Grundfragen der Organisation.
Otto Rühle
I. Grundfragen der Organisation.
Partei und Gewerkschaft sind die aus der vorrevolutionären Zeit überkommenen Organisationen des klassenbewußten Proletariats.
In ihnen wurde von der Arbeiterschaft der Klassenkampf gegen das kapitalistische System der bürgerlichen Gesellschaft geführt.
Dabei fiel der Partei die Verfechtung der politischen Interessen mit weitgesteckten Zielen zu, während die Gewerkschaft um die nächstliegenden wirtschaftlichen Interessen des Tages kämpfte. Diese Scheidung der Aufgaben entsprach den Bedingungen, die sich für den Klassenkampf aus dem Charakter und der Struktur der Gesellschaft im vorrevolutionären Zeitalter ergaben.
Die erwachsene Arbeitergeneration von heute ist, sofern sie im Klassenkampfe steht, in den beiden Organisationen Partei und Gewerkschaft groß geworden.
Sie sah und sieht noch in der Zugehörigkeit zu ihren Organisationen die erste Pflicht des klassenbewußten Proletariers, den Beweis seiner politischen Reife und den Ausdruck seines Willens zum Kampfe. Politisch und gewerkschaftlich organisiert zu sein, galt ihr und gilt ihr noch als etwas so Selbstverständliches, Ernstes und beinahe Heiliges, daß jeder Versuch, sie von ihren Organisationen abzubringen, ihr als feindliche, reaktionäre, gegen die Interessen der Arbeiterklasse gerichtete Handlung erscheint.
Die in der Tradition alt Gewordenen bedenken dabei nicht, daß alles in der Welt gut und richtig ist nur zu seiner Zeit. Ist diese Zeit vorüber, wird das Gute schlecht und das Richtige falsch; Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.
Die Revolution, eine Epoche grundstürzender Veränderungen, die keinen Stein dieses Gesellschaftsbaues auf dem andern lassen wird, geht auch an den Organisationen des Proletariats nicht spurlos vorüber. Sie stürzt das Alte, um aus den Ruinen neues Leben zu erwecken.
Da ist es an der Zeit zu untersuchen: Welche Umstände und Bedingungen waren es, die Partei und Gewerkschaft im vorrevolutionären Zeitalter so große Bedeutung verliehen? Sind diese Voraussetzungen heute noch gegeben, und können Partei und Gewerkschaft vor den Erfahrungen und Erfordernissen der Gegenwart bestehen? Oder aber drängen etwa neue Bedingungen und höhere Ziele des Klassenkampfes zu zeitgemäßeren, rationelleren, wirksameren Organisationsgebilden? Wenn ja — welche Art der Organisation ist nunmehr die Organisation der Revolution, des revolutionären und sozialistischen Zeitalters?
II. Die Partei.
Die Partei ist bürgerlicher Herkunft. Sie stellt die klassische Organisation für die Interessenvertretung der Bourgeoisie dar. Ihre Entstehung fällt in die Zeit, in der die bürgerliche Klasse zur Herrschaft kam. Und zwar entstand sie im Zusammenhange mit dem Parlament. Das Parlament hinwiederum ergab sich aus der Organisation des bürgerlichen Staates; es bildet eine seiner wichtigsten und kennzeichnendsten Erscheinungs- und Betätigungsformen. Also: bürgerlich-kapitalistischer Klassenstaat, Parlament und Partei gehören zusammen, sind mit einander verwachsen; eins bedingt das andere, jedes funktioniert nur in Verbindung mit den übrigen.
Hatte im Feudalstaat die Gesetzgebung in den Händen des selbstherrlichen Monarchen gelegen, der seinen absolutistischen Willen in Dekreten oder Ukasen kundgab, so ging sie im Bourgeoisstaat (der sich in seiner entwickeltsten Form als Republik präsentierte) auf das Parlament über, eine Körperschaft aus gewählten Vertretern des Volkes, d. h. vorwiegend der besitzenden Schichten des Volkes. Schließlich stellte das Parlament auch die Regierung, wenigstens die Spitzen des bürokratischen Verwaltungsapparates im Staate.
Um auf Gesetzgebung und Verwaltung Einfluß zu gewinnen, schlossen sich die verschiedenen Interessentengruppen der bürgerlichen Klasse für die Zwecke der Wahlpropaganda, Stimmenwerbung usw. zu politischen Wahlvereinen zusammen. Aus diesen gingen mit schärferer programmatischer Ausprägung und strafferem Organisationsgefüge die Parteien hervor. Bürgerliche Parteien zur Vertretung und Verfechtung bürgerlicher Interessen im bürgerlichen Parlament.
In dem Maße, in dem sich das Proletariat zur Klasse entwickelte und als besondere Klasse mit eigenen Interessen fühlen lernte, verließ es die Gefolgschaft der bürgerlichen Gruppen, ging bei den Parlamentswahlen selbständig vor und schloß sich zu diesem Zwecke zu proletarischen Vereinen, Wahlvereinen (Allgemeiner deutscher Arbeiterverein, Verband deutscher Arbeitervereine, Demokratische und Sozialdemokratische Wahlvereine) und später zu Parteien (Eisenacher Sozialdemokratische Arbeiterpartei, Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, Sozialdemokratische Partei Deutschlands) zusammen.
Die Partei als politisches Organisationsgebilde stammt also aus bürgerlicher Zeit, ist aus dem Wesen des bürgerlichen Staates geboren, durch den bürgerlichen Parlamentarismus bedingt und auf die bürgerliche Methode, Politik zu treiben, nämlich mittels parlamentarischer Betätigung, eingestellt. Selbst wenn sich ihre Mitglieder aus dem Proletariat rekrutieren, kann sie ihren Charakter im organisationstechnischen Ausbau wie in der politisch-taktischen Funktion nicht verleugnen oder abstreifen; sie bleibt eine Zusammenfassung der Kampfkräfte nach den Bedürfnissen und Erfordernissen bürgerlicher Politik, eine Formation und Waffe für die Interessenkämpfe auf der Basis bürgerlicher Politik, ein Instrument, das nur funktionsfähig und wirksam ist in den Methoden bürgerlicher Politik.
Die Partei, bürgerlicher Herkunft, ist somit auch bürgerlichen Wesens.
Das bürgerliche Wesen ist organisatorisch charakterisiert durch den Zentralismus.
III. Der Zentralismus.
Der Zentralismus ist ein Organisationsprinzip, nach dem alle Betätigungen einer Organisation, ihre Leitung und ihr Ziel von einem Mittelpunkte (Zentrum) ausgehen und auf ihn zurückführen.
Er findet immer dort Anwendung, wo wenige über viele herrschen wollen.
Im bürgerlichen Staat, der organisierten Herrschaftsgewalt einer Minderheit (Bourgeoisie) über die Mehrheit (Proletariat), findet der Zentralismus seine klassische Anwendung und Durchführung. Bürokratie, Steuerwesen, Gerichtsbarkeit, Schulbetrieb, vor allem aber der Militarismus, weisen straff zentralistischen Aufbau auf.
Auch die Partei verkörpert das Prinzip des Zentralismus. Sie gleicht einer Pyramide, die stufenweise aufsteigt. Unten die Masse der Mitglieder, die zu zahlen und zu gehorchen haben; von Stufe zu Stufe ein Kreis von Führern in gestaffelter Rangordnung, mit immer höheren Gehältern,
größeren Kompetenzen und stärkerer Befehlsgewalt. An der Spitze (Zentrale) endlich bei ein paar Leuten oder gar einem einzigen Menschen die höchste Autorität und die letzte Entscheidung. Alle Initiative, alle Dispositionen, aller Einfluß, alle Verfügungsgewalt ist bei den Führern; sie haben den Verwaltungsapparat, die Rednerliste, die Mandate, die Presse, die Kasse in ihren Händen. Die Masse wird gegängelt, geleithammelt, durch militärische Brutalisierung oder listige Umschmeichelung in Abhängigkeit und Unterjochung gehalten; sie bildet das Stimmvieh bei Wahlen; ihre höchste Tugend ist der Kadavergehorsam — die Parteidisziplin.Der Zentralismus hat den Vorteil, daß er die vorhandenen Kräfte konzentriert, zur Einheit zusammenfaßt, zum Ganzen verbindet und dadurch zu größerer Leistung nach einheitlichem Gesichtspunkt befähigt; aber auch den Nachteil, daß er die Einzelinitiative ertötet, den Willen der Mitglieder lähmt, die individuelle Kraftentfaltung unterbindet und damit das Individuum in seiner Entwicklung zu selbständiger Persönlichkeit, zu Selbstbewußtsein und Selbständigkeit verhindert. Er ist ein Organisationssystem für Herren über Knechte.
Das Gegenstück des Zentralismus ist der Föderalismus, der dem einzelnen größtes Selbstbestimmungsrecht und weiteste Betätigungsfreiheit gewährt — ein Vorteil, dem freilich der Nachteil mangelhafter Zusammenfassung der Kräfte zum zielbewußten und leistungsfähigen Ganzen gegenübersteht. Die Partei hat dank ihrem zentralistischen Aufbau in vorrevolutionärer Zeit Großes geleistet. Sie stellte einen kunstvoll konstruierten Mechanismus dar, einer modernen Maschine vergleichbar, bei der ein Druck auf einen Knopf genügt, um von einer Zentralstelle aus ein tausendfaches Hebel- und Räderwerk in Gang zu setzen und nützliche Leistungen zu vollbringen. Sie hat nur einen Fehler: daß sie in dem Augenblicke versagt, in dem sie am nötigsten gebraucht wird. Wann wird sie am nötigsten gebraucht? In der Revolution. Da sollen von der Zentrale aus, die den Generalstab bildet, Parolen ausgegeben werden, Dispositionen, Ratschläge, Befehle hinausgehen. Die Führer drücken auf den Knopf . . . aber die Leitung versagt. Denn die Revolution beginnt mit großen Wirtschaftskämpfen, mit Streiks, Unruhen, Sabotageakten, Störungen aller Art. Da stehen die Eisenbahnen still, verkehrt keine Post, stockt der Telegraphen- und Telephonverkehr, versagt der Kurierdienst. Da können auch die Parolen und Befehle nicht ins Land hinaus. Die Leitung ist abgeschnitten von den Massen, die sich, da sie durch das zentralistische System zur Unselbständigkeit erzogen worden sind, nicht zu helfen wissen. Es kommt keine Einheitlichkeit der Kampfführung zustande. Ratlosigkeit, Verwirrung und Niederlage sind die Folge.
Der zentralistische Parteiapparat hat, soll er funktionieren, zur Voraussetzung, daß der zentralistische Staatsapparat funktioniert. Das ist in friedlichen, vorrevolutionären Zeiten der Fall. Darum war in diesen Zeiten die Partei ein treffliches Instrument, das tadellos funktionierte und glänzende Erfolge hatte. Mit der Revolution aber hört dies auf. Die Partei versagt. Sie läßt die kämpfenden Massen im Stich. Weil die Leitung gestört ist, steht die Maschine still.
Aber auch die Führer versagen. Als Berufsführer in festen Stellungen mit geregelter Arbeitszeit und einem Gehalt, daß über den Arbeiterlohn hinausgeht, sind sie keine Proletarier mehr; sie sind Beamte in gehobenen Lebensverhältnissen. Kleinbürgerliche Beamte mit kleinbürgerlichen Lebensgewohnheiten und bald auch mit kleinbürgerlicher Denkweise. Als solche verabscheuen sie die Unordnung und Unbequemlichkeit, die Aufregung und Unsicherheit — die Revolution. Der Zentralismus hat sie zu Verwaltungsmenschen erzogen, nicht zu Kämpfern. Sie wissen am
grünen Tisch und in den Akten Bescheid, aber nicht im Betrieb, in den Fabriken. Sie verstehen zu reden, zu rechnen, zu kalkulieren, zu verhandeln, statistische Fragebogen auszufüllen und Paragraphen zu reiten; aber sie verstehen sich nicht auf die Taktik der Revolution.Weil sie Beamte sind, keine Proletarier, versagen sie in der proletarischen Revolution, mit der sie innerlich nichts verbindet.
IV. Die Taktik.
Das taktische Prinzip des Bürgertums liegt im Verhandeln. Das kommt her von handeln = feilschen, schachern, übervorteilen, Geschäfte machen.
Die bürgerliche Politik ist die Uebertragung der kapitalistischen Geschäftspraktiken von Markt und Kontor in Parlament und Amtsstube.
Der klassische Kampfboden der bürgerlichen Politik ist das Parlament. Hier ist auch die politische Taktik des bürgerlichen Elements in Reinkultur entwickelt. Der Börsenbetrieb ins Politische übersetzt. Man redet und gestikuliert, blufft und überlistet, mogelt und schiebt, sucht einander zu täuschen, zu prellen, zu übervorteilen, macht Ueberrumpelungen, Tricks, Abstimmungsmanöver. Kaufleute und Advokaten, die typischen Repräsentanten der Bourgeoisie, stellen die gewiegtesten Politiker im parlamentarischen System.
Der Parteibeamte wächst, ob er will oder nicht, in die Taktik des Verhandelns hinein. Besonders wenn er, was häufig der Fall ist, zugleich Abgeordneter irgendeines Parlaments ist. Notgedrungen stellt er sich, will er sich behaupten, auf die parlamentarische Methode, Politik zu treiben, ein, bis sie ihm geläufig ist. Er schwätzt, eignet sich Kniffe an, verhandelt, täuscht, betrügt. Seine Partei gilt ihm als sein Geschäft, seine Firma, die er mit allen Mitteln zu vertreten hat; jede andere Partei ist ein Konkurrenzgeschäft, das man herunterreißt, bekämpft, zu diskreditieren und zu schädigen sucht. Wie der beste Geschäftsmann der ist, der die meiste Ware verkauft und das meiste Geld verdient, so ist der beste Parteimann der, der die meisten Parteimitglieder wirbt, die meisten Parteiblattleser gewinnt, die meisten Parteiwähler an die Urne treibt. Parteimann sein, heißt Parteigeschäfte machen; Parteitaktik verfolgen heißt die Interessen der Partei um jeden Preis durchsetzen. Zieht die Phrase nicht, tut's der Schwindel — Geschäft ist Geschäft.
In dieser Taktik sind auch die Führer der proletarischen Parteien geübt und firm. Und in vorrevolutionärer Zeit, im Wettkampfe mit den Vertretern der Bourgeoisie, im Parlament, im Verkehr mit Behörden, am Verhandlungstisch mit Unternehmern haben sie mit dieser Taktik manchen Erfolg, manchen Vorteil für das Proletariat herausgeschlagen.
Heute aber handelt es sich nicht mehr um die Erringung kleinerer oder größerer Vorteile für das Proletariat. Heute geht's ums Ganze. Die Revolution hat eine völlig neue Aufgabe gestellt.
Diese Aufgabe kann nicht gelöst werden durch Schachern und Feilschen mit der Bourgeoisie, durch Kompromisse und Teilzahlungen.
Sie wird gelöst durch den Kampf, durch die Revolution. Dazu bedarf das Proletariat einer neuen Taktik. Der revolutionären Taktik.
Aber in der Partei liegt die Entscheidung in den Händen der Führer. Die Massen haben nichts zu sagen. Und die Führer, auf die alte Taktik der vorrevolutionären Zeit eingestellt, selber in unrevolutionärer Denkweise befangen, dem Drang der Massen nach revolutionärer Entscheidung teils verständnis- und hilflos, teils bewußt ablehnend gegenüberstehend — was sollen sie tun?
Sie — verhandeln. Damit begeben sie sich auf den Boden der bürgerlichen Methode, Politik zu machen. Mit Recht sieht die Bourgeoisie im Geneigtsein des Proletariats zu Verhandlungen ein Eingeständnis seiner Schwäche. In dieser Schwäche unterliegt es.
So versagt die Verhandlungstaktik, weil sie eine bürgerliche Taktik ist und weil die Revolution nicht nach der Methode bürgerlicher Politik gemacht werden kann. Versagen wirkt wie Verrat — kein Wunder, daß die enttäuschten Arbeiter dann über Verrat klagen und in den Berufsführern die Verräter ihrer Interessen sehen. In den Führern der Parteien sowohl als auch — namentlich — in den Führern der Gewerkschaften.
V. Die Gewerkschaften.
Wie die Parteien, so entstammen auch die Gewerkschaften dem bürgerlichen Zeitalter. Aus den Nöten einer großen Krise der sechziger Jahre wurden sie geboren.
Aber im Gegensatz zu den Parteien der Arbeiterklasse gaben sie sich nie revolutionär. Von Anfang an erklärten sie sich für politisch neutral und beschränkten sich in ihrem Wirken auf die Herbeiführung besserer Lohn-, Lebens- und Arbeitsverhältnisse für die Arbeiterklasse im Rahmen des kapitalistischen Systems. Das ist, ohne Umschweife und Verschleierung, ein reformistisch-opportunistisches Programm.
Dem Verzicht auf große Ziele entsprach der Verzicht auf große Kämpfe. Nie dachten sie ernstlich daran, dem Kapital die geschlossene Front des Proletariats gegenüberzustellen; entstanden in den Zeiten des wirtschaftlichen Kleinkriegs gegenüber einem nur in geringem Grade kartellierten Unternehmertum, begnügten sie sich als beruflich gegliederte Organisationen mit der Erzielung materieller Vorteile für einzelne Berufszweige. Sie schufen und förderten die Berufskonkurrenz. Sie trennten den Arbeitenden vom Arbeitslosen, den Gelernten vom Ungelernten, den jugendlichen vom älteren Arbeiter, den Mann von der Frau. So zerrissen sie die proletarische Front, führten Klassenschichten ein und lähmten damit den Klassenkampf.
Gefördert wurde diese Tendenz durch ein ausgebreitetes Unterstützungswesen, das Staat und Unternehmertum entlastete und die Gesinnung der Arbeiter durch Züchtung kleinlichster egoistischer Interessenjägerei geradezu verpestete.
Von dem immer machtvoller in Trusts und Syndikaten zusammengeschlossenen Unternehmertum wurden sie in die Defensive gedrängt, verfielen dem ausgesprochensten liberalen Reformismus, vermieden nach Möglichkeit große Streiks, die ja gewollt oder ungewollt politischen Charakter annehmen mußten, und begnügten sich mit Ausgleichsverhandlungen über Tarife, Kollektiv-Verträge usw. Ihre Kämpfe um Lohn usw. wurden Selbstzweck, statt Mittel zum Zweck der Herbeiführung des Sozialismus. Aus dieser Verfassung der Gewerkschaften erklärt sich der Schauder vor Massenstreik und einheitlicher Massenorganisation. Generalstreik wurde vorweg verächtlich gemacht als Generalunsinn, ja als die Revolution den Generalstreik als erste bewußte und machtvolle Erhebung des Proletariats als Klasse forderte, schrie die gesamte Gewerkschaftsbürokratie: Generalstreik ist Generalverbrechen!
Diese Gewerkschaftsbürokratie ist das Produkt der zentralistisch-bürokratischen Organisationsform. Alles, was über die Parteiführer gesagt wurde, trifft auf die Gewerkschaftsangestellten in erhöhtem Maße zu. Sie stellen das echte Bonzentum dar, bilden die typischen Unteroffiziere der Arbeiter-Armee. Auf Gedeih und Verderb mit ihren Verbänden verwachsen, in ihrer Existenz von deren Existenz abhängig, vermögen sie die soziale Frage nie anders als durch die Brille ihrer engen Verbandsinteressen zu betrachten;
im Konflikt zwischen Klassenkampf und Verbandskasse, Gesamtwohl und Futterkrippe entscheiden sie sich immer für die letzteren. Selbst der Vorsitzende der KPD., Paul Lange, vor die Entscheidung gestellt, griff zum Brotkorb und ließ die kommunistische Gesinnung fahren. Und das geschah am grünen Holze! Diese Gewerkschaftsbeamten waren während des Kriegs die schlimmsten Durchhaltepolitiker und ärgsten Annexionisten; während sie sich selbst reklamieren ließen, brachten sie jeden Vertreter der Opposition durch Denunziationen bei der Militärbehörde in den Schützengraben und vor die feindliche Kugel. Sie halfen das schmachvolle Hilfsdienstgesetz schaffen und suchten bis zur letzten Stunde den Ausbruch der November-Revolution zu verhindern. Kurz darauf schlossen sie mit dem Unternehmertum die Arbeitsgemeinschaft, den zweiten Burgfrieden im Interesse des Geldsacks, und betätigten sich in den Revolutionskämpfen als die bösartigsten und niederträchtigsten Hetzer gegen die kämpfenden Arbeiter. Durch schändlichen Verrat halfen sie die Kämpfe im Ruhrgebiet in Arbeiterblut ersticken, und als der Weiße Schrecken darnach Tausende von Proletariern in Gefängnisse und Zuchthäuser warf, saßen Gewerkschaftsbeamte mit in den Standgerichten, die diese blutigen Urteile fällten.Für die Gewerkschaften und ihre Bürokratie, schon in normalen Zeiten ein Hindernis und eine Gefahr der Entwicklung, gibt es heute nur eins: Ausrottung, Sprengung, Vernichtung. Rücksichtslos hinweg mit ihnen in einer Zeit, die dem Kapitalismus im Lande und seinen Fronherren in der Entente die Weiterexistenz nur möglich macht dadurch, daß sie das arbeitende Volk — mit Hilfe der Gewerkschaften — doppelt und dreifach auspressen können! Oder sind nicht die Gewerkschaften überall für das Akkordsystem eingetreten? Haben sie nicht das Verfahren von Ueberschichten, das Leisten von Ueberstunden usw. allenthalben gebilligt oder gar gefordert? Waren sie nicht stets und ständig die gefälligen Hausknechte des Unternehmertums? Beim Betriebsrätegesetz? In den Schlichtungsausschüssen? Gegenüber den Arbeitslosen? Gibt es überhaupt noch eine von den Kapitalisten gegen die Arbeiterschaft unternommene Gaunerei und Schurkerei, bei der nicht die Gewerkschaften ihre Hand im Spiele hätten?
Eine Revolutionierung dieser verrotteten und verwahrlosten Gebilde ist unmöglich. Unmöglich ihre Umformung zu Instrumenten des Klassenkampfes. Auch eine Reformierung ist eine Illusion. Sie würde unendliche Zeit erfordern, die revolutionäre Situation verpassen und brächte an Stelle der SPD.-Bürokraten bestenfalls USP.- oder KPD.-Bürokraten — das hieße den Teufel durch Beelzebub austreiben. Reformieren oder revolutionieren von innen aus hieße: etwas erhalten und erneuern wollen, was vernichtet werden muß. Vernichtet mit Stumpf und Stil. Da helfen keine Sentimentalitäten! Da hilft kein Hinweis auf die große Zahl der Gewerkschaftsmitglieder! Alles Larifari! Trotz der großen Mitgliederzahl können die Gewerkschaften nicht einen einzigen Streik durchführen, weil sie den Zusammenbruch der Organisation und den Bankrott der Kassen befürchten; keinen Anschlag der Unternehmer auf die Rechte und Interessen der Arbeiter abwehren. Was sollen sie also noch?
Der revolutionäre Arbeiter hat kein Interesse mehr an der Erhaltung dieser Bonzen-Versorgungsinstitute, dieser Schutzgarden der Kapitalsinteressen, dieser Organisationen für systematischen Arbeiterverrat.
Er hat nur noch Interesse an ihrer raschen und gründlichen Beseitigung!
VI. Die Betriebs-Organisation.
Wir stehen am Ende der bürgerlich-kapitalistischen Epoche. Die Revolution versetzt ihr einen Todesstoß nach dem andern, bis sie ins Grab sinkt. Ihr Untergang bedeutet nicht nur das Ende des Privateigentums und der auf ihm aufgebauten Profitwirtschaft, nicht nur das Ende des heutigen Staates und der Staatsmachthaber, die sein System repräsentieren; sie reißt alles und jedes mit sich, was bürgerlich-kapitalistischen Wesens ist: auch die Organisationsformen dieses Zeitalters, auch Partei und Gewerkschaft.
Die Revolution, die Vollstreckerin des von der Geschichte gesprochenen Todesurteils über Kapital und Bourgeoisie, fegt sie hinweg.
Wir stehen am Anfang dieses Prozesses.
In den Massen ist das Vertrauen zu Partei und Gewerkschaft stark erschüttert. Mit jeder Parteispaltung ist die Zahl derer, die abseits vom Parteileben stehen blieben, größer geworden. In den Gewerkschaften, wo sich das Spiel des Ausschließens und Spaltens wiederholt, setzt dieselbe Erscheinung ein. Neue Organisationen sind aufgekommen und setzen sich durch: Betriebs-Organisationen, die aus Massenkämpfen entstanden sind, und ihre Zusammenfassung auf der breiten Klassengrundlage des Proletariats, die Allgemeine Arbeiter-Union.
Die Betriebs-Organisation (BO.) ist nicht in dem Sinne neu, daß sie auftauchte als etwas nie oder auch nur ähnlich Dagewesenes; aber neu in dem Sinne, daß sie während der Revolution überall herausspringt als notwendige Waffe des Klassenkampfes gegen den alten Geist und das ihm zugrundeliegende Fundament. Sie ist nicht von Führern ersonnen, nicht im Studierzimmer oder am grünen Tisch ausgeklügelt, sondern unmittelbares Ergebnis der Erfahrungen und Notwendigkeiten des revolutionären Kampfes.
Die BO. erfaßt den Arbeiter dort, wo er am revolutionärsten ist; im Betrieb. Während er in seiner Behausung, in der Versammlung usw. mehr oder weniger Kleinbürger ist, durch die bürgerlichen Lebensformen der Ehe, der Familie, der Mietwohnung, des Besitzers im kleinbürgerlichen Milieu festgehalten wird und sich, meist unbewußt, im Banne der bürgerlichen Ideologie bewegt, steht er im Betrieb, als reiner Proletarier, den Kapitalisten gegenüber. Hier erfüllt ihn eine andere Stimmung, eine andere Erkenntnis; hier ist er Revolutionär.
Und hier muß er für die Revolution erfaßt werden. Mit Gleichgesinnten, revolutionär Denkenden und Tatbereiten bildet er im Betriebe eine revolutionäre Korporalschaft, die ganz locker aufgebaut ist, ohne Führer, mit eigener Kasse, und die alle organisatorischen Aufgaben selbst und selbständig erledigt. Diese BO. ist nicht nach Berufen gegliedert, keine Konkurrenz-Partei und kein Gewerkschafts-Ersatz, keine neue Versorgungs-Gelegenheit für Bonzen, keine Unterstützungs-Einrichtung, keine Erwerbslosenkasse, kein Krankenhilfsverein, keine irgendwie geartete Versicherung, sie fragt nicht nach Partei- und Gewerkschaftszugehörigkeit seither — sie fragt nur nach dem ernsthaften und entschlossenen Willen zur Revolution, denn sie ist reine proletarische Kampforganisation und hat keine andere Aufgabe als die: das Feuer der Revolution zu schüren.
In der BO. geht der geistige Kampf, die Revolutionierung des Bewußtseins, in unaufhörlichem Hin und Wider von Mann zu Mann, von Masse zu Masse. Alles ist gerichtet auf das höhere Klasseninteresse, nicht auf Vereinsmeierei, auf das Berufsinteresse, auf den nächsten reformistischen Kleinerfolg einer Lohnerhöhung oder Kinderzulage. Eine solche Organisation wird zu einem unendlich beweglichen Instrument des Klassenkampfes, zu einem revolutionären Brutherd, zu einem durch ständig mögliche Neu
wahlen, Abberufungen usw. immer von frischem Blut sprudelnden Organismus. Führer werden nur von Fall zu Fall gewählt, sie sind immer nur Ausführer eines Auftrags, stehen ständig unter der Kontrolle ihrer Auftraggeber, von denen sie jeden Augenblick mittels des Rückberufungsrechts ihres Mandats entkleidet werden können.Die größte Aufgabe wird die BO. beim Aufbau der kommunistischen Wirtschaft erhalten. Und in der Erfüllung dieser Aufgabe wird ihre höchste Bedeutung liegen. Denn der Aufbau kann nur von den Betrieben aus erfolgen und durch die im Betrieb schaffenden Kräfte bewirkt werden. Kein Außenstehender ist imstande, die Wechselwirkung der Kräfte im Betrieb und ihr Zusammenwirken zum einheitlichen Erfolg zu dirigieren; keine Gewerkschaft kann, eben weil sie nicht im Betriebe selbst wurzelt, den Aufbau vollbringen. So ist die BO. nicht bloß Kampf-, sondern auch Aufbau-Organisation, eine Zelle, die sich mit vielen Tausenden ihresgleichen zum lebendigen Organismus verbindet.
Natürlich nicht zufällig und wahllos, sondern in geordneter Gruppierung und Staffelung. Das nächste ist wohl, daß sich die Betriebs-Organisationen lokal zu Ortsgruppen, dann aber über Wirtschaftsgebiete hinweg zur Allgemeinen Arbeiter-Union vereinigen.
VII. Die Einheitsorganisation.
In der vorrevolutionären Epoche hatte es Sinn und Berechtigung, politische und wirtschaftliche Organisationen getrennt nebeneinander zu haben. Denn politische Kämpfe wurden als politische Kämpfe, in den Formen und mit den Mitteln des politischen Kampfes geführt; dazu bedurfte man der politischen Organisation. Und wirtschaftliche Kämpfe, geführt um Lohn, Arbeitszeit, Arbeiterschutz, soziale Reformen; dazu war die wirtschaftliche Organisation da.
In der Revolution aber haben sich die Dinge geändert. Da spitzt sich auch der kleinste Lohnkampf im Handumdrehen zu einer politischen Aktion zu. Ja, das Bewußtsein, daß die Lage der Arbeiterschaft durch die Palliativmittel der reformistischen Erfolgs- und Zweckmäßigkeitspolitik in diesem Stadium überhaupt nicht mehr verbessert werden kann, weil die Teuerung, der Wucher, der nächste Steuerzettel sofort die erkämpfte Lohnzulage fortfrißt, macht jeden Kampf, wie er auch beginnen möge, eo ipso zu einer hochpolitischen, revolutionären Angelegenheit. Und jeder politische Kampf hinwiederum setzt heute sofort mit den Mitteln ein, die bisher nur Mittel des wirtschaftlichen Kampfes waren: Streik, Generalstreik, passive Resistenz, Sabotage, Betriebsbesetzung. So wird jeder politische Kampf notwendigerweise ein wirtschaftlicher Kampf. Im Verlauf der Revolution wechseln diese Kämpfe unausgesetzt ab, bald sind sie mehr politischen, bald mehr wirtschaftlichen Charakters, immer sind sie beides — eine politisch-wirtschaftliche Einheit revolutionärer Kämpfe, ein revolutionärer Einheitskampf, der — wer begreift diese Logik nicht? — die Einheitsorganisation des Proletariats erfordert.
Der revolutionäre Einheitskampf, geführt von politischen Parteien ohne die wirtschaftlichen Organisationen, endet mit dem Mißerfolg — die deutsche Revolution seit 1918 beweist es. Aber ebenso muß der revolutionäre Einheitskampf mit einem Fiasko enden, wenn nur die wirtschaftlichen Organisationen aktiv vorgehen, dagegen die politischen Parteien versagen — Italien und die fehlgeschlagene Aktion der Syndikalisten sind dafür Beweis genug. Hier wie dort wurde die Niederlage verschuldet dadurch, daß ein Flügel der organisierten Arbeiterschaft lahm blieb — in Deutschland der wirtschaftliche (die Expropriation der Betriebe, Bergwerke, Banken, Ländereien usw. unterblieb, während die politischen Positionen in unseren Händen waren), in
Italien der politische (die Arbeiter waren Herren der Betriebe, sie unterließen aber, Regierung, Parlament, Polizei, Militarismus usw. zu beseitigen). Hätte eine Einheitsorganisation bestanden, wäre dies unmöglich gewesen. Sie hätte in Deutschland, indem sie politisch siegte, sich ganz von selbst wirtschaftlich verankert, und in Italien, indem sie wirtschaftlich Fuß faßte, ganz von selbst ihre politische Manifestation gefunden.Der Dualismus (die Zweiheit) der proletarischen Organisationen ist ein Erbteil aus vorrevolutionärer Zeit, das heute, in der revolutionären Phase, zum Verhängnis der Arbeiterklasse wird. Er muß verschwinden und der Einheit Platz machen. Einheitskämpfe verlangen eine Einheitsorganisation.
Die Schriftgelehrten der KAPD. fälschen den Begriff Einheitsorganisation, wenn sie ihn auslegen als die „vollendete Räteorganisation, die Einheit der Räteorganisation, die einheitliche Organisation der auf der Grundlage der Gemeinschaft produzierenden Gesellschaft“. Danach wäre die Einheitsorganisation ein Verschmelzungsprodukt aus politischen und wirtschaftlichen Räten, das erst nach der Machtergreifung entstehen könnte. In Wirklichkeit aber handelt es sich bei der Einheitsorganisation um die Vereinigung von Partei und Gewerkschaft vor der Machtergreifung — ein Organisationsgebilde, das den Parteinutznießern begreiflicherweise sehr unbequem und unerwünscht ist, weil es die Aufgabe der Partei (und den Verlust der Partei-Futterkrippen!) zur Voraussetzung hat.
Die Einheit der Räte — für Aufbau- und Verwaltungszwecke — wird gewiß einmal kommen; aber sie wird am besten vorbereitet und fundiert in der Einheit der Organisation für revolutionäre Kampfzwecke. Und dieser revolutionäre Einheitskampf gelangt nicht zum Siege ohne die revolutionäre Einheitskampf-Organisation.
VIII. Die Räte.
Die autoritär-zentralistischen Organisationen, Partei und Gewerkschaft, führen im Falle der Uebernahme der Staatsmacht mit innerer Notwendigkeit zum Bureaukratismus. Wie sollte es auch anders sein! Die Partei muß, will sie sich in der Macht halten, alle wichtigen Posten sofort mit zuverlässigen Leuten besetzen. Diese in ihrem Sinne zuverlässigen, d. h. in ihrem Sinne revolutionären Leute nimmt sie aus ihren Reihen. So werden Parteibonzen und Regierungsbonzen, und die Staatsmacht ist in Wirklichkeit nur die ins allgemeingültige projizierte Parteimacht. Gesinnungstüchtigkeit im Parteisinne ist erste Vorbedingung der Herrschaft. Indem die Parteimachthaber nun aber als Staatsmachthaber über Polizei, Heer, Exekutive, öffentliche Meinung, Gerichte, Kerker und — last, not least! — Notendruckmaschinen verfügen und eine Diktatur etablieren, entsteht die Parteidiktatur, die sich nicht bloß gegen die Bourgeoisie und die gegenrevolutionären Schichten des Proletariats, sondern auch gegen die revolutionären Schichten des Proletariats wendet, sofern diese in einem anderen als dem amtlich zulässigen, behördlich abgestempelten Parteisinne revolutionär sind. Ein einfacher demagogischer Fälschertrick, der jede von der Parteinorm abweichende revolutionäre Gesinnung als „konterrevolutionär“ denunziert, schafft dafür die ethisch-politische Rechtfertigung. So sitzen in Rußland die glühendsten und hingebungsvollsten Revolutionäre zu Tausenden im Kerker, nur deshalb, weil sie nicht im Sinne des Bolschewismus, d. h. der zufällig herrschenden Partei, revolutionär sind; und jeder Oktober-Bolschewist, dessen einzige revolutionäre Leistung darin besteht, daß er sich unter kluger Ausnutzung der politischen Konjunktur und unbelastet von wahrem revolutionärem Geiste an die
Staatsfutterkrippe zu drängen wußte, darf diese Vorkämpfer der Revolution unter dem Beifall seiner Partei und seiner Regierung als „Konterrevolutionäre“ bespeien. In Rußland hat sich auch *praktisch* herausgestellt, was theoretisch selbstverständlich ist: daß eine zentralistische Partei — und wäre sie von redlichstem Willen beseelt — *niemals Räte zu schaffen imstande ist*. Sie versackt eben im Bureaukratismus. Sie existiert in ihm und durch ihn. Rußland hat die Bürokratie der Kommissariate. *Sie regiert. Es hat kein Rätesystem.* Die in öffentlichen Wahlen, nach Parteilisten und unter unerhörtem Regierungsterror zustandekommenden Sowjets sind keine Räte im revolutionären Sinne. Sie sind Rätekulissen. Sind eine politische Täuschung. Ein Weltbetrug. Alle Herrschaft in Rußland liegt bei der Bureaukratie — *der Todfeindin des Rätesystems*. Der Todfeindin, weil das Halbe immer der Feind des Ganzen ist.Mit der Bürokratie des Zentralismus konnte man den bürgerlich-liberalen Staat aufbauen, organisieren, in Gang halten. Konnte man auch die kapitalistische Wirtschaft entfalten. (Wenige herrschen über viele und beuten sie aus.
Die proletarische Selbstregierung aber und die sozialistische Wirtschaft erfordern das Rätesystem. (Alle produzieren für den Bedarf, und alle nehmen Anteil an der Verwaltung.)
Die Partei verhindert Rußland, zum Rätesystem zu kommen. Ohne Räte aber kein sozialistischer Aufbau, kein Kommunismus. Parteidiktatur ist Bürokratenherrschaft ist Despotie der Kommissare; ist Staatskapitalismus, ist schlimmere Ausbeutung und Knechtschaft. Die Diktatur des Zarismus war die Herrschaft einer Klasse über Klassen. Die Diktatur der Bolschewiki ist die Herrschaft von 5 Prozent einer Klasse über andere Klassen und 95 Prozent der eigenen Klasse. Es gibt keinen größeren Feind der Klassendiktatur als die Parteidiktatur. Das heißt: es gibt kein größeres Hindernis zum Sozialismus, keine größere Erschwerung der Revolution, keinen größeren Gegner des Rätesystems als — die Partei. Die Ueberwindung der Partei ist elementare Voraussetzung der Revolution, des Rätesystems, des Sozialismus.
Räte entstehen in den Betrieben. Sie enthalten nur proletarisches Element. Als Vertrauenskörper aller Schaffenden gehen sie aus geheimen Wahlen hervor. Keine durch staatliche Machtmittel privilegierte Partei genießt in ihm Vorrechte. Ihr Bestand und ihre Zusammensetzung sind unausgesetzt der jeden Augenblick wirksamen Kontrolle des Rückrufsrechts unterstellt. So spricht sich in ihnen der Wille der tätigen Massen aus. Die Spaltung in Führer und Ge(nas)führte, Regierende und Regierte, Kluge und Esel hört auf. Wie alle arbeiten, so tun alle ihren Willen kund; alle regieren sich selbst. „Die bourgeoise Organisationsform ist eingestellt auf das Individuale, sie trägt ihre Blüten im Heroenkult, die Masse ist ihr das Knetmaterial für ‚Bevorzugte‘. Die proletarische Organisationsform führt das Individuum zurück in das Gemeinsame, in das Soziale. Die Persönlichkeit, und sei es die größte, wird nicht gehätschelt werden, nicht in ferne Höhen steigen, sie wird sich nach allen Richtungen ausbreiten im Gemeinsamen, sie wird mit ihren strömenden Gluten die Massen durchdringen und mit der Masse gemeinsam wachsen.“ So schrieb einmal Dr. Schröder, als er noch kein KAP.-Bonze war und noch nicht mit dem russischen Rubel „sympathisierte“. Heute arbeitet er zentralistische „Richtlinien“ aus und schwärmt für die Parteidiktatur.
Die Propagierung der Räte durch die KAPD. war leeres, demagogisches Wortgeklingel, denn die KAPD. war eine Partei, und eine Partei ist auf die Bürokratie eingestellt. Genau so ist die KPD.-Parole: Wählt politische
Arbeiterräte! eine demagogische Flause, hinter der nichts anderes steckt als der Versuch, die im Wrack der Partei schwindende Macht der Bonzen auf dem Rettungsboot von Scheinräten in Sicherheit zu bringen, damit der Segen des Bonzentums dem Proletariat ja noch recht lange erhalten bleibe.Räte können nur vorbereitet werden von Organisationen, die in den Betrieben wurzeln, den Parteicharakter restlos überwunden und alle Parteiabhängigkeit abgestreift haben und in ihrem Aufbau das Rätesystem (nach Möglichkeit) verkörpern.
Fuente: Otto Rühle, Grundfragen der Organisation, Frankfurt a. M.: Verlag der Allgem. Arb.-Union (Einheitsorganisation), s. f. [1921], págs. 3-23. Transcripción hecha a partir de las imágenes del ejemplar de la Deutsche Nationalbibliothek (Leipzig) digitalizado en su visor (portal.dnb.de/bookviewer/view/1161489797); el OCR propio (tesseract), muy defectuoso por la letra gótica, no se utilizó más que para localizar páginas. Según la bibliografía de Stecklina (2002), el texto salió también en Dresde (Verlag der Kommunistischen Buchhandlung, s. f. [1921]) y como serie en Die Aktion y Die Revolution (1921); no se han cotejado esas versiones. Se respetan la ortografía y las vacilaciones del original («Bureaukratismus» junto a «Bürokratie», «darnach», «Stumpf und Stil», «KPD.», «KAP.-Bonze»), así como sus erratas gramaticales («ein Gehalt, daß über den Arbeiterlohn hinausgeht», «Keine … Partei genießt in ihm Vorrechte», el paréntesis sin cerrar tras «beuten sie aus.» en la pág. 21); se corrigen sin indicarlo dos erratas de imprenta evidentes («uud», «bürgerllchen»). Las cursivas reproducen el espaciado del original; la negrita irregular que presentan algunas líneas de la composición gótica no se reproduce. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.