Man hat noch zu wenig Sinn für das Einfache, schlicht Menschliche. Man will die Furcht und den Respekt, man will ein Kind lieber scheu und zitternd als vertrauend und sich liebevoll hingebend sehen.
Jeremias Gotthelf.
Kinderschutz-Kommissionen.
Das ist ein nüchternes Aktenwort — Kinderschutz-Kommissionen — und doch glühen dahinter tausend Herzen voll Liebe und Aufopferung, rühren sich tausend sorgende Hände für die Kleinsten und Hilflosesten, die schutzbedürftigen Kinder. Von ihrem Wirken gehen reichere Segensströme aus als von dem ganzen pharisäischen Lirumlarum der christlich-bürgerlichen Wohltäterei. Selbst die Leistungen der Gewerbeinspektion bleiben hinter ihm zurück, so fruchtbar und lebendig ist die Verwirklichung, die ein großer sozialer Gedanke in ihm findet. Ja, eine ganze volle Kulturarbeit ist in ihm ausgebreitet.
Die Mangelhaftigkeit des gesetzlichen Kinderschutzes und die krasse Unzulänglichkeit der staatlichen und polizeilichen Kontrolle, die eine Ignorierung und Durchbrechung der kümmerlichen Schutzvorschriften auf Schritt und Tritt gestattet, zwangen die klassenbewußte Arbeiterschaft — wollte sie der skrupellosen Ausbeutung und Mißhandlung ihres Nachwuchses nicht untätig zusehen — zu tatkräftigem Eingreifen und zur Schaffung einer freiwilligen Kontrolle. Planmäßige Selbsthilfe trat ein, wo die staatliche „Ordnung“ versagte. Auf dem Bremer Parteitage (1904) beschlossen die proletarischen Frauen, „sich mit dem Probleme der Kinderarbeit zu beschäftigen, an der Ueberwachung des Kinderschutzes eifrig mitzuarbeiten, dem geltenden Recht Beachtung zu verschaffen und die mehr denn unvollkommene Schutzgesetzgebung vorwärts zu treiben.“ Die praktische Nutzanwendung dieses Beschlusses war die Gründung von Kinderschutz-Kommissionen.
Das zunächst begrenzte Tätigkeitsgebiet wurde bald erweitert. Die Mannheimer Frauenkonferenz 1906 empfahl den Kommissionen, ihr Augenmerk nicht nur auf erwerbstätige, sondern auch auf mißhandelte und verwahrloste Kinder zu richten und auf die Errichtung kommunaler Kindergärten wie auf die Reform der Fürsorgeerziehung durch Gemeindevertreter und Landtagsabgeordnete hinwirken zu lassen. Parteitage und Gewerkschaftskongresse traten diesem Arbeitsprogramm bei. Eine Resolution des Leipziger Parteitags 1910 forderte alle Organe der modernen Arbeiterbewegung auf, die Tätigkeit der Kinderschutz-Kommissionen kräftig zu fördern. So waren bis zum Sommer 1913 in 202 Orten — meist von der sozialdemokratischen Parteileitung und der örtlichen Gewerkschaftsvertretung gemeinsam — Kinderschutz-Kommissionen eingerichtet, die in voller Planmäßigkeit, unterstützt durch die Arbeiterpresse wie durch Flugblatt- und Versammlungsagitation und oft in Verbindung mit Lehrern, Aerzten, Stadtverordneten, Armen- und Waisenpflegern, Kinderämtern, Gewerbeinspektoren und der Gewerbepolizei erfolgreich arbeiteten.
Da sind junge Arbeitssklaven, schulpflichtige und noch jüngere, die von Genossinnen auf ihren Kontrollgängen von nur ein paar Stunden Dauer zu Tausenden angetroffen werden, mit Zeitungen, Frühstück oder Warenpacken schwer beladen, vor dem Schulunterricht, ohne Arbeitskarte, hausierend oder in gesundheitsgefährlichen Betrieben, spät nachts oder bei überlanger Arbeitsqual; da sind Verwahrloste und sittlich Gefährdete, zur Bettelei oder noch Schlimmerem angeleitet, in Gesellschaft von Trunkenbolden und Prostituierten, verschleppt und geschlechtlich mißbraucht, Opfer einer vergifteten und verderbten Atmosphäre; da sind Mißhandelte, Verprügelte, häufig uneheliche oder Stiefkinder, immer Stiefkinder des Schicksals, die blutend, mit Striemen, Beulen oder Schorf bedeckt, in kalten Gelassen, ausgehungert, krank und seelisch geängstigt von den Kontrolleurinnen aufgefunden werden. Not in aller Form, in schlimmster, in himmelschreiender Steigerung, Wohnungselend, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Tuberkulose, Hunger, Laster, großer Kinderreichtum bei kärglichstem Verdienst — alles, alles bekommen die kontrollierenden Frauen zu sehen, durch all das Elend müssen sie hindurch. Sie stehen vor Abgründen unfaßlichster Not, stoßen auf unglaublichste Roheit der Eltern, auf bornierteste Verständnislosigkeit der Behörden, kämpfen gegen den Widerstand profitgieriger Unternehmer und gegen die dumpfe Indolenz der niederen Polizeiorgane, haben mit Vormündern, Waisenpflegern und prügelnden Lehrern — so sehr sie in Güte und sachlicher Auseinandersetzung ihren Zweck zu erreichen suchen — die aufregendsten und verdrießlichsten Auftritte. Sie müssen oft genug um das Wohl und den Schutz des Kindes mit allen Kräften ringen und verzweiflungsvolle Kämpfe führen. Eine Fülle von Arbeit und Aufopferung, ein Uebermaß von Nervenkraft, Energie und Ueberzeugungstreue spricht aus den Ziffern und Statistiken der Berichte, die von den meisten der Kommissionen alljährlich veröffentlicht werden.
Aber nicht nur gefährdetes und versinkendes Kulturgut wird gerettet, es wird auch neues Kulturland gepflügt. Mit jedem Schritt vorwärts erweitert sich der Blick, jeder Erfolg stellt neue Aufgaben. Wichtiger als die Wohltat des Schutzes und der Bewahrung ist schließlich die Pflicht der Vorbeugung und Ursachenbeseitigung. So wirkt die Errichtung von Kindergärten und Kinderhorten der sittlichen Verwahrlosung entgegen; Schulspeisungen vermögen den ärgsten Hunger zu stillen; Schulbäder dienen der zumeist vernachlässigten Körperpflege; mit dem Schularzt wird ein Faktor mehr in den kindlichen Lebenskreis gestellt, um Gesundheit und Entwickelung gegen Hemmnisse und Störungen zu schützen. Damit sind aber der Arbeit der Kinderschutzkommissionen neue, weitere Ziele gegeben. Und nicht genug damit. Berufsvormundschaft, Fürsorgeamt, Ziehkinderzentrale, Polizeiassistentin, Jugendhilfe u. a. sind weitere Institutionen, die in das Schicksal des schutzbedürftigen Kindes eingreifen; wo sie noch fehlen, gilt es, ihre Einrichtung zu veranlassen, wo sie bestehen, muß mit ihnen Fühlung genommen und eine Art Arbeits- und Interessengemeinschaft angebahnt werden. Während des Sommers wollen ferner Spaziergänge, Wanderungen und Spielnachmittage veranstaltet sein; für den Winter sind Märchen-Abende und Handarbeitsstunden in zahlreichen Orten bereits zu einer beliebten und begehrten Einrichtung geworden. Das Maß der Arbeit und die Menge der Pflichten wächst den Kommissionen unter den Händen. Ueberall tauchen Forderungen auf und machen sich Bedürfnisse geltend; die Not des proletarischen Kindes ruft aus hundert, aus tausend Kehlen um Schutz und Hilfe. Wohl kann nicht all das, was nottut, von den Kommissionen geleistet werden; aber sie sollen anregen, die Wunden aufdecken, ihre Erfahrungen sammeln und agitatorisch verwerten, die Instanzen vorwärts drängen, das öffentliche Gewissen schärfen — kurz, mit allen Kräften über ihr eigentliches Tätigkeitsgebiet hinaus Wege zu erschließen suchen, die einmünden in das Werk der Volkserziehung, Volkswohlfahrt und Volksbefreiung.
Psychische Alterstypen.
Bei normaler Entwicklung des Menschen nimmt parallel mit dem körperlichen Wachstum auch die geistige Reife zu. Mit jeder Altersstufe verändert sich das Bild der menschlichen Psyche, und je nachdem die medizinische und pädagogische Erfahrung zur Unterscheidung gewisser allgemeiner Altersstufen geführt hat, unterscheidet auch die Psychologie, je nach den Formen, die das Denken, Fühlen und Wollen auf diesen Altersstufen annimmt, sogenannte psychische Alterstypen. Es ist leicht zu begreifen, daß die Kenntnis und Berücksichtigung der Altertypen für die Erziehung des Kindes von größter Bedeutung sind. Die Einteilung der Menschen in junge und alte, unmündige und mündige, entbehrt des wissenschaftlichen Charakters, auch die bekannte Dreiteilung: Kindheit, Jugend, Alter ist laienhaft. Erst in der Erkenntnis, daß das sechste bis siebente Lebensjahr als Zeitpunkt des Zahnwechsels und das 14. Lebensjahr als Beginn der Geschlechtsreife wichtige Wendepunkte in der Entwicklung des Menschen bedeuten, zeigen sich Spuren wissenschaftlicher Beobachtungs- und Forschungsarbeit. Die Namen Solon und Hippokrates kennzeichnen diese Periode. Verhältnismäßig spät erst kam man dazu, sich über den Anfang der dritten Altersstufe zu einigen; schließlich wurde das 25. Lebensjahr hierfür festgesetzt. Vier Altersstufen: Kindheit, Jugend, Mannes- und Greisenalter besang Horaz ein Jahrhundert vor Christi Geburt.
Als erst Pädagogen und Psychologen sich über die Wichtigkeit der Altersstufen klar zu werden begannen und demgemäß der Entwicklung des Kindes eine sorgfältigere Beobachtung widmeten, kamen bald verschiedene Methoden auf, nach denen die Altersstufen bemessen wurden. Amos Comenius unterschied von der Geburt an sechsjährige Perioden: Mutterschoß, Muttersprachschule, Lateinschule, Akademie. Herbart traf die Einteilung so: zunächst die ersten drei Lebensjahre, dann das vierte bis achte, darauf das Knaben- und endlich das Jünglingsalter. Zwischen Comenius und Herbart entwickelten Burdach, Schwarz, Dengel, Jean Paul, Fröbel und besonders Madame de Necker-Saussure die unterschiedlichsten Auffassungen und Systeme, je nach der Art und dem Resultat des Beobachtungsverfahrens.
Klarheit und Einheitlichkeit kam erst in das Material, nachdem es der Psychologie gelungen war, zu einer tieferen Kenntnis der Funktionen des Kindergehirns und einem genaueren Einblick in die Entwicklung des jugendlichen Seelenlebens zu gelangen. Schon 1787 hatte der Marburger Professor Tiedemann auf Grund der Beobachtungen seines Söhnchens Aufzeichnungen über „Die Entwicklung der Seelenfähigkeit bei Kindern“ gemacht; 1856 gab der Rudolstädter Arzt Berthold Sigismund ein Schriftchen „Kind und Welt“ heraus, das ebenfalls auf Beobachtungen zurückging, die der Verfasser an seinem Kinde angestellt hatte, und 1877 erschienen die von Charles Darwin gesammelten Ergebnisse der sorgfältigen Beobachtungen über die Entwicklung seines Sohnes. Nachdem diesen, bei allem wissenschaftlichen Eifer ihrer Verfasser mehr laienhaften Materialiensammlungen Kußmaul seine berühmten „Untersuchungen über das Seelenleben des neugeborenen Kindes“ und Perez sein bedeutendes Werk über „Die Psychologie des Kindes“ hinzugefügt hatten, war die Kinderbeobachtung soweit gediehen, daß sie ihre Krönung in Preyers „Die Seele des Kindes“ finden konnte, einem epochemachenden Werke, das alle bisherigen Leistungen in den Schatten stellte. Nun vermochte die Wissenschaft auch in der Frage der psychischen Alterstypen klarer zu sehen und sicherer zu scheiden und bald war man sich darin einig, daß die Zeit vor Beginn der Schulpflicht in zwei dreijährige Stufen zerfällt, während die eigentliche Schulzeit sich in vier Stufen gliedert, deren erste und zweite in der Regel je zwei Lebensjahre umfassen, indes die letzten beiden von unbestimmter Dauer sind.
In den ersten drei Lebensjahren, die sich als erste Entwicklungsstufe darstellen, steht das Kind fast völlig unter der Herrschaft der Sinne. Es will sehen, hören, sich bewegen und unterhalten sein. Zu reiner Geistesarbeit ist es noch unfähig, auch wenn das erste „dumme Vierteljahr“ längst vorüber ist und Sprache und Gedächtnis sich entwickeln.
Mit der Aeußerung seines Selbstbewußtseins tritt das Kind in die zweite Entwicklungsperiode ein. „Das normale Kind ist jetzt etwa drei Jahre alt. Es verhält sich nun nicht mehr bloß aufnehmend, sondern auch reproduzierend. Es fängt an zu vergleichen, zu unterscheiden, nachzuahmen und zu kombinieren, Vorstellungsgruppen und -reihen zu bilden. Die Einbildungskraft regt sich, das Denken beginnt. Aus dem Anschauungskreis heraus gestaltet sich der Gedankenkreis. Das Kind spielt jetzt viel sinniger und selbständiger als zuvor, weiß sich zu unterhalten, auch wenn es allein ist, ist wißbegierig, hat hundert Einfälle. Es fragt viel und hört gern Geschichten erzählen, am liebsten solche, die seiner Einbildungskraft freien Spielraum gestatten. Auch wird es vorsichtig, aufmerksam und empfänglich für Lob und Tadel. Das Ehrgefühl erwacht, das sittliche Urteil meldet sich. Der Verkehr mit Altersgenossen wird ihm immer lieber, und da es gleichzeitig Gefallen an allerlei Beschäftigung findet, so sagt ihm der Aufenthalt in einem Kindergarten recht wohl zu.“ (Hartmann in Reins Enzyklopädie.) Diese Entwicklungsstufe, die sich bis zum Ende des sechsten Lebensjahres hinzieht, ist für die psychische Entfaltung und Reife des Kindes von allergrößter Wichtigkeit. Hier gilt es, den Anschauungskreis zu bilden, den der Lehrer beim Eintritt des Kindes in die Schule als vorhanden voraussetzen muß. Denn das Kind soll unterrichtsfähig sein, d. h. es soll über einen gewissen Grad intellektueller Reife verfügen, der es befähigt, dem Unterricht zu folgen und den dargebotenen Lehrstoff geistig zu verarbeiten. Dazu bedarf es einer Menge richtiger Vorstellungen und Begriffe, die dem neu hinzukommenden Wissensstoffe als Anknüpfungspunkte dienen können. Je größer der Vorstellungsschatz im vorschulpflichtigen Alter ist und je klarer und sicherer die einzelnen Vorstellungen ausgeprägt sind, desto leichter wird das Kind in der Schule begreifen und lernen, desto rascher wird sich sein Vorstellungs- und Gedankenkreis erweitern. Erfahrungsgemäß sind die meisten unserer Kinder, wenn sie zur Schule kommen, sehr arm an brauchbaren Vorstellungen, daher die Forderung, durch rege Spieltätigkeit, viel Bewegung in der freien Natur, Verkehr mit Kindern und — wenn irgend möglich — durch den Besuch eines gut geleiteten Kindergartens den Kindern auf bequeme und angenehme Weise zu einer größeren Summe brauchbarer Vorstellungen zu verhelfen.
Etwa vom siebenten Lebensjahre an bis zur Beendigung des achten steht das Kind auf der dritten Stufe der Entwickelung, die im Grunde nur eine Uebergangsstufe ist und sich im übrigen als Stufe der freien Einbildungskraft und des kindlichen Vertrauens kennzeichnet.
Ungleich wichtiger ist die vierte Stufe, auf der das mechanische Gedächtnis sich entwickelt. „Die Fähigkeit, erworbene Vorstellungen in ihrer ursprünglichen Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge wieder ins Bewußtsein zurückzurufen, eine Fähigkeit, die für die gesamte weitere geistige Entwickelung des Menschen von höchster Bedeutung ist, erreicht schließlich einen so hohen Grad der Stärke, daß man wohl sagen darf, das Kind steht jetzt hinsichtlich seiner geistigen Entwickelung unter der Herrschaft des mechanischen Gedächtnisses.“ Der Knabe macht sich auf dieser Stufe durch große Beweglichkeit und Wildheit, Streitsucht, Rechthaberei und Neckerei bemerkbar; das Mädchen fällt durch sein verärgertes, zanksüchtiges und schmollendes Wesen auf. Der Erzieher muß sehr auf der Hut sein, um nicht durch Inkonsequenzen oder Schwächen, die von den Kindern sofort entdeckt und gründlich ausgebeutet werden, seine Autorität und damit seinen Einfluß gänzlich zu verlieren.
Die fünfte Stufe ist die „des aufstrebenden Verstandes“, auf der das Kind in der Bildung psychischer Begriffe rasche Fortschritte macht. „Am Anfang der Stufe wird in der Regel entschieden, ob ein Knabe eine höhere Schule besuchen soll, die Geschlechter werden getrennt unterrichtet, es werden neue Unterrichtsfächer eingeführt, in denen Begriffsbildungen öfter als sonst sich nötig machen usw. Das alles würde nicht geschehen, wenn sich nicht durch die mehr und mehr zur Herrschaft gelangende Begriffsbildung eine größere Bestimmtheit im geistigen Tun des Zöglings zeigte. Es stellt sich auch ein bewußteres Handeln, eine zunehmende Herrschaft über das eigene Tun bei ihm ein. Er ordnet seinen Willen jetzt nicht bloß deshalb einem fremden Willen unter, weil letzterer bestimmte Forderungen an ihn stellt, sondern auch, weil er erkennt, daß dieser Wille dem seinigen an sittlichem Gehalt und Ausdauer überlegen ist. Zugleich klärt und festigt die Vergleichung des eigenen Tuns mit fremdem, insbesondere aber das Aufschauen zu Vorbildern des sittlichen Handelns, die sittliche Einsicht und läßt allmählich einen wertvollen Maßstab für das eigene Handeln gewinnen.“
Die sechste Stufe endlich ist die Stufe „des vorherrschenden Verstandes und eines durch sittliche Ideen bestimmten Handelns“. Das ist die Zeit, in der die Kinder — wie man sagt — verständiger werden. Die ganze Entwickelung wird beherrscht von dem gesteigerten Streben nach Vollkommenheit.
So wichtige und wertvolle Aufschlüsse die Kinderpsychologie über die Entwickelung der kindlichen Psyche vermittelt hat — an einem Fehler krankt sie durchweg: sie berücksichtigt nur das bürgerliche Normalkind, ohne zu bedenken, daß die psychische Entwickelung des Kindes Beeinträchtigungen und Abweichungen erfährt und erfahren muß, sofern die sozialen Verhältnisse ungünstiger sind und den normalen Entwicklungsverlauf nachteilig beeinflussen. Diese Tatsache interessiert uns in ganz besonderem Maße. Vereinzelt liegt schon wissenschaftliches Material vor, das in dieser Hinsicht Stützpunkte bieten könnte. An eine systematische Erforschung der Zusammenhänge zwischen physischer und psychischer Entwickelung unter veränderten sozialen Bedingungen ist die bürgerliche Kindespsychologie noch nicht herangetreten. Das proletarische Kind wartet noch immer seines Erforschers und Biographen.
Aus dem Kinderlande.
Puppenküche.
Daß Puppenmütter vorzüglich kochen können, weiß jeder, der einmal in Puppenstuben und Puppenküchen zu Gaste war. Da ist viel Geschäftigkeit und rechtschaffener Hausfraueneifer; da dampft und kocht und schmurgelt es; in Töpfen und Pfannen gibt es allerlei leckere Gerichte — aus Pfefferkuchen, Marzipan, Schokolade und anderen köstlichen Dingen.
Gestern hat es in der Puppenwirtschaft, glaube ich, ein Fest gegeben — Geburtstag, Taufe oder seltenen Besuch. Es ist hoch hergegangen mit Lachen, Erzählen und einem guten Happenpappen. Puppenmütterchen hatte sich eine Magd bestellt, die ihr zur Seite stand; beide schafften im Schweiße ihres Angesichts Unmögliches. Als der Trubel zu Ende war und der lachende Schwarm — holderdipolter! — sich verlaufen hatte, fand ich auf der Treppe einen Zettel:
Menu.
Ochsenschwanzsuppe.
Reissuppe mit Tomaten.
Fischkottlet mit Salzkardoffeln.
Ziegenbraten mit Bohnen.
Kamelsbraten mit Speck und Kartoffeln.
Bärbraten mit Kartoffelsalat und Apfelmus.
Geb. Elefandenrüssel mit Fleischbrüe.
Pfirsichpuding.
Erdbeertorte mit Schlagsahne.
Ist das nicht eine gastronomische Leistung, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen läßt! Nun weiß ich, warum das kleine Völkchen so vergnügt war. …
Braucht jemand eine Kochmamsell?
Ich weiß euch eine feine! — —
Umgang mit Kindern.
Gib dem Kinde Beschäftigung!
Keiner hat die Natur des Kindes besser erkannt als Fröbel, darum ist kein Erziehungsgrundsatz treffender und glücklicher als der, den er den Eltern und Erziehern gab: Das Kind muß von Anfang an als ein schöpferisches Wesen behandelt werden! Der lebhafte Stoffwechsel, der dem kindlichen Organismus eigen ist, bedingt ein außerordentlich reges Bedürfnis nach Bewegung und Beschäftigung. Ein gesundes Kind kann nicht still, nicht untätig sein. Das kleine Mäulchen muß plappern und fragen, die Augen machen Entdeckungsreisen, die Hände greifen, spielen, formen, schaffen, die Füße trippeln immerzu, — selbst unter dem Tische baumeln die ewig unruhigen Beinchen noch. In diesem frohen Tun und freien Bewegen fühlt sich das Kind am wohlsten und glücklichsten: „Was heiter und selig macht und erhält, ist bloß Tätigkeit.“ Mag uns diese Tätigkeit als Spiel und Tändelei erscheinen, dem Kinde ist sie ernst und wichtig — sieh, wie seine Wangen glühen, seine Augen leuchten; beobachte, wie sein Geist arbeitet: fürwahr, das Kind ist ein schöpferisches Wesen! Was könnte wohl näher liegen als der Gedanke, daß dieser starke schöpferische Trieb in den Mittelpunkt des ganzen Erziehungswerkes gestellt werden muß. Hast du nicht ein weinerliches, übellauniges und unfolgsames Kind, wenn es sich langweilt, wenn es stillsitzen und „artig sein“ soll? Dagegen, wenn es eifrig und angeregt beschäftigt ist, siehst und hörst du von ihm nichts. Du hast über Unarten und lose Streiche zu klagen, die dein Kind verübt — hast du auch dafür gesorgt, daß der Tätigkeitsdrang in richtige Bahnen gelenkt und durch unterhaltsame Beschäftigung befriedigt wurde? Richte im Hof oder Garten einen Sandhaufen her; zeige den Kindern, wie man aus Lehm oder Knetmasse allerhand lustige Dinge formen kann; laß vom Weidenzweig ein Pfeifchen klopfen oder hilf den Knaben, aus Baumrinde ein Schifflein zu schnitzen — du wirst erstaunt sein, welch artige und heitere und anstellige Kinder du hast. Ein festeres und schöneres Band gegenseitiger Wertschätzung und Liebe wird beide Teile umschlingen, und wie durch die Jahrtausende am Menschengeschlecht, wird auch am Wachsen und Werden des Einzelnen die Arbeit ihre beglückenden und erhebenden Segenskräfte offenbaren.
Der Sandhaufen.
Ist die Sonne die beste Kinderwärterin, so ist der Sandhaufen des Kindes liebster Spielkamerad. Mehr als dies: man hat ihn sogar den größten Pädagogen genannt. In der Tat gehen von ihm ganz außerordentliche erzieherische Wirkungen aus. Er trägt dem Beschäftigungstriebe, der das Lebenselement des Kindes ausmacht, in weitestem Maße Rechnung und lehrt unvermerkt, aber eindringlich den Gebrauch der Sinne. Besonders der für die Gewinnung klarer Empfindungen und scharf ausgeprägter Eindrücke so wichtige Tastsinn erfährt erhöhte Förderung. Das Kind gelangt zu einer frischen und unmittelbaren Auffassung des Körperlichen und wird zur Aktivität tatkräftig angeleitet. Seine Welt liegt dort, wo es sich mit seinen Fingern und Händen betätigen, wo es aus eigener Kraft schaffen, bauen, produzieren kann. Nicht bloß, daß es dabei die Gesundheit stärkt und Muskelkräfte entwickelt, es entfaltet auch seine Phantasie und eignet sich unwillkürlich und mühelos eine große Anzahl von physikalischen und mathematischen Grundsätzen an. Ein Reichtum von Gestalten und Formen tut sich auf dem Sandhaufen dem kindlichen Geiste auf, eine Fülle von Tatsachen und Wahrheiten, Erscheinungen und Ereignissen tritt seiner Vorstellungswelt entgegen. Und wahre Ströme von Glück quellen aus den Seelen der Kinder hervor! Willst du heitere, schaffende, glückliche Kinder sehen, suche sie auf dem Sandhaufen der Gärten und Spielplätze, dort findest du sie, wenn nirgends sonst.
Fortschritte.
Der Verein zur Bekämpfung der Schwindsucht in Chemnitz hat mehrere hundert Landwirte veranlaßt, schulentlassene schwächliche Kinder aufzunehmen, um sie vor der Fabrikarbeit zu bewahren. Nach ihrer Kräftigung sollen die Kinder in die Stadt zurückkehren, um dort einen Beruf zu erlernen. Der Verein übernimmt die Vermittelung der Stellen. Die Landwirte verpflichten sich, die Kinder zu beaufsichtigen und gut zu behandeln. — Die Berufsvormundschaft soll in Baden künftig in allen Fällen eingeführt werden können, in denen sie notwendig erscheint. — Die Trennung von Kirche und Schule forderte auf seiner Chemnitzer Hauptversammlung der Sächsische Lehrerverein. — Der preußische Kultusminister hat die Gleichlegung der Volksschulferien mit denen der höheren Lehranstalten verfügt. Die Dauer der Ferien ist auf 80 Tage bemessen. — Die anhaltische Regierung verfügte, daß die Osterprüfungen an den Volksschulen, an denen sie noch bestehen, sich in Zukunft nur auf die drei ersten Schuljahre erstrecken sollen. Für die übrigen Schüler sind am Schluß des Schuljahrs öffentliche Schulfeiern zu veranstalten. — Der Stadt Berlin sind fünf Millionen Mark von einem Einwohner geschenkt worden, die zur Anlegung und Unterhaltung einer Waldschule für Knaben, die gesund und namentlich nicht erblich mit Fehlern belastet sind, dienen sollen. — Nachdem sich die vor zwei Jahren eingeführten Versuchselementarklassen bestens bewährt haben, soll in Chemnitz von Ostern d. J. ab der gesamte Elementarunterricht im Sinne der modernen Reformbestrebungen erteilt werden. Der Pädagogische Verein sprach sich einmütig dafür aus. — Die nach dem Mannheimer System in Sachsen eingerichteten Förderklassen sollen, da sich ihre Nachteile immer stärker bemerkbar machen, eingezogen werden. Das ist ein Fortschritt im Interesse der gesunden Entwickelung unserer Lernschule zur Arbeitsschule. — In Japan ist durch eine Gesetzesverordnung der Verkauf von Tabak an Jugendliche, auch wenn sie von ihren Eltern zum Kauf beauftragt sind, sowie das Rauchen Jugendlicher (bis zu 20 Jahren) verboten.
Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Dresden-Hellerau.
Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, marzo de 1914, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal solo de apoyo. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor responsable (Stecklina 2002, secc. 1.6.2): el lema de Jeremias Gotthelf, «Kinderschutz-Kommissionen», «Psychische Alterstypen» (versión reelaborada y abreviada del artículo de Rühle del mismo título publicado, con las iniciales O. R., en el Unterhaltungsblatt des Vorwärts del 15 de marzo de 1906, OR1906-10, publicado aparte en este archivo), «Puppenküche», «Gib dem Kinde Beschäftigung!», «Der Sandhaufen» y «Fortschritte». Se omiten, con comentario en su lugar, los extractos de libros ajenos (Der Schulaufsatz der Achtjährigen, H. Scharrelmann, R. Seidel, C. Spitteler, P. Bröcker). Se conservan las grafías del original («Altertypen» junto a «Alterstypen», «Entwicklung» junto a «Entwickelung») y las faltas infantiles del menú de «Puppenküche». El suplemento no lleva paginación impresa: los comentarios S. [n] del código remiten a la página n del facsímil. El margen derecho de la pág. 4 está cortado en el escaneo; las pocas letras perdidas a final de línea se han completado por el sentido. El espaciado del original se da en cursiva.