich nicht näher bezeichnen will, da man gewärtig sein muß, daß derselbe aus meiner Notiz unter Hinweis auf die außerordentliche Verbreitung seiner Verlags-Werke klingende Münze schlägt und die Reklame-Trommel rührt, wozu ich herzlich ungern die Hand bieten möchte. Von Cultur war da oben noch erschreckend wenig zu spüren, aber Schundromane waren vorhanden. Wahrscheinlich sollten sie die Civilisation in die Einöden der „vergessenen Lande“ tragen. —
Es wird nicht überflüssig sein, wenn ich an dieser Stelle noch einmal in gedrängter Kürze zusammenfasse, welche Nachteile und Gefahren für Leib und Seele aus der Lektüre litterarischen Schundes erwachsen können.
Sie erhitzt die Phantasie, fördert Träumerei und Zerstreutheit: verroht das Gemüt, weckt abenteuerliche Gelüste und verleitet dadurch nicht selten zum Diebstahl, giebt schiefe Begriffe vom Heldenhaften, erregt Mordlust, beeinflußt das klare Urteil über Gut und Böse in nachteiliger Weise, reizt zu sinnlicher Lust, erweckt Unzufriedenheit, verleitet zu Unbotmäßigkeit, zerrüttet die geistige und sittliche Kraft und lehrt den Geldbeutel.
Beweise dafür lassen sich ohne große Mühe in reicher Menge herbeischaffen. Einige seien angeführt. Die Jugendschriften-Warte vom 1. Januar 1894 berichtet: „Durch das Lesen von Schauerromanen verübte ein 15jähriges Mädchen in Rixdorf an sich einen Selbstmord. Es führte seinem Vater, einem Lederarbeiter, den Haushalt und füllte die freie Zeit mit der Lektüre von allerlei Schauergeschichten aus. Als der Vater die Tochter energisch zurechtwies, nahm sie sich gleich den unglücklichen Heldinnen ihrer Romane das Leben.“ Weiter vom 1. März d. J.: „In Rixdorf bei Berlin wurde Mitte Februar eine aus 12 Köpfen bestehende Diebesbande aufgegriffen, die Ladendiebstähle und Einbrüche verübt hatte. Die Gründung dieser Spitzbubengenossenschaft scheint auf das Lesen von Räubergeschichten zurückzuführen sein, da derartige Bücher auffällig viel in den Wohnungen der verhafteten Knaben gefunden wurden. In den vor nicht zu langer Zeit erschienenen Berichten der „Dresdner Nachrichten“ über die Verhandlung gegen den zum Tode verurteilten, nunmehr aber begnadigten Mörder der Wittwe Kobrzinowsky fand sich der Passus, daß er zu dem Morde ganz wahrscheinlich durch die Lektüre von Schundromanen verleitet worden sei. Und ganz kürzlich erst kam mir eine Notiz vor, nach der sich ein alter Superintendent am Grabe zweier junger Selbstmörderinnen veranlaßt gesehen hatte, die Leidtragenden vor der Lektüre überspannter Romane, die jenen zum Verderben geworden waren, eindringlich zu warnen. Diese Beispiele können ohne Mühe vermehrt werden, denn ihre Zahl ist Legion. Ich denke aber, daß dies überflüssig ist; die wenigen schon sprechen eine beredte Sprache. — Man hat gesagt, das Volk wolle gar nichts Besseres lesen. Diese Meinung ist irrig. Zwar ist die Macht, die das Böse, Nichtswürdige, namentlich auch das Gemeine ausübt, bedeutend, aber es bedarf nur einer ernsten Anstrengung, das Volk dieser Atmosphäre zu entwöhnen, und des Versuchs, ihm bessere Geistesnahrung zu übermitteln, so wird man bald dem Ziele um vieles näherrücken. Wenn ein fesselnd und volkstümlich geschriebener Roman, voll guten, ethischen Gehalts, auf dieselbe bequeme Weise wie die Hintertreppenlitteratur und zu denselben Preisen, womöglich noch billiger, dargeboten wird, so kann eigentlich ein Erfolg gar nicht ausbleiben. Und daß sich weder die Volks- noch die Jugendlitteratur in den bisher innegehaltenen Gleisen weiterbewegen kann, geht aus allem, was ich angeführt, ohne weiteres klar hervor. Die Menschheit unserer von „Sinnenlust und Sinnengenuß, Unzufriedenheit und Unruhe, Unglauben und Lieblosigkeit“ durchsetzten Zeit bedarf dringend einer Erhebung, wenn sie vor dem drohenden Untergange bewahrt bleiben soll. Das alte, traute Familienleben beginnt nach und nach zu zerfallen, jener Quell, aus dem der Mann zum Berufe Stärkung und Freudigkeit schöpft, jenes Band, das die Glieder des Hauses enger und inniger aneinander kettet. Wie wohlthuend würde es sein, wenn ein gutes Buch abends alle Angehörigen der Familie um den Tisch versammelte, wenn die Seelen der Eltern wie der Kinder sich aus einem Quell erquickten. Die Volkslitteratur der Gegenwart ist jedoch gar nicht dazu angethan, das Herz zu laben; fast ohne Ausnahme ist sie nicht besser als ein Pesthauch, unter dem alles Leben zu Grunde gehen muß, eine absichtliche, gewissenlose geistige wie seelische Vergiftung und Verseuchung des ganzen Volkes, der auf jeden Fall, und sei es unter Aufbietung aller Kräfte, ein Ende gemacht werden muß. Und da es gilt, die geistigen wie sittlichen Interessen eines ganzen Volkes zu wahren, muß sich auch das ganze Volk bereit zeigen, dafür mit in die Schranken zu treten.
Auch der Lehrer soll und darf dem Kampfe nicht müßig zusehen; denn die Schule gehört „zu den erhaltenden Mächten des Staates“ und hat es als solche die hohe Aufgabe, die Jugend zu idealer Gesinnung, guter Gesittung und zu treuen Stützen für Thron und Altar zu erziehen. Der Lehrer hat es auch großenteils in den Händen, sowohl auf die Jugend durch den Unterricht, als auch auf die Gemeinde durch seine Stellung in ihr einen segenbringenden Einfluß geltend zu machen.
Der Kampf des Lehrers gegen die Schundlitteratur wird sich also nach zwei Seiten hin betrachten lassen; ein- mal zum Wohl der Jugend — im Unterrichte, — das andere Mal zum Wohle der Erwachsenen — im öffentlichen Leben.
Da der Wert eines Menschen dessen Wollen zum Maßstabe hat, so ist das Ziel aller Erziehung: die Bildung eines sittlich-religiösen Charakters. Wenn nun in der Jugendlektüre eine so außerordentliche erzieherische Kraft schlummert, die sie als ein zur Charakterbildung wohlgeeignetes Erziehungsmittel erscheinen läßt — und es ist in Wahrheit der Fall — so ist es notwendig, daß diese Kraft für den Zweck der Erziehung brauchbar gemacht wird. Der Lehrer hat nicht allzuhäufig Gelegenheit, sie zu verwenden, deshalb ist es geboten und billig, diese seltene Gelegenheit nach bestem Vermögen auszunützen. Etwaiges Haschen darnach muß er vermeiden; auch bei Kindern ist Goethe's Wort: „Man merkt die Absicht, und man wird verstimmt“ ein wahres Wort. Meines Erachtens bietet sich im Katechismus-Unterrichte zweimal Gelegenheit, bei der er, ohne sich irgendwelchen Zwang anthun zu müssen, diese wunden Punkte nach allen Seiten hin betrachten kann. Es ist dies bei der Erklärung des VI. Gebotes und der IV. Bitte. Im VI. Gebot hat der Lehrer darzulegen, welch ein schändliches und nichtswürdiges Vergehen die Sünde gegen das VI. Gebot ist. Er malt die schrecklichen Folgen aus, natürlich nur, insoweit es die Grenzen gestatten, ermahnt zur Züchtigkeit und Keuschheit und weist endlich auf die Versuchungen und Gelegenheiten hin, die den Menschen auf die Bahn des Lasters der Unsittlichkeit führen können. Hier eröffnet sich ihm nun das Feld, auf dem er für die gute Sache eintreten kann. Er legt dar, in welches Verderben die von Mordthaten und Unsittlichkeiten oft triefenden Romane den Menschen stürzen können, wie sie ein reines Gemüt in den Pfuhl der Sünde, des Lasters ziehen und wie Verwahrlosung, Verkommenheit, Elend und Schande das schreckliche Ende sind. Dies Thema erweiternd kann er dann auch auf den Schund in der Jugendlektüre zu sprechen kommen, die den Kindern näher liegt, und ihnen in Ermahnungen und Warnungen vor solchen Büchern warm ins Herz reden. Damit hilft er denen wieder auf den rechten Weg, die von ihm abgekommen sind, den anderen aber impft er ein heilsames Vorurteil ein, das mit der Zeit fester und fester Wurzel
faßt, bis es zum Grundsatze wird und das Thun des Einzelnen vollständig beherrscht. Ich glaube, wenn der Lehrer einigermaßen eindringlich verfährt und mit Nachdruck auf das Verwerfliche hinweist, — was er natürlich nur dann am besten kann, wenn er selbst der Sache ein warmes Herz entgegenbringt — so *muß* seine Mühe Früchte tragen.Bei der IV. Bitte findet er noch einmal Gelegenheit, auf die Schundlitteratur zurückzukommen. Es ist dies bei der Stelle in der Erklärung „gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ Er muß sich dabei freilich eines Wortes erinnern, das ein alter Generalsuperintendent zu sagen pflegte: „Dr. Martin Luther würde, wenn er seinen kleinen Katechismus in unserer Zeit schriebe, in der Erklärung der IV. Bitte nicht nur die guten Freunde und getreuen Nachbarn, sondern auch die guten Bücher anführen.“ Auf diese abseits liegende und nicht zur eigentlichen Bitte gehörige Seite der Erklärung zu kommen, wird ihm keine Schwierigkeiten machen; er braucht nur den Kindern zu sagen, daß manche Menschen keine Freunde haben, sondern dieselben durch Bücher ersetzen. Besonders wird er dann von den guten und schlechten Freunden der Kinder, den guten und schlechten Büchern, zu reden Gelegenheit haben und dadurch den jungen Lesern, die über ein selbstständiges Urteil noch nicht verfügen, die Auswahl erleichtern. Ob der Lehrer auch im Sprachunterricht Veranlassung finden wird, darauf zu sprechen zu kommen, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber doch mit „ganzwahrscheinlich“ beantworten. Bestimmte Punkte, wo der Hebel angesetzt werden könnte, giebt es wohl nicht; es muß dem Zufalle überlassen bleiben. Am ehesten giebt jedenfalls die Lesestunde Gelegenheit.
Am intensivsten jedoch und zweifelsohne auch am fruchtbarsten kann ein Lehrer den Schund in der Jugendlitteratur durch sorgfältige Anlage und praktische, zweckentsprechende Verwaltung seiner Schulbibliothek bekämpfen. Daß die Lektüre für das lernende Kind hohen Wert hat, davon ist man überzeugt, aber man hat nicht verstanden, sich dieselbe auch für den Unterricht als Erziehungsmittel nutzbar zu machen. Die ganze Thätigkeit des Lehrers als Bibliothekar bestand bis jetzt einfach im Ausgeben und Kassieren von Büchern; das Lesen der Kinder war planlos und ungeregelt. Soll es aber Früchte tragen, so muß es geregelt sein. Der Lehrer hat deshalb die Lektüre in die engste Verbindung mit dem jeweilig behandelten Lehrstoffe zu bringen. Das kann er auf verhältnismäßig leichte Weise thun, wenn er gleich bei Aufstellung des Lehrplanes auf die Lektüre Bezug nimmt und ihr da die gebührende Berücksichtigung zu teil werden läßt. Nicht die Kinder sollen sich nach Belieben Bücher auslesen, sondern der Lehrer soll schon vorher festgesetzt haben, was zu lesen ist. Ich meine es so. Genau, wie er bei Behandlung eines Gebotes, eines Artikels, einer bibl. Geschichte etc. angiebt, welche Sprüche und Lieder im Anschluß daran zu lernen sind, genau so kann er bestimmen, welche Bändchen in dieser und jener Woche zur Ausgabe gelangen. Dadurch giebt er seinen Kindern Gelegenheit, sich in den ihnen durch die gleichzeitige Behandlung nahe gerückten Stoff zu vertiefen, Personen, die vielleicht im Unterrichte nur gestreift wurden, näher kennen zu lernen, Zustände und Sitten mit schärferem Auge betrachten zu lernen, als es vordem der Fall war. Namentlich bei der Charakterbildung des Kindes durch den Geschichtsunterricht wird ihm gute Lektüre ein sehr wertvolles Hilfsmittel sein. Im Katechismusunterricht sind dann die Jugendschriften etwa das, was man die Anwendung zu nennen pflegt, wenigstens zum Teil. Sie geben dem Kinde lebensvolle Beweise für die Ausführbarkeit und die Folgen dieser oder jener ethischen Forderung und Wahrheit, verhelfen ihm also zu Klarheit und Ueberzeugung. Das Auswählen und Ausgeben allein bedingt jedoch den Erfolg noch nicht. Es ist auch Aufgabe des Lehrers, sich zu überzeugen, ob die Kinder wirklich gelesen haben. Namentlich in dem Fehlen dieser wichtigen Thätigkeit lag mit ein Grund zu der Fruchtlosigkeit unserer bisherigen Schülerlektüre. Ein geschickter Lehrer wird das nun nicht durch schulmeisterliche Abfragerei thun, sondern in Form eingestreuter Fragen bei der Repetition größerer Abschnitte und Pensen. Sieht er, daß das erzielte Resultat mangelhaft ist, wird er die Kinder in Oberklassen vielleicht veranlassen, schreibend zu lesen, damit der Inhalt in seinen Hauptzügen noch einmal durch die Sinne geht und befestigt wird. Natürlich muß er die Inhaltsangaben, die am besten gleich in ein besonderes Heftchen einzutragen sind, von Zeit zu Zeit einmal ansehen.
Das ist ungefähr die Idee von einer zweckmäßig und auf jeden Fall fruchtbar eingerichteten Schulbibliothek.
Freilich werde ich da auf Widerspruch stoßen. — Fürs erste wird man den Mangel an nötiger Zeit vorschützen. Gewiß, eine solche Organisation kostet Arbeit und Zeit, und der Lehrer hat wohl an ersterer, nicht aber an letzterer Ueberfluß. Wenn jedoch die Lektüre ein besseres Erziehungsmittel sein soll als manche andere pädagogische Einrichtung — und sie ist es in der That — so gebührt ihr unbedingt auch mehr Aufmerksamkeit und Pflege als mancher anderen pädagogischen Einrichtung. Und jeder Lehrer kann versichert sein, das Leben, das auf diese Weise unter den Kindern geweckt, das Verständnis, das durch diese Einrichtung vertieft und gefördert wird, entschädigen die Mühen reichlich. Die zweite Entschuldigung ist die, daß man keine Bibliothek habe, die reichhaltig genug sei, um den Anforderungen zu genügen. Nun, es braucht doch nicht gleich alles von vorherein im großen Stile angefangen zu sein! Man beobachte erst einige Zeit bei knapp bemessenem Material, welche Bücher gern gelesen werden, überzeuge sich, in welchen Fächern eine Förderung und Vertiefung durch die Lektüre noch nötig wäre. Darnach richte man sich beim Ankauf neuer Bücher ein. Daß der Lehrer die Bücher zuvor selbst lesen muß, ist selbstverständlich und im Interesse der Sache eine billige, zur Erreichung des Zieles aber notwendige Forderung. Woher soll man die Zeit nehmen? höre ich auch hier wieder ausrufen, und kann doch, um dem Einwande die Spitze zu brechen, nichts weiter sagen, als was ich vorhin schon bemerkte: Sie muß genommen werden!
Woher sollen wir das Geld nehmen? Das ist auch ein fataler Punkt. Die Landgemeinden weigern sich in ihrer Engherzigkeit und ihrem Unverstande leider sehr oft noch beharrlich, zu solchem Zwecke nur einen Pfifferling zu bewilligen. Es ist bisher auch ohne Schulbibliothek gegangen, wir sind auch ohne solche groß geworden und aus der Schule gekommen, Hallunken sind wir auch nicht geworden — da wird's wohl auch jetzt gut sein und ohne Bibliothek fortgehen! — Nun, da muß es der Lehrer auf eine andere Weise versuchen; vielleicht durch ein Kinderkonzert, eine Weihnachtsaufführung oder durch die in letzter Zeit erst mehr zu ihrem ihnen gebührenden Rechte gekommenen Familien- oder Elternabende, wo der Lehrer treffliche Gelegenheit findet, entweder durch Vorträge und Vorlesungen oder direkte Hinweise das Volk für die Litteratur empfänglich zu machen, zur Lektüre anzuspornen und für den Gedanken der Gründung von Bibliotheken zu erwärmen.
Weiter wird man mir entgegenhalten, daß die Kinder nicht kommen und Bücher holen würden. Geschieht es wirklich nicht, so ist es auf das Conto des Lehrers zu schreiben; er muß die Kinder dafür gewinnen können. Besonders einige Hinweise auf Männer, die fleißiger Lektüre ihre Berühmtheit verdanken, wird ihnen ein Sporn für die Dauer sein.
Der Lehrer glaubt gar nicht, was er durch die Lektüre für einen Einfluß geltend zu machen im stande ist. Unsere in sittlicher Hinsicht dem Verfall entgegengehende Zeit macht es ihm zur heiligen Pflicht, mit allen Kräften sich der ihm anvertrauten Seelen anzunehmen, sie auf die Bahn des Guten zu führen und sie auch darauf zu erhalten. Da ihm in der Jugendlektüre ein wohlgeeignetes Hilfsmittel erwächst, sollte er dessen Benutzung, ja dessen eifrige Benutzung, in seinem und seiner Schüler Interesse keinesfalls versäumen.
Als Glied der Gemeinde, besonders als eins der hervorragenden, hat der Lehrer auch die moralische Verpflichtung, sich der erwachsenen Gemeindeglieder anzunehmen, soweit sie nach dieser Seite hin seines — um den rechten Namen endlich einmal zu nennen — Seelsorgerbeistandes bedürfen. Wir sahen vorhin, daß das Elend der Schundlitteratur seinen eigentlichen, tieferen Grund in den ungünstigen ökonomischen, besser: finanziellen Verhältnissen des Volkes hat. Der gemeine Mann will auf bequeme und billige Weise möglichst viel lesen. Der Lehrer, der vielleicht schon eine Schulbibliothek verwaltet, wird ohne große Mühe die Schulbibliothek in eine Volksbibliothek erweitern können, zu letzterer einen Teil der ersteren mit benutzend. Denn zum guten Teil ist der Anschauungs- und Ideenkreis der Erwachsenen in den niederen Bevölkerungsklassen um kein Jota größer als der der Kinder. Was er weiter für die Volksbibliothek anzuschaffen hat, darüber kann ich mich hier nicht eingehender verbreiten. Das kleine Schriftchen: Was soll ich lesen? (Berlin bei
Pfeilstücker, 50 Pf.) namentlich auch der „Christliche Bücherschatz“ (E. Kraus, P., Hannover, Hennebergerstraße 10) wird jedem ein trefflicher Führer und Berater sein. Auch denke ich, daß jeder Lehrer aus seiner Seminarzeit doch soviel Litteratur-Kenntnis gerettet haben wird, daß er nicht sogleich in allzugroße Verlegenheit geraten kann. Jedenfalls aber ist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, wenn man einer Volksbibliothek Schundromane, welche erst durch jene verdrängt werden sollen, einverleibt, wie ich es leider gefunden habe.In neuerer Zeit hat eine Bewegung viele Stimmen für sich gewonnen, die besonders von Schriftstellern ins Leben gerufen worden ist und die Volksbibliotheken bekämpft. Erstens, sagt man, sei es ein höchst unappetitliches Vergnügen, aus Büchern seine geistige Kost zu schöpfen, die vielleicht tagsvorher mit der Blouse und dem Schürzenlatz eines Schlächterburschen oder dem schmutzigen Winkel einer Hinterhaus-Arbeiterwohnung die intimste Bekanntschaft gemacht haben und noch deutliche Spuren derselben an sich tragen. Zweitens weist man darauf hin, daß aus hygienischen Gründen und Rücksichtnahmen, die Einrichtung der Volksbibliotheken verwerflich sei, weil durch das Verleihen der Bücher eine Übertragung und Verschleppung von Krankheitsstoffen (namentlich durch das Anlecken der Fingerspitzen und Umwenden der Seiten) auf die denkbar bequemste Weise ermöglicht würde. Drittens, sagt man, würden durch die Volksbibliotheken nach und nach Verleger wie Autoren ruiniert, weil das Publikum nicht mehr Bücher kaufe, sondern einfach den Bibliotheken entleihe, was eine Verminderung des Absatzes bedeutet. — Alle drei Bedenken haben jedenfalls viel für sich, was sich auch aus der außerordentlich starken Beteiligung an der Reaktion gegen die Leihbibliotheken klar ersehen läßt. Wenn man freilich an das niedere Volk dabei denkt, das, wie man sagt, aus der Hand in den Mund lebt, so kann diese Reaktion nicht ohne weiteres gutgeheißen werden. Was kann es für den armen Tagelöhner oder Handwerksmann, überhaupt für jeden, der aus dem Subtrahieren und Dividieren, am Ende gar aus dem Minus nicht herauskommt, Bequemeres und Billigeres geben, als die besten, wertvollsten Romane und Erzählungen für 2—3 Pfg. lesen zu können? Selbst wenn es von all den hervorragenden Werken alter und neuer Litteratur billige Volksausgaben in Heften gäbe, würde ich es dem armen Manne nicht verdenken, wenn er sich aus der Volksbibliothek mit Lesestoff versorgte. Nur wer da weiß, wie in den Hütten der Armut am Lohntage die paar Märkchen Wochenlohn unter den Händen gleich frischem Schnee zerschmelzen, kann und wird mich recht verstehen.
Aus dieser erwähnten Bewegung gegen die Volksbibliotheken ist eine Vereinigung hervorgeblüht, deren Wesen und Tätigkeit in ihrer Tendenz ausgesprochen liegt: gute, zeitgenössische Litteratur ihren Mitgliedern zu billigen Preisen zugänglich zu machen. Der „Verein der Bücherfreunde“ (Berlin W 62, Kurfürstenstraße 128) verfolgt den Endzweck, durch nach und nach erscheinende Veröffentlichungen dem Volke zu Familienbibliotheken zu verhelfen. Als eine gute Empfehlung gelten neben der außerordentlich großen Anzahl der Mitglieder (sie wuchs im Laufe der ersten zwei Jahre des Bestehens auf 12000 an) auch die zum guten Teil wirklich wertvollen Publikationen. Von den bekanntesten und bedeutendsten Dichtern der Gegenwart sind vertreten: Heiberg, Maximilian Schmidt, Renatus, Otto v. Leixner. Nordau, Ganghofer, Wolfgang Kirchbach, Fedor v. Zobeltitz etc. Der Vierteljahrsbeitrag der Mitglieder beläuft sich auf 3,75 Mk. für 2 geheftete und 4,50 Mk. für 2 gebundene Werke. Das ist aber wieder der Stein des Anstoßes Wie der gemeine Mann nicht 3—4 Mk. daliegen hat, um beim Buchhändler sich ein Werk zu kaufen, so hat er sie auch nicht, um dem Verein der Bücherfreunde, als Mitglied beizutreten. Von allem Segen, den das Unternehmen in der That stiftet, spürt die breite, niedere Schicht, das arme Volk nichts.
Mehr schon ist dies bei „Engelhorn's Romanbibliothek“ und der „Bibliothek des Wissens und der Bildung“ der Fall, die dem Volke in wirklich geschmackvollen Bänden für wenig Geld guten Lesestoff vermitteln, obgleich sich bei ihnen der Cultus ausländischer Autoren immer noch nicht ganz verloren hat. Besonders auch Hendel's „Bibliothek der Gesamtlitteratur“, Meyer's „Volksbücher“ und — last not least — Reclam's „Universalbibliothek“ verdienen Erwähnung und Anerkennung, wenn man in ihnen auch manches findet, was lieber hätte wegbleiben können. Über die „Deutsche Volksbibliothek für Lesevereine und Haus“ (Stuttgart bei Greiner und Pfeiffer) kann ich kein Urteil fällen, da ich noch keine ihrer Publikationen selbst gelesen habe; doch ist mir noch keine abfällige Kritik über sie vorgekommen. Dagegen verspreche ich mir von der „Bibliothek kleiner Novellen und Erzählungen von Dichtern und Schriftstellern der Gegenwart“, daß sie, nach den Erscheinungen des ersten Jahrganges zu urteilen, einmal eine brauchbare Waffe im Kampfe gegen die Schundlitteratur werden wird. Der Anlauf ist gut; die bis jetzt zur Ausgabe gelangten 14 Heftchen machen dem Herausgeber (Martin Maack, Lehrer, Lübeck) alle Ehre.
Besonders zielbewußt, lebhaft und rührig tritt eine Vereinigung für die gute Sache ein, die der größten Unterstützung unbedingt würdig ist. Es ist dies der „Verein für Massenverbreitung guter Schriften“ in Weimar. Gegründet am 2. April 1889 erstreckt sich seine Wirksamkeit über ganz Deutschland, ein gutes Stück Österreich, das westliche Rußland, die deutsch-französische Schweiz und das deutsche Amerika. Was sein Ziel und seine Aufgabe ist, besagt sein Name. „Als eines zur Massenverbreitung notwendigen Apparates bedient sich der Verein des Kolportage-Buchhandels, nicht aber, um ihn in seinen Händen zu zentralisieren, sondern nur, um den Markt auf diesem Gebiete durch sein Vorgehen günstig zu beeinflussen.“ Es stehen mir über den Verein folgende genaue Angaben zur Verfügung: Seine Mitgliederzahl beläuft sich auf 7000, der Vermögensbestand belief sich am 1. Januer 1891 auf rund 34000 Mk Ende 1891 hat der Verein bei wöchentlichen Auflagen von je 10000 Exemplaren in seinen Heft-, Band- und Halbjahrsbuchausgaben an 500000 Einzelhefte und über 5000 Bände gegen Zahlung fest abgesetzt und nahezu 800000 solcher Einzelhefte schon unters Volk gebracht. Das Verzeichnis der Mitarbeiter weist Namen von gutem Klange auf: Rosegger, Jensen, Putlitz, Kretzer, Halm, Maximilian Schmidt, Armand etc. Sämtliche Publikationen sind mit Vollbildern oder Illustrationen im Text geschmückt. Jedem körperschaftlichen Mitgliede des Vereins (Jahresbeitrag 10 Mk.) steht ohne weiteres ein Exemplar der Buchausgabe von allen Veröffentlichungen des laufenden Jahres zu; jedem persönlichen Mitgliede (Jahresbeitrag 3 Mk.) ein Exemplar der Heft- oder Buchausgabe zum Vorzugspreise (20 % Rabatt). Im übrigen kostet ein Heft für Nichtmitglieder durch jede Buchhandlung wie jeden Kolporteur bezüglich 10 Pfg. — Der Verein läßt sich also, wie ersichtlich, von der Absicht und dem Bestreben leiten, dem Volke für denselben Preis und auch in derselben Form wie die Schundromane Lesestoff — und das ist die Hauptsache — guten Lesestoff zu vermitteln. Er ist gewissermaßen die Verkörperung der sichersten, über dem Hin und Wider der Ansichten stehenden Hilfe, die den litterarischen, in Schmutz und Morast versunkenen breiten Bevölkerungsschichten zu teil werden konnte. Freilich kämpft er jetzt noch mit großen finanziellen Schwierigkeiten, denn ein Unternehmen wie dieses, das wie eine Sturmflut das Bollwerk der Schundlitteratur stürzen soll, gründet man nicht für einen Pappenstiel. Deshalb möchte ich die Unterstützung desselben auch allen Lehrern recht warm ans Herz legen. Nicht meine ich dies jedoch so, daß sie sich alle sofort zum Beitritt melden sollen; es wäre ja gar nicht übel, wenn's geschehe; da aber die Unwahrscheinlichkeit die Hoffnung schon von vornherein fast schwinden macht, will ich den Wunsch nicht erst aussprechen. Ich denke mir die Sache ein wenig anders. Findet ein Lehrer in seiner Gemeinde etliche, die gern lesen, so kann er sich mit ihnen zusammenthun und für 10 Mk. als körperschaftliches Mitglied beitreten. Sind 20 Mann beisammen, so bezahlt jeder nur 50 Pfg. Für diese 10 Mk. erhält er nun ein gebundenes Exemplar aller in diesem Jahre erschienenen Romane. Außerdem erhält aber jedes Mitglied noch dieselben Romane in Heftform zum Vorzugspreise, also für 8 Pfg. das Heft. Es läßt sich nun so einrichten, daß alle Jahre ein andrer das gebundene Exemplar erhält. Der Lehrer eignet sich zufolge seiner Stellung vorzüglich dazu, den Bezug und die Verteilung in die Hände zu nehmen, überhaupt den Verkehr zwischen Verein und Leser zu vermitteln. Irgendwelche weiteren Ausgaben erwachsen ihm nicht. Dagegen genießt er gewisse Vorteile. Einmal gelangt er für einen wahren Spottpreis in den Besitz guter Bücher, das andere Mal macht er sich in seiner Gemeinde zum „Mittelpunkte einer Bestrebung, die ihn dem bestgesinnten Teile derselben nahe führen muß“; ungeachtet, daß er ein Werk der Barmherzigkeit und Nächstenliebe übt. Der Dank, der ihm dafür gebührt, wird nicht ausbleiben. —
Ich bin am Ende.
Dreierlei hat Dir, lieber Leser, mein Schriftchen gezeigt. Zum ersten den Schaden, der am Marke des Volkes frißt. zum andern die Notwendigkeit seiner Heilung und zum dritten die Art seiner Heilung.
Ich glaube den Wunsch aussprechen zu dürfen, daß ein jeder Leser derselben Ansicht und Ueberzeugung geworden sein möchte, wie sie die meine ist, und wie ich noch einmal kurz in dem Satze zusammenfasse:
Es ist unbedingt Pflicht jedes Einzelnen als Mensch, Christ und Staatsbürger, insonderheit aber Pflicht des Lehrers, nach allen Kräften dafür Sorge zu tragen, daß die Reaktion gegen diese absichtliche geistige wie sittliche Vergiftung und Verseuchung des deutschen Volkes sich nicht nach einem kurzen, kärglich gefristeten Dasein unbeachtet und früchtelos im Sande verliert, sondern sich zu einem gewaltigen, segenspendenden Strome entfaltet, dessen befruchtende Fülle sich lebenweckend über das Land ergießt. —
Fuente: Otto Rühle, Die Schund-Litteratur und ihre Bekämpfung von seiten des Lehrers, Großenhain i. S., Herrmann Starke, o. J. [1896], 30 S. Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek (Münchener DigitalisierungsZentrum, bsb11820110), con un OCR propio (tesseract) corregido leyendo todas las páginas de texto sobre la imagen (Fraktur). Se conservan la ortografía y las erratas del impreso («lehrt den Geldbeutel» por leert, «butigen», «thasächlich», «Januer», «zurückzuführen sein», etc.); se omiten las signaturas de pliego. Según la nota de la S. 6, el folleto aprovecha en parte dos artículos del autor sobre «Schundlitteratur» y «Jugendlektüre» publicados en la Leipziger Zeitung (núms. 148 y 168, 1895). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa; las S. 1-4 son las portadas y la S. 6 solo lleva esa nota.