Meine liebe Luise, Heute ist Sonntag, es regnet, und ich habe eingeheizt und sitze ganz behaglich am Schreibtisch und fasse den Vorsatz, meine Faulheit und Abneigung gegen das Briefschreiben endlich einmal zu überwinden und Deine letzte Karte vom 27.X. zu beantworten. Du verstehst ja gewiss, dass man sich manchmal zu den einfachsten Dingen nicht haben kann, nicht etwa weil man keine Zeit hat, sondern weil die Stimmung manchmal so triste ist, dass man besser tut, sie für sich allein zu behalten und nicht auf andere zu übertragen, die mit ihren eigenen Sorgen wahrhaftig gerade genug haben. Ich habe seither durch Mama Kobelt einige Zeilen von Karl und Felix bekommen, die mir eine grosse Freude waren, von Felix noch aus Kalifornien ‹[¿Buffalo?]›, aber sehr zuversichtlich trotzdem. Nun war ich sehr froh, von Dir zu hören, dass er nun doch einenJob hat, der ihn befriedigt. Dass Karl nach wenigen Wochen noch keine grosse Praxis haben kann, ist doch selbstverständlich; aber das wird schon kommen. Ich hoffe, dass Lotte wieder ganz wohl ist. Von meinem Karl bekomme ich regelmässig Postkarten, wenn auch nicht allzuviel drin steht, so sind sie mir doch immer eine grosse Freude und Beruhigung. Von meinem jüngeren Sohn höre ich gar nichts, ich hoffe, er ist wohl und kann arbeiten und ist in guter Stimmung. Ich weiss, dass er sich meinetwegen Sogen macht, er wollte mich doch durchaus bei sich haben und war schwer enttäuscht, dass ich nicht darauf eingehen wollte. Nun, er muss sichdamit trösten, dass es ohnehin nicht gegangen wäre. Ich sitze noch immer in meiner alten Behausung. Obwohl es hier sehr viel gibt, was mir nicht passt, bin ich doch froh, weiter bleiben zu können. Die Lage ist sehr angenehm und bequem, überall gute Verbindung, besonders für meine Spaziergänge, die ich solange als das Wetter erlaubt, fortsetzen will. Seit ich kein Telefon habe, ist natürlich die Beziehung zur Aussenwelt recht eingeschränkt; aber schliesslich gewöhnt man sich an alles. Meine Häuslichkeit besorge ich mir noch immer grösstenteils allein, nur zum Aufräumen kommt dreimal wöchentlich eine Bedienerin. Die einsamen Abende sind schlimm, da wie Du weisst, das Lesen mir grosse Schwierigkeiten macht; aber nun versuche ich, abwechselnd ein Auge zu verbinden, sodass wenigstens das so störende Doppeltsehen ausgeschaltet ist. Aber sehr viel bessert es auch nicht. Ich habe jetzt auch Pearl Buck gelesen, erst die Mutter, die aber ganz nach ihrem alten Schema ist, und jetzt Exile, das mir viel besser gefällt. Und zur Abwechselung dazwischen etwas französisches, was geradezu eine Erholung war. Dicke Wälzer wie Du kann ich überhaupt nicht lesen, wegen der Kurzsichtigkeit. Und zu den Klassikern kann ich mich jetzt gar nicht entschliessen, obwol mir Peter vor seiner Abreise noch einen schönen Goethe als Ersatz für unsere ganze Bibliothek geschenkt hat. — Ich arbeite schon über 5/4 Jahre im Spital, nicht sonderlich anstrengend und ziemlich ohne Bindung; ich setze dort die Tätigkeit der letzten Jahre fort, also nicht mehr das

alte Fach, das auch Dein Sohn betrieben hat und vermutlich weiter betreibt. Es ist immerhin angenehm, noch im Zusammenhang mit dem alten Beruf und einigen der alten Kollegen zu sein. So, weiter weiss ich über mich nichts zu berichten.

Nun freue ‹ich› mich, dass Du wieder eine behagliche Wohnung hast und auch nicht mehr so allein in einem Hause bist. Die Hausarbeit hat Dich ja nie so sehr gestört; und wenn Du das Mittagessen, resp. Hauptmahlzeit, fertig bekommst, so ist ja Kochen und besonders Einkaufen sehr erleichtert. Dass Du das Essen in einer billigen Pension verabscheust, begreife ich vollkommen, darin haben wir den gleichen Geschmack. Ich koche auch lieber zu hause, obwol es manchmal nicht ganz bequem ist, in einer kleinen Küche auf nur zwei Rechauds fünf Parteien für 9 Personen. Und durch 4 Wochenhatte ich eine Mitbewohnerin, da waren es 6 verschiedene Köchinnen. Natürlich liesse sich das auch besser organisieren, aber das scheitrt an dem Widerstand jeder einzelnen Hausfrau. Mir ist es recht, dass ich wenigstens diese Beschäftigung und das Einkaufen habe; die Adresse eines wiklich guten Mittagstisches in meiner Nähe — wohin ich meinen Bruder schicken konnte, hebe ich mir für Zeiten auf, wo ich vielleicht — aber hoffentlich nicht — krank sein werde. Dass Du regelmässige Nachricht von allen Kindern hast, ist doch ein Trost und eine Stütze. Ich empfinde es sehr schwer, dass mit P. keine Verbindung möglich ist. Aber so geht es ja vielen, und da darf ich mich nicht beklagen. Manchmal sehe ich noch alte Freunde, aber im Ganzen hat mein Verkehr sich doch geändert, Freunde aus der Jugendzeit sind wieder aufgetaucht, frühere lose Beziehungen haben sich vertieft, einige neue Bekannte — Freunde wäre zu viel gesagt — haben sich auch eingefunden, mein Bruder, der viel einsamer lebt als ich, kommt oft, mit der Familie meiner Schwester komme ich wenn auch nicht allzuoft zusammen. Etwas Bridge mehrmals in der Woche ist eine sehr angenehme Ablenkung. Das Lesen spare ich mir hauptsächlich für schlaflose Stunden bei Nacht auf, die so am besten angewandt sind. Nun habe ich doch wieder über mich geschrieben, allerdings ist die zweite Hälfte des Briefes fast eine Woche später getippt als der Anfang, und ich muss erst sehen, wenn ich das Blatt abnehme, ob ich mich nicht wiederholt habe. Ich schreibe mit der Maschind, damit Du Dich nicht mit meiner schlechten Schrift plagen musst. Nun sende ich Dir viele viele herzliche Grüsse, auch an all die Deinen und alte Freunde.

In unveränderter Freundschaft und Verehrung

Margret Hilferding


Fuente: transcripción hecha para la Escuela Libre de Psicología Adleriana (2026) a partir de las imágenes digitales (IIIF) del original mecanografiado: Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG), Ámsterdam, Karl Kautsky Papers (ARCH00712), serie «Briefe an Luise Kautsky», Nr. 1091 (carpeta «Hilferding, Margarethe. 1924, 1936-1938, 1941, undat.»), https://hdl.handle.net/10622/ARCH00712.1091, imágenes 12-13 (imágenes y PDF en materiales/hilferding/1924/1924-1941_Briefe-an-Luise-Kautsky__IISG/). Carta inédita, sin lugar ni fecha. Escrita en Viena; la fecha se deduce de la respuesta a una tarjeta del 27 de octubre, de los «más de 5/4 años» de trabajo en el hospital y de la nota a lápiz «30.[¿XI?].940»; el inventario del IISG no registra 1940 en el título de la carpeta («1924, 1936-1938, 1941, undat.»), por lo que esta es probablemente la pieza «undat.». Convenciones: [¿…?] lectura dudosa; … tachado; ‹…› añadido a mano; se conserva la ortografía mecanográfica (sin «ß»).