Meine Herren, die Teurungsdebatte der letzten Tage und nicht zum letzten auch das Resultat der heutigen Abstimmung haben den darbenden Massen draußen erneut die Erkenntnis vermittelt, daß die Regierung und die Mehrheitsparteien des Hauses über die Not und das unsägliche Elend der breiten und ärmsten Schichten der Bevölkerung orientiert sind, daß sie aber nicht den Willen haben, ihnen zu helfen und ihre Lebenshaltung erträglicher und menschenwürdiger zu gestalten.
(Oho! rechts und im Zentrum. — Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Was getan worden ist und was in den Fällen der Not getan zu werden pflegt, ist im großen und ganzen nichts anderes als eine Reihe geringfügiger und fragwürdiger, zum Teil gänzlich wirkungsloser Maßnahmen, die mehr auf die Verschleierung, Verbrämung und Vertuschung berechnet sind als auf eine tatsächliche Abhilfe, Maßnahmen, die immer nur auf das alte Rezept von der weißen Salbe hinauslaufen.
Nach diesem alten und berüchtigten Rezept von der weißen Salbe ist auch der Gesetzentwurf gearbeitet, der uns hier zur Beratung vorgelegt ist. Ich kann mir keinen krasseren und aufreizenderen Gegensatz denken als den, der sich auftut zwischen dem Inhalt und dem Umfange dieses Gesetzentwurfs, und dem Umfange und der Größe und der ganzen ungeheuren Wucht des Elends, das durch diesen Gesetzentwurf bekämpft oder aber doch gemildert werden soll.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Die Säuglingssterblichkeit, mit der wir es hier zu tun haben, gehört in dem großen Buche von der deutschen Kulturschande zu den beschämendsten
(große Unruhe rechts und im Zentrum — sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
und den dunkelsten Gebieten — —
(Glocke des Präsidenten.)
[Präsident Dr. Kaempf erklärt den Ausdruck „deutsche Kulturschande“ auf der Tribüne des Reichstags für nicht angebracht und ruft den Redner zur Ordnung. (Bravo!)]
Jedenfalls ist die Säuglingssterblichkeit eine Erscheinung von so außerordentlicher Natur, eine Erscheinung, daß man, um mit dem Zungenschlag des Herrn Kollegen Giesberts zu sprechen, sich schämen möchte, ein Deutscher zu sein.
(Unruhe und Zurufe im Zentrum. — Glocke des Präsidenten.)
[Präsident Dr. Kaempf: selbst hypothetisch dürfe der Redner einen derartigen Ausdruck nicht gebrauchen.]
Auch der Verfasser der Begründung, die diesem Gesetzentwurf beigegeben ist, scheint ein Gefühl für das Niederdrückende und Blamable gehabt zu haben, das darin liegt, dieser Erscheinung gegenüberzutreten. Mit einer Rücksicht, mit einem ungewöhnlichen Zartgefühl geht der Verfasser dieser Begründung um die schlimmsten Tatsachen und aufregendsten und furchtbarsten Einzelheiten der Materie, des Gebiets der Säuglingssterblichkeit, herum.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Er verschleiert und verdeckt mehr, als er enthüllt, und verschweigt viel mehr, als er aussprechen müßte, wenn es ihm darauf ankäme, über den Stand der Säuglingssterblichkeit sachlich zu orientieren. Es wird der Versuch gemacht, eine solche Orientierung zu geben, der Versuch gemacht, darzustellen, wie heute die Säuglingssterblichkeitsziffern aussehen. Aber dieser Versuch ist außerordentlich unzulänglich, und die Orientierung ist im höchsten Maße ungenau. Es wird uns gesagt, daß auf 100 Lebendgeborene im Jahre 1910 16,2 verstorbene Säuglinge kamen. Diese Zahl an sich besagt gar nichts; denn sie steht ohne jeden Vergleichsmaßstab da. Es hätte gar nicht viel Mühe gemacht, und der Bearbeiter dieser Begründung hätte sich nicht besonders in geistige Unkosten zu stürzen brauchen, wenn er uns zum vergleichenden Maßstabe die Ziffern der Gesamtsterblichkeit in Deutschland beigebracht hätte. Die Gesamtsterblichkeit betrug im Jahre 1910 1,7 Prozent, die Säuglingssterblichkeit aber in demselben Jahre 16,2 Prozent.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Dieser Gegensatz springt gewaltig in die Augen und läßt den ungeheuren Umfang der Säuglingssterblichkeit erkennen. Die Säuglingssterblichkeit ist fast zehnmal so groß als die Gesamtsterblichkeit in Deutschland. Es wäre auch nicht zu viel verlangt gewesen, wenn man neben die Ziffern der deutschen Säuglingssterblichkeit die Ziffern des Auslandes gesetzt hätte. Ich will auf diese Ziffern nicht eingehen, sie sind im Frühjahr dieses Jahres von dieser Stelle aus dem Hause mitgeteilt worden; aber die Tatsache muß konstatiert werden, daß in bezug auf die Säuglingssterb-
lichkeit Deutschland beinahe alle Staaten der Welt übertrifft,
(hört! hört! bei den Sozialdemokraten)
daß die Ziffern der deutschen Säuglingssterblichkeit über die Ziffern beinahe sämtlicher Staaten der Welt hinausgehen.
Der Herr Präsident des Reichsgesundheitsamts hat gestern oder vorgestern, als er den Versuch machte, die Aushungerungspolitik wissenschaftlich zu rechtfertigen, mit besonderem Nachdruck und mit besonderer Genugtuung darauf hingewiesen, daß die Säuglingssterblichkeit in Deutschland zurückgegangen sei, und daß die Säuglingssterblichkeitsziffern neueren Datums keinen Beweis dafür bildeten, daß die Notlage des Volkes groß sei, oder daß sie eine Steigerung erfahren habe. Ich denke nicht daran, zu bestreiten, daß die Säuglingssterblichkeit sich in den letzten Jahren vermindert hat; aber der Herr Präsident des Reichsgesundheitsamts hätte meiner Auffassung nach die Pflicht gehabt, zu sagen, daß trotz alledem Deutschland mit seiner Säuglingssterblichkeit immer noch mit an der Spitze marschiert, daß Deutschland immer nur noch übertroffen wird von Rußland, Österreich-Ungarn und, wenn ich nicht irre, von einem kleinen Staate des Balkans, jedenfalls in einer Gesellschaft marschiert, mit der in kulturellen Dingen auf eine Linie gestellt zu werden, Deutschland sonst zweifellos mit Entschiedenheit, wenn nicht gar mit Entrüstung ablehnen würde.
Es ist einmal in diesem Hause das Wort gefallen: Deutschland in der Welt voran. Wir haben uns daran gewöhnt und gewöhnen müssen, daß Deutschland allerdings sehr oft in der Welt voranmarschiert, aber immer nur dann, wenn es sich um Dinge der Unkultur handelt,
(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten; — lebhafter Widerspruch)
oder wenn es sich um Maßnahmen und Aktionen handelt, die volksfeindlichen Charakter tragen und Versündigungen am arbeitenden Volke bedeuten.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. — Lebhafter Widerspruch und Unruhe. — Glocke des Präsidenten.)
[Präsident Dr. Kaempf ruft den Redner wegen dieses Ausdrucks zum zweiten Male zur Ordnung.]
Dadurch, daß Sie das bestreiten, ändern Sie an der Tatsache nichts, daß die Säuglingssterblichkeit eine Versündigung ist, die an dem Volke verübt wird.
Wenn wir in der Säuglingssterblichkeitsstatistik den Nachweis dafür hätten, wie die Einkommens- und Erwerbsverhältnisse der Eltern beschaffen sind, deren Kinder der Säuglingssterblichkeit zum Opfer fallen, dann würde offenkundig und klar zutage treten, daß es sich immer um Proletarierkinder, um Kinder der minderbemittelten Bevölkerungskreise handelt. Dieselben erwerbstätigen Schichten, die ihre Jugend, ihre Gesundheit, ihre Arbeit, ihre Freiheit, ihr Lebensglück, ja die ihre Ansprüche auf Kultur und Menschenwürde opfern müssen, nur um das arme und nackte Dasein zu haben, dieselben Schichten sind es auch, aus deren Händen die ungeheuren Hekatomben von Kindern der mörderischen Säuglingsterblichkeit geopfert werden.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Die Regierung spricht in ihrer Begründung diese Tatsache nicht aus, und sie hat gar kein Interesse daran, dies zu tun und auf den Unterschied zwischen der Säuglingssterblichkeit der bemittelten Schichten und der Säuglingssterblichkeit der minderbemittelten und unbemittelten Schichten hinzuweisen. Die Regierung weiß ganz genau, daß sie damit gegen das System, dem sie dient, eine ungeheure Anklage richten würde,
(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
eine Anklage, die ich mit einem parlamentarischen Ausdruck gar nicht zu bezeichnen imstande bin. Jedenfalls steht fest, daß die Säuglingssterblichkeit eine Erscheinung ist, in der sich eine Unterlassungssünde ausspricht, die sich nicht bloß gegen das Volk, sondern gegen den wehrlosesten, gegen den wertvollsten Teil des Volkes richtet, gegen die Jugend und damit gegen die Zukunft des Volks.
In der Begründung der Regierung wird gesagt, daß unter den Todesursachen die Krankheit der Verdauungsorgane an erster Stelle steht; weiter wird dargetan, daß das Verhältnis zwischen der Sterblichkeit der Erwachsenen und der Säuglinge an Verdauungskrankheiten sich wie 4,9 Prozent zu 28 Prozent verhält oder, falls man noch andere Krankheiten der Verdauungsorgane hinzurechnet, wie 5,1 Prozent zu 29 Prozent. Es wird dann gesagt, nahezu der dritte Teil aller Säuglingssterblichkeitsfälle wäre demnach auf Verdauungskrankheit zurückzuführen.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
So ungeheuerlich diese Feststellung ist, so ist doch die Berechnung ungenau und verbirgt einige ganz wichtige Momente. Es ist zuzugeben, daß der dritte Teil aller Säuglingssterblichkeitsfälle auf Verdauungskrankheiten zurückgeht. Aber diese Verdauungskrankheiten verteilen sich nicht gleichmäßig über das ganze Jahr, sondern sie fallen in der Hauptsache, den höchsten Prozentsätzen nach, in die sommerliche Hälfte des Jahres. Dieser Umstand kompliziert das ganze Problem der Säuglingssterblichkeit noch und gewinnt der Frage, wenn auch nicht eine neue, aber doch eine eigene Seite ab. Man hat bisher immer behauptet, daß die Säuglingssterblichkeit lediglich eine Frage der Ernährung sei, und man hat von dieser Auffassung ausgehend alle Gegenmaßnahmen getroffen, also die ganze Abwehrorganisation nach diesen Gesichtspunkten gestaltet. Auch die Tätigkeit des Kaiserin-Augusta-Viktoriahauses in Charlottenburg, die in diesem Hause oft erwähnt und gerühmt worden ist, geht von der Auffassung aus, daß es sich bei der Säuglingssterblichkeitsfrage um eine Ernährungsfrage, und zwar ausschließlich, handelt. Auch der Grundgedanke und die Tendenz des uns heute vorliegenden Gesetzes wird von dieser Auffassung diktiert. Es ist aber zu bestreiten, daß es sich bei der Frage der Säuglingssterblichkeit ausschließlich oder auch nur in der Hauptsache um eine Ernährungsfrage handelt. Man kommt neuerdings immer mehr zu der Auffassung, daß es sich bei dieser Frage mindestens in demselben Maße um eine Wohnungsfrage,
(lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten)
um eine Frage der gesamten sozialen Verhältnisse, in der die Menschen leben, handelt.
(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Die ganze Frage der Säuglingssterblichkeit ist nicht aus dem Ernährungsproblem allein heraus zu verstehen, sondern aus dem gesamten Komplex der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in der sich Hunderttausende und Millionen von Menschen befinden.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Ich brauche nur auf die Mitteilungen zweier Ärzte vom Virchowkrankenhaus in Berlin hinzuweisen, der Herren Dr. Liepmann und Lindemann, die in der „Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege“ dargetan haben, daß die Wohnungsverhältnisse für den Grad der Säuglingssterblichkeit von ganz außerordentlicher Bedeutung sind. Der Hitzeeinfluß ist in den kleinen Räumen der minderbemittelten Schichten, in Häusern, die an engen Straßen liegen, in Räumen, in denen die Licht- und Luftzufuhr außerordentlich gering ist, naturgemäß weitaus größer als in Räumen und Häusern, die offene, freie Bauweise haben. Deshalb ist auch die Säuglingssterblichkeit in den Wohnungen und Häusern der Arbeiterviertel
weitaus größer als in den kleinen Familienhäusern oder gar in den Villen. Ich habe eine Anzahl Zahlen hier und möchte gerade an der Hand dieser statistischen Nachweise Ihnen vor Augen führen, daß die Säuglingssterblichkeitsfrage wesentlich mit eine Wohnungsfrage, in der Hauptsache aber eine soziale Frage ist. Dr. Richter hat schon im Jahre 1888 für Frankfurt a. M. nachgewiesen, daß in den Villenvierteln, wo die Bevölkerungsdichtigkeit nur gering war, 15 Prozent der Säuglinge starben, in derselben Zeit aber in den alten Stadtvierteln Frankfurts und den engen Straßen mit kleinen Räumen und großer Bevölkerungsdichtigkeit die Säuglingssterblichkeit 37 bis 43 Prozent betrug.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Ich will auf die Berechnung des Dr. Groth in München hinweisen, der feststellte, daß 80,8 Prozent der verstorbenen Säuglinge aus Wohnungen stammten, die aus 1 bis 2 Räumen bestehen,
(hört! hört! bei den Sozialdemokraten)
Wohnungen, die nur den 25. Teil aller Wohnungen ausmachen. Ich weise auf die Ermittelungen des Dr. Meinert in Dresden hin, der feststellte, daß in freigelegenen Arbeiterhäusern die Säuglingssterblichkeit ganz geringfügig war, daß sie aber bei halb offener Bauweise auf 2,5 Prozent und bei geschlossener Bauweise in der Nähe von Hinterhäusern sogar auf 8,5 Prozent stieg.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Ich weise ferner auf die Ermittelungen hin, die man in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden gemacht hat. Da betrug in den ersten Jahren die Säuglingssterblichkeit 5 Prozent, während sie in der Stadt Dresden 14,8 Prozent, in Leipzig 17,1 Prozent und in Chemnitz 22,3 Prozent betrug.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Ich weise ferner auf die Ermittelungen des Dr. Kathe in Halle hin, der feststellte, daß in den engen, stickigen und übervölkerten Straßen der Altstadt die Säuglingssterblichkeit 47 bis 48,5 Prozent betrug, ja es Häuser gab, in denen im Laufe des Jahres bis 18 Säuglinge hintereinander gestorben waren,
(hört! hört! bei den Sozialdemokraten)
während in freier Stadt, in Einfamilienhäusern, die Säuglingssterblichkeit außerordentlich gering war und in gar keinem Verhältnis zu diesen abnorm hohen Ziffern stand.
Es ergibt sich daraus, daß die Frage der Säuglingssterblichkeit nicht bloß eine Ernährungsfrage ist, sondern mindestens auch als Wohnungsfrage angesprochen werden muß. Die Regierung, die bisher noch nichts oder nichts Gründliches und Energisches zur Beseitigung der himmelschreienden Wohnungsverhältnisse und des Wohnungselends getan hat, und alle diejenigen Parteien, die, obwohl sie die Möglichkeit und Macht dazu gehabt hätten, nichts in dieser Richtung getan haben, dürfen sich als mitschuldig an den Zuständen fühlen, die ich hier zu charakterisieren versucht habe.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Die Regierung nimmt davon keine Notiz. Sie läßt die Frage der Säuglingssterblichkeit lediglich als eine Ernährungsfrage gelten. Sie bringt das besonders zum Ausdruck und legt viel Gewicht darauf: es ergibt sich, sagt sie, daraus die Wichtigkeit der Aufgabe, dem zartesten Kindesalter alle schädigenden Einflüsse fernzuhalten, die mit der Ernährung im Zusammenhang stehen. Meine Herren, achten Sie bitte darauf, daß die Regierung sagt, es gelte, alle schädigenden Einflüsse fernzuhalten. Fragen wir uns: welcher Art sind denn diese schädigenden Einflüsse, die sich nun aus dem Zusammenklang dieser Voraussetzungen ergeben? Vielleicht darf ich Ihnen auch da ein paar statistische Ziffern anführen, um eine Beantwortung dieser Frage zu erhalten.
Nach einer Statistik, die Ellen Key erwähnt, starben in den aristokratischen Familien Deutschlands von 1000 Kindern jährlich 57, in der armen Bevölkerung Berlins aber 345.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Während die offizielle Statistik die Säuglingssterblichkeit für Berlin auf 18,1 Prozent bezifferte, starben im Tiergartenviertel nur 5,2 Prozent, auf dem Wedding dagegen 42 Prozent.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
1905 starben in den westlichen Vororten Berlins 15 Prozent und im August 27,8 Prozent, dagegen in den östlichen Vororten mit starker Arbeiterbevölkerung 23,7 Prozent und im August bis zu 62,5 Prozent sämtlicher lebend Geborenen im Säuglingsalter.
Nach einer andern Statistik betrug die Sterblichkeit in Dahlem 6,67 Prozent, aber in Lichtenberg 25,1 Prozent, in Britz 29,3 in Weißensee 31,9 Prozent usw. In Bremen stellte Dr. Funk, der Leiter des statistischen Amtes, fest, indem er die Bevölkerung in 3 Klassen, Wohlhabende, Mittelstand und Arbeiter, gliederte, daß für den Zeitraum von 1901 bis 1910, von 10 000 Säuglingen bei den Wohlhabenden 489 verstorben waren, beim Mittelstand 909 und bei den Armen 2558 Säuglinge.
Eine Feststellung von Dr. Spiegel in Kiel für 1906 besagt, daß bei den höheren Ständen die Säuglingssterblichkeit 18 Prozent betrug, beim Mittelstande auf 43,8 Prozent stieg und bei den Arbeitern auf 50,3 Prozent. Für Halle hat Dr. Wolff ermittelt, daß bei den Reichen 8[,]9 Prozent der Säuglinge starben, beim Mittelstande 17,3 Prozent und bei den Arbeitern 30,5 Prozent. Es ergibt sich daraus immer wieder, daß das Kind sozial besser gestellter Kreise bevorzugt ist, und daß das Kind der armen Schichten in ungleich höherem Maße der Säuglingssterblichkeit zum Opfer fällt. Es hätte nun wohl nahegelegen, daß die Regierung in ihrer Begründung zu dem vorliegenden Gesetzentwurf von diesen Ziffern und Tatsachen Notiz genommen hätte. Aber sie geht mit keinem Worte darauf ein. Und doch wird man zugeben müssen, daß gerade diese Feststellungen für die ganze Bewertung und Lösung der Säuglingssterblichkeitsfrage und für die Beurteilung des Wertes der zu ergreifenden Maßnahmen von ganz außerordentlicher Bedeutung sind. Es genügt aber der Regierung, festgestellt zu haben, daß unter den Todesursachen die Verdauungskrankheiten an erster Stelle stehen. Dabei ist auch dies noch nicht einmal ganz zutreffend, wenigstens nicht in dieser allgemein verbindlichen Geltung und Ausdehnung.
Wir sind darüber einig, daß die Mutterbrust die beste Ernährung für den Säugling ist, und alle Bestrebungen, dem Säugling die Mutterbrust zu sichern, dürfen unserer rückhaltlosesten Zustimmung sicher sein. Aber Stillprämien allein tun es nicht. Gerade die Beobachtungen, die man im Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus in Charlottenburg gemacht hat, geben uns einen Fingerzeig für das, was getan werden müßte. Es hat sich nämlich da herausgestellt, daß man nahezu alle Frauen stillfähig machen kann, aber unter der Voraussetzung, daß die Frauen in bezug auf Ernährung, Verpflegung, Ruhe und Erholung unter die denkbar günstigsten Verhältnisse gestellt werden müssen. Diese denkbar günstigsten Verhältnisse sind aber für Millionen und aber Millionen von Müttern gerade aus dem Arbeiterstande nicht vorhanden. Die Mehrheit dieses Hauses muß angeklagt werden, daß sie bisher nicht das getan hat, was sie hätte tun müssen, um die denkbar günstigsten Verhältnisse herbeizuführen, die Mehrheitsparteien in diesem Hause, die die Zoll- und Wucherpolitik gemacht haben, die den ungeheuren Steuerdruck auf die Massen gelegt haben und es an der nötigen sozialpolitischen Fürsorge haben fehlen lassen. Ich sage,
diese Mehrheitsparteien sind mit verantwortlich dafür, wenn die Stillfähigkeit der Mütter in den letzten Jahren ganz außerordentliche Rückgänge aufzuweisen hat. Während im Jahre 1890 in Berlin noch 50 bis 51 Säuglinge die Mutterbrust erhalten konnten, sind es in den letzten Jahren nur noch etwa 30 gewesen. Als Ersatz hat man zu Kuh- und anderer Tiermilch, zu Kindermehlen und anderen Surrogaten gegriffen. Nach einer Feststellung von Bremme werden im Jahre rund 2 Millionen Kinder geboren. Ein Fünftel davon kommt tot zur Welt oder stirbt vor Ablauf des ersten Jahres. Es bleiben dann am Schlusse des ersten Jahres etwa 1 600 000 Kinder, und die Hälfte dieser Kinder erhält die Mutterbrust, aber höchstens bis zu einer Durchschnittsdauer von einem halben Jahre. Die andere Hälfte ist sofort auf Ersatz durch Tiermilch angewiesen. Bei der Tatsache, daß die künstliche Ernährung minderwertig und unter Umständen gefährlich ist, hätte es nun für die Regierung sehr nahe gelegen, ihr Augenmerk zunächst auf diese Tatsache zu richten. Die Ersatzernährung ist schlecht, aber sie ist nicht gleich schlecht und nicht gleich minderwertig für alle Kinder. Ich habe hier Feststellungen von Praußnitz. Danach starben von den künstlich ernährten Säuglingen bei den Reichen 0,27, beim Mittelstande 5 und beim Proletariat 94,8 Prozent.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Das ist ein so kolossaler Unterschied, daß er sich nicht aus dem Ernährungsproblem allein erklären läßt; denn diese Säuglinge sind ja alle künstlich ernährt, und doch sind die Sterblichkeitsunterschiede so ganz außerordentlich groß. Ich will Ihnen noch eine Statistik vorführen, die aus Barmen stammt. Dort hat man bei der Feststellung einen Unterschied gemacht zwischen den Eltern mit einem Einkommen unter 1500 Mark und den Eltern mit einem Einkommen über 1500 Mark. Da hat sich herausgestellt, daß Brustkinder bei Eltern mit einem Einkommen unter 1500 Mark zu 5,4 Prozent starben, aber bei Eltern mit über 1500 Mark Einkommen nur zu 3,3 Prozent. Weiter hat sich herausgestellt, daß Flaschenkinder bei Eltern mit geringem Einkommen zu 25 Prozent starben, bei Eltern mit einem Einkommen von über 1500 Mark aber nur zu 11,3 Prozent. Es ist also nicht die künstliche Ernährung, die die Kinder getötet hat, es sind lediglich die sozialen Verhältnisse, die in diesen Einkommensziffern ihren Ausdruck finden. Mehr als die Hälfte der Brustkinder und mehr als zwei Drittel der Flaschenkinder hätten am Leben bleiben können, wenn ihre Eltern bemittelte Leute gewesen wären. Diese Tatsachen sind so außerordentlich gravierend, daß sich daraus ohne weiteres der Beweis herleiten läßt: es kommt letzten Endes nicht ausschließlich auf die Ernährung an, sondern auf die Gesamtheit der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, in denen sich die Eltern befinden.
In dieser Richtung ist ja auch der Unterschied sehr belehrend, der sich ergibt bei der Gegenüberstellung der Sterblichkeit der ehelichen Säuglinge und der unehelichen. Während die Durchschnittsziffer der Gesamtsterblichkeit für das ganze Deutsche Reich 16,2 Prozent beträgt, beträgt sie bei ehelichen Kindern 15,2, bei den unehelichen aber 25,7.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
In Westpreußen stellt sich die Sterblichkeit bei den ehelichen Säuglingen auf 18,9, bei den unehelichen auf 36,9 Prozent. In Posen ist das Verhältnis 16,8 : 35,2, in Schlesien 18,2 : 27,5, in Schleswig-Holstein 12 : 27,8, in Mecklenburg-Strelitz 21,1 : 30,7, in Mecklenburg-Schwerin 16 : 27,7, in Bayern 19,2 : 27,2 Prozent. Aus allen diesen Gegenüberstellungen ergibt sich klipp und klar: wir haben es bei der Säuglingssterblichkeit nicht mit einer Ernährungsfrage, wir haben es auch nicht bloß mit einer Wohnungsfrage zu tun, sondern mit einer Frage, die nur aus der Gesamtheit der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse heraus, in denen die Menschen leben, gelöst werden kann.
(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)
Es ist nicht die Krankheit, es ist nicht die Hitze, die die Kinder tötet; es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dreihunderttausend bis vierhunderttausend Kinder im Jahre töten. Es ist die Not, es ist das Elend, es ist die Armut, es ist die ganze Summe der widrigen und zum Teil geradezu furchtbaren Lebensverhältnisse, die man in den proletarischen Kreisen antrifft.
Wäre es der Regierung darum zu tun gewesen, ernstliche und gründliche Maßnahmen zu ergreifen, eine ernstliche und gründliche Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit durchzuführen, dann hätte man erwarten sollen, daß sie Maßnahmen treffen würde, einmal um die lebensmittelverteuernde Zollwucherpolitik zu beseitigen, und dann um eine gründliche Wohnungsreform in die Wege zu leiten und schließlich eine sozialpolitische Fürsorge zu entfalten, die dem Kinde die Mutter wiedergibt.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
An Anregungen dazu, meine Herren, hat es wahrhaftig nicht gefehlt, und an Gelegenheiten für die Mehrheitsparteien noch weniger. Die Sozialdemokratie hat von Anfang an die heutige Wirtschaftspolitik bekämpft und hat bei der Bekämpfung auf das Argument Gewicht gelegt, daß die Zollpolitik, daß die damit verbundene allgemeine Verteurung der Lebensmittel ungeheure Verheerungen namentlich unter den Kindern und Säuglingen anrichten würde.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Meine Kollegen Molkenbuhr und Dr. Südekum haben Ihnen gestern Ziffern vorgeführt, aus denen hervorgeht, wie die allgemeine Teurung, die wir nicht anders in ihrer Steigerung, in ihrer Unerträglichkeit zu erklären vermögen als aus der Art unserer Wirtschaftspolitik, nicht bloß die Erwachsenen unsäglich drückt und benachteiligt, sondern daß sie auch, wie aus den Schularztberichten hervorgeht, die Kinder heimsucht. Sie ist für die Säuglinge ebenso ein mörderischer Zustand.
Wie wenig es den armen Eltern möglich ist, den Kindern die Ernährung zu beschaffen und die nötige Versorgung zu gewährleisten, namentlich den Säuglingen, das mögen Sie aus wenigen Zahlen entnehmen. In Sachsen ist durch eine Statistik, die erst ein paar Jahre zurückliegt, festgestellt worden, daß es dort 191 000 Menschen mit einem Einkommen von weniger als 400 Mark im Jahre gibt.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Sagen Sie mir nicht, das seien irgendwelche Leute, die für diese Vergleichung nicht in Betracht kämen. Es finden sich darunter nahezu 52 000 Familien,
(hört! hört! bei den Sozialdemokraten)
die ein Gesamteinkommen von weniger als 400 Mark aufzuweisen haben.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Nun sagen Sie mir: wie sollen diese Menschen imstande sein, Säuglinge so zu ernähren und zu versorgen, daß eine Garantie gegeben ist, daß sie nicht der Säuglingssterblichkeit zum Opfer fallen? Diese Kinder werden geboren, nur damit sie sterben; sie sind nur zur Düngung der Friedhofsäcker da. In diesen Kreisen hat man auch die ungeheuerlichsten Ziffern der Säuglingssterblichkeit. Und nicht bloß, daß die Sozialdemokratie in bezug auf die Ernährungsverhältnisse jederzeit auf die Gefahren der Zollwucher- und Verteurungspolitik hingewiesen und rechtzeitig davor gewarnt hätte; sie hat sich auch bemüht, eine Wohnungsreform durch Schaffung eines Reichswohnungsgesetzes in die Wege zu leiten. Sie ist aber dabei stets
auf den hartnäckigsten Widerstand der regierenden Kreise gestoßen, und wenn erst gestern auf Anfrage mitgeteilt worden ist, daß man wenigstens den Versuch machen wolle, die Schaffung eines Reichswohnungsgesetzes in Fluß zu bringen, so ist das nach meiner Meinung viel zu wenig. Es hätten ganz andere Maßnahmen ergriffen werden müssen, und aus der Mehrheit des Hauses heraus hätte ein stärkerer, nachhaltiger Druck ausgeübt werden müssen, um die Regierung recht bald zu einer großzügigen Reform der Wohnungsverhältnisse im Reiche zu drängen.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Vor allen Dingen mache ich den Mehrheitsparteien im Hause den Vorwurf, daß sie es zur Verminderung der Säuglingssterblichkeit haben fehlen lassen an einem Ausbau der Sozialgesetzgebung gerade bei der Reichsversicherungsordnung. Bei den Debatten und Diskussionen, die darüber gepflogen wurden, ist von unserer Seite unendlich oft in zahllosen Reden und Begründungen darauf hingewiesen worden auf das Elend der Säuglingssterblichkeit, ist hingewiesen worden auf die Verpflichtung die wir haben, in erster Linie durch Mutterschutz, durch den Schutz der Frauen, der Wöchnerinnen Vorsorge zu treffen für einen gründlichen und wirksamen Säuglingsschutz.
Was haben aber die Mehrheitsparteien dieses Hauses getan? Sie haben alle Anträge und Anregungen, die von unserer Seite kamen, niedergestimmt.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Sie haben sie niedergestimmt, ohne sie nur eines Wortes der Entgegnung zu würdigen. Sie haben teilweise mit Hohnlachen diese Anregungen und Anträge niedergestimmt.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Sie sind über ganz geringfügige, ganz nebensächliche Zugeständnisse gar nicht hinausgekommen. Ich darf Sie bloß an die Behandlung erinnern, die die ländlichen Proletarierinnen in diesem Hause erfahren haben;
(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
daran erinnern vor allen Dingen, wie diesen geplagtesten und hilfsbedürftigsten weiblichen Wesen der ohnehin minimale, gänzlich unzureichende Mutter- und Wöchnerinnenschutz noch durch Sonderbestimmungen, die von der Rechten und aus der Mitte des Hauses gestellt wurden, verkümmert und geschmälert worden ist.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Ich darf Sie daran erinnern, daß Sie den versicherten Ehefrauen den Hebammendienst und die ärztliche Geburtshilfe verweigert haben, und wie Sie sich versteckt haben hinter das „Unannehmbar“ der Regierung. Sie haben damit die Mutter und die Neugeborenen dem Elend und der Hilfslosigkeit und dem Jammer ihrer unendlich oft geradezu trostlosen Existenz ausgeliefert. Hier, meine Herren, hätten Sie Gelegenheit gehabt, Säuglingsschutz zu betreiben; hier hätten Sie Gelegenheit gehabt, wenn Ihnen daran gelegen war, dem Kind die Mutter wiederzugeben wenigstens für eine längere Zeit, das Übel einmal an der Wurzel zu packen; hier hätten Sie das Odium, von dem Sie meinen, daß man es parlamentarisch nicht bezeichnen darf, einmal von dem deutschen Namen und von der deutschen Ehre entfernen können!
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Sie haben diese Gelegenheit verpaßt, haben Sie absichtlich und wissentlich verpaßt, und ich erkläre, daß ich Sie für mitschuldig erachte an diesem Elend, vor dem wir stehen.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Sie haben es den Krankenkassen, den Gemeinden überlassen, den Wöchnerinnen und Neugeborenen durch Stillprämien, durch Leistungen und Zuwendungen bescheidener und bescheidenster Art unter die Arme zu greifen. Jetzt endlich, nachdem der Geburtenrückgang sich anmeldet, nachdem das Bevölkerungsproblem mit bedrohlichen und gefahrdrohenden Erscheinungen immer deutlicher ins Bewußtsein der Öffentlichkeit rückt, da endlich kommt man nun mit einem Gesetz, von dem man, als man die ersten Nachrichten davon in der Tagespresse las, zu glauben versucht sein konnte, daß es sich um einen verspäteten Scherz aus irgend einer der politischen Fastnachtszeitungen handelte,
(sehr richtig! — Heiterkeit bei den Sozialdemokraten)
einem Gesetz, das so lächerlich geringfügige Maßnahmen mit sich bringt, daß es wie eine Lappalie erscheint, wobei man wahrhaftig nicht weiß, ob es der Regierung ernst ist mit dem Glauben und der Behauptung, daß durch ein solches Gesetz die Säuglingssterblichkeit auch nur einigermaßen berührt, gar nicht zu sagen beeinträchtigt oder gemildert werden könnte.
Dabei wird in der Begründung gesagt: alle schädigenden Maßnahmen sollen ferngehalten werden.
(Sehr richtig! und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.)
Alle schädigenden Maßnahmen, die sich aus den Ernährungsverhältnissen ergeben, sollen von den Säuglingen ferngehalten werden! „Alle schädigenden Maßnahmen“! Wenn man das so hört, da erwartet man eine Tat, da ist man auf irgend eine große Aktion gefaßt. Und siehe da! Die Berge kreißen und ein armseliges Mäuslein wird geboren.
(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.)
Ein Saugflaschengesetz springt aus dem ganzen Brimborium heraus! Das ist nichts anderes als die Beschwichtigung des bösen Gewissens.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Es kommt mir gerade so vor, als wenn ein alter Sünder wenige Stunden vor seinem Tode in seiner Angst vor der Verdammnis rasch noch ein Kirchenfenster stiftet.
(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.)
Ich kann auch einen anderen Vergleich anführen. Ich kann sagen, es kommt mir vor, als wenn ein Mensch, der sagt: ich will die Schwindsucht bekämpfen, ich will sie radikal ausrotten, — sich damit begnügt, Spuckflaschen zu verschreiben; oder als wenn jemand — das Beispiel ist schon von anderer Seite gebraucht worden — sagt: ich will die Volksschule reformieren, will das Volksschulwesen von Grund und Boden aus neu gestalten, und sich damit begnügt, neue Tintenfässer vorzuschreiben.
(Heiterkeit.)
Dieses Gesetz, meine Herren, steht inhaltlich auf derselben Höhe, auf der die Fleischeinfuhrerlaubnis aus dem Balkan stand, in dem Augenblick, als der Balkankrieg ausbrach.
(Heiterkeit und sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Das ist genau derselbe Geist und genau dieselbe Methode: man will den Pelz waschen, ohne ihn naß zu machen, will wieder einmal nach dem alten und berüchtigten Rezept von der weißen Salbe arbeiten! Dieses ganze Saugflaschengesetz ist nichts anderes als weiße Salbe, eine Verschleierung, eine Vorspiegelung, um draußen den Glauben zu erwecken, als ob etwas getan worden wäre, als ob etwas Ernstliches getan werden sollte, während das, was man getan hat, unwirksam bleibt und das Übel keineswegs an der Wurzel packt!
Es hätte mindestens nahe gelegen, daß die Regierung, ehe sie ein Saugflaschengesetz schuf, daran gedacht hätte, was denn in die Saugflaschen hineingehört. Wenn die Mutterbrust versagt, dann ist man auf Tiermilch angewiesen. Nun kann eine unhygienische Flasche ganz gewiß gute Milch schlecht machen, verderben; aber niemand wird wohl glauben, daß eine hygienische Flasche gute Milch in die Flasche hineinschaffen kann. Und doch ist die Milch — und zwar gute, billige Milch, für die Allerärmsten unentgeltliche Milch — den Hunderttausenden und Millionen draußen unendlich wichtiger als die Frage nach der Flasche, in der die Milch verabreicht wird! Die Regierung schweigt sich darüber aus.
Die Regierung, die nicht danach fragt, woher man das Brot nimmt, das sie verteuert; die Regierung, die nicht danach fragt, woher man das Fleisch nimmt, das sie verteuern hilft; die Regierung fragt auch nicht danach, woher der arme Mann die Milch nimmt, um seinen Säugling vom Tode zu erretten! Wohl weiß die Regierung, daß die Milch teuer ist, daß die Milchpreise eine steigende Tendenz aufweisen; wohl weiß die Regierung auch, daß die Milch noch weiter verteuert werden soll, daß besonders agrarische Kreise drauf und dran sind, sie noch ganz außerordentlich zu verteuern; wohl weiß die Regierung auch, daß unser Viehstand zum großen Teil verseucht ist, und daß ein so verseuchter Viehstand gar nicht imstande ist, gute, einwandsfreie, keimfreie und für die Säuglingsnahrung taugliche Milch zu liefern; sie weiß auch, daß es den einzelnen und den Gemeinden an Sterilisierungseinrichtungen fehlt, um die Milch keimfrei zu machen; aber sie hütet sich, auch nur mit einem Worte auf alle diese Dinge einzugehen! Sie begnügt sich damit, indem sie „alle Maßnahmen“ zu treffen verspricht, ein Saugflaschengesetz darzubieten! Man kann es ihr, als einer Sachwalterin agrarischer Interessen, ja auch kaum verdenken, wenn sie an allen diesen Dingen als an einem noli me tangere vorübergeht!
Daß gute Milch die allererste Sorge sein müßte, geht daraus hervor, daß man in unendlich vielen Städten gar nicht in der Lage ist, gute, keimfreie Marktmilch zu kaufen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß zahllose Bakterien schon beim Melken in die Milch hineingeraten, daß sich in der Milch Kot, Haare, Tierschuppen, Pflanzenteile usw. in außerordentlichen Mengen vorfinden. Dr. Ott hat in einer kleinen Stadt gefunden, daß in einem Liter Marktmilch bis zu 582 Milligramm trockene Milchsubstanz, die fast 3 Gramm Kuhkot entsprechen, vorhanden waren. Gerhard hat gefunden, daß in einem Kubikzentimeter Milch bis zu 116 Millionen Keime vorhanden waren. In Leipzig hat man festgestellt, daß von 24 Kühen, die Marktmilch lieferten, 17 an eitriger Euterentzündung litten, 2 Kühe sogar an Eutertuberkulose.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Man hat bei der Untersuchung dieser Milch festgestellt, daß die zu Zwecken der Säuglingsernährung verkaufte Marktmilch bis zu einem Fünftel aus reinem Eiter bestand. Man hat unter 100 Marktmilchproben in 78 Fällen festgestellt, daß sie mit Eitererregungsbakterien vollständig durchsetzt waren.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Dr. Ostermann hat gefunden, daß in der Milch eutertuberkulöser Kühe ein Bazillengehalt von 50- bis 100 000, ja bis zu 1 Million pro Kubikzentimeter anzutreffen war. Und der Medizinalrat Professor Dr. Puch sagt: „Der größte Teil der in der Milch gefundenen Keime stammt aus dem Kuhstall.“ Da fragen wir uns doch: was hat die Regierung getan, was hat der Bundesrat getan, was haben die Mehrheitsparteien dieses Hauses getan, um eine Garantie dafür zu schaffen, daß nur Milch von gesunden Tieren auf den Markt kommt, daß nur gesunde, gute, keimfreie Milch zu Zwecken der Säuglingsernährung Verwendung findet? Was hat die Regierung getan, um billige Milch zu schaffen, und um den ärmeren Schichten unentgeltlich Milch zu liefern? Gar nichts hat sie getan. Sie begnügt sich mit einem Saugflaschengesetze!
Die Notwendigkeit dieses Saugflaschengesetzes wird damit begründet, daß nach ärztlichem Gutachten ein außerordentlich hoher Prozentsatz der Säuglingssterblichkeit darauf zurückzuführen sei, daß in diesen Saugflaschen die Milch einer leichten und raschen Versäuerung und dem Verderben ausgesetzt sei. Man führt dieses rasche Verderben der Milch darauf zurück, daß diese Saugflaschen mit Rohr sehr schwer zu reinigen seien, und begründet den Hinweis auf die Schwierigkeit der Reinigung damit, daß es gerade den Frauen der Kreise, wo die größte Säuglingssterblichkeit anzutreffen ist, die zur Reinigung erforderliche Zeit fehle. Daß es den Frauen, besonders den arbeitenden Frauen, an Zeit fehlt, wissen wir, um so mehr, als die Erwerbstätigkeit der Frauen in den letzten Jahren außerordentlich zugenommen hat. Während im Jahre 1882 etwa 4½ Millionen erwerbstätiger Frauen in Deutschland gezählt wurden, haben wir es bis zum Jahre 1907 auf etwa 8½ Millionen gebracht,
(hört! hört! bei den Sozialdemokraten)
und darunter befinden sich beinahe 4 Millionen verheirateter, verwitweter oder geschiedener Frauen. Diese beinahe 4 Millionen erwerbtätiger Frauen gehören zu den geplagtesten aller menschlichen Wesen, denn sie stehen unter einer vierfachen Sklaverei, nicht nur unter der Sklaverei ihrer Erwerbsarbeit, ihrer Hauswirtschaft, nein, auch unter den Verpflichtungen, die die Mutterschaft und die Kinderfürsorge ihnen auferlegt. Was hat man nun getan, um diesen Müttern die Zeit zu verschaffen, daß sie sich ihrer Kinder annehmen und sie pflegen können, daß sie die Möglichkeit haben, allen Anforderungen der Hygiene, besonders der Reinigung der Milchflaschen, gerecht zu werden? Ich erinnere Sie daran, daß es unendlich langer und leidenschaftlicher Kämpfe bedurfte, um den zehnstündigen Arbeitstag herbeizuführen. Mit welchen mühseligen Kämpfen ist jeder Versuch einer weiteren Arbeitszeitverkürzung verbunden! Alle unsere weitergehenden Anträge sind niedergestimmt worden.
Ich finde in diesem Gesetz eine in die Augen springende Inkonsequenz. Es ist da gesagt worden: „Die Mutter hat nicht die Zeit, um die Saugflasche mit Rohr genügend zu reinigen.“ Daneben wird aber im Gesetz gesagt, daß die Saugflasche ohne Rohr den Vorteil habe, daß man sie dem Kinde nicht für längere Zeit überläßt, sondern daß der Pfleger dieses Kindes die Flasche in der Hand halten müsse, bis das Trinken des Kindes beendet sei.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Ja, wenn man nicht Zeit hat, um eine solche Flasche zu reinigen, dann, bin ich der Meinung, wird dieselbe Mutter auch nicht Zeit haben, die Flasche ohne Schlauch solange zu halten, bis das Kind gesättigt ist.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. — Zuruf rechts.)
Das Kind wird eben dann wahrscheinlich auf andere Weise versorgt werden müssen, aber nicht so, daß man dem Kinde die Flasche überläßt, wie man das bei der Flasche mit dem Rohr zu tun in der Lage ist, sondern man wird wahrscheinlich auf die alten Hilfsmittel zurückgreifen, die wir gerade durch die Saugflasche mit Rohr überwunden zu haben glaubten. Es wird wahrscheinlich der Schnuller wieder auferstehen, der Gummisauger, der ebenso schwer, unter Umständen noch schwerer zu reinigen ist. Man wird wahrscheinlich wieder zu den Praktiken kommen, daß man den Kindern Schnaps eingibt,
(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
um sie zu beruhigen oder still zu kriegen, oder man wird zu irgendwelchen anderen Mitteln greifen, um den Übelständen zu begegnen, die sich nun daraus ergeben.
Es genügt nun aber nicht bloß, daß die Mütter Zeit haben; es ist auch notwendig, daß die Mütter Verständnis für Hygiene und für hygienische Erfordernisse besitzen. Eine Mutter, die nicht das Verständnis dafür hat, die Saugflasche mit Rohr zu reinigen, wird wahrscheinlich auch die Saugflasche ohne Rohr nicht genügend reinigen; sie wird es auch sonst an Reinigung und Pflege des Kindes fehlen lassen. Man sollte eine Belehrung der werdenden Mutter vorangehen lassen, dazu wäre die Schule außerordentlich
geeignet. Wir haben in der Schule heute so viel zeit- und kulturwidrigen Ballast, der sehr gut entbehrt werden könnte, wenn man sich dazu entschlösse, Gesundheitspflege, Hygiene, die Erfordernisse der Säuglingspflege, des Kinderschutzes usw. zum Gegenstande der Belehrung und Unterweisung zu machen.
(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)
Man hat uns in der Begründung der Regierung das französische Gesetz abgedruckt, offenbar in der Meinung, daß wir Deutsche uns an dem Vorgehen der französischen Regierung ein Beispiel nehmen möchten. Ich hätte gewünscht, da ich von der Anbahnung des Verständnisses schon des Kindes für hygienische Erfordernisse spreche, daß man in anderer Beziehung sich an Frankreich ein Beispiel genommen hätte. Wenn ich sage, die Schule wäre geeignet, Unterricht und Anleitung für Säuglingspflege, für Gesundheitspflege, für Hygiene zu geben, und wenn ich weiter sage, daß in der Schule viel zeit- und kulturwidriger Ballast sich vorfindet,
(sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
dann meine ich, daß man Platz für diese Belehrung schaffen könnte, indem man den Religionsunterricht aus der Schule beseitigt.
(Hört! hört! rechts. — Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
— Frankreich hat doch im Jahre 1882 den Religionsunterricht beseitigt! Da würden wir Platz für die Belehrung in den von mir genannten Disziplinen in der Schule erhalten. Frankreich ist deswegen noch nicht zu Grunde gegangen, Herr Kollege Mumm, und die französische Jugend ist deshalb moralisch nicht schlechter gestellt als die deutsche. Wenn es einen Maßstab dafür gäbe, dann hätten wir ihn in der Kriminalstatistik, die durchaus zu Gunsten der französischen Jugend und der moralischen Verhältnisse der französischen Jugend spricht.
(Glocke des Präsidenten.)
[Vizepräsident Dr. Paasche bittet, keine Privatgespräche zu führen, und bemerkt, man komme immer weiter vom Thema ab; die Kriminalstatistik habe mit den Saugflaschen recht wenig zu tun. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten. — Heiterkeit.)]
Man hat heute schon einen kleinen Versuch gemacht, die Kinder für die Zwecke der Säuglingspflege vorzubilden: man hat Säuglingspflegefibeln herausgegeben, in denen eine ganz populäre, leicht verständliche Anleitung vermittelt wird. Auch durch den Ausbau des Fortbildungsschulwesens, namentlich des Fortbildungsschulwesens für Mädchen, wäre Gelegenheit geboten, eine Anleitung in Hygiene, Gesundheitspflege, Säuglingspflege, Kinderschutz usw. zu vermitteln. In manchen Gemeinden hat man Pflegeschwestern angestellt, die sich um die Wöchnerinnen zu bemühen haben, die sich um die Säuglinge kümmern, die darüber wachen, daß die von ihnen angeordneten hygienischen Maßnahmen ausgeführt und durchgeführt werden, — eine Einrichtung, die sich, soweit ich es zu überschauen vermag, außerordentlich gut bewährt hat, von der man wünschen möchte, daß sie in allgemein verbindlicher, vielleicht obligatorischer Form allmählich immer mehr und mehr sich durchsetzte. Es wäre zu erwägen, ob nicht die Regierung hier irgendwelche Anregungen geben kann, ob nicht durch das Gesetz irgendwie eine Möglichkeit zu gewinnen ist, nach dieser Richtung hin eine Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit anzubahnen.
Ich sprach von dem französischen Gesetz, das man uns zum Muster und zum Vorbild in der Begründung abgedruckt hat. Man hätte wünschen mögen, daß die Regierung uns darüber Auskunft gegeben hätte, wie sich denn dieses französische Gesetz, das nun schon ein paar Jahre besteht, in der Praxis bewährt hat.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Leider läßt uns die Regierung da vollständig im Unklaren. Aber eine Schrift, die zwar von Interessenten herausgegeben worden ist, die aber doch ganz beachtenswertes Material enthält, bringt ein Zeugnis über den Wert und die Wirkung dieses französischen Gesetzes. Der Universitätsprofessor Haas in Tübingen, einer der besten Kenner französischer Verhältnisse in Deutschland und Verfasser des Werkes „Frankreich, Staat und Land“, teilt dort auf Befragen mit:
Was die Resultate des französischen Gesetzes über die Kindersaugflaschen betrifft, so sind sie nach Ausweisen der Statistik, soweit sie vorliegen, sehr gering oder gleich Null.
(Hört! Hört! bei den Sozialdemokraten.)
Ich meine, diese Auskunft hätte die Regierung wahrscheinlich auch erhalten können, wenn sie sich darum bemüht hätte. Ich weiß nicht, ob sie bessere Auskünfte erhalten hat; aber ich vermute, daß sie dann nicht versäumt haben würde, diese günstigeren Auskünfte in der Begründung mit zum Ausdruck zu bringen.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Das Gesetz erweckt aber auch nach anderer Richtung hin allerhand Bedenken. So ist zweifellos mit dem generellen Verbot der Fabrikation von Saugflaschen mit Rohr eine Schädigung der betreffenden Industrien verbunden. Nun hätten wir gar keine Veranlassung, für die Interessen irgendeiner Industrie einzutreten, wenn wir überzeugt wären, daß mit diesem Saugflaschengesetz ein entschiedener, ein unleugbarer und ein großer Gewinn für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit erzielt würde. Aber da uns die Wirkung und der Wert des Gesetzes außerordentlich zweifelhaft ist, da wir starke Bedenken darüber hegen müssen, ob das Gesetz überhaupt die Möglichkeit in sich schließt, die Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen, so haben wir gar keine Veranlassung, irgendeine Industrie zu ruinieren oder in schwerer Weise zu schädigen — und damit nicht bloß die Industrie, nein, auch die in der Industrie tätigen Arbeiter.
Ich glaube, das Gesetz geht, wenn es die Fabrikation dieser Saugflaschen generell verbietet, weit über den Rahmen der Kompetenz unserer Regierung hinaus. Denn nicht bloß wird durch das Verbot der Fabrikation auch der Absatz im Inlande untersagt und unmöglich gemacht, es wird damit auch der Export nach dem Auslande völlig unterbunden. Nun kann man es meiner Meinung nach den Fabriken unmöglich untersagen, Flaschen, deren Gebrauch in Deutschland zwar verboten ist, nach dem Auslande zu exportieren. Ich meine, darüber müßte unter allen Umständen beraten werden. Das ist Sache spezieller Verhandlungen und Erwägungen, die am besten in einer Kommission abzuwickeln sind.
Auch erscheint es mir bedenklich, ein Verbot der Fabrikation einzelner Teile dieser Saugflaschen zu erlassen. Woraus besteht denn eine solche Saugflasche? Sie haben ja wohl Exemplare auf dem Tische des Hauses. Das ist eine Glasröhre, die man sich in allen einschlägigen Geschäften ohne weiteres beschaffen kann; Glasröhren, die zu ganz anderen Zwecken fabriziert werden, die vielleicht ursprünglich nicht für Säuglingsflaschen bestimmt waren, lassen sich für diesen Zweck verwenden. Schon wenn wir daran denken, wie diese Säuglingsflaschen aufgekommen sind, müssen wir irre werden an der Bestimmung, die sagt, daß die Fabrikation einzelner Teile der Säuglingsflaschen verboten werden soll. Die Säuglingsflasche mit Rohr ist entstanden aus der Zwangslage der Mütter und Eltern heraus, weil man sich um die Kinder nicht bemühen konnte, weil man nicht die Möglichkeit hatte,
dauernd bei den Kindern zu bleiben. Um das Geschäft des Trinkens zu überwachen, hat man sich solche Flaschen konstruiert, hat eine Glasröhre, einen Gummischlauch oder ein Rohr aus Horn usw. benutzt, und nach und nach hat sich die Industrie dieser Fabrikation bemächtigt. So ist man zu Säuglingsflaschen mit Rohr gelangt, die nach meiner Meinung, wenn auch hygienisch nicht immer ganz einwandfrei, aber lange nicht so gefährlich sind, als die Regierung das in ihren Motiven ausspricht. In einer Zuschrift an den Reichstag von dem Zentralverein deutscher Kautschukwarenfabrikanten wird gesagt:
Es muß als völlig unverständlich bezeichnet werden, wie eine solche Bestimmung durchgeführt werden könnte. Denn die Teile von Kindersaugflaschen mit Rohr oder Schlauch, also die Flaschen, die Rohre oder Schläuche, die Saughütchen usw. können auch zu anderen Zwecken verwendet werden: die Flaschen zu allen möglichen Zwecken, die Glasrohre beispielsweise als Verbindungsrohre, zum Einnehmen gewisser Brunnenwässer (Schwefel-, Stahlbrunnen); die Gummischläuche zu Einsätzen für Zerstäubergebläse, zu Aufsätzen für Spritzen aller Art, zu Verbindungsstücken in Laboratorien; die Saughütchen zu Beruhigern, Beißringen, Brusthütchen, Tropfenzählern, für Füllung von Füllfederhaltern; die Bein- (Knochen-) scheiben zu Klystier-, Ohr- usw. Spritzen. Hieran muß die Bestimmung über das Verbot der gewerbsmäßigen Herstellung und des Verkaufs von Teilen der bezeichneten Saugflaschen unter allen Umständen scheitern.
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Ich verstehe nicht, wie man die Herstellung dieser einzelnen Teile verbieten will, die nur für Säuglingsflaschen mit Röhren, sondern für alle möglichen anderen Zwecke des Gewerbes oder Haushaltung Verwendung zu finden pflegen. Diese Bestimmung ist unhaltbar. Es wird darüber zu beraten und in Erwägungen zu treten sein.
Aus alledem beantrage ich, daß das Gesetz einer Kommission von vielleicht 14 Mitgliedern überwiesen wird, damit die erforderlichen Spezialberatungen vorgenommen werden können.
Ich möchte nicht schließen, ohne den nochmaligen Hinweis darauf, daß man sich keiner Illusion hingeben darf, etwa in dem Sinne, daß mit einem Gesetz wie dem vorliegenden die Säuglingssterblichkeit irgendwie wesentlich vermindert oder gar bekämpft werden könnte.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Dazu bedarf es ganz anderer Mittel, vor allen Dingen einer besseren Ernährung, besserer Wohnungsverhältnisse, der Befreiung der großen breiten Massen von der unendlichen Arbeitssklaverei, eines ausreichenden Mutterschutzes und eines Ausbaues der sozialpolitischen Fürsorge nach jeder Richtung hin. Dazu brauchen die Massen des Volkes viel mehr Zeit, viel mehr Schulung, viel mehr hygienisches Verständnis. Daß Regierung und herrschende Gewalten den Völkern Unrecht zufügen, daß sie die Völker verwahrlosen und sich an ihnen versündigen, das ist eine Erscheinung, solange es eine Klassengesellschaft gibt. Vielfach ist diese Verwahrlosung und Versündigung ungesühnt verübt worden; aber noch niemals ist eine Versündigung ungestraft geblieben, die an der Jugend, dem Nachwuchs, an der Zukunft eines Volkes verübt wurde. Schon pocht bei uns das Bevölkerungsproblem mit seinen warnenden und mahnenden Tatsachen an die Tore der Erkenntnis. Ob Sie sich dieser Erkenntnis erschließen oder verschließen wollen, das ist Ihre Sache. Mögen die Mehrheitsparteien dieses Hauses sich selbst entscheiden. Folgen Sie den Mahnungen aber nicht, meine Herren, dann werden stärkere Gewalten kommen, und die werden Sie zu dieser Einsicht zwingen, werden Sie zwingen zu Maßnahmen; und Sie werden sich dann wahrhaftig nicht wundern dürfen, wenn die, an denen Sie sich jahrzehnte- und jahrhundertelang versündigten, dereinst an Ihnen Vergeltung üben!
(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Fuente: Verhandlungen des Reichstags, XIII. Legislaturperiode, I. Session, Bd. 286, 74. Sitzung (30. November 1912), S. 2447-2454. Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek (Digitale Sammlungen, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00003353?page=159), leyendo las imágenes; un OCR propio (tesseract) sirvió de apoyo. Se transcriben solo las intervenciones de Rühle; las del presidente, Dr. Kaempf, y del vicepresidente, Dr. Paasche, se resumen entre corchetes, y se conservan las anotaciones taquigráficas de las reacciones de la sala. Las citas, compuestas en el acta con sangría, van como bloques citados; la negrita reproduce la del acta. Se conservan las irregularidades del impreso: «Säuglingsterblichkeit» (S. 2448), «Kaiserin-Augusta-Viktoriahaus» junto a «Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus», «erwerbtätiger», «die nur für Säuglingsflaschen» (por «nicht nur»), «in der sich Hunderttausende»; en «8 9 Prozent» (S. 2449) falta la coma decimal, que se restituye entre corchetes. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.