Der Hexenwahn.
Von Dr. Alice Rühle-Gerstel.
Es liegt in der Entwicklung des menschlichen Geistes begründet, dass er auf seiner Reise von Irrtum zu immer kleinerem Irrtum die verschiedenartigsten Stationen berührt.
Primitive Menschen, denen im Kampf gegen die Gefahren der Umwelt nur ganz unzulängliche wirkliche und geistige Abwehrmittel zur Verfügung stehen, suchen Rat und Hilfe von unsichtbaren Kräften. Wohl nehmen auch sie schon innerhalb des Naturgeschehens eine gewisse Wechselwirkung von Ursache und Folge wahr; aber sie wissen sie nicht oder nur unzureichend zu deuten, und der suchende Menschengeist weist auf einer bestimmten Stufe seines Aufstiegs keinen andern Ausweg aus seinen Nöten, als den Weg ins Uebersinnliche.
Der Aberglauben früherer Zeiten ist also aufzufassen als ein Auskunftsmittel für Dinge und Erscheinungen, deren natürlichen Zusammenhang man dazumal noch nicht begriff. Wir werden ihn nicht so sehr mit der Dummheit, als mit der Schwäche der primitiven Menschen ihrer Umwelt gegenüber verstehen.
Wie aber ist der Aberglauben einer Zeit zu begreifen, die bereits naturwissenschaftliche Erkenntnisse besass, die Gesetze von Ursache und Wirkung auf weiten Gebieten aufgedeckt hatte, einer Zeit, der Männer wie Leonardo da Vinci und Giordano Bruno, später Kepler und Newton als Leuchten freier Erkenntnis den Weg erhellten?
Der Hexen- und Teufelswahn, eine ängstliche Auffassung von mysteriösen, unheimlichen Kräften und Mächten, war im 13. Jahrhundert schon im Absteigen begriffen.
Der katholischen Kirche hat es die abendländische Menschheit zu verdanken, dass er nochmals neu aufflammte und bis in die Neuzeit wertvollstes Menschengut verheerte und verzehrte.
1484 erliess Papst Innozenz VIII. seine Bulle gegen die Hexen; darin werden den von Rom eingesetzten Inquisitoren («Untersuchern») unumschränkte Vollmachten zur Ausrottung der Hexen gegeben, und jedermann, der sich ihren Auslegungen und Anordnungen in Meinung und Tat zu widersetzen wagen würde, mit schrecklichen Strafen bedroht.
«Es ist zu unserer Kenntnis gekommen, dass jüngst Personen beiderlei Geschlechts sich mit Teufeln in Manns- oder Weibsgestalt geschlechtlich versündigen und mit ihren Bezauberungen, Liedern, Beschwörungen und anderen abscheulichem Aberglauben und zauberischen Ausschreitungen, Lastern und Verbrechen die Niederkünfte der Weiber, die Leibesfrucht der Tiere, die Früchte der Erde, die Weintrauben und die Baumfrüchte, wie auch die Männer, die Frauen, die Haustiere und andere Arten von Tieren, auch die Weinberge, die Obstgärten, die Wiesen, die Weiden, das Getreide und andere Erdfrüchte verderben und umkommen machen, auch peinigen sie die Männer, die Weiber und die Zug-, Last- und Haustiere mit fürchterlichen inneren und äusseren Schmerzen, verhindern die Männer, dass sie zeugen, die Weiber, dass sie gebären, und die Männer, dass sie den Weibern, und die Weiber, dass sie den Männern die eheliche Pflicht leisten können.» Usw. Das waren die Vorwürfe gegen die, die man einer Beziehung mit dem Teufel verdächtigte. Oder — — verdächtigen wollte? Zwei der zum Vollzug dieser Schreckensbulle bestallten Theologieprofessoren, Institoris und Sprenger, veröffentlichten dann 1487 den «Hexenhammer», das klassische Buch des gräulichsten kirchlichen Wahns, ein Werk, das ungeheuer verbreitet und noch 1669 neu aufgelegt wurde. Darin wurden die Arten der Hexerei, Wesen und Werke der angeblichen Teufelsbuhlerinnen, sowie Vorschriften zu ihrer Vernehmung, Folterung und Bestrafung in ausführlichster Weise angegeben. Zehntausende von Unschuldigen hat dieses wahre Teufelswerk auf den Scheiterhaufen gebracht, ja seine Nachwirkungen im Gemüt und der Geistesverfassung gewisser Kreise waren so nachhaltig, dass Hexenverbrennungen noch im 18. Jahrhundert, zur Zeit Goethes und Lessings und der Erklärung der Menschenrechte durch die französische Revolution, vorkommen konnten. (So noch in Kempten 1775, in Glarus 1782, in Posen 1793). Wer gegen die in diesem Hexenhammer vertretenen, von der Geistlichkeit als echt christlich gerühmten Anschauungen das Urteil des gesunden Menschenverstandes zu äussern wagte, verfiel dem Verdacht der Ketzerei oder der Mitschuld an den Hexenverbrechen und hatte für sein Leben zu fürchten.
Die katholische Kirche hatte nicht ohne Grund so schweres Geschütz auffahren lassen: allmählich verbreitete sich Licht über die Menschheit. Die Wiederbelebung der Antike, namentlich durch italienische Gelehrte und Künstler, die humanistische Aufklärerarbeit in der Schweiz und in Deutschland kennzeichnen das 15. Jahrhundert als eine Epoche des Aufstiegs. Die Ereignisse, die das Wirtschaftsleben entscheidend beeinflussten, wie die Entdeckung Amerikas (wodurch ungeheure Güter nach Europa kamen), die Auffindung des Seeweges nach Ostindien, die Erfindung der Buchdruckerkunst usw., kündeten den Anbruch einer neuen Zeit an. Da fühlte die Kirche ihre Macht ins Wanken geraten. Denn bisher hatte sie allein Wissen und Wirken der europäischen Menschen nach ihren Herrschaftsbedürfnissen geregelt und zugemessen. Nun drohte ihr ein Rivale in Gestalt einer weltlichen Wissenschaft; ein Wirtschaftsprinzip, das Handel und Verkehr zum Angelpunkt machte, musste der Kirche, der grössten Grundbesitzerin und Feudalherrin, ebenfalls als Entwertung ihrer Macht erscheinen. In dieser gefährlichen Stunde musste die Kirche alle Reserven zu Hilfe rufen, um ihre bedrohte Stellung aufs Neue zu sichern; und es gelang ihr. Allzufest waren Geist und Gemüt der Völker noch im Banne herkömmlicher Gottergebenheit und Mutlosigkeit. Eine Anschauung, von der bis dahin alleinigen und höchsten Autorität, der Kirche, vertreten, musste bald die Anschauung breitester Volkskreise werden, um so mehr, als sie durch Terror schlimmster Art aufgezwungen wurde. So erscheint die fanatische Ketzer- und Hexenverfolgung, zu einer Zeit, die die Geschichtsschreiber «den Beginn der Neuzeit» nennen (das Mittelalter schliesst mit der Entdeckung Amerikas, 1492), als Abwehrhandlung und verzweifelte Gegenwehr der alten gegen die neuanstürmenden Gewalten. Ein sozialökonomischer Grund war die Konkurrenz der Händler und Kaufleute, die man nicht länger als «unehrlich» gelten lassen konnte, die aber, da sie den neuen Wirtschaftsgedanken vertraten, der Feudalherrin Kirche gefährlich wurden. Als Nebenursache und Teilerscheinung kann man vielleicht die stets wachsende Besitzgier der Kirche ansehen, die durch die Konfiskation und Pfändung des Ketzer- und Hexengutes ihren eigegenen Säckel neu füllte.
Als psychologischer Grund gelte das Gefühl zunehmender Unsicherheit. Die Kirche und die ihr nahestehenden Kreise der Feudalen (adelige Grundbesitzer) sah ihren Einfluss und ihren Ruhm schwinden. So musste sie eine Probe aufs Exempel machen durch bis dahin unerhörte Erlasse und Gewalttaten sich noch zum letzten Male ihre Macht und ihren Einfluss beweisen, sich und der Welt: seht, was wir noch können, was wir uns noch erdreisten, trotz Aufklärung, Kompass, Buchdruckerei und freierer Lebenshaltung! Wir nehmen es mit all dem auf!
Es ist eine ähnliche Haltung, wie die der Bourgeoisie gegen die Sozialisten zur Zeit des Sozialistengesetzes (1878—1890): ein letzter Beweis wird versucht, sich als die alleinige, die konkurrenzlose Macht zu beweisen. Nachher — musste man das Vorhandensein der Gegner wenigstens anerkennen, konnte man es nicht mehr totschweigen, musste man Notiz nehmen von einer Weltanschauung, die man bis dahin mit Feuer und Schwert hatte ausrotten wollen. Auch die Kirche hat später mit den Gegnern rechnen lernen müssen, mit Aufklärung, Naturwissenschaft und «Ketzertum». Aber während das Sozialistengesetz schon nach 12 Jahren zusammenbrach, konnte die Inquisition sich drei Jahrhunderte lang an der Macht erhalten.
Und um das zu verstehen, müssen wir noch tiefer dringen und uns klar zu machen versuchen, was für eine Auffassung denn damals über die Frauen herrschte, diese armen Opfer des Hexenwahns.
Seit dem Verfall des Mutterrechts, das einmal bei jedem Volke bestand, ist die Frau durch den Mann von jeder Kulturbetätigung und fast von den meisten Kulturgenüssen abgedrängt worden. Sie wurde sein Privatbesitz, seine verschliessbare Sache, ihr Lebensschauplatz war Haushalt und Ehebett. Der Mann genoss trotz der scheinbar monogamen Eheform stets die Freiheit des Herrschers, auch in sexueller Hinsicht. Die Frau sank herab zum geschlechtlichen Lustobjekt. Aber gerade in ihrer Sexualität, auf dem einzigen Gebiet, das der Mann ihr gelassen hatte, suchte sie nun Ausgleich für alles Vorenthaltene. Und da der Mann sie auf diesem Gebiet als Partnerin brauchte, war er gewissermassen doch auf sie ebenso angewiesen, wie sie auf ihn. Die brave Ehefrau, die sich bedingungslos seinen Wünschen fügte, gab den Herrschafts- und Geltungsgelüsten des Mannes die beste Gewähr, dass er auch auf sexuellem Gebiet Herr blieb. Deswegen wurde die tugendhafte Gattin mit dem Motto: «Er soll dein Herr sein!» als vortreffliche Sicherung gegen die Gleichberechtigung der Frauen empfunden und auf das Postament gestellt. Sie konnte man anbeten und als Vorbild hinstellen, denn von ihr hatte man nichts zu befürchten. Die anderen aber, die aus ihrer Sexualität eine Waffe machten, den Mann als Liebhaber oder gar als Pantoffelhelden mit Entwertung bedrohten, die mussten als gefährlich und schrecklich hingestellt werden. So erklärt sich der kirchliche Streit des Mittelalters, ob das Weib eine Seele habe, ob es überhaupt ein Mensch sei, usw., aus der Angst der Männer, es könne ihnen jemand ins Gehege kommen. (Diese Geisteshaltung ist übrigens auch heute noch nicht ganz verschwunden; ein Buch wie das des Professors Moebius über den physiologischen Schwachsinn des Weibes erlebte bis in die jüngste Zeit unzählige Auflagen. Die weitverbreitete Auffassung, dass eigentlich in jeder Frau eine Dirne stecke, spukt heute vielfach in den Gehirnen herum.)
Zu einer Zeit nun, wo Frauen in Klöstern hohe Gelehrsamkeit erwarben, höhere als die Männer, die fast ausschliesslich mit Krieg und Raub beschäftigt waren; wo es weibliche Aerzte gab, Frauen anfingen, religiöse Sekten zu bilden, usw., hatte das herrschende Geschlecht natürlich ein besonderes Interesse daran, der Frau einen schweren Schlag zu versetzen. Besser konnte das gar nicht geschehen, als indem man die Frau als Teufelsbuhlerin, als Zauberin, als Hexe hinstellte. Damals bediente man sich, um die Minderwertigkeit der Frau zu beweisen, der Mittel, die die Zeit bot: man umkleidete sie mit einem geheimnisvollen Schauder, der alle frommen Christen vor die- sen Verbündeten der Hölle in grossem Bogen ausweichen liess oder den ärgsten Terror gegen sie rechtfertigte. Das Zölibat, die zwangsweise Ehelosigkeit der Priester, ist ebenfalls als solch eine Sicherung der Männer gegen die vermeintlich vom Weibe drohende Ueberlistung zu deuten. Im «Hexenhammer» heisst es: «Was ist denn auch das Weib anderes, als eine Vernichtung der Freundschaft, eine unentfliehbare Strafe, ein notwendiges Uebel, eine häusliche Gefahr, ein reizvoller Schädling, ein Naturübel mit schöner Farbe bestrichen?» So sicherte der Mann von damals auf doppelte Weise seine Vormachtstellung gegenüber der Frau: einmal, indem er sie unter der scheinbaren Verehrung der tugendsamen Hausfrau in die Rolle des stummen und gehorsamen Sklaven herabdrückte; zum andernmal, indem er den Frauen, die sich in diese Rolle nicht fügen wollten, den Stempel des Teuflischen, Sündhaften und Gemeinen aufdrückte. Die Versuchung liegt nahe, die Ausläufer dieser Geisteshaltung bis in die Gegenwart zu verfolgen. Denn leider ist immer noch die Mehrzahl der Männer der Meinung, dass die «Frau ins Haus gehöre», d. h. keinen eigenen Willen haben dürfte, und noch immer wird sie dort, wo sie ihn geltend macht, mit Spott, Abscheu oder zähem Trotz bestraft.
Zum Verständnis des Hexenwahns genügt es uns, die doppelte Wurzel seiner Entstehung kennengelernt zu haben: die durch den Umschwung in den wirtschaftlichen und geistigen Verhältnissen begründete Unsicherheit der Kirche und ihre Versuche, die alte Vormacht durch neue Machtentfaltung zu stützen. Und die allgemeine, männlich orientierte Einschätzung der Frau als Verkörperung alles Uebels.
Ein Kampf um die Macht drückt sich in den schauderhaften Gewaltakten aus, ein Kampf um die Macht zwischen alten und neuen Wirtschaftsprinzipien und ein Kampf um die Macht der Geschlechter.
Von ähnlichen Kämpfen, wenn auch in ganz anderer Form, ist unsere Zeit zerrissen; und so ziehen wir aus dieser Betrachtung die Lehre: die Exzesse der mittelalterlichen Kirche sind nur ein Spezialfall des allgemeinen Kampfes, der sich unter stets veränderten Formen wiederholen wird, solange Klasse gegen Klasse, Geschlecht gegen Geschlecht steht. Wir arbeiten daran, die Ideologie dieser zweigeteilten Welt zu zerstören und eine neue aufzubauen, in der nicht Kampf und Gewalt, sondern Friede und gegenseitige Hilfe der Inhalt des Lebens sein wird.
Fuente: el artículo apareció por primera vez en la «Frauenstimme», suplemento de Der Atheist, en febrero de 1925 (número no localizado); la fecha de la base y el año corresponden a esa primera publicación. El texto sigue la reimpresión en Der Freidenker (Zúrich), año 23, 1940, n.º 6, págs. 43-45, firmada «Dr. Alice Rühle-Gerstel», en e-periodica (ETH-Bibliothek, doi:10.5169/seals-409075). Transcripción hecha sobre las imágenes de página; un OCR propio solo sirvió de apoyo. Solo se transcribe el artículo de la autora: no se recogen los demás textos de las páginas (la continuación de un artículo sobre el caso Jetzer, en la parte inferior de las págs. 43-44; un anuncio y un texto de Heine en la pág. 44; el comienzo de «Ueber die geistige Struktur des heutigen Durchschnittsmenschen», de «Dr. med. H. S.», y un aforismo de Marie von Ebner-Eschenbach en la pág. 45). Se conserva la ortografía suiza de la reimpresión (ss por ß, Ue por Ü) y las erratas «abscheulichem» y «eigegenen». El espaciado del nombre de la autora se da en cursiva. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa de 1940.