Neurose und Lüge1
Von Dr. Alfred Adler (Wien)
Die psychologische Betrachtung der Lüge stand am Eingang meiner Bemühungen um eine Klarheit über die Neurose. Es ist ungemein schwierig, zwischen Lüge im weitesten Sinne, etwa Lebenslüge, und Neurose zu entscheiden. Zur Illustration diene folgender Fall:
Ein 28jähriger Mann, der bisher neben seinem älteren Bruder im Geschäfte seiner Eltern tätig war, arbeitete lange Zeit, wenig gefördert und ohne besonderes Vertrauen zu genießen, bis er sich immer mehr zurückzog und den Verkehr mit den Kunden nicht mehr führte. Schließlich legte er sich zu Bett, klagte über Ermüdungszustände und zeigte große „Depressionen“. Auch klagte er, die Leute sähen ihm an den Augen ab, daß er Masturbant sei2. Trotz seiner „Depression“ frequentierte der Patient alle Arten von Unterhaltungen und Vergnügungen und zeigte eine auffallende Sucht zu Übertreibungen und Prahlereien. So feierte kürzlich in Wien ein Oberkellner eines bekannten Kaffeehauses ein Dienstjubiläum; Patient ging hin, gratulierte dem Jubilar und erzählte ihm, wie lange und woher er ihn kenne, woran kein Wort wahr war. Nur um „dabei“ gewesen zu sein. Patient übt derzeit keine fruchtbringende Tätigkeit aus und klagt immer über seine „Depression“, von der er gerne und oft spricht.
Der Lebensstil dieses Patienten ist folgender: Er ist ein zweitgeborener Sohn nach einem älteren, gutgeratenen Bruder, gegen den er nicht aufkommen kann, und da es ihm nicht gelingt, die Parität mit dem Bruder herzustellen, gibt er das Rennen auf, wirft alles von sich und erbringt eine Krankheitslegitimation. Gleichzeitig fühlt er sich durch eine jüngere, lebenstüchtige Schwester in seinem Prestige bedrängt. Seine Zustände stoßen zu Hause auf Widerstand. Er wechselt deshalb den Schauplatz seiner Tätigkeit und lebt jetzt in Wien, aber auch hier verläßt ihn der Schatten seines Bruders nicht. In seinen Prahlereien „stellt er sich immer auf die Zehen“, um größer zu erscheinen. Denn seine starke Lügenhaftigkeit hat den Zweck, sich größer zu machen, statt nach wirklicher Überlegenheit, nach dem Schein derselben zu streben, auf der unnützlichen Seite des Lebens zu glänzen, sich jeder Vorwärtsbewegung zu entschlagen, um so einer realen Niederlage zu entgehen. Wenn man aber näher zuschaut, welche Lebensform er zeigt, wie er sich durch Vorweisung einer Krankheitslegitimation zu salvieren trachtet, dann kommt man zu dem Schlusse, auch seine Krankheit ist eine solche rettende Lüge3. Dieser Mensch, der gewohnheitsmäßig jede schwierige Situation durch eine von ihm unerkannte (unbewußte?) Lüge von seiner Erkrankung zu beendigen trachtet, lügt auch immer wissend. Das eine Mal lügt er „bewußt“, das andere Mal „unbewußt“; der Unterschied zwischen einer „bewußten“ und „unbewußten“ Konkretisierung seiner Lebenslinie ist, als ein Teil eines Ganzen, gar nicht so groß. Das eine Mal versucht er sich in eine gemilderte Situation hineinzubringen, indem er eine Krankheit arrangiert, das andere Mal, indem er irgendwelche Prahlereien produziert.
In den letzten Tagen ging es ihm besonders schlecht; es kam nämlich seine Schwester, um zu sondieren, ob er nicht schon für die Arbeit reif wäre. Gleich schrieb er einen Brief nach Hause, in dem er seinen Zustand in den düstersten Farben schilderte. Er war wieder tief deprimiert, ging in seiner Depression in ein — Tanzlokal, in dem er zwei Stunden blieb, nachher spazierte er in den Prater und sprach zwei Mädchen an. Denen erzählte er von seiner Depression, wobei er sich sehr interessant vorkam, und gab als Grund für die Depression an, seine Braut, die hier in der Nähe wohne, habe von einem Grafen ein Kind zu erwarten. Auf eine Frage nach dem Namen des Grafen nannte er einen Grafen Pietro.
Dieser Graf ist die Konkretisierung seines irrtümlich geschaffenen Schreckpopanzes. Es ist der, dem er sich nicht gewachsen glaubt, der Ersatz einer anderen Konkretisierung seines Minderwertigkeitsgefühls, seines respektvoll überschätzten Bruders. Wenn wir nun fragen, was ihm besser hilft zu seiner Flucht vor Entscheidungen gegenüber dem Bruder, seine Lügenhaftigkeit oder seine Neurose, so müssen wir sagen, die Neurose; denn die ist nicht nur für die anderen viel gefährlicher, sondern sie bietet zugleich eine Rechtfertigung für ihn, die er in seiner offenen Lüge nicht findet. Er führt so, genötigt durch sein Gemeinschaftsgefühl, in der Neurose zugleich den Kampf um den Schein der Ehrlichkeit und des Persönlichkeitswertes. Bedroht er durch seine Erkrankung sozial wie materiell seine Familie, insbesondere die Mutter, die auf seiten des älteren Bruders steht, so rettet er gleichzeitig den Schein seiner Parität, indem er krankheitshalber der Entscheidung ausweicht, die er als ungünstig voraussetzt.
Auch auf seine Zwangsmasturbation fällt volles Licht. Auch innerhalb der erotischen Frage fühlt er sich durch den Grafen Pietro bedroht — und hält mit deren Lösung zurück, oder findet eine Teillösung, bei der er nicht zu schlagen ist.
Fuente: transcripción a partir del cuaderno digitalizado en Internet Archive (Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 4. Jg., Nr. 4, Wien, Juli-August 1926, S. 173-174), con el OCR de archive.org cotejado con las imágenes de las páginas. Es el artículo que abre el cuaderno. Ortografía original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.
Referat über einen Vortrag. ↩
Häufige Furcht des Masturbanten, deren Berechtigung darin zu suchen ist, daß ihn seine Furcht vor Entdeckung verraten kann. Natürlich untrennbar verbunden mit dem Aberglauben der Schädlichkeit und mit dem berechtigten Schuldgefühl, das aus der Verletzung einer Forderung des Gemeinschaftsgefühls stammt. ↩
Siehe Adler, „Lebenslüge in der Neurose und Psychose“. Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, I. Band, 1913, Dr. Zilahi, Wien, VI., Joanelligasse 6. ↩