Ein Beitrag zum Distanzproblem
Von Dr. Alfred Adler (Wien)
Wie bekannt, ist die individualpsychologische Forschung ziemlich rasch auf ein Problem gestoßen, das sie das Distanzproblem genannt hat. Dies war von fundamentaler Bedeutung. Denn es hat uns eine Basis gegeben, von der aus wir weiter forschen konnten. Sie besagt nämlich, daß es uns möglich ist, die Abwegigkeit, die neurotische Verirrung eines Menschen danach zu messen, in welcher Entfernung er von der Lösung der drei großen Lebensfragen steht. Es handelt sich bekanntlich um die Lösung der Fragen der sozialen Beziehung, der Beziehung des Ich zum Du, darum, ob er den Kontakt zwischen sich und den anderen Menschen in einer annähernd richtigen Art hergestellt hat, oder ob er ihn verhindert. Aus der Größe der Verfehlung, aus der Distanz, in der er zur Lösung dieser Lebensfragen steht, konnten wir über seine Persönlichkeit, seine Individualität Schlüsse ziehen, und waren in der Lage, daraus etwas für unsere Menschenkenntnis zu gewinnen. Dasselbe gilt auch bezüglich der zweiten Lebensfrage, der Berufsfrage. Steht er von der Lösung dieser Frage weiter weg, zeigt er hier Schwierigkeiten, dann konnten wir feststellen, daß dieser Mensch einer Lösung dieser zweiten Frage ausweicht. Die dritte Frage betrifft die Erotik, die Frage der Liebe und Ehe. Wir konnten einen Menschen danach beurteilen, wie weit er von der Lösung dieser Frage entfernt ist und auf welchen Abwegen er sich etwa befindet.
So hatten wir einen Standpunkt gefunden, von dem aus wir unerschütterlich über die Stellungnahme eines Menschen urteilen konnten. Und nun möchte ich an einem Beispiel zeigen, wie sich in der Neurose diese Distanzneigung ausdrückt. Wir kennen sie ja alle, diese Menschen, die sich sehr schwer anschließen, keine Freunde haben, nicht in Gesellschaft gehen, immer eine Scheu haben, wenn sie einem anderen Menschen gegenübertreten. Wir kennen auch die Erscheinungen, die da auftreten, so, wenn einer rot oder blaß wird, wie er nur zögernd die Hand reicht, mißtrauisch ist, stottert und dergleichen. Das alles sind Zeichen einer mangelnden Kontaktneigung.
Einen solchen Menschen zu beobachten hatte ich unlängst wieder Gelegenheit. Es wimmelt im Leben von solchen Menschen. Sie haben eine Abneigung gegen jedweden Kontakt und wollen sich nicht zum Ganzen bekennen, von dem sie ein Teil sind. Ihr ganzes Leben zeigt diese Tendenz, die natürlich auch mit einer Anzahl Sicherungen verknüpft ist, unter denen die nervösen Symptome eine große Rolle spielen. Der eine bekommt Kopfschmerzen, sobald er näherrücken soll, irgendein Unheil tritt ein, sobald er sich einem anderen nähern soll. Ihre ganze Haltung zeigt eine nervöse Ausgestaltung, die das Zusammenkommen mit anderen verhindert.
Und so finden wir ihn sehr bald in einem Sonderlingsleben, jeder kennt ihn und weicht ihm aus. Er hat eine kurz angebundene Art, eröffnet sich nie, bricht immer gleich ab, lebt sozusagen „stakkato“. Jede Anknüpfung wird sofort unterbrochen. Derart ist die Lebenslinie.
Bei meinem Patienten konnte ich sehr bald den Zusammenhang feststellen. Er war von mehreren Kindern jenes, das mit mehr oder weniger Recht behaupten konnte, daß er das ungeliebte gewesen ist. Er hat nie geglaubt, daß jemand für ihn Wärme übrig haben könnte. Sein Minderwertigkeitsgefühl äußerte sich besonders in dem Glauben, daß ihm etwas von jener Kraft fehle, die dazu gehört, um sich beliebt zu machen. Und so trachtete er, sich den Menschen ganz zu entziehen. Dabei zeigte es sich, daß er wenigstens in der Berufsfrage ganz gut vorwärtsgekommen war1. Das hatte seinen Grund darin, weil er sich da allein in eine Arbeit vertiefen konnte. Es ist begreiflich und gleichzeitig bezeichnend, wenn solche Menschen einen Beruf suchen oder ihm zuneigen, in dem sie isoliert sind. Es ist auch begreiflich, daß sie ihre Berufsfrage nur bedingungsweise lösen können. Hätte dieser Mann z. B. das Unglück gehabt, daß man ihn in einen Beruf gebracht hätte, wo er in der Zusammenarbeit mit anderen etwas hätte leisten sollen, so hätte er versagt. Sein Leitideal hat ihn dorthin geführt, wo er doch einigermaßen für seine Neigung Befriedigung fand. Auch seine Distanz zum anderen Geschlecht war riesengroß, und er machte alle Anstrengungen, von einem Mädchen, das er kennen und lieben gelernt hatte, wieder loszukommen, besonders, als er einmal hörte, wie ein Mädchen in einer Gesellschaft ihn einen langweiligen Kerl nannte.
Nun hatte er ein nervöses Symptom, das schon in der ganzen Welt erfolglos behandelt worden ist. Dieses bestand im Nägelbeißen. Er biß sich ununterbrochen die Nägel bis an den Rand ab. Zu dieser Neigung, von der er nicht lassen konnte, erklärte er: „Eigentlich ist mir die Sache sehr angenehm, und das dürfte auch der Grund sein, warum ich es nicht lasse.“ Wir sehen aber darin noch einen anderen Grund, den er auch sofort zugab. Er versteckte nämlich immer die Hände, wenn er mit mir sprach, was soviel bedeutete, als daß er sie mir nicht zeigen wollte, weil er fürchtete, ich würde sagen: „Sie könnten ja doch trotz ihrer Hände in Gesellschaft gehen.“ Daß dieses Symptom eine seiner Sicherungen gegen den sozialen Anschluß war, von dem er nach den traurigen Erfahrungen seiner Kindheit eine Bestätigung seines Minderwertigkeitsgefühls befürchtete, brauche ich für Individualpsychologen nicht zu betonen.
Hierzu möchte ich auch einen Traum dieses Mannes mitteilen. Die Neurotiker sprechen merkwürdigerweise oft in unseren Ausdrücken. Sie sprechen — allerdings von ihnen selbst unverstanden — wie wenn sie unsere Schriften gelesen hätten, sie reden von Minderwertigkeitsgefühlen, Distanz, Kontakt usw., aber sie sprechen nicht nur davon, sondern sie träumen auch in unseren Bildern und Ausdrücken. Dieser Mann träumte z. B. folgendes: „Ich komme nach längerer Abwesenheit wieder in mein Vaterhaus zurück. Es öffnet mir ein einstiges Kinderfräulein, bei dem ich auch nie Liebe gefunden habe, und sagt zu mir: ‚Ich wußte, daß Sie es sind, den ich erkenne Sie schon am Läuten‘.“ Auf meine Frage sagte er: „Ja, ich läute immer so, daß ich den Kontakt immer wieder unterbreche.“ Er merkte nicht, daß das dasselbe ist, was er von mir schon so oft gehört hatte.
Man kann dies nicht aus einem Mangel an Intelligenz erklären. Der Patient ist ein hochintelligenter Mensch. Aber er hat seine Aufmerksamkeit so stark vom Tatbestand abgelenkt, sich sosehr mit Gegengründen gegen den Anschluß präokkupiert, daß es ihm nicht gelingt, den Zusammenhang seines Symptoms mit seiner Lebensform zu finden. Sein ganzes Wesen besteht darin, daß er den Kontakt immer wieder unterbricht. In seinem Traum steckt alles das darin, was wir in ihm erwarten, und wir können nichts anderes schließen, als daß dieser Mensch seine Aufmerksamkeit vom Zusammenhang und von der zusammenhängenden Betrachtung aller seiner Erscheinungen geflissentlich abwendet. Aber darin liegt gerade der wesentliche Anknüpfungspunkt für die Behandlung, ihm immer wieder diesen Zusammenhang zu zeigen.
An diesem Fall wollte ich hauptsächlich zeigen, wie die Kontaktunterbrechung und die Tendenz, keinerlei Kontakt aufkommen oder bestehen zu lassen, in alle Beziehungen eines Menschen eindringt und manchmal sogar mechanisiert wird. Wir können manchmal den innersten Kern eines Menschen schon aus einer Bewegung erkennen, aber natürlich nur, wenn wir die Totalität seiner Persönlichkeit damit im Einklang finden.
Fuente: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 4 (1926), Heft 3, S. 141-143. Transcripción a partir del ejemplar digitalizado en archive.org (fascículo 3 del vol. 4; págs. 33-35 del PDF), con su OCR corregido sobre la imagen de las páginas; el espaciado del original se da en cursiva. Se respeta «den ich erkenne Sie» (por «denn») en el sueño. El titulillo de la pág. 143 dice por error «Robert Wittmann: Einiges aus einer Klasse schwer erziehbarer Kinder» (el artículo siguiente). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.
Nicht selten. Meist findet man eine eigenartige, oft krampfhafte oder künstlerische Lösung. Völlige Verfehlung der Berufsfrage wäre oft lebensgefährlich. Soweit geht der Neurotiker nur zuweilen. ↩