Ohne das Studium der Seelenentwickelung des kleinen Kindes kann die Erziehung und Unterrichtskunst in der Tat auf festem Boden nicht begründet werden.

W. Preyer.

Die Individualität des Kindes.

Jeder Mensch ist ein Mensch für sich. Das heißt: er ist in seinem Wesen, seiner Gesamtpersönlichkeit eigenartig. Es gibt keinen zweiten wie er ist. Wie es in der ganzen großen Natur nicht zwei Dinge gibt — nicht zwei Blätter auf dem Baume oder zwei Haare auf dem Kopfe — die einander gleich wären, so existieren auch nicht zwei völlig gleichartige Menschen. Am wenigsten zwei gleichartige Kinder. Denn hier ist alles im Flusse; sie sind ganz besonders den unablässigen Veränderungen einer raschen, Körper und Geist umfassenden Entwickelung unterworfen. Betrachte deine Drei oder Vier, beobachte sie bei Spiel und Arbeit, in Freude und Traurigkeit, daheim und draußen — welche Verschiedenheit im Wesen, im Temperament, in der Veranlagung und im Charakter wirst du an ihnen wahrnehmen. Und dabei haben sie alle denselben Vater, dieselbe Mutter, dieselbe Ernährung, Pflege, Erziehung und Umwelt. Um wieviel größer und mannigfaltiger muß erst die Menge der Variationen bei Kindern verschiedener Familien, Elternpaare, Bevölkerungsklassen und Rassenmischungen sein! Die Summe aller persönlichen Eigentümlichkeiten, sowohl der körperlichen als auch der seelischen, die jeweilige individuelle Ausprägung des menschlichen Wesens nennt man Individualität.

Diese Individualität ist zunächst ererbt. Es steckt in ihr das körperliche und geistige Angebinde der Vorfahren, eine generative Aussteuer von Jahrzehnten und Jahrhunderten. Ganze Ahnenreihen werden im einzelnen Individuum wieder lebendig. „Den Grund zu dem, was der einzelne Mensch kann und soll, bringt er mit ins Leben; in jedem sind die allgemeinen Strebungen der Menschennatur vorhanden, jedoch nach unendlich verschiedenen Maßen und Graden.“ (Diesterweg.) Zu diesem Erbteil aus der Vergangenheit kommen die Einflüsse der Gegenwart; sie verhelfen zur erworbenen Individualität. Familie, Elternhaus, Heimat und Vaterland sind unendlich verschieden, schaffen und bieten ein ungemein mannigfaches Milieu und eine in tausend Variationen wechselnde Erziehungssphäre. „Der Geist, der die Familie beseelt, überträgt sich auf das Kind und wird zum Quell seines inneren Lebens. Auch die Kameraden, die Spielgenossen, die Leute der Heimat befruchten den Menschen mit einem Schatze individueller Anschauungen. Aber auf jeden wirken all diese Faktoren wieder ganz individuell.“ Schließlich ist das Ergebnis der zahlreichen und mannigfachen Einflüsse sozialer, landschaftlicher und völkischer Natur eine Persönlichkeit von bestimmter Prägung, eine Individualität.

Soviel Menschen, soviel Individualitäten. Und doch läßt sich bei aufmerksamer Beobachtung in der bunten und reichen Verschiedenartigkeit der Individualitäten nach zwei Richtungen hin etwas Typisches erkennen. Alle Eigenart geht letzten Endes auf zwei bestimmte psychische Konstitutionen zurück. Es sind zwei Extreme, zwei Pole vorhanden, zwischen denen sich die ganze Skala der geistigen und seelischen Wesensbilder in allen erdenklichen Nüancen und Mischungen ausbreitet. Man nennt sie den sensorischen und motorischen Typus. Danach gibt es sensorische und motorische Menschen.

Beide Bezeichnungen stammen aus dem Lateinischen. Dort heißt sensus der Sinn, die Empfindung; der sensorische Typus ist somit derjenige, bei dem die Empfindungsfähigkeit, das Gefühlsvermögen den Ausschlag gibt. Motorisch ist von der lateinischen Bezeichnung für Bewegung abgeleitet; unter dem motorischen Typus versteht man den, der vom Drange nach Bewegung, dem Bedürfnis nach Tätigkeit beherrscht wird. Dort ist die nachdenkliche Betrachtung, hier die rastlos tätige Schaffenslust das für die Wesensart Entscheidende. Nun beobachte und prüfe dein Kind, ob es mehr zum sensorischen oder zum motorischen Typus gehört.

Das motorische Kind ist immer unruhig und beweglich, seine Finger haben stets Beschäftigung, beim Stillesitzen, das ihm eine Qual ist, baumelt es mit den Beinen; beim Stehen tritt es von einem Fuß auf den anderen, hüpft, stampft den Boden, ist der sattsam bekannte „Zappelphilipp“. Im Fragen unermüdlich, scheint es doch aus den Antworten wenig zu lernen. Seine Handlungen sind schnell entschlossen, impulsiv; wird es beleidigt, so antwortet es kurz und rasch mit einem Schimpfwort oder einem Schlage. Es ist aggressiv, selbstbewußt, kühn, zaudert nicht, weiß immer Rat und entschließt sich im kritischen Augenblick. Das motorische Kind wird später im Leben der Mann der Tat.

Das Gegenbild seines Wesens verkörpert das sensorische Kind. Es ist ruhig, passiv, träge, grüblerisch veranlagt, in sich gekehrt, fragt wenig, lernt aber viel aus den Antworten, hält mit seiner Entschließung zurück, da es immer noch zaudert, überlegt und erwägt; im späteren Leben entwickelt es sich zum Gelehrten, Forscher, willigen Beamten und dienstbaren Geist, der wenig eigene Meinung, Selbständigkeit des Willens und Kraft zur Tat entwickelt.

Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, daß beide Typen selten rein in die Erscheinung treten, der Mensch ist im allgemeinen ein Gemisch der sensorischen und motorischen Konstitution. Gleichwohl neigt der eine mehr dem sensorischen, der andere mehr dem motorischen Typus zu, der eine in stärkerem, der andere in schwächerem Maße.

Die Verschiedenheit im psychischen Typus ist von außerordentlicher Wichtigkeit für die Erziehung. Ein motorisches Kind will wesentlich anders behandelt sein als ein sensorisches; jedes beansprucht seine eigene Methode, ein ihm zusagendes Tempo, seine besondere Behandlung. Dem sensorischen Kinde behagt die Lernschule, es lernt fleißig und fühlt sich wohl im Umgange mit Büchern, in aller Stille erwirbt es Kenntnisse und bildet sein Gedächtnis durch das Einprägen von Namen, Ziffern, Formeln und Geschichten. Der Belehrung durch Worte immer zugänglich, schafft es sich eine Welt der Begriffe und Abstrakta. Zu praktischer Tätigkeit hat es wenig Neigung, der Spieltrieb ist nicht sonderlich entwickelt, sein ganzes Wesen ist eben mehr aufnehmend als schaffend.

Dem motorischen Kinde dagegen ist die Schule ein Greuel, das Lernen eine Quälerei. Seine Welt ist das Spiel, der Sport, die praktische Tätigkeit. Es hat eine Abneigung gegen die Wortlernerei und Gedächtnisdrillerei, dagegen sagen ihm die Realien (Geographie, Naturkunde, Physik usw.) und Fertigkeiten (Turnen, Zeichnen) zu. Es begreift nur, was es gesehen hat, noch besser, was ihm zum Erlebnis geworden ist. Ein Spaziergang vermittelt ihm mehr neue Eindrücke als eine ganze Woche Unterricht, ein paar Wochen Ferien auf dem Gutshofe des Großvaters in Mecklenburg bringen seinen Geist weiter vorwärts und machen ihn reifer als ein Quartal Schulunterricht nach allen Regeln pädagogischer Kunst. Das motorische Kind ist jenes, dessen Vater nie verstehen kann, warum der Lehrer mit ihm unzufrieden ist. Wie geweckt und anstellig es sich zu Hause zeigt, wie geistig regsam und entschlossen es ist, wie es formt und baut, gestaltet und erfindet! Ein kleiner Baumeister und Künstler offenbart sich in ihm, wenn es mit des Vaters Werkzeug hantieren oder in der Werkstelle, im Garten oder auf dem Felde mit helfen darf. Und ein so flinkes, munteres, intelligentes, erfinderisches Kind soll dem Lehrer Anlaß zu Unzufriedenheit und Tadel geben? Soll seine Sprüche und Lieder nicht auswendig wissen, seine Geschichten nicht lernen, im Unterricht unaufmerksam sein und die Hausaufgaben nur mangelhaft oder überhaupt nicht anfertigen? Kaum glaublich! — Und doch; das Kind will eben keine Worte, kein anlernbares abstraktes Wissen, seine Natur verlangt Wirklichkeit, praktisches Erleben, Selbstschaffen, Erziehung durch die Tat.

Wir brauchen für den Unterricht in unseren Schulen nicht bloß Lehrzimmer und Sitzbänke, Bücher und Hefte, Karten und Tabellen, sondern auch Werkstätten und Geräte, Wiesenpläne und Gartenland, Hammer, Säge, Hobel, Messer, Schere, Winkelmaß und Leimtiegel. An Stelle der Lernschule die Arbeitsschule. Der Unterricht muß den Charakter eines allseitig beobachtenden und darstellenden Arbeitsunterrichts annehmen, wie ihn Pestalozzi geahnt, Salzmann versucht, Goethe erträumt und Marx als „einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen“ gefordert hat.

Kinderpsychologie.

Die Erforschung des kindlichen Seelenlebens ist eine noch recht junge Wissenschaft; sie beschäftigt gelehrte Kreise erst seit kaum mehr als dreißig Jahren. Gewiß liegen die Anfänge und ersten Versuche weiter zurück: 1787 schrieb der Marburger Professor Tiedemann an der Hand von Aufzeichnungen über die geistigen Fortschritte seines Söhnchens in einer wissenschaftlichen Zeitschrift „Ueber die Entwicklung der Seelenfähigkeit bei Kindern“ — eine Arbeit, die erst Beachtung fand, als sie ins Französische übersetzt worden war und dort von Deutschen entdeckt wurde; 1851 veröffentlichte Löbisch eine „Entwicklungsgeschichte der Seele des Kindes“, und 1856 erschien aus der Feder des Rudolstädter Arztes Berthold Sigismund das liebenswürdige und geistvolle, zunächst aber ganz unbeachtet gebliebene Werkchen „Kind und Welt“, das ebenfalls aus Tagebuchblättern eines Vaters über die psychische Entwicklung seines Kindes hervorgegangen war. Alle diese Werke waren nicht wissenschaftlich im eigentlichen Sinne. Die Psychologie überhaupt hatte sich um diese Zeit noch nicht zur Höhe und Reife einer selbständigen Wissenschaft entwickelt. Erst als dies unter Ueberwindung ihrer theologischen Voraussetzungen mehr und mehr geschehen war, konnte sich als besonderer Zweig die Kindespsychologie herausbilden. Bis dahin waren als weitere wertvolle Vorarbeiten 1859 Professor Kußmauls „Untersuchungen über das Seelenleben des neugeborenen Menschen“ und 1872 Hellwigs Schrift über die „Vier Temperamente bei Kindern“ erschienen. Da stellte 1882 der Jenenser Professor Preyer mit seinem umfangreichen und hochbedeutsamen Werke über „Die Seele des Kindes“ die ganze Kinderseelenkunde auf eine breite und sichere wissenschaftliche Grundlage. Ausgehend von Beobachtungen der seelischen Entwicklung seines Söhnchens und unter Heranziehung des gesamten einschlägigen Materials, das er vorfand, gab Preyer in seinem klassischen Werke eine grundlegende und einwandfreie Darlegung von der Entwicklung der Sinne und Gefühle, des Willens, des Verstandes und der Sprache des Kindes, die für Jahrzehnte zu einer wahren Fundgrube für die gesamte wissenschaftliche Kinderforschung wurde und an der heute noch kein Psychologe, der sich um die Aufschließung des kindlichen Seelenlebens bemüht, und kein Pädagoge, der kindliches Wesen verstehen und mit Erfolg behandeln will, vorübergehen kann. Wenn in Lehrerkreisen die Würdigung des Werkes, auf die es Anspruch erheben darf, vorerst noch ausblieb, so deshalb, weil die Ueberzeugung von der Bedeutung der Kinderpsychologie als einer fundamentalen Hilfswissenschaft der Pädagogik noch nicht Allgemeingut der Lehrerbildung geworden war, und sodann, weil die spekulative Seelenkunde der Herbartschen Schule mit den neuen Erkenntnissen der Erfahrungsseelenkunde in einem noch unentschiedenen Kampfe lag. Mit Beginn der neunziger Jahre aber kam die Kinderpsychologie — auf physiologischer, biologischer, empirischer oder experimenteller Grundlage — in Aufschwung. Dr. Ament zeichnet in seinen Schriften „Fortschritte der Kinderseelenkunde 1895/1903 und 1904/05“ (Verlag von W. Engelmann, Leipzig) die aufsteigende Kurve dieser Entwicklung. Ein ganzer Stab von Gelehrten hat sich der ebenso interessanten als liebenswürdigen Wissenschaft zugewandt. Hartmann, der bereits 1885 eine Analyse des kindlichen Gedankenkreises vorgenommen hatte, setzte seine Forschungen auf diesem Gebiete fort. Ebbinghaus untersuchte die kindliche Kapazität, Kemsies und Lobsien verbreiteten sich in vielbeachteten Veröffentlichungen über Ermüdung, Gedächtnis und Ueberbürdung. Wundt behandelte in seinem Grundriß der Psychologie die psychische Entwicklung des Kindes und gab damit einen lebhaften Anstoß für die Beobachtung und Erörterung psychischer Vorgänge beim Kinde. Gutzmann, Lindner, Ament, Meumann und das Ehepaar Stern wählten besonders die Sprache des Kindes zum Gegenstande ausgedehnter und gründlicher Untersuchungen, Lay und Schneider wandten ihre Aufmerksamkeit dem Rechnen, Pappenheim, Levinstein u. a. den Kinderzeichnungen zu. Ein Kreis von Psychologen und Pädagogen unter Ufers und Trüpers Führung nahm sich der Erforschung psychischer Kinderfehler an und gibt eine Zeitschrift heraus, die diesem Zwecke dient. Strümpell schrieb ein klassisches Werk über pathologische Kinder. Ein ungemein reiches, vielseitiges Streben und Forschen hat sich entwickelt, im Ausland stärker noch als in Deutschland. Von amerikanischen Kinderpsychologen seien besonders Stanley Hall, Tracy und Baldwin, von englischen Pollock, Warner und Sully, von französischen Binet, Compayré und Perez, von italienischen Ferriani und Lombroso genannt. Zahllos ist die Menge der Veröffentlichungen, die von ihnen und vielen anderen vorliegen. Wer sich als Laie über die Hauptergebnisse der Kinderpsychologie unterrichten will, greife zunächst zu Gaupp, „Die Psychologie des Kindes“, eine handliche, leichtverständliche Einführung, die nicht frei von Mängeln ist, aber für den Anfang genügt (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, M. 1,25). Hierauf möge Ament, „Die Seele des Kindes“, folgen, ein Schriftchen der Kosmos-Gesellschaft, das populäre Darstellung mit wissenschaftlich einwandfreier Beherrschung des Stoffs aufs glücklichste vereinigt (Verlag von Franckh, Stuttgart, M. 1,00). Weiter kommen in Betracht Sullys „Untersuchungen über die Kindheit“ (übersetzt von J. Stimpfl), die sich durch Materialreichtum, gute Verarbeitung der Tatsachen, vorsichtige und verständnisvolle Schlußfolgerungen für die Erziehungspraxis auszeichnen (Verlag von E. Wunderlich, Leipzig, M. 4,80). Schließlich vertiefe man sich in das bereits erwähnte Werk Preyers „Die Seele des Kindes“, das auch dem einfachen Manne trotz gelehrter Sprache und wissenschaftlicher Gründlichkeit der Stoffverarbeitung eine Fülle von Anregungen und Belehrungen bietet. Der Ver-lag (Th. Grieben, Inh. L. Fernau, Leipzig) hat das Werk in achter Auflage, neu bearbeitet von Prof. Dr. Schaefer, herausgebracht; es kostet gebunden und in gediegener Ausstattung 10 Mark und ist — da sein hoher Preis die Erwerbung durch Minderbemittelte sehr erschwert — Arbeiterbibliotheken aufs angelegentlichste zur Anschaffung zu empfehlen.

Umgang mit Kindern.

Beobachte dein Kind!

Die Seele des Kindes umschließt eine eigene wunderbare Welt, die, von dunklen Trieben und Instinkten getragen, von unkontrollierten und noch ungezügelten Affekten beherrscht, auf tausenderlei Art und Unart sich auslebt und in einer unendlichen Menge von Versuchen und Betätigungen, Wünschen und Sehnsüchten jeweilig Ausdruck und Form findet. Wie durch ein Märchenland schreitet das kleine Kind durch diese Welt, tastend und spielend, sinnenfroh, unbewußt … Dem Erzieher soll die Welt des Kindes bewußt und vertraut, in aller Eigenart bekannt und gegenwärtig sein. Er soll sie kennen in all ihren Schönheiten und Reichtümern, wie in ihren Mängeln und Unausgeglichenheiten. Wie ein aufgeschlagenes Buch soll das Innere des Kindes vor seinen Blicken liegen. Der beste Beobachter und Kenner der Kinderseele wird der beste Erzieher des Kindes sein. Diese Kinderseele erfordert freilich ein ernstes, tiefes, fleißiges Studium. Wie das Kind geistig lebt und arbeitet, wie es spricht, nachdenkt, spielt und schafft … das gilt es zu beobachten, zu vergleichen, zu prüfen, da sind Ursachen zu erforschen, Zusammenhänge aufzudecken, Wirkungen zu verfolgen. Alles ist noch im Werden und Wachsen, ein beständiges Keimen und Drängen vollzieht sich, ein buntes spielendes Durcheinander von Fortschritten und Hemmungen, Halbfertigem und Ueberholtem zieht an uns vorüber. Gewiß kein leichtes Studium, solch eine Kinderseele, keine Feierabend-Liebhaberei — aber ein liebenswürdiges, herzerfrischendes Geschäft für jeden, dem Kinder Freude zu bereiten vermögen, eine erzieherische Pflicht, die ihre Beglückung und Belohnung in sich selbst trägt und durch reiche Erfolge jeder Mühe dankt.

Die Wandlung.

„Einen schönen Feierabend könnte ich haben,“ sagte der Vater gedankenvoll und mit verdrießlicher Miene, als er von der Arbeit nach Hause schritt, „wenn nicht Abend für Abend derselbe Aerger wäre …“

Und vor sein Auge trat das häßliche Bild, das sich allabendlich abspielte, sobald er den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte: die Frau in Erregung, die Kinder scheu und angstvoll in den Ecken, dann der Bericht von den zahllosen Unarten, die während des Tages trotz vieler Ermahnungen und Verwarnungen verübt wurden … Der Große hat dem Nachbar die Fensterscheibe eingeworfen … Ernst ist übers Staket geklettert, hat dabei die Hose zerrissen und die mühsam gepflegten Gurken zertreten … Gustav ist mit nassen Kleidern, triefend von oben bis unten, nach Hause gekommen … Fritz ist … der Kleine hat …

Jeden Abend derselbe Rapport. Und jeden Abend packte den Vater die Wut; er schalt und tobte, er schnallte den Hosengurt ab und schlug auf die heulende Kinderschar los.

Es war fürchterlich. Und jeden Abend, wenn die Feierabendstimmung zu allen Teufeln war, kam dann die Besinnung und das Heer der Vorwürfe: du hättest ruhig bleiben sollen, wozu die Schläge jeden Tag? Dann wurde die seelische Verfassung noch trübseliger und trostloser.

Auch heute hatte er sich nicht getäuscht. Rapport. Exekution. Geschrei und Aufregung. Eine widerlich-quälende Szene. Die Mutter brachte die weinenden Kinder zu Bett und der Vater schritt, noch immer kochend vor Zorn, auf und ab.

„Du hättest sie heute nicht so arg schlagen sollen …“

„Mache du mir noch Vorwürfe!“ fuhr er sie an. „Erst berichtest du tausend Unarten von den Vagabunden, daß ich glauben muß, ich habe die ungeratensten Kinder im ganzen Orte, und dann vertrittst du ihnen die Brücke!“

„Ach, so schlecht sind die Kinder nicht, wie du denkst. Da kann keiner einschlafen, bevor er nicht seine Mutter abgedrückt und ihr einen Kuß gegeben hat.“

Mit starren Blicken bleibt der Vater vor der Mutter stehen.

„Meine Jungen? — — Dich abgedrückt? — — Und dir einen Kuß gegeben? — —“

Die Mutter steht beschämt, denn sie fühlt eine Mitschuld daran, daß ein Vater so gar keine Ahnung von dem wahren Wesen seiner Kinder hatte. Wie sollte er auch? Früh fort, abends spät nach Hause … Und das bißchen Sonntag …

„Meine Jungen?“ wiederholte der Vater fragend und kopfschüttelnd. „Das sollen diese Rangen, diese Bösewichter tun?“

Er hat eine ganze Nacht darüber nachgedacht und sich mit sehr dummen und quälenden Gefühlen von einer Seite auf die andere geworfen. Darauf hat er beschlossen, nicht mehr zu schlagen, dafür aber die Kinder, wo und wann er immer konnte, zu beobachten.

Und er beobachtete sie mit wachsendem Erstaunen. Gewiß, sie waren lebhaft, ausgelassen, wild — aber im Grunde des Herzens doch prächtige, kreuzbrave Burschen. Alle Schuld hatte bei ihm gelegen. Wie in ein neu entdecktes Land schaute er in die Herzen seiner Kinder. Solch liebe, muntere, herzige Buben konnte er nicht mehr schlagen!


Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, junio de 1914, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito a partir del OCR del portal zeit.punkt NRW (ULB Bonn), bueno en este número, corregido sobre las imágenes del facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen): cifras (1882), nombres y espaciado (en cursiva) comprobados en la imagen. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2). Se omiten «Wanderungen mit Kindern» de E. Prager y el extracto de Max Brahn de la sección «Umgang mit Kindern»; el anuncio final de la serie «Du und dein Kind» se recoge en un comentario. El suplemento no lleva paginación impresa: S. [n] es la página del facsímil.