Der Marxismus im Lichte des Marxismus

(Ein Diskussionsartikel)

Die materialistische Geschichtsauffassung ist seit Jahrzehnten der Zankapfel zwischen den Auslegern des Marxismus außerhalb und innerhalb des marxistischen Lagers. Man versuchte, ihre „Richtigkeit“ oder „Falschheit“ nachzuweisen, d. h. sie „an sich“, als wissenschaftliches System zu begreifen. Wir wollen eine andere Methode anwenden, wir wollen versuchen, die materialistische Geschichtsauffassung auf die materialistische Geschichtsauffassung selbst anzuwenden.

1. Ihre Entstehung

Da zeigt sich zunächst, daß man Unrecht tut, die materialistische Geschichtsauffassung als das Werk von Karl Marx allein hinzustellen. Man verfällt damit wieder in die „Große-Männer-Theorie“, die Marx ja eben zerstören wollte. Wir müssen die materialistische Geschichtsauffassung als ein Teilstück der Gesamt-Ideologie einer Epoche auffassen. So wie Marx selbst alle Wissenschaften uns als „Überbau“ über ein bestimmtes Wirtschaftssystem verstehen gelehrt hat, als Sicherungsmittel zweiten Grades gewissermaßen, als Unterstützung der jeweiligen Wirtschaftsform. „Was?“ rufen die Gegner empört, „Marx soll in seiner materialistischen Geschichtsauffassung als geheimer Unterstützer des kapitalistischen Systems entlarvt werden?“ Halt! Etwas Geduld! Die materialistische Geschichtsauffassung enthält zwei Hauptstücke. Erstens die Feststellung: das Bewußtsein der Menschen wird durch ihr Sein bestimmt, also in unserem Fall: eine Weltanschauung ist bedingt durch die materielle Basis, aus der sie erwächst. Und zweitens: das Gesetz der Dialektik, des inneren Widerspruches, nach dem im Schoße jeder Epoche schon die neuen, entgegengesetzt gerichteten Tendenzen vorbereitet werden.

Die herrschende Klasse der der kapitalistischen Zeit voraufgehenden Epoche war nach und nach immer weiter von ihren eigenen Produktionsgrundlagen — der Bewirtschaftung des Bodens — abgerückt. Ihr Leben spielte sich bei Hofe oder im Kriege ab. Sie hatte infolgedessen kein direktes Interesse an der Wirtschaft. Als ihre Nachfolger, die Bürger, durch die verschiedenen bürgerlichen Revolutionen ans Ruder kamen, änderte sich das Bild: die ersten Kapitalistengenerationen hatten eine innige Beziehung zur Produktion selbst. Die Grundlage der Gütererzeugung hatte sich verändert; das ausschlaggebende Produktionsmittel war nun nicht mehr der Grund und Boden, sondern die bewegliche Habe, das Geld und die Rohstoffe. Um ihr kapitalistisches Gebäude aufführen zu können, brauchte die Bourgeoisie als herrschende Klasse eine intensivere Kenntnis der Natur, der Rohstoffe und Rohstoffquellen, der Ausbeutungsmöglichkeiten der Erde. Die Naturwissenschaften nahmen einen ebenso plötzlichen als großartigen Aufschwung. Durch die Kenntnis der Naturkräfte, der natürlichen Abstammung des Menschen usw. wurde das religiöse Weltbild zerstört. Die ersten Bürger waren Freidenker. Der Materialismus bemühte sich, das zerstörte Weltbild durch ein neues zu ersetzen. Die Philosophie D. F. Strauß', Büchners, Feuerbachs beherrschte das Zeitalter. In diesen ideologischen Überbau über die veränderten Produktionsgrundlagen fügte sich die materialistische Geschichtsauffassung sinngemäß ein. Sie übertrug ja den Materialismus auf die Beziehungen der Menschen zu den Menschen, das heißt, sie entdeckte als Wichtigstes in der Geschichte den Kampf um die Produktionsgrundlagen. Dialektisch gesehen spiegelt sich in ihr der Widerspruch zwischen alten und neuen Wirtschaftskräften ideologisch wider: war Hegel der letzte Ausläufer der idealistischen Geschichtserklärung, so wurde nun Marx der erste Vorbereiter der materialistischen Gegenströmung. Aber auch der Widerspruch innerhalb des neuen Systems tut sich hier schon kund: die Bürgerklasse selbst hatte noch keine Nötigung empfunden, ihren Materialismus auch auf die Geschichte, d. h. auf die Beziehungen von Menschen zu Menschen anzuwenden. Sie hatte, aus unbewußtem Drang nach Sicherung ihrer Herrschaftsstellung, das Schwergewicht in die Natur verlegt. Das äußerte sich auch in dem immer deutlicher ausgesprochenen Warencharakter der Lebensgüter. Eine Ware war etwas Dingliches, Außermenschliches, scheinbar unabhängig von menschlichen Verhältnissen und Beziehungen. Aber durch dieses neue Wirtschaftssystem war die Existenzsicherheit der anderen, die nicht zur Herrschaft gelangt waren, der Proletarier, zunehmend in Frage gestellt. Deshalb erhob sich von da aus die neue Frage, die Frage nach den Beziehungen der Menschen untereinander, und fand in Marxens Soziologie ihre Antwort.

Die Entstehung der materialistischen Geschichtsauffassung ist also zweifach erklärbar: einmal ist sie ein Teil des ideologischen Überbaues über die kapitalistische Produktionsweise und stellt sie zugleich den Widerspruch (die Antithesis) gegen die bisherige Ideologie der vorkapitalistischen Zeit dar. Und zum andern ist sie der erste Wortführer der neuen Ideologie, der Ideologie jener Kreise, die aus ihrer wachsenden materiellen Unsicherheit heraus neue Fragen aufwirft, nach neuen Erklärungen sucht: der Ideologie des Proletariats. Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft hatte sich nämlich ein Widerspruch aufgetan zwischen der vergesellschafteten (kollektivistischen) Form der Arbeit und der privaten (individualistischen) Form der Aneignung des Arbeitsertrags. Dieser Widerspruch verlangte nach Auflösung, wenn auch vorerst nur in der Theorie. — In seiner Kritik der politischen Ökonomie, im „Kapital“, hat Marx die Ware und den ganzen kapitalistischen Produktionsprozeß seines dinglichen Scheins entkleidet und als Menschenwerk nachgewiesen. Er hatte schon vorher, in seinen „Thesen gegen Feuerbach“ (1845) geschrieben: „Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß.“

2. Die Auslegung

In dem Bewußtsein seiner Zeit und der nachfolgenden Jahrzehnte — bis fast in die Gegenwart — spukte als Hauptschlagwort der Marxschen Lehre aber eben die Vorstellung: der Mensch ist Produkt seiner Verhältnisse, und „die Produktionsverhältnisse“, unter denen sich bald niemand mehr etwas Deutliches vorzustellen vermochte, wurden zum Hebel aller geschichtlichen wie persönlichen Veränderungen, zur Entschuldigung jedes historischen Wunderglaubens, zum Vorwand derer, die keinen Mut aufbrachten, und damit auch zum roten Tuch für alle tatenlustigen Revolutionäre, z. B. die Syndikalisten und Anarchisten.

Wie haben wir, als zweites Hauptstück unserer Kritik des Marxismus durch den Marxismus, diese seine Aufnahme und Auslegung durch seine Anhänger zu verstehen? Wie kommt es, daß man so begierig nach dem einen Teilstück der Marxschen Lehre griff, die den Menschen als bloßen Spielball von Produktionskräften und Wirtschaftsverhältnissen hinstellte, die den Geist zu entthronen schien und das Schwergewicht aller Welterklärung in außermenschliche Vorgänge verlegte, wo der Mensch nur noch als Getriebener, nicht mehr als Vollbringer galt? Das hängt folgendermaßen zusammen: Das Proletariat hatte infolge der sozialistischen Agitation sich seit Lassalles Wirken als Klasse fühlen gelernt. Die Proletarier erkannten allmählich, daß sie durch ihre Arbeit die unentbehrlichsten Grundlagen des kapitalistischen Systems schafften. Sie griffen mit Begeisterung nach einer Weltauffassung, die ihre Arbeit, die Arbeit um die Lebensgüter, für das Ausschlaggebende und Wichtigste erklärte. Der bisher mit mehr oder weniger Respekt angestaunte „Geist“ der Herrschenden erwies sich als bloß abgeleitet von der körperlichen Arbeit der Beherrschten. Je radikaler man die Bedeutung nicht nur des bürgerlichen Geistes, sondern bald jedes Geistes verneinte, um so sicherer fühlte man sich als der eigentliche, wenn auch von den Nutznießern verkannte Hauptfaktor gesellschaftlichen Lebens.

Zudem hatte das Proletariat die Gefahr der religiösen Ideologie für seine Lebensinteressen bereits erkannt und wandte sich mit großem Eifer denjenigen Erkenntnissen zu, die die religiösen Dogmen am besten angriffen: den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft. Ebenso war das Bürgertum verfahren, als es sich aus den Fesseln der feudalen Grundbesitzerordnung löste. Aber die bürgerliche Freidenkerei wurde beiseite getan, sobald das Bürgertum sich in seiner neuen Herrschaft sicher genug fühlte, und sobald der Feind nicht mehr so sehr von rechts (überwundene Aristokratie) als von links (Proletariat) drohte. Da es aber das Schicksal jeder unterdrückten Klasse ist, daß sie mit ideologischen Brocken vom Tische des Herrschenden gespeist wird, so drang die sehr verflachte und vergröberte Philosophie des Materialismus zu einer Zeit in die breiten Massen, zu der die bürgerliche Wissenschaft, ja zu der die erleuchteten Vorkämpfer des Proletariats selber sie schon wieder preisgegeben hatten.

Die Dialektik der Geschichte ist auch in geistigen Dingen wunderbar sinnvoll: ein Mann wie Max Adler, der es unternimmt, die „andere“, bisher vernachlässigte Seite des Marxismus ins Licht zu stellen, hätte vor 30 und 40 Jahren der sozialistischen Idee geschadet, während er heute berufen ist, ihr wesentlichste Dienste zu leisten: zu einer Zeit, wo das Bürgertum wieder fromm wurde, wo in den Neukantianern und andern philosophischen Richtungen der „reine Geist“ sich wieder in den Sattel setzen wollte, war es eine geschichtlich eindeutige Aufgabe, den Marxismus in seinem allermaterialistischsten Sinne mißzuverstehen. Nicht aus Bosheit oder Dummheit, sondern aus instinktiv erfaßtem Klasseninteresse vergaß und vernachlässigte man alle jene zahllosen Hinweise bei Marx, die den „Menschenkopf“, die Bedeutung des selbständig handelnden Menschen usw. betrafen. Man hatte einseitig den Produktionsprozeß in den Vordergrund geschoben. Und wie aus aller Einseitigkeit sowohl auf wirtschaftlich-gesellschaftlichem, wie auch auf geistigem Gebiet ein innerer Widerspruch geboren wird, so auch im Falle der Auslegung der Marxschen Lehre. Nicht im einsamen Studierzimmer, sondern aus den praktischen Erfahrungen sozialistischer Erfolge und Mißerfolge besann man sich nun auch der „andern“ Seite des Marxismus, die durch zahlreiche Zitate aus Marx und Engels hier für die Leser auch quellenmäßig belegt sein soll, damit man nicht meine, es handle sich um marxistische „Neutöner“ oder gar Revisionisten, die wieder mit dem alten „Geist“ zu liebäugeln beginnen. Mehr als je kommt man zur Erkenntnis, daß dem „Menschenkopf, in dem sich (nach Marx) „das Materielle in das Ideelle umsetzt“, bisher gar zu wenig Beachtung geschenkt worden ist.

Betrachten wir aber auch noch diese Neuorientierung im marxistischen Lager im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung, so ergibt sich folgendes:

Die Produktionsgrundlagen haben sich im Laufe des letzten Jahrzehnts gewaltig verändert. In Mittel- und Westeuropa ist die Vergesellschaftung der Arbeit auf ihrem Höhepunkt angelangt, dort, wo rein wirtschaftlich gesehen, die Produktion mühelos von der vertrusteten und zentralisierten Warenwirtschaft in eine planmäßige Bedarfswirtschaft überführt werden kann. Oder — könnte! Wenn sich mit der materiellen Basis auch der ideologische Überbau mit fortgewälzt hätte. So aber ist die Wirtschaft der Ideologie um Jahrzehnte vorausgeeilt; und wenn wir nun im Proletariat den langsamen Übergang vom naturwissenschaftlichen zum gesellschaftswissenschaftlichen Denken beobachten, wenn die monistische Philosophie einer kritischen Psychologie Platz macht, so vollzieht sich nur die von Marx schon vorausgesehene Anpassung des Weltbildes im Menschenkopf an die Verhältnisse, die durch die Menschenhände schon bereitgestellt sind. Und nach dem Gesetz der Dialektik? Die Verbannung des Geistes aus der Geschichtsbetrachtung des Proletariats war seinerzeit die Antithese zur Überwertung des Geistes durch die herrschenden Klassen aller Zeiten. Heute ist der Zeitpunkt erreicht, wo wir die Synthese bilden können und müssen, wo sich der Phönix verjüngt aus der Asche erhebt, wo in dem natürlichen Weltbild der neuen Zeit auch das, was sich im Menschenkopf abspielt, neben der Tätigkeit der Menschenhände wieder seine Bedeutung erhält. Freilich eine ganz andere Bedeutung als je zuvor. Der sogenannte Geist ist nicht mehr autonom, selbstherrlich und alleingültig. Er bleibt gefesselt an die Bedingungen seiner Zeit. Aber er ist der Vollstrecker der Hinweise, die die Zeit ihm gibt. Ein Schuhmacher kann ohne Leder, ohne Werkzeuge, ohne Arbeitsraum keinen Schuh herstellen. Aber aus Leder, Werkzeug und Arbeitsraum wird von selbst im Leben kein Schuh, wenn der Schuhmacher fehlt. Oder mit einem Worte Max Adlers: „Das Ideelle ohne das Materielle ist wirkungslos. Das Materielle ohne das Ideelle ist richtungslos.“

3. Die Auswertung für die Zukunft

Der Sozialismus wird die Synthese bilden aus zwei bisherigen Wirtschaftsformen: gemeinschaftlicher Besitz der Produktionsmittel wie vor der Zeit des Privateigentums; und aufs beste geteilte und dann wieder vergesellschaftete Arbeit mit den Produktionsmitteln wie zur Zeit des entwickeltsten Privateigentums. Als Synthese der zwei letzten Phasen innerhalb der Privateigentumszeit (Feudalismus und Kapitalismus) wird weder der Grund und Boden, die Landwirtschaft, noch die Gütererzeugung innerhalb der Industrie allein ausschlaggebend sein, sondern beides wird in- und miteinander arbeiten. Gesellschaftlich gesehen wird die Autonomie der Einzelpersönlichkeit aufgehoben werden zugunsten der gegenseitigen Bindung kameradschaftlicher Mitmenschen, ohne daß man damit in die Verfassung der Urzeit zurückverfiele, wo der Mensch nur und allein Glied des Ganzen, und niemals ein Eigener war. Wie Marx im kommunistischen Manifest sagt: „Die freie Entwicklung eines jeden wird die Bedingung der freien Entwicklung aller.“

Wie aber, wenn wir das dialektische Entwicklungsgesetz auf den Sozialismus selbst anwenden? Muß dann die Synthese nicht wieder zur These werden, d. h. ein Prinzip einseitig entwickeln, und daher einen neuen Widerspruch aus sich hervortreiben? Ist also der Sozialismus nicht die Vollendung aller menschlichen Bestrebungen? Nicht der Abschluß und Ruhepunkt der unendlichen Menschheitswanderung?

Von unserem dialektischen Standpunkt und mit der Vorstellung, daß die Menschheitsgeschichte eine endlose Entwicklung ist, können wir diese Hoffnung allerdings nicht haben. Nach dem Gesetz der Dialektik wird einst die klassenlose Gesellschaft, der Sozialismus, wieder von der Weltbühne abtreten. Was ihm folgen wird, wissen wir nicht.

Aber es gibt noch eine andere Betrachtungsweise, und die ist vielleicht noch konsequenter marxistisch; Marx sagte: alle Ideologie, also auch alle Geschichtsauffassung und Weltanschauung, ist bedingt durch den jeweiligen Stand der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Also folgern wir: die materialistische Geschichtsauffassung und die Dialektik ist entwachsen aus dem kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem — sie wird mit ihm verschwinden und von andern Erkenntnissen überwunden werden. Im Marxismus besitzen wir also nicht etwa den Stein der Weisen, so daß nun die Entwicklung des Geistes ihren Abschluß gefunden hätte. Er stellt vielmehr nur das vorläufig letzte und tauglichste Sicherungsmittel der in tiefste Unsicherheit gestürzten Menschheit dar.

Gegen diese Auffassung könnte man einwenden: Ja, wenn aber das Gesetz des Widerspruchs im Wesen der Welt beschlossen liegt, dann wird es sich doch auch noch auswirken, wenn Marx schon überwunden sein wird? Ja, wenn es im Wesen der Welt beschlossen liegt! Und hier müssen wir nochmals den Marxismus auf den Marxismus anzuwenden suchen. Die Dialektik bei Marx und Engels bedeutete nämlich zweierlei. Es war, als ob Marx gesagt hätte: „1. Es ist zweckmäßig, die Weltentwicklung dialektisch zu betrachten. 2. Die Welt entwickelt sich dialektisch. Das ist eine absolute Wahrheit.“ Diese zweite Auffassung von der absoluten Wahrheit ist unmarxistisch. Wir begreifen sie aber, im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung, wenn wir bedenken, daß Marx seinerzeit, aus seinen „Verhältnissen“ heraus, dem Dogma vom starren, einheitlichen Weltwesen das Dogma vom ewig fließenden, dialektisch veränderlichen Weltwesen entgegensetzen mußte. Für uns ist, unsern „Verhältnissen“ gemäß, keinerlei Dogma, weder ein kirchliches, noch ein philosophisches, noch ein naturwissenschaftlich-monistisches, noch auch ein marxistisches Dogma mehr erforderlich. Wir geben es preis und sagen: Wie das Wesen der Welt wirklich ist, können wir nicht wissen, brauchen es aber auch gar nicht zu wissen. Es genügt uns eine Methode, die uns jeweils hilft, uns im Getriebe der Welt zurechtzufinden und unser Leben (als einzelner, als Klasse, als Menschheit) zu sichern. Unserer momentanen Sicherung dient es, die Welt so zu betrachten, „als ob“ sie dialektisch sich entwickelte. Später — im Sozialismus — wird man die Welt wieder anders betrachten, und sie wird auch anders sein. Eine absolute Erkenntnis gibt es nicht. Wir schreiten von einer nützlichen Annahme über das Wesen der Dinge zu einer nützlicheren fort. Und auch diese Feststellung: es gibt keine absolute Erkenntnis, ist nicht etwa eine absolute Erkenntnis, ein neues Dogma, sondern eine innerhalb unserer Verhältnisse notwendige Hilfshypothese, mit der wir die Erfordernisse unseres Daseinskampfes ideologisch bestreiten.

Alice Rühle-Gerstel

Zitate aus Marx und Engels:

„Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaues — politische Formen des Klassenkampfes und seine Resultate, Verfassungen der jeweils regierenden Klasse, Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d. h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so unnachweisbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten, vernachlässigen können) sich die ökonomische Bewegung als Notwendigkeit durchsetzt; sonst wäre die Anwendung dieser Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.“ (Engels an J. Bloch, 1890.)

„Die Menschen müssen im Laufe der Entwicklung die materiellen Bedingungen einer neuen Gesellschaft selber erst produzieren, und keine Kraftanstrengung der Gesinnung oder des Willens kann sie von diesem Schicksal befreien.“

(Marx, Gegen Heinzen, Gesammelte Schriften II.)

„Die Geschichte tut nichts, sie ‚besitzt keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ‚kämpft keine Kämpfe‘! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ‚Geschichte‘, die den Menschen als Mittel braucht, um ihre — als ob sie eine aparte Person wäre — Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts, als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“

(Marx, Die heilige Familie.)


Fuente: transcripción a partir del volumen 15 (1925) de Die Aktion digitalizado en archive.org (die-aktion-15.1925), n.º 5, 20 de mayo de 1925, col. 256-261 (págs. 146-149 del PDF), cotejada con las imágenes de página; el OCR del Internet Archive solo sirvió de apoyo. El artículo empieza en la col. 256, tras el final de un texto de Oskar Kanehl, y las citas de Marx y Engels que lo acompañan terminan en la col. 261; sigue un texto de Franz Wilhelm Seiwert («Zeichen»), que no se transcribe. La bibliografía da col. 255-262 para el conjunto de la página. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Se corrigen las erratas «zentralisiertten», «zurückverfiele.e» y el paréntesis de cierre que falta tras «(nach Marx». Respuestas de Wagner y Mathes en el n.º 6 de Die Aktion; réplica de la autora, «Der Marxismus im Lichte des Marxismus. Erwiderung» (n.º 9, finales de septiembre de 1925), en este mismo archivo. Los comentarios Sp. n del código marcan las columnas impresas.