Über das Wesen und die Entstehung des Charakters.

Nachwort zu vorstehendem Artikel.

Von Professor Dr. ALFRED ADLER.

Die vorliegende Arbeit des verdienten und gewissenhaften Forschers Professor Gemelli verdient eine eingehende Würdigung, nicht zuletzt, weil sie vor einigen Jahren erschienen ist und die seither klaren Darstellungen der Individualpsychologie nicht in Betracht gezogen hat.

Man muß dem geehrten Verfasser das Zeugnis geben, daß er ganz an der Spitze der modernen Psychologen und Psychiater steht. Seine mit der Individualpsychologie gleichlaufende Auffassung, daß die Persönlichkeit des Normalen wie des Abnormalen nur aus der Bezogenheit zur Außenwelt erfaßt werden kann, damit auch, was man gemeiniglich den Charakter nennt, zeigt die Durchdrungenheit seiner Lehre mit dem Maße des Gemeinschaftsgefühls, mit der finalen Auffassung des menschlichen Seelenlebens, mit der Tatsache der Einheit der Persönlichkeit. Seine fundamentalen Gesichtspunkte rücken seine Lehre ganz in die Nachbarschaft der Individualpsychologie.

Sein teilweises Lob für die Psychoanalyse teilen wir nicht. Was sie an obigen Gesichtspunkten bieten könnte, paßt nicht zu ihrer kausal-mechanistischen Auffassung, und trotz mancher Adoptionen aus dem Gesichtskreis der Individualpsychologie hat man oft den Eindruck, als ob ein fremder Aufsatz einen ganz andersartigen Körper zieren sollte. Immerhin müssen auch wir feststellen, daß Freuds Einbruch in die veraltete Psychologie von Nutzen war und daß er auf dem Wege war, den die Individualpsychologie ausgebaut hat. Daß er einer unhaltbaren Theorie zuliebe, einer Idee des Pansexualismus wegen, eine kausal-mechanistische Auffassung entwickelte, dass er der Hereditätslehre verfiel, Ausartungen des verzärtelten Lebensstils als Norm der Psyche auffaßte, die Tatsache des sozialen Interesses als listige Schwäche sah, jeder seiner künstlichen psychischen Gruppierungen Ichcharakter verlieh, ohne die gestaltende Einheit des Ich zu erfassen, trennt ihn von der Individualpsychologie, der er freilich viele Gesichtspunkte seiner späteren Forschung verdankt.

Was die Individualpsychologie, vielleicht nur erläuternd, sicherlich überraschend, zu Gemellis „Aufgaben der Charakterologie“ zu sagen hat, ist, daß es eine Wesenheit des Charakters weder angeborener Weise, noch erworben gibt. Was wir Charakter nennen, ist die äußere Erscheinungsform der Beziehung eines Menschen zu einer von ihm postulierten Aufgabe. Der Charakter kann nicht von sozialer Bezogenheit getrennt werden. Es gibt keinen Charakter in luftleerem Raum. Richtig verstanden, zeigt jeder Charakterzug den Grad der Fähigkeit zur Mitarbeit, zum Mitleben, zum Mitlieben. Dieser Grad ist ihm von der Einheit des Ich verliehen. Daß sich im Charakter außerdem der Grad der Aktivität erkennen läßt, steht im Einklang mit dem Grade seines sozialen Interesses, dessen idealer Maßstab nicht anders genommen werden kann, als durch ein Ziel eines idealen Verhaltens zum Wohle der gesamten Menschheit und für die Ewigkeit. Daß darüber Kontroversen möglich sind, habe ich stets betont. Was immer aber einer für richtig, wertvoll, normal, verständig nennt, bezieht seinen Wert aus der Idee der Vollkommenheit des Menschengeschlechts und aus der Idee einer Forderung für die Ewigkeit.

Diese Auffassung hat ihre biologische Fundierung in der Gesamtstruktur des Lebens. Jeder Einzelne ist sozusagen eine krystallisierte, fleischgewordene Einheit in dem ganzen evolutionären Streben nach Vollkommenheit mit allen seinen Fehlern und Vorzügen. Charakterologie kann demnach nur Forschung nach den Bezogenheiten des Individuums zum evolutionären Gesamtprozeß des Lebens sein. Auf diesem Wege unserer Forschungen ist es eine erfreuliche Begebenheit, den Forschungen Gemellis zu begegnen.


Fuente: Alfred Adler, «Über das Wesen und die Entstehung des Charakters. Nachwort zu vorstehendem Artikel», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 13 (1935), n.º 1 (enero-marzo), págs. 29-30 (así también en el sumario del número; el inventario lo titula por error «Antwort zu dem unter dem gleichen Titel erschienenen Artikel»). Transcripción hecha a partir del OCR del ejemplar digitalizado en archive.org (número completo, Internationale Psychoanalytische Universität Berlin), cotejada con la imagen de las páginas. Se conservan «dass» junto a «daß» y «krystallisierte», como en el impreso. La pág. 30 lleva ya la cabecera del artículo siguiente, de A. Holub.