Warum sollte denn bei natürlicher und freier Erziehung dein Kind dich belügen? Was hat es dir zu verbergen? Du tadelst es nicht, du strafst es nie, du verlangst nichts von ihm. Warum sollte es dir nicht alles, was es getan hat, ebenso harmlos sagen wie seinen kleinen Spielgefährten?

J. J. Rousseau.

Die Kinderlüge.

Bisher war die Kinderlüge lediglich ein Problem der Moral. Man sah sie als eine sittliche Verfehlung an, die allgemein als verächtlich galt; und wenn eine Mutter an ihrem Kinde die erste Unwahrheit entdeckte, war sie schmerzlich betroffen und betrübt; sie ließ es an eindringlichen Ermahnungen nicht fehlen und hoffte zuversichtlich, daß das Kind den Weg zur Tugend der Wahrhaftigkeit wieder finden werde. Denn der Gedanke, ein lügenhaftes Kind zu haben und das auf Offenheit und Wahrhaftigkeit aufgebaute gegenseitige Vertrauensverhältnis gestört zu sehen, war ihr schrecklich. Das ist auch heute noch vielfach so. Nichts Schlimmeres, als ein lügenhaftes Kind! sagen die Eltern; ja, ein sonst sehr frei und fortschrittlich gesinnter Reformpädagog erklärte in einer Versammlung: Meine Kinder haben vollste Freiheit, sie dürfen alles — bloß nicht lügen! Und täglich kann man es beobachten und erfahren, daß Väter und Mütter alle Unarten und Streiche der Kinder zu verzeihen bereit sind, bei der Lüge aber gibt es kein Pardon; da wartet die nachsichtigste Mutter mit Ohrfeigen auf und der ruhigste Vater gerät in Hitze und Erbitterung und greift zum Stock.

Und doch gibt es kaum ein Gebiet, wo von Eltern und Erziehern so viel und so grob an Kindern gesündigt wird wie hier. Die Kinderlüge ist nämlich zunächst gar kein Problem der Moral, hat mit Gut und Böse nicht das mindeste zu tun. Sie ist eine wissenschaftliche Angelegenheit, ein Problem der Seelenkunde. Leider hat die kinderpsychologische Forschung noch nicht vermocht, alle Seiten der dunklen und komplizierten Frage aufzuhellen; aber soviel steht fest, daß das kleine Kind, wenn es lügt, keineswegs ein schlechtes Kind ist oder aber im Begriffe zu stehen braucht, ein solches zu werden. Was so oft schon nachgewiesen ist und nicht oft genug betont werden kann, zeigt sich hier in eklatanter Klarheit: daß nämlich das Handeln bei Kindern von anderen Antrieben ausgeht, sich nach anderen Gesetzen vollzieht und daher auch nach anderen Maßstäben bewertet und beurteilt werden muß als bei Erwachsenen.

Wenn Erwachsene lügen, so heißt das, sie machen bewußt falsche Aussagen in der Absicht, zu täuschen. Zweierlei charakterisiert die Lüge: das Bewußtsein der Falschheit und die Absicht der Täuschung. Fehlt das eine oder andere Merkmal, so kann von einer Lüge nicht gesprochen werden. Bei dem kleinen Kinde fehlen die Merkmale immer, bei den größeren zumeist. Es ist daher weder Weltfremdheit noch Uebertreibung, wenn — etwas paradox — behauptet worden ist: Noch nie habe ein Kind von vier oder fünf Jahren eine Lüge gesagt. Was man bisher als Kinderlüge angesehen hat und unzähligen Eltern heute noch als solche gilt, verdient den häßlichen und bösen Namen überhaupt nicht; Wort und Begriff Lüge sind viel zu plump, zu verletzend dafür. Denn nicht um Lügen handelt es sich, sondern um Sinnes- und Erinnerungstäuschungen, die psychologisch erklärlich und verständlich sind, um Zeit-, Ort- und Tatsachenirrtümer, um Produkte einer noch ungezügelten Phantasie oder um reflexartige Abwehrhandlungen, die durch das Gefühl der Schwäche veranlaßt sind. Also um feine und komplizierte seelische Erscheinungen, die mit verständigen Augen betrachtet und mit zarten Fingern angefaßt sein wollen. Das Kind muß eben erst aus der Periode der natürlichen Unvollkommenheit seiner Aussagefähigkeit herauswachsen, ehe sich in ihm — wie Strümpell sagt — „jene Gewissenhaftigkeit des historischen Sinnes begründen läßt, welche von der Wiedergabe oder Wiedererzählung auch der allergeringfügigsten Begebenheit völlige Treue und Genauigkeit verlangt.“

Wie schlecht wir Erwachsenen im allgemeinen sehen, d. h. wie wenig treu und zuverlässig unser Auge, unser Gesichtssinn Rechenschaft von dem ablegt, was wir vielleicht oft, sogar hundert-, tausendmal gesehen haben, ist bekannt. Mit dem Hören ist es nicht besser. Auch die geschulte, die schärfste und andauerndste Beobachtung ist Irrtümern und Täuschungen ausgesetzt. Um wieviel leichter und häufiger muß erst ein Kind zum Opfer dieser unvermeidlichen Mängel werden. Nicht jedes Kind ist imstande, eine solche Genauigkeit der Beobachtung, Sorgfalt und Ausdauer im Wahrnehmen, Deutlichkeit und Klarheit im Vorstellen und Korrektheit in der mündlichen Wiedergabe zu erwerben, damit seine natürliche Suggestibilität (Beeinflußbarkeit) so gering wird, daß von einer objektiven Berichterstattung gesprochen werden könnte. Man hat Kindern Bilder gezeigt, sie auf Einzelheiten dabei aufmerksam gemacht und das Gesehene sofort hinterher oder nach längeren oder kürzeren Zwischenräumen mit oder ohne Zwischenfragen notieren lassen —, man hat unter gewissen Voraussetzungen einzelne oder zu Gruppen vereinte Gegenstände, Vorgänge auf der Straße, Erlebnisse in der Schule, im Theater usw. beobachten und dann schriftlich fixieren lassen — stets hat sich gezeigt, daß die Differenz zwischen dem subjektiven Gefühl der Richtigkeit einer Leistung und der objektiven Richtigkeit bei Kindern bedeutend, vielfach geradezu ungeheuer war. Am schlimmsten natürlich bei kleinen Kindern, die, weil ihnen besonders noch jeglicher Zeitsinn fehlt, unfähig sind, ein Erlebnis an den richtigen Zeitpunkt der Vergangenheit zurückzuversetzen. Gestern, heute, morgen — in dem kleinen Hirn geht alles noch durcheinander, und leicht gerät ein Vorgang an die falsche Stelle; kommt dazu eine Suggestivfrage, die über irgendeine Tatsache vom Kinde Aufschluß wünscht: Wen hast du heute getroffen? Hast du den Ball dorthin gelegt?, so ist die „Lüge“ fertig, ohne daß der kleine Mensch ein Lügner ist. Namentlich dann, wenn eine Nötigung zum Besinnen erfolgt. Wie oft geht es selbst Erwachsenen so, daß sie, wenn sie sich plötzlich auf etwas besinnen sollen, völlig ratlos und kopfscheu werden, dabei schließlich Antworten geben, die mit der Wirklichkeit — zu ihrer eigenen nachträglichen Bestürzung — im schreienden Widerspruch stehen.

Eine sehr häufige Verführerin zur Unwahrheit ist im Kindesalter die lebhafte Phantasie. Wir wissen, wie Goethe in seiner Jugend schwindelte; was für Zauber- und Mordgeschichten er erfand; wie er mit sieben Jahren seinen Gespielen von dem „neuen Paris“ berichtete, als ob er selbst all die wunderbaren Dinge erlebt hätte — es ist die Freude am Erfinden, die Lust zum Fabulieren, die im Kinde lebt und zur Gestaltung drängt. Was sie produziert, ist nichts Bösartiges und Unmoralisches; mit C. u. W. Stern kann man die harmlosen Aufschneidereien und Phantastereien am besten wohl unwillkürliche Scheinlügen nennen. „Sie sind nur eine von den Formen, in denen sich die fortwährend tätige Phantasie des Kindes niederschlägt. Wie das Kind mit Handlungen spielt, so auch mit Aussagen. Es besteht kein prinzipieller Unterschied, ob es gegenwärtiges Einkaufen fingierend im Zimmer umherläuft, als sei es beim Kaufmann, Butter und Eier verlangt, danke schön sagt usw. — oder ob es mit Auslassung der Handlung ähnliche fingierte Geschehnisse in die Vergangenheit verlegt und nun sagt: Das habe ich gekauft. Das Erzählen ist dem Kinde oft nur Ausdruck augenblicklichen subjektiven Vorstellens, mag dieser Subjektivität nun etwas Wirkliches entsprochen haben oder nicht.“ So berichten lebhafte und phantasiebegabte Kinder oft unglaubliche, sinnlose Dinge, teils zu eigener Unterhaltung, teils um für ihre Phantasieprodukte einen Ausdruck zu haben. Etwa: daß auf einem Fahrrad 40 Radfahrer gesessen hätten, daß in Berlin Hasen und Hunde über die Dächer liefen, daß das Kind während der Ferien in Amerika gewesen sei u. a. m. Ein Junge erzählte dem Vater, daß er hundert Hasen gesehen habe. Der Vater, der seinen Jungen kannte, tat wenig erstaunt, nur wunderte er sich, woher der Junge die genaue Zahl wisse. „Hast du sie alle gezählt?“ — „Das nicht, Vater.“ — „Vielleicht waren es nur 99?“ — „Nun ja, vielleicht.“ — „Oder nur 98?“ Und so weiter, bis herab auf einige wenige. Der Vater hatte Geduld und ein gutes pädagogisches Geschick, das nicht ohne Takt und Zartgefühl war. Als er schließlich ernsthaft die Gewissensfrage stellte: „Und der eine Hase, wo war er, wo hast du ihn gesehen?“ Da kam's heraus: „Aber geraschelt hat's im Busch, wahrhaftig, Vater.“ So sind die kleinen Lügenhelden alle; man nehme sie mehr von der scherzhaften Seite, gehe zum Schein auf ihre Windbeuteleien ein und lasse sie nach und nach merken, daß noch andere Menschen außer ihnen da sind, die die Dinge mit ihren Augen betrachten und den Schwindel bald erkennen. Diese stille und kluge Methode wirkt in der Regel sehr ernüchternd, selbst auf blühende Phantasien.

Vielfach tritt die Lüge bei Kindern auch als eine Art Abwehrhandlung auf. Da soll das Kind einen Schlüssel verloren haben. „Die Spinne hat den Slüssel aufgefreßt,“ ist die interessante Antwort Bubis. Ein andermal hat das Vögelchen den Mauerkalk abgebrochen, der Bruder den Teller zerschlagen usw. Furcht vor Strafe gibt wohl hier den Kindern den Gedanken an eine Rettung durch Lügen ein. Ueberhaupt dürfte Furcht eine Hauptquelle der Lüge sein; Furcht vor dem strengen Vater, der scheltenden Mutter, dem unfreundlichen Lehrer; an die Hausaufgaben knüpft sich ein ganzes Heer von Lügen. Wehleidige Kinder, die ein starkes Schutzbedürfnis haben, lügen, um Mitleid zu erregen und Schonung zu genießen; sie können nicht singen, „weil sie eine schwache Lunge haben“, nicht turnen, „weil es in den Gelenken sticht“, nicht schreiben, „weil sie den Krampf bekommen“, keinen Reis essen, „weil sie mit Leibschmerzen geplagt sind“ usw. Hier kann große Nachgiebigkeit und Rücksichtnahme den Hang zur Unwahrhaftigkeit ebenso fördern wie im umgekehrten Falle zu große Strenge und schroffe, furchtweckende Behandlung.

Es gibt auch noch Lügen aus Renommiersucht und kindlicher Wichtigtuerei, ferner solche, die dem Autoritätsglauben und gewissen Zu- und Abneigungen entspringen, und endlich heroische Lügen, bei welchen Kinder falsche Geständnisse ablegen, um Kameraden vor Strafe zu schützen. Alle diese Lügen sind verhältnismäßig harmlos und bieten keinen Anlaß zu Besorgnis; hingegen ist die krankhafte Lüge, die in Lügensucht übergehen kann, eine ernsthafte und für den Erzieher unter Umständen recht schwierige Sache.

Auf jeden Fall wird der Erzieher das Kind, das mit der Unwahrheit umgeht, sorgfältig beobachten müssen, um zunächst festzustellen, aus welchen Ursachen und Veranlassungen die Lüge entsteht. Das ist vorerst die Hauptsache, denn die Wahl des Mittels, das zu wirksamer Begegnung des Uebels anzuwenden ist, ergibt sich hieraus von selbst. Im allgemeinen gelte dabei als Regel: wenig Worte, keine Moralpredigten, vor allem keine Schläge; dagegen auf frischer Tat ein Blick, der dem Kinde sofort sagt, was die Glocke geschlagen hat; im übrigen einen freundschaftlichen Verkehrston, der Zuneigung und Vertrauen aufkommen läßt, und ein kameradschaftliches Verhältnis, konsequente Gewöhnung an Wahrhaftigkeit in Wort und Wandel, vor allem ein persönliches Vorbild unbedingter Wahrhaftigkeit, das seine suggestive Kraft auf das bildungs- und entwickelungsfähige Gute im Menscheninnern nie verfehlt.

Vom Schulbeginn.

Wenn sich nach Ostern die Kinder wieder zum Schulgang rüsten, machen sie recht häufig eine unerfreuliche Entdeckung: sie müssen eine Stunde früher aus dem Bett, weil der Stundenplan während des Sommerhalbjahrs eine Stunde früher am Tage einsetzt. Nun sagt zwar ein altes Sprichwort: „Morgenstunde hat Gold im Munde“, und gewiß ist es auch ein Glück, am frühen Morgen durch die froherwachte, taufeuchte und sonnenhelle Natur zu schreiten — aber dazu ist doch nötig, daß man recht ausgeschlafen hat und an Leib und Geist in jeder Hinsicht gut versorgt und gut zuwege ist. Die Kinder, die morgens mit raschen Schritten zur Schule eilen, bieten meist nicht das Bild dieser Frische. Sie sind, besonders in den Perioden schnelleren Wachstums, am Morgen in der Regel noch recht müde, ringen mit der Mattigkeit, gähnen und taumeln förmlich nach der Schule. Sind sie nervös, so fällt ihnen das Frühaufstehen besonders schwer, denn nervöse Menschen pflegen vom Abend an weniger gut, gegen den Morgen hin aber tief und fest zu schlafen. Im besten Schlummer werden sie geweckt, denn die Schule fordert ihren Tribut. Fällt der Schulbeginn im Sommerhalbjahr auf 7 Uhr, was meist der Fall sein dürfte, so müssen die Kinder in Anbetracht der nicht immer kurzen Schulwege gegen 6½ Uhr das Haus verlassen. Rechnet man auf Waschen, Ankleiden, Kämmen, Kaffeetrinken, Bücherpacken usw. — namentlich, wenn mehrere Kinder zu versorgen sind und die Mutter keine Hilfe hat — etwa drei Viertelstunden, so ergibt sich, daß die Kinder früh gegen 5½ Uhr aus dem Bett müssen. Das ist entschieden zu früh und bedeutet für unzählige Kinder eine bedenkliche Verkürzung der notwendigen Schlafenszeit.

Unsere Kinder haben im allgemeinen ohnehin zu wenig Schlaf. In Berlin hat Dr. Bernhard durch Befragung von 6551 Schulkindern aller Altersklassen festgestellt, daß bei Kindern von sechs bis sieben Jahren die Schlafdauer durchschnittlich um 40 Minuten, bei Kindern von sieben bis acht Jahren um etwa eine Stunde und bei 13- bis 14jährigen Kindern um 1¼ Stunden zu gering war. Diese Konstatierungen dürften ganz allgemein Geltung haben, besonders in Großstädten, wo die Lebens- und Wohnungsverhältnisse ein spätes Schlafengehen bedingen, aber auch auf dem Lande, wo man vielfach die Kinder noch früher als 5¾ Uhr aus dem Bett treibt. Gibt es doch Gegenden, wo der Schulunterricht schon morgens 6 Uhr beginnt, um die Kinder tagsüber besser ausnützen zu können. Diese kleinen Lohnsklaven, die meist sehr spät zu Bett kommen, haben am Morgen erst recht nicht ausgeschlafen; sie folgen zwischen Wachen und Schlafen dem Unterricht, der nach alter Gewohnheit mit dem ach so interessanten Religionsunterricht zu beginnen pflegt, hören nur mit halbem Ohr zu, geben konfuse Antworten und haben einen Unterrichtserfolg gleich Null. So kommt zur Quälerei noch die Erfolglosigkeit. Und die Störung des gesundheitlichen Wohlbefindens folgt hinterdrein. Schulnervosität, Schulkopfschmerz und andere üble Schulkrankheiten haben zweifellos ihre Ursache mit in der Unausgeschlafenheit der Kinder und ihrer Ueberhetzung vor dem Schulbeginn. Wie käme es sonst, daß die Kinder in den Ferien viel wohler und gesünder sind, ja daß sie förmlich ausblühen, sobald nur eine einzige Schulstunde — zumal die erste morgens — dauernd fortfällt. In den Haushaltungen würde man auch mit einem späteren Schulbeginn gern einverstanden sein. Heute kommt die Mutter, die früh den Mann und zur Arbeit gehende Kinder zu versorgen hat, ohnehin kaum zu Atem; wollen nun auch noch ein paar Kinder um dieselbe Zeit für die Schule versorgt sein, so ist die Mutter, wenn das letzte von ihnen das Haus verläßt, abgehetzt und zu Tode erschöpft, noch ehe der Tag richtig begonnen hat. Man lese einmal die lebhafte Schilderung nach, die John Habberton in seinem Schriftchen „Frau Marburgs Zwillinge“ von den Aufregungen und Mühen gegeben hat, die einer Hausfrau und Mutter am frühen Morgen warten! Da sollte die Schule auf das Haus ein wenig Rücksicht nehmen und durch Hinausschieben des Schulbeginns eine ruhigere Abwickelung der häuslichen Obliegenheiten ermöglichen. Leider hat die auch aus anderen Gründen bedenkliche Einführung des ungeteilten Vormittagsunterrichts da vielfach den Weg zur Reform versperrt.

Umgang mit Kindern.

Sei wahrhaftig!

Soll die Erziehung aus dem Kinde eine charaktervolle Persönlichkeit machen helfen, so ist die Erziehung zur Wahrhaftigkeit ein unerläßliches Erfordernis. Zur Wahrhaftigkeit gelangt das Kind aber nur, wenn es geleitet wird durch die Kraft eines mustergültigen Vorbildes. Hier ist das gute Beispiel alles. Nimm es mit der Wahrheit in allen Stücken peinlich genau, übertreibe nicht, vermeide auch Scherzlügen, die von den Kindern leicht mißverstanden werden können. Suche nicht durch Versprechungen oder Drohungen, die du nicht halten kannst oder deren Verwirklichung außerhalb deiner Macht liegt, etwas bei Kindern zu erreichen. Der schwarze Mann kommt! Knecht Rupprecht ist draußen! Der Polizist wird dich holen! — Damit kannst du das Kind ein paarmal schrecken, aber bald wird es merken, daß es zum besten gehalten wird; es stumpft ab gegen Wahrheit und Lüge, nimmt es mit Uebertreibungen, Ungenauigkeiten und direkten Unwahrheiten nicht mehr genau, wird schließlich ein Opfer der Lügenhaftigkeit, die Menschen völlig beherrschen kann. Eltern, die sich in Gegenwart der Kinder vor Fremden verleugnen lassen, in der Eisenbahn mit Wissen der Kinder ein falsches Alter angeben, auf dem Entschuldigungszettel der Kinder unzutreffende Angaben machen, vor Fremden anders reden als zu Hause usw., sind Erzieher zur Unwahrhaftigkeit. Ihre Kinder wachsen unter dem Eindrucke heran, daß ihre Erzieher ehrlich sind; das feinere Unterscheidungsvermögen von Wahrheit und Unwahrheit geht ihnen verloren. Bewußte Unwahrheit wird von Kindern meist nur dort gesagt, wo das rechte Vertrauen fehlt und wo zu große Strenge herrscht. Die Lügen der Kinder, sagt Rousseau, sind das Werk der Erzieher. Im einwandfreien Vorbild des Erziehers liegt die beste, um nicht zu sagen die einzige Erziehung zur Wahrhaftigkeit.

Wie der kleine Max das Lügen lernte.

Unter meinem Fenster spielen Kinder, mir wohlbekannt; Nachbarskinder, die gut erzogen sind. Gegen Dunkelwerden öffnet sich ein Fenster oben, und es ruft die Stimme der Mutter hinab: „Kommt nun herauf, Kinder, es wird kühl und dunkel!“ — „Mutter, nur noch ein Weilchen laß uns spielen!“ Aber das Fenster hat sich schon geschlossen. Der kleine Max scheint unentschlossen, ob er dem Gebote folgen soll. Er geht ein paar Schritte nach der Haustüre, sieht prüfend hinauf und bleibt wieder stehen, den munter unter den Bäumen springenden Spielgenossen zusehend. Da kommt das Dienstmädchen aus dem Hause. Sie, die kaum gehorchen gelernt hat, kann noch weniger befehlen. „Komm, Max!“ ruft sie. „Wenn du nicht kommst, so kommt dort gleich der Essenkehrer um die Ecke und nimmt dich mit.“ — Statt sofort auf Erfüllung, auf rasche Erfüllung des Gebots zu dringen, geht auch sie ins Haus zurück. Max sieht nach der drohenden Ecke; kein Essenkehrer kommt, keine drohende Gestalt hindert sein Bleiben. Er lächelt, dreht sich um und spielt weiter, denn er sieht mit Staunen, daß man ihm etwas sagt, was nicht wahr ist. Er merkt auch, daß man es getan hat, um einen Wunsch, einen Willen durchzusetzen. Kinder sehen meist wahr und tiefer, obwohl ganz instinktiv, in die Verhältnisse, als mancher Erwachsene meint. Auch Max hat heute viel gelernt, nur nichts Gutes. Max weiß nun, wie man lügen muß.


Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, mayo de 1914, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito a partir del OCR del portal zeit.punkt NRW (ULB Bonn), bueno en esta página salvo en algunas columnas, corregido sobre las imágenes del facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), con las que se han restituido los pasajes ilegibles en el OCR, las cifras (1¼ horas) y el espaciado (en cursiva). Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2). Se omiten «Kindergebete» de Anna Blos, «Vertrauen gegen Vertrauen» de Laura Frost y los extractos de Kuhn-Kelly y Julian Borchardt de la sección «Umgang mit Kindern». El suplemento no lleva paginación impresa: S. [n] es la página del facsímil. El comienzo de algunas líneas queda oculto en la encuadernación del ejemplar y se ha completado por el contexto y el OCR. «noch früher als 5¾ Uhr» (S. [3]) está así en el OCR; la cifra queda oculta en la imagen.