Richtige Lebensführung
Volkstümliche Aufsätze zur Erziehung des Menschen
nach den Grundsätzen der Individualpsychologie
Herausgegeben von Sofie Lazarsfeld
Liebesbeziehungen und deren Störungen
Von
Dr. Alfred Adler
[Viñeta del editor: cabeza de mujer con las iniciales MP]
1926
Wien und Leipzig
Verlag von Moritz Perles
Wien, I., Seilergasse 4.
Alle Rechte, einschließlich des Rechtes der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
Brüder Hollinek, Wien, III. Steingasse 25.
Um einen Menschen ganz kennen zu lernen, ist es notwendig, ihn auch in seinen Liebesbeziehungen zu verstehen ... Wir müssen von ihm aussagen können, ob er sich in Angelegenheiten der Liebe richtig oder unrichtig verhält, wir müssen feststellen können, warum er in einem Fall geeignet, im anderen Falle ungeeignet ist oder sein würde. Es gesellt sich uns dann ganz von selbst die weitere Aufgabe: wie wir es denn anstellen könnten, in Liebesbeziehungen irgendwelche Fehlschläge zu verhindern. Wenn man bedenkt, daß ja von der Lösung des Liebes- und Eheproblems vielleicht der größte Teil des menschlichen Glückes abhängig ist, wird uns sofort klar, daß wir eine Summe der allerschwerstwiegenden Fragen vor uns haben.
Eine Schwierigkeit taucht bei Erörterung dieser Fragen gleich anfangs auf — die meisten sprechen sie sofort aus. Die Menschen seien nicht alle gleich und vielleicht hätten zwei Menschen unter anderen Umständen glücklicher sein können, wenn beispielsweise jeder einen anderen Partner gefunden hätte. Diese Möglichkeit soll gerne zugegeben werden, sie sagt jedoch nichts anderes aus, als daß die Betroffenen eine schlechte Wahl getroffen haben. Ob das Scheitern am Liebesproblem in der schlechten, irrtümlichen Wahl zu suchen ist, oder ob wir Fälle betrachten, in denen einer unter allen Umständen am Liebesproblem gescheitert wäre, weil er aus tieferen Gründen scheitern mußte, in vielen Fällen wird uns die Kenntnis der menschlichen Seele und ihrer bewegenden Kräfte vor Fehlschlägen bewahren können.
Die Frage der Liebesbeziehungen ist eine Teilfrage des menschlichen Lebens. Ihr Verständnis ist nur möglich, wenn wir den Zusammenhang mit allen übrigen Lebensfragen beachten. Das Leben stellt uns drei große Aufgabenkomplexe, von deren Lösung unsere Zukunft, unser Lebensglück abhängig ist.
Die erste Lebensaufgabe ist die gesellschaftliche Aufgabe im weitesten Sinne. Das Leben verlangt von jedem ein bestimmtes Verhalten und eine weitestgehende Kontaktfähigkeit unseren Nebenmenschen gegenüber, ein bestimmtes Verhalten innerhalb der Familie und eine Formulierung seiner sozialen Einstellung. Es ist für das Schicksal eines Menschen nicht gleichgültig, nach welcher Richtung er sich zum Beispiel eine soziale Ordnung zum richtunggebenden Ziel setzt, wieweit er bei seinen Handlungen an das eigene Wohl und wieweit er an das Wohl der anderen denkt. Seine innere Wahl ist hierbei in seinen äußeren Entschlüssen oft schwer zu finden, oft kann er sich in Fragen einer sozialen Stellungnahme überhaupt nicht entscheiden, und oft ist sein Standpunkt in anderem Sinne zu verstehen, als es äußerlich den Anschein hat. Auch von der politischen Stellungnahme gilt ähnliches. Selten trifft man Menschen, die mit ihrer Partei zufrieden sind, sehr oft aber solche, die man eigentlich einer anderen Partei zurechnen möchte. Immer spielt ihr Verhalten zur menschlichen Gemeinschaft, ihr Verhalten zum Nebenmenschen im weitesten Sinne die größte Rolle, nicht, was er oder andere davon denken.
Eine weitere Lebensaufgabe, die unserer Lösung harrt, ist die Berufsfrage, das ist die Art und Weise, wie einer seine Kräfte der Allgemeinheit dienstbar machen will. Die Lösung dieser Frage beleuchtet außerordentlich scharf das Wesen eines Menschen. Wenn wir zum Beispiel von einem jungen Manne hören, daß ihn jeder Beruf anwidert, so werden wir ihn vorerst nicht für einen geeigneten Mitmenschen halten, entweder weil er für die Gesellschaft noch nicht reif ist oder weil er ohne Belehrung von selbst auch gar nicht reif werden wird. Zur Ergreifung eines Berufes führen unbewußte Zusammenhänge, die bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Menschen eingreifen. Unbewußt sind diese Zusammenhänge, weil niemand, wenn er einen Beruf ergreift, daran denkt, daß er einen Schritt zum Nutzen der Allgemeinheit unternommen, daß er sich einen Platz in der allgemeinen Arbeitsteilung gesucht hat. Freilich kommt es weiters auch darauf an, wie er sich in seinem Beruf betätigt. Es gibt ja Menschen, die wohl bis zu einer Berufswahl gelangen, innerhalb ihres Berufes aber versagen oder nach einiger Zeit erkennen, sie hätten eigentlich etwas anderes werden sollen. Wir werden aus einem häufigen Wechsel der Berufe schließen, daß wir Menschen vor uns haben, die eigentlich gar keinen Beruf haben möchten, sich vielleicht für jeden Beruf als zu gut, also zu schlecht dünken und nur so tun, als ob sie mitgingen.
Die dritte Lebensfrage, die jeder Mensch lösen muß, ist nun die Liebes- und Ehefrage, die wir hier besonders betrachten wollen. In diese Frage wächst das Kind nach und nach hinein. Seine ganze Umgebung ist erfüllt von Liebes- und Ehebeziehungen. Es ist nicht zu verkennen, daß das Kind schon in den allerersten Lebensjahren zu dieser Frage Stellung zu nehmen und sich eine Richtung zu geben versucht. Was wir von dieser Tatsache in Worten hören, ist nicht entscheidend, denn sobald es auf Liebesfragen zu sprechen kommt, bemächtigt sich seiner oft eine ungeheure Scheu. Es gibt Kinder, die es ganz dezidiert aussprechen, daß sie über dieses Thema nicht reden können. Es gibt Kinder, die ihren Eltern sehr zugetan sind, es aber nicht zustande bringen, mit ihnen zärtlich zu sein. Ein vierjähriger Knabe hat Küsse, die man ihm geben wollte, mit Schlägen ins Gesicht beantwortet, weil ihm das Gefühl einer zärtlichen Regung unheimlich war, ihm beängstigend, geradezu demütigend schien. Auch bei einem Rückblick in unser eigenes Leben wird es uns nicht entgehen können, daß jede Zärtlichkeitsregung von einer Art Schamgefühl begleitet wird und von dem Eindrucke, als würde man dadurch schwächer werden oder im Werte sinken. Dies ist sehr merkwürdig und bedarf einer Erklärung. Wir wachsen in der Stimmungslage auf, als ob eine zärtliche Regung eine Schande wäre. Diese Stimmungslage stimmt überein mit der einheitlichen Richtung unserer Kultur nach einem männlichen Ideal. Dementsprechend werden unsere Kinder in Schule, Literatur und jeder Umgebung fortwährend in der Richtung erzogen, in der Liebe eine Art Unmännlichkeit zu erblicken, und sie drücken das manchmal auch deutlich aus. Manche gehen darin so weit, daß man von ihnen als von gefühlsscheuen Menschen sprechen kann.
Die ersten Zärtlichkeitsregungen des Kindes treten schon sehr frühzeitig in Erscheinung. Wir können aus der Entwicklung derselben sehr leicht feststellen, daß sie alle Regungen des angeborenen Gemeinschaftsgefühles sind. Daß das Gemeinschaftsgefühl angeboren ist, erhellt aus der Regelmäßigkeit seines jedesmaligen Auftretens. Der Grad seiner Entfaltung gibt uns die Möglichkeit, die Stellung zum Leben zu überblicken. Im Begriff „Mensch“ liegt bereits unser ganzes Verständnis für das Gemeinschaftsgefühl, wir könnten uns einen Menschen, der es verloren hätte und dennoch als Mensch bezeichnet werden sollte, nicht vorstellen. Auch in der Geschichte finden wir isoliert lebende Menschen nicht. Wo immer Menschen angetroffen wurden, fand man sie in Gruppen vor, wenn die einzelnen Menschen nicht etwa künstlich oder durch Wahnsinn voneinander getrennt waren. Darwin weist im Tierreiche nach, daß jene Lebewesen in Gruppen leben, die der Natur gegenüber eine ungünstigere Position haben. Die Vitalität, die Lebenskraft dieser ungünstiger gestellten Tiere wirkt sich dahin aus, daß diese Tiere sich zu Gruppen zusammenschließen, unbewußt einem Prinzip der Selbsterhaltung folgend. Wir können ferner verstehen, daß alle jene vereinzelt lebenden Tiere, denen in ihrer stiefmütterlichen Ausbildung das Gemeinschaftsgefühl gemangelt hat, zugrunde gehen mußten. Sie fielen einer natürlichen Auslese zum Opfer. Das Prinzip der natürlichen Auslese ist auch dem Menschen gegenüber gefährlich, da er der Natur gegenüber körperlich am stiefmütterlichsten ausgestattet ist.
Die Situation der Minderwertigkeit und Unzulänglichkeit des Menschengeschlechtes entwickelt im ganzen und im einzelnen einen fortwährenden Antrieb und Zwang, der uns so lange forttreibt, bis ein ungefährer Ruhezustand erreicht ist und ein Bestand gesichert erscheint. Auf diesem Wege befinden wir uns auch jetzt noch, und es ist heutzutage vielleicht der schönste Trost des Menschen, wenn er sich bewußt ist, daß unsere heutige Situation nichts anderes ist als ein Durchgangspunkt, eine augenblickliche Phase menschlicher Entwicklung. Ihn wird in allen Fragen des Lebens natürlich der am besten durchschreiten, der mit den tatsächlichen Verhältnissen in Einklang steht, der der Logik der Tatsachen gerecht wird, während naturgemäß ein unerbittliches Geschick diejenigen trifft, die sich dieser Logik widersetzen. Im tiefsten Sinne aber ist das Gefühl für die Logik des menschlichen Zusammenlebens Gemeinschaftsgefühl.
Die ganze Entwicklung des Kindes verlangt dessen Einbettung in eine Situation, in der Gemeinschaftsgefühl vorhanden ist. Sein Leben und seine Gesundheit sind nur dann gewährleistet, wenn Menschen vorhanden sind, die sich für das Kind einsetzen. Ein neugeborenes Kalb kann zum Beispiel schon in kurzer Zeit Giftpflanzen von anderen unterscheiden. Der neugeborene Mensch jedoch ist infolge der Minderwertigkeit seines Organismus auf das Gemeinschaftsgefühl der Erwachsenen angewiesen, man muß das Kind lange betreuen, belehren und erziehen, bis es selbst die Fähigkeiten erwirbt, sich zu erhalten.
Auch wenn wir die Fähigkeiten betrachten, die unseren Stolz ausmachen und uns den Vorrang vor anderen Lebewesen sichern, wie Vernunft, Logik, die Sprache, unser Verständnis und unsere Vorliebe für alles Schöne und Gute, so können wir in ihnen auch nur Vorzüge erblicken, die der einzelne Mensch nie hätte hervorbringen können, weil sie gewissermaßen erst aus einer Massenseele geboren werden konnten. Wir befriedigen damit Bedürfnisse, die den einzelnen nie bedrückt hätten, die erst in einer menschlichen Gemeinschaft lebendig wurden. Für einen einzelnen Menschen, der keinen Zusammenhang mit einer Gemeinschaft hätte, wäre die bewußte, bewußt überwachte Logik gänzlich gleichgültig, er müßte nicht sprechen, es wäre einerlei, ob er gut oder böse ist, ja diese Begriffe verlören mangels ihrer Beziehung zu einer menschlichen Gemeinschaft, zu einem Nebenmenschen, wie bei einzelnen Tieren, jeden Sinn. Alle Qualitäten des menschlichen Seelenlebens, alle Leistungen des menschlichen Geistes sind nur in einem Zusammenhang der Menschen untereinander denkbar.
Und für diesen Zusammenhang sorgen nicht nur die Not, nicht nur die drängenden Bedürfnisse des Tages, sondern auch unsere sexuelle Organisation. Die Teilung der Menschheit in zwei Geschlechter bildet durchaus keine Separation, sondern sie bedeutet einen ewigen Zwang zueinander. Sie gebiert das Gefühl des gegenseitigen Verwandtseins, weil in den Adern eines jeden gemeinsames Blut fließt, weil jeder Fleisch ist vom Fleisch des anderen. Die Ehegesetze der Völker sind nur unter dem Gesichtspunkt zu verstehen, daß sie die Liebe als ein gemeinsames Band der Gruppe betrachteten. Sie verboten daher Eheschließungen und den Sexualverkehr unter Angehörigen einer Familie, weil dies zu einer Isolierung der Familien geführt hätte. Dichter, Religionen, die heiligen Gebote wenden sich gegen die Inzucht und versuchen sie auszutilgen. Die gelehrtesten Menschen haben sich den Kopf zerbrochen, worin eigentlich die natürliche Abwendung der Familienmitglieder gegeneinander begründet sei. Wir verstehen sie ganz leicht auf der Basis des sich in jedem Kinde entwickelnden Gemeinschaftsgefühles, das alle Möglichkeiten ausschaltet, die zu einer Isolirung der Menschen führen könnten.
Nun sind wir schon zu jenem Punkte gelangt, von welchem aus wir bereits verstehen können, daß das, was wir im eigentlichen Sinne Liebe nennen, die Beziehung der Geschlechter, immer mit dem Gemeinschaftsgefühl zusammenhängt und von ihm nicht zu trennen ist. Die Liebe als eine Beziehung zu zweit hat als ein Teil des Gemeinschaftsgefühls ihre eigenen Gesetze und ist als notwendiger Bestandteil der Erhaltung der menschlichen Gesellschaft aus der Gemeinschaft nicht wegzudenken. Wer die Gemeinschaft bejaht, bejaht notwendigerweise auch die Liebe. Wer Gemeinschaftsgefühl besitzt, muß für die Ehe oder eine ihr gleich- oder höherwertige Form der Liebe eintreten. Derjenige dagegen, dessen Gemeinschaftsgefühl gedrosselt ist, der zu keiner freien Entfaltung seines Wesens innerhalb der Menschheit gekommen ist, wird auch eine absonderliche Form seiner Liebesbeziehungen aufweisen.
Wir können nun zurückblickend eine Anzahl von Schlüssen ziehen, die uns die Übersicht über das große Gebiet der Liebesbeziehungen erleichtern und uns das Dunkel plötzlich ein wenig erhellen. Wir können feststellen, daß ein Mensch, dessen soziale Entwicklung Schaden gelitten hat, der keine Freunde hat, kein richtiger Mitmensch geworden ist, der eine Weltanschauung sein eigen nennt, wie sie dem Gemeinschaftsgefühl widerspricht, der auch vielleicht seine Berufsfrage nicht gut lösen konnte, also wieder der, der für die Gemeinschaft ganz oder nahezu ganz verloren ist, in seinen Liebesbeziehungen Schwierigkeiten haben muß, ja kaum imstande sein wird, die erotische Frage zu lösen. Die so gearteten Menschen werden absonderliche Wege einschlagen, Schwierigkeiten schaffen und, wo sie sich ihnen darbieten, wie nach einer sichernden Ausrede nach ihnen greifen. Diese Schwierigkeiten wollen wir nun etwas genauer betrachten, wobei wir in das ganze Problem eine tiefere Einsicht gewinnen werden. Wir werden feststellen können: auch in den Liebesbeziehungen eines Menschen schwingt seine ganze Persönlichkeit mit. Es ist uns sowohl möglich, aus seinen Liebesbeziehungen seine Persönlichkeit mitzuverstehen, als auch aus dem Verständnis seiner Gesamtpersönlichkeit heraus die dazu passende Eigenart seiner erotischen Ansprüche zu erraten.
Überaus häufig finden wir innerhalb der erotischen Beziehungen sehr verbreitete, wenn auch irrtümliche Voraussetzungen, daß Liebe den anderen Teil verpflichte.
Wenn wir ein wenig ins Leben hineinhorchen und uns hierbei ein wenig selbst beobachten, so können wir uns davon überzeugen, daß wir sehr oft den Irrtum begehen, zu glauben, die geliebte Person sei durch die Tatsache, geliebt zu werden, bereits verpflichtet. Dieser Irrtum scheint irgendwie in unserer ganzen Anschauungsform enthalten zu sein. Er stammt aus der Kindheit und aus den Beziehungen innerhalb der Familie, in welcher in der Tat die Liebe des einen nahezu die Verpflichtung des anderen ist. Wir tragen nur einen Rest dieser kindlichen Anschauung in uns, wenn wir diese Verhältnisse ins Leben übertragen wollen. Die hieraus entstehenden Ausartungen gruppieren sich etwa um den Gedankengang: „Weil ich dich liebe, mußt du das und das tun.“ Hierdurch kommt auch oft in Beziehungen von Menschen, die sich wirklich zugetan sind, ein viel härterer Einschlag hinein, und das Machtbedürfnis des einzelnen, der, gestützt auf die Betonung seiner eigenen Liebe, den anderen in sein Schema, in seine Schablone hineinziehen will, fordert, daß Schritte, Mienen, Gebärden, Leistungen etc. so erfolgen, wie er will, nur aus dem Grunde, „weil er diese Person liebt“. Dies kann leicht zur Tyrannei ausarten. Eine Spur hiervon finden wir vielleicht in jeder Liebesbeziehung.
Wir sehen so jenen Faktor das Liebesleben der Menschen durchziehen, der auch sonst immer zu Störungen des Mitmenschentums führt: das Streben nach Macht und persönlicher Überlegenheit. In einer menschlichen Gemeinschaft muß man die Freiheit der persönlichen Individualität so weit achten, daß man ihr das freie Ermessen anheimstellt. Wer nach persönlicher Überlegenheit strebt, verhindert seinen Anschluß an eine Allgemeinheit. Er will nicht seine Einfügung in das Ganze, sondern die Unterordnung der anderen. Damit stört er natürlich die Harmonie im Leben, in der Gesellschaft, unter seinen Mitmenschen. Da kein Mensch so geartet ist, daß er imstande wäre, sich dauernd ein Joch auferlegen zu lassen, müssen solche, die auch in ihren Liebesbeziehungen Macht über den anderen Teil erstreben, übergroße Schwierigkeiten antreffen. Wollen sie ihre Neigung zu Überhebung und Überlegenheit ins erotische Problem hineintragen, so müssen sie sich entweder einen Partner suchen, der sich ihnen scheinbar unterwirft, oder aber, sie nehmen den Kampf mit einem Partner auf, der ebenfalls in der Erotik Überlegenheit oder Sieg sucht oder dazu verleitet wird. Im ersten Fall erleben wir die Umwandlung der Liebe in Sklaverei, im zweiten Fall sehen wir einen dauernden, gegenseitig aufreibenden Kampf um die Macht voraus, der nie irgendwelche Harmonie verspricht.
Die Wege, die hierbei beschritten werden, sind außerordentlich mannigfach. Es gibt herrschsüchtige Naturen, die dermaßen für ihren Ehrgeiz, um ihre Macht zittern, daß sie nur einen Partner suchen, vor dessen Überlegenheit sie sicher zu sein glauben, der sich immer unterzuordnen scheint. Es handelt sich hierbei keineswegs bloß um wertlose Ehrgeizlinge, sondern die Besessenheit von diesem Streben nach Macht ist in unserer Kultur ein allgemein vorherrschender Zug, dessen ungemessenen Schaden für die Entwicklung der ganzen Menschheit die Forschung der Individualpsychologie in seinen beiläufigen Grenzen aufgezeigt hat. Wollte man zum Beispiel das Liebesleben Goethes in dieser Richtung überprüfen, so würde man mit Staunen auf die außerordentliche Unsicherheit stoßen, in die dieser ehrgeizige Mann in seinen Liebesfragen geraten ist.
Wir können so jene Merkwürdigkeiten verstehen, die uns öfters im Leben begegnen, daß Menschen in ihrer Liebeswahl in ein viel tieferes und ungeeignetes soziales Milieu hinabsteigen. Man findet es zum Beispiel nicht zu selten an, daß ein Mann, der sich nur mit den höchsten Fragen der Menschheit beschäftigt, die Mitwelt damit überrascht, daß er etwa seine Köchin heiratet. Wir, die wir die Gleichwertigkeit der Menschen so sehr betonen, sind darüber nicht etwa entrüstet, aber wir sehen hier ein aus der Art fallendes Verhalten und wollen es vom Standpunkte des Handelnden verstehen lernen, indem wir seine Endabsicht erforschen. Uns schwebt als Norm vor, daß sich Menschen finden, die sozial und kraft ihrer Vorbildung und Lebensvorbereitung mehr zu einander passen. Sehen wir uns die Liebeswerber an, die eine Wahl getroffen haben, welche von der allgemein erwarteten abweicht, so finden wir in den meisten Fällen Menschen, die dem Liebesproblem außerordentlich zaghaft und mit Vorurteilen gegenüberstehen, vor dem geschlechtlichen Partner Furcht empfinden und deshalb einen Partner suchen, bei dem sie weniger Macht und Kraft vermuten. Es ist wohl möglich, daß jemand aus dem Gefühl von Stärke von der beiläufigen Norm abweicht. Wir sehen aber in den meisten Fällen, daß es aus Schwäche geschieht.
Somit scheint eine solche Wahl manchen vorsichtigen Naturen ein außerordentlich glücklicher Griff zu sein, wenngleich sie ihre Endabsicht nicht verstehen, ihre tieferen Beweggründe mit Liebe und Erotik überdecken und überzeugt sind, daß hier nur Gott Amor seine Hand im Spiele habe. Der Verlauf derartiger Beziehungen ist aber in der Regel schlecht. Es erweist sich, daß diese Art, einer Konkurrenz der Geschlechter auszuweichen, mit mannigfachen Nachteilen behaftet ist. Die Nachteile entstehen nicht etwa daraus, daß der intellektuell oder sozial Höherstehende enttäuscht würde, oder, daß sich Schwierigkeiten gesellschaftlicher Natur einstellen, wenn der „niedrigere“ Partner gewissen Forderungen nicht genügt und so Schwierigkeiten in das Familien- und Gesellschaftsleben bringt. Diese und andere äußere Faktoren wären eliminierbar und überbrückbar, wenn sich auch die Endabsicht des höherstehenden Partners verwirklichen lassen könnte. Aber es ergibt sich die merkwürdige Tatsache, daß der auf der tieferen Stufe stehende Partner es nicht lange verträgt, seine Schwäche mißbraucht zu sehen. Wenn er auch nicht versteht, um was es sich handelt, so wird er doch das Gefühl nicht los, daß hier mit seiner Mangelhaftigkeit ein Unfug getrieben wurde. Er schreitet aus diesem Gefühl heraus zu einer Art Rache, er wird zu zeigen versuchen, daß er nicht weniger ist wie der andere.
Auffällige Fälle dieser Art gibt es viele. Oft wirft sich ein junges, kultiviertes, an Geist hervorragendes Mädchen in die Arme eines unbedeutenden, oft sogar lasterhaften Menschen, vielleicht manchmal mit der Idee, den zu retten, den sie zu lieben scheint, ihn den Klauen des Alkoholismus, des Spielteufels, der Indolenz zu entreißen. Noch nie sind solche Menschen durch Liebe gerettet worden, — die Aktion mißlingt fast regelmäßig. Der tieferstehende Teil spürt unter allen Umständen die Bedrückung, die daraus erwächst, daß er niedriger klassifiziert wird. Er läßt sich nicht lieben und nicht retten, weil die bewegenden Kräfte seiner Lebenshaltung ganz andere und dem gewöhnlichen Verstande, dem „common sense“, nicht erkennbar sind. Er hat vielleicht schon längst die Hoffnung aufgegeben, daß aus ihm noch etwas werden könnte und sieht in jeder Situation, die ihn als Mitmensch beansprucht, eine neue Gefahr, in der seine vermeintliche Minderwertigkeit deutlich zutage treten könnte.
Wir kennen auch eine große Anzahl Menschen, die eine anderen Betrachtungen unerklärliche Neigung gerade nur für körperlich mangelhafte Liebespartner haben. Es gibt junge Mädchen, die nur für alte Männer schwärmen, und genau so häufig finden sich die umgekehrten Möglichkeiten. Diese Tatsachen fallen mit Recht auf und reizen unser Erklärungsbedürfnis. Sehen wir uns dann die einzelnen Menschen an, so finden wir wohl manchmal eine in besonders gearteten Verhältnissen begründete natürliche Erklärung, immer aber entspricht diese Neigung auch dem sonstigen Lebensstil dieser Menschen, die Linie des geringsten Widerstandes einzuschlagen.
Wir finden ferner Menschen, die fast nur zu solchen Partnern Liebesneigung zeigen, die bereits vergeben sind. Diese merkwürdige Tatsache kann verschiedene Absichten verraten. Sie kann unter Umständen soviel bedeuten wie ein „Nein“ auf die Forderungen der Liebe, Unmögliches anzustreben, zuweilen ein unerfüllbares Ideal. Sie kann aber auch den Zug des „Wegnehmenwollens“ verraten, der von manchen Menschen in die Erotik hineingetragen wird und durch ihren sonstigen Lebensstil determiniert ist. Wir wollen zuerst jene Unzahl von Fällen betrachten, in denen der Liebeswerber gewillt ist, der erotischen Lebensaufgabe auszuweichen und es auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege versucht.
Es gibt Menschen, die für irgend jemand geschwärmt haben, ohne zu wissen, ob er überhaupt existiert. Diese Haltung spricht deutlich die Endabsicht aus: sie wollen von Liebe und Ehe überhaupt nichts wissen und schwärmen dort, wo ihre Schwärmerei aller Wahrscheinlichkeit nach niemals realisiert werden kann. Das Gleiche gilt in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle von der dauernd unglücklichen Liebe. Sie ist in den meisten Fällen das Mittel, das zu realisieren, was von vorneherein das Lebensziel war: sich vom Leben, von der Welt, nun mit einem Schein von Recht, abzukehren. In diesen Fällen kann eine unglückliche Liebe gar nicht unglücklich genug sein, soll sie diesen Zweck erfüllen. Sie trifft jene Personen, die immer schon am Sprung waren, vor den Fragen des Lebens und besonders vor der Liebe Reißaus zu nehmen. Diese Bereitschaft zum Reißausnehmen erfährt manchmal durch einen Trick, einen Kunstgriff eine willkommene Verstärkung. Dieser ist nicht immer aus der Luft gegriffen, sondern heftet sich an irgendeine richtige Beziehung des Lebens und sieht nunmehr gar nicht wie ein Kunstgriff aus, sondern gleicht dem selbstverständlichen Ergebnis einer Erfahrung. Ungeheuer viel Menschen sind für die Gesellschaft noch nicht ganz reif geworden, erblicken in den Liebes- und Ehebeziehungen eine Gefahrenzone und bringen ihre unreife Ansicht in mannigfacher, aber äußerlich oft unverständlicher Weise zum Ausdruck. Hört man sie über diese sie ständig bedrängenden Fragen sich äußern, so vernimmt man Allgemeinheiten, die wohl in irgend einem Zusammenhang wahr sein können und nicht Windbeutelei bedeuten müssen. Wenn zum Beispiel ein auch ansonsten Zaghafter meint, er heirate nicht, „denn das Leben sei jetzt so schwer“, so ist wohl jedes Wort wahr für die, die nicht heiraten, aber gleichzeitig auch für die, die heiraten. Diese Wahrheiten werden aber nur von jenen geäußert, die auch ohne diese Wahrheiten „Nein“ gesagt hätten, nur hätten sie dann andere „Wahrheiten“ aufgegriffen. Es wäre nicht diplomatisch, eine vorgefaßte Absicht mit schlechten Gründen stützen zu wollen, wenn gute Gründe überall zu haben sind. Wer Gelegenheit gehabt hat, sich von der erschreckenden Häufigkeit jenes Typus von Menschen zu überzeugen, der vor der Lösung von Lebensfragen Reißaus nimmt, wird sich über die Einkleidung dieses Zuges in die Erotik nicht wundern.
Für Ausreißer ist ein Kunstgriff besonders zu empfehlen, der vielfach erprobt ist. Man schaffe sich eine neue Idee, ein besonderes Ideal. An diesem Ideal messe man nun alle Menschen, die einem über den Lebensweg laufen. Dies hat zur Folge, daß sich keiner als geeignet erweist. Alle weichen vom Ideal ab, und wenn wir sie ablehnen und ausschalten, so sieht unser Tun nur vernünftig und wohlbegründet aus. Erst wenn wir den Einzelfall herausnehmen und betrachten, so finden wir, daß die so vernünftig wählenden Menschen auch ohne ihr Ideal von vorneherein gewillt waren, „Nein“ zu sagen. Im Ideal finden sich wünschenswerte Ziele von Offenheit, Wahrheitsliebe, Mut usw. Sie stellen Begriffe dar, die wir nach unserem Belieben so lange dehnen und strecken können, bis sie jedes menschliche Maß überschreiten. Wir haben es daher in der Hand, uns etwas zu wünschen, das wir vorher unerreichbar „gemacht“ haben.
Der Kunstgriff, dadurch nicht lieben zu müssen, daß man etwas Unerreichbares liebt, findet verschiedene Möglichkeiten der Konkretisierung. Wir können einen Menschen lieben, der einmal eine kurze Zeit da war, Eindruck machte, verschwand und nun nicht mehr zu finden ist. Man müßte die ganze Welt durchsuchen, um ihn zu finden. Im ersten Moment werden wir gerührt, wenn wir von einer so innigen und treuen Liebe hören. Die Bedingung aber, die hier der Verwirklichung der Liebe auf Erden gestellt ist, nämlich die ganze Welt zu durchsuchen, um ihn zu finden, ist übermenschlich und fordert unseren bereits geweckten Argwohn heraus.
Wir können uns auch einen Menschen unerreichbar „machen“. Oft hat der Liebeswerber schon im Anfang seiner Werbung den Eindruck, daß er hier nicht gut ankommen werde. Dieser Umstand wird sogleich der Ausgangspunkt einer größeren Aktion. Er glaubt, ohne die geliebte Person nicht leben zu können, bewirbt sich um sie, obwohl jeder objektive Zuseher es für unwahrscheinlich halten müßte, daß er jemals Gegenliebe finden werde. Er sagt es sich auch selbst. Oft kann man auch beobachten, daß solche Bewerbungen in einer Form geschehen, die für sich allein schon imstande ist, den Widerspruch des anderen herauszufordern, indem sie z. B. auffallend vehement erfolgt oder zu einer Zeit, in der irgendwelche Garantien für ein Zusammenleben noch gar nicht möglich und gegeben sind.
Derlei Bewerbungen sind abgezielt auf unglückliche Liebe. Die Unzahl von Menschen, die bei ihren Bewerbungen auf das Ziel: unglückliche Liebe zusteuern, ist geradezu überraschend. Man sollte doch denken, wenn man an diese Dinge von außen herantritt, ein solches Verhalten liege gar nicht in der menschlichen Natur. Wir sehen es aber diesen Menschen von außen gar nicht an, daß wir hier durchwegs „Ausreißer“ vor uns haben. Die individualpsychologische Durchleuchtung macht dann klar, daß eine unglückliche Liebe für diese Art von Menschen ein ausgezeichnetes Versteck bedeutet. Denn wenn ein Unglücklicher seine unglückliche Liebe fünf oder zehn Jahre mit sich herumträgt, so ist er eigentlich während dieser ganzen Zeit vor allen anderen Lösungen dieser Frage in Sicherheit. Er hat wohl gelitten, hat für die Durchsetzung seiner Absicht Kosten erbracht, aber sein Ziel, das ihm selbst unbewußt blieb, das er selbst nicht verstand, nämlich sich von der Lösung der Liebes- und Ehefrage fernzuhalten, hat er damit bei gutem Gewissen und gerechtfertigt völlig erreicht. Daß dieses Ziel und diese seine Lösung, die eigentlich keine Lösung ist, sich mit den Gegebenheiten unserer Erde und der Logik des menschlichen Zusammenlebens nicht verträgt, ist eigentlich seine tiefste Tragik und erst diese letzte tiefste Einsicht vermag hier korrigierend einzugreifen.
Liebesneigungen zu Menschen, die bereits eine andere erotische Wahl getroffen haben, müssen nicht immer ein „Nein“ bedeuten. Die Geschichte bedeutender Menschen kann uns darüber belehren, daß die Menschen in unserer so komplizierten Kultur mit einer außerordentlichen Begierde des Raubens, des Wegnehmens heranwachsen. Das Verlangen nach verheirateten Frauen hat immer erneute Aktionen im Gefolge, sich des Liebesobjektes zu bemächtigen, wenn diese Aktionen auch äußerlich oft die edelste Form wahren. Einer dieser Typen scheint Richard Wagner gewesen zu sein, in dessen dichterische Schöpfungen fast immer der Sinn eingewoben, die Komplikation hineingetragen ist, daß der Held eine Frau begehrt, die schon zu einem anderen gehört. Auch das Leben Richard Wagners zeigt diese Linie.
Allgemein bestimmt das Unsicherheitsgefühl viele Formen der Erotik. Es gibt junge Männer, die nur für ältere Frauen Sympathie empfinden, in irgendeiner irrtümlichen Meinung, daß hier die Schwierigkeiten des Zusammenlebens geringer wären. Auch verraten sie ihr Gefühl der Schwäche durch ein gewisses Bedürfnis nach mütterlicher Fürsorge, sie gehören zu den meist verzärtelten Menschen mit großem Anlehnungsbedürfnis, von denen man sagt, daß sie „noch eine Amme brauchen“. Sie bereichern jenen Typus, der dem anderen Geschlecht gegenüber nie genug Sicherungen haben kann, und in höchste Unruhe versetzt wird, wenn er dem anderen Geschlecht gegenübersteht. In unserer Kultur gibt es eine erschreckend große Zahl solcher unsicherer Menschen, sie tragen den Schönheitsfehler unserer Entwicklungsphase stark ausgeprägt mit sich: die Furcht vor Liebe und Ehe. Dies ist keine Ausnahmeerscheinung, sondern ein allgemeiner Zug der Zeit. Es wimmelt in unserer Gesellschaft von Ausreißern. Sie sind aus irgend einer unglücklichen und irrigen Stellungnahme heraus immer wie auf der Flucht, kommen sich immer wie gejagt und verfolgt vor. Es gibt Männer, die sich isolieren und verstecken, — es gibt Mädchen, die sich gar nicht mehr auf die Gasse trauen, überzeugt, daß sich alle Männer um sie bewerben, und daß sie immer nur das Objekt von Angriffen wären. Hier treibt die reine Eitelkeit ihr Spiel und vermag das Leben eines Menschen oft völlig zu verpfuschen.
Aus Erfahrungen und Erkenntnissen lassen sich gute und schlechte Nutzanwendungen ziehen. Wir finden unter den schlechten Nutzanwendungen die übertriebene Umkehr eines Fehlers, welche ebenso ein Fehler ist. Das Gegenteil von Zurückhaltung und Verschlossenheit ist Offenheit, und so finden wir Menschen, die durch Offenheit Fehler begehen. Es gibt Menschen, die immer die Neigung zeigen, sich anderen anzubieten. Wenn es auch sehr schön ist, seine Liebe offen zu bekennen, sind wir trotzdem ebenso tief von der Wahrheit durchdrungen, daß man damit in unserer nicht einfach zu nehmenden Kultur einen schweren Fehler macht. Es gibt nämlich keinen Menschen, der dieses Anerbieten glatt vertragen würde, und der Voreilige wird dann nicht nur selbst den Schmerz der Reue und die Last auftretender Hemmungen zu tragen haben, sondern auch den Partner in der unbefangenen Entfaltung seiner Liebesregungen stören, weil dieser, bei dem allgemein herrschenden Mißbrauch, der mit der Liebe getrieben wird, bei der bestehenden Spannung und dem Kampf der Geschlechter untereinander, nie recht im Klaren sein wird, ob das Anerbieten echt und wahr gewesen ist oder ob nicht etwa schlechtere Absichten sich dahinter verbergen. Es gibt keine festen Gesetze, — wir haben die Aufgabe, die Eigenheit des Partners in Rechnung zu ziehen und uns an die Gegebenheiten unserer Kultur zu halten. Es scheint heute eher empfehlenswert, seiner Neigung ein wenig die Zügel anzulegen.
Eine besondere Rolle spielt die Liebe, sowohl die glückliche als auch, und in höherem Maße, die unglückliche Liebe bei Künstlern. Wir können wohl sagen, daß die unglückliche Liebe eine so allgemeine Zeiterscheinung ist, daß es kaum einen geben dürfte, der nicht einmal von ihr und ihren seelischen Beschwernissen heimgesucht worden wäre. Unter den Menschen aber, die mit besonderer Empfindlichkeit dem Leben gegenüberstehen, spielt der Künstler eine außerordentlich prominente Rolle. Er wird schon dadurch auffällig, daß er in seiner Kunst ein Leben „neben dem Leben“ sucht, sich nicht in der Realität betätigt, sondern eine Ersatzwelt sucht, von der Wirklichkeit nahezu abgestoßen wird, freilich aber erst dann zum Künstler wird, wenn er seine Schöpfungen so gestaltet, daß sie der wirklichen Welt förderlich werden. Jedes Kunstwerk ist erst dadurch ein Kunstwerk, daß es allgemeinsten Wert besitzt, daß der Künstler in seiner Schöpfung den Weg zur Wirklichkeit und zur Gemeinschaft zurückfand.
In der Abbiegung aus dem realen Leben liegt ein Zug, die Realität des Lebens betonende Einrichtung der Liebe und Ehe als feindlich und störend zu empfinden. Wir begegnen einer Unzahl von Künstlern, die die Bindungen des Lebens wörtlich als Bindungen, Fesselungen, als Hindernisse auffassen und sie sogar in ihrer Phantasie maßlos ausgestalten. Sie kommen über diese nun als maßlos empfundenen Hindernisse kaum hinweg, befinden sich in ihren Liebesbeziehungen vor einer unlösbaren Aufgabe und zeigen hierbei nicht nur die Bewegungen eines Liebenden, sondern gleichzeitig und in noch viel stärkerem Maße die Bewegungen eines Menschen, der vor der Liebe die Flucht ergreift. Dies drückt sich in ihren Gedanken und Schöpfungen aus, die die Probleme der Menschen in unterstrichener Form widerspiegeln. Der andersgeschlechtliche Partner wird in irgendeiner Weise als übermächtig empfunden und bald erhält die Liebessphäre den Charakter einer Gefahr. Diesen Gedanken findet man fast wörtlich in Mitteilungen von Dichtern und Schriftstellern. Alle problematischen Naturen haben den gleichen Zug, weil sie alle außerordentlich ehrgeizig und empfindlich sind und jede Beeinträchtigung ihrer Machtvollkommenheit als eine schwere Beleidigung oder eben als Gefahr auffassen. So sagt der Dichter Baudelaire: „Ich habe nie den Gedanken an eine schöne Frau fassen können, ohne gleichzeitig die Empfindung einer ungeheuren Gefahr zu haben.“
Der Anblick eines Menschen, der nun einmal die von ihm vermeintliche „Gefahrenzone“ betreten hat, bietet uns eine Aufeinanderfolge von Abwehr- und Sicherungsbewegungen. Hebbel schildert in einem Briefe, den er als Jüngling seinem Freund sendet, seine Empfindungen ungefähr folgendermaßen: „Natürlich wohne ich hier schon wieder dem schönsten Mädchen der Stadt gegenüber und bin bis über die Ohren in sie verliebt; aber hoffentlich wird sich auch hier bald das Gegengift neben dem Gift finden .... Und wenn ich heute noch sehe, wie ihr Geliebter, zu ihr durchs Fenster steigt, so bin ich mit ihr fertig.“ Dies ist das Ergebnis eines Eindruckes, von dem wir eigentlich einen anderen Ausgang erwartet hätten.
Die Frau als Gefahr ist ein dauerndes Leitideal der Kunst. Man durchmustere die Bilder des Malers Rops, die die Frau als Gefahr, als Schrecken oder zumindest als ungeheure Macht darstellen. Die Kunst ist heute vorwiegend eine männliche Kunst, sie trägt in sich die männliche Tradition, bringt vorwiegend männliche Probleme und hebt die Frau zu jener Zauber- oder Schreckgestalt empor, die sie in den Augen vieler Männer ist. Die Frauen können bei diesem männlichen Zeitideal nicht mithalten und finden in der Ausübung der Kunst Schwierigkeiten, nicht weil sie nicht fähig wären, sondern weil sie dem übertriebenen männlichen Ideal nicht dienstbar sein können. Die Vorrede zu „Tausend und eine Nacht“ zeigt uns, wie der Autor besonders erschrocken auf die List und Verschlagenheit der Frau hinweist, die durch eine unglaubliche Erfindungsgabe dem Manne gegenüber ihr Leben rettet. Aber auch die ältesten Gebilde der Kunst, zum Beispiel die Bibel, die ja alle Menschen von den ersten Kindheitstagen mit der ihr eigenartigen Stimmung erfaßt, ist von dem ständig begleitenden Gedanken durchdrungen, daß die Frau eine Gefahr vorstelle, so daß das Kind in Schüchternheit, Unausgeglichenheit, Zaghaftigkeit dem Weibe gegenüber aufwächst. Eines der größten Kunstwerke, die Iliade, malt mit großer Präzision das Unglück aus, das durch eine Frau angerichtet wurde. In allen Dichtwerken, in allen Kunstwerken tönt das Problem der Zeit: Die Frau als Gefahr. Grillparzer sagt von sich: „Vor der Liebe habe ich mich in die Kunst gerettet.“
Wir können nicht ohneweiters voraussagen, wie eine unglückliche Neigung in einem Menschen sich auswirken wird. Seine Gesamtlebenshaltung, seine Lebenslinie ist hierfür maßgebend. Haben wir einen Menschen vor uns, welcher bei auftretenden Schwierigkeiten den Mut verliert und seine Aktivität abbricht, so wird auch der Schiffbruch in der Liebe ihm Schiffbruch des Lebens sein können. In der unglücklichen Liebe selbst ist diese Konsequenz nicht enthalten. Derjenige, dem der Plan innewohnt, durch Schwierigkeiten aufgestachelt zu werden, wird sich aus einer unglücklichen Liebe aufraffen und zu großen Leistungen gelangen. Die unglückliche Liebe ist weder Tragik noch Heilmittel, beide Konsequenzen werden aus ihr gezogen werden können, je nachdem, ob die Konsequenz von einem mutigen oder einem niedergebrochenen Menschen gezogen wird. Die vulgäre Psychologie weist öfters auf die großen Leistungen hin, die aus einer unglücklichen Liebe entstehen. Sie empfiehlt sie manchmal als Medikament. Wir kennen Menschen, die auch ohne unglückliche Liebe Großes geleistet haben. Der richtige Kern dieser halben Wahrheit ist, daß der Künstler vom Problem der Liebe in ganz besonderem Maße gepackt und gefesselt wird.
Das Leben Goethes ist in dieser Hinsicht besonders lehrreich. Immer erblickte er in der Frau die Gefahr, immer war er vor ihr und vor der Liebe auf der Flucht. Die Leitlinie des „Faust“ ist ein ewiges Suchen nach einer Lösung des Liebesproblems. Mit seinen eigenen Spannungen und Regungen und Strebungen baute er seine Welt, unzufrieden mit den Tatsachen des Lebens, und zauberte allgemein Menschliches vor unsere Augen. Es macht die Größe seiner Kunst aus, daß alle Seiten in uns mitklingen, wenn er das ewig neue Lied der Spannung der Geschlechter ertönen läßt, in die befangen die Menschen befürchten, daß Hingabe gleichbedeutend sei mit Verlust der Persönlichkeit, Hörigkeit oder Sklaverei.
Erwähnt sei hier noch Schleiermacher, der in einer wundervollen Abhandlung zu erweisen sucht, daß Liebe gar kein so einfaches Ding sei, daß es töricht sei, zu glauben, daß der Mensch, wenn er ins Leben hinaustritt, auch schon etwas von Liebe verstehe. Es müsse eigentlich jeder eine gewisse Vorübung, eine Vorschule leichterer Art durchmachen. Auch dieser Idealist reinsten Wassers, von den religiösesten Menschen hochverehrt, kann sich der Überzeugung nicht verschließen, daß die Menschen in der Liebe nicht so leicht zueinander finden.
In meinen Vorlesungen über Menschenkenntnis, die ständig von zirka 500 Personen besucht werden, gelangen größtenteils Fragen über Liebe an mich, als ein Zeichen, wie sich die Menschen in dieser Frage weniger leicht zurecht finden, als in denen des Berufs etwa.
Warum es so wenig glückliche Liebesbeziehungen gibt? Wir sind noch nicht die richtigen Menschen, wir sind noch nicht reif zur Liebe, weil wir mit der Mitmenschlichkeit im Rückstande sind. Wir wehren uns mit allen Mitteln, weil wir uns zu viel fürchten. Man bedenke nur, auf welche Schwierigkeiten der Gedanke der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter, der Koedukation, stößt, welcher ja doch nichts anderes bezweckt, als daß die Geschlechter frühzeitig ihre Scheu und Angst verlieren und bereits von Jugend an Gelegenheit haben, sich besser kennen zu lernen.
Für Schwierigkeiten in den Liebesbeziehungen gibt es kein Heilmittel in Form einer festen Verhaltungsregel. Die Erfahrungen der Individualpsychologie zeigen es täglich aufs neue, daß die Absonderlichkeit der Erotik eines Menschen ein Schnörkel seiner Gesamtpersönlichkeit ist, die es in jedem Einzelfalle zu erfassen gilt. Wir müssen den Zusammenhang aller Äußerungen eines Menschen erfassen, seine Persönlichkeit und deren Beziehung zur Umwelt ändern, um seine fehlgegangene Erotik zu verändern. Die Bewegungslinie eines Menschen wird sich auch in der Liebe geltend machen. Sie wird ihn zwingen, einmal eine unglückliche Liebe zu suchen und darin zu verharren oder sie wird ihn diese leichter nehmen lassen und ihn zum Aufstieg führen. Sind es Menschen, die, mit Ehrgeiz vollgesättigt, eine Verweigerung irgendwelcher Art nicht zu ertragen vermögen, so wird aus diesem, in einem Gesamtzusammenhang aufklärbaren Irrtum heraus der Selbstmord naheliegend erscheinen und in unserer, die Unterordnung gebietenden Gesellschaft eine Gelegenheit zu einer hochtragischen Situation bieten, mit der Flucht aus dem Leben die Rache gegen die Gesellschaft und gegen einzelne Personen zu verbinden.
Die Liebe kultiviert sich, und die Beziehungen der Liebe verschönern und verfeinern sich mit der Kultivierung und Entwicklung des alle Menschen umfassenden Gemeinschaftsgefühles. Die Beziehungen der Liebe gestalten sich nicht plötzlich, sondern zeigen eine lange Vorbereitung. Die erotische Bindung ist zwischen den Menschen immer vorhanden, es bedarf aber gewisser Bedingungen, um sie als Liebe fühlbar und sichtbar zu machen. Der Beginn von Liebesregungen reicht zurück bis in jene fernen Tage, wo sie noch nicht Erotik, noch nicht sexuell gefärbt gewesen sind, sondern wo sich noch der breite Strom des Gemeinschaftsgefühls in den Formen der Anhänglichkeit und Zärtlichkeit ergoß und einzig und allein nur jene allgemein menschliche Beziehung sichtbar war, die (wie zwischen Mutter und Kind) die Menschen sofort verbindet, ohne daß sich jenes dauerhafte der Ewigkeit und dem Bestand der Menschheit dienende Band unter einzelnen bildet, das wir die Liebe nennen. Sie ist Band und Verewigung zugleich. Diese Beziehungen kann man nicht eigenwillig gestalten, muß vielmehr ihre Auswirkung zulassen. Das Wissen um diese Dinge ist noch nicht reif, weil der Mensch fähig ist, sich über die Vorgänge in seiner eigenen Seele zu täuschen. Beide Geschlechter geraten nur zu leicht in den Strudel der Prestigepolitik und spielen dann eine Rolle, der sie beide nicht gewachsen sind, die dazu führt, die Harmlosigkeit und Unbefangenheit ihres Lebens zu stören und sie mit Vorurteilen zu sättigen, denen gegenüber natürlich jede Spur wahrhafter Freude und jedes Glücksgefühl verschwinden muß.
Wer diese Gedanken in sich aufgenommen hat, wird zwar natürlich nicht fehlerlos auf Erden wandeln, sich aber wenigstens des rechten Weges bewußt bleiben und seine Irrtümer, statt sie zu vergrößern, ständig verkleinern können.
Fuente: transcripción a partir del ejemplar de la Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin digitalizado en el repositorio Refubium (PDF local 1926_Liebesbeziehungen-und-deren-Stoerungen__refubium.pdf), sobre un OCR Fraktur propio (Tesseract frk+deu) corregido página por página a la vista del facsímil y cotejado con el OCR previo de Refubium. Ortografía original de 1926 (se conservan «Isolirung», «zu einander», «nicht weniger ... wie», «alle Seiten in uns mitklingen»). Las cursivas reproducen el espaciado (Sperrung) del original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.