Schwer erziehbare Kinder
Eine Schriftenfolge
Dr. Alfred Adler
Schwer erziehbare Kinder
Verlag Am Andern Ufer
Dresden (Buchholz-Friedewald)
Dr. Alfred Adler
Schwer erziehbare Kinder
Wenn man einen Fehler bei einem Kinde beobachtet, dann mache man halt und denke nach, worin dieser Fehler seinen Grund hat. Was ist die Ursache? Gibt es nicht irgendwelche Gründe? Oder irgendwelche verlockende Momente, die die Kinder von der Seite des Nützlichen auf die Seite des Unnützlichen gebracht haben? Und wenn wir diese Gründe fest in der Hand halten, dann gehen wir daran, diese Ursachen zu beseitigen. Diese Aufgabe ist aber nur zu erfüllen, wenn wir mit dem Kinde in einem guten Verhältnis stehen, wenn wir das Kind soweit gewinnen, daß es sich uns eröffnet, uns seine Seele darbietet, damit wir sein Innerstes erkennen können. Dann erst können wir eine fruchtbare Wirksamkeit entfalten.
Daß jemand dasselbe erreicht, wenn er sich auf einen Kampf mit dem Kinde einläßt, halte ich für ausgeschlossen. Immer werden Verfehlungen des Kindes in einer bedrängten Lage entstehen. Man muß darauf verzichten, mit einem geschlossenen Strafsystem vorzugehen und den Satz aufgeben, daß ein Kind, das lügt und stiehlt, sofort gestraft werden müsse. Eltern, die ein schwieriges Kind haben, sagen häufig: „Wir haben es in Güte versucht, es war vergeblich. Wir haben es mit Strenge versucht, es war vergeblich. Was sollen wir tun?“ Man soll nicht glauben, daß ich die Güte als ein Allheilmittel betrachte; aber sie ist notwendig, um das Kind zu gewinnen für das, was wir mit ihm vorhaben und was darauf hinausläuft, seine ganze Person zu ändern. Denn die Fehler des Kindes, die zuerst zur Schau kommen, an die man anknüpfen muß, sind nur die Oberfläche. Man hat gar nichts davon, wenn man das Kind wegen einer Lüge straft und es durch die Strafe nur vorsichtiger macht; es wird nun darauf ausgehen, vorsichtiger und scheuer zu werden, sich noch mehr zu verbergen und vielleicht an einer anderen Stelle sein Heil durch List und andere unnütze Maßnahmen zu erreichen.
Damit möchte ich auf das kindliche Seelenleben zu sprechen kommen.
Was wir schon in den ersten Tagen des kindlichen Lebens beobachten können, ist das Aufkommen eines Zärtlichkeitsgefühls. Das Kind beginnt Interesse zu bekommen für seine Umgebung, und da ist natürlich die Mutter die erste Person, der dieses Interesse zufließt. Das ist ein bedeutungsvoller Vorgang, denn es bedeutet, daß das Kind aus seiner Isolierung erwacht und sich eine Welt formt, in der auch andere Menschen eine Rolle spielen, daß es sich mit diesen verknüpft und verknüpfen lernt. Es ist nicht allein Funktion der Mutter, das Kind zur Welt zu bringen, sondern es ist ebenso hohe Aufgabe, dem Kind ein Mitmensch, ein Nebenmensch zu werden, auf den sich das Kind verlassen kann und dem es trauen darf, der für das Kind nützlich ist, es unterstützt. So kommt das Kind durch diese Verknüpfung zur Mutter zum Anfang seines Gemeinschaftsgefühls; es bleibt nicht mehr mit seinen Bedürfnissen allein, es tritt in einen Zusammenhang, in einen neuen Bezugskreis, der zum Anfang Kind und Mutter einschließt.
Jetzt können wir schon sehen, wo die künftige Entwicklung einsetzt und die ersten Irrtümer beginnen. Die erste Einheit darf nur eine Vorbereitung sein für die vielen größeren Einheiten Familie und Umwelt. Das ist der Beginn des gesellschaftlichen Menschen.
Der Mensch steht nicht allein, nicht für sich da, er ist nicht abgeschlossen, sondern hat durch die Funktion der Mutter die Überleitung zu finden, sich in Zusammenhang mit der menschlichen Gesellschaft zu setzen und als ein Teil von ihr zu betrachten. Danach müssen sich nun seine Lebensformeln entwickeln und einrichten. Diese Überleitung kann mißlingen, wenn das Kind keine Mutter hat, wenn es vielleicht Menschen überantwortet ist, die die Funktion der Mutter nicht übernehmen, wie bei Kostkindern, die mißliebig sind, von einer Hand in die andere gestoßen werden, für welche niemand Wärme übrig hat und die infolgedessen mit Notwendigkeit eine Lebensform suchen, in der sie allein sind, weil sie immer glauben, daß die anderen ihnen feindlich gegenüberstehen. Wir können auch hier schon erraten, welches die einzelnen Züge eines solchen Kindes sein werden. Selbst immer gestoßen, selbst immer verfolgt, selbst immer hart behandelt, wird ein solches Kind aufwachsen wie im Feindesland; und wenn ich auch nur diesen einen extremen Fall betrachte, so können wir sehr häufig schon bei einer großen Gruppe von Kindern und Menschen aus diesen Verhältnissen sagen: Hier ist die Überleitung zum Gemeinschaftsgefühl nicht gut gelungen.
Das bedeutet außerordentlich viel, denn ein solches Kind wird immer isoliert dastehen, wird den anderen nicht nähertreten, sich ihnen nicht verbinden, und es wird in allen denjenigen Funktionen, die ein entwickeltes Gemeinschaftsgefühl zur Voraussetzung haben, Mangel leiden. Sind das vielleicht unbedeutende Sachen? Es sind die bedeutendsten, über welche ein Menschenkind überhaupt verfügen kann. Nicht allein, daß es keine Freundschaft halten wird, alle Tugenden, wie Treue, Opfer- und Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme auf die Fehler anderer Menschen, werden hier fehlen. Allen denen, die sich mit Kindern befassen, werden hier die großen Zahlen der Kinder auftauchen, die auf dem unrichtigen Boden gewachsen sind. Sie wissen von diesen Kindern, die rücksichtslos gegen ihre Kameraden, ihre Eltern und ihre Lehrer sind, die sich nie einigen können mit anderen, die immer streiten müssen und immer Roheiten verüben. Und wenn man näher nachschaut, dann findet man den Mangel der Mutter, die entweder gefehlt oder ihre natürliche Pflicht und Aufgabe aus irgendwelchen Gründen nicht ausgeübt hat.
Wir dürfen dabei nicht zuviel auf die Mutter allein werfen, sie ist vielleicht durch ihre Arbeit, oft durch ihr ganzes Schicksal nicht in der Lage gewesen, mehr zu tun, und das Kind hat der Mutter entbehrt. Die Mutter hat die Erziehungsgrundlagen durchaus zerstört. Am besten ist es, um in der Welt eines Kindes Haß zu erzielen, es zu züchtigen. Ja, wo ist das Maß dafür, bei welchem das Kind aufhört, diese Verknüpfung mit der Mutter durchzusetzen. Wir haben eine Unzahl von Menschen kennengelernt, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, deren Leben verpfuscht worden ist einzig und allein dadurch, daß die Verknüpfung mit der Mutter und mit der Allgemeinheit nicht gelungen ist. Für uns ist das kein Gegengrund, wenn wir annehmen müssen, daß die Mutter ihr Kind liebt, aber sie hat unrecht gehandelt. Es ist ihr auch kein Vorwurf zu machen, sie hat es nicht anders gewußt. So kommen dann diese einsamen Kinder vor, die eine kämpferische Haltung einnehmen, Spielverderber sind, sich nicht mit anderen einigen können zu einem gemeinsamen Werk, die vielleicht in günstigen Fällen gelegentlich allein für sich leben können, aber unterliegen werden durch die Kälte, die von ihnen ausgestrahlt wird. Das wird wohl nicht von jedem verstanden, aber von jedem verspürt. So kommen diese Kinder zu den weiteren wichtigen Funktionen durchaus schlecht vorbereitet.
Die Entwicklung der Sprache des Menschen z. B. setzt diesen Kontakt zwischen Mensch und Mensch voraus. Sie ist aus diesem innigen Kontakt entstanden und mehr noch, sie ist auch ein neues Band zur Verbindung des einzelnen mit den anderen. Wir werden regelmäßig finden, daß die Sprachentwicklung gestört ist, wenn das Kind nicht richtig angeschlossen ist. Hier setzen die zahlreichen Fälle ein, die wir bei Kindern finden mit langsamer Sprachentwicklung, durch Stottern gehinderte Kinder, bei denen wir immer feststellen können, nicht, daß die Mutter lieblos gewesen wäre, sondern daß der Kontakt mit den anderen nicht geglückt ist. Ich habe genug Kinder gesehen, die wegen ihres Stotterns auch gedrückt worden sind; derartige Erscheinungen werden wir nicht beseitigen können, bevor die Ursachen aufgedeckt sind. Wir müssen den Kontakt dieser Kinder stärker herstellen; aber dazu ist es notwendig, den ganzen Lebenslauf des Kindes aufzurollen, und das wird dem nicht gelingen, der mit derber Faust eingreift, nur dem, der haltmacht und nachdenkt und das Kind für seine Pläne zu gewinnen weiß. Ich habe ein neunjähriges Kind gesehen, das frühzeitig von seiner Mutter weggenommen worden ist und bei einer Bäuerin aufgezogen wurde, die für das Kind kein Verständnis hatte. Als es in die Schule kommen mußte, stellte sich heraus, daß eine Sprachentwicklung fast gar nicht vorhanden war. Es stand den Menschen gegenüber wie ein Feind, es hatte die Vorbereitung nicht gefunden, mit ihnen durch die Sprache in Kontakt zu treten. Es war niemand Freund geworden, es hat für niemand etwas übrig gehabt, und so blieb nichts anderes übrig, als dieses Kind aus seinem bisherigen Aufenthaltsort wegzunehmen und es in eine Gemeinschaft zu versetzen, um dort den Kontakt des Kindes mit den anderen herzustellen.
Es ist nicht die Sprache allein, die durch derartige verhängnisvolle Entwicklung bedroht ist. Das gilt auch für die Entwicklung des Verstandes in eine Funktion, die allgemeine Gültigkeit erfordert. Was ich richtig denke oder zu denken glaube, von dem muß ich voraussetzen, daß jeder vernünftige Mensch genau so denkt. Wo soll ich die Probe machen, wenn ich nicht den Kontakt mit anderen habe? Ich kann es nicht, wenn ich wie ein Feind den anderen gegenüberstehe und die anderen mir. So werden wir bei solchen Kindern finden, daß sie in ihrer Verstandsentwicklung unter dem Durchschnitt stehen.
Für einen Menschen, der allein lebt, ist Moral das Überflüssigste von der Welt. Ein einsamer Mensch braucht keine Moral. Das ist eine Erscheinung des Gemeinschaftsgefühls, eine Funktion der Allgemeinheit, eine Lebensform der Menschen, die untereinander im Zusammenhang stehen. Wenn wir Unmoral bei einem Kinde finden, können wir sicher sein, daß hier der Zusammenhang mit anderen gestört ist. Bevor wir den nicht hergestellt haben, ist es undenkbar, das Kind moralisch zu erziehen.
Das gilt auch für alle ästhetischen Gefühle usw., kurz, alles das, was den Menschen auszeichnet, steht mit der Entwicklung seines Gemeinschaftsgefühls in Zusammenhang.
Betrachten wir einmal die höchst merkwürdige aber tragische Entwicklung eines solchen Kindes, das sich im Feindesland befindet. Es hat von seiner Zukunft die allerschlechtesten Erwartungen, es ist gedrückt durch seine Verhältnisse. Es fühlt sich immer als das Schwächste und Kleinste und hat nie empfunden, was es heißt, geliebt zu werden. So kommt es, daß es selbst von sich eine Einschätzung macht, die außerordentlich niedrig gehalten ist. Es wird schweres Minderwertigkeitsgefühl in bezug auf seine eigene Person haben. Man wird das daran bemerken, daß es sich nirgends in einen Kreis hineinbegibt, manchmal deutlich die Zeichen der Ängstlichkeit an sich trägt; alle Pädagogen werden leicht die Erfahrung machen können, daß ein solches Kind große Neigung zur Verwahrlosung hat, auch daß es feig ist. Die Feigheit kann man nicht damit wegdiskutieren, daß es auf Bäume klettert. Das ist kein Mut. Mut gibt es nur auf der Nützlichkeitsseite.
Wenn Sie zuerst an die Betrachtung eines Kindes herantreten, dann machen Sie eine höchst unkomplizierte Zeichnung, ein einfaches Schema, nämlich einen senkrechten Strich, und dann sagen Sie sich: Auf der linken Seite befinden sich die nützlichen Bewegungen eines Kindes, und auf der rechten Seite die unnützlichen. Auf dieser rechten Seite gibt es keinen Mut und keine Tugend, selbst wenn es noch so aussieht. Wir können unmöglich das Zusammenhalten der Kinder, ihre Ritterlichkeit innerhalb einer verwahrlosten Bande als etwas Nützliches betrachten, sondern ihr ganzer Standpunkt fällt eben in das Bereich des Unnützlichen.
Wenn nun solche Kinder aus der Familie herauskommen, z. B. in die Schule, die ja heute alle Kinder erfaßt und deren Aufgabe es ist, diese Fehler zu erkennen und zu korrigieren — betrachten wir einmal, wie die Kinder sich verhalten. Feindseligkeit, Ängstlichkeit, immer befürchten, daß man ihm Unrecht tut, immer bestrebt, aus der Schule wieder herauszukommen und vielleicht einen Ort aufzusuchen, auf dem man sich so halbwegs geschützt glaubt, immer bestrebt, den Kontakt mit den anderen wieder aufzulösen. Das ist schlechtes Material für die Schule. Mangelhafte Vorbereitung für die Schule in ihrer heutigen Form, die ein starkes Gemeinschaftsgefühl bei den Kindern erfordert und den sicheren Glauben an sich. Diesen Glauben an seine Kraft und an die Zukunft hat ein solches Kind nicht, und das fällt natürlich sofort auf und beeinträchtigt auch die Leistung. Schon in den allerersten Tagen zeigt es sich, daß es zu den Schlechteren gezählt wird. Sehr bald erweist es sich, daß es schlechte Zensuren bekommt, und nun bekommt es eine Bestätigung in die Hand, daß es in der Schule nicht anders ist, als es bisher war. Es wird in seiner Überzeugung bekräftigt, daß dieses Leben ein Jammertal ist, daß man nur durch List, durch Schlauheit usw. den vielen Unannehmlichkeiten entgehen kann und daß es am besten wäre, aus der Schule wieder herauszukommen. Dementsprechend ist auch ihr ganzes Verhalten.
Ich sagte schon vorhin, daß sehr oft ihre Fähigkeiten und ihre Entwicklung stark gelitten haben, nicht durch ihre Schuld. Sie haben nicht gelernt, Ordnung zu halten. Sie haben nicht gelernt, sich zu konzentrieren; nun wird es auf einmal von ihnen verlangt, und wenn sie es nicht leisten können, folgt die Strafe. Dies ist ungefähr so, als wenn einer aus einer Melodie eine Note herausnimmt oder auch einen Takt, und man nun dieses Stück beurteilen wollte. Dieser Takt hat nur seinen Wert in dem ganzen Zusammenhange. Erst wenn ich die Melodie eines Kindes kennengelernt habe, kann ich verstehen, woher ein Irrtum stammt. Es ist notwendig, in dieser gründlichen Art vorzugehen und nicht zu glauben, daß man die Erziehung eines Kindes, eines Erwachsenen, eines ganzen Volkes dadurch be werkstelligen kann, daß man ihm irgendwelche Last auferlegt. Alles stammt aus tieferen Gründen und steht im Zusammenhang mit dem ganzen Wachstum des Kindes.
In den extremsten Fällen ist natürlich die Fortsetzung des Lebens dieser Kinder außerordentlich unheilvoll. Sie werden in der Schule wie ein Fremdkörper empfunden. Sie erleben dasselbe, was sie bisher auch erlebt haben. Die Welt scheint für sie keine anderen Ausdrucksformen zu haben als die der Feindseligkeit und des schlechten Verhaltens und der schlechten Behandlung ihrer Person. Wenn dann einer im guten Glauben hingeht und schlägt ein solches Kind, dann ist es das, was das Kind eigentlich erwartet hat, und seine Auffassung von der Welt wird immer wieder bestätigt.
Ich will den Lebenslauf dieser Kinder nicht weiter verfolgen, nur bis zu dem einen Punkt noch, wo es den Glauben an seine Zukunft, die Hoffnung, in der Schule doch etwas zu leisten, verloren hat. Das ist nämlich der Moment, wo es in die Verwahrlosung übergeht, denn es ist nicht möglich, daß ein Mensch dauernd von sich das Gefühl hat, daß er zu nichts taugt, daß er wertlos ist, er muß irgendeinen Ausweg suchen. Deshalb sehen wir die Kinder so weit auf die Seite des Unnützlichen hinüberbiegen, bis wir sie als verwahrlost sehen. Der Vorgang ist immer derselbe. Das leuchtet auch ein. Ich habe kein verwahrlostes Schulkind gesehen, das nicht die Hoffnung auf seine Schulerfolge endgültig aufgegeben hätte. Was folgt für uns daraus? Daß wir die Schule so einrichten müssen, daß das Kind den Glauben an sich nicht verliert. Diese Kinder kommen endlich aus der Schule heraus mit schlechten Zeugnissen, bemängelt, kritisiert, bestraft, mit dem wachsenden Unglauben an ihre eigene Kraft, und nun sollen sie nützlich wirken, sollen sie sich für die Gesamtheit durch ihre Arbeit nützlich erweisen. Diese Kinder haben schon den Glauben verloren, daß sie irgend etwas leisten können. Unterzieht man sie einer Prüfung, zu was sie eigentlich tauglich sind, so wird man finden, daß sie unerfahrener und unentschlossener sind wie die anderen. Sie wissen selbst nicht, was sie werden wollen, und wenn sie irgend etwas sagen, so ist es ein leeres Wort. Das sind die Kinder, die bei jeder Berufsberatungsprüfung durchfallen. Sie kommen nirgends an, sie haben den Glauben völlig verloren und sind so schlecht vorbereitet für jede Prüfung, daß in ihnen langsam aber sicher der Gedanke aufkeimt und ein Streben in ihnen wach wird, doch auf irgendeine Weise den andern zu zeigen, daß man nicht der letzte Mist ist.
Etwas, was sie oft gehört haben, was man ihnen schändlicherweise immer wieder an den Kopf wirft: „Du wirst im Kriminal enden, bist zu nichts nütze, du bist nichts und kannst nichts!“, das fällt alles auf fruchtbaren Boden. Das Kind glaubt ja selbst nicht, daß es etwas ist und kann. Das wird immer von allen Seiten verstärkt. Um nun doch ihr Leben fristen zu können, um diesem Gefühl der Beschämung und Erniedrigung zu entgehen, beginnt ihre Flucht in die Unnützlichkeit. Schon in der Schule ist es so, daß sie dieser Institution ausweichen wie dem bösen Feind. Wo sie können, bleiben sie der Schule fern, und das geht sogar so weit, daß die Entschuldigungen gefälscht werden und daß sie ihre Zeugnisse fälschen, und nicht immer kommen die Eltern und Lehrer dahinter. Wenn Eltern und Lehrer sagen: „Mir kannst du nichts vormachen!“, dann weiß das Kind schon: Wie oft bist du nicht dahinter gekommen, ich muß es nur schlau anstellen! Anstatt in die Schule zu gehen, sucht es entlegene Orte auf. Hier findet es andere, die vor ihm schon den Weg gegangen sind und genau erprobt haben, wie man das zu machen hat, die auch schon wissen, wie man sich auf dem Gebiet des Unnützlichen auszeichnen, wie man den Glauben an sich selbst heben und zeigen kann, daß man ein ganzer Kerl ist. Oft ist es so, daß die Jüngsten aufgestachelt werden, die Leiter im Hintergrund bleiben und die Neulinge vorschieben, die dann mit der Polizei zu tun bekommen. Dort erhalten sie immer wieder neue Eingebungen, daß man es noch schlauer anfangen muß. Weil ihm der Weg auf die nützliche Seite gesperrt zu sein scheint, bleibt er auf der unnützlichen Seite. Und das ganze Unglück ist entstanden dadurch, daß sie sich nicht als Mitmenschen gefühlt haben.
Die Behandlung solcher Kinder kann nur so sein, daß man ihnen diesen Kontakt wieder gibt. Wer das einmal getan hat, weiß, wie beseligt ein solches Kind ist, wenn es ein neues Erlebnis hat, wenn ihm jemand entgegentritt, der selbst ein Mitmensch ist, der sich die Mühe nicht verdrießen läßt, sondern unablässig darauf dringt, dieses Kind an den rechten Platz zu stellen und den richtigen Kontakt herzustellen. Oft kann durch kleine Äußerlichkeiten dieser Kontakt verhindert werden, z. B. wenn ein solches Kind nicht frühzeitig genug mit anderen Kindern zusammenkommt und in die Gemeinschaft der Menschen tritt, oder wenn jemand, obwohl er sein Kind lieb hat, sich nicht die Zeit nimmt und selbst ein isolierter Mensch ist. Dann fördert er nicht den Kontakt mit dem Kinde. Da gibt es eine Anzahl Kleinigkeiten im Haus, im Familienleben, die so häufig Verfehlungen werden, wo man ganz leicht ansetzen könnte zum größten Gewinn aller Teilnehmer; z. B. halte ich die gemeinsamen Mahlzeiten innerhalb der Familie für etwas außerordentlich Wichtiges. Nur müssen sie auch verstanden werden als die Gelegenheit, den Kontakt mit den Kindern stärker zu knüpfen. Das geht nicht, indem man ein saures Gesicht macht, man den Stock neben sich stellt, den Kindern alle ihre Verfehlungen vorhält. Wo es nur halbwegs irgendwie geht, dort rate ich, daß man den Tag beginnt mit einem gemeinsam eingenommenen Frühstück, nicht daß jeder um eine andere Zeit zu essen beginnt, daß der eine noch zu Bett liegt, während der andere schon zur Schule geht. Es unterlaufen da auch noch andere Fehler, nicht nur der, daß man den Kindern ihre Gemeinsamkeit dadurch zerstört, daß man gerade am Tisch auszukramen beginnt und von den Sachen spricht, bei denen sich das Kind denkt: Ach, wenn das doch schon vorbei wäre und ich die Leute nicht mehr zu sehen brauchte! Natürlich ist das ein ebenso großer Unfug, wenn da einer bei dem anderen sitzt und die Zeitung herausnimmt und liest. Das geht nicht, weil da das Kind leicht das Gefühl hat: Warum sitze ich eigentlich hier? Natürlich ist es auch nötig, außerhalb der Mahlzeiten den Kontakt mit den Kindern zu pflegen, so weit, bis die Kinder den Kontakt auch auf andere überleiten können. Deshalb erscheint es mir sehr wichtig, daß ein Kind mit drei Jahren in die Gesellschaft eintritt.
Bei der Anknüpfung des Kontaktes, bei dem die Mutter eine so ungeheuer große Rolle spielt, kann noch ein anderer größerer Fehler begangen werden, und das ist der, daß die Mutter den Kontakt so stark macht, daß dem Kinde nichts mehr übrig bleibt für die anderen Menschen. Da entsteht ein Lebenskreis Mutter—Kind, mit dem alles andere ausgeschaltet wird. Es handelt sich bei dieser Betrachtung um die verzärtelten Kinder. Diese Mutter ist natürlich infolge ihrer Überlegenheit die Stütze für dieses Kind, allezeit hilfsbereit, immer anregend und wird auch von dem Kinde immer gefordert, ist ihm zu Willen, bewahrt es vor allem möglichen, ist immer ängstlich zur Seite, gestattet dem Kinde nicht seine Funktion, seine Bewegung, sich selbst auszuspielen; und weil die Mutter alles für dieses Kind tut, bleibt diesem Kinde nichts mehr zu tun übrig. Nicht mal zu denken braucht ein solches Kind, nicht zu handeln, weil die Mutter alles besorgt. Da sehen wir, daß die Schwierigkeiten bei einem solchen Kinde fast die gleichen sind wie bei der ersten Art von Kindern. Sie sind auch ausgeschaltet aus der wichtigsten und größten Gemeinschaft. Sie haben nur die Mutter erlebt, die bei der Gelegenheit alle anderen Mitmenschen ausschaltet. Es geschieht sehr oft, daß der Vater diese falsche Entwicklung bemerkt und dem beikommen will, daß er beispielsweise eine härtere Erziehung einführt. Was geschieht? Das Kind schließt sich noch inniger an die Mutter an und schaltet den Vater noch mehr aus. Es will von ihm nichts mehr wissen. Es muß zwischen Vater und Mutter ein Plan besprochen werden, bei dem das Kind nicht noch mehr vom Vater abgedrängt wird. Es ist nicht so schwer für einen Vater, das Kind auch für sich zu gewinnen, nur muß er dabei im Auge behalten, daß damit noch nicht viel gewonnen ist. Man muß dafür sorgen, daß auch andere Menschen an das Kind herankommen.
Das ängstliche Kind stammt aus dieser Gruppe der Verzärtelung, denn die Angst ist nichts anderes wie der Notschrei nach einer Hilfe, und das können wir solchen Kindern auf Schritt und Tritt ansehen. Ja, es geht oft so sehr in die ganze Körperlichkeit des Kindes über, daß diese Kinder nicht allein stehen können und sich immer anlehnen; ist die Mutter dabei, dann lehnen sie sich an die Mutter an. Sie schreien, wenn die Mutter sie allein läßt. Natürlich wird das für die Mutter zu einer großen Aufgabe; so rächt sich ein Irrtum in der Erziehung an dem, der ihn begangen hat. Das Kind hat falsche Lebensformen gewonnen, und Anschreien hilft da nichts. Auch nicht in Fällen, in denen das Kind Unfug macht, nicht einschlafen will, die Nachtruhe stört, nur zu dem Zwecke, um die Mutter immer wieder heranzuholen. Im Schlaf kann das Gefühl der Isolierung so stark sein, daß die Kinder an Aufschreien zu leiden beginnen, eine Entwicklungsform, wo sich solche Kinder schon als nervöse Kinder entpuppen. Dann muß der Nervenarzt eingreifen. Bei den Kindern, die ins Bett nässen, liegt nicht selten auch dieser Fehler vor. Dann ist es nichts anderes als ein Anzeichen dafür, daß das Kind mit seinem ganzen Körper, mit seiner Blase spricht und erklärt: Mich darf man nicht allein lassen, auf mich muß man achtgeben, mich muß man immer hüten! Solche Kinder werden oft hart gezüchtigt und immer erfolglos. Wenn man von recht großen Mißhandlungen von Kindern hört, dann handelt es sich meist um Bettnässer. Bei solchen Kindern findet man in der Umgebung stets jemand, der alle Formen der Kultur fallen läßt und die Kinder auf martervolle Weise behandelt. Aber die Sache wäre viel einfacher und menschlicher zu beseitigen. Damit wird das Kind kein anderes, daß es gestraft wird, sondern erst, wenn wir erkennen, die Kinder haben ein so schweres Unsicherheitsgefühl, daß sie auch nachts an die Mutter appellieren, etwas, was nichts anderes ist als beispielsweise die Kinder, die beim Schlafengehen Geschichten machen: man muß ihnen die Decke richtig legen, das Licht brennen lassen, die Tür offenstehen lassen. Diese Kinder sind dann mangelhaft vorbereitet für die Schule. Darf es uns da wundern, daß solche Kinder schlecht bestehen? Wenn diese Kinder mit Zittern, Weinen und Schreien, mit Mühe und Not in die Schule gebracht werden, und sie finden dort einen freundlichen Lehrer, viel freundlicher, als sie erwartet haben, und zufällig beschäftigt sich der Lehrer mit ihnen, dann kann noch alles gut werden. Sonst aber wird es nur schlimmer. Diese Kinder kommen zu spät, haben ihre Aufgaben nicht richtig gemacht, verlieren ihre Bücher, ihre Schultasche, sitzen teilnahmslos da. Prüft man sie, so zeigt es sich, daß sie keine Konzentration haben. Ihr Gedächtnis scheint gelitten zu haben, nicht wirklich, sondern sie haben nur Gedächtnis für ganz andere Dinge, sind konzentriert auf ganz andere Dinge. Sie stehen auch zu ihren Kameraden in einem schlechten Verhältnis und finden nur dort Anschluß, wo jemand ihnen mit größter Wärme entgegenkommt.
Nun kann man solchen Kindern begegnen, bei denen die Umwandlung aus einem zärtlichen Kinde plötzlich zu einem anderen wird. Nämlich, die Bedürftigkeit solcher verzärtelter Kinder wächst automatisch. Sie wird immer größer, und die Forderungen, die sie an die Mutter stellen, werden oft unerfüllbar. Aber sie wollen ihre Forderung erfüllt haben, und so kommt eines Tages der Moment, wo sie anfangen, die Mutter zu tyrannisieren, sie schreien, sie stampfen. Die Vorbereitung dazu stammt von viel früher, ja nicht selten bekommt man dann Kinder zu sehen, von denen die Mutter sagt: Das war doch ein so zärtliches Kind. Ist dieses Kind ein anderes geworden? Durchaus nicht. Wenn man dem Kinde alle Wünsche erfüllen würde, würde es auch nicht schreien, nur, daß dies jetzt nicht mehr so leicht möglich ist. In der Schule dieselben Erfahrungen wie bei dem anderen Typus. Es braucht eine Schonzeit, innerhalb der es sich entwickeln kann, in der es gleichen Schritt halten kann mit den anderen Kindern. Darauf wird heute noch zuwenig geachtet.
Ich bin überzeugt, daß jeder, der von unserem Aussichtspunkt aus die Kinder betrachtet, zu demselben Schluß kommt, daß man solche Kinder langsam erziehen muß, daß man Geduld haben muß, daß man immer auf den wunden Punkt aufmerksam machen muß in der Weise, daß man danach strebt, sie mit allen Mitteln selbständig zu machen. Sie sind unordentlich, und wenn ich davon höre, dann sehe ich immer eine Gestalt auftauchen, die Ordnung macht. Aber ebenso sehe ich diese Gestalt auftauchen, wenn man von einem lügenhaften Kinde erzählt. Da ist mir immer, als ob ich eine starke Hand um den Kopf des Kindes sehen müßte, der gegenüber das Kind auszuweichen trachtet. Diese Bewegung wird dann in der Lüge manifestiert.
Es gibt noch eine Gruppe von Kindern, die wir hier anschließen müssen. Das sind die Kinder, die mit schwachen, minderwertigen Organen zur Welt kommen. Sie kommen in die gleiche Lage wie die anderen. Sie empfinden alle kleinen Aufgaben als drückend, haben nicht das Gefühl, gewachsen zu sein, sehen und hören nicht gut genug, haben in ihren besten Fähigkeiten gelitten. Ihre Aufzucht und Ernährung machen besondere Schwierigkeiten, sie leiden, haben Krämpfe, sind Tag und Nacht gestört, kommen nicht zu einem ruhigen Schlaf, ihre Lungen sind mangelhaft entwickelt, und ein körperliches Schwächegefühl bleibt. Auch hier wieder kann durch organische Bedingtheit das Schwächegefühl der Kinder außerordentlich groß werden. Freilich werden alle Gruppen von Kindern ein Streben haben, über diese Schwierigkeiten hinauszukommen. Sie werden auffällig viele Maler finden, die irgendwelche Gebrechen der Augen haben, auffällig viele Musiker, die mit ihren Ohren zu leiden haben und nicht nur mit zufälligen Ohrenerkrankungen, sondern mit angeborener Krankheit. Beethoven, Bruckner usw. sind bekannte Beispiele dafür. Aber sie haben die Schwierigkeiten überwunden, haben gestrebt, und in diesem Streben haben sie den Mut nicht verloren. So haben sie aus dem Kampf mit dem Schwierigen neue Kräfte gezogen. Unter den Malern sind viele sogar farbenschwach oder farbenblind, die doch das Größte geleistet haben. Wenn Sie ihre Malerei ansehen, werden Sie finden, daß sie die feinsten Unterschiede beherrschen, und das alles nur, weil sie den Mut hatten, Widerstand zu leisten, sich nicht zu ergeben. Die Mängel des Kindes können unter Umständen ein Vorteil sein, aber nur dann, wenn wir den Mut eines solchen Kindes nicht untergraben. Wenn wir ihn aber untergraben, dann können wir auch das grausamste Schicksal über diesen Menschen verhängen; und wenn Sie nachdenken und sich hier vorstellen, daß all dieses Grundsätzliche nicht nur auf Kinder anzuwenden ist, sondern auch auf Erwachsene, auch auf ganze Gruppen und ein Volk, dann werden Sie eine wundervolle Einheit darin finden.
Wir erwarten von Erziehern und Eltern, daß sie das Streben des Kindes auf die nützliche Seite lenken, daß sie den Mut zu diesem Streben nicht unterbinden. Das sind die zwei Forderungen, die wir an die Erzieher stellen müssen.
Dieses Erdenrund ist nur für mutige, selbstbewußte Menschen erträglich. Es bietet nur dem etwas, der sich im Einklang weiß und der die Schwierigkeiten, die sich ihm bieten, in allen ihren Verzweigungen nicht fürchtet, sondern sie zu überwinden trachtet. Darum leiten sich wohl auch aus dieser unabänderlichen Verknüpftheit Mensch—Erde, Mensch—Mensch, zu der noch eine dritte kommt, die der beiden Geschlechter, offenbar richtige Grundsätze für unser Leben, für unser Wirken, für die Ausstattung unserer Lebensformen, für unsere Entwicklung ab. Wir können nur die Grundsätze gelten lassen, die diese Verknüpfung anerkennen, die geeignet sind, aus einem Menschen einen richtigen Erdenbewohner zu machen, einen richtigen Mitmenschen innerhalb einer sozialen Organisation, und die mit einer richtigen Lösung ihn seiner Lebensfrage mit weisem Sinn nahebringen.
*
Verkürzte Wiedergabe eines Vortrages,
gehalten am 3. März 1926 in Chemnitz
In der Aussprache, die diesem Vortrage folgte, wurden folgende Fragen gestellt:
- Ob die Gründe einer Verwahrlosung auch in der Erbmasse eines Kindes liegen können?
- Können wir unsere Kinder zusammenbringen mit den Schwererziehbaren, ohne daß wir körperliche Züchtigung haben? Ist es richtig, schwer erziehbare Kinder gemeinsam mit den anderen zu erziehen oder in besondere Klassen zu vereinigen?
- Ist es richtig, daß wir begabte Klassen aussondern?
Antwort zu 1:
Gäbe es Kinder, die in ihrer Erbmasse bereits so verschlechtert sind, daß man ihnen nicht helfen kann, so daß sie unbedingt verwahrlosen müssen, so würde es kaum recht lohnen, Pädagogik zu betreiben, vor allem nicht an solchen Kindern. Es hat aber noch nie jemand ein Maß der verschlechterten Erbmasse bestimmt, welches zu einem Schluß berechtigen würde, daß hier Hopfen und Malz verloren wäre. Es war immer umgekehrt, immer so, daß, wenn es nicht gelungen ist, ein Kind auf den richtigen Weg zu bringen, der Erzieher sich dann auf die schlechte Erbmasse berufen hat. Ich habe Kinder mit sehr schlechter Erbmasse gesehen, die aber zu den Besten gehört haben, und ich habe Kinder mit sehr guter Erbmasse gesehen, die zu den Schlechtesten gehört haben. Auch wenn ein Erzieher glaubt, daß er wegen der Erbmasse nichts ausrichten könne (dabei sehe ich von defekten Kindern ab), dann möchte ich raten, er möchte es einmal einen anderen versuchen lassen und die Gesichtspunkte hinanbringen, die ich entwickelt habe. Es ist eine sichere Tatsache, daß es schwere Fälle gibt, und wir haben oft genug Blut geschwitzt, aber es ist doch vorwärtsgegangen. Wenn ich auf dem Standpunkt stünde, daß man in gewissen Fällen nichts ausrichten könne wegen der Erbmasse, so würde ich doch um so sicherer davon überzeugt sein, daß es mir gelingen könnte, bei allen Kindern mit guter und schlechter Erbmasse ein annehmbares Ergebnis zu erzielen, kurz gesagt: Ein Kind verderben kann man immer, ob es eine gute oder schlechte Erbmasse hat. Folglich kann die Erbmasse keine solche bedeutungsvolle Rolle spielen, wie es heute noch zu sein pflegt, insbesondere in der medizinischen Betrachtung, wo jede pädagogische Einsicht in der Regel fehlt. Ein Zusammenhang besteht natürlich und muß deutlich hervorgehoben werden, es ist nämlich der, daß ein Kind mit minderwertigen Organen — das wäre ja die schlechte Erbmasse — leichter als ein anderes in ein Verhältnis geraten kann, in dem es ein starkes Minderwertigkeitsgefühl entwickelt. Das festgestellt zu haben, ist aber eine Leistung unserer Wissenschaft und ist der Ausgangspunkt für alle unsere Betrachtungen. Wir sehen sehr bald, daß das ein relatives Verhältnis ist, daß nämlich ein Kind mit einer schlechten Erbmasse in günstigen Verhältnissen sich mindestens so verhält wie ein Kind mit einer guten Erbmasse in schlechten Verhältnissen. Kommt nun ein derartig schwach organisiertes Kind auch noch in schlechte Verhältnisse, findet man für dieses Kind keinen Erziehungsplan, der genau geeignet sein muß, so ist es sehr leicht möglich, daß die Erziehung hier zwecklos bleiben kann und immer schlechte Ergebnisse herauskommen. Ich halte es für untunlich, daß ein Pädagoge sich auf diesen Standpunkt stellt, denn er hat vor allem die Aufgabe, den aktiven Optimismus in sich zu tragen und auf seine Kinder weiterzugeben. Bevor man Kinder wegen ihrer Erbmasse zur Seite schiebt, sollte erst unsere Methode probiert werden.
Antwort zu 2:
Ob man schwer erziehbare Kinder in der gewöhnlichen Schule belassen soll oder nicht? In der Familie kann man sich nicht anders helfen. Die Entscheidung hängt vom Grade ab. Für schwere Fälle muß besonders gesorgt werden. Für gewisse Entartungen ist die Schule ein ungeeigneter Aufenthalt. Man muß solche Kinder auch oft aus der Familie herausbringen.
Antwort zu 3:
Wie Sie aus dem Unterton meiner Auseinandersetzung gefühlt haben, glaube ich nicht an die Begabung. Alles ist selbsterarbeitete Schöpferkraft. Goethe sagt: Das Genie ist vielleicht nur Fleiß! Was die Schule, was das Leben verlangt, das kann jedes vollsinnige Kind leisten. Wenn man Klasseneinteilung macht nach dem schönen Schlagwort: „Freie Bahn dem Tüchtigen“, also in Begabte und Unbegabte teilt, dann kommt man zu großen Mißerfolgen, die sich ja bei den ausgeprägten begabten Klassen herausgestellt haben.
Ich möchte auf eine Gefahr aufmerksam machen, der die Erzieher unterliegen, wenn sie gar zu sehr auf die Begabung schwören. Wenn Sie einem Kind beibringen, daß es begabt ist, dann kann es sehr oft geschehen, daß das Kind sich keine Mühe mehr gibt und hochmütig wird. Das ist sozial falsch. Das ist aber noch nicht das Schlimmste, sondern, wenn einem solchen Kinde auf seinem weiteren Gang durch das Leben Schwierigkeiten entgegentreten, dann kann es geschehen, daß es eine Niederlage mehr fürchtet, als es einen Erfolg verlangt; dann beginnt ein Zögern und Zweifeln, und dann stellen sich nervöse Erkrankungen ein, und das Kind bleibt haften und kann nicht weiter. Man denke an die Wunderkinder. Sie haben oft schlecht geendet. Dann gibt es noch eine zweite Seite. Das sind die sog. Unbegabten, an die ich in Wahrheit nicht glaube. Deshalb bin ich dagegen, daß man Begabte und Unbegabte teilt. Ich glaube nicht, daß das in Zukunft irgendwelchen Erfolg zeitigen wird. Ich weiß aber, daß man dadurch den Begabten nichts nützen wird und den Unbegabten schadet.
Man muß lernen, ein Kind als einen gleichwertigen Menschen zu behandeln. Das wird dem leichter gelingen, der die Neigung hat, in dem anderen einen gleichwertigen Menschen zu finden. Wer diese Neigung nicht hat, dem wird das schwer gelingen, sich dem Kinde gegenüber als ein gleichwertiger Kamerad zu fühlen. Das muß vorausgehen. Die ganze Erziehung hat darauf hinauszulaufen, daß man das natürliche Minderwertigkeitsgefühl auf die Nützlichkeitsseite hinlenkt und sich auf das Nützliche erstrecken läßt. Dazu gehört die Gleichwertigkeit. Ich glaube nicht an die Fähigkeit oder Unfähigkeit des Kindes, sondern nur des Erziehers.
Fuente: transcripción a partir del ejemplar de la Deutsche Nationalbibliothek (Deutsche Bücherei Leipzig, signatura SA 3454) en imágenes sin capa de texto (PDF local 1926_Schwer-erziehbare-Kinder__dnb.pdf), con OCR propio (Tesseract, deu, --psm 3; varias imágenes JPEG truncadas del PDF se volvieron a renderizar con pdftoppm) corregido página por página a la vista del facsímil. El texto es una «versión abreviada» de la conferencia de Adler del 3 de marzo de 1926 en Chemnitz, seguida de sus respuestas en el coloquio. Ortografía original. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.