Die Kinderfrage.
Zagend und doch von drängender Wißbegierde geleitet, tastet sich der kleine Mensch in die große, ihm fremde Welt hinein. Alles, was vor ihm ausgebreitet liegt, ist Neuland, das entdeckt, erforscht und erobert sein will. Auge und Ohr schicken ganze Heere von Kundschaftern und Spähern aus, und tausend Fragen öffnen tausend verschlossene Pforten. So setzt er seine Füße vorwärts, Schritt für Schritt, der kleine Forscher und Eroberer, und macht sich allgemach zum Herrn der Welt.
Die Kinderfrage steht am Anfange der bewußten Erziehung des Intellekts. Sie ist der beredte Zeuge dafür, daß das Kind anfängt, sich zu den Dingen seiner Umwelt in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen. Der geistige Akklimatisationsprozeß kündigt sich an. Oder, wenn man will: Der Verdauungsprozeß, der nötig ist, um die Kultur, die uns umgibt und deren Erbe jeder einzelne ist, zu verarbeiten, zu verdauen und so zum Eigentum zu gewinnen. Sehr frühzeitig setzt dieser Prozeß ein.
Während James Sully als den Beginn des Fragealters etwa das Ende des dritten Jahres ansieht und Preyer bei seinem Knaben nach zwei Jahren 4 Monaten, Pollock bei seinem Töchterchen nach einem Jahre elf Monaten unverkennbare Fragestellungen beobachteten, konnten die Kinderpsychologen Clara und William Stern feststellen, daß ihre Tochter Hilde mit einem Jahre 6 Monaten „das! das!“ oder „is'n das?“, ihr Sohn Günter mit einem Jahre 7 Monaten „das? das?“ in fragender Betonung rief. Lindners Tochter fragte mit einem Jahre 6 Monaten „is'n das?“, und Major teilt mit, daß sein Knabe mit einem Jahre 11 Monaten „eine Manie entwickelte, die Dinge zu benennen, als wenn er anderen ihre Namen sagen wollte“. Hanna Neugebauer hörte bei ihrem Sohne Rafael mit einem Jahre 7 Monaten die erste Frage nach dem Namen der Dinge auftauchen. Er zeigte voll Eifer auf einen Stein, ein Buch usw. und rief „das! das!“ Die Mutter wußte zunächst damit nichts anzufangen, bis sie später erkannte, daß sie es mit kindlichen Fragen zu tun hatte. Scupins Sohn fragte schon mit einem Jahre einem Monat nach dem Namen der Dinge. „In der Wohnung der Großeltern zeigte er unermüdlich auf Dinge, die ihm fremd und darum interessant waren und sagte im Frageton: da? da?, es sollte wohl heißen: was ist das?“ Als erste deutliche Frage machte sich mit zwei Jahren einem halben Monat der Ruf: „War das?“ bei Geräuschen bemerkbar; kurz darauf folgten Fragen: „Is'n das?“, „kommt denn da?“
Die Frage mit Was? was ist? was tut? ist in der Regel die erste, womit das Kind den kleinen Kreis seines Vorstellungs- und Wortschatzes zu erweitern strebt. Sei es, daß es von ganz neuen Tatsachen Besitz ergreifen will, sei es, daß es ihm gilt, an bereits vorhandene bekannte Tatsachen neue anzureihen und anzuknüpfen, um zu einem begrifflichen Ganzen zu gelangen. Gleich einem eifrigen unermüdlichen Sammler greift und hascht das Kind nach jedem Namen, eilt es von Punkt zu Punkt, von Wort zu Wort, um fortgesetzt neues Material für seine geistige Welt zusammenzutragen, aufzuspeichern, einzuordnen. Sully erzählt von einem Jungen, der im Alter von drei Jahren neun Monaten seine Mutter mit folgenden Fragen überfiel: „Was fressen die Frösche und Mäuse und Vögel und Schmetterlinge? und was tun sie? und wie heißen sie? Wie heißen alle ihre Häuser? Wie nennen sie ihre Straßen, Plätze usw.?“ Fürwahr, ein starker Drang nach geistiger Bereicherung, ein sich fast überstürzender Eifer, eine wahrhafte Wißbegierde!
Die Namengebung ist die erste Herrschertat, sagt Penzig, die von der mosaischen Schöpfungsgeschichte dem Menschen der Natur gegenüber zugeschrieben wird. Und in der Tat ist diese Namengebung auch eines Herrschers würdig. Mit dem Augenblicke, wo der Mensch sich innerlich gezwungen findet, eine zunächst doch völlig subjektive Erscheinung zu benennen, anstatt sie mit dem erstaunten und stupiden Ah! des Wilden an sich vorübergehen zu lassen, mit diesem Augenblicke erkennt er an, daß es andere fühlende, wollende und denkende Wesen neben ihm gibt, mit denen er bereit ist, sich zu verständigen; er läßt die Erscheinungen nicht unangefochten vorübergehen, sondern faßt sie mit seinem Worte, umspannt ihre Vielheit mit dem eisernen Reif seines Begriffes, stempelt das vorüberflüchtende Exemplar aus der Herde der Erscheinungen mit seinem Herrschernamen.
Auf die Namen- und Tatsachenfrage folgt meist die Entscheidungsfrage, die zwischen Ja und Nein das Richtige zu finden sucht. Aus ihr spricht noch die Unentschlossenheit der mangelnden Erfahrung und das starke Gefühl der Abhängigkeit vom elterlichen Willen. Sterns Kinder sagten mit einem Jahre zehn Monaten „chol de schinken, ja?“ und mit zwei Jahren einem Monat „bist du müde?“ Lindners Sohn fragte mit zwei Jahren drei Monaten „di essen darf ich?“ Und Hanna Neugebauer beobachtete bei ihrem Rafael mit einem Jahre neun, zehn und elf Monaten die Fragen „trinken kannst?“, „Mutll böse?“, „haste Geld?“
Eine Sache, die klar und entschieden ist, pflegt ihren bestimmten Platz zu haben. Das kleine Gehirn schafft Ordnung in der Menge der Namen und Dinge, die es gesammelt hat, und weist jedem einzelnen Objekt seine Stelle in der Reihe zu. Da gehörst du hin! Fehlt es an seinem Platze, so reagiert der suchende und nachprüfende Verstand mit der Frage Wo? wo ist, wo hat? Die Ortsfrage stellt sich ein und erweitert sich bald zu Woher? wohin? Preyers und Lindners Sohn fragten mit zwei Jahren drei Monaten nach dem Orte, Scupins Bubi mit zwei Jahren zwei Monaten, der kleine Neugebauer mit einem Jahre neun, Hilde Stern sogar schon mit einem Jahre sieben Monaten.
Das am Äußerlichen haftende Wo? wird bald ergänzt durch das mehr ins Innere eindringende Wie? Das Denkleben des Kindes vollzieht damit einen weiteren Schritt vorwärts. Die Erkenntnis nimmt an Vertiefung zu. „Wie geht das?“, „Wie ist denn das?“ So sprudeln die Fragen in rascher Folge hervor. „Wie geht das Rädel abzumachen?“ fragte Rafael mit zwei Jahren drei Monaten. „wie macht das?“ forschen die meisten Kinder dieses Alters, nachdem sie erfahren haben, daß das Messer schneidet, das Feuer brennt, die Nadel sticht, der Hund bellt. Eine Reihe bestimmter Wahrnehmungen hat sie mit den Dingen der Umwelt und deren Eigenschaften vertrauter gemacht und den geistigen Horizont um zahlreiche Vorstellungen bereichert, die ein „machen“, ein Tun, eine Aktivität bedeuten. Für ein Kind ist nichts interessanter, sagt Sully, als die Erzeugung der Dinge. Wie viele Stunden verbringt es nicht in der Verwunderung darüber, wie die Kiesel, die Sterne, die Vögel, die kleinen Kinder geschaffen werden. Dieses lebhafte Interesse an der Produktion ist in hohem Grade ein praktisches. Es ist eins der größten Vergnügen der Kinder, daß sie selbst imstande sind, Dinge zu machen, und dieser Wunsch nach Formgebung führt natürlich auf die Untersuchung über die Art des Hervorbringens. Die Frage: „Wie macht das?“ kennzeichnet noch die Stufe, auf der das Kind alle Dinge seiner Umwelt personifiziert — eine Stufe weiter, und die Dinge sind nicht mehr Subjekte, sondern Objekte, nicht mehr Produzenten, sondern Produkte, und die Frage Warum? warum ist das? ergibt sich als logische Konsequenz.
Mit der Warum-Frage stößt das Kind zum ersten Male an das Gesetz der Kausalität. Der Zusammenhang von Ursache und Wir-kung tritt aus dem Dunkel seines schlummernden Bewußtseins und wird ihm offenbar. Das ist ein bedeutsamer Moment in seiner Entwickelung! „Am 1028. Tage“, schreibt Preyer von seinem Söhnchen, „wurde zum ersten Male warum? gefragt. Ich achtete mit der größten Sorgfalt auf das erste Auftreten dieses Wortes. Der Satz hieß: Warum nach Hause gehen? ich will nicht nach Hause. Der Ursachentrieb, welcher schon vor mehr als einem Jahre sich durch eine Art Forschertätigkeit, durch Experimentieren, und noch früher durch Aufmerken kund tat, wurde sprachlich geäußert.“ Bei Rafael Neugebauer meldete sich diese theoretische Wißbegierde viel früher schon, mit zwei Jahren vier Monaten, bei Scupins Bubi mit zwei Jahren acht Monaten durch Warum-Fragen an, während Aments Sohn hierzu drei Jahre 1½ Monat und Hilde Stern drei Jahre zwei Monate brauchten.
Mit der Warum-Frage begibt sich das Kind, mit Penzig zu sprechen, auf das Gebiet des zureichenden Grundes für die Erkenntnis und für das Handeln. „Hier setzt uns also das unschuldige Kind psychologische Daumschrauben an und erwartet von seinen Erziehern mit einem, sagen wir es nur offen, recht hochgespannten Optimismus, daß sie ihm für jedes Urteil, das dem Gehege ihrer Zähne entfloh, den zureichenden Grund, für jede Handlung das wahre Motiv aufdecken. Nichts ist darum auch unbequemer, als das ewige unerbittliche Warum eines geweckten Kindes.“
Unbequem oder nicht — der gewissenhafte Erzieher, der es mit der geistigen Förderung seines Kindes ernst nimmt, wird all die unzähligen Fragen, die der kleine Mund an ihn richtet, zu beantworten versuchen, mögen sie ihm oft auch sinnlos erscheinen oder an seine Nerven und seine Geduld hohe Anforderungen stellen. Es ist eine unerläßliche erzieherische Pflicht, durch richtige, klare, bereitwillige Auskunft dem Kinde zu helfen, daß es in seiner geistigen Entwickelung die Bahn findet, die zum sicheren Ziele führt. Ungeduld und Unwille sind hier schwere Erziehungsfehler; sage lieber einmal „Das weiß ich nicht!“, versuche es, wenn du ermüdest, mit der Ablenkung, oder mache, um das eigene Nachdenken des Kindes anzuregen, einen kleinen, aber recht vorsichtigen Scherz mit einer falschen Auskunft, die freilich das Kind sogleich als solche erkennen und aus eigenem besseren Wissen — zu beiderseitiger Heiterkeit — korrigieren muß. Immer gilt es für den Erzieher, sich dessen bewußt zu sein, daß das Kind mit den Antworten auf seine Fragen wichtiges und wertvolles Baumaterial für seine geistige Welt erhält; die Fundamente seiner Weltanschauung werden daraus gefügt. Und überhaupt: Was? Wo? Wie? Warum? — in den Antworten auf diese paar Kinderfragen — liegt nicht in ihnen die Summe aller menschlichen Erkenntnis eingeschlossen?
Otto Rühle.
Fuente: Otto Rühle, «Die Kinderfrage», Unterhaltungsblatt des Vorwärts, n.º 49, 11 de marzo de 1914, págs. 194-195. Transcrito a partir del OCR del facsímil de la Friedrich-Ebert-Stiftung (Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie, titleinfo 318987), corregido sobre las imágenes de página (todas las edades y cifras comprobadas en la imagen). El espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios S. n del código marcan la paginación impresa.