Die Physiologie hat der Pädagogik manches interessante und wichtige Problem erschlossen, dessen Lösung vordem nicht möglich war. Besonders der durch die Physiologie bewirkte Aufschwung der Psychologie konnte nicht ohne fördernde Wirkung auf die Pädagogik bleiben, denn diese zählt zu ihren bedeutsamsten Hilfswissenschaften eben die Psychologie. Haben wir vor kurzem an dem Problem der Entstehung der Rechtshändigkeit den innigen Zusammenhang zwischen physischer und psychischer Entwicklung des Menschen beobachtet und daraus wertvolle Ergebnisse für die Erziehungswissenschaft gewonnen, so zeigt das nicht minder interessante Problem des Verlaufs der Atem- und der Denktätigkeit, welche enge Beziehungen zwischen physischen und psychischen Funktionen des Menschen bestehen und welch hohes Interesse die Pädagogik daran hat, sich über diese Beziehungen klar zu werden.
Die Atemtätigkeit der Lungen hat nicht bloß die Aufgabe zu erfüllen, den Körper mit den erforderlichen Mengen Sauerstoff zu versorgen und von dem giftigen Kohlenstoffe zu befreien, sie dient auch dem Zwecke, die Strömung der Blutflüssigkeit zu beeinflussen. Das vom Atmungszentrum im verlängerten Rückenmark angeregte, meist unwillkürliche Ein- und Ausatmen ruft, wie die Physiologie lehrt, bestimmte Schwankungen des Blutdruckes in den Arterien hervor. Fließt durch die große Körperarterie, die von der linken Herzkammer ausgeht, wenig Blut nach dem Gehirn oder tritt allmählich eine Verminderung des Blutzuflusses ein, so wird das Gehirn unzureichend ernährt, und die Folge ist eine Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, wie bei den Affekten der Verlegenheit, Niedergeschlagenheit, der Angst, des Schreckens usw.; desgleichen im Schlafe, bei Melancholie usw. Wird hingegen das Gehirn reichlich mit Blut versorgt, seine Ernährung also gesteigert, so zeigt sich eine Erhöhung der psychischen Tätigkeit, wie bei den Affekten der Freude, der Begeisterung, des Zornes, des Aergers u. a., ebenso im Fieber, in der Trunkenheit usw. Aber auch der Denkprozeß ist in seinem Verlauf dem Einflusse der Atmung ausgesetzt, ja, man ist direkt zu sagen berechtigt, daß die Atmung im Dienste der psychischen Tätigkeit, besonders des Vorstellens, steht.
Wird von den Dingen der Außenwelt ein Reiz auf ein Sinnesorgan des Menschen ausgeübt, so pflanzt sich diese Erregung in Form von Bewegung durch einen Nerv fort und erregt schließlich in der Großhirnrinde eine Ganglienzelle, womit dann eine bestimmte Empfindung verbunden ist. Es entsteht ein Abbild des sinnlichen Gegenstandes, der den Reiz ausübte, im Bewußtsein: die Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung kann fortbestehen, wenn der Sinnenreiz aufgehört hat, und kann jederzeit reproduziert werden, sie heißt dann Vorstellung. Der ganze Verlauf der Entstehung von Wahrnehmungen und Vorstellungen wird Perzeption genannt. Die Aneignung neuer Vorstellungen erfolgt nur insoweit, als ihnen schon vorhandene gleiche oder ähnliche Vorstellungen entgegenkommen. Das ist die Apperzeption. Erst durch diese wird der ganzen Summe von Wahrnehmungen, die in ihrer Massenhaftigkeit erfolglos verlaufen würden, Festigkeit, Klarheit und Ordnung verliehen. Dabei ist die Aufmerksamkeit von größter Bedeutung, denn vermittels der Aufmerksamkeit richtet sich das Bewußtsein auf die noch bevorstehende oder auch schon eingetretene Empfindung der Vorstellung. Den Vorstellungsobjekten der Aufmerksamkeit und Apperzeption können sowohl einfache Empfindungen als auch Empfindungskomplexe zugrunde liegen. Für erstere hat Alfred Lehmann gezeigt, in welcher Weise ihre Entwicklung während des Aufmerkens auf sie durch die Atmung beeinflußt wird. Er untersuchte die Aufmerksamkeitsschwankungen beim Fixieren eben merklicher Empfindungen, denen optische, akustische und Tastreize zugrunde lagen, mittels ganz feiner, eigens zu diesem Zwecke konstruierter Apparate. Dabei stellte er fest, daß während einer Atemperiode zwei Punkte des Aufloderns der Empfindung, zwei Intensitätsmaxima, eintraten. Die Einatmung wirkt beschleunigend auf den Eintritt des Blutes ins Herz, so daß bei der Einatmung jeder Herzschlag mehr Blut entleert als bei der Ausatmung. Mit dem Anfang der Einatmung fällt der tiefste Stand der Blutdruckkurve zusammen. Während der Einatmung fängt der Blutdruck allmählich zu steigen an, und erreicht erst im Anfange der Ausatmung sein Maximum. Während der ganzen nachfolgenden Ausatmung fällt der Blutdruck, bis er zu Anfang der Einatmung sein Minimum erreicht. Mit der Einatmung Hand in Hand geht nun eine durch sie bewirkte, immer reichlicher werdende Ernährung der Nervenbahnen, die beim Erzeugen des Empfindungsgehaltes der zu fixierenden Vorstellungen tätig sind. Die Energie in den Nervenbahnen wächst von Moment zu Moment, die Zahl der Nervenbahnen wird immer größer. Gleichzeitig wirkt auch die mit der vertieften Einatmung verbundene Erhöhung der Muskelkraft verstärkend auf den Empfindungsgehalt der Vorstellung. Schließlich erreicht kurz vor dem Gipfel der Einatmung der Erfolg der Aufmerksamkeit, die Klarheitszunahme der zu organisierenden Vorstellung, seinen Höhepunkt. Das erste Intensitätsmaximum tritt ein. Später, nachdem sich der Apperzeptionsprozeß vollzogen, tritt das zweite Intensitätsmaximum ein, in dem die Apperzeptionsvorstellung in größter Klarheit und in Begleitung der relativ größten Zahl von eingeleiteten assoziativen Vorstellungsbewegungen erscheint. Die Ausatmung ist vorherrschend mit einer Deutlichkeitszunahme der zu apperzipierenden Vorstellungen verbunden.
Diese Ausführungen sind unerläßlich und unumgänglich, um den Zusammenhang zwischen Atmung und Denktätigkeit — um dessen Untersuchung sich übrigens neben Alfred Lehmann auch M. Gießler verdient gemacht hat — wenigstens einigermaßen wissenschaftlich nachzuweisen. Allgemeinverständlicher wird die Sache, wenn wir die gewonnenen Resultate durch Belege aus dem praktischen Leben illustrieren. In Fällen, bei denen die Klarheitszunahme erschwert ist, z. B. beim Lesen in ungünstiger Beleuchtung, beim Fixieren von Entfernterem, bei plastischem Vorstellen von Erinnerungsbildern usw. bemerken wir stärkere Einatmung als gewöhnlich; dagegen in Fällen, in denen eine Anregung zu illustrierendem, vergleichendem Assoziieren von Vorstellungen in den Vordergrund tritt, z. B. beim Anhören eines Vortrages, einer Predigt usw. ist stärkeres Betonen der Ausatmung zu beobachten. Weiter ist in Fällen, wo die Aufmerksamkeits- und Apperzeptionstätigkeit nachlassen, z. B. bei wachem Träumen, bei ungestörtem Spiel der Phantasie usw. keine der Atmungsphasen besonders betont, anderseits tritt in Fällen, da unsre Atmung unwillkürlich zu einer forzierten wird, z. B. beim Laufen, Steigen usw. eine Erschwerung jeder vorstellenden Tätigkeit ein. Endlich ist es eine allen Schwachsinnigenlehrern seit langem bekannte Tatsache, daß Kinder, die infolge einer Nasenverstopfung durch den Mund atmen, fast immer unfähig sind, ihre Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand zu lenken, weil die Atmung schon zu viel Energie für sich in Anspruch nimmt. Behinderte Nasenatmung ist ein Hemmnis der geistigen Entwicklung des Kindes — diese Erkenntnis ist der pädagogische Gewinn aus der Lösung des Problems der Wechselbeziehungen zwischen Atmung und Denkfähigkeit.
Es ist zwar schon lange bekannt, daß mit dem Krankheitszustande, der gewöhnlich als Stockschnupfen bezeichnet wird, der aber nicht nur durch Verstopfung der Nase, sondern auch durch starke Vergrößerung der hinter der Nase im oberen Rachenraume gelegenen Rachenmandel bedingt sein kann, sehr häufig ein dumpfes Gefühl in der Stirn, Stirndruck, Kopfschmerz, Schmerzen im Hinterhaupt ꝛc. verknüpft zu sein pflegen und daß darunter die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt wird. Aber über den unmittelbaren Zusammenhang von Atmung und Denken und den Einfluß der behinderten Atmung auf die Denktätigkeit ist man sich erst klar geworden, seit man die gesetzmäßigen Beziehungen zwischen psychologischen und physiologischen Vorgängen wissenschaftlich untersucht. 1868 wies Rupprecht in der Wiener Medizinischen Wochenschrift darauf hin, daß mit Nasenverstopfung oft ein „Unvermögen, andauernd geistig zu arbeiten“ sich einstelle. Michel beobachtete „Abnahme des Gedächtnisses und erschwertes Arbeiten des Geistes“, Seiler bezeichnete als Folgen „Gedächtnisschwäche und Unfähigkeit, seine Gedanken an einem bestimmten Gegenstande festzuhalten“, Hack konstatierte „Abnahme des Gedächtnisses und Trübsinnigkeit“, Bresgen, Elsberg, Fränkel u. a. kamen zu gleichen Resultaten. In den neunziger Jahren verbreitete sich Ufer in der Zeitschrift Die Kinderfehler über den hemmenden Einfluß der behinderten Nasenatmung auf die intellektuelle Entwicklung des Kindes; heute kann man in fast allen medizinischen wie pädagogischen Werken über den kindlichen Schwachsinn finden, daß der behinderten Nasenatmung oder der adenoiden Wucherungen im Nasenrachenraum als Ursache der Schwachsinnigkeit Erwähnung getan wird, wenn auch Laquer, Brieger, Knopf u. a. ihr nur einen geringen Einfluß auf die Leistungsfähigkeit der Kinder zumessen und sie mehr als Komplikation, denn als Ursache gelten lassen wollen. Immerhin jedoch müssen auch sie zugestehen, daß exakte, nach allen Gesetzen der experimentellen Psychologie von Kafemann in Kraeplins Laboratorium ausgeführte Experimente mit Hilfe eines Obturators (Nasenverstopfers) den Nachweis erbracht haben, „daß behinderte Nasenatmung imstande ist, die geistige Leistungsfähigkeit des gesunden Menschen herabzusetzen.“
Der Frankfurter Spezialarzt Dr. Bresgen, der sich durch wiederholte Beobachtung davon überzeugt hatte, daß nicht wenige Kinder in der Schule deshalb geistig zurückbleiben, weil sie an Nasenverstopfung leiden, wandte sich 1884 an den preußischen Unterrichtsminister mit der Bitte, die Lehrer anzuweisen, daß sie den dargelegten krankhaften Zuständen bei den ihnen anvertrauten Schulkindern ein wachsames Auge schenken möchten. Die Bemühungen hatten aber, wie Bresgen auf der 62. Naturforscher- und Aerzteversammlung in Heidelberg selbst mitteilte, „nur beschränkten Erfolg“, worauf 1887 eine zweite Eingabe folgte, die aber auch nichts genützt zu haben scheint. In der Wissenschaft bildet die Frage des Zusammenhanges zwischen Atmen und Denken noch immer den Gegenstand ernster Forschung; die Theorie macht unausgesetzt Fortschritte, leider hinkt die Praxis, will sagen: die praktische Anwendung der theoretisch erzielten Forschungsergebnisse — wenigstens auf dem Gebiete der Schule — immer um Jahrzehnte hinterher.
O. R.
Fuente: «Atmung und Denktätigkeit», Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 244, 20. Oktober 1905, Feuilleton-Beilage (sin paginar), firmado «O. R.». Transcripción hecha desde la imagen del número digitalizado por la SLUB Dresden (digital.slub-dresden.de/id394414608-19051020, imagen 11), en Fraktur; el OCR propio (tesseract) no se usó. Se conservan las grafías del impreso («forzierten», «Kraeplins»). Se omite el lema de Friedrich Ratzel que encabeza el folletín. Las cursivas reproducen el espaciado del original.