Meine liebe Luise! Deine Karte nach so vielen Monaten des Schweigens war mir ein so liebes Lebenszeichen von Euch, trotz der traurigen — damals schon traurigen Nachrichten über den Vater habe ich doch daraus Deine alte tapfere Seele erkannt und mich gefreut, wie man sich heute noch freuen kann. Und nun kam sobald die leider nicht unerwartete Botschaft! Wie viel uns „der Alte“ bedeutet hat, als Gelehrter, als Mensch, als Freund mit seinem gütigen Lächeln, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ich denke viel an Dich und an Deine Kinder, die ich, solange sie hier waren, öfters aufgesucht habe. Auch zu Lotte komme ich oftmals und so war ich stets über Euch im Bilde. Lotte ist brav u. tapfer, wie auch [¿Mutschi?] u. die beiden Mädeln.

Was soll ich Dir von uns schreiben? Ich hoffe, dass mein Sohn bald wegfahren kann; dann werde ich allein in der jetzt schon zu grossen Wohnung sitzen u. mich bemühen, in Form zu bleiben. Aber die völlige Beschäftigungslosigkeit ist sehr schlimm. In die Wohnung darf ich niemand hineinnehmen. Meine Bedienerin, die ja so treu ist, hat jetzt ihren Mann verloren, ist völlig auf ihre eigene Arbeit angewiesen, u. ich kann sie deshalb nicht wegschicken — möchte es auch gar

nicht. So habe ich nicht einmal den Trost der Hausarbeit.

Auch Du wirst Dein Leben, wenn die ersten schweren Tage überwunden sind, neu gestalten müssen. Und wenn die grosse Lücke sich auch nicht so rasch füllen wird, so wirst Du doch — das ist meine feste Überzeugung — so wie früher Stütze und Halt für Deine Familie u. für Deine Freunde sein. Ich hoffe, dass Deine Gesundheit nicht gelitten hat, u. dass Du Menschen um Dich hast, die für Dich sorgen u. Dir die schwere Zeit erleichtern.

In alter treuer Freundschaft grüsst Dich

Margret.

Wien, 20.X.938


Fuente: transcripción hecha para la Escuela Libre de Psicología Adleriana (2026) a partir de las imágenes digitales (IIIF) del manuscrito autógrafo: Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG), Ámsterdam, Karl Kautsky Papers (ARCH00712), serie «Briefe an Luise Kautsky», Nr. 1091 (carpeta «Hilferding, Margarethe. 1924, 1936-1938, 1941, undat.»), https://hdl.handle.net/10622/ARCH00712.1091, imágenes 10-11 (imágenes y PDF en materiales/hilferding/1924/1924-1941_Briefe-an-Luise-Kautsky__IISG/). Carta inédita, escrita a lápiz en letra latina cursiva, clara. Convenciones: [¿…?] lectura dudosa; [ilegible] palabra no descifrada; se conserva la ortografía de la autora (sin «ß», «u.» por «und»).