Vorbeugung der Neurose.
Von Prof. ALFRED ADLER (New York).
Man sollte meinen, daß die theoretische Grundlage jeder psychologischen Schule mit wissenschaftlichem Gleichmut und dem Gefühl der sicheren, eigenen Überlegenheit des Kritikers bekämpft werden könnte. Es zeigt sich aber, seit sich die Psychologie mit Hilfe Wundts aus dem Schoße der Philosophie heraushob, daß gerade die theoretischen Grundlagen, die Arbeitsmethoden, das „System“ jeder psychologischen Richtung zum Angriffspunkt heftigster, meist persönlicher Attacken gemacht wurden, viel weniger die sich an das „System“ anschließenden praktischen Erwägungen und des praktischen Vorgehens. Wir wollen die dem Kenner geläufigen, oft abstoßenden Streitigkeiten übergehen, ebenso wie die nicht immer bloßem Unverständnis entspringenden Unwahrheiten und Verschweigungen. Auch ist der Kenner und Historiker der Psychologie nicht darüber zu täuschen, wie häufig Entlehnungen aus einem andern System einen Stützpunkt für ein wankendes Gebäude abgeben mußten, wobei eigentlich nur der Name ein klein wenig geändert werden mußte.
Es ist bei einer so jungen Wissenschaft, die deutlich auseinanderstrebende Züge zeigt, verschiedene Angriffspunkte auch und verschiedene Zwecke, innerhalb deren die dem Worte des Lehrers lauschenden Jünger zur Abschließung gegenüber anderen Systemen verleitet werden, nicht verwunderlich, wenn besonders die theoretischen Grenzstreitigkeiten zu persönlichen Invektiven ausarteten, weniger verwunderlich, wenn man erfahren hat, wie oft das immer unvollendete Streben nach Erkenntnis des „Innern der Natur“ gerade auch die in sich unsicheren Menschen anzieht. Die lassen sich nicht gerne ihre „Sicherungen“ nehmen, und wenn sie sich darin bedroht fühlen, finden sie leicht den Weg zu haltlosen, persönlichen Verunglimpfungen. Ich habe es deshalb, um diesem Unfug vorzubeugen, den Studierenden der Individualpsychologie zur Pflicht gemacht, sich in die anderen psychologischen Systeme zu vertiefen. Ich habe niemals einem nervösen Patiente die Lektüre oder die Anhörung anderer Psychotherapeuten untersagt. Aber gerade ich sollte nicht verstehen, wie sich der Minderwertigkeitskomplex schmähend in einen Überwertigkeitskomplex zu verwandeln trachtet?
Rechnet man noch dazu, wie häufig es sich bei Praktikern der psychologischen Wissenschaften darum handelt, reichliche Investitionen fruchtbar zu machen, die Gunst einflußreicher Lehrer und Sekten nicht zu verscherzen, den oft erbitterten Kampf um offizielle Stellungen, so kann man leicht die Ausartungen in dieser jungen Wissenschaft begreifen, ohne sie gutzuheißen. Schlagworte wie die: „ich werde auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung meines Kritikers nur per- sönlich antworten“, „wir erklären seine gegenwärtigen und späteren Ergebnisse als Gemeingut“, „öffentliche Diskussionen mit unserem Kritiker sind untersagt“ werden von schwächeren Gemütern gerne aufgenommen und befolgt. Ich habe nie gezaudert, den Fortschritt aller psychologischen, wissenschaftlichen Systeme anzuerkennen. Ich habe es nie unternommen, den tieferen Zusammenhang in den Forschungsgebieten der verschiedenen alten und neuen Systeme zu leugnen. Daß Introspektion, Psychoanalyse, Funktionalismus, Behaviorismus, Purposivismus, Reflexologie und Gestaltspsychologie wertvolle Bausteine beigetragen haben, kann kein unbefangener Kritiker leugnen. Dasselbe müssen wir von der Theorie der Individualpsychologie behaupten.
Damit reden wir keineswegs dem schwächlichen Ekklekticismus das Wort. Schließlich spricht doch jeder Psychologe die Sprache seines ursprünglichen oder später veränderten Lebensstils. Daß sich der im Kampf um die Behauptung seines Weltbildes deutlicher zeigt, verdient freilich auch eine psychologische Betrachtung. Dies trifft auch den vom Lehrer durchaus abhängigen und unselbständigen Schüler, wie den sich an ihn durch Beschimpfungen anderer heranschmeichelnden Schreiber und Redner.
Nun scheint mir aber ein Einwand gegen umfassende wissenschaftliche Abgeklärtheit gerechtfertigt. Ein psychologisches System steht mit dem Weltbild des Trägers in unverbrüchlichem Zusammenhang. Gibt er sein System der Welt preis, so wird es bei ähnlich gerichteten Menschen, Laien und Wissenschaftlern Anklang finden, eine wissenschaftliche Grundlage für bereits vollendete Stellungnahme zum Leben abgeben. Dieser Einfluß auf Menschen, auf Erziehung, auf religiöse und politische Stellungnahme und anderes kann ebensowenig geleugnet werden wie der Einfluß etwa der Literatur und der Kunst auf die Entwicklung der Menschheit. Soweit auch eine andere Grundlage das Denken und Handeln der Menschheit begründen mag, die Eindrücke, die der Einzelne davon empfängt, in seinem Streben nach Überwindung äußerer Schwierigkeiten, werden aufgenommen, gesiebt, gestaltet oder verunstaltet durch seine vorgefaßte Perspektive, durch sein frühzeitig fertiges Weltbild. So erklären sich die verschiedenen Lebensrichtungen und Stellungnahmen der Menschen selbst auf äußerster Gemeinsamkeit von Bedingungen. Und verstanden wird meist nur, was einer schon vorher in ihm schlummernd weiß. (Vielleicht hat das Charcot gesagt.) Wie nun, wenn ein psychologisches System die Auffassung absoluter Heredität, dazu noch ohne Fähigkeit zu fortschreitender Entwicklung in die Welt hinausstreut? Oder alle Schuld für Verfehlungen in das endokrine Drüsensystem verschiebt? Oder der Umgebung, zumeist der Mutter, alle Mängel oder Vorzüge späterer Generationen aufzuhalsen trachtet, als ob das Kind der reine Niemand wäre, als ob es von seinem Verhalten abhinge, die Mutter schuldig oder unschuldig werden zu lassen? Oder wenn die Tatsache angeborenen Gemeinschaftsgefühls, dessen Entwicklungsfähigkeit und -notwendigkeit unter dem Druck der Evolution und zum Wohl der Allgemeinheit als leere Redensart hingestellt wird? Wie, wenn sich aus einem System ergibt: „warum soll ich meinen Nächsten lieben? Liebt er mich?“ Oder wenn als Grundlage menschlichen Seelenlebens ein allmächtiger Zerstörungstrieb hingestellt wird, der nur durch die listige Einsicht, wie leicht man dabei zu Schaden kommen könne, äußerlich gemildert wird, oder durch (wie oft!) fehlende moralische Vorhaltungen der Eltern? Wie, wenn sich da in das so oft bereitliegende Weltbild führender Personen die Folgerung einschleicht, die von Natur aus böse Menschheit könne nur durch äußere Unterdrückung zur Raison gebracht werden? Oder wenn das bisher erfolglose Streben der Frau nach Gleichwertigkeit mit dem Manne, — das einzige sichere Unterpfand von glücklicher Liebe und Ehe — ein Trug sei, ein Irrweg, fehlerhaft wegen des Mangels eines gewissen Organes?
Das Weltbild jedes Einzelnen, sein Leben in der Gesellschaft, die Erfassung seines Berufes, der Liebe und Ehe, sein soziales Streben, seine Mitmenschlichkeit, seine Mitarbeit am menschlichen Fortschritt, — alles hängt mit seiner psychologischen Grundauffassung vom menschlichen Seelenleben zusammen, mag diese auch noch so mangelhaft sein. Soll man als vorübergehende Entgleisungen gelten lassen, was so sichtlich aus dem Ungeist unserer Zeit geschöpft ist?
Wohlverstanden, hier handelt es sich um praktische Wirkungen unausgegorener, wurmstichiger Grundsätze, um wissenschaftliche Systeme, nicht um abwendbare, aus dem Zusammenhang lösbare Oberflächenschichten. Die Einheit der Persönlichkeit ihrer Verfasser, die wenn auch schwierige Zusammengereimtheit ihrer Systeme, verleitet ähnlich gerichtete Menschen, — vielleicht ist es die Majorität, — immer wieder dazu, ihre sozialen Abwegigkeiten für richtunggebend zu halten, beschworen durch ein wissenschaftliches System.
Nachdem die scheinbar stärkste Stütze, die Gleichheit der eineiigen Zwillinge gefallen ist, und es keiner mehr gewesen sein will, der die seelische Identität der eineiigen Zwillinge behauptet hat, bleiben die Hereditarier fest in ihrem Glauben und dessen Folgerungen. Das Kind selbst, die Person, die mit ihrer Heredität aus allen Lebensformen stets neuen, wandelbaren Fragen gegenübergestellt ist, zählt nicht, ist vergessen. Als ich im Jahre 1907 eine „Studie über (ererbte) Minderwertigkeit von Organen“ (und ihre seelische Kompensation) veröffentlichte, hat man die hereditäre Minderwertigkeit wohl verschluckt, die individuelle Eigenart des Kindes, das diese Minderwertigkeit erlebt und dieses Erlebnis in seiner individuellen Stellungnahme eigenschöpferisch ausbaut, vergessen. Sowie man mit Ausnahme des Funktionalismus, Behaviourismus, Purposivismus und der Gestaltspsychologie vergessen hat, daß das eigentliche, gesicherte Material der Psychologie die sich bewegende Beziehung des (eigenartig, würde die Individualpsychologie hinzufügen) Individuums zu den Aufgaben der Außenwelt ist (auch Auguste Comte wäre zu erwähnen).
Die Heredität, selbstverständlich die körperliche, aber auch die hereditären, eigenartig menschlichen Möglichkeiten sind gar nicht dem Zweifel unterworfen. Nur, was das Kind mit ihnen anfängt, das ist seine eigene, schöpferische Leistung. Menschliche Chromosome, Körperlichkeit, endokrine Drüsen und Blut setzen den Menschen wohl in die Lage menschlich sich zu bewegen, so daß das Menschsein sichtbar wird. Aber wie und zu welchem Ziele er diese Wirksamkeiten gestaltet, zeigen erst die millionenfachen Verschiedenheiten der individuellen Lebensformen, die infolge der Armut unserer Sprache recht oft als disintegrierte erscheinen, während sie in jedem einzelnen Falle als einheitliche Variante, determiniert durch das Lebensziel (identisch mit dem Weltbild des Einzelnen) nachgewiesen werden können.
So kann die seelische Heredität gleich einer Summe von Bausteinen erfaßt werden, aus der bei aller Verschiedenheit derselben jede in der Kindheit seinen Lebensstil aufbaut. Ähnlichkeiten, statistische Wahrscheinlichkeiten sind häufig festzustellen, Gleichheit nie. Um mich recht verständlich zu machen will ich trotz meiner Abneigung bei wissenschaftlichen Erklärungen Vergleiche zu bringen, darauf hinweisen, wie ein Hammer wohl von jedermann als ein Werkzeug angesehen werden kann, ausgestattet mit der ererbten und geförderten Weisheit der Menschengeschichte, geschaffen zum Zwecke einen Nagel einzuschlagen. Unter Umständen aber kann man ihn als Wurfgeschoß, als Briefbeschwerer, als Mordinstrument benützen. Er ist Umgebung, Erfahrungs- und Erlebnistatsache, ganz wie die Wertigkeit des Körpers und die hereditären Möglichkeiten des Menschen. Einer meiner Kritiker, dem Selbstverständlichkeiten so fremd sind, daß sie ihm erst gesagt werden müssen, erhob gegen mich die Anklage, daß ich die Heredität leugne, so daß es nicht erklärlich sei, warum nicht ein Menschenkind sich zu einem Esel auswachsen könnte. Nun, manchesmal frage ich mich selbst, warum nicht.
Eine ähnliche Betrachtungsweise wie gegenüber der Heredität des Seelenlebens, — es geht wohl darum, Heredität der sozialen Beziehung zu erörtern, — ist auch den Umgebungsfaktoren gegenüber am Platze. Auch sie, wie hereditäre Anlagen, können Verlockungen darstellen, wenn die schöpferische Kraft des Kindes es so will. Die Beziehungen aber herzustellen zu den Aufgaben der Außenwelt, sie stilgerecht auszugestalten ist das Werk des Kindes („das Kind der Vater des Mannes“) in einer sich stets bewegenden, wandelnden Welt. Irgendwie ist diese Einsicht bei allen ernsten Forschern, die der Umgebung, der Erziehung alle Folgen, — zumeist nur die bösen, — zuschreiben, vorhanden. Keiner von ihnen hat noch behauptet, geschweige denn bewiesen, daß die gleiche Umgebung, die gleiche Erziehung Gleichheit schaffen könnte, Gleichheit, die wie ein schreckendes Phantom grundlos viele wieder erschreckt. Auch die Umgebungseinflüsse, beispielgebendes Verhalten naher Personen, erzieherische Einflüsse üben nur dann eine Verlockung auf das Kind aus, sie im Sinne der Erzieher anzunehmen, wenn ihre Aufnahme dem Kinde wie dem Erwachsenen einen Erfolg seines Lebensstils zu versprechen scheinen. Diese Tatsache muß auch dem Behaviourismus und der Reflexologie entgegengehalten werden: es wird nie gelingen Reflexe oder „bedingte Reflexe“ („conditioned reflexes“) zu erzeugen, die zu einem Gefühl der Niederlage führen.
Diese harten Tatsachen bringen zumeist folgendes Doppelspiel zustande: was nicht als Umgebungseinfluß gewertet werden kann, wird als hereditärer Einfluß gewertet, was nicht mit dem dunklen Hinweis auf die dunkle Heredität vorgebracht werden kann, der meist generalisierend auftritt, wird der Erziehung zur Last gelegt. Sicher aber ist nur das eine, daß Heredität und Umgebungseinflüsse von dem im Dunkel tappenden und suchenden Kind zu Erfolgsmöglichkeiten hingelenkt werden, zu Erfolgsmöglichkeiten, die bei reiferer Prüfung häufig nicht als Erfolgsmöglichkeiten im wahren Sinne des Wortes beurteilt werden können. Ich habe in früheren Arbeiten, auch im „Sinn des Lebens“ darauf hingewiesen, daß man unter „Erfolg“ auch Unterdrückung Schwächerer, Anlehnung an andere, Beseitigung von wichtigen Lebensfragen, die die Möglichkeit von Niederlagen voraussehen lassen, verstehen, wenn auch nicht gutheißen kann.
Es scheint überhaupt, daß man heute noch sich damit abfinden muß, in der ererbten menschlichen, sich bewegenden Struktur des Lebens erstens einmal alle Züge, die als dem Menschen eigen anzusehen sind, als Gewißheiten zu verstehen. Freilich darf man da nicht an soziale Bezogenheiten denken, sondern an deren zugrunde liegenden Möglichkeiten und Fähigkeiten, für die wir nicht einmal den Namen haben. Sie sind, wie wir annehmen müssen, Geschenke der Billionen Jahre alten Evolution, woher immer diese gekommen sein mag. Daß eine Auffassung wieder, daß auffallende, geniale Leistungen, — genial, weil sie auf neue Art die Menschheit bereichern und führen —, als Steigerungen allgemein menschlicher Leistungsfähigkeit nicht gerade im uns durchaus dunklen Gebiet der Keimanlage wurzeln müssen, ist bei all unserer Verehrung für das seltene Geniale noch kein Sakrileg. Was aber die Anschauung von angeborenen Charakterzügen anlangt, die sich zuweilen als Triebpsychologie verkleidet, so ist ihr Standpunkt schon deshalb unhaltbar, weil es Charakterzüge als etwas Seiendes, als Entitaet, gar nicht gibt. Charakterzüge sind der äußere Anschein sozialer Bezogenheiten einer Person zu den Umweltsfragen und sind durchaus Bezeichnungen dafür, wie sich der Lebensstil eines bestimmten Individuums zu einem äußeren Reiz, der auch aus ihm selbst entspringen kann, ausdrückt. „Gut“ wird ein Mensch genannt, wenn er sich in allgemein nützlicher Art zu anderen Lebewesen bezieht, „böse“, wenn er dem Gemeinschaftsgefühl widerspricht. Dem Erzieher liegt es unverhältnismäßig näher, das „Böse“, den „Zerstörungstrieb“ im Menschen zu beobachten, besonders dem Psychotherapeuten. Daher findet man zumeist bei ihnen den Fehlschluß, als ob der Mensch von Geburt aus böse wäre.
Nun stellt sich aber gerade das Gegenteil heraus. Wir glauben feststellen zu können, daß eine zweite, in der Struktur des Lebens erweisbare Kraft — neben der ersten, die nach Überwindung strebt — namhaft gemacht werden kann: das Gemeinschaftsgefühl. Beide scheinen auf dem gegenwärtigen Niveau Bestandteile und Geschenke der Evolution zu sein, die erste wahrscheinlich die ältere. Der Begriff des Lebens, Bewegung im weitesten Sinn, kann ohne Fähigkeit einer aktiven Anpassung nicht gedacht werden. Und alle seine Funktionen sind auf diesen siegreichen Kontakt mit der Außenwelt hin richtig entwickelt. Unsere körperlichen und seelischen Funktionen gelten nur dann als richtig, gesund, normal, wenn sie zur Überwindung der normalen äußeren Widerstände taugen. Sie gelten aber nur dann als vernünftig, wenn sie im Einklang sind mit der fortschreitenden Kultur. Das heißt aber, wenn sie Ewigkeitswert haben, weil sie der Wohlfahrt gemäß und der Höherentwicklung der gesamten Menschheit entsprechend arbeiten, weil sie einen Beitrag leisten zum Ziele der Evolution der Menschheit.
Von diesen zwei Gesichtspunkten aus ist die Stellungnahme von Individuen zu den Problemen des Lebens zu betrachten. Daß jedes von ihnen Erfolgsmöglichkeiten in seinem Sinne anstrebt, darf bei der Untersuchung vorausgesetzt werden. Auch der Selbstmord liegt auf dem Wege einer, freilich gemeinschaftswidrigen Erfolgsmöglichkeit. Aber was für ihn Erfolgsmöglichkeit bedeutet, bedarf der genauen Feststellung. Sobald dies klar geworden ist, wird man auch beobachten können, wie weit sich sein Ziel der Überlegenheit mit einem entwickelten Gemeinschaftsgefühl verträgt.
In der Neurose nun findet man stets das meist hochgesteckte Ziel einer persönlichen Überlegenheit. Der Nachweis kann nach den Prinzipien der Individualpsychologie aus allen Lebensphasen und Stellungnahmen seit der frühesten Kindheit immer erbracht werden, muß auch zugunsten der Heilung sorgfältig und freundlich auseinandergesetzt werden. Daß diesem hochgesteckten Ziel einer persönlichen Überlegenheit das richtige Maß von Gemeinschaftsgefühl abgeht, daß es das Interesse für andere nicht genügend zur Entwicklung kommen läßt, ist begreiflich und nicht etwa ein zweiter Fehler. Es ergibt sich aber noch ein Drittes, das sich dem individualisierenden Untersucher aufdrängt: man findet immer bei Nervösen, daß es sich um weniger aktive Menschen handelt, die natürlich, kraft des gleichbleibenden Lebensstils schon in der Kindheit eine erwünschte und wünschenswerte Aktivität vermissen ließen. Diese Prüfung auf Aktivität kann ebensowenig zahlenmäßig festgestellt werden wie der Grad des Gemeinschaftsgefühls oder das Streben nach persönlicher Macht. Ihre Maße alle können nur durch künstlerische Einfühlung und durch Feststellung ihrer Kontinuität erarbeitet werden.
Nun müssen wir aber zurück zu unserem Ausgangspunkt. Solange es sich um haltlose Kritik oder persönliche Verunglimpfung der Individualpsychologie handelt, um Verschweigen ihres kräftigen Lebens, um den Angriff auf Theorien, scheint es uns des Schweißes nicht wert, an dieser durch ein Schwächegefühl genährten Rauflust teilzunehmen. Wir werden aber stärker auftreten müssen, sobald wir glauben, in der Lage zu sein, dem Elend vorzubeugen, das durch die Neurose den Leidenden, ihrer Umgebung, der ganzen Menschheit aufgelastet wird. Auch Lippenspitzen hilft da nicht. Da muß gepfiffen werden. Oder sollen wir warten, bis sich die hadernden psychologischen Schulen entschließen, den gemeinsamen Schritt in die Wirklichkeit zu tun, mitzuhelfen an der Vorbeugung der Neurose und durch die Tat festzustellen, ob wirklich die individualpsychologische Feststellung zurecht besteht, daß die Neurose die natürliche, folgerichtige Entwicklung eines wenig aktiven, von persönlichem, egozentrischen Streben erfüllter, daher in der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls zurückgebliebenen Kindes ist?
Es läßt sich auch leicht feststellen, daß der Neurotiker ein Kind war, dem Anlehnung an eine andere Person als Erfolgsmöglichkeit erschien. Dieses Kind entwickelte einige Jahre lang seine Bereicherung des Lebens in der Art, alles leicht durch Hilfe der andern erreichen zu können, oder alles von anderen zu erwarten. So kam es zum Stillstand seiner Entwicklung sozialen Interesses und zu einem Weltbild, das ihm rasche Erfüllung seiner Wünsche versprach. Eine Entwicklung von Aktivität war dabei nicht dringend. Der Neurotiker zeigt von Beginn seines Lebens den „verzärtelten Lebensstil“, der den sozialen Aufgaben des Lebens nicht gewachsen ist.
Was geschieht aber mit jenen Kindern, die wohl auch den „verzärtelten Lebensstil“ aufweisen, aber ihre Erfolgsmöglichkeiten in mehr aktiver Art erringen mußten? Auch sie sehen in anderen nicht etwa den Mitmenschen. Auch sie stehen unter dem Zwange eines Weltbildes, als ob sie alles von andern zu erwarten, kraft ihrer Aktivität zu nehmen hätten. Auch ihnen fehlt die Kultur des angeborenen Gemeinschaftsgefühls. Aber sie stehen viel weniger in der Gefahr, neurotisch zu werden. Sie neigen im gegebenen Moment, der immer eine exogene Ursache ist, zur Kriminalität. Darüber in einem späteren Artikel.
In dieser Zeit, in der die deutsche Psychotherapie sich ganz auf den individualpsychologischen Standpunkt stellt und das fehlende Gemeinschaftsgefühl als Ursache der Neurose erkannt hat, — (freilich beweist nur die Erbpsychologie noch immer ihren ganzen Unwillen) — bedürfte es nur einer umsichtigen Nachprüfung, um die Tatsache festzustellen, daß die Neurose das wahrscheinliche Schicksal von Kindern ist, die sich den verzärtelten Lebensstil geschaffen haben, ein zu geringes Gemeinschaftsgefühl besitzen und den weniger aktiven Typ aufweisen. An Worten und Begriffen dabei herumzumelken wäre gestattet. Aber eine großzügige Prophylaxe könnte dann einsetzen, um die Heil- und Irrenanstalten zu entleeren und dafür den Mitmenschen, nicht den Neben- oder Gegenmenschen in Massen zu produzieren. Daß sich auch aus Ungarn schon eine Stimme vernehmen läßt, eines Autors, der der größeren (Kriminalität) und geringeren Aktivität (Neurose und Psychose) solcher Kinder nachzugehen versucht, ist ein weiterer Schritt vorwärts in den Bahnen der Individualpsychologie.
Nur eines möchte ich noch betonen, um Prüfende vor dem Fehler zu bewahren, der äußerst nahe liegt. Der „verzärtelte Lebensstil“ darf nicht etwa aus dem Verhalten der Mutter oder Großmutter herausgelesen werden. Er ist die Schöpfung des Kindes, die sich häufig auch dort noch durchsetzt, wo von Verzärtelung durch eine zweite Person keine Rede sein kann. Er muß aus dem Verhalten des Untersuchten erfaßt werden.
Man wird verstehen, daß den daraus erfolgenden Forderungen der Individualpsychologie ein Nachdruck gegeben werden muß, demgegenüber ein Naserümpfen oder Haarespalten äußerst verfehlt wäre.
Hier eines für alle Beispiele:
Ein 20jähriger Jüngling kommt mit der Klage zur Beratung, daß er lebens- und arbeitsunfähig sei, da er bei jedem Zusammentreffen mit fremden Menschen an Erröten und Angstanfällen leide. Dieses Bild ist dem Psychiater als Erythrophobie bekannt. Ist er allein oder innerhalb seiner Familie, so fühlt er sich ruhig und behaglich. Man kann also sagen, daß die „Ursache“ seines nervösen Anfalls nicht in ihm, sondern im Erscheinen des andern, Fremden, liegt. Ferner auch, daß die mit dieser „Ursache“ verknüpfte Gefühlserregung sein besonders dafür anfälliges Zirkulationssystem in Aufwallung bringt. Sicherlich auch weitere Organsysteme und psychische Funktionen, wie die begleitenden Angsterscheinungen zeigen. Der Individualpsychologe, für den in erster Linie die sozialen Beziehungen des Patienten, in diesem Fall die gesellschaftliche Beziehung als Untersuchungsmaterial von Wichtigkeit ist, wird leicht zu der Schlußfolgerung kommen, daß das Gemeinschaftsgefühl in diesem Lebensstil eingeengt ist, daß der Patient seine Erfolgsmöglichkeit in der durch die Angst eingeleiteten Zurückziehung von den Forderungen der Gemeinschaft erlebt (ohne sich wie auch andere Psychologen sich dieser Tatsache kundig zu zeigen) und daß seine Aktivität einen geringen Grad aufweist. Dies sind die drei Faktoren, die sich jedesmal in der Struktur einer Neurose nachweisen lassen. Der exogene Faktor, allgemein als mangelhaft im Gemeinschaftsgefühl vorbereitet den Forderungen der Gesellschaft, des Berufes, der Liebe als 20jähriger ausgesetzt zu sein, liegt offen zutage, ebenso die speziellen, nun verursachenden Situationen, das jeweilige Zusammentreffen mit anderen. Die zweite Feststellung läge nun in der Klarlegung, warum dieser Patient von früher Kindheit an sein angeborenes Gemeinschaftsgefühl nicht entwickelt hat. Bei dieser Untersuchung werden wir freilich nur auf Umstände stoßen, die ihn zu seiner Stellungnahme dem Leben gegenüber verlockt haben, die er als „Ursache“ empfunden haben muß, die für andere, wie für seine jüngere Schwester z. B. gar keine „Ursachen“ gewesen wären, nicht für diese Schwester, die ungefähr Gleiches in der Kindheit erlebt, aber andere Folgen daraus gezogen hat und ein selbständiger, mutiger Mensch geworden ist. Dieser sein Gemeinschaftsgefühl hemmender Tatbestand war nun, daß er unter der Herrschaft einer zwar gütigen, aber herrschsüchtigen Mutter aufwuchs, die ihre Kinder immer um sich haben wollte, und die alle Bewegungen der Kinder befahl und kontrollierte. Aus seinen Erinnerungen wollen wir folgende hervorheben: als eines Tages im Sommer der Vater zu Besuch aufs Land kam, da hat der damals dreijährige Patient ihn nicht erkannt. Dies kann wohl dahin verstanden werden, daß er ausschließlich mit der Mutter und mit der Schwester seelisch verbunden war. (Freud würde hier vom Ödipuskomplex sprechen, der aber selbst in psychoanalytischer Verzerrung nichts anderes vorstellt, als das verfehlte Kunstprodukt des verzärtelten Lebensstils.) — Ferner war es in der Schule immer sein Bestreben, im Hintergrund zu bleiben und womöglich nicht gesehen zu werden. Freunde hatte er keine. Als seine Schwester zur Welt gekommen war, litt er einige Zeit an nächtlichem Aufschreien. Ein finsteres Zimmer oder Alleingelassenwerden waren für ihn schreckliche Situationen. Er hielt noch Ordnung und zeigte sich gehorsam, da er damit das Lob der Mutter verdiente. Mit der Schwester stand er, abgesehen von kleinen Zänkereien, auf gutem Fuße, was auf seine geringe Aktivität hinweist. Ja, er fügte sich später auch ihr.
Nach der ersten Unterredung erzählte er mir folgenden Traum: er kam in die Sprechstunde. Der Arzt war nicht anwesend. Irgend jemand erzählte ihm, daß der Arzt nur Narren behandle.
Legt man bei der Deutung eines Traumes Gewicht darauf, wie die Individualpsychologie es tut, die Bewegung, oder die angedeutete Bewegung innerhalb des Traumes zu beachten und ihre in die Zukunft deutende Richtung, so kommt man zu dem Ergebnis, daß der Arzt, meine Person also, ausgeschaltet erscheint, wahrscheinlich auch vorwurfsvoll als uninteressiert, seine Pflicht versäumend hingestellt wird. Daß er nur Narren behandelt, weist darauf hin, daß der Patient sich nicht am richtigen Platz fühlt. Beide Hinweise zeigen die Richtung an, die Behandlung unter Vorwänden sogar abzubrechen. Eine freundliche Belehrung darüber, daß sich sein Lebensstil sehr deutlich auch im Traume ausdrücke, und dies, wie immer im Traum im Gegensatz zum common sense, zur Vernunft, brachte den Patienten rasch vorwärts. Er wurde darüber belehrt, daß auch in diesem Traume sein Streben nach Erfolgsmöglichkeit in der Ausschaltung fremder Personen erkennbar sei, ebenso sein eingeengtes Gemeinschaftsgefühl und seine geringe Aktivität. In verhältnismäßig kurzer Zeit war der Patient geheilt und nahm eine Stelle an, in der er sich wohl fühlte.
Fuente: transcripción a partir del ejemplar digitalizado en Internet Archive del número 3 (julio-septiembre de 1935) de la Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 13. Jg., S. 133-141 (fichero local 1935-09_Internationale-Zeitschrift-Individualpsychologie_Jg13-H3_Vorbeugung-der-Neurose__archive.pdf). Se partió del OCR de archive.org, corregido página por página con las imágenes. Se conservan la ortografía y las vacilaciones del original (Behaviorismus / Behaviourismus, Ekklekticismus, Entitaet, Patiente) y las construcciones irregulares del impreso. Las cursivas reproducen la cursiva del original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.