Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit

I. Teil

1. Kapitel

Schon der zweite Winter – Ernst könnte einer von den andern sein – Hanna muss und kann weg – Karl ist wunderbar, aber er kennt keine Abgründe – Ein Gesicht im Spiegel – Misstrauen gegen Aktentaschenherren und feine Damen – Wir hätten kämpfen sollen – Deutschland, Deutschland!

Die Sitze in dem langen, weissen Autobus hatten stählerne, polierte Armlehnen und federten leicht. Es war warm und schön, viele Fahrgäste hatten die Fenster heruntergelassen, sie liefen geräuschlos in wohlgeölten Schienen. Man sass wie in einem Privatauto. Alles so perfekt, so rein, so gut in Funktion, man spürte kaum, wenn der Fahrer an den steil aufsteigenden Kurven die dritte Geschwindigkeit einschaltete.

Draussen war alles sonntäglich. In den Dörfern standen Menschen herum, wie eh und je an Sonntagen, die Felder lagen braun, schon zur Wintersaat vorbereitet, Wintersaat, nun schon das zweite Mal, und man hatte gedacht, keine drei Monate würde das Bestand haben. An einer Biegung tauchte ein glänzendes Wasser auf, eine Talsperre, wie ein See fast, so glatt und so sonntäglich sogar das Wasser, an einem Ufer waren Zelte aufgebaut, hier müsste man aussteigen können, dachte Hanna, baden gehen, dann Feuer anmachen und Kaffee kochen. Vor drei Jahren waren sie in Bayern auf Ferien gewesen, sie und Karl, die Isartalsperre war viel wilder und grösser gewesen als diese hier. Das war lange her. Hanna wusste nicht recht, ob sie seither überhaupt noch einmal einen Sonntag auf dem Land verbracht hatte ... Schon war Wasser und Zelte vorüber, der Autobus schraubte sich höher hinauf, die Luft war klar, sommerlich, als sollte nicht binnen kurzem ein zweiter Winter kommen.

Hanna liess sich wiegen in dem federnden Sitz, der Anstieg und die Kurve schläferten sie leise ein, als führe sie wirklich in ein Wochenende, als wäre heute Sonntagsausflug, alles so friedlich, so richtig, es riecht so gut nach Sommerwind, er kommt durch die Fenster herein, die sich so geräuschlos herunterdrehen, dort fliegen Schwalben, wieso sind jetzt noch Schwalben da, sonst waren die im Oktober schon fort. Vielleicht ist es nicht Oktober, vielleicht ist es März, und die Felder werden gleich, gleich hellgrün werden. Man weiss nicht mehr recht, die Monate nicht, die Jahre nicht, man weiss nicht mehr recht, wie das Leben ist.

Der Autobus war ganz voll, zwischen den Sitzen standen sogar einige Leute; alle trugen Rucksäcke, die Männer kurze Hosen, die Mädchen ohne Hut. Eine Musikkapelle war auch dabei, das heisst, ein paar Burschen, zu denen eine Pauke und eine Posaune gehörte, die fahren zu einem Fest. Im nächsten Ort stiegen sie auch ab, der Autobus hielt mitten auf dem Marktplatz. „Weisses Ross“ stand auf dem Gasthausschild, und davor eine Estrade aus Brettern, rechts und links gekreuzte Fähnchen, viele Menschen, da waren auch die Trommler und die Trompeter schon, fehlt nur noch Pauke und Posaune, dann kann's losgehen. Viele Fahrgäste beugen sich aus dem Fenster, hoben den Arm zum Gruss. Ernst auch. Na ja, vielleicht ist es besser. Diese Fahrt, und diese Luft, Landluft, Sonntagshimmel, mein Gott, man möchte an nichts denken dürfen, müde, müde, aber man muss straff sein, wenigstens ein paar Stunden noch.

„Wie unser Volk auflebt in der neuen Freiheit!“ sagt Ernst. Hanna schaut ihn entsetzt an, er zwingt ihren Blick, dass er sich sofort wieder versteckt, hat sie einen Augenblick geglaubt, dass er wirklich das sagen will? Er ist so blond, so frischgewaschen, ach und auch er hat dieses unwissende und überzeugte Gesicht, wie die andern, könnte einer von den andern sein.

Hanna durchzuckt ein Schrecken. Plötzlich weiss sie, warum und wohin sie hier fährt. Sie zwingt sich zu einem vertrauensvollen Gesicht.

„Und wie wunderbar jetzt alles funktioniert“, sagt sie. „Dieser herrliche Autobus ...“. Das letzte ist sogar wahr. Es sind neue Autobusse auf dieser Linie eingestellt worden. Obzwar, vielleicht auch früher schon. In Preussen früher schon, jedenfalls. Diese Strecke kennt sie nicht. Aber sie muss ja garnicht reden, die andern reden auch nicht. Sie schauen zum Fenster hinaus.

„Jetzt sind wir gleich da“, sagt Ernst. Rechts an der Strasse steht ein schönes Hotel, so ritterburgartig sieht es aus.

„Hier haben früher die Juden und die Schieber ihre Orgien gefeiert“, sagt hinter ihr jemand zu seinem Nachbarn. Der Nachbar, wie sie hört, eine Nachbarin, antwortet:

„Die haben wir aber mit eisernem Besen hinausgefegt!“ – Besen wie Bäsen. Komisch klingt eine Ueberzeugung in sächsischem Dialekt. Vielleicht ist es keine Ueberzeugung. Vielleicht reden die auch nur so, so wie wir. Sie reden für uns, wir reden für sie, was jeder denkt, weiss keiner. Wir haben's vergraben. Und auch erkennen kann man's an nichts. Man sieht doch, bei Ernst. Gut für den Jungen, er kann ja nicht weg.

Als sie schon ausgestiegen sind, auf der Landstrasse in der Sonne bergan wandern, geht ihr auf, dass sie nicht nur weg muss, sondern auch weg kann. Dass das auch ein Dürfen ist. So einer wie Ernst kann nicht weg, hat Familie, kein Geld, kann keine fremde Sprache, hat nirgendwo in der Welt wohin zu gehen. Bis er eines Tages doch weg muss. Haben ja soviele wegmüssen, die waren wie er. Hab ich's am Ende gut? denkt sie gequält, und wie ein Hellseher sagt Ernst:

„Du hast's gut, Genossin, Du kannst weg!“ Eine kleine Spitze Vorwurf ist darin. Gerade weil sie sich, irgendwo im Tiefsten, eben bewusst ist, dass sie zugleich in die Verbannung geht und in die Befreiung, gerade darum will sie sich rechtfertigen.

„Ich musste weg, Genosse. Seit April, seit sie meinen Mann geholt haben, war es nur noch eine Frage der Zeit. Diese Professorswitwe, sie war schliesslich doch nur eine Sympathisierende ... es war ja genug, dass sie mich all die Monate als ‚Cousine aus Wien‘ bei sich beherbergt hat, und hat mir noch die Stellung beim spanischen Konsulat verschafft, der österreichische Gesandte war ein Verwandter von ihr. Als unsere Zelle hochging, hab ich gesehen, dass ich wegmuss. Ich hatte den Abziehapparat und soviel Material, und Du weisst doch, wie sie im Columbia-Haus ‚verhört‘ werden – nicht alle halten da stand. Vielleicht haben sie recht, wenn sie mich hineinreissen. Intellektuelle, Ausländerin ... es wird eventuell dadurch leichter für sie ...“

Der Proletarier schaut misstrauisch.

„Dich hineinreissen ...?“

Er glaubt an Heroismus und stoisches Schweigen selbst unter Fusstritten. Hanna schämt sich, vielleicht hat er recht, man soll blind sein, alle sind Helden, und die von der Zelle verraten sie schon nicht, sie hätte bleiben können, weiter arbeiten, und in Berlin kann man sich doch immer verstecken, vielleicht geht sie wirklich hinaus nicht nur, weil sie muss, auch weil sie kann ... Weg von Deutschland, von der Arbeit, von denen, zu denen sie gehört, weg von Karl. Jetzt geht sie weg von Karl. Sie geht in ihren flachabsätzigen Wanderschuhen, mit nichts als einem Rucksack auf dem Rücken, ohne Hut, wie deutsche Mädchen auf einem Sonntagsausflug, die Landstrasse hinan, weg von Deutschland, weg von Karl, geht weg.

„Hast Du eigentlich Geld?“ fragt Ernst in ihre Gedanken hinein.

Karl ist in Plötzensee. Sie hat ihn nie besuchen können. Natürlich nicht, man hätte sie doch sofort geschnappt. Zum Prozess ist sie aber gegangen, es waren soviele Leute, in Berlin kennt mich keiner, hoffentlich. Sie war so wienerisch elegant, in einem Kleid und grossen Hut der sympathisierenden Professorswitwe, es war nicht sehr gefährlich, und wenn auch, es war ihr alles egal. Sie hatte Karl sehen müssen, von fern wenigstens. Wie gut er sich benommen hat! Wie Artjom in Ehrenburgs „Michael Lykow“, so ist Karl; und Hanna ist so, dass ihr, wo es um Leben und Tod geht, noch Figuren aus der Literatur einfallen, und dass sie sich deswegen etwas verachtet.

Er hatte einen ganz kahl geschorenen Kopf. So fremd und hager hat er ausgesehen. Hanna tat es leid um seine schönen, lockigen, schon etwas angegrauten Haare.

„Wie konnten Sie sich mit diesen Untermenschen einlassen? Sie sind doch ein gebildeter Mensch!“ hat der Richter gefragt. Manche haben noch so eine Art Courteoisie gegen Standesgenossen ... „Ein Arzt noch dazu! Der sollte doch besondere Würde an den Tag legen, auch in seinem Privatleben!“

„Meine Würde habe ich darin gesucht, denen zu helfen, die Sie Untermenschen nennen“, hat Karl geantwortet. Wunderbar ist Karl. Hätte er nicht auch schweigen können? Oder etwas Unverbindliches sagen? Er schadet sich doch, nicht auszudenken, was ihn das kosten kann, das Leben kann es ihn kosten, Hanna hat in sich hineingeschrieen unter ihrem eleganten Wiener Sommerhut, aber sie ist auch glücklich gewesen, weil Karl nicht versagt hat. Dann hat sie fast nichts mehr gewusst bis zum Urteil: Zweieinhalb Jahre Zuchthaus, vier Monate sind durch die Untersuchungshaft verbüsst, Angeklagter, nehmen Sie das Urteil an? Er hat das Urteil angenommen. Leb wohl, Karl. Bis Oktober 1936, leb wohl, Geliebter, Kamerad, leb wohl, ich bleib Dir treu.

Sie wandert die Landstrasse hinan, weg von Karl, weg von Deutschland.

Die Luft ist so klar, die Linien der Berge ganz dünn links drüben, rechts leichtes Hügelland, die Strasse besäumt mit roten Ebereschen.

„Geld? ... Ich habe genug. Fünfhundert Mark.“

Sie greift nach der Brust, wo das Säckchen verwahrt ist. Fünfhundert Mark – viel Geld, denkt sie, die Arbeiter bekommen jetzt kaum noch siebzig Prozent von ihrem früheren Lohn und der war schon nicht hoch. Immer wieder dieses schlechte Gewissen, dabei ist sie doch nun wirklich arm, ihre schöne Wohnung mit allem und allem ist nicht mehr, das Bankguthaben beschlagnahmt, Vermögensverfall ausgesprochen zugleich mit dem Steckbrief.

Der junge Mann schweigt. Er hat diese Frau erst gestern kennen gelernt, als sie, es war schon dunkel, zu ihm in die Proletariervorstadt kam, aus der wildledernen Handtasche ein vielfach gefaltetes Papier zog, den Ausweis,

Hanna Last, Parteimitglied seit 1923, ist über die Grenze zu bringen. Nach eineinhalb Jahren illegaler Arbeit ist man vorsichtig. Sie hat ihm erklärt, warum sie so elegant angezogen ist, natürlich, Ernst weiss, dass in der Partei nicht nur Arbeiter sind, und hat sich manchmal gedacht, es wäre besser, wenn nur Arbeiter drin wären und man hätte diesen Aktenmappenherren und feinen Damen nicht soviel Zutritt gelassen, vielleicht wäre es dann anders ausgefallen 1933. Er weiss auch, dass man Verbindungen braucht, dass es gut ist, Leute zu haben in den Banken, in den Zeitungen, in den Gesandtschaften .... die da sagt ja auch, dass sie irgendwo gearbeitet hat im spanischen Konsulat; ja, er weiss das, der Schlosser Ernst Leunert, und er fügt sich, Disziplin über alles; aber hier, wo er neben ihr die Landstrasse hinansteigt, packt ihn doch wieder das Gefühl der Eifersucht; die Partei, die Geliebte, das hat im Grunde nicht sein sollen, mit Aktentaschenherren und eleganten Damen, das war für uns gedacht, nur für uns, für die echten, die wir kämpfen und wissen und glauben, weil wir von klein auf gesehen haben wie's ist. Die andern haben's aus Büchern gelernt, waren schon wo anders, ehe sie zu uns kamen. Nun, viele haben gut gearbeitet, wie wir, und sie sind eben geschickter in vielem; viele haben's ja auch bezahlen müssen, dass sie freiwillig zu uns gekommen sind, der Mann von der da zum Beispiel, wenn's wahr ist, was sie erzählt, aber sie hatte den Zettel vom Berliner Verbindungsmann, wird also wohl in Ordnung sein.

„Willst Du hier schlafen, Genossin?“ hat er gefragt, und seine Frau, die nur schwieg und schaute, hat Kaffee gebracht.

„Wenn es geht, Genosse ...“, hat Hanna geantwortet. Sie war nie in Dresden gewesen, einmal nur als junges Mädchen mit den Eltern zu einer Ausstellung, vor dem Krieg, sie sind über Sonntag von Prag hinausgefahren. „Hinausfahren“ sagte man, wenn man Deutschland meinte. Sie erinnerte sich an nichts, nur an einen Pavillon mit Belehrungen über hygienisches Essen und ein Plakat, das sagte: „Wurst ist Vertrauenssache“. Der Vater hatte das in Prag später oft erzählt: „Diese Reichsdeutschen ... sie nehmen alles so ernst ... alles ist eine Weltanschauung, sogar die Wurst“, und er und seine Freunde hatten gelacht. Keinen Menschen kannte sie in Dresden, und ins Hotel natürlich unmöglich.

„Ja, ich weiss wirklich nicht, wo ich sonst übernachten soll.“

Die Frau überzog das Bett des Mannes, neben dem ihren, und machte ihm auf der Küchenbank ein Lager zurecht. Der Mann ging mit zwei Kannen auf den Hof, Wasser holen, hier gab es keine Leitung. Auf dem Tisch lag der „Angriff“. Hanna schaute hinein ... Was jetzt alles gebaut wird, so viele neue Autostrassen, das ist doch alles Kriegsvorbereitung. Die aus den Konzentrationslagern müssen das machen, Heinz ist drin, Wolfgang ist drin, viele, viele. Dann gingen sie schlafen, es war schon nach Mitternacht.

Sie kannte dieses Uebernachten bei Genossen, unter dem dicken Federbett, die Kinder schlafen nicht ein, weil wer Fremder im Zimmer ist, und das Fenster kann man auch nicht aufmachen, und doch hatte sie's immer wieder angenommen, wenn sie von Halle aus in's Land gefahren war, Vorträge und Versammlungen halten. Damit die Genossen nicht das Gefühl haben, die Intellektuelle ist hochnäsig. Heute war es keine Sache des Entgegenkommens; die letzte Nacht in Deutschland, wo denn sollte sie sie verbringen als bei Kameraden. Die Frau neben ihr schlief schon, sie warf sich hin und her. Hanna lag mit offenen Augen. Früher, in ähnlichen Fällen, hatte sie sich oft geärgert über die verdorbene Nacht und Karl hatte immer wieder gesagt: „Wenn Du das machst, dann beklage Dich nachher nicht. Du hättest ja auch ins Hotel gehen können. Das sind alles Einbildungen von Dir, dass die Genossen das übelnehmen ...“ Einmal, kurz nachdem er in Halle eine Sexualberatungsstelle eröffnet hatte, war Karl nach einem kleinen Ort gefahren, um dort zu reden. Als er am Bahnhof ausstieg, fand er die Zäune und Häuser beklebt mit einem schnurrigen Text: „In letzter Stunde und durch raschen Zugriff des Parteivorstandes ist es uns gelungen, des Genossen Dr. Karl Last habhaft zu werden. Dr. Last, einer der besten Kenner des menschlichen Sexuallebens, spricht heute Abend acht Uhr über seine Abgründe in der ‚Reichskrone‘. Freie Aussprache. Genossen, erscheint in Massen! Der Ertrag der Tellersammlung für das Komitee zur Abschaffung des Paragraphen 218“. Karl war nicht beschwert von Hannas Sorgen über die leichte Verletzlichkeit der Proletarier. Er stammte selbst aus der bescheidenen Welt eines Wirtschaftsgärtners und zog es vor, im Hotel zu wohnen. An jenem Abend aber hatte er dem kränkenden Lächeln des bürgerlichen Stammtisches im einzigen Herbergslokal des Ortes zu entrinnen gesucht und daher die Einladung eines Genossen in dessen Wohnung angenommen. Als es zu Bett ging, stellte sich heraus, dass er es mit dem jungen Ehepaar teilen musste – das Plakat hatte anscheinend eheliche Zurückhaltung vor ihm als überflüssig erscheinen lassen.

Hanna lächelte in der Dunkelheit. Einer der besten Kenner des menschlichen Sexuallebens .... gewiss. Karl hatte Bücher und Broschüren zu diesem Thema geschrieben, Vorträge gehalten, Beratungen und Hilfsdienste erteilt. Aber Abgründe ... er sah sie nicht in der Liebe und hatte sie wohl nie verspürt. Er liebte rasch und resolut, ohne viel Aufhebens, gesund, frisch, bewusst, wie er lebte ... Dies wenigstens, die Abstinenz der Haft, würde für ihn nicht schlimm sein. Er verstand es, sein sinnliches Leben vollkommen abzuschalten, wenn es sein musste. Hanna dachte mit Neid daran. Bei ihr war das alles anders. Aber darüber durfte heute ganz gewiss nicht gegrübelt werden ... Schliesslich war sie doch eingeschlafen. Aber schon um fünf Uhr früh hatten die Kinder sie wieder geweckt.

Hanna zog aus dem Koffer einen Sportrock, eine Hemdbluse, einen grauen Sweater und eine Baskenmütze, Wanderschuhe, einen Rucksack. In den Rucksack packte sie etwas Wäsche, ihre Schuhe, das elegante Complet, das den Abend zuvor das Misstrauen der Arbeiterfamilie erregt hatte.

„Den Koffer könnt Ihr vielleicht mal brauchen“, sagt sie mit unfreier Stimme. Und damit sie ja nicht denken sollten, sie wolle sich für die nächtliche Gastfreundschaft revanchieren und das bürgerlich fänden, fügte sie schnell hinzu:

„Ich weiss wirklich nicht, wo ich ihn hintun soll, Ihr tut mir einen Gefallen ...“ Sie sagte „Ihr“, obzwar nur die Frau im Zimmer war. In der Partei duzten sich alle und es war selbstverständlich; aber den unpolitischen Frauen der Genossen gegenüber wollte Hanna das Du nie frei über die Lippen, sie vermied es, wenn es irgend ging.

„Und der Hut? Darf ich den auch dalassen?“ Sie fragte es etwas verlegen. Es war derselbe breitrandige Florentiner, den sie bei Karls Prozess getragen hatte. Die Schlossersfrau hatte ihn aufgesetzt und war vor den kleinen Spiegel getreten, der auf der Kommode stand zwischen einer Vase mit künstlichen Mohnblumen und einem vergilbten Familienbild. Unter der Krempe des fremdartigen Hutes hervor schaute die Arbeiterfrau auf Hannas Gesicht, das hinter und etwas über dem ihren im Spiegel erschien.

Wie jeder, der in Hannas Gesicht blickte, sah sie zuerst die Augen, dunkle, brennende Augen, die grösser

schienen, als sie waren, weil sie unter sehr langen Wimpern in schwärzlichen Höhlen lagen. Augen mit einem Blick, der nicht nach aussen, sondern nach innen ging, in einen nur geahnten Hintergrund. Sah darüber die starken, dunklen, etwas männlichen Brauen, deren eine etwas höher war als die andere, wodurch das Gesicht einen fragenden Ausdruck bekam; und über der hellen, geraden Stirn das blonde, dicke, nach Männerart verschnittene Haar, eine Tolle in der Mitte und glatt und knapp hinter den Ohren. Halb von dem grossen Hut verdeckt, sah sie die dünne, stark vorspringende und etwas aufgebogene Nase, den Mund, der wie die Augen nach innen zu weisen schien, wenn er geschlossen war, beim Sprechen sich aber voll nach aussen wölbte; das schmale Kinn, das ein Grübchen trug, und ein Stück des knabenhaft sehnigen Halses über der wollenen Sportkravatte. Wie den Abend zuvor, wusste die Frau auch jetzt wieder nicht, ob sie dieses Gesicht schön oder hässlich finden sollte. Es schien ihr, als passten die Augen nicht zu dem Haar, der Mund nicht zu den Augen. Ein Gesicht, das weder zu ihrer Vorstellung von Schönheit, noch zu der von Hässlichkeit stimmte. Trotz des Blonds wirkte es auf sie fremdartig, denn Hannas Haut war brünett und an den Wangen und auf der Oberlippe lag ein leichter dunkler Flaum. So entschloss sie sich, das Gesicht „fremdartig“ zu finden, wie sie die ganze Person und ihr Gehaben fremdartig gefunden hatte, seit sie vergangene Nacht bei ihnen eingetreten war. Hanna hielt sich nicht gut, der Rücken war etwas gerundet, und da sie auf hohen Beinen stand, schien es der kleinen, stämmigen Frau, als sähe sie auf sie herab.

Hanna aber sah nicht auf sie herab, sah sie überhaupt nicht an und bemerkte nicht, dass der hellblaue Blick der Schlossersfrau mit schüchtern-beklommener Neugier an ihrem Gesicht hing. Sie sah sich selber an, im Spiegel, und da sie selbst es war, auf die sie schaute, ging ihr Blick auch jetzt gleichsam nicht nach aussen, sondern nach innen. Sie sah müde in ihre eigenen Augen und fand, dass die bläulichen Ringe, die sie umzogen, heute, nach der schlaflosen Nacht und den Aufregungen der letzten Tage, ganz besonders widerwärtig aussähen. So falsch romantisch, fand sie. Die hochgezogene Braue erinnerte sie an ihren Hund – ob der wohl noch lebte? – der hatte immer das eine Ohr heruntergeklappt, wenn er nicht wusste, ob er das, was er zu tun Lust hatte, auch tun dürfte. Mit so schiefen Brauen konnte man kein schlichtes und sachliches Gesicht zustandebringen, das hatte sie oft schon gewusst, und mit einer so lächerlichen Stupsnase, so einer Guck-in-die-Welt-Nase, konnte man sich keine grossmütigen Gefühle glauben, auch wenn man sie empfand. Das einzige in ihrem Gesicht, womit sie einverstanden war, war der Mund; er sah so bittend aus, so wartend, so bereit. Ein zu allem fähiger Mund. Zu allem fähig, ja, das wollte sie gern sein. Zu allem bereit. Und die Härchen auf der Oberlippe .... mit denen hatte sie sich seit langem abgefunden, auch erst kürzlich wieder, als das Tippfräulein in der spanischen Gesandtschaft in Berlin ihr entgegenkommend angeboten hatte, sie ihr mit einer Pinzette „schmerzlos und für immer“ auszuzupfen.

Auch Hanna wusste nicht, wie sie ihr Gesicht eigentlich finden sollte. Schön erschien es ihr auf keinen Fall; auch hässlich nicht; aber so musste es wohl wirken, denn sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr je ein Mensch etwas Angenehmes über ihr Aussehen gesagt, konnte sich aber sehr wohl erinnern, dass ihr das früher oft wehgetan hatte. Plötzlich, als sie daran dachte, tauchte eine Szene aus der Tiefe des Vergessens auf. Mehr als zwanzig Jahre musste es her sein, vor dem Krieg noch, da war sie mit ihren Eltern in Scheveningen gewesen und hatte sich in einer Strandkabine das Badezeug angezogen, zugleich mit einem jungen Mädchen, das sie während des Sommeraufenthalts dort kennen gelernt hatte. Beide waren aus der Kabine gesprungen und zum Meer hingelaufen, die andere voran, im hellblauen Trikot, schlank, zierlich, ebenmässig gebaut, weisshäutig, und Hanna hinterdrein mit ihren langen baumelnden Armen, dem etwas gebeugten Rücken („Hanna, halt Dich gerade!“ – tausendmal hatte sie es gehört und sich doch nicht aufgerichtet,) auf ihren überlangen mageren Beinen. Da hatte sie hinter sich eine Männerstimme sagen gehört: „Die Kleine ist entzückend. Die Lange ist nicht schön, aber sie hat Charakter.“ Dieses „aber“ war es, das jetzt aus tiefer Versunkenheit in ihr auftauchte. „Nicht schön, aber“ ... Alles bei ihr war „aber“. Meine Augen sind klein, aber sie sehen gross aus, meine Haare sind blond, aber sie wirken dunkel, mein Mund will ja, aber er sagt nein ...

Dann schaute sie von sich weg, auf die kleinere Frau, und rückte ihr den Hut zurecht. An der breiten Krempe erschienen Hannas Hände, langfingrige und kräftige, sehr schöne Hände, mit etwas aufgebogenen Fingerspitzen. „Vergnügungssüchtige Hände“ hatte Karl lächelnd gesagt ... „Hände, die wegwollen.“ Die Hände bogen an dem feinen Hut herum, aber er wollte sich durchaus nicht an das stämmige rote Gesicht passen. Die Schlossersfrau merkte es auch.

„Wollen Sie ihn nicht haben, Frau Leunert?“ Nun hatte sie doch „Sie“ gesagt!

„Ich werde ihn meiner Cousine geben. Die ist im Büro und ihr Bräutigam ist Kinomusiker. Unsereiner kann mit so einem Hut nicht gehn ...“

Unsereiner – das hatte wieder so geklungen, wie sie es schon so oft gehört hatte: Du gehörst nicht zu uns. Aber es war keine Zeit mehr gewesen, weder zu Gesprächen, noch zu Grübeleien. Der Autobus ging um sieben Uhr vom Hauptbahnhof ab und sie hatten sich eilen müssen.

Das war vor vier Stunden gewesen, weit, weit lag es zurück.

„Lieb sind Deine Kinder“ sagte Hanna. Sie kann doch nicht immerfort so stumm neben diesem Genossen dahergehen.

„Das sollen einmal gute Klassenkämpfer werden!“ antwortet der Junge. Es klingt stolz, aber auch müde. Sollen denn die Kinder dereinst auch nichts anderes haben, als er, Arbeit, Kargheit, später Empörung, mit der man meistens nichts anfangen kann, die Partei, wieder Arbeit, nachts Zettelankleben, abends in die Versammlung, und jetzt: Gefahr jede Stunde, Zähnezusammenbeissen .... sollten denn die Kinder nicht dereinst etwas Besseres haben?

Hanna spürt es und will etwas Versöhnliches sagen:

„Wenn die gross sind, gibt's keinen Klassenkampf mehr, Genosse. Dann sind wir im Sozialismus! Wie in der Sowjetunion!“

„Wie in der Sowjetunion“ bestätigt Ernst. Sowjet betont er auf der zweiten Silbe und hat ein unwissendes und überzeugtes Gesicht.

Sie wanderten über die Landstrasse, der Himmel wurde immer grösser, so ein riesiger Himmel, und darunter die Farben, braun der Scholle (ein Wort so neudeutsch, man möchte es garnicht denken, es ist so bespien jetzt, aber zu diesem Braun kommt einem kein anderes in den Sinn)

grün, dunkelgrün der Wald, der abseits von der Strasse sich an die Hügel schmiegt, und zuerst, nah, das klatschende Rot der Ebereschen. Da vorn scheint die Welt zu Ende zu sein. Die Kammlinie zog sich quer über den Blick, geradeaus kleine weisse Häuschen mit grauem Schieferdach, so winzig unter dem grossen Blau des Himmels.

„Zinnwald“, sagt Ernst. „Nun sind wir bald da. Im Winter kannst Du hier nur mit Skiern fort. Die Häuser sind dann kaum zu sehen vor Schnee. Hier siehst Du die Stangen, zur Orientierung für die Skiläufer. Hier rechts, hier gehen wir.“

Fast tat es Hanna leid, von der lichten Landstrasse Abschied zu nehmen. Man war so sicher zwischen ihren Bändern geschritten. Geleise ... immer doch sucht man nach Geleisen; auch wenn sie nirgends hinführen.

Sie waren rechts abgebogen und gingen auf den Wald zu, zwischen den Skistangen.

„Hoffentlich kommst Du gut durch. Es ist jetzt alles voll von Posten .... Oder soll ich Dich bis hinüberbringen ...?“

„Nein, Genosse. Warum sollst Du Dich noch weiter exponieren; in Gefahr bringen, meine ich. Ich komme schon durch ... Ich habe siebzehn Jahre in Deutschland gelebt und nie hat mich jemand für eine Deutsche gehalten. Die Grenzposten werden da keine Ausnahme machen.“ Sie lächelte ein bischen. „Die Polizei ist ja nicht sehr schlau, unter keinem Regime, das ist unser Glück.“

Deutschland, Deutschland, siebzehn Jahre, und immer eine Fremde geblieben, und jetzt fort von Deutschland, wer weiss, wann man wiederkommt, ein Stück Herz bleibt da; als Pfand bleibt ein Stück Herz da. Ich gehe ja nicht wirklich weg, ich mache einen Sonntagsausflug, mit nichts als einem Rucksack auf dem Rücken, ohne Hut, wie deutsche Mädchen. Im letzten Augenblick will Hanna nicht. Könnte sie nicht umkehren, in Dresden bleiben, wo keiner sie kennt, weiterarbeiten, weiterwarten, wohin will sie denn eigentlich, ein Kommunist läuft nicht davon, Karl ist auch nicht davongelaufen, Heinz nicht, Wolfgang nicht, viele, viele. Das alles hat sie schon viele Male gedacht, überlegt, es kommt nichts neues dabei heraus, es quält nur wieder.

Wie viele Fremde, die in Deutschland leben, liebte Hanna dieses unzugängliche Land, in dem sie nicht hatte heimisch werden können; liebte sein ungestümes und dabei bedächtiges Vorwärts, seine Zuverlässigkeit, in allen Dingen des Alltagslebens und der Arbeit, diese kluge Verringerung des Reibungsverlusts ... alles lief so wohlgeölt wie die Fenster in dem langen weissen Autobus vorhin. Und die Arbeiterbewegung, so viel war da getan worden und so mächtig war alles gewesen, so gut organisiert ... sonderbar; im März vorigen Jahres war ein Hebel umgeschaltet worden und die Welt hatte sich ans Herz gegriffen, aber am nächsten Tag schon war alles weitergelaufen, wie vorher, nur die Fahnen waren andere, die Menschen waren andere, aber alles war weitergegangen, mit geringstem Reibungsverlust.

„Wir hätten kämpfen müssen“, dachte Hanna verquält, sie dachte es zum hundertsten Mal, wie viele, wie sehr viele. „Wir waren zu ordentlich. Wir haben auf die Parole gewartet, es kam keine ...“

„Jetzt werde ich lieber umkehren“, sagte Ernst. „Ich bin in letzter Zeit oft hier oben gewesen, kann sein, dass sie mich schon auf dem Piek haben. Und für Dich ist es auch besser, Du kannst tschechisch sprechen, wenn Dich einer was fragt ....“

„Ja, Genosse, natürlich. Du kehrst jetzt besser um“, sagte Hanna mechanisch. Sie war noch tief in Deutschland drinnen und es lag ihr nicht viel dran, heil hinauszukommen.

„Du gehst hier in den Wald hinein. Hältst Dich rechts. Es geht ziemlich steil hinunter, etwa zehn Minuten. Dann bist Du in Böhmen.“

„In Böhmen“, sagten sie alle. Das neue Wort kam ihnen nicht leicht vom Munde. Hanna selbst hatte es selten gebraucht: Tschechoslowakische Republik. Als sie fortgegangen war, um in Heidelberg zu studieren, war es noch Böhmen gewesen, Kronland von Oesterreich, Prag eine Provinzhauptstadt. Seither war sie nur wenige Male wieder heimgekommen, zum Begräbnis der Mutter, und dann wieder zum Begräbnis des Vaters, und vor drei Jahren einmal mit Karl zu einem Kongress. Jedesmal nur für ein paar Tage, und hatte sich dabei ganz als Fremde gefühlt und als Fremde war sie empfangen worden.

„Wenn Du dann auf ebeneres Gelände kommst, musst Du wieder links abbiegen, ziemlich scharf links, damit Du auf die Strasse triffst. Na, und dann ist ja keine Gefahr mehr.“

„Danke, Ernst. Ich glaube, jetzt sollst Du umkehren. Da hinten kommen Leute. Und hab vielen Dank. Und ... schreib mir zwei Zeilen, wie Du nach Hause gekommen bist.“

„Schreiben? Wohin denn?“ Ernst lachte, ein bischen erstaunt. Als ob wir im tiefsten Frieden lebten. Die scheint ja einen schönen Begriff zu haben von Illegalität. Wer weiss, wer das ist, jetzt hat sie meine Adresse. Na, geredet hab ich ja weiter nichts, nur allgemeinen Kram.

„Freilich, das ist ja wahr. Man ist manchmal so dumm und sentimental. Also dann, alles Gute, Genosse! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder und dann ist alles anders und gut ...“

„Komm gut hinüber, Genossin! Und vergiss nicht: die Emigranten haben dort auch was zu tun! Wenn die Partei erlaubt, dass einer hinausgeht, muss er drüben tüchtig weiterarbeiten ...“

Wie grob das klingt. Als ob sie fortliefe von der Pflicht. Dieses letzte Wort in Deutschland, es ist so deutsch, so schulmeisterhaft – und so richtig! Es tut ihr weh, aber es freut sie doch auch, immer wieder soll man angefordert werden, gut ist das, immer wieder „antreten“ müssen, das hält einen aufrecht.

„Ohne Sorge, Genosse!“ Sie sagt es mit Würde, fast mit Heiterkeit.

„Jeder an seinem Platz. Wo immer wir sind, ist revolutionärer Boden, hat Marx gesagt.“

„Na, dann also .... Rot Front!“

„Rot Front, Genosse!“

Er geht, Hanna fühlt es wie: er tritt ab. Das Marxzitat hat ihn wieder beruhigt. Hanna dreht sich nicht um und geht in den Wald hinein, nach Böhmen, in die Heimat.

2. Kapitel

Explodierpflanzen, Kristalle, ein Leierkastenmann – Sprachenstreit – Eigenmächtigkeit untergeordneter Organe – Erinnerung an einen Finger – Traumhafte Strassenkreuzung – Subversive Elemente – Olmützer Quargeln, Juden und Kommunisten – Im Elternhaus wohnt keiner mehr – Razzia – Fräulein Aschbach wird erkannt.

Im Wald war es dunkel, feucht und kühl. Die Fichten standen eng und hoch beisammen, tiefgrün gegen den blauen Himmel, der in kleinen Fetzen herunterhing. Der Boden war üppig von Nadelfall, Lattich und mancherlei wässrigem, schlingerigem Kraut, alles so saftig, stumm, geschlossen. Vor Minuten noch war Hanna in der Taghelle bergan geschritten, nun kroch und sprang sie bergab im Dunkel. Wieso ist es in Deutschland so hell? Wieso ist es in Böhmen so dunkel? Ach, heute nimmt alles gleich ein symbolisches Gesicht an. Es liegt einfach daran, dass auf der deutschen Seite die Strasse zwischen Feldern lief, der Wald weitab lag, und dass man hier mitten im Dickicht ist.

Aber als sie nach ein paar Minuten die Strasse fand, lichtete es sich dennoch kaum. In Deutschland waren viele Leute vor ihnen, hinter ihnen, neben ihnen gezogen, Autos waren vorübergerannt, weithin hatte man Leben gesehen. Hier war alles ganz still; die Strasse schien durch ein verlorenes Gebiet zu ziehen, die Bäume schützten sie hoch, als sollte keiner zudringen. Von der Talseite her fuhr und ging heute wohl keiner mehr zum Kamm empor, es war schon mittag vorüber; und bergab fuhr und ging auch keiner, die Grenze war dazwischen.

Hanna war fast fröhlich, weil sie so allein ging. In den letzten Monaten war sie so selten allein gewesen.

Die Stille schlug um sie zusammen und all ihre Sinne zogen sich in den einen Geruchsinn ein, mit dem sie den grünen Geruch des Waldbodens aufsog. „Waldmoder“ nannte sie den Geruch, er war modrig und frisch zugleich, saftiges Leben des Vegetativen, nichts Animalischem vergleichbar. Wenn sie Karl morgens im Schlaf antraf – es kam nicht oft vor, denn Karl war ein schneller Aufwacher, aber Hanna brauchte lange, bis sie sich langsam ins Bewusstsein des Tages durchwühlte aus dem weichen Nichtwissen – wenn sie Karls Mund betraf, der unter geschlossenen Augen leicht geöffnet atmete, hatte sie oft gesagt: Du riechst nach Waldmoder ... und hatte ein Entzücken verspürt, Schauder tiefster Naturverbundenheit, wie seit Kindheit nicht. Wie an Karls Munde einst, zog es sich auch jetzt in ihrem Körper schmerzhaft-selig zusammen, die Muskeln am Halse spannten sich, die Kehle war trocken, während die Nasenlöcher gierig flatterten, einsogen den tiefen, wasserreichen Waldpflanzengeruch.

Sie bückte sich, um mehr zu riechen und besann sich darauf, was Karl ihr vor Jahren erzählt hatte, von seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft. Am Grenzbahnhof waren sie gestanden, tausend Deutsche, die losgelassen werden sollten nach der Heimat, tausend Russen, die von drüben einlangten. Der Transportzug aus dem Westen hielt auf freiem Feld, die Deutschen wanderten von Osten her im Gänsemarsch zum Zug, während die Russen, die ihm entstiegen waren, in entgegengesetzter Richtung, landeinwärts abmarschieren sollten. Zwischen beiden Reihen patrouillierten mehrere Beamte, die rechts und links die Kommenden und die Gehenden abzuzählen hatten. Die deutschen Kriegsgefangenen gingen brav einer hinter dem andern aus Russland hinaus, mit den Russen aber war's hart zu zählen, denn jeden Augenblick sprang einer aus der Reihe, warf sich auf die frühlingsschlammige Erde, mit dem Gesicht in den braunen Dreck und küsste die Erde der Heimat .... Ja, das sind die Russen, dachte Hanna gerührt, noch 1931, als sie mit einer Delegation drüben gewesen war, hatte man unter dem neuen Traktoren- und Fünfjahresplangeist, unter dem knappen, amerikanischen Eilmarsch des Volkes dieses Küssen der Heimaterde gespürt.

Hanna neigte sich über den grünen Waldboden und fühlte sich hingegeben, Karls Mund war es und zugleich der Wald. Eine kleine Blindschleiche glitt an ihrer Hand vorbei und sie griff in das Grüne; da knackte es leise und ein heller Stengel ringelte sich aus einer Blatthülle hervor. „Explodierpflanzen!“ murmelte Hanna, ein grosses Entzücken fuhr in sie ein und mit einem Mal war ihre ganze Kindheit da. Wie hatte sie doch bisher nicht bedacht und wahrgenommen, dass sie ja in der Heimat war; in der Heimat nicht nur, weil sie die Grenzlinie überschritten hatte, hinter dem hellen Deutschland, sondern in einem viel dringlicheren, viel intimeren Sinne noch: in diesen paar Quadratkilometern, die sie nun, bis zur Bahnstation Teplitz, zu durchwandern hatte, war ein grosser, ein bedeutsamer Teil ihrer Kindheit abgelaufen.

Die Eltern hielten nicht allzuviel vom Schuldrill, einen Monat vor Schulschluss hatte der treue Hausarzt, der fortschrittlich von Sport und Sichtummeln im Freien schwärmte, alljährlich ein Attest geschrieben, des Inhalts, dass die Kinder dringend Erholung brauchten, und Hanna und Heini waren mit dem „Fräulein“ und der deutschen oder der tschechischen Grossmutter nach Eichwald in das freundlich-altmodische Sommerhotel gezogen. Von Juni bis September waren sie nun losgelassen, der langweiligen Schule, den unzärtlichen Eltern entwichen, und lebten von früh an bis zum ferienhaft späten Schlafengehen in Garten und Wald. Auf der Zinnwalder Strasse waren sie unendliche Male spazieren gegangen, hatten Explodierpflanzen zwischen den Fingern zerdrückt, dass mit kleinem Knall der geringelte Stengel heraussprang, hatten vielerlei Pilze gesucht und zwischen den am Strassenrand aufgeschichteten Schottersteinen Stücke silbrigglänzenden Glimmerschiefers, die sie, wer weiss warum, „Kristalle“ nannten. Bis Zinnwald freilich waren sie nie gekommen; Deutschland, das lag so fern dem alten Oesterreich, wie jetzt der neuen Tschechoslowakei, man fuhr hinaus, nur wenn man musste. Auf der Zinnwalder Strasse nun also schritt Hanna und roch „Waldmoder“, bückte sich hin und wieder nach einem Blatt, nach einem Stein, nach einem Käfer, und fühlte entzückt die Heimat. Und da tönte auch hinter der Biegung das Lied von „Andulka, dem lieben Kind,“ herauf, und als sie mit wenigen Schritten den Leierkastenmann erreichte, hatte er wahrhaftig noch die alte, österreichische Veteranenmütze auf. Er hielt zu kurbeln inne und streckte ihr die Hand hin, sie sah, dass er blind war. Der erste Mensch, den ich in meinem Lande treffe, ist blind, dachte Hanna, ist das auch wieder ein Symbol? Sie zog das Portemonnaie und gab ihm ein Zwanzighellerstück, „Pozdrav Pán Buh“1 sagte sie beklommen und der Alte erwiderte: „Vergelts Gott!“ Freilich, hier im Grenzgebiet ist ja alles deutsch, aber sie hatte wenigstens ein paar erste tschechische Worte gesprochen, sie wusste ja garnicht, wie das nun gehen würde mit der langentwöhnten Sprache.

Zuhause hatte man meist deutsch geredet und die Kinder hatten die deutsche Volksschule besucht. Aber später war Heini dann auf die tschechische Handelsschule und Hanna ins tschechische Mädchengymnasium „Minerva“ geschickt worden, der tschechischen Mutter zuliebe, und weil der Vater meinte, man solle beide Landessprachen perfekt beherrschen, wenn man schon in dieser doppelsprachigen Stadt zu leben hatte, anstatt im stets ersehnten, liebenswürdigen Wien. Hätte der Vater ahnen können, wie sonderlich diese für die Vorkriegszeit ungewöhnliche Erziehungsmassnahme der Tochter dereinst zustatten kommen würde! Damals hatten die Kinder mitten hineinbeissen müssen in den jahrhundertealten Apfel des Sprachenstreits. Schon der Umstand, dass ein Prager Deutscher eine Tschechin zur Frau hatte, war aussergewöhnlich und brachte es mit sich, dass die Aschbachs weder in der deutschen noch in der tschechischen Gesellschaft rechten Anschluss fanden und dass es so gut wie gar kein geselliges Leben im Hause gab. Die Kinder nun gar in die tschechische Schule schicken ... immer blieben sie dort ein wenig die Aussenseiter; ihre Kameraden durften sie nicht besuchen, nicht zu sich einladen. Eben auch darum waren die Eichwalder Sommer solch schöne Erinnerung: dort hatte man reichlich Spielgefährten gehabt, Kinder aus Aussig und Teplitz und sogar eine Familie aus dem sagenhaft fernen Berlin, deren älteste Tochter Marie nicht, wie man erwartet hätte, Mizzi, sondern Mariechen gerufen wurde ....

Da ist der Aufstieg zum Bahnhof Moldau, und das Gasthaus sieht noch genau so aus, wie damals! Hanna setzte sich auf eine der lehnelosen Holzbänke, bestellte sich ein Glas Milch und ein Käsebrot. Im schattigen Garten sassen nur wenig Leute. An den Zwetschgenbäumen hingen noch einige letzte Früchte, nächste Woche hat Karl Geburtstag, da hat er immer Zwetschgenkuchen bekommen, das war sein Lieblingskuchen. Als sie daran denkt, ist Hanna plötzlich wieder in der Gegenwart, in der schrecklichen, ungewissen, gefährlichen, und mitten aus der Gegenwart tritt plötzlich ein Feldgendarm in den Gastgarten der Kindheit, nicht in altösterreichischer blaugrauer Uniform, sondern in grünlicher, neuer, und er hat keinen Tschako mehr, sondern eine Tellermütze mit einem kirschroten Streifen, und ein Gewehr auf der Schulter.

In Hanna zuckte es. Noch war sie kaum zum Bewusstsein der Freiheit gelangt, und schon verstand sie, dass Gefahren neuer Art auf sie warteten. Neuer Art? Ach, wohl nur in neuer Gewandung. Nicht über die sowjetrussische Grenze ja war sie gegangen. (Seufzer der Sehnsucht.) Hier in der freien demokratischen Republik war ihresgleichen genau so der Feind, wie dort drüben, von wo sie herkam.

In Hanna zuckte es, und mit Grund. Sie hatte keine Papiere. Ihr Pass war vor einem halben Jahr abgelaufen und an Verlängerung natürlich kein Gedanke. Im spanischen Konsulat hatte sie viele ausländische Zeitungen gelesen, deren Verbreitung in Deutschland schon längst verboten war. Und unter den grossen und bedeutenden Nachrichten hatte sie dann und wann auch kleine und unbedeutende gefunden, darüber, dass die Grenzgendarmen in den Deutschland benachbarten Ländern schon etliche Flüchtlinge, die sie ohne gehörige Papiere in der Grenzzone betroffen, an ihre deutschen Kollegen zurückspediert hätten. In der Presse der betreffenden Länder hatte es dann Debatten über Demokratie, Asylrecht und Schutz vor lästigem Ausländer-Zuzug gegeben, und in kleingedruckten Interviews hatte der oder jener Hochgestellte die „Eigenmächtigkeit untergeordneter Organe“ bedauert. Die deutschen Zeitungen ihrerseits hatten diesen Bissen, mit patriotischer Sauce übergossen, wiederum den geheimen Oppositionellen aufgetischt: die sollten sich's nur nicht einfallen lassen auszurücken, denn jeder Deutsche, gleich welchen Bekenntnisses, würde von den Tschechen zuerst in schmutzigen Polizeiverliessen gemartert und dann den deutschen Behörden und ihrer gerechten Strafe zugeführt ...

Der Anblick des Feldgrünen mit der rotbestreiften Tellermütze und dem streitbaren Gewehr wurde so für Hanna sogleich zum negativen Gegenstück des Leierkastenmannes: hatte jener ihr, vor Minuten noch, ein Gefühl des Zuhauseseins und wehmütiger Geborgenheit zugespielt, dieser brachte ihr schneidend zum Bewusstsein, dass sie hier in der Heimat – wie in der Heimat drüben! – eine unwillkommene Fremde war.

Der Gendarm hatte sich an den Nebentisch gesetzt und ein Bier bestellt. Er spricht tschechisch. Hier, im deutschen Gebiet ist alles, was staatlich ist, tschechisch. Die kleinlich-bösartige Minderheiten-Politik des alten Oesterreich hat im neuen Staat kleinlich-bösartige Nachfolge gefunden, und zum ersten Mal geht es Hanna durch den Kopf, dass an dem, was der „Völkische Beobachter“ über die Sudetendeutschen schreibt, unter all dem widerlichen Schwulst doch vielleicht etwas Wahres ist. Der alte Wirt vom „Grenzgasthof“ hat nicht viel mehr als drei Worte tschechisch erlernt, aber seine Enkeltöchter gehen wohl schon in die tschechische Schule nach Niedereichwald, damit sie die Gäste besser bedienen können. Allmählich wird alles umgemodelt; wie bei uns, denkt Hanna, nur dass es hier um die Worte geht und dort um die Gesinnung – vielleicht hier auch schon um die Gesinnung und vielleicht dort auch nur um die Worte ... man kann das schwer trennen. Es gibt keine Gedanken ohne Worte. Was man nicht sagen kann, kann man auch nicht denken. Und in irgendeiner Sprache muss man es eben sagen ....

Hanna legt sich in ihrem schönsten Tschechisch eine komplizierte Erzählung zurecht, für den Fall, dass der Gendarm etwa nach ihren Papieren fragen sollte. Der erste Kampf auf Heimatboden ... Aber es kommt nicht dazu. Der Gendarm zahlt sein Bier, sagt gleichgültig „Pozdrav Pán Buh“ und schlendert die Strasse hinan, nach Zinnwald zu. Auch Hanna zahlte und ging.

Nachdem sie eine Weile gewandert war, wurde sie mit einem Mal sehr müde. Die letzten Nächte hatte sie kaum geschlafen und heute morgen war sie gegen vier Stunden gewandert. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und dem schweren Gepäck auf der Seele marschierte es sich nicht leicht. Sie setzte sich auf einen Baumstumpf am Strassenrand. Ein Autobus kam den Berg heruntergerumpelt. Vielleicht könnte man mit dem Autobus fahren? Es ist auch nicht gefährlicher, als zu Fuss zu gehen. Hanna winkte und stieg ein. Zwei alte Weiber mit Tragkörben waren die einzigen Fahrgäste. Sie sassen hinten im Wagen und sprachen einsilbig im erzgebirgischen Dialekt. Aber als der Autobus an einem hölzernen Kruzifix vorüberfuhr, bekreuzten sie sich: Leierkästen und Kruzifixe gibt es nicht auf der deutschen Seite, dachte Hanna, wenn auch die Sprache die gleiche ist; die Grenze ist dazwischen ...

Hanna hatte sich vorn hingesetzt und sah dem Chauffeur zu. Mit einer Hand hielt er das Volant, mit der andern die Tür, deren Schloss nicht funktionierte. Wenn er sie ab und zu losliess, um die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, flog die Tür krachend auf und hing lächerlich-hilflos nach dem Wald zu, als wolle sie ihn in den Wagen hereinholen. Dann beugte sich der Fahrer hinaus und fing sie wieder ein. Ein Zettel schaukelte vor dem Fenster, mit einer Haarnadel befestigt: Zinnwald – Teplitz. Hanna musste lachen, während sie auf den ausgeleierten Federn auf und ab geschleudert wurde. Der tadellose weisse Autobus, mit dem sie heute früh von Dresden bis Altenberg gefahren war, und nun dies rührende Wrack. Die Grenze ist dazwischen. Zwei Länder reichen sich die Hand auf einem schmalen Gebirgskamm, der noch dazu sechs Monate im Jahr unterm Schnee liegt. Dahinter fällt nach einer Seite hell, nickelglänzend, blankgeputzt, wohlgeölt das eine Land zu Tal, auf der andern stürzt das andere herab, dunkel, feucht, achtlos, mit Klappern und Rumpeln. Heute ist alles voll Symbolik. Nicht vergleichen, denkt Hanna, vergleichen, vergleichen, der Urgrund aller Wissenschaft und alles Unheils. Jedes Ding und jeden Menschen mit dessen eigenen Maassen messen, hat Karl immer gesagt. Nicht schielen, geradeaus schauen. Wer das könnte.

Hanna schaut geradeaus, aber sie sieht immer nur Wald, dunkel, feucht, und hört die Türe zuklatschen, wenn der Fahrer sie losgelassen hat und eine Biegung den Wagen nach der andern Seite schleudert.

Von dem wilden Geschaukel war Hanna noch müder geworden. Sie merkte es zuerst garnicht, als der Autobus im Eichwald ihrer Kindheit einfuhr, so viele neue Häuser und Villen säumten die Strasse, die ehemals bis zum Hotel hin unbebaut durch dichten Wald gezogen war. Da steht noch das alte gelbe Sommergasthaus mit den durchbrochenen Balkongeländern, aber links ist ein neuer Flügel angebaut, durch grosse Glastüren sieht man Klubfauteuils und tanzende Paare, alles so anders, die alte Laube, in der sie zu essen pflegten, ist auch weg. Hanna hatte einen Augenblick daran gedacht, auszusteigen, hier zu übernachten,

jetzt verlor sie den Mut, sie war so müde, es ist auch besser, einen Sonntag-Abend-Zug zu nehmen, wer fährt denn, ohne Aufsehn zu erregen, in Wanderkleidung und mit Rucksack an einem Montag von Teplitz nach Prag. Sie fährt also weiter, der Autobus saust an der Strassenbahn vorbei, die ehrwürdig-schlenkernd dahinzuckelt, da ist das Kohlenwerk, da ist die Kattunfabrik, da ist die „Mordgrundbrücke“, um die man den Kindern damals Schauergeschichten berichtet hat, heute schauert man nicht mehr, wenn man von einem hört, der im Trunk einen andern erschlagen hat, man ist es gewöhnt, dass viele Menschen keines natürlichen Todes sterben. Im Krieg hat man so viele eines unnatürlichen Todes sterben sehen. Und die, die nicht gerade starben, wurden nicht einmal ernst genommen.

Hanna sah noch deutlich den Hof des Spitals – als blutjunge „Freiwillige“, eben nach der Matura, war sie damals zum Dienst angetreten – sah unterm warmen Septemberhimmel viele Tragbahren stehen, es waren vierhundert Verwundete auf einmal abgeladen worden, aus Galizien her, und nicht alle hatten in den Sälen Platz finden können. Unter freiem Himmel hatten manche eine ganze Woche lang gelitten. Und dann war operiert worden Tag und Nacht, und sie sah vor sich die zerfetzten Gesichter, die handgrossen eitrigen Löcher im Bauch, in der Hüfte, hörte das Wimmern der Liegenden und sah an der Tür zum Verbandsaal sich drängen in ihren blauweissgestreiften, schmuddligen Krankenkitteln die, die gehen konnten, mit dem Arm in der Binde oder einem Leukoplastverband über dem Aug, es schmerzte ja auch sie, die als „Leichtverwundete“ geringgeschätzt wurden; einer hatte so sehr gebettelt, man möge ihm doch den Finger verbinden, er bleibe sonst am Ende steif, und er würde nie mehr Geige spielen können. Hanna, mit der Sentimentalität der Leidensungewohnten und im Winkel des Herzens das Urteil: der Finger sei mit Recht dem einen so viel wert, wie dem andern das Leben, hatte sich für ihn eingesetzt, aber der Chirurg hatte sie abgewiesen: „Soll warten ... erst die Schweren. Was denken Sie sich denn? Soll nächste Woche wiederkommen ...“ Dann war Hanna selbst in den „Bauchschüssen“ und „Kopfschüssen“ untergegangen und hatte Finger, die zum Geigespielen da sind, vergessen ...

Und da ist Teplitz, freundliches Industrie- und Kurstädtchen im Halbdunkel, es ist Herbst. Hanna trinkt einen Kaffee im Bahnhofsrestaurant, kauft sich die dicke Sonntagsausgabe des „Prager Tagblatt“ und der „Národní Listy“2, aber sie lässt sie unaufgefaltet neben der Tasse liegen, sie ist furchtbar müde. Nach sieben geht der Zug, sie löst dritte Klasse, und kaum ist sie in der Dunkelheit der Fahrt, schläft sie in ihrer Ecke ein.

Sie träumt von einer Stadt, die sie nicht kennt, die sie aber früher in Träumen oft gesehen hat, einer Stadt mit einer Kastanienallee, die vom Bahnhof zum Zentrum führt, mit schönen, breitangelegten Strassen mit herrlichen Schaufenstern, eine gepflegte Mittelstadt, sie ist im Traum oft mit Vergnügen, wenn auch etwas befremdet zwischen den promenierenden Unbekannten dort herumspaziert, und immer, wenn sie einen Menschen ansprechen, eine Tür öffnen, einen Laden betreten wollte, ist sie aufgewacht. „Die Stadt der Vergeblichkeit“ hat sie sie genannt, sie kennt sie im Traum sofort wieder. Aber diesmal ist es leer in den Gassen, die hübschgekleideten Passanten mit den provinziell gemessenen Bewegungen und die friedliche Nachmittagsstimmung in der Stadt ist weg, es ist Dämmerung und etwas Drohendes liegt in der Luft; und während Hanna allein an einer Strassenkreuzung steht und nicht weiss, ob sie umkehren soll – aber wohin denn? sie ist ja nirgends hergekommen, sie steht ja schon seit Anbeginn an dieser Strassenkreuzung – kommen um eine Ecke Menschen gelaufen, Arbeiter mit Mützen, einer hat ein grosskariertes Sporthemd an, alle fuchteln mit den Armen und schreien. Sie kennt keinen unter ihnen, aber da kommt um eine andere Ecke Paul Bergler, ein Student ist das, ein guter Genosse, sie kennt ihn, er war manchmal bei ihnen im Haus in Halle und Karl hat freundlich seine ein bischen einfältigen Fragen beantwortet, und Paul Bergler sagt mit leuchtenden Augen: „Genossin, jetzt geht's los, heut ist Revolution“ – und Hanna sieht, wie er weiterrennt und den Herbeilaufenden Instruktionen gibt ....

„Ja, aber wie denn?“ fragt sie zögernd, „heut ist Revolution? Und wir haben doch soviel darüber diskutiert, dass die Revolution ein langer, schwieriger Prozess ist, mit vielen Siegen und Niederlagen, ein langer Prozess“ .... Aber Paul Bergler hört nicht zu und sagt zuversichtlich: „Jetzt setzen wir noch die Ziegelbladerer ein und bis morgen früh um sechs sind wir im Besitz der gesamten Macht ...“ Hanna versteht im Traum sofort das niegehörte Wort: Ziegelbladerer; das sind die Leute, die das Pflaster aufreissen und die Barrikaden bauen ... sie hat sich das nicht so vorgestellt. Da steht sie unschlüssig an der Strassenkreuzung in der sonderbar veränderten, fremden altbekannten Traumstadt und sieht, dass die Geschäfte schon die Rolläden herunterlassen. Da durchzuckt sie der Gedanke: wenn Revolution ist, gibt es nichts zu kaufen, und wer weiss wie lange nicht, man muss sich vorsorgen, und sie geht hastig über den Damm und kauft in einem Kolonialwarengeschäft viele Konserven ein und in einem Schuhladen nebenan drei Paar Schuhe, ohne sie auch nur zu probieren und steckt alles in ihren Rucksack, den sie am Rücken trägt, damit es nicht so auffällt und geht nach Hause. Nach Hause, das heisst in ein fremdes Haus, das sie nicht gesehen und nicht gewusst hat bis dahin und steigt bis in den vierten Stock hinauf; und mit jeder Stufe wird ihr Herz schwerer von Gram und grässlichen Selbstanklagen, weil sie nicht auf der Strasse ist, sondern Konserven und Schuhe eingekauft hat für die Zeit des Bürgerkriegs. Als sie oben ist und anläuten will, hört sie draussen einen furchtbaren Krach, sie fährt zusammen und lässt den Rucksack fallen ..... und wacht auf, weil ein Koffer knapp an ihrem Gesicht vorüber aus dem Gepäcknetz heruntersaust.

„Pardon! Pardon, Fräulein!“ sagt eine Stimme. In der Revolution sagt man doch nicht Pardon, wenn man schiesst, denkt Hanna, aber dann spürt sie, wie sich der Zug wieder in Bewegung setzt, und als sie aus der Halle fahren, liest sie „Ústí n.L. – Aussig a.d.E.“. Es sind neue Fahrgäste eingestiegen, ein kleiner Alter, der sich bescheiden in eine Ecke gesetzt hat und schweigt, zwei andere, die noch während sie ihr Gepäck verstauen, Bekanntschaft miteinander schliessen. Der eine ist gross und dick, ein Sechziger mit spärlichem Haar und rotem, schlecht rasiertem Gesicht. Der andre klein, mager, spitz, beweglich wie eine Maus. „Worin reist der Herr?“ hört Hanna den Dicken fragen. Kann sie so schlecht tschechisch? Ihr kommt es vor, als müsse es „wohin“ heissen. Aha, er hat nach der Branche gefragt, denn der andre antwortet:

„In Textilien.“

Wie trostreich wäre es, wenn man nach Textilien reisen könnte. Sogleich erscheint vor Hanna eine Landschaft mit blühenden Akazienbäumen, an einem Wasser gelegen, an dessen Ufer sich Paare junger Menschen ergehen, blossfüssig in Sandalen, in einer Art griechischer Kithone, „die Lenden gegürtet“, fällt ihr ein, und sie weiss nicht, wie das auf tschechisch heisst. „Textilien“ ... es wird wohl Kastilien sein, daran hat sie öfter gedacht, als sie im spanischen Konsulat arbeitete, aber gibt es dort Akazien und griechische Jünglinge? Es gibt dort wohl meist kahle Felsen, arme Bauern, Düsterkeit, Dürre, kein Wasser. Sogar die Traumlandschaften müssen bitter werden, wenn man an die Wirklichkeit denkt.

„Im Einheitspreisgeschäft gibt's ja schon welche für 3 Kronen das Stück“ sagt der Spitze gehässig. Er hält einen Scheuerlappen in der Hand. „Dieser hier kostet fünf sechzig, aber kein Vergleich, die Qualität ...“ Der Dicke befasst gefühlvoll den Lappen. „Und mit diesen Warenhäusern, da ist ja für einen anständigen Menschen überhaupt kein Geschäft mehr zu machen! Diese Räuber kaufen ja nicht beim soliden Kaufmann. Die warten, bis eine Fabrik vor dem Konkurs steht und dann ramschen sie die Ware zu Spottpreisen. Lauter Juden und Kommunisten, sag ich Ihnen ...“

Der Dicke nickt verständig. „Die Juden – die haben überall ihre Finger dazwischen, da haben Sie recht. Na, die Reichsdeutschen, man soll sagen auf diese hochgeschorene Rasse, was man will, nicht riechen kann ich sie, die Piefkes – aber mit den Juden haben sie aufgeräumt, da könnten wir von ihnen lernen ....“

„Und mit den Kommunisten, Herr! Da könnten wir auch von ihnen lernen: hier bei uns dürfen sich diese subversiven Elemente breit machen und auf der Strasse herumschreien mit ihren roten Fahnen ...“

Subversive Elemente, hört Hanna, und es fällt ihr ein, wie sie als Kind beim Zeitungslesen zum Vater aufgeschaut hat: Papa, was ist das „subversive Elemente“? –

„Da sind die Jungtschechen gemeint“ hat der Vater erklärt, und sich unbehaglich hinter den Kragen gegriffen.

1908 war das, um die Weihnachtszeit, kurz vorher hatte es Belagerungszustand und Standrecht gegeben. Oft, wenn es in der Stadt unruhig war, hatte der Vater Hanna von der Schule geholt, mitten aus dem Unterricht, auch diesmal; sie waren mit der Elektrischen über den Graben nach Hause gefahren und vor dem Deutschen Haus hatte die Elektrische halten müssen, lange, vielleicht eine halbe Stunde, denn es wurde links und rechts geschossen. Aussteigen hatte man nicht können und weiterfahren auch nicht, und mit abwesendem Blick hatte das Kind zum ersten Mal erfahren, ganz verständnislos freilich, dass Menschen aufeinander schiessen und einschlagen wegen irgendwelcher Ideale, und hatte zum ersten Mal verspürt, dass sie dabei sein möchte, mitschiessen, mitschlagen, aber auf welcher Seite denn? Ihr Vater war Deutscher, ihre Mutter war Tschechin, sie gehörte nicht hierhin, nicht dorthin.

„Subversive Elemente, die Tschechen – und die Mutter?“ fragte das Kind.

„Das schreiben die ja auch nur so in den Zeitungen, wer glaubt denn, was in den Zeitungen steht!“ hatte der Vater verlegen das Gespräch abgebrochen.

Die beiden Handlungsreisenden sind inzwischen bei der Ware des Dicken angelangt. Da der Spitze nicht nachlässt, bis der Kollege seinen Scheuerfetzen zum Geschenk angenommen hat, holt nun auch er seinen Koffer herunter und zeigt die „Molkereiprodukte“, zu deren ambulantem Vertrieb er sich vorhin bekannt hat. Ein penetranter Geruch breitet sich aus. Er reist in Olmützer Quargeln.

„Aber sagen Sie“ meint interessiert der Spitzige, „die Käseln haben doch vorhin garnicht gerochen?“ –

„Ja, da staunen Sie, Mann! Hier“ – er klopft mit dem Knöchel auf den Lederkoffer, sieh da, er ist aus Holz! – „den hab' ich mir extra bauen lassen. Die feinste Nase riecht da nichts. Ja, früher ... da fuhr ich mal nach Berlin hinaus, vor dem Krieg, versteht sich, und mit mir fuhr ein Kollege, der reiste in Portefeuilles. Wir machten aus, dass wir zusammen ein Zimmer im Hotel nehmen wollten, es ist doch sowieso alles so teuer, wenn man mit festen Spesen reist. No gut. Als ich mich in's Bett legen will, fragt er mich, ob ich mir nicht die Füsse waschen wollte, er kann sonst nicht schlafen. Die Füsse ... mitten in der Woche? Also meinetwegen, komischer Kauz, wasch ich mir halt die Füsse. War sonst ein netter Mensch. Nach einer Weile sagt er: Entschuldigen Sie, aber es riecht doch hier noch immer so ... Na, schliesslich sind wir dann draufgekommen, dass es die Käseln waren. Damals hatt' ich den Koffer noch nicht. Da haben wir furchtbar gelacht, dass ich mir wegen der Quargeln hab' die Füsse waschen müssen und dann – wissen Sie was? – haben wir den Koffer an einem Strick zum Fenster hinausgehängt, es war im dritten Stock.“

Die beiden Reisenden lachen kolossal, der Schweigsame in der Ecke lässt ein verknurrtes Gemecker hören, Hanna lächelt hinter ihrem Mantel, den sie aus dem Rucksack genommen und an den Haken gehängt hat, um sich zu verstecken. Ja, sie möchte sich verstecken, nicht aus Angst vor der Passkontrolle, jetzt ist ja wohl keine Gefahr mehr, sie sind weit im Land drinnen, aber verstecken vor der Heimat, die sie nun in Sprache, Ton und Sein von allen Seiten mächtig andringt und die so fremd geworden ist. Fremd die Namen der Orte (früher wurden sie hier deutsch abgerufen), fremd das Volk (was weiss denn Hanna vom Volk? Mit den Eltern ist sie zweiter Klasse gefahren, auf der Strasse durfte sie nicht allein gehen, in der Elektrischen hat sie vor sich hingeträumt und nicht zugehört), fremd die Landschaft draussen im Schwarzen, es ist Nacht. Hat sie gemeint, dass die Heimat Freudenfeuer anzünden würde für die verlorene Tochter? Was heisst überhaupt Heimat für eine Kommunistin, es ist nicht mehr 1908, es ist nicht mehr Sprachenstreit, sie weiss jetzt, auf welcher Seite sie steht, braucht nicht mehr tatlos mit abwesendem Blick zu warten, bis der Kampf der andern ihren Wagen vorbeifahren lässt, überall ist revolutionärer Boden, Karl, ich hab's nicht vergessen. Hinter dem Mantel verborgen atmet sie aus.

„Nein, in meiner Branche haben die noch nicht hineinfuchteln können, Gott sei Dank“, hört sie den Dicken berichten. „Aber da ist jetzt eine andere Konkurrenz, besonders in den Grenzgebieten, die reichsdeutschen Emigranten. Mitgebracht haben sie sich nichts, arbeiten dürfen sie auch nicht, so gehen sie halt hausieren, und meistens mit Lebensmitteln, vielleicht, weil sie das, was sie nicht verkaufen, dann selber auffressen können ..... ha, ha, ha! ..... In Rumburg haben

mich neulich an einem Vormittag drei angesprochen und mir meine eigenen Olmützer angeboten ....“

„Eine Schande ist das“ sagt der Spitzige mitfühlend. „Die Regierung sollte das verbieten!“

„Was brauchen wir die Reichsdeutschen?“ ereifert sich der Alte. „Bei uns ist sowieso genug Arbeitslosigkeit. Sollen die Juden nach Palästina gehen und die Kommunisten nach Russland!“

„Wenn der Hitler sie nicht haben will, wir wollen sie erst recht nicht haben“ bestätigt der Spitze.

„So einen, wenn ich Gendarm bin und treffe ihn, wie er unsern Leuten das Brot wegnimmt und redet ihnen dabei noch seinen subversiven Quatsch hinein, den nehm' ich hopp und spedier ihn über die Grenze, soll er schaun, wie er weiterkommt“ fügt der Dicke behäbig hinzu.

Der Zug hält und sie gehen ein Bier trinken. Ausflügler steigen ein, Büsche mit Herbstlaub im Arm, Rucksäcke auf der Schulter, Tschechen, Deutsche. Sie erzählen von ihrem Tag, einer hat sogar noch in der Elbe gebadet, ein Mädchen hat sich den Knöchel verstaucht, sie sind fröhlich, schöner Sonntag, nächste Woche fahren wir schon Samstag nach Křivoklát, übernachten bei den Bauern. Ein Bursch hat eine Klampfen mit und fängt an zu spielen, deutsche Volkslieder, und die Tschechen singen tschechische, Hanna kennt sie alle, und nach einer Weile summt sie ein bischen mit hinter dem Mantel. Die Handlungsreisenden stehen auf dem Gang, mögen sie über die Emigranten schimpfen, Hanna ist so müde, so wohlig müde, als wäre auch sie erst diesen Morgen von Prag weggefahren nach Salesel, tagsüber gewandert, dann Rast gemacht auf der Wiese und gepicknickt, Klampfe gespielt, Volkslieder gesungen, als junges Mädchen war sie oft mit Kameraden Sonntags so hinausgefahren, die Eltern hatten's nicht gern gesehen, was sind das für Extravaganzen, ist's im Baumgarten nicht schön genug, aber Hanna hatte sich's immer wieder ertrotzt; im Wald hatten die jungen Leute dann was vorgelesen, Nietzsche, oder von Popper-Lynkäus über den Zukunftsstaat und Gedichte von Möricke und Eichendorff und Keller. „Trink, oh Auge, was die Wimper hält, von dem goldenen Ueberfluss der Welt“ – Hanna schrieb im Geist die zwei Zeilen an das schwarzberauchte Fenster, es gab noch zwei Zeilen vorher, des Sinnes, dass es sonst bald zu spät sein möchte, aber sie wollten ihr nicht einfallen.

Vor dem rauchbeschlagenen Fenster mehrten sich die Lichter, Prag war nah. Gleich sind wir zu Hause, das wird heut' ein Schläfchen werden, den ganzen Tag an der Luft, Honza, vergiss Deinen Stock nicht, Herrjeh, wird meine Alte schimpfen, ich hab mir ein Loch in das neue Trikotkleid gerissen beim Brombeerpflücken, schade, dass man morgen früh um acht im Büro sein muss, nächsten Sonntag fahren wir nach Křivoklát .... „PRAHA .....!“

Mitten im Gewühl der Ausflügler steht Hanna um elf Uhr nachts auf der Strasse und geht nach Hause. Das Elternhaus ist nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, ihre ganze Kindheit hindurch hat sie vom Fenster auf die Remisen der Güterabteilung heruntergeschaut und ist eingeschlafen unter dem Donnern der Züge und aufgewacht unter dem Krachen der Lastwagen, die das Vieh vom Bahnhof zum Schlachthaus fuhren. Sie geht nach Hause.

Als sie vor dem Gitter steht, fällt ihr erst ein, dass hier keiner mehr wohnt. Die Eltern sind tot; als sie das letzte Mal hier war, hat Heini die Wohnung schon gekündigt gehabt, er hatte sich am Belvedere ein Haus gekauft. Hier wohnt niemand mehr. Wo wohnt jemand? Sie hat nicht daran gedacht, dass sie die erste Nacht in der Heimat irgendwo wird schlafen müssen, oder vielleicht hat sie im Laufe des Tages auch daran gedacht, aber sie hat es wieder vergessen. Ganz langsam, mit gesenktem Kopf geht sie zum Bahnhof zurück, geht in's Bahnhofsrestaurant, bestellt einen Kaffee. Auf dem Tisch liegt eine tschechische Zeitung, die sie nicht kennt, „Svoboda“3 – eine sozialistische? Sie blättert sie ein wenig durch, nein, es ist ein liberales Blatt, nun ja, liberal heisst ja wohl freiheitlich. Als ihr Blick teilnahmslos über die Inseratenseiten fährt, liest sie plötzlich ihren eigenen Namen: Aschbach, aber er ist auf tschechische Weise geschrieben. „Jindřich Ašpach, Bankhaus, Hypotheken, gutverzinsliche Anlagen, solide Kredite ...“ – das ist doch Heini! Warum schreibt er sich Jindřich; in der Schule hat er freilich auch Jindřich schreiben müssen und sie selbst hat Jana Aschbachová geheissen4 aber doch mit sch und weichem b, und jetzt heisst ihr eigener Bruder plötzlich anders; natürlich; als Geschäftsmann, meine Liebe, darf man keine politische Meinung haben, hat er ihr vor drei Jahren gesagt, nachdem er sie gefragt hatte, ob sie etwa „auf diesem Kongress oder was Ihr da sonst für Spuk macht, Ihr Roten“, das Wort zu ergreifen gedenke. Heuchler. Er hat die politische Meinung, die am meisten Geld einbringt, und heut' ist's eben noch so, dass es am einträglichsten ist, keine politische Meinung zu haben, das heisst liberal zu sein.

Sie zahlte, es war schon kein Mensch mehr im Lokal. Wohin sollte sie nun? Gegenüber ist ein bescheidenes Hotel für Geschäftsreisende, tausendmal ist sie daran vorübergegangen, eine Zeitlang war dort ein Zettel angemacht: Den P.T. Lokomotiven ist der Zutritt verboten ... Hanna lächelte. Das war, weil zweimal kurz hintereinander ein Lokomotivführer nicht gut gebremst hatte bei der Einfahrt in den Kopfbahnhof, und mit Brausen und Prasseln war die Lokomotive durch die Glaswand, welche die Bahnhofshalle von der Strasse trennte, hinausgefahren und hatte erst vor dem Hotel gegenüber halt gemacht. Ob ich wohl da übernachten könnte? Man muss Papiere haben ....

Sie ging trotzdem hinüber, in der Schankstube sassen noch ein paar Leute, die Halle war leer, hinterm Pult ein alter Portier. Hanna sprach ihn tschechisch an. Ein Zimmer? Wer kommt Sonntag abends mit einem Rucksack in Prag an und geht nicht nach Hause? –

„Ich habe zu Hause geläutet und geläutet, hatte den Schlüssel vergessen .... niemand hat aufgemacht. Dann hab' ich auf der Treppe gewartet, vielleicht dass jemand kommt. Der Bruder ist mit der Frau gestern nach Karlsbad gefahren auf drei Tage, da haben das die Dienstmädchen wahrscheinlich benutzt, um die Nacht über auszubleiben .... Wie niemand gekommen ist, hab' ich mir gedacht, ich gehe zu meiner Freundin schlafen, aber inzwischen ist's so spät geworden, so geh' ich lieber die Nacht in's Hotel .... Wir haben nämlich früher in dieser Strasse gewohnt, deshalb ist mir's eingefallen .... Ich hab' doch in Prag noch nie im Hotel gewohnt ....“

Dies Letzte war sogar wahr. Als sie zu den Begräbnissen des Vaters und der Mutter gekommen war, hatte sie im Elternhaus gewohnt und das letzte Mal, mit Karl, bei einem Genossen Advokaten, auf der Kleinseite, er war kurz darauf gestorben, erinnerte sie sich. Es war wirklich das erste Mal, dass sie in Prag im Hotel wohnen sollte.

Der Portier schob ihr einen Meldezettel hin. „Haben Sie Dokumente bei sich?“ Sie holte ein letztes Mal die Ausflugsstimmung von vorhin in ihre Stimme herein, als sie sagte:

„Aber woher denn, Mensch! Wer nimmt denn Dokumente mit, wenn er nach Křivoklát fährt ...“ (hoffentlich ist der Zug von Křivoklát schon angekommen!!!)

„Es ist nur wegen der Fremdenpolizei .... sie ist jetzt sehr streng, seit die vielen Reichsdeutschen hier sind, jede Weile ist Razzia ...“

Razzia ... manchmal war sie nachts aufgewacht, dort in dem Haus an der Ecke, hatte kreischende Weiberstimmen gehört und fluchend waren Männer aus der Kneipe im Nachbarhaus auf die Strasse gestolpert, die Glastür hatte geklirrt bis hinauf in den dritten Stock. Razzia auf Prostituierte, Zuhälter und Taschendiebe; heute Razzia auf Kommunisten, auf Ausländer, auf sie.

Hanna Aschbachová, Beamtin, schrieb sie auf den Meldezettel, und Heinis neue Adresse, Národní Obranny 12, neue Strasse, die hatte es wohl damals noch garnicht gegeben.

„Bankier Aschbach ist mein Bruder“ sagte sie und es war ihr nicht wohl dabei, dass sie sich beim ersten Schritt in der neuen Bleibestätte auf die soziale Stellung, nein, auf den Geldbeutel des Bruders berufen sollte.

Lieber krepier' ich, ehe ich von dem reaktionären Parvenu auch nur einen Heller annehme, hatte sie manchmal zu Karl gesagt; aber das Leben ist anders, man krepiert nicht lieber.

„Bis vor drei Jahren hat er dort auf Nummer 20 an der Ecke gewohnt ...“

„Vom Doktor Aschbach der Sohn? Das Fräulein?“ fragte der Portier plötzlich erwärmt. „Na, sowas, Fräulein! Wie ich damals auf der Orangenschale ausgeglitscht bin und hab' mir den Fuss verstaucht, bin ich zu ihm in die Sprechstunde und er hat mir den Fuss geschient. Hat nichts wollen nehmen, der Herr Papa, wir sind doch Nachbarn, hat er gesagt, war ein feiner Mann, Fräulein. Ist mir eine Ehre, Fräulein!“

Ganz aufgeräumt nahm er den Rucksack auf, den sie neben sich auf die Erde gestellt hatte und führte sie in ein leidlich nettes Zimmer. Hanna lachte ihn müde an. Vielleicht war sie dennoch nach Hause gekommen?

3. Kapitel

Heimweh nach dem Gegenwärtigen – Prag ist anders – Rosita ist noch nicht aufgestanden – Heinrich Aschbach will erst etwas trinken – Was sind das für verrückte Sachen? – Vom Dynamitkoffer und vom verlorenen Pass – Wir haben keine Niederlage erlitten – Hanna kann sich nicht legitimieren – Luise ermuntert sie, weiterzuheulen – Morgen beginnt das neue Leben.

Das Rollen der Güterzüge weckte Hanna nicht auf, so wenig, wie es sie vor Zeiten aufgeweckt hatte aus ihrem jungen Schlaf vier Häuser weiter. Es war wie eine Nacht von ehedem, der langverhallte Lärm machte den neuen, jetzt ungewohnten, vertraut. Nach den vielen schlaflosen Nächten der letzten Wochen, nach der ungeheuren Anstrengung des Vortags, schlief sie ruhig und fest in den Vormittag hinein.

Nachdem sie schon ihr städtisches Kostüm angezogen hatte, fiel ihr ein, dass sie ja dem Portier gegenüber von einem Ausflug gekommen war. So ging sie denn aus dem Hotel wieder so, wie sie hineingegangen war, in Wanderschuhen, Strickjacke und Baskenmütze. Sie suchte im Telefonbuch nach einer Adresse und ging zu Fuss, am Elternhaus vorbei, die breite Strasse zur Vorstadt hinunter, unter dem Viadukt durch – aber was haben sie denn da auf den Žižkaberg für einen riesigen weissen Kasten gebaut? – an dem kleinen Park mit der Kirche vorbei, wo Onkel Max gewohnt hat, sie wusste nicht einmal, ob er noch lebte, in einem alten Haus die abgetretenen Stiegen hinauf und trat ein.

An der Wand hing das Parteiblatt und mehrere Kopfblätter aus der Provinz, ihr klopfte das Herz, als sie nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder Sichel und Hammer sah. Ein Mädchen an der Schreibmaschine, zwei junge Männer im Gespräch, Hanna fragte nach dem Parteisekretär, er ist nicht da, mit wem kann ich also sprechen, ich bin Parteigenossin, gestern aus Deutschland gekommen, hier ist meine Legitimation. Aber die drei konnten den deutschen Zettel nicht lesen, es schien sie auch weiter nicht zu interessieren, wer weiss, wieviele sich hier schon so gemeldet haben. Schliesslich gelang es ihr, in ein anderes Zimmer vorzudringen, wo ein dicklicher Mann mit grauem Schnurrbart an einem Schreibtisch die Zeitung las. Sie wiederholte ihre Mitteilung.

„Wieso sprechen Sie tschechisch?“

Hanna erklärte es, machte aber nur vage Angaben über ihre Familienzugehörigkeit. Der Graubärtige schrieb etwas auf ein Papier und reichte es ihr gleichgültig über den Tisch.

„Wir befassen uns nicht mit Flüchtlingsangelegenheiten. Das da ist das sogenannte Flüchtlingsheim, für die Deutschen. Sie haben ihre eigene Organisation. Mittag trifft man dort viele. Sie können nach Eduard fragen.“

Er las schon wieder die Zeitung. Hanna fühlte sich bestürzt und abgekühlt. Kein Willkommen. Keine Frage. Trotzdem musste sie etwas sagen.

„Das wisst Ihr ja garnicht, Genosse, wie das ist, wenn man nach zwei Jahren wieder Sichel und Hammer sieht .... So schön ist das, Genosse ....“

Sie kämpfte mit den Tränen.

„Mein Mann ist im Zuchthaus“, sagte sie, wie zur Entschuldigung. Der Mann blickte auf, sah sie an, eher tadelnd, sagte nichts.

„Ich wollte mich natürlich zur Arbeit melden, Genosse“ stammelte sie.

„Sprechen Sie mit Eduard, im Flüchtlingsheim. Er hat das unter sich.“

„Hier sind viele Spitzel“ entschloss er sich schliesslich hinzuzufügen, als ob er seine Wortkargheit rechtfertigen wollte. Hanna stand unschlüssig. So vieles war da, was sie fragen und erzählen wollte. Man hatte ja ein und einhalbes Jahr nicht mehr unbefangen sprechen können. Aber, wie es schien, konnte man das auch hier nicht. So fragte sie nur, ob sie sich die Zeitung mitnehmen könne und bekam auch noch die Illustrierte, „Svět Práce“5 mit, auf der ein dickbackiges Kind in einen Apfel biss und darunter die Schrift: „In der Sowjetunion leben die Arbeiterkinder unter hygienischen Bedingungen.“ Sie wusste nicht recht, wie sie grüssen sollte. Wie hiess ‚Rot Front‘ auf tschechisch? Sie hatte, solange sie in Prag lebte, kein kommunistisches Vokabularium erlernt. So sagte sie „Guten Tag“ und ging. Im Zimmer, wo das Schreibmaschinenmädchen sass, verabschiedete sich einer der jungen Leute mit über die Schulter geworfenem „Čest Práce“6. Sonderbar. Wir sind doch eine Internationale.

Sie ging den Weg zurück, den sie kurz zuvor gekommen war; als sie an ihrem Hotel vorüberkam, fiel ihr ein, dass sie ja keine zweite Nacht hier würde schlafen können, dass etwas geschehen musste. Sie hatte gehofft, in der Zentrale Weisungen, Ratschläge, zumindest Interesse zu finden. In's Flüchtlingsheim .... nicht gleich, nicht jetzt. Später .... Plötzlich hatte sie riesiges Heimweh, sie wusste selbst nicht recht, ob nach Deutschland, oder nach Prag. Eher wohl nach Prag, obzwar sie ja hier war. Immer hatte sie Sehnsucht nach dem, was noch da war ... war es erst weg, dann wich der Schmerz erstaunlich schnell. Nach Karl hatte sie sich am meisten gesehnt, wenn er im Nebenzimmer gesessen war und sie ihn nicht hatte bei der Arbeit stören wollen, um ihn um den Hals zu nehmen und jubelnd abzuküssen. Als sie in Russland war, oder ein anderes Mal Karl auf einer Studienreise in England und Skandinavien, war es viel leichter gewesen. Jetzt? Es tat weh, an Karl zu denken, aber nicht so sehr, weil er weg war, als weil man nicht wusste, was er auszustehen hatte .... Nein, nicht daran denken, nicht denken an die Stehsärge, an die Scheinerschiessungen .... nein, nein, nein ....

Sie war im Getöse des Bahnhofstrubels um eine Ecke gebogen und durch ein paar Strassen gegangen, da fiel ihr, dies war ihr gemeinsamer Schulweg gewesen, ihr Bruder ein. Zu Heini muss ich jetzt gehen, dachte sie, třída Národní Obranny, wo ist das, ich weiss nicht, wo die Strasse ist, irgendwo am Belvedere, ich werde mir bei André einen Stadtplan kaufen, hier heissen ja jetzt alle Strassen anders; aber die ehrwürdige Buchhandlung, wohin sie schon während der Schulzeit ihr gesamtes Taschengeld getragen hatte, Eichendorff, Storm, Möricke, dann später Kierkegaard und Flaubert, war nicht mehr in dem alten Haus, das alte Haus war nicht mehr neben dem Pulverturm, dort stand ein grosses amerikanisches Haus, eine Bank, schade.

Nun, es wird auch ohne Stadtplan gehn. Auf's Belvedere fährt man mit der Elfer Elektrischen. Hanna steigt ein und fragt, wie weit sie fahren muss. Es ist in Dejvice, sagt der Schaffner.

Sie fahren über die Brücke und hinter dem graublauen Nebel über der Moldau steigt Burg und Dom auf wie eine prächtige Fata Morgana, über dem Gewimmel der Kleinseiten-Häuser, graublau der ganze Hradschin, er schwankt über dem Wasser wie ein Abziehbild, das man nicht ganz gerade auf's Papier gebracht hat und glänzt auch so hinter dem leichten Dunst. Hier von der Brücke aus sieht Dom und anderes Gebäu steil aus, überschnitten vom Grün der umliegenden Hügel, Hanna fühlt es fremd. Ihr tiefes Bild vom Hradschin stammt von einem andern Blickpunkt, vom Kai am Nationaltheater her, und wieder diese Sehnsucht nach dem Vorhandenen, am liebsten möchte sie abspringen und durch die Stadt zum Kai hinlaufen, aber sie bezwingt sich, schon steigt die Strassenbahn in langsamen Krümmungen den Hügel hinan.

Es geht durch Strassen, die sie nicht wiedererkennt, fast alle Häuser sind neu, flachdachig, schön viereckig, modern, nüchtern, freilich ist sie hier oben selten gewesen, sie weiss nicht mehr recht, wie es früher war. Als die Bahn sich über eine Brücke wieder talwärts neigt und in einen riesigen, weissen, von Hochhäusern umsäumten Platz einmündet und dahinter sieht man endlose Avenuen sich dehnen, hat Hanna völlig die Orientierung verloren. Der Schaffner winkt ihr, erklärt ihr, wo sie hingehen muss, sie ist ganz verwirrt, geht nach der falschen Seite, der Schaffner ruft ihr zu, als die Bahn sie überholt und vor einem querfahrenden Autobus haltmachen muss: „He, Fräulein! Rechts, rechts hab' ich gesagt, nicht links!“ Und zu einem Fahrgast, der absteigt: „Sehen Sie, deswegen hab ich nicht geheiratet!“ und weist beschämend auf Hanna. So schämt sie sich denn, ein bischen lächelnd, und geht also rechts. Vor dem Kriegsministerium patrouilliert die Wache auf und ab, und ein paar Häuser weiter ist Nummer 12. Sie läutet, ein Junge macht ihr auf, sie ist in einem Garten und im Hintergrund sieht sie das Haus, Heinis Haus, das neue Aschbachhaus. Sie kennt es noch nicht, Herrschaftshaus, fehlt nur der Diener mit weissen Handschuhen, da kommt er auch schon durch eine Glastür.

„Was wünschen Sie?“ Ziemlich herablassend.

„Ist Herr Kommerzialrat Aschbach zu Hause?“

Der Diener sagt auf alle Fälle nein, nun natürlich, es ist vormittag, da ist doch ein Kommerzialrat nicht zu Hause.

„Oder die gnädige Frau?“

Diesmal sagt der Diener nichts, fordert sie auch nicht zum Eintreten auf, schaut sie nur an, ihre Schuhe besonders, die grossen, deutschen, staubigen Wanderschuhe.

„In welcher Angelegenheit?“ fragt er schliesslich zögernd, er hat einen schönen blauen Anzug mit geprägten Silberknöpfen und ein ganz liebes Gesicht.

„Ich komme zu Besuch“ sagt Hanna. Wird man sie wohl auch hier in's Flüchtlingsheim abschieben, lieber ginge sie gleich, und hat schon Tränen in den Augen.

„Zu Besuch .... in welcher Angelegenheit?“ fragt der Diener, er lässt nicht nach, nun ja, so ist er wohl erzogen.

„Ich bin die Schwägerin der gnädigen Frau“ sagt Hanna leise und ärgert sich tief, dass sie auf der Schwelle steht und unter Berufung auf die feine Verwandtschaft um Einlass bittet, und so merkt sie nicht, dass der junge Mann mit den Silberknöpfen ein bischen bestürzt ist und ein bischen schadenfroh lächelt und dann sagt er:

„Die Schwägerin ....?“ und ist viel zu wohlerzogen, um anders als mit Blicken auszudrücken: Das glaubst Du wohl selber nicht! Und Hanna glaubt es auch selber nicht mehr recht. Sie steht immer noch auf der ersten der drei Stufen, und der Diener auf der dritten, und beide warten, was nun geschehen soll. Hanna möchte umkehren, aber schliesslich, der Diener kann nichts dafür, dass er in so noblem Haus dienen muss, so rafft sie sich zu einem Lächeln auf und sagt möglichst unbefangen:

„Ich würde Ihnen doch raten, mich anzumelden!“

Der Silberknöpfige geht in's Haus und lässt sie auf der Treppe stehn. Von einem der Fenster zieht von innen eine Hand einen Vorhang beiseite, nur ein wenig, genug für einen Blick. Dann vergehen wieder ein paar Minuten, und in Hanna beginnt sich eine Wut zu sammeln, sie steigt die beiden Stufen hinauf und will eintreten, da kommt der Blaugekleidete wieder heraus und sagt höflich:

„Die gnädige Frau ist noch nicht aufgestanden – vielleicht können das Fräulein später wiederkommen?“

Hanna weiss nicht recht, wie sie das nehmen soll. Will Rosita sie nicht empfangen, weil sie nicht glaubt, dass es ihre Schwägerin ist, die der Diener ihr beschrieben hat – aber warum fordert er sie dann zum Wiederkommen auf? Oder glaubt sie dennoch, dass die Grossbeschuhte mit der Strickjacke Hanna ist, die Deutsche, immer schon etwas sonderlich, die Person – aber warum empfängt sie sie dann nicht gleich, sie wird ja doch nicht darum herumkommen?

„Ich werde warten“ sagt Hanna bestimmt, der Diener verschwindet hinter der Glastür.

Hanna ging im Garten auf und ab. Ein Garten war es freilich nicht, nur ein grosser Rasenplatz mit abgeblühten Rhododendronbüschen in der Mitte. Links zog ein gepflasterter Pfad vom Tor am Haus vorbei, wohl nach der Garage. Wahrscheinlich ist hinter dem Haus der richtige Garten. Heini hat doch sogar von seinem Park gesprochen, in einem der wenigen, verlegenen, kurzen Briefe, die er ab und zu schreibt. Sie mochte nicht hinter das Haus gehn, vielleicht zog dort wieder eine Hand vorsichtig einen Vorhang beiseite; sie ging um die Rhododendronbüsche herum und herum, und dann setzte sie sich auf das Mäuerchen, das die erste Treppenstufe links und rechts abgrenzte und wohl Halt für ein schmales Blumenbeet am Haus entlang bieten sollte, aber jetzt war nichts da, als etwas braune Erde. So sitzt sie also vor Heinis Haus, das sie nicht einmal kennt, die neue Adresse steht wahrscheinlich schon in tschechischer Orthographie im Telefonbuch, alles ist anders geworden. Draussen schlägt es eins, und Rosita ist also noch nicht aufgestanden.

Als sie die Schwägerin zum ersten Mal sah, war es beim Begräbnis der Mutter. Da hatte man sie noch Rosl gerufen, und sie war mit Heini verlobt, ein überzartes Geschöpf mit schön geformtem, wachshäutigem Gesicht und grossen Augen. Sie war schüchtern gegenüber der Schwägerin aus Deutschland, von der man ihr gesagt hatte, sie sei etwas verdreht, aber furchtbar gebildet. Rosl war aus mittelloser Beamtenfamilie, sah zu Heini auf bei jedem Wort und Blick und Hanna hatte sich damals flüchtig über das Paar gewundert, die Kleine war ihr zu zart, zu blumenhaft vorgekommen, als dass sie ihr hätte eine berechnende Geldheirat zutrauen mögen, und einen andern Grund, um Heini zu nehmen, hatte Hanna sich nicht vorstellen können. Heini konnte man doch nicht lieben .... Sie dachte es spöttisch, aber eine Bitterkeit befiel sie dabei. Hinter dem schnurrbärtigen, etwas brutalen

Gesicht des Bruders sah sie plötzlich das lachende, blondlockige Knabenantlitz, hinter den Brillengläsern und dem gleichgültigen Geschäftsblick, das strahlende Augenblau von einst. Sie hatte so viel von Heini erhofft, und nichts war aus ihm geworden, als ein reicher Mann.

Das letzte Mal, es war, als sie vor drei Jahren mit Karl in Prag gewesen war – Rosl hiess schon Rosita und war in Ostende – hatte er noch im Elternhaus gewohnt. Aber es war schon nichts, nichts mehr übrig gewesen von der Vorstellung von Heini, die sie seit Kindheit mit sich trug. Nur noch Geld, Repräsentation, elegant sein, mit eleganten Leuten verkehren, mit hohen tschechischen Staatsbeamten und alten österreichischen Aristokraten, den Lobkowitz, den Rohan, den Schwarzenberg. Die hatten übrigens schon unter dem alten Oesterreich vorwiegend tschechisch gesprochen, vielleicht aus Snobismus, vielleicht weil sie sich seit Jahrhunderten den Freiheitsstolz gewahrt hatten, durch ihren Wandel die Politik des Allerhöchsten Herrscherhauses zu kritisieren, vielleicht auch einfach, weil sie Realisten waren, mit feinster Witterung von Drohendem die künftige Staatssprache für sich vorausnehmend – das waren Heinis Freunde, und er liess, da man sie ja ohnedies am Namen richtig erkannte, im Gespräch die Adelstitel seiner noblen Kumpane nonchalant weg: „Die Pilar Fürstenberg hat sich die Haar' färben lassen“ sagte er zu Rosita, und jeder, auch der Geschäftsfreund aus Ostrau oder Wien, der etwa zu Tisch war, wusste, dass Pilar nur eine Prinzessin heissen konnte.

Und dazu passte es ganz genau, dass die Schwester nun auf der Gartenmauer sitzen und auf Einlass warten musste, während der Bruder gewiegte Börsenmanöver durchführte und die Schwägerin in der ohne Zweifel grünen oder rosa Badewanne sass, mittag um ein Uhr. Als Hanna so weit war in ihren Gedanken, wollte sie einfach fortgehen. Das Gefühl von Verlassenheit, das sie vorhin im Parteibüro befallen und seither nicht mehr freigegeben hatte, wuchs zu einem würgenden Unbehagen bis in den Hals hinauf. Aber sie zerrte es herunter und hielt sich eine stumme kleine Ansprache: sie ist ja nicht hier, um gerührtes Wiedersehen im Familienkreise zu feiern, sondern um von dem mächtigen Bruder ganz kühl, politisch, vernünftig einige erste Ratschläge und Hilfreichungen zu erlangen.

War sie wirklich deshalb hier? Sie hatte doch in's Flüchtlingsheim gewollt und war unterwegs dorthin, von Sehnsucht befallen, in die Elfer Elektrische gesprungen, um den Bruder zu umarmen, Heini, den strahlenden Buben, mit dem sie in Eichwald „Kristalle“ gesucht und Explodierpflanzen aufgedrückt hatte .... In den letzten Monaten hatte sie nichts mehr von ihm gehört, ihm auch nicht mehr geschrieben; ihre Korrespondenz war immer nur eine gelegentliche gewesen, besonders seit seiner Verheiratung, und im Sturm der Erlebnisse war Prag und die Familie für Hanna ganz versunken; wer weiss, ob nicht auf der Polizei in Halle mancher ängstliche Brief von Heini lag, der sie nicht mehr erreicht hatte .... er war im Grund ein guter Kerl, vielleicht glaubte er sie im Gefängnis, Konzentrationslager, in so endgültigen Situationen kam sein sentimentales Herz zutage, wie damals bei ihrer Operation, da war er so besorgt gewesen, dass er sogar nach Halle telefoniert hatte an Karl und gebeten, man solle ihm telegrafieren, wenn sie ausser Gefahr wäre.

Vor dem Tor hupte es zweimal lang und befehlerisch, der Junge von vorhin sprang herbei und öffnete beide Flügel, ein langgestrecktes, graues Auto fuhr in den gepflasterten Weg ein und stoppte am Haus. Ein Herr in grosskariertem Ueberzieher stieg aus, kam an dem Mäuerchen entlang, stand schon auf der Treppe, da trat Hanna ihm von der anderen Seite entgegen.

Eine halbe Sekunde schaute er sprachlos, dann ging er auf sie zu und küsste sie herzlich auf beide Wangen.

„Hanna! Bis Du wieder mal in Prag? Eine Ewigkeit hast Du ja nicht mehr geschrieben! Ich freilich auch nicht, aber Du weisst, ich schreibe ja nur, wenn's was Wichtiges gibt ... Wann bist Du angekommen?“ – Er schob sie etwas von sich weg: „Zur Modekönigin hast Du's immer noch nicht gebracht, komisch schaust Du aus, wie von einem Ausflug! Komm herein, Schwester, Du isst doch selbstverständlich bei uns. Ich hab' schon mächtigen Hunger.“ Und er hängte sich in sie ein und führte sie um das Rhododendronbeet und wieder zum Haus.

Der blaugekleidete Diener zeigte sich an der Glastür und blickte bestürzt auf die beiden; dann verschwand er eilig.

„Hauptsache, dass Du gesund bist“, meinte der aufgeräumte Herr und zog Hanna über die Treppe in die Halle. Er drückte sie in einen Fauteuil.

„Willst Du nicht was trinken? Vor allem muss man erst mal was trinken“ sagte er. Er schaute sich im Zimmer um und zog dann an einem Knopf eine Wandvertäfelung heraus, hinter der eine fertig installierte Bar mit einer Batterie Flaschen, Mixgefässen und herunterklappbaren, hohen Sitzen hervorkam. Hanna schaute ihm sprachlos zu. Herrgott, ist das komisch, Tischleindeckdich für Raffke's. Der wohlhabende Herr in teurem Ueberzieher, das ist mein Bruder, und er hat sich auch den Schnurrbart abnehmen lassen und wenn er spricht, leuchten seine prachtvollen Zähne. Sonderbar.

Als er noch mit den Kognacgläsern klirrte, den Rücken zur Tür gewandt, trat Rosita ein. Ihr schönes, edelgeformtes Wachsgesicht sah noch bleicher aus durch die grellgemalten Lippen, ihre lange, schmale Gestalt noch höher in dem weitauslaufenden blauen Samtpyjama.

„Hanna, grüss Gott“ sagte sie klangvoll und ruhig und reichte ihr eine lange, dünne Hand mit dunkelroten Nägeln. – „Verzeih, ich habe Dich warten lassen. Ich hatte ein Schlafpulver genommen und bin erst jetzt aufgewacht ... Grüss Gott, mein Lieber“ wandte sie sich zu ihrem Mann und hielt ihm flüchtig die Wange hin. – „Bitte nimm Platz, Hanna .... Wie geht es Deinem Mann? Ist er auch in Prag? Hast Du eine angenehme Fahrt gehabt?“

Hanna sass auf einem Gobelinstuhl und hielt das Glas mit Kognac in der Hand, das Heinrich ihr gereicht hatte. Sie sah ihn an, er war rot und verlegen, sie sah die schöne Schwägerin an, ja, wussten die denn garnichts? Hast Du eine gute Fahrt gehabt, Hauptsache, dass Du gesund bist, wollen wir erst mal was trinken .....

Sie trank den Kognac mit einem Zug aus und fühlte, wie kalt ihr geworden sein musste, der Alkohol brannte ihr vom Schlund bis in den Magen hinunter, ein feuriges Rinnsal.

„Ich bin gestern Abend angekommen. Zu Fuss über die Grenze, dann von Teplitz mit der Bahn. Mein Mann ist seit sechs Monaten im Zuchthaus. Das letzte Jahr haben wir uns in Berlin aufgehalten, illegal natürlich ...“

Auf dem Gesicht des Bankiers malte sich Bestürzung, dann Verlegenheit. Er las Zeitungen und wusste, dass es

Konzentrationslager gab, Gefolterte, Erschlagene. Er wusste auch, dass Schwester und Schwager „in Politik machten.“ Aber er hatte das eine weder je recht geglaubt (so was gibt's doch nicht im 20. Jahrhundert!), noch das andere mit dem, was die Zeitungen behaupteten, je in gedanklichen Zusammenhang gebracht. Er war ehrlich verwirrt.

„Gott, wie entsetzlich!“ hauchte die schöne Schwägerin und dachte: Was heisst doch gleich „illegal?“ Und: Wieso ist ein Doktor im Zuchthaus? Und drückte auf jeden Fall Hannas Hand, wobei dieser das Kognacglas entfiel und auf den Teppich rollte. Der Bankier bückte sich danach, richtete sich aber in halber Neigung wieder auf und schob das Glas mit dem Fuss weg.

„Das versteh' ich nicht!“ sagte er missbilligend und streng. – „Hat er denn ... ich meine, hat er denn was gemacht? Und warum bist Du nicht von Berlin direkt gefahren? Das sind doch verrückte Sachen!“ Seine Stimme klang ungewiss.

„Bitte die Herrschaften zum Essen“ sagte der Diener leise und schob die schweren Samtvorhänge auseinander.

Nein, auch hier war keine Heimat. Bruder und Schwägerin hatten ihren Bericht mit Unverständnis, Verlegenheit, peinlicher Bestürzung angehört, und als Hanna von der Konfiskation ihres ganzen Besitzes gesprochen hatte, war in dem „aber das ist doch nicht möglich!“, das dem Bankier aufgeregt entfuhr, sogar etwas wie Tadel geklungen: in solche Sachen lässt man sich eben nicht ein, hab' ich Dir's nicht immer gesagt, Dein Mann ist doch ein gescheiter Kopf, wie kann er solche Dummheiten machen .... und schliesslich hatten sie ihr für die ersten Tage Obdach angeboten. Am Samstag allerdings kämen Freunde aus Wien, die seit längerem erwartet würden, und sie hätten nur das eine Gastzimmer .... Hanna hatte sich beeilt, zu versichern, sie gedächte so schnell als möglich ein möbliertes Zimmer und auch Arbeit zu finden; für heute möge man bitte ihren Rucksack aus dem Hotel holen und das darin zerknüllte Strassenkleid bügeln lassen, weiter wolle sie nicht zur Last fallen .... und die Verwandten hatten erleichterte Mienen gezeigt und sie nicht allzu dringend zurückgehalten, als sie kurz nach dem Kaffee erklärt hatte, jetzt müsse sie aber fort und würde abends erst wiederkommen.

Ein eigenes Zimmer und Arbeit – dazu musste man erst einmal offiziell angekommen sein. Und wie sie das zu bewerkstelligen hatte, konnte ihr kein wohlansässiger Bankhausbesitzer sagen, das musste sie bei denen erfragen, die ihr Schicksal teilten.

In der düsteren Gasse, die der Genosse im Parteibüro ihr auf dem Zettel bezeichnet hatte, fand sie in einem Hinterhof ein unfreundlich aussehendes Gebäude mit der Aufschrift „Deutsches Flüchtlingsheim.“ Es schien, nach den grossen Glasfenstern und dem unverhältnismässig hohen Ziegelkamin, ein altes Fabrikgebäude zu sein. Auf dem Hof liefen Kinder herum, die berlinisch und ostpreussisch und sächsisch sprachen. Ohne erst über einen Vorplatz oder durch einen Korridor zu kommen, trat man in einen grossen Raum, der mit rohen Tischen und Bänken besetzt war und im Hintergrund ein Schiebefenster zeigte, auf dessen Brett geleerte Kaffeetöpfe und ein Teller mit ein paar Schwarzbrotschnitten stand. Der Raum war fast leer, nur an einem Tisch sassen ein paar Männer und zwei Frauen im Gespräch.

„Guten Tag, Genossen“ sagte Hanna, sie wusste nicht, ob „Rot Front“ hier angebracht war. „Ich bin gestern illegal herübergekommen und habe mich heute vormittag auf dem Parteibüro gemeldet. Da hat man mir gesagt, dass ich hierhergehen und mit Genossen Eduard sprechen soll.“ Die Männer schauten sie prüfend an, sie sprach anders als sie selbst, aber eine der Frauen reichte ihr die Hand und meinte entgegenkommend: „Setz Dich, Genossin .... Eduard kommt gewöhnlich erst gegen sechs.“

„Ja, und da sehen wir die S.A. in's Haus gehen und beziehen Posten vor dem Zaun, weil doch der Koffer drin war. Der Schneider wusste freilich nicht, was in dem Koffer war. Wir stellten ihn hier ab, weil wir umziehen, hatten wir gesagt. Verfluchte Soosse ... jetzt geht die ganze Gruppe hoch, wollen doch sehen, was da wird.“

Alle hörten gespannt zu, ohne Hanna zu beachten.

„Nun – und?“ fragte eine der Frauen drängend, als hätte man ihr die Fortsetzung eines Zeitungsromans aus der Hand gerissen. Das dauert, bis der seine Pfeife in Gang bringt ....

„Ja, also ... wie wir da so durch den Zaun lugen – die Esel hatten nicht mal einen Posten vor der Tür stehn lassen – kommt doch so ein S.A.-Verbrecher heraus mit meinem Koffer in der Hand, stellt ihn mitten auf den Hof und geht wieder ins Haus, weitersuchen. Ich, um die Ecke, in den Hof, den Koffer gepackt, schwer war der mit dem vielen Dynamit, ein paar Dutzend Handgranaten waren auch noch drin, zur Elbe hinunter und klitsch! ins Wasser damit .... Und dann sind wir getürmt; der olle Dussel von Schneider hat in seinem Schreck natürlich alles angegeben, meine Mutter war sechs Wochen verhaftet, haben sie mir geschrieben ....“

Alle lachten.

„Das war ein feines Stück, Max!“ sagte die Frau beifällig.

„Die werden aber Gesichter gemacht haben, als sie wieder auf den Hof kommen und der Koffer wie weggezaubert“ schmunzelte der pfeifenrauchende Held der Erzählung.

„Dem Josef ist ja auch so was Kurioses passiert, wisst Ihr ...“ begann ein anderer. „Der ist doch ganz legal mit richtigem Pass herausgekommen ...“

„Natürlich, die Intellektuellen, mit Pass, ganz legal“ brummte ein älterer, sympathisch aussehender Mann mit einem Arbeitergesicht.

„Nein, weisst Du, mit Josef“ – der Gesprächige wollte sich seine Geschichte nicht vom Mund abschneiden lassen – „das war so: zu ihm kommt Haussuchung, die nehmen alles mit, Bücher und so, und ihn selber natürlich auch, auf den Alexanderplatz. Konnten ihm aber nicht das Geringste nachweisen, hat sich auch sehr anständig gehalten, war in keiner Partei, Gefängnispfleger von Beruf, da kennt er die Sachen; haben sie ihn ein paar Mal verdroschen und nach ein paar Wochen wieder rausgelassen, aber er soll sich zu Hause halten, steht unter Polizeiaufsicht. Macht er auch. Denkt aber immer dran, wie er rauskönnte. Sein Pass war ja weg mit all dem andern Gelumpe. Kommt eines Tages ein eingeschriebener Brief, ganz richtig an seine Adresse, und drin liegt sein Pass, und ein Zettel; den Pass habe ich beim Sortieren der beschlagnahmten Sachen in einem Buch gefunden, vielleicht kommt er Ihnen zugute, mit ‚Freundschaft‘7, ein Genosse aus dem Polizeipräsidium. Da staunste! Damals 1933 waren ja noch massenhaft

Sozialdemokraten dabei, Wachtmeister und so, Archivbeamte, schickt der ihm seinen Pass zurück, per Einschreibebrief, die Höhe, Mensch!“

Wiederum lachten alle und kommentierten den Vorfall, als sässen sie in der Hasenheide beim Bier ....

Hanna lief es ein wenig über den Rücken. Herbst 1934, und sie erzählen Anekdoten, als wäre tiefster Frieden, all' ihre Gedanken sind ganz noch in Deutschland, im Deutschland von ehedem. Wie lange mögen sie wohl schon hier sein und sich Geschichten erzählen bei Kaffee und Schwarzbrot? Zum ersten Mal traf Hanna auf die unheimliche Abgewandtheit der Emigranten, gleich in allen Ländern und zu allen Zeiten, traf auf das Volk, das keine Gegenwart kennt, das ausserhalb der Zeit lebt, ausserhalb des Raums, mit allen Klammern des Herzens der Heimat, der verlorenen, verhaftet, die sie bald, bald wiederzusehen hoffen .... Abgewandtheit, die die Jahre betrügt, 1933, 1934 ... ach, vielleicht werden sie auch 1937 und 1938 genau noch so hiersitzen und vom Dynamitkoffer erzählen und vom wiederbekommenen Pass, qualvolle Jahre des Ausgesetztseins, da klammert man sich an das, was wirklich war, das, was ist, ist ja so unwirklich.

Sonderbar, auch Hanna, die eben erst Hinzugekommene, verfiel sogleich dem Bann der Atmosphäre.

„Damals, am Anfang, nach der Niederlage“ mischte sie sich ins Gespräch, „war es noch nicht so arg. Mein Mann ist auch sofort weg, aus Halle, wo wir lebten, nach Berlin. Ich bin noch eine Zeitlang geblieben. Da kommt eines Tages der Briefträger und sagt mir ...“

„Nach der Niederlage, sagst Du, Genossin?“ Die Stimme klingt streng, zwei blaue Augen schauen sie feindselig an.

„Was für eine Niederlage?“

Hanna beisst sich auf die Lippen, sie weiss ja, aber ist es nicht absurd? Die starke Partei, so kampfbereit, weggewischt an einem Tag, ohne den leisesten Versuch des Widerstandes. „Geordneter Rückzug“ hat man das im Krieg genannt.

„Nun, ich meine, als die Nazis die Macht übernahmen, natürlich ...“

Der Strenge gibt nicht nach:

„Niederlage nennst Du das, Genossin? Das ist eine ultralinke Abweichung! Wir haben keine Niederlage erlitten! Das revolutionäre Proletariat hat sich überhaupt auf keinen Kampf eingelassen, da konnte es auch keine Niederlage erleiden! Ist doch logisch, was?“ wandte er sich zu den andern.

„Das ist es ja gerade, Genosse!“ sagte Hanna, sie wusste, sie sollte es nicht, aber sie konnte nicht anders, der ganze Tag, die mürrisch-offene Teilnahmslosigkeit auf dem Parteibüro, die höflich-verschleierte im Haus des Bruders hatten zuviel in ihr zusammengepresst.

„Das ist es ja gerade, dass wir uns auf den Kampf nicht eingelassen haben! Das ist ja gerade das Schreckliche, das, was wir jetzt bezahlen müssen, wir hier in der Emigration und die andern im Zuchthaus und Konzentrationslager (ihr Blick wurde einen Augenblick abwesend und starr). Kämpfen hätten wir sollen, kämpfen ...“

„Wir lassen uns nicht vom Klassenfeind den Zeitpunkt des Handelns vorschreiben!“ sagte der Kaltäugige schneidend. Er wusste anscheinend ganz genau seinen Text.

„Und die Sozialfaschisten, die sind uns doch in den Rücken gefallen! Wollten keine Einheitsfront machen!“ fügte mit überredender Stimme der mit der Pfeife hinzu, als spräche er zu einem kleinen Kind, der böse, böse Stuhl hat meinem Herzblättchen wehgetan ...

Und sie diskutierten hitzig und lange, über die Demonstration im Lustgarten, wo fünfhunderttausend Sozialdemokraten und Kommunisten einmütig aufmarschiert waren, aber dann hatten die Führer von der rosa Internationale das Bündnis verraten – über die Taktik beim Separatistenputsch – über die chinesische Revolution – vor allem über den kürzlich erfolgten Eintritt der USSR in den Völkerbund – diskutierten mit dem Fieber von Gläubigen, die sich nichts abhandeln lassen und denen auch die lieben Höllenqualen noch teuer sind, mit denen der Pfarrer von der Kanzel sie bedroht.

Hanna kannte diese Diskussionen und kannte das Gefühl von Befremden und Trauer, das sie angesichts der blinden Gläubigkeit auch jetzt wieder überfiel, sie bewunderte auch wieder, wie jedesmal, die geistige Disziplin (aber, durchfuhr es sie neu, war sie denn geistig, diese Disziplin?), die Treue zur Partei, und wünschte glühend, ihre Treue, sie hielt sie für nicht schlechter als die der andern, auch ihre Treue möchte jenen festen Untergrund von Gläubigkeit haben können, und nicht nur forttasten von Belastung zu Belastung, am Geländer der Doktrin: die Partei darf man nicht im Stich lassen – der Einzelne hat immer Unrecht – man muss bei den Massen sein – all' diese Grübeleien und Tüfteleien sind Intellektuellenhochmut .... Und jedesmal hatte das Geländer sie heil über den Abgrund geführt.

Heute schien es mit einemmal anders: Diese Deutschen in der verlassenen tschechischen Fabrik, die noch nach beinah' zwei Jahren von der Katastrophe redeten, als hätte sie gestern erst ihr Haus zum Einsturz gebracht, und wie lange sie nun schon hier sassen, seit Mittag doch mindestens, hatten sie denn garnichts zu tun?

Nein, sie hatten garnichts zu tun. Wie es mit den Arbeitsmöglichkeiten stünde? fragte sie kleinlaut und bekam bestätigt, was sie schon wusste, strenges Verbot für Ausländer, Arbeit anzunehmen, nur das Zeitungsverkaufen war erlaubt, die Flüchtlingsfürsorge gab Essencoupons, zahlte kleine Rechnungen für Schuhbesohlen, Zahnarzt, aber auch erst nach langem Gefeilsch, ausserdem fünf Kronen pro Woche Taschengeld.

„Und die tschechische Partei ... tut die nichts für Euch ... für uns? (Ach, ihr Trauschein stempelte sie zur Reichsdeutschen, heim war sie gekommen und fand sich in der Fremde.)

„Die Partei .... ach, diese Slowaken (er sagte Schlowaken), faule Köpfe ... Das ist eine Drecksektion, sag' ich Dir“, schimpfte ein junger Mann, der bisher den Mund noch nicht aufgemacht hatte. – „Für diese Analphabeten ist jeder Deutsche ein Feind – die können Nazis, Juden und Kommunisten nicht unterscheiden ....“

„Na, na, Hans!“ besänftigte ihn eine Frau. „Was willst Du denn, am Anfang haben sie viel gemacht, Wohnungen bei Genossen verschafft, Geld gegeben, auch hier und da Arbeit besorgt; aber als dann immer mehr Flüchtlinge kamen und die Arbeitslosigkeit ist doch jetzt hier auch sehr gross, die tschechischen Genossen haben immer viel schlechter gelebt als wir im Reich – vorher ... Diese Wohnungen, ich hab' selbst bei einem gewohnt, qualifizierter Arbeiter, Holzbildhauer, brr! Da wohn' ich lieber hier und kann wenigstens deutsch sprechen und bin mein eigener Herr!“ Ob man denn hier auch wohnen

könne, fragte Hanna. Natürlich, sie alle wohnten hier; ob sie sich's anschauen wolle.

Sie gingen über den Hof, nur der Strengäugige blieb und begann etwas zu schreiben. In einem mässig grossen Saal waren die Längswände entlang Pritschen aufgestellt, und in halber Höhe liefen nochmals Bretterbahnen, auf denen Lager zurecht gemacht waren, wie in Schiffskabinen, oben und unten, sodass sogar die Luft über sich keinem allein gehörte. Etwa einen halben Meter unter der Decke lief längs durch den Raum eine Eisenschiene, sie hatte wohl früher irgendwas mit Maschinen zu tun gehabt, jetzt diente sie, wie der Genosse Hanna erklärte, den oben Schlafenden dazu, sich von ihren Lagern hochzuziehen, und weil es an Wandhaken fehlte – an Kleiderschränke garnicht zu denken – hatte auch hie und da einer seinen Ueberrock, seine Weste, seine Hemden darübergehängt. Die Betten waren mit ärmlichstem Zeug bedeckt, nicht alle hatten Bettwäsche, aber es war ordentlich und nicht unsauber, die grossen Fabrikfenster hatten sie in Ermanglung von Vorhängen, in halber Höhe mit Zeitungspapier verklebt, und manche hatten das so sinnig gemacht, dass sie, wenn sie die Augen aufschlugen, auf Sichel und Hammer oder geradewegs in Lenins Gesicht blickten ....

Ausser den Betten gab es fast kein Mobiliar, nur ein paar ungestrichene Küchenstühle und Hocker. Frauen sassen hier und flickten, ein Bursch' hobelte an Brettern herum, auf einer Pritsche lag halbangekleidet ein grünlicher Mann und ächzte.

„Den haben sie im Konzentrationslager so grässlich zugerichtet; seit zwei Monaten ist er hier und kann sich immer noch nicht erholen ...“ Hanna krampfte sich innerlich zusammen, plötzlich erschien ihr hinter der fahlen Maske Karl's geliebtes Gesicht. Sie bezwang sich und trat mit einem Lächeln an das Bett des Geschlagenen, ich bin gestern von Deutschland gekommen, habe den Mann in Plötzensee, zweieinhalb Jahre, aber die Arbeit geht weiter, es klappt, die Genossen halten sich fabelhaft. Die fiebrigen Augen des Kranken blickten müde, er lag hier so geschlagen, weil er einer von denen war, die sich fabelhaft gehalten hatten. Einige Männer traten von der andern Seite ein, setzten sich an den Tisch, einer begann ihnen russische Vokabeln abzufragen.

„Wir arbeiten hier“, erklärte der Junge, „wir wollen in die S.U., es stimmt nur noch nicht mit den Papieren.“ Hanna nickte. Sie wusste aus den Auslandszeitungen, die sie im spanischen Konsulat gelesen hatte, die Stellung des „proletarischen Vaterlandes“ zur Emigrantenfrage: nur Auserlesene wurden in die Sowjetunion eingelassen, die andern, das Fussvolk der Revolution, hatte in den diversen kapitalistischen Gastländern zu „arbeiten“ ...

Die fremden Genossen führten Hanna in's nächste Zimmer. Hier waren die Kinder untergebracht, sie bastelten unter Anleitung eines Mädchens mit blonder Gretchenfrisur. An den Wänden waren mit Reissnägeln rührende Zeichnungen der Kinder befestigt und Zeitungsbilder, auch das Sowjetkind, das in den Apfel biss, hing schon da, aus der Zeitschrift, die Hanna heute morgen im Parteibüro bekommen hatte. Etwa hundert Männer, Frauen und Kinder, erfuhr Hanna, lebten in diesem Heim, weitere zweihundert in ähnlicher Herberge. Dies Heim war fast durchweg kommunistisch, ein anderes sozialdemokratisch, das dritte, zuletzt eröffnete, angeblich von Flüchtlingen aller Art belegt, sogar Gregor Strasser-Leute und Katholiken sollten dabei sein, sehr scheel angesehen und knapp geduldet, wie sie hörte und wie sie es auch richtig fand.

Das junge Mädchen war hier nicht nur Kindergärtnerin, sondern unterrichtete, gemeinsam mit einem jungen Lehreremigranten, die Kinder auch in den Elementarfächern. In den deutschsprachigen Staatsschulen, so wurde Hanna erklärt, nehme man keine Flüchtlingskinder mehr an, die tschechisierende Schulpolitik der Regierung liesse kaum genug Lehrer, Räume, Schulbänke für die deutschsprachigen Staatsbürgerkinder, die barbarische Ausschliessung der Reichsdeutschen von den Schulen sei erklärlich, und in die tschechischen Schulen wollten nur wenige Eltern die Kinder schicken, die Kleinen, ohnedies entwurzelt und verstört, sollten nicht auch noch sprachlich heimatlos werden, später, man würde ja sehen ....

„Schwer ist's mit den Kindern“ erzählte eine Frau. „Als wir emigriert sind, hatte ich der Gretl mit Müh und Not begreiflich gemacht, dass sie den Schnabel zu halten hat, war doch gefährlich genug; und denke Dir, als wir in Schandau in den Zug steigen, um nach Herrnskretschen zu fahren und von dort dann zu Fuss in die Böhmische Schweiz, sagt sie: ‚Mutti, gelt, jetzt kann uns der Hitler doch nichts mehr tun?‘ Ein Segen, dass es niemand gehört hat, aber mir ist doch das Herz stehen geblieben ....“

Auch Hanna blieb fast das Herz stehen, als sie all den Jammer ermass, der zwischen diesen armseligen Betten, zwischen den rohen Tischen, über dem traurigen Wandschmuck schwebte; und nun begann auf Geheiss der Lehrerin, die Kinder zu singen, eine rythmische Marschmelodie in Moll, mit ein paar Strophen traurigen Textes, vom Vater, der sich versteckt, und dann kommt die S.A. und findet ihn, und dann bringt man den Zettel, dass er gestorben ist, aber sie können sein Gesicht nicht mehr sehen, der Vater liegt im verlöteten Bleisarg, und die Mutter ist fort ... und die letzte Strophe ein Gelöbnis, ihn zu rächen, die kleinen Kinderstimmen, Hanna flossen die Tränen über die Wangen, und als die Kinder zum Schluss die geballte Faust erhoben, grüsste sie mit dem gleichen Gruss und war froh, als der eine Genosse Kehrt machte und sie in den Essraum zurückführte.

Der Strengäugige hatte Gesellschaft bekommen; ein hochschultriger Mann mit Hornbrille und welligem Schnurrbart sass neben ihm und sprach leise auf ihn ein.

„Das ist Eduard“ belehrte sie der Junge, „Du kannst Dich gleich bei ihm melden, er bleibt immer nur kurz hier.“

Hanna sprach ihn an, zum wievielten Mal sagte sie nun heute schon ihr Sprüchlein her, sie sagte es fast schon mit Ueberdruss. Der mit der Hornbrille stand auf, als hätte er sie schon erwartet und lud sie an einen andern, entfernteren Tisch. Er sprach mit leicht ungarischem Akzent und sagte „Sie.“

„Können Sie sich legitimieren?“

Matt und gehorsam zog Hanna den Zettel vom Berliner Unterbezirk hervor, der vom vielen Zusammenfalten und Wiederaufmachen schon ganz unansehnlich geworden war. Der Brillenmann studierte umständlich die wenigen Zeilen. Was ist das eigentlich für ein Unsinn, dachte Hanna flüchtig, so einen Zettel kann sich doch jeder selbst schreiben und das bischen Stempel kann er sich in Bodenbach oder hier in einer halben Stunde machen lassen ... Ueberhaupt Stempel; damit die hier in der Emigration wissen, mit wem sie's zu tun haben, müssen drüben unsere

Genossen solche Sachen verwahren, und wenn man's bei ihnen findet, sind sie hin und die illegale Arbeit dazu. Man sollte ...

Der Eduard hiess, reichte ihr endlich den Zettel zurück.

„Wo haben Sie zuletzt gearbeitet?“

„Wie meinst – wie meinen Sie? Vor Hitler?“

„Nun, meinetwegen vor Hitler ....“

„Ich war Lehrerin – Sprachlehrerin – französisch und englisch hab ich unterrichtet am Mädchenlyzeum in Halle ...“

Der Schnurrbärtige verzog sauer das Gesicht.

„Das war mein Broterwerb“ bemerkte Hanna leise, und dachte, was hast wohl Du gemacht vor Hitler, wahrscheinlich im Büro gesessen, Gewerkschaftssekretär, oder Reporter an einem Münzenberg8-Blatt.

„Was noch? Ich will ja nichts von Ihrem Privatleben wissen.“

„In der Volkshochschule war ich Leiterin der Frauenabteilung, habe dort eine Zelle organisiert, dann – nun, viele Versammlungen gehalten für die I.A.H., die Rote Hilfe, Aufklärungskurse über historischen Materialismus, Parteigeschichte ...“

Der Frager schien wenig befriedigt; aber Hanna schämte sich, die kleinen, mühevollen, undankbaren Aufgaben auch noch zu erwähnen, die sie getreulich erfüllt, ja zu denen sie sich geradezu gedrängt hatte: stundenlang vor dem Wahllokal stehen mit der schweren Stange mit dem Transparent dran – „Plakatstehen“ hatte man das genannt; mitmarschieren auf zahllosen Demonstrationen, wo man immer zwei Stunden zu früh gestellt sein musste; und das Beitrags-Kassieren, wieviele Treppen man da hatte laufen müssen, wie viele Male die gleiche Proletarierbehausung „erobern“, alle Familienmitglieder in der Küche, weil das Schlafzimmer zu voll ist mit Betten, oder weil man – wenn man eine hat – die Stube nur an hohen Festtagen benützt, und alle die Blicke auf ihrem Gesicht, das so fremdartig wirkte auf die Arbeiter ... und sollte sie wirklich erzählen, wie sie damals, als die Maschinengewehre aufgefahren wurden, sich dazwischen geworfen und dem Leutnant befohlen hat, nicht zu schiessen, und wie dann die Sipos auch wirklich, sonderbarerweise, wieder abgezogen sind, obzwar die Menge nicht weiter- und nicht auseinandergegangen war, sondern mit Betroffenheit, Befremden, Angst, Missbehagen und schliesslich Beifall die wunderliche Aktion der Dame mitangesehen hatte ... nein, ihr selber kam diese Aktion jetzt höchst romantisch und beinahe widerwärtig vor, und die Geschichte hätte den kalten Forscher wohl auch keineswegs zu ihren Gunsten gestimmt ....

„Was haben Sie zuletzt gemacht? Ich meine, ehe Sie herübergekommen sind?“ Als ob er ihr eine Chance geben wollte, durch den Bericht über ihre illegale Tätigkeit irgendwie mildernde Umstände zu erlangen, so kam es Hanna vor.

Sie hatte wirklich allerlei „gemacht“, zuerst mit Karl, die letzten Monate allein. Aber sie hatte einen sorgfältigen Begriff von Illegalität und wusste schliesslich ja nicht, wer dieser Eduard war .... hätte eigentlich nicht auch er sich ihr gegenüber legitimieren müssen? Was sind das für Sachen? Wer fragt einen denn da aus, das ist ja wie auf der Polizei! Nein, Du Blindschleiche, Dir sag' ich nicht, warum mein Karl in's Zuchthaus gekommen ist und warum ich habe wegmüssen, wirklich wegmüssen, nicht nur weg können!

„Ich war zuletzt Kassiererin bei der Roten Hilfe, Ortsgruppe Lichterfelde Berlin“ sagte sie gleichgültig in sein gnädig sein wollendes Wartegesicht. Das zuckte befriedigt auf; „Aha!“ stand deutlich darin zu lesen.

„Das ist nämlich so“ sagte er mit geheuchelt sachlichem Ausdruck, konnte aber seine Befriedigung so wenig verhehlen, wie der Untersuchungsrichter, der das Alibi des Angeklagten zerstört – „zufällig haben wir dieser Tage Bericht bekommen, dass eine Kassiererin der Roten Hilfe aus Berlin verschwunden ist und die Kasse mit ihr .... ich will ja nicht behaupten, dass Sie das sind ... äh, Genossin ...“ er grinste ein wenig belästigt – „aber Sie werden verstehen, das sind so Sachen, ohne weiteres kann ich Sie da nicht anerkennen, das muss erst noch geklärt werden ...“

Hanna wurde rot vor entsetzlicher Wut. Du Schubiak, was steckst Du denn da heraus? Was soll das? Wer hat eine Kasse gestohlen? In all den Jahren, seit 23, immer nur bezahlt und bezahlt, von der Arbeit garnicht zu reden, drei und fünf Mark für einen Vortragskursus bekommen und die auch nur genommen, damit andere Agitatoren, die die paar Groschen Zuverdienst dringend brauchten, nicht von „Lohndrückerei“ und „Schmutzkonkurrenz“ reden sollten, Beiträge bezahlt für die Partei, I.A.H., R.H., Freidenker, Antiimperialistische Liga, die Zeitungen, die Zeitschriften, Streikfonds, Sammlung für die Kampagne gegen dies, für die Manifestation gegen jenes – und jetzt sollte sie die Kasse gestohlen haben? Sie wollte diesem kaltschnäuzigen Eduard das alles in's Gesicht schreien, und überhaupt, was werde ich denn den ganzen Tag verhört, überhört, verhört, überhört, nur nicht angehört .... und ich scheiss' auf den ganzen Kram, ist das die Heimat, ist das die Partei, wo bin ich denn hingeraten?

Da fiel ihr etwas Grässliches ein. Sie hatte doch tatsächlich etwas über fünfhundert Mark in der Kasse gehabt vorige Woche und hatte sie zu Bruno getragen, und Bruno war nicht dagewesen und Brunos Frau hatte sie übernommen ... Quittung? Mein Gott, hatte sie überhaupt eine Quittung bekommen, überhaupt eine verlangt? In diesem Trubel des Wegmüssens auch noch Empfangsbestätigung – aber der Kalte hatte recht, das war ein Fehler gewesen; Bruno war goldecht, aber die Frau, wer weiss, der Mann schon solange arbeitslos ... und das sollte sie diesem Fremden alles erzählen? Damit der sich noch höher hinaufschraubte auf seinem imaginären Bürosessel?

Hanna wurde es eng zu Sinn und die Tränen standen ihr hinter den müdgewordenen Augen, es war schon dämmrig im Saal; gut, dass er mein Gesicht nicht so sehen kann. Und dann sagte sie mit mühsamer Ruhe:

„Ich habe meine Gelder ordnungsgemäss abgeliefert – Beweise habe ich freilich nicht; wenn Sie auch nur das Geringste von illegaler Arbeit wissen, werden Sie das ja nicht weiter sonderbar finden.“ Und: „Vielleicht gibt es hier in Prag Genossen aus dem Reich, die mich kennen ... ich bin, das heisst, mein Mann ist ziemlich bekannt in der Bewegung ....“

Der Brillenmann schien zu spüren, dass er für diesmal zu weit gegangen war. Er murmelte:

„Nun, das wird sich finden“ und wendete sich zum Gehen. Ueber die Schulter sagte er noch: „Morgen vormittag müssen Sie sich beim Flüchtlingskomitee melden, wegen der Aufenthaltsbewilligung. Sie bekommen dort den Evidenzbogen, dann auf die Polizeidirektion.“ Und war hinaus.

Es war niemand weiter im Zimmer jetzt und Hanna legte den Kopf auf den Tisch und begann verlassen und hilflos

zu weinen. Karl, Karl, vielleicht hab' ich mir doch zuviel vorgenommen, Du hast es ja oft gesagt, nimm Dir nicht soviel vor, es gibt auch andere, die arbeiten, es geht auch ohne Dich; aber nein, immer hatte sie wieder ja gesagt, wenn man mit der oder jener Anforderung gekommen war, und immer war es ihr um die „reine Weste“ gegangen, um die Uebereinstimmung zwischen Privatleben und politischem Leben, keine Laxheit hatte sie sich gestattet, ein braver Soldat der Revolution hatte sie sein wollen ..... und dann war es alles so kläglich gegangen. Und Karl war weg, der starke, der weitherzige, der kannte keine Skrupel und war seines Weges so gewiss – und es war nichts mehr da ... Aber wir sind doch Internationalisten, was heisst Fremde, was heisst Heimat, was heisst Ausland, überall sind Genossen, man geht zu dem ersten, besten Genossen .... und seit gestern nun: erst Ernst, so schulmeisterlich und misstrauisch, dann der Parteibonze im tschechischen Büro, dann der biedere Revolutions-Anekdoten-Erzähler und der andere, giftige, mit dem abgeschnurrten Rote-Fahne-Text, und jetzt dieser Eduard, Herr Untersuchungsrichter, und das traurige Lied der Kinder, die hier nicht einmal in die Schule gehen dürfen, und Rositas hochmütiger Samtpyjama, und Heini, der zürnend sagt: „Aber sowas tut man doch nicht!“ ... Und wie ein Kind, das man missverstanden, gequält und dann auch noch bestraft hat, weinte Hanna sich immer tiefer in Hoffnungslosigkeit, Weltgroll und trotzige, tiefe Not.

Hinten im Saal knackte leise der Schalter, es wurde hell. An der Türe stand – Hanna sah aus ihren Tränen hin – eine Frau, ohne Hut, mit angenehmem, ruhigem Gesicht, jung, aber mit frauenhaft breiten Hüften. Auf dem Abstellbrett stand noch das abgeräumte Kaffeegeschirr von vorhin, die Frau schob es durch das Schiebefenster in den hinteren Raum und sprach mit gedämpfter Stimme etwas durch die Oeffnung; dann nahm sie aus einer Hand, zu der man kein Gesicht sah, einen Topf heissen Kaffee entgegen, klemmte ihre abgeschabte Aktenmappe unter den Arm, griff mit der freigewordenen Rechten in den Brotkorb und bewegte sich dann mit mässigen Schritten in den Saal auf Hanna zu.

„Guten Abend!“ sagte eine höfliche, tiefe, angenehme Berliner Stimme. – „Ist's gestattet?“ Und sie setzte sich, ohne Hannas Antwort abzuwarten, biss kräftig mit schönen Zähnen in das Brot und blickte Hanna aufmerksam in's Gesicht.

„Was ist los?“ fragte sie mütterlich und burschikos. „Wo drückt denn der Schuh?“ Die Frau strömte bescheidene Sicherheit, Würde und Lebensbejahung aus. Hanna fühlte sich sofort angezogen von dem schlichten, etwas grobknochigen Gesicht, mit den klaren braunen Augen unter ordentlich gescheiteltem Haar.

„Na, dann immer man weiterheulen!“ sagte die Frau ermunternd, als Hanna nicht antwortete. „Die Tränen müssen ja mal raus!“

Und wirklich rollten Hanna Tränen die Wangen herab, als sie das Gesicht nun völlig aufrichtete. Die Fremde nahm sie an der Hand und legte ihre andere Hand beschwichtigend darüber. Dass man mit Händen auch streicheln kann, weiss sie nicht, spürte Hanna; die Finger waren rauh, ihr Druck war unzärtlich, aber freimütig und warm.

„Danke!“ sagte Hanna und wollte sich die Tränen abwischen, wobei sie mit der linken Hand über die rechte, von der Fremden gehaltene, in die rechte Tasche ihres Sweaters nach dem Taschentuch griff. Das ergab eine so komische Verrenkung, dass beide lachten. Zwischen Lachen und Weinen schneuzte Hanna sich umständlich und sagte verlegen: „Zu dumm!“

„Du bist hier zum erstenmal?“ fragte die junge Frau und Hanna freute sich, seit langem wieder, über die Sitte, dass man in der Partei einander Du sagte. Sie berichtete kurz, auch über die Scene mit Eduard, unterliess aber, die Sache mit der verdächtigen Kasse zu erwähnen.

Eduard sei ein Wichtigmacher, bemerkte die Kameradin, ruhig und ohne Tadel. Weil er Ausländer sei – „da irgendwo aus der Puszta“ – glaubte er, besondere Detailkenntnisse aus der deutschen Bewegung zur Schau tragen zu müssen, Hanna solle ihn nicht so ernst nehmen; alle die armen Teufel, die hier so arbeitslos und arm herumleben, haben Grillen im Kopf, 's ist ja auch schrecklich, den ganzen Tag nichts zu tun zu haben.

Luise Kulicke, sie hatte ungefragt ihren Namen genannt, hatte was zu tun: sie ging in Häuser aufräumen, Fenster putzen, Strümpfe stopfen. Nicht viele Emigrantinnen verstanden sich auf solche Dinge, und die sich darauf verstanden, hatten nicht oft Lust, die undankbare Arbeit des Dienstmädchens zu übernehmen, aber Luise hatte das ja in Berlin auch gemacht, und so hatte sie in Prag in einigen liberalen Familien mancherlei unansehnliche Arbeit und einen bescheidenen Verdienst gefunden. In's Flüchtlingsheim kam sie meist erst abends; wenn sie zu mittag da und dort Essen bekam nach der Arbeit, sparte sie das verdiente Geld. Auch sie hatte den Mann im Zuchthaus und dachte mit praktischen Plänen an die Zeit, wo er entlassen werden würde. Dann würde er vielleicht auswandern wollen, er hatte schon immer solche Lust nach Südamerika gehabt, hat in der Handelsschule ein bischen englisch und spanisch gelernt. Und Luise erzählte von ihm und seinem Wesen, seiner Tätigkeit als Verkäufer im Warenhaus Tietz, seinen Liebhabereien, als wäre er nicht in der Strafanstalt Luckau, sondern irgendwo auf Urlaub.

Hannas Verstörung entspannte sich immer mehr, während sie der Schicksals- und Gesinnungsgenossin zuhörte, und als der Saal sich füllte und auch die Bekannten vom Nachmittag wieder an den Tisch traten, um ihr karges Abendbrot zu verzehren, bedauerte sie ehrlich, dass die Zeit um war und dass sie nun in das Haus des noblen Bruders schlafen gehen musste, bevor der silberbeknöpfte Diener es für die Nacht verschloss .... Sie habe noch keine Adresse, erwiderte sie ausweichend, aber sie würde morgen abends wieder hier sein, und mit ihrer angenehmen, tiefen Stimme sagte Luise: „Na, also dann!“ und drückte ihr kräftig und aufmunternd die Hand.

Im Haus des Bruders empfing sie ein zierliches Stubenmädchen, die Herrschaften liessen sich entschuldigen, sie hätten eine wichtige Verabredung gehabt und nicht warten können, das Nachtmahl für das gnädige Fräulein sei vorbereitet, aber Hanna dankte und ging gleich auf ihr Zimmer, wo sie schon ihren Rucksack auf dem Stuhl und das Wiener Komplet gebügelt im Kleiderschrank fand und legte sich gleich zu Bett.

Müde von dem langen ersten Tag in Prag, schlief sie ein, hinüber in das neue Leben, das morgen nun ernstlich, unromantisch und gelassen begonnen sein wollte.

II. Teil

4. Kapitel

Zeitgemässe Einrichtung und wackere Gesinnung der „Svoboda“ – Die Leser mögen keine grauslichen Sachen – Ein Kommunist arbeitet, wo die Partei ihn hinstellt – Karl darf nur selten schreiben – Wolkenkratzer auf dem Roten Platz – Hanna geht zum ersten Mal hinunter – Eine unsichtbare Stimme – Café Nachtredaktion – Der Chef interessiert sich für bipolare Worte.

Es sah alles so angenehm neu, unpersönlich und nüchtern aus, mit den vielen Milchglasscheiben, die die Zimmer voneinander trennten.

Die „Svoboda“ hatte, als sie 1932 ins Leben getreten war, das fast funkelnagelneue Büro-Inventar einer Schreibmaschinenfirma übernommen, welche die Konjunktur zu spät erwischt hatte, nämlich als sie eben schon wieder dabei war, sich in Krise zu verwandeln: Nach ein paar Monaten Existenz war die „Noiseless Admirable“ auf wunderbar geräuschlose Weise in Konkurs gegangen, und ihre kaum benützten Metallschreibtische, die federnden Schreibmaschinenstühle, konstruiert nach den genauen Maassen, die die im Ausland florierende Arbeitswissenschaft in bebilderten Katalogen und mit seriösen Gutachten bekanntgab, die stählernen Karthotekenschränke, sowie ein paar Dutzend der Noiseless Admirable selbst, waren in den Besitz der „Svoboda A.-G.“ übergegangen, die mit ihrem neu und ein wenig bunt zusammengestellten Stab von Redakteuren, Telefonisten und Tippfräuleins in den neuen ersten Stock des alten Hauses eingezogen war.

In ihrem ersten Leitartikel hatte die „Svoboda“ in maassvollen Worten Freiheitlichkeit, Verfassungstreue, Patriotismus und Weltbürgertum als Leitmotive verkündigt, nicht ohne habile Einstreuung von ein paar klassischen Zitaten und etlichen derben Redewendungen aus dem Volksmund, während im Inseratenteil die Zucker- und Spiritusraffinerien, die grossen Banken, und mit einer ganzen Seite, die Skoda-Waffenwerke zu Wort kamen.

Der Erfolg der „Svoboda“ war plötzlich und überraschend gekommen; für den Aussenstehenden nicht eben recht verständlich, ähnelte er dem Erfolg des „Befreiten Theaters“, wo die beiden beliebten Komiker-Intellektuellen Voskovec und Werich allabendlich ausverkaufte Häuser machten mit einer Mischung von pointiertem Geist und rüdem Volksspass, einem Balanzieren zwischen spitzbübischem Rebellentum (das ihnen Stinkbomben und Applaus auf offener Bühne eintrug) und verschämt ironischer Staatstreue, (die die höchsten Spitzen der Republik zu ihren Stammgästen machte.)

Auch Menschen, die der Zeitung längst kein Wort mehr glaubten, zitierten die „Svoboda“-Leitartikel in ernsten Gesprächen als Garant; die „Zuschriften aus dem Leserkreis“, denen täglich eine ganze Seite gewidmet war und die von treuherzigen Glossen der Redaktion unterstrichen wurden, hatten ihr eine grosse Anhängerschaft in Kreisen kleiner Hausbesitzer, Vorsitzender von Fleischervereinen und assoziierten Kinomusikern – jetzt meistenteils arbeitslos – geschaffen, Leuten, die eilends ihr Abonnement auf das sozialdemokratische oder katholische Volksblatt abbestellten und am Stammtisch die „Svoboda“ als „ihre“ Zeitung priesen. Der Handelsteil war so aufschlussreich, dass die Herren der Grossindustrie und Hochfinanz das Blatt allein seinetwegen hielten, ihre Damen goutierten das Feuilleton, die Rubrik für Körperpflege und Kosmetik und die kleinen Notizen mit oft geschmäcklerisch gewählten Ueberschriften, in denen man zum Bildungsfirnis „Interessantes aus aller Welt“ beigestellt bekam.

Die von der Partei sprachen natürlich vom „kapitalistischen Hurenblatt, kamoufliert mit liberalen Phrasen“, aber schliesslich, das stimmte auf jede Zeitung, die nicht Parteipresse war, von den sterbenslangweiligen Blättern der Sozialdemokraten, die niemand las, und den Wochenblättchen der linken Splittergruppen abgesehen. Der Groll der Kommunisten galt aber der „Svoboda“ in besonderem Maasse, weil sie, auf geschicktere Weise als das Parteiorgan Kleinbürgerpolitik betreibend, damit und mit ihren ausgezeichneten Bildbeilagen, ihrer ausführlichen und bestinformierten Sportrubrik und der Tribüne des „Leserkreis“ in zwei Jahren tausende von Abonnenten weggeholt hatte. Sogar die Parteigenossen von der Spitze hielten das Blatt, wenn auch nur, wie sie entschuldigend betonten, wenn man den roten Kopf mit der phrygischen Mütze links und der Justitia mit der Wage rechts aus ihrer Manteltasche ragen sah, für die Familie.

Die Tür blieb keine fünf Minuten geschlossen. Die Redaktionsdiener gingen aus und ein, nahmen Zeitungen aus den Fächern und von den Haken, oder dicke Folianten – allerlei Nachschlagewerke – von den Borden, und brachten andere Zeitungen und andere Folianten, die sie wieder ablegten. Mädchen in schwarzen oder dunkelbraunen Kalikomänteln, mit kokett getupftem oder beblumtem Kragen und Manschetten daran, knieten an den Schubladen, die unterhalb der Zeitungsfächer halboffen standen und suchten Kopierpapier, Kuverts oder Radiergummi. Fremde Leute traten mit hastigem „Sie gestatten?“ ein und führten an dem Telefon, an dem mit grossen Buchstaben „Nur für Dienstgespräche“ stand, lange Unterhaltungen über private Dinge, andere fremde Leute grüssten nicht einmal, sondern verlangten gleich den Chef oder mindestens Karlíček zu sprechen, an einem Tisch in der Ecke spielte der Photograph Viták mit einem Besucher Schach und fragte dazwischen mehrmals telefonisch auf der Burg an, ob der Herr Präsident schon abgefahren sei.

Auf dem grossen Tisch in der Mitte lagen Dutzende in- und ausländischer Zeitungen, wie man sie von den Haken oder aus den Fächern genommen hatte, die vom Tage in Halter aus Rohr eingespannt, die älteren in zufälligem Durcheinander. Der Archivar Klaus stand über den Wust gebeugt und machte Ausschnitte. Mit Scheere und Leimtopf, unruhig mit den gutmütigen Aeuglein über die Brille spähend, hantierte er zwischen den Blättern, malte hastige Chiffern an den Rand der gelblichen Kartons, auf die er seine Ausschnitte aufklebte, wischte sich die vom Leim klebrige Hand an seinem schwarzen Kalikokittel ab und gab unermüdlich die Auskunft, dass weder der Chef, noch Karlíček zu sprechen sei.

An der andern Seite des Tisches sass Hanna und las den „Nieuwe Rotterdamsche Courant“; sie blätterte dann und wann in einem holländisch-tschechischen Taschenwörterbuch und notierte auf Zettel. Von Zeit zu Zeit angelte sie mit einem vertieften „Sie erlauben?“ die Schere herüber und schnitt aus.

Angenehm war es. So viel Trubel, so viel Hin und Her, und dazwischen die Arbeit. Wie wenn man in einem Garten an der Landstrasse sitzt und hinter dem Zaun fahren immerfort andere Autos und Tramways und Lastwagen vorbei. So allein und doch so mitten drin. Angenehm war das, nach der ersten Prager Zeit mit ihrem ratlosen Herumlaufen, ihren vergeblichen Versuchen wieder Wurzel zu fassen in der verlorenen Heimat, mit ihrem wirren Bemühen um Nützlichkeit,

Ausgefülltheit, menschlichen Kontakt, mit all dem, was sie zwischen Partei, Emigranten, alten, verlorengegangenen Bekannten und neuen Fremden leer herumgetrieben hatte. Hier wusste man, dass man irgendwohin gehörte. Angenehm war das.

Sie nahm ihre Zettel, ging zur Schreibmaschine, die am Fenster stand, spannte Papier ein, tippte eine halbe Seite und kehrte zu ihrem Tisch zurück. Nach dem „Rotterdamschen Courant“ kam der „Corriere de la Sera“, dann die „Prawda.“ Weil sie die gründlicher las, liess sie sie immer bis zuletzt. Sachen aus der „Prawda“ musste man so schneiden und in der Uebersetzung so aufmachen, dass Karlíček sie nahm, ohne erst Rückfragen zu tun, warum und wieso. Das hatte Hanna schnell gelernt, und sie scheute nicht einmal mehr davor, Witze aus der satyrischen Sowjetzeitschrift „Krokodil“, die die „Prawda“ nachdruckte, anzubieten; die wurden sogar meist genommen, weil sie gut waren und mit ihrer „kommunistischen Selbstkritik“ sowohl den arbeitslosen Kinomusikern, als auch den Zuckerfabrikanten gefielen; ausserdem zahlte die Redaktion für Witze ein höheres Zeilenhonorar, als für ernste Nachrichten, weil, wie Karlíček sagte, eine so ernste Sache wie das Leben eigentlich nur in Witzform behandelt werden dürfe ....

„Wenigstens zahlen wir jetzt die teuren Auslandsabonnements nicht mehr ganz umsonst“ brummte der Archivmann, es sollte eine Art Kompliment für Hanna sein. Hanna lächelte ihm freundlich zu. Er hatte ihr viel geholfen am Anfang, und auch jetzt noch. Als der Genosse Peter sie mit Rýma zusammengebracht hatte, mit dem Vorschlag, ob sie mit ihren Sprachkenntnissen nicht irgend was in der „Svoboda“ machen könne, und man ihr halb erlaubt und halb aufgetragen hatte, die ausländischen Zeitungen durchzuschauen und Notizen daraus zu übersetzen und vorzulegen, hatte sie ja keine Ahnung gehabt, wie das zu handhaben wäre. Hatte die Blätter von der ersten bis zur letzten Zeile gewissenhaft durchstudiert, hatte ausgewählt unter dem Gesichtswinkel des eigenen Interesses oder dessen der aufgeklärten Arbeiter, für die geistigen Stoff zurechtzumachen, sie in Deutschland gewohnt gewesen war; und Karlíček hatte ihr fast alles zurückgegeben mit seinen saloppen Redensarten: „Aber Fräulein, wir sind ja kein Töchterpensionat, das die Leute bilden will .... mitteldumm sind unsere Leser, und so sollen sie auch bleiben ....“ Oder auch, mit einem kurzen, beobachtenden Blick aus den so verschlafen scheinenden Augen: „Die ‚Svoboda‘ ist kein Gorki'sches Nachtasyl per Druckerschwärze ... beim Frühstück will man nicht gern grausliche Sachen lesen ... dass die Eingeborenen in den Gummiplantagen in Indochina nicht auf Rosen gebettet sind, mag ja wahr sein, aber darüber mögen sich die französischen Betschwestern kränken, nicht unser fröhliches, tschechisches Volk. Uebrigens, Indochina ist so weit weg ... haben Sie nicht was Pikantes, wenn Sie schon die französischen Blätter lesen?“

Karlíček, sonderbarer Kerl. Er hatte damals den ersten Leitartikel geschrieben, er war im derben Volksmund ebenso bewandert wie in der klassischen Literatur (die er mündlich allerdings nur in ironischem Ton zitierte). Ein junger Mann noch, der ewig gähnte, verschlafen dreinblickte und davon sprach, dass diese Arbeit viel zu unwichtig sei, als dass er seine Billardpartie deswegen versäumen solle; in Wirklichkeit war er es, der das Blatt leitete, mit in saloppem Ton erteilten technischen Anordnungen, mit dem geschwind, und scheinbar nachlässig vorgenommenen Lesen und Aussortieren der Eingänge, mit dem Entwerfen des täglichen Redaktionsplans. Vom Chef bis zum Diener Jarko, der ihm die nassen Bürstenabzüge heraufbrachte, nannte alles ihn beim Vornamen, und als Hanna ihn ein paarmal „Herr Redakteur“ angesprochen hatte, hatte er sie angeschaut aus seinen verschlafenen und scharf beobachtenden grünen Augen und hatte gesagt: „Wenn nicht mal der Portier mir die Schande antut, mich Redakteur zu schimpfen, möchte ich mir ausgebeten haben, dass auch Sie mich bei meinem ehrlichen Namen nennen, ich heisse Karlíček, wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte, vox populi, vox dei“ ....

Dass zwei Menschen, wie ihr Mann, Dr. Last, derzeit im Zuchthaus Plötzensee, und Redaktionssekretär Lozák, der, wie er selbst bemerkte, die Moral nur als Feigenblatt vor dem Geschlechtsteil der Zeitung kannte, beide Karl heissen konnten, war Hanna anfangs absurd, fast unanständig erschienen; aber dann hatte auch sie ‚Karlíček‘ zu sagen begonnen, zumindest war es unvermeidlich, wenn sie dritte Personen nach ihm fragte.

Ausser Karlíček mit seinen zynischen Randbemerkungen war es eben der treue Archivar Klaus gewesen, der ihr allmählich den Sinn dafür geschärft hatte, was anzubringen war, was nicht .... Jetzt, nach ein paar Monaten, hatte sie sich in das neue Metier gefunden, fast alles, was sie vorlegte, wurde genommen und zeilenweise honoriert, Witze und Anekdoten nach einem höheren Satz, weil die Leute nun einmal beim Frühstück nicht gern was Grausliches lesen mögen.

Der so trefflich über Deutschland informierte Eduard hatte sein Amt als Präfekt der politischen Flüchtlinge verlassen, wenige Wochen nachdem Hanna von ihm so kennerisch ins Verhör genommen worden war. Wohin Eduard eines Tages verschwand und warum, darüber gingen im Flüchtlingsheim nur Gerüchte um; die offizielle Version sagte, er sei in einer Mission nach Russland. Aber Luise Kulicke hatte ruhig bemerkt: „Der hat sich ein bischen gar zu dicke getan, der Dussel, war wahrscheinlich ein Spitzel ... solche fegt die Partei mit eisernem Besen aus ...“ Und dann war Peter gekommen, ein aktiver, verständiger Bursche ohne Prätentionen, und der hatte viel Eifer daran gewandt, dass die Genossen aus dem Reich die Beziehung zur tschechischen Partei nicht verlören, vielmehr sie erst anknüpften, und er hatte bei einer Aussprache darüber im Zentralbüro von Hanna erzählt, und dass man eine Person mit Sprachkenntnissen, halbe Tschechin, von bürgerlicher Bildung, und – wie man inzwischen aus Deutschland erfahren habe – untadeliger Parteivergangenheit, doch wirklich zu etwas Besserem verwenden könne, als dazu, für das Flüchtlingskomitee in reichen Häusern Geld und alte Kleider sammeln zu gehen ...

Rýma, der getarntes Parteimitglied war und in der „Svoboda“ ausgezeichnete marxistische Wirtschaftsanalysen schrieb, die er mit ein paar unoffensiven Manchester-Phrasen mundgerecht für Karlíček machte, hatte sie ins Blatt gebracht: Hanna Lastová – nun trug sie wieder die weibliche Namensform, wie seinerzeit im Mädchengymnasium „Minerva“! – eine Dame mit zehn Fremdsprachen, die lange in Italien, Norwegen „und weiss Gott wo“ gelebt habe, was keine weiter riskante Aufschneiderei war, da Hanna zwar weder in Italien noch in Norwegen gelebt, aber ganz Europa bereist hatte und genügend Bescheid wusste in „Interessantes aus aller Welt“, um in der tschechischen „Svoboda“ nicht

in Verlegenheit zu kommen.

Es war halb und halb ein Parteiauftrag. Hanna wusste ungefähr, was die Partei von ihr wollte, als Rýma sie an die Peripherie des „Svoboda“-Betriebes brachte. Sie hielt freilich nicht sehr viel von derlei Arbeit, die sie nun leisten sollte: man wendet eine Unmenge Vorsicht, Geduld, Pläne und Manöver dran, und wenn es so weit ist, dass man richtige politische Arbeit tun könnte, kommt die Sache auf und man fliegt. Trotzdem hatte sie mit grosser Freude angenommen; man sucht sich nicht aus, was man arbeiten will, man arbeitet, wo die Partei einen hinstellt. Wenn man dabei gar noch etwas so Angenehmes tun kann, wie Lesen und Uebersetzen, ist's eine Draufgabe. Und wenn man damit gar noch Geld verdient, ist es ein Haupttreffer.

Das Geldverdienen war für die Emigranten in Prag eine fast unmögliche Sache; nicht einmal Sprachstunden durften sie geben ohne besondere Erlaubnis, und die erhielt 1934 keiner mehr, der aus Deutschland kam. Hanna hatte trotzdem zwei Schüler für deutsch und einen für spanisch gefunden, aber das brachte auch nur sechzig Kronen die Woche. Die fünfhundert Mark, deren sie sich bei ihrer Wanderung nach Böhmen zu beinahe geschämt hatte, waren nicht unerschöpflich gewesen, obzwar sie mit Coupons vom Komitee im Flüchtlingsheim reichsdeutsches Essen ass. Sie hatte Kleider und Wäsche anschaffen müssen, und nach ein paar Wochen in einer schmierigen, schlecht geheizten Kammer sich entschlossen, in ein Apartmenthaus zu ziehen, wo sie ein modern möbliertes Zimmer mit Bad viel teurer bezahlte, als es ihrer unsicheren Lage entsprach. Karl hatte sie darin bestätigt in seinem letzten Brief. Karl hatte ja immer dafür plädiert, dass man eine gute, geschmackvolle, saubere Umgebung haben müsse, in der man dann, wenn's sein musste, von Tee und Fettbrot lebte ... und jetzt, wo er nicht mal eine Zelle allein hatte .... wenn man mit dem befreundetsten Menschen in einem Zimmer lebt, kommt es zu Dumpfheit, gestautem Ressentiment, vielleicht zu Hass, Hanna wusste das, und sie hatte Gewissensbisse, wenn sie sich in ihren Stahlfauteuil zurücklehnte, er federte so leicht auf schwingenden Gurten, und sie las Karls Brief, und die beiden andern, die sie bisher erhalten hatte, einmal im Monat nur durfte er schreiben.

Tante Martha ist nach Plötzensee gefahren, Karl darf nur Verwandtenbesuch empfangen, einmal im Monat Besuch. Hanna hatte Tante Martha darum gebeten, weil einen Monat der erwartete Brief ausgeblieben war und sie vor Angst nicht aus noch ein gewusst hatte. – Und Tante Martha hatte ihr berichtet, Karl sei gesund, nur etwas mager und sehe sogar jünger aus, weil er die Haare kurz geschoren trug, er liesse Hanna sagen, er halte durch und habe sich nicht verändert, und habe diesen Monat Schreibverbot, weil ... aber da hatte der Wächter ihm ein Zeichen gegeben und die Besuchszeit war um gewesen. Und dann, nach zwei Monaten, wieder ein Brief, und in dem eben freute er sich über ihr hübsches Zimmer, das sie ihm mit beklommener Ausführlichkeit geschildert hatte, als sie im November, und es war 10 Grad unter Null, zum ersten Mal wieder richtig warm geworden war an der Zentralheizung.

Karl, Karl, in den Zellen im Zuchthaus ist es kalt, in den Zellen im Zuchthaus ist man nicht allein, nie allein, und Karl schreibt von ihr, ermuntert sie, hilft ihr. Von sich schreibt er wenig: Zeitungen bekommen sie, manchmal auch Bücher, den „Don Quijote“ hat er bekommen, zweiten Band, herrlich wie immer, und „Mein Kampf“, und fand es „sehr interessant.“ Der Zellengenosse ist Lehrer, „er ist nicht mehr ganz gesund“ schreibt Karl, das „mehr“ ist durchgestrichen, aber man kann es noch lesen, was heisst das, was heisst das, haben sie den Lehrer so zerprügelt, wie den Genossen im Flüchtlingsheim? Karl schreibt doch, dass er ganz wohl ist, Hanna wird übel, ein Nebel zieht ihr vor's Gesicht, jetzt dauert es wieder drei Wochen bis zum nächsten Brief, Tante Martha ist wieder weg aus Berlin, niemand kann zu Karl, es muss ein Verwandter sein, muss sich als solcher ausweisen, und Hanna weiss nicht, ob Karl noch lebt, sie liest seine Briefe, küsst die Buchstaben, sie sind so regelmässig und schön wie Karls Herz, und sieht die Photographie an, die die sympathisierende Witwe ihr nachgeschickt hat, eine kleine Photographie aus der Zeit, wo sie Karl kennengelernt hat, sie hat sie vergrössern lassen, da ist sie noch blasser geworden; und Karl ist so weit weg, so weit weg, und Hanna schneidet Witze aus aus der satyrischen Wochenschrift „Krokodil“ in Moskau und übersetzt sie für die „Svoboda“:

„Stalin trifft Bucharin und sagt: Woher kommst Du, Genosse?

Vom Roten Platz, Genosse ...

Hast Du nicht den schönen neuen Wolkenkratzer gesehen? fragt Stalin.

Am Roten Platz, Genosse, ein Wolkenkratzer?

Nun freilich, Genosse, den schönen, neuen Wolkenkratzer, die Sowjetunion baut besser, als Amerika ...

Ich habe auf dem Roten Platz keinen Wolkenkratzer gesehen, Genosse Stalin ...

Bucharin, Bucharin! Du liest die ‚Prawda‘ nicht!“

Hanna lächelte. Wie stark die drüben waren, dass sie solche Selbstverspottung gestatten konnten! Wie sicher! Der Wolkenkratzer war noch nicht da, gewiss, aber morgen, übermorgen, in drei Monaten würde er dastehn, kein Zweifel, aus dem Geraschel der Verordnungen, Pläne, Edikte, Tabellen, Berechnungen, Voranschläge, Devisen („Losungen“ heissen sie in Moskau und sind in roter Schrift auf weisser Leinwand quer über die Strassen gespannt), aus all dem Papier, kein Zweifel, stieg machtvoll und vielstöckig die unausdenklich gute Zukunft für alle empor. Man sah sie wachsen, man baute mit, sie alle bauten mit, Karl, der im Nazigefängnis sich nicht zu Boden werfen lässt, und auch Hanna baut mit, die in eine liberale tschechische Zeitung Notizen aus der „Prawda“ schmuggelt, weil es „Interessantes aus aller Welt“ ist: Wie in Tadschikistan die Aerztin sich mit dem Schamanen über Krankheit und Gesundheit unterhält, und wie die Bauern erst glauben, sie sei ein Feind, aber wie sie sich dann schliesslich doch impfen lassen, und wie dagegen in Französisch-Indochina .... aber Karlíček hatte weder das eine, noch das andere genommen, und Hanna hatte gelernt, wie man die ausländischen Zeitungen lesen muss, nicht von der ersten bis zur letzten Zeile, da wird man ja niemals fertig, sondern mit schnellen, erfahrenen Augen, und der Blick bleibt nun schon ganz von selbst hängen an dem, was Gnade bei Karlíček finden kann und dabei doch ein bischen, ganz schwach, kaum spürbar, aus vielen, zeilenweise honorierten Zeitungsausschnitten eine Welt aufbaut, wie Hanna sie bauen möchte, wie die Genossen sie bauen möchten, Wolkenkratzer auf dem Roten Platz ....

Durch die von Stahlstäben abgeteilte Milchglaswand, die das Zimmer vom Korridor trennt, fallen immerfort

Schatten in den Raum. Der Archivmann kennt, ohne aufzuschauen, am Schatten die Leute aus dem Haus, die ein- und ausgehen, deren Gestalten sich wie Silhuetten gegen das Milchglas abzeichnen.

„Vokáček kommt auch wieder schön spät aus dem Parlament“ murmelt er. „Wie soll der arme Metteur das noch alles in's Blatt bringen?“

Eine geschwinde, schlanke Gestalt glitt hinter der matten Scheibe vorüber. Hanna las die kleine Chronik von „El Sol“.

„Dreiviertel Acht“ murmelte der Archivmann. „Der Chef geht schon zum Umbruch hinunter.“ Und er schlug klatschend seine Mappe zu. – „Ich gehe. Man muss ja nicht jeden Abend bis Mitternacht hier herumsitzen. Meine Frau will auch mal in's Kino. Das ganze Leben versäumt man in dieser verwünschten Bude ...“ Und er nahm aus dem Regal, auf dem „Berliner Tageblatt“ stand – jetzt war es leer, die reichsdeutschen Zeitungen waren alle verboten – eine Schale mit Seife und ein Handtuch und ging sich waschen.

„Wo sind die ‚Lidové Noviny‘9 von gestern?“ schrie Zeman, der Redakteur für Lokales, zur Tür herein und behielt die Klinke gleich in der Hand. „Jarko! Wie oft hab' ich Ihnen gesagt, dass Sie die Prager Blätter vom Tag vorher in mein Zimmer tragen sollen!“ Er grub in einem Haufen Zeitungen, die auf dem Tisch lagen und zog mit einer Verwünschung eine heraus. Er hatte ein blasses Gesicht, auf dem die flachen grossen Lippen wie aufgeklebt sassen.

„Na, Fräulein Hanna? Sie sitzen hier auch schon wie wir, bis in die Nacht ...“

„Ich geh' ja schon“ lächelte Hanna. Der kleine dickliche Zeman war nett. Alle waren sie nett, die Redakteure, die Telefonisten, die Diener. Sie war gern hier. Anfangs war sie vormittag gekommen. Aber da waren die Redakteure nicht da oder sassen, die Hände an den Ohren, lesend hinter ihren Milchglasverschlägen. Am Spätnachmittag erst begann der Betrieb. Sie musste den Betrieb kennenlernen, meinte Hanna, die Leute kennen lernen, musste den hastig Eintretenden an der Nase ansehen lernen, was es gab, das konnte sie am besten am Spätnachmittag, wenn die näherrückende Stunde des Blattschlusses alles in Bewegung setzte. Und die Leute vom Haus gewöhnten sich daran, dass da Hanna Lastová sass, mit ihrer widerspenstigen Haartolle, die blond über die Zeitungen fiel und dem erwartungsvollen Mund, mit ihrer böhmisch aufgebogenen Nase; und der eine und andere, der sich, die Türklinke in der Hand, mit ihr unterhalten hatte, fand sie nett und erzählte dem einen und dem andern, dass man sie mit fast sicherem Erfolg nach der sprachlichen Entstehung von Worten wie C.O.D. oder EKKI oder DAPP fragen konnte, oder nach dem genauen Datum der Schlacht bei den Termopylen, und somit nicht erst in den dicken Enzyklopädien suchen musste, die ohnedies immer von dem bildungshungrigen Schachredakteur verschleppt waren.

So hatte sie sich also gewöhnt, am Nachmittag zu kommen. Wenn es dunkel wurde, war es so traurig in ihrem Zimmer allein, und mit Luise oder andern Genossen konnte sie auch erst gegen acht oder neun rechnen.

„Ich geh' schon“ wiederholte sie lächelnd, der Diener Jarko riss die Tür auf und rief „Zum Umbruch, Herr Zeman!“ und die „Lidové Noviny“ breit auseinandergefaltet in beiden Händen, rannte Zeman ohne Gruss hinaus.

Wenn alle beim Umbruch waren, kam eine ruhige Stunde. Hanna blieb dann gern noch allein in dem verlassenen Mittelzimmer. Heute hatte sie garnichts vor für den weiteren Abend. Sie wollte noch ein bischen weiterstöbern, lesen, etwas für die Sonntagsnummer vorbereiten, da konnte man in der Beilage dann und wann literarische Sachen unterbringen, und das machte ihr mehr Vergnügen, als die Nachrichten über lebende Drillinge in Oklahoma, über den Mann, der achtzig Male je dreissig Tage und insgesamt neun Jahre seines Lebens freiwillig gehungert hatte, über die Explosion einer Glyzerinfabrik in Stockholm, die Erfolge einer neuen Verjüngungskur in London, und weniger Arbeit, als die Auffindung und Zusammenstellung unpolitischer Nachrichten mit geheimem politischen Gehalt. Aber zuerst wollte sie noch den Ertrag ihrer Lektüre auf Karlíčeks Schreibtisch legen. Sie hatte herausgebracht, dass der ewig überbeschäftigte, nervöse Redaktionssekretär ihre Ausschnitte am wohlwollendsten las, wenn er, etwas nach halbzehn, vom Umbruch aus der Setzerei kam und dann eine halbe Stunde nichts zu tun hatte, bis der Diener die ersten, noch feuchten Nummern der Zeitung von der Rotationsmaschine brachte.

Sie trat ohne zu klopfen in Karlíčeks Zimmer und legte sieben, teils halb, teils dreiviertel voll beschriebene Blätter auf den Schreibtisch neben den Stehkalender. Als sie sich zum Gehen wandte, stiess sie mit Karlíček zusammen. Er riss eine Schublade auf, nahm ein Manuskript heraus und gab sich dann erst Rechenschaft über Hannas Anwesenheit.

„Warum kommen Sie nicht auch herunter, Philka?“ fragte er und drehte dabei an der Nummernscheibe seines Tischtelefons. Er hatte sie Philka getauft, Abkürzung von Philologin, wie er sie in den ersten Tagen mit Spott über ihre Sprachkenntnisse genannt hatte. „Es wird Dich doch interessieren zu sehen, wie wir die Setzer ausbeuten!“

Hanna erschrak. Hatte sie sich schon verraten? Dass er zu ihr Du sagte, wunderte sie weiter nicht. Karlíček nannte alle im Haus abwechselnd Du und Sie.

„Ja ... kann ich denn mit hinunter gehn?“ fragte sie zögernd. „Ich möcht' ja schon ...“

Karlíček haute das Hörrohr krachend auf den Haken. „Besetzt ... möchte wissen, mit wem Helene immerfort zu telefonieren hat“ murmelte er und schaute in's Leere. „Na, komm, Philka, komm' mit in die geheimnisvolle Welt der schwarzen Magie“ sagte er mit gespielter Feierlichkeit. Er drehte das Licht an der Tür ab, so dass der Raum im Halbdunkel lag; unter dem grünen Schirm der Tischlampe leuchtete in gesperrter Maschinenschrift der Hungerkünstler, der Hanna vielleicht vier Kronen Zeilenhonorar einbringen würde, der Preis eines Abendessens, auf das er so oft verzichtet hatte. Karlíček schob sie auf den Gang hinaus.

Für jeden, der zum ersten Mal „hinunter“ ging, war es erstaunlich. Oben, in der Redaktion war alles so hell, gläsern, nickeln, amerikanisch, unten, in der Setzerei, dagegen düster, nachlässig, verschmutzt, eng, wie in einem Stadtviertel des alten Prag. Die Erklärung für diesen Gegensatz war jedoch sehr banal: Die „Svoboda“ hatte eine alte Druckerei gekauft und teils aus Geldmangel,

teils aus Schlamperei, sie so gelassen, wie sie war, nur ein paar neue Sätze Schrift waren angeschafft worden. Der erste Stock des alten Hauses aber hatte schon unter der Herrschaft der Noiseless Admirable ein zeitgemässes Aussehn bekommen, für einen Preis, der sich in der ersten und letzten Bilanz der Schreibmaschinenfirma dann als verhängnisvoll erwiesen hatte, dessen sachliches Ergebnis aber nun der „Svoboda“ das Aus- und Ansehn eines ultramodernen Zeitungs-Grossbetriebs gab.

„Unten“, das heisst das Tiefparterre, war durch Niederlegung einiger Wände ein langer, schmaler Saal geworden, durch dessen Fenster man im Halbdunkel der nächtlichen Seitengasse gespenstige Passantenbeine vorübergleiten sah. Von der Treppe aus, die ein paar Stufen in den Raum hineinführte, verdämmerten im dunklen hinteren Teil des Saales die vagen Gestalten der Linotypes. Nur über drei Maschinen waren die starken Birnen angezündet, die die Tastatur beleuchteten. Alles nicht unmittelbar Aktuelle war schon von der Tagschicht gesetzt worden und stand nun auf vielen Tischen bereit.

Im vorderen Teil des Raumes liefen die Setzer mit den Winkelhaken im linken Arm herum, wie Primgeiger, die sich in Nachtlokalen spielend unter die Tänzer mischen. Aber die Rechte hielt keinen Bogen und auch keine Pinzette, denn nur langjährig Geübte arbeiteten am Umbruch mit und fischten, fast ohne Hinzusehen, die Lettern mit den Fingerspitzen aus den Setzkästen. Ein Mann mit struppigem Schnurrbart und Spuren von Druckerschwärze über den Augen, vom Schweissabwischen mit der blossen Hand, legte ununterbrochen feuchte Bogen Papier auf lange, magere Kolonnen geschwärzter Gusszeilen und fuhr schnell mit der Walze darüber, immer stand schon einer daneben, der ihm den frischen Abzug aus der Hand riss und sich mit dem Blaustift, der auf dem nassen Papier verfloss, ans Korrigieren machte. Ein hagerer Bursch trug auf dem Kopf ein Gestell mit leeren Biergläsern hinaus, die Luft war voll Zigarettenqualm, aus dem Raum hinter der Setzerei dröhnten gedämpft die Rotationsmaschinen, der Boden war mit silbrigen Bleizeilen und zusammengeknülltem Papier bedeckt, so dass es klirrte und raschelte, wenn man ging.

An den Wänden hatten die Setzer ihren individuellen Neigungen entsprechende Bilder angeheftet, und mit der unbewussten Zielsicherheit einer lange und unbewusst geübten Beobachtung sah Hanna noch von der Treppe aus zuerst Lenins verschmitzten Kopf und etwas weiter hinten marschierende Rotarmisten, die sie aus der letzten „Svět Práce“ kannte; aber bei näherem Zusehen war es unleugbar, dass beliebte Fussballer und Boxer und halbnackte Mädchen in verführerischen Stellungen die Majorität an der Wand hatten.

Karlíček kümmerte sich nicht mehr um Hanna, mit der Schere in der einen und dem Blaustift in der andern Hand bearbeitete er stehend das Blatt, das er eben aus seinem Zimmer geholt hatte, ein Maschinensetzer heftete sich den zurechtgeschnittenen Ausschnitt über seine Klaviatur und begann rasend zu tippen. Karlíček schrie in den Saal:

„Wie oft soll ich sagen, dass für ‚Zuschriften aus dem Leserkreis‘ ein neues Klischee gemacht werden muss? Es schaut schon aus wie ‚Eselskreis!‘ ...“

„Herr Karlíček, Sie haben gesagt, Sie werden einen Titel zeichnen lassen“ erwiderte ruhig der glatzköpfige Faktor, der als einziger nicht stand, sondern an einem in die Ecke gequetschten Tisch die „Fahnen“ – die frisch von der Abzugwalze hergereichten, langen feuchten Papierstreifen mit dem Rohsatz – sortierte und gleichzeitig das Telefon bediente.

„Zeman! Es brennt!“ schrie er und kam nicht aus der Ruhe. Auch Hanna fand es nicht überraschend, dass es brannte, so fiebrig war ihr nach fünf Minuten schon zumute.

„Wissen wir schon, danke bestens!“ schrie Zeman ins Mikrophon und hängte ab.

„Slavík,“ sagte er zum Faktor, „wenn jetzt noch einer den Brand in der Holeschowitzer Papierfabrik meldet, geben Sie ihm Grobheiten, das ist jetzt der Sechsunddreissigste in einer Stunde, und mich rufen Sie nicht mehr!“ Als er an Hanna vorüberlief und ihr begriffsstutziges Gesicht sah, sagte er: „Wer nämlich so etwas in den letzten zwei Stunden vor Blattschluss meldet, bekommt zwanzig Kronen Prämie ...“

„Aber die meisten melden nur etwas, weil sie's nicht bei sich behalten können“ warf ein hübscher junger Mann ein, den Hanna noch nie gesehen hatte. Der Faktor rief ihn zum Telefon und er unterhielt sich ein paar Minuten lang intensiv und in unverständlichem Jargon über ein Golfturnier, bis jemand „Ruhe“ brüllte.

Alle brüllten sie, zum Teil, um den Lärm der Setzmaschine und das ferne Dröhnen der Rotation zu überschreien, mehr jedoch noch aus Nervosität und Lust am Lauten, in dieser letzten, wichtigsten Stunde der Zeitungsarbeit, wo es jedem darauf ankam, das für ihn Bedeutendste noch „hineinzubekommen“, wo vor allem die letzten Minuten ausgenutzt werden mussten, um Nachrichten, welche die Telefonisten „oben“ am Radio abhörten und ununterbrochen auf Zetteln herunterschickten, schnell in Satz zu verwandeln, druckfertig zu machen und unterzubringen.

„Herr Liftschitz! Drei Cicero: ‚Die hartgesottene Mänade frozzelt den Richter‘“ diktierte der Gerichtsberichterstatter. Schon hatte der angeredete Setzer sich zu dem Kasten mit den Riesenbuchstaben gedreht und reihte hastig Letter an Letter.

„Aber das geht doch nicht, Herr Menčík“ sagte eine Stimme, deren Träger Hanna nicht sah, eine lebhafte, schnelle, schwingende Stimme. „Wir sind doch kein Skandalblatt! Ausserdem wissen drei Viertel unserer Leser nicht, was eine Mänade ist ...“

Der Kriminalmensch hatte seine grosse Woche mit dem Gattenmord, der augenblicklich an Interesse sogar das Internationale Golfturnier und die Aussichten der Tschechen auf den ersten Preis überbot; er wollte seinen schönen Titel nicht ohne weiteres fahren lassen.

„Das ‚České Slovo‘10 hat's heute auf der ersten Seite und vier Cicero“ knurrte er.

„Du meinst wahrscheinlich Megäre, wenn Du Mänade sagst,“ mischte sich Karlíček ein. „So! Seite vier ausbinden! Weg damit!“ Und der Setzer, neben dem er stand, umschnürte das grosse Viereck, dessen Zeilen zum Teil schon mit Druckerschwärze verschmiert waren, mit einem dicken Bindfaden, als zöge er ein Lasso um den Hals eines Stieres zusammen, klappte mit metallischem Knacken die Hebel an den Ecken um und der hagere Bursch, der vorhin die Biergläser weggetragen hatte, lud die schwere Tafel auf und schmiss sie in den offenen Aufzug. „Seite vier kommt!“ rief er hohl in den Schacht hinunter und der Aufzug sauste in den Keller, in die Stereotypie.

„Also, Herr Liftschitz, setzen Sie: Tertia, die hartgesottene Sünderin frozzelt den Richter“ diktierte der Gerichtsberichterstatter missvergnügt. Und zu Karlíček: „Sünderin ist schrecklich banal ... Mänade war viel schöner ...“

„Aber ‚frozzeln‘ können Sie auch nicht lassen, Herr Menčík“ ertönte wieder die unsichtbare Stimme. „Wir wollen

doch lieber korrekt schreiben, die Sprachverlotterung ist ja ohnehin arg genug. Und bitte nehmen Sie zwei Cicero, Herr Liftschitz, das ist durchaus genug!“

„Zeman! Es brennt!“ schrie der Faktor vom Telefon her.

„Hängen Sie sich auf!“ schrie Zeman zurück, rannte aber dennoch zum Apparat. „Sie sind der siebenunddreissigste, der uns die Holeschowitzer Papierfabrik meldet“ brüllte er in die Muschel und jemand schrie: „Ruhe!“ Aber sogleich griff er über Slavíks Schulter nach einem Bleistift und einem Zettel und begann fieberhaft zu stenographieren. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Wie heissen Sie? Gut, kommen Sie sich morgen an der Kasse zwanzig Kronen abholen, danke vielmals!“

„Es brennt im Weinberger Theater!“ rief er in den Saal, während er den Hörer hinwarf. „Grosse Panik! Die Maršová hat grad' jemanden erschossen auf der Bühne – kennt jemand das Stück? Dieses neue russische! – und hat eine Ansprache an's Publikum gehalten, dass sie nicht drängen sollen und so! Fabelhaft! Das haben wir morgen allein, die andern Blätter bekommen's nicht mehr rechtzeitig!“ Und freudestrahlend rannte er nach hinten, um seine Sensationsnachricht direkt in die Setzmaschine zu diktieren.

Hanna war von einer Stelle zur andern gewandert und hatte überall das Gefühl gehabt, sie stünde nur im Weg, obzwar die Redakteure, die mit nassen Fahnen herumliefen, die Maschinsetzer, die, noch heisse Packen Satzzeilen kunstreich zwischen die Finger geklemmt, aus dem hintern Teil des Saales eilten und ihr frisches Produkt auf das „Schiff“ der Seite legten, an der jeweils gearbeitet wurde, die Titelsetzer mit dem Winkelhaken wie einer Geige im Arm, keinerlei Notiz von ihr nahmen. Jetzt stand sie an ein Pult gelehnt, auf dem die „Vorratsschiffe“ warteten, ebensolche eiserne Rahmen, wie die, in welchen der noch warme Satz umbrochen wurde, mit Text, der nicht aktuell und also schon zuvor hierhergestellt worden war. Dann und wann kam ein Redakteur zu ihrem Standplatz und holte sich etwas zum „Füllen.“

„Seite drei ausbinden! Hinunter damit!“ rief Karlíček und schaute hastig auf die grosse Wanduhr. „Verflucht, wir haben noch elf Minuten und Seite zwei ganz umgeworfen mit dem blöden Theaterbrand“ schimpfte er. Die Hast der letzten Viertelstunde übertrug sich auf alle im Raum. Auch auf Hanna, obzwar sie nicht viel begriff von dem, was da eigentlich vorging und niemanden zu fragen wagte; sie schaute in den Saal und liess das Rauschen und Lärmen über sich hinfluten.

Wie sie da so herumwimmelten, die Arbeiter, von denen doch nach dem Wandschmuck zu schliessen, einige zumindest ihre Genossen und also überzeugte Gegner der „Svoboda“ waren, die Redakteure, die Mord und Totschlag, Feuer- und Wassersnot nur insoweit interessierte, als sie zur rechten Zeit noch an den rechten Ort im Blatt gebracht werden wollten, die Telefonisten, die „oben“ mit fiebrigen Fingern die letzten Radiomeldungen auf Zettel übertrugen, unbeschadet, ob sie ihnen Freude oder Kummer sagten – wie sie da alle so liefen und schrien und schafften, hatten sie alle ein Gemeinsames vor: bis halbzehn auf die Sekunde den Umbruch hinter sich zu bringen. Man hätte meinen können, dachte Hanna fern, es handle sich um die Erlösung der Menschheit, um nichts Geringeres, mit solchem Eifer und so unzerteilter Aufmerksamkeit gingen sie alle zu Werk, und dabei handelte es sich doch – es dauerte nicht lang, bis sie dieses, wie viele andere Geheimnisse des Umbruchsbetriebes erfahren hatte – nur darum, das Blatt rechtzeitig zu den Zügen zu befördern, die es nach den vier Himmelsrichtungen über die Republik ausstreuen sollten ....

„Zirka zwanzig Zeilen brauche ich!“ schrie Karlíček. „Zeman! Haben Sie heute schon ‚Interessantes aus aller Welt?‘“ Der Lokalredakteur, der schon wieder am Telefon stand, winkte mit der Hand Nein. Karlíček kam mit zwei grossen Schritten zu Hannas Pult, spähte eine halbe Minute über ein „Schiff“ hin und hob dann mit Daumen und Mittelfinger geschickt eine kleine Kolonne Satzzeilen aus dem grossen Viereck.

„Jetzt kommst Du dran“ sagte er flüchtig zu Hanna und war schon wieder bei seiner Seite zwei. Hanna beugte sich über das Schiff, in dessen kompakter Satzladung jetzt ein kleines Loch klaffte. Sie buchstabierte interessiert die Spiegelschrift der Bleizeilen: wahrhaftig, das waren ja die Notizen, die sie Tag für Tag ablieferte, in ihr visuelles Gegenteil verkehrt, zum Teil schon mit Druckerschwärze verschmiert, ein Zeichen, dass sie schon einmal oder gar mehrmals abgezogen, eingeordnet und dann aus irgend einem technischen Grund wieder verworfen worden waren. Sie hatte garnicht daran gedacht, dass sie hier in der Setzerei sogar ein Schiff besass, ein Schiff fast völlig gefüllt mit ihrer Arbeit, denn in der Rubrik „Interessantes aus aller Welt“ erschienen neuerdings umso mehr aus fremdsprachigen Zeitungen übersetzte Nachrichten, je weniger die reichsdeutschen Blätter in Betracht kamen.

„Jetzt kommt es hauptsächlich darauf an, die Gemüter zu beruhigen“, sagte eine Stimme, es war die lebhafte, schnelle Stimme von vorhin und sie klang, fand Hanna, eigentlich recht wenig nach der Beruhigung irgendwelcher Gemüter. Der hagere Bursch' schleuderte gerade die schwere Tafel, die Seite zwei enthielt, in den Aufzug. Die Maschinen waren verstummt, es war zu spät, noch neuen Text zu setzen, die Telefonisten schickten keine Zettel mehr herunter, fünf Minuten fehlten bis Blattschluss.

Neben Karlíček stand jetzt der Chef; Hanna hatte ihn oft gesehen, aber erst einmal mit ihm gesprochen; damals, kurz nachdem sie angefangen hatte, für die „Svoboda“ zu übersetzen, Rýma hatte sie vorgestellt.

„Herr Liftschitz! Drei Cicero bitte: ‚England vermittelt‘“ diktierte er, und Hanna erfuhr, dass die unsichtbare Stimme zu ihm gehörte. Sein schmaler, dunkler Kopf sah vornehm und fremdartig aus, erst später machte sich Hanna klar, dass er so dunkel wirkte, weil das Kragenweiss am Halse fehlte, er trug eine dunkle Russenbluse, mit einer Knopfreihe über Schulter und Brust. Diese Tracht liess ihn, zwischen den Setzern in verschmutzten Kalikokitteln, den Redakteuren in unordentlichen Arbeitsjoppen, den Handlangern im Overall, wie einen Ausländer erscheinen. Aber trotz der Russenbluse wirkte er nicht russisch, sondern eher levantinisch oder südamerikanisch, fand Hanna unbestimmt.

Er beugte sich über die Lettern; mit einer Hand bezeichnete er dem Obermetteur die Anordnung des Textes, mit der andern nahm er ein Feuerzeug aus der Tasche und steckte sich die Zigarette an, die er zwischen den Lippen hielt.

„Keine Panik, meine Herren“ sagte er lächelnd und zeigte ebenmässige, rauchgelbe Zähne. „Keine Nervosität!“

Dabei schleuderte er die eben erst angebrannte Zigarette zu Boden und wischte mit dem Fuss so heftig auf ihr herum, als gälte es, den Brand im Weinberger Theater zu löschen, oder einen Schandfleck vom Erdboden zu vertilgen.

Eine Glocke schrillte. „Seite eins ausbinden“ rief Karlíček und ging schon schlendernd die Stufen zur Tür hinauf. Die andern Redakteure waren in den letzten zehn Minuten nur noch in allgemeiner Blattschluss-Hypnose mit herumgestanden; ihre Arbeit war mit Seite drei – der vorvorletzten – beendet. Der Chef wandte sich an Zeman: „Bitte, sehen Sie dann nach, ob wir ein Klischee vom Weinberger Theater oder von der Maršová haben und richten Sie's für die zweite Ausgabe ein“ sagte er, zündete sich eine neue Zigarette an, sagte, den Setzern zunickend, lebhaft und schnell „Gute Nacht, meine Herren“ und war hinaus.

Hanna machte sich dünn, um ihn vorbeizulassen. Dann ging sie zu dem, den man Herrn Liftschitz angesprochen hatte, und fragte, ob er ihr dies und das erklären wollte. „Aber gern, Fräulein.“

Heute war ein ruhiger Umbruch gewesen, erfuhr sie, aber an andern Tagen, das sollte sie einmal sehen, wenn in der letzten halben Stunde noch wichtige Nachrichten kamen, oder damals im Januar, als der König von England ausgerechnet nachts um dreiviertel Eins gestorben war, zehn Minuten vor Schluss der zweiten Ausgabe ... und sie hatten sich, gestützt auf den Tarifvertrag, geweigert, die Nachricht noch auszusetzen, und der Nachtredakteur hatte auch nicht darauf bestanden, weil er meinte, die andern Zeitungen würden sie ja auch nicht mehr bringen können ... und am nächsten Tag hatte die „Svoboda“ als einziges Blatt den Königstod nicht gehabt ... „Da hat der Chef aber einen Skandal gemacht!“ lachte Herr Liftschitz.

„Seid Ihr denn besser organisiert, als die in den andern Druckereien?“ fragte Hanna, vielleicht ist es dieser, der die Rotarmisten an die Wand geheftet hat, er sieht aus wie ein Genosse, und wieso kann der Chef mit dem feinen Batisttaschentuch einen Skandal machen, er ist doch so gentle – es fiel ihr kein anderes Wort ein; aber freilich, wie er die Zigarette zertreten hat, da hat man richtig gesehen, wie er eine Wut zerdrückt, und warum sage ich „Ihr“ zu den Setzern und rede von „organisieren“, wo ich hier keinen kenne, dumme Gans, das will illegale Parteiarbeit machen, müde bin ich von dem Stehen und dem Lärm, möchte mal in's Parteiblatt zum Umbruch gehen, ob's da auch so zugeht, so ... so mitverschworen ... die haben aber wahrscheinlich zu mittag Umbruch, das Blatt erscheint ja um vier ... vielleicht kann mich Rýma mal mit hinnehmen, Rýma hab' ich übrigens nicht gesehn heute abend, wer war der Jüngling mit dem Golfturnier, Zeman ist komisch, wie er sich gefreut hat, dass es brennt, da kommt es nicht darauf an, ob wer zugrundegeht, nur, dass es noch in die Zeitung kommt, Karlíček ist aber scheint's die Hauptperson, zum Chef sagt er „Herr Doktor“, den Chef duzt er nicht, den kann man wohl nicht duzen, mich duzt er, Karlíček, in der Partei sagen sich ja auch alle Du, aber das ist doch was anderes, der Metteur sagt auch Du zu den Setzern, und sie sagen ihm Sie, merkwürdig, wie im Feudalzeitalter, ich werde mal fragen, wieso, nein ich will lieber nichts mehr fragen, Herr Liftschitz hat's nicht gehört, das mit dem Tarifvertrag erfahr' ich schon noch und es ist auch ganz egal, ich bin so müde, es riecht hier so gut, nach Druckerschwärze, schwarze Magie, hat Karlíček vorhin gesagt ...

Ueber die Treppe kam der hagere Bursch mit seinem Drahtgestell auf dem Kopf, jetzt standen schäumend gefüllte Biergläser darin. Die Setzer nahmen Brot und Wurst aus ihren Schubkästen und machten sich an's Essen.

„Gute Nacht und schönen Dank!“ sagte Hanna.

„Kommen Sie nach der Pause wieder, dann erklär' ich Ihnen, was Sie wollen!“ rief Herr Liftschitz ihr mit vollem Munde nach.

Im grossen Mittelzimmer war noch Licht, Zeman kramte in einem Kasten mit Klischees. Als Hanna Mantel und Mütze nehmen wollte, schaute er auf und fragte:

„Warum gehen Sie? Jetzt, wo man sich eine halbe Stunde ausruhen kann! Lassen Sie Ihren Mantel hängen und kommen Sie Kaffee trinken!“

Dazu hatte Hanna jedenfalls Lust, obzwar sie nicht wusste, wie das Kaffeetrinken zum Dableiben stimmen sollte. Aber Zeman hatte schon den Kasten mit den Photographien in sein Schiebfach zurückgestellt und knipste das Licht aus. Auf dem Gang standen rauchend mehrere Leute, Redakteure und, als solche an ihren Hüten und Regenschirmen kenntlich, Besucher, die um diese Stunde herkamen, um früher als die Uneingeweihten der Strasse die neuesten Nachrichten zu erfahren.

Aus einem Zimmer drang Licht, es war das Büro des Nachtredakteurs, der seine Arbeit um neun begann und den Hanna noch nie gesehen hatte. Zeman öffnete die Tür ohne zu klopfen und liess Hanna vor sich eintreten.

Am Schreibtisch sass ein kleiner, blasser Mann mit einem Kopfhörer um die Ohren, auf dem Sofa lagerte Vokáček, der Parlamentsberichterstatter, mit einer grossen Zeitung vor dem Gesicht, Menčík war da, dann Veverka, Rýma's Kollege vom Handelsteil, der elegante Sportjüngling aus der Setzerei, der bildungshungrige Schachredakteur; der Chef sass in einer Ecke mit übergeschlagenen Beinen und streckte einen seiner elegant bestrumpften schmalen Füsse in den Raum; auf einem Tischchen stand ein Spirituskocher und ein junges Mädchen mit chinesischen Augen und einem grellgrünen Arbeitsmantel rührte in einem kupfernen Gefäss mit langem Holzgriff.

Vokáček schob die Beine an die Wand und forderte Hanna mit einer Handbewegung auf, sich zu ihm auf's Sofa zu setzen. Karlíček kam mit einer rothaarigen, stupsnäsigen Person in hellem Pelzmantel herein und trat zu dem schlitzäugigen Mädchen:

„Olly, hast Du einen Kaffee für meine Braut?“

Das Mädchen Olly nahm dem Nachtredakteur die henkellose Tasse aus der Hand, spülte an dem Waschtisch, der in der Ecke stand, den Satz heraus, goss aus dem kupfernen Gefäss nach und reichte der Rothaarigen die Tasse, ohne sie anzusehen. Die „Braut“ zwitscherte „Au, ist das heiss!“ und trank stehend in kleinen Schlückchen. Karlíček wandte sich zu Hanna:

„Das von den Pariser Schneiderinnen ist sehr hübsch, Philka“ sagte er und schien es nicht weiter verwunderlich zu finden, dass Hanna hier sass, an die Beine des Parlamentsberichterstatters gelehnt, und dass ihre blonde Haartolle über die Kaffeetasse fiel, die Zeman ihr in die Hand gedrückt hatte.

„Aber diese Geschichte mit den Wörtern, die das und das Gegenteil bedeuten, das muss ich Dir leider zurückgeben, das ist was für eine esoterische Zeitschrift, aber nichts für unser ungelehrtes Publikum. Glaubst Du, dass diese Ziege“ – und er wies auf seine „Braut“ –

so was versteht? Nicht wahr, mein Püppchen, davon verstehst Du nichts?“ sagte er und griff ihr unter das hübsche Kinn.

„Was ist das mit den Worten, die das und das Gegenteil bedeuten?“ fragte aus seiner Ecke der Chef und blickte Hanna an.

Hanna wurde etwas verlegen. Sie hatte in letzter Zeit, um ihre Einkünfte zu verbessern, dann und wann selbstverfasste Sachen als Notiz aus dem „Aftenposten“ oder der „Züricher Zeitung“ in die „Svoboda“ geschmuggelt. Diese, die Karlíček so esoterisch fand, hatte sie mit ganz besonderem Vergnügen geschrieben. Sie handelte von jenen seltsamen Worten aus alten Sprachen, die gleichzeitig das Positive und das Negative eines Zustands bedeuten, gleichzeitig heiss und kalt, schön und hässlich, grausam und mild, heilig und verrucht ... wie tief das war; „tief“ eben hiess im Lateinischen „altus“, aber „hoch“ auch, und „verschina“ bedeutete im Russischen sowohl die höchste Höhe als den tiefsten Abgrund ....

Sie war aufgestanden und in die Ecke des Chefs hinübergegangen und gab in kurzen Worten Bericht. Der Chef schaute sie von unten forschend an.

„Das ist sehr interessant“, meinte er, bat Karlíček, das Blatt zu holen und las schnell die halbe Seite.

„Aber das ist wirklich interessant“ wiederholte er überrascht und las halblaut: „Alle Worte sind bipolar, nichts ist so, alles ist so und anders, und erst später, als sie schon aus der Allfalt des Seins aufgestiegen waren zu schneidendem Entweder-Oder, haben die Menschen die Gegensatzworte dazu erfunden ...“

Hanna wurde rot, als sie ihre eigenen Sätze so vorgelesen bekam, sie erschienen ihr jetzt selbst unbrauchbar, lächerlich, mystisch. Aber der Chef war sehr bei der Sache. Während der Nachtredakteur den Kopfhörer abnahm, den Lautsprecher einschaltete und eine rüde Musik über das Zimmer und die Gespräche der Plaudernden losliess, während das Olly genannte Chinesenmädchen Tassen spülte, neu füllte und herumreichte, während aus dem Nebenzimmer, dessen Tür halb offen stand, die kartenspielenden Telefonisten ehrwürdige Weisheiten von sich gaben, wie „Pagat hättest du ansagen sollen!“ oder „Wenn man mein Blatt einem Hund eingibt, krepiert er!“ ... erinnerte sie der Chef an das selten gebrauchte tschechische Wort „nabažiti se“, das gleichzeitig „sich sehnen“ und „sich sattgesehnt haben“ bedeutete. Das fand nun wieder Hanna sehr interessant und meinte, sie wolle es noch in die Notiz einfügen. Dabei fiel ihr ein, dass ihr Aufsatz ja als Uebersetzung aus dem „Corriere de la Sera“ galt, und sie korrigierte sich verwirrt: „Ich meine, einen entsprechenden Vermerk hinzufügen“ .... und spürte, dass sie schon wieder rot wurde und dass der Chef sie schon wieder forschend ansah aus seinen schmalen dunklen Augen. Glühende, hintergründige Augen, unter Brauen, die über der dünnen Nase fast zusammengewachsen waren, und Hanna hörte undeutlich, wie er vorhin in der Setzerei gesagt hatte „Keine Nervosität, meine Herren!“ und sah, wie er mit dem feinbestrumpften, eleganten Fuss schon wieder wütend eine Zigarette zertrat, als gälte es, einen Brand zu löschen, und sie dachte: unruhig, unruhig, ein unruhiger Aesthet ....

Der Diener Jarko kam herein mit einem Packen Erste Ausgabe, ganz frisch aus der Rotationsmaschine, und reichte jedem der Anwesenden ein Exemplar. Sofort stoppte alle Unterhaltung, nur noch das Radio schwätzte einsam auf italienisch in den Raum. Alles raschelte mit Papier; jeder hatte zuerst „seine“ Seite aufgeschlagen, kontrollierte, wie sein Beitrag sich im Gesamten ausnahm, einer murmelte „Grässlich, diese vielen Druckfehler“, der Nachtredakteur Bílek strich mit Blaustift an, was für die Zweite Ausgabe geändert werden sollte, der Sportfex studierte die Wohnungsannoncen und beklagte sich, dass in der Nähe der „Slavia“-Sportplätze kein Appartement mit Zentralheizung zu finden wäre; und Hanna, die ebenfalls eine noch feuchte „Svoboda“ in der Hand hielt, suchte „Interessantes aus aller Welt“ und fand es auf einmal unbegreiflich wunderbar, dass die Notiz über den Kellnerstreik in Agram noch vor einer halben Stunde spiegelschriftig-bleiern im „Vorratsschiff“ gelegen war und dann, über den Weg durch den herunterdonnernden Aufzug in die Stereotypie, in geheimnisvollen Prozeduren in die Rotationsmaschine und fix und fertig, leserlich gedruckt, auf die Zweite Seite geraten war ... Und dann bemerkte sie, dass Menčíks „hartgesottene Sünderin“, die den Richter hatte frozzeln sollen, sich in „die Gattenmörderin macht Winkelzüge“ verwandelt hatte und auch dies schien ihr auf unbegreifliche Weise aufregend und geheimnisreich.

Ein und der andere war, nach beendeter Lektüre, schon ohne Gruss oder mit flüchtigem Handwinken gegangen. Olly hatte den Spirituskocher ausgelöscht und war ins Telefonzimmer verschwunden. Der Chef faltete die Zeitung zusammen und stand auf. Im Gehen sagte er zum Nachtredakteur:

„Ich kann heute nicht auf das ‚České Slovo‘ und auf das ‚Prager Tagblatt‘ warten, habe eine Verabredung ... bis zwölf bin ich im Café ‚Boulevard‘, dann zuhause, wenn es etwas gibt. Gute Nacht allerseits.“

„Du hast Erfolg gehabt, Philka“ sagte Karlíček, der in Hut und Mantel vom Gang hereinkam; die Rothaarige stand hinter ihm in der Tür und hatte ihr Kinn kokett auf seine Schulter gelegt. „Unser Alter sagt mir eben, ich soll Dein Gerede über das Hoch und das Tief in die Sonntagsbeilage geben ... Gute Nacht allerseits!“

Zum dritten Mal wurde Hanna rot, diesmal vor Freude. Eine andere Art Freude als die, wenn es ihr gelungen war, eine kommunistische Notiz getarnt unterzubringen, eine andere Freude, als wenn sie nach stundenlangem Treppauf-Treppablaufen in Halle'schen Arbeiterhäusern die Beiträge für die Rote Hilfe zusammengehabt hatte, eine andere Freude auch als die, wenn sie am Ende der Woche an der „Svoboda“-Kasse ihren zeilenweise erschriebenen Verdienst abhob und sah, er war um ein weniges gewachsen. Die Freude ähnelte von fern jener lang vergessenen, die sie als junges Mädchen empfunden hatte, wenn ihr ein Gedicht gelungen war. Es war lange her, seit sie Gedichte geschrieben hatte. Sie lächelte in den Raum, in den der Lautsprecher eine Jazzmusik entliess, wünschte „Gute Nacht“ und ging in's grosse Mittelzimmer ihre Sachen holen.

Eben brachte ein Diener von der Strasse einen Stoss „České Slovo“ und „Prager Tagblatt“ herauf. Der schmächtige Nachtredakteur ging mit seiner kreuz und quer verschmierten „Svoboda“ in die Setzerei und sagte ihr im Vorübergehen mit dünner, hoher Stimme:

„Also wenn's Ihnen gefallen hat, Fräulein, mein Kaffeehaus zu Ihrer Verfügung, bis ein Uhr nachts geöffnet; wie Sie wissen, machen alle andern Cafés um zwölf zu ...“ Hanna dankte lachend, knöpfte den Mantel zu und stülpte die Baskenmütze auf, dann drehte sie das Licht ab.

Als sie auf die Strasse trat, fuhren aus dem Hof die letzten Lastautos zu den Zügen, der hagere Bursch' kam mit einer neuen Ladung schaumgefüllter Biergläser an. Die Nachtluft schlug ihr mild entgegen, es roch nach März und Druckerschwärze.

5. Kapitel

Erster Frühlingstag – Emigranten haben keine Jahreszeiten – Viele Leute heissen Svoboda – Da liegt der Hradschin vor dem Leben! – Erinnerung an's Zweierspital – Don Juan-Ouvertüre – Heinrich Aschbach hält den Kontrapunkt – Prag hat sich sehr verändert – Moskau auch.

So schönes Wetter, der erste richtig warme Tag! Der Winter hat sich diesmal bis in den Mai hingezogen, und zum ersten Mal seit Monaten ging Hanna wieder in dem Wiener Complet aus, das sie seinerzeit im Rucksack zerknüllt mit aus Deutschland gebracht hatte. Dass die Baskenmütze nicht recht dazu passte – wer trug wohl jetzt Frau von Waldecks breiten Florentinerhut? – focht sie weiter nicht an, sie ging barhaupt wie deutsche Mädchen, ein leichter Frühlingswind wehte ihr das Haar in die Stirn. Die Kappe hielt sie in der Hand mit Handschuhen und Täschchen, und holte beim Gehen weit aus mit langen schlenkernden Armen und Beinen.

Ihr Schüler hatte ihr einen Rohrpostbrief geschickt, sie solle heute nicht zur Stunde kommen. Der Vormittag lag frei vor ihr, es war noch viel Zeit bis mittag.

Ich sollte mal in's Flüchtlingsheim schauen, dachte sie. Die Schlafsäle mit den traurigen Haufen zusammengefegten Menschenmaterials tauchten auf und alsbald verdüsterte sich die lichte Frühlingssonne. Nur in den Speisesaal, dachte sie, sehen, ob jemand da ist. Und die Kinder besuchen, die armen Kinder, die nicht einmal in die Schule gehn dürfen.

Der Wenzelsplatz11 lag breit im Morgen, um diese Zeit stand er dichtbepackt mit zwei Reihen parkender Autos. Geschäftsdiener liefen mit Paketen, Bankboten mit dicken Aktenmappen, hübsche Damen gingen zwei und zwei und blieben an den Schaufenstern stehen; auf Stelzen unter den fantastischen Gewändern stakten die turmhohen Reklamefiguren. Wenn man näher trat, konnte man durch ein winziges Fenster im Bauch die müden Proletariergesichter sehen; Barbarei der Propaganda ... Hanna hatte oft geschaudert, nicht einmal im harten Berlin hatte es so was gegeben. Heute lachte sie, als sie einem solchen Riesenmann fast zwischen die Beine lief, eine Schreibmaschine hatte er zwischen die klobigen Hände aus Papiermaschee geklemmt, „Noiseless Admirable“ stand in grossen gelben Buchstaben auf seiner Brust und seinem Rücken. Sieh an, also gibt es wieder Noiseless Admirable. Aber ihre Milchglaswände und kunstreich verstellbaren Schreibtischlampen sind bei uns. „Bei uns“ dachte Hanna, und dachte flüchtig an die Redaktion, wie man an zuhause denkt.

Sie bog in eine der Querstrassen ein, stieg die Wassergasse hinan. In den Anlagen auf dem Karlsplatz musste sie doch ein Weilchen sitzen, es war ja nicht eilig mit dem Flüchtlingsheim. Die Forsythienbüsche blühten schon, siegesgewiss starrten ihre goldgelben Zweige durch das noch spärliche Grün. Auf dem kleinen Weiher liessen die Kinder Schiffchen schwimmen und warfen Brotkrumen ins Wasser und aus der Luft hüpften die Sperlinge zwitschernd darauf herunter. Eine alte Frau mit einer umgeschnallten Tasche reichte ihr mit Fingern, die aus zerrissenen Halbhandschuhen rot herausstachen, einen Zettel. Hanna verstand nicht. Aha, das Sitzen hier kostet zehn Heller, nun, schliesslich, man muss für alles bezahlen, viel Geld war's ja nicht. Die Alte schob ab. Eine Stunde durfte Hanna nun ungestört hier sitzen und auf die gelben Forsythien und auf die barocke Fassade von Sankt Ignaz schauen.

Schön ist es. – Kindermädchen mit weissen Wägelchen schieben vorbei, Studenten promenieren murmelnd mit aufgeklappten Büchern, auf den Bänken sitzen alte Herren mit Knotenstöcken in sanftem Gespräch, viele Soldaten ohne Gewehr bummeln auf und ab, nebenan liegt das Militärspital. Auf den Strassen rechts und links von dem kleinen Park hupen die Autos, lärmt die Grosstadt. Aber hier ist Frieden, Stille und Heiterkeit.

Am Arm eines mit verblasster Eleganz gekleideten Herrn kam eine weissblonde Dame vorbei. Hanna kannte das Gesicht – woher doch? Sie erinnerte sich: es war eine Schauspielerin aus dem Reich, sie hatte sie manchmal auf der Bühne gesehn, wenn sie von Halle nach Berlin hinübergefahren war. Sie schaute ihr nach. Ihr pelzbesetztes Kostüm sah abgetragen aus. Emigrantin – auch die? Nun, warum nicht. In der Genossenschaft der Bühnenangestellten hatte es viele Sozialdemokraten gegeben, Juden, auch K.P.-Leute. Wolfgang Langhoff zum Beispiel. Der war lang im Konzentrationslager gesessen, hatte dann in der Schweiz ein Buch darüber geschrieben. Hanna kannte es nicht – nein, sie konnte nicht; immer dieses gehäufte Grauen, sie konnte nicht mehr, es nahm ihr den Atem, es nahm ihr den Schlaf, wenn sie von den Greueln in Deutschland las. Karl, Karl, nun schon mehr als ein Jahr im Gefängnis, schon zehn Monate fast im Zuchthaus Plötzensee ... sie konnte nicht immerfort daran denken. Und dennoch, immer kam es nachgekrochen, hatte sie wohl schon zehn Minuten abgesessen von ihrer Zehnhellerstunde? Nein, der Frühling war nicht für sie, ihr Stand kannte keine Jahreszeiten, durfte keine kennen, für sie war farbloser November solange das dauerte, und nun dauerte es schon mehr als zwei Jahre und kein Ende abzusehen ... Nun war's schon bald wieder ein Jahr, dass Hitler in München seine Getreuesten hatte hinmorden lassen, damals hatte man gedacht, das wäre der Anfang vom Ende, aber das Volk hatte den Rächer gefeiert, der die „schwulen Buben“ vertilgte im Namen einer höheren Moral.

Seufzend stand Hanna auf, ging durch die Gerstengasse, den Weinbergen zu, in's Flüchtlingsheim. Hier gab es wirklich keine Jahreszeiten. Die Fenster waren immer noch mit Papier verklebt, im Essaal standen die leeren Kaffeetöpfe vom Frühstück noch auf dem Abstellbrett, wie an jenem Tag, da sie vorigen Herbst zum ersten Mal hier eingetreten war. Peter war nicht da, Max auch nicht, Hilde, die Kindergärtnerin, die nette, lag operiert im Allgemeinen Krankenhaus, so sagte ihr der Verwalter, ein ältlicher, wortkarger Breslauer. „Wird denn hier nie Frieden werden?“ stöhnte er wehleidig. Nein, er hatte nichts gesagt, das war das schlesische Kinderfräulein von vor dreissig Jahren, in genau demselben Tonfall hatte sie die unschuldigen Streitigkeiten der Aschbachkinder beseufzt, wie der Alte hier jetzt die Katastrophen der Welt beseufzte.

Hanna wollte zu den Kindern, aber sie erfuhr, dass sie mit Paul, Hildes Freund, in den Baumgarten gefahren waren. Wenigstens kommen sie mal an die Luft, meinte der Alte, und Hanna nahm sich schuldbewusst vor, die Kinder öfter abzuholen und ins Freie zu führen. Dann schrieb sie ein Billet an Luise, verabredete sich auf den Abend mit ihr im „Continental“. Luise ... das war immer so gut, so beruhigend. Sie sahen sich selten in letzter Zeit. Tagsüber hatte die fleissige Arbeiterin keine Zeit, und abends ...

ja, abends hatte Hanna nie Zeit gehabt. Sie war in den letzten Wochen jeden Abend in der „Svoboda“ geblieben, bis das Blatt heraus war, und hatte dann oft noch im Zimmer des Nachtredakteurs mit den andern geschwatzt. Heute aber würde sie nicht zum Umbruch bleiben. Sie unterstrich in sich den Beschluss, unterstrich auf dem Zettel das „pünktlich um acht“ und bat den Breslauer, die Botschaft zu übergeben, nachdem sie sich vergewissert hatte, Luise käme nach wie vor gegen sechs in's Heim.

Es war Donnerstag heute. Wie alle Donnerstage, erwarteten Bruder und Schwägerin sie zu Tisch. Ein oder zweimal war es allerdings schon vorgekommen, dass der elegante Diener ihr ausrichtete, die Herrschaften liessen sich entschuldigen, könnten heute nicht zuhause sein, Frau Doktor solle bitte in Ruhe essen, es sei schon gedeckt. Und Hanna hatte weglaufen wollen, aber dann hatte sie die aufgestiegene Kränkung heruntergeschluckt und mutterseelenallein in dem luxuriösen Speisezimmer ihre fünf Gänge plus Kaffee und Kognac abgegessen. Ein reichliches Mittagmahl durfte sie nicht verfallen lassen, auch wenn es so mit Demütigung gewürzt war. Es ging ihr bei dem allwöchentlichen Familientag ja auch um das Essen, gestand sie sich ein, und dass die Geschwister das wussten, gaben sie ihr eben dadurch zu verstehen, dass sie ihr nicht absagten, ihr vielmehr, wenn sie allein war, besonders üppig servieren liessen ... Hätte Heini sie nicht selber anrufen, sich entschuldigen, sie auf einen andern Tag einladen können? Der Aerger stieg in Hanna auf, obzwar die letzte Versäumnis des Bruders schon mehrere Wochen zurücklag.

Sie war mit den Geschwistern in keinen rechten Kontakt gekommen. Sie lebten in ihrer Welt, die sie, mitsamt ihren noblen Freunden, vor der strenggekleideten, spartanischen Schwester unbehaglichen Gewissens verbargen, Hanna lebte in der ihren, die klar darzustellen ihr ihrerseits nicht leicht gefallen wäre, hätte sie Lust gespürt, es zu versuchen. Aber die Gespräche am Donnerstag-Mittag machten einem keine Lust zu irgend etwas. Man redete Allgemeines und bemühte sich freundlich zu sein, was nicht immer gelang.

„Warum arbeiten sie nicht?“ fragte Heinrich Aschbach mürrisch, wenn Hanna ihn um Geld, alte Kleider, Bücher für die deutschen Flüchtlinge anging.

„Du weisst doch, sie dürfen keine Arbeit annehmen ...“

„Aber Du hast doch auch eine Stellung gefunden“ brummte der Bankier und zog hundert Kronen aus dem Portefeuille aus florentiner Lederarbeit.

Nicht nur ich hab' Arbeit gefunden, dachte Hanna bei sich, Luise auch und Max auch und Gertrud, alle, die tüchtig sind ... Gertrud hat sich, als sie Abteilungs-Chefarzt war, auch nicht träumen lassen, dass sie früh um sieben zu Fuss ins Messeviertel pilgern wird, um dicke Damen zu massieren ... aber sie tut's ... Vielleicht hat Heini nicht ganz unrecht, dachte Hanna unsicher. Die meisten sind so unfähig. Vielleicht auch unwillig ... Pfui Teufel, wie gemein ich bin. Sie sind hoffnungslos und zermürbt. Und arbeiten? Sie arbeiten ja. Für die Partei, für sich, lernen, rührend, bei Kerzenlicht und Kinderlärmen ... Nein, die Welt ist gar zu grässlich und man wird bald selber so hartgesotten .... Sie lachte plötzlich, als sie das Wort dachte. Der Abend im März fiel ihr ein, wo sie zum ersten Mal beim Umbruch gewesen war und der Gerichtsberichterstatter einen so tollen Titel hatte bringen wollen ...

Sie schlenderte über die Nationalstrasse und blieb vor Topič's grosser Buchhandlung stehn. Instinktiv sah sie zuerst Langhoffs „Moorsoldaten.“ Nein, nicht schon wieder an die Emigration denken, an die Konzentrationslager, an Deutschland ... Sie ging zur französischen Auslage weiter. Colette's „Passage du jour“ ... das hatte sie noch in Deutschland gelesen. Sie wusste nicht mehr den Inhalt. Nur die zarte, mit trotziger Melancholie gewürzte Stimmung einer Liebesgeschichte zwischen einer alternden Frau und einem jungen Mann. Ob er wohl Colette kannte? Heute abend wollte sie ihn fragen. Ach, heute abend war sie ja mit Luise verabredet ... Uebrigens schien es ihr plötzlich unendlich peinlich, ihn nach Colette zu fragen, sie wusste nicht recht, warum. Ausserdem kannte er sie natürlich, er kannte ja alles ....

Sie dachte „er.“ „Der Alte“, wie Karlíček sagte, mochte sie nicht einmal denken. Er war so federnd, so geschwind, so lebhaft, und für sie geradezu lächerlich jung, höchstens vierzig. „Der Chef“, wie die andern Redakteure und die Setzer ihn nannten ... auch das war ihr unangenehm. Sie erinnerte sich nicht gern daran, dass sie bei ihm angestellt war, dass er ihre bescheidenen Rechnungen unterschrieb, dass er, wenn sie mit ihm sprach, vielleicht das Gefühl hatte, sie suche sein Gespräch, eben weil er der Chef war. „Dr. Svoboda“ oder „Svoboda“ nannte ihn niemand, es war ja auch albern, dass er gerade so heissen musste, wie sein Blatt. Wie also sollte sie ihn nennen? Beim Vornamen? Sie wusste nicht, wie er mit Vornamen hiess.

Als sie das bedachte, fühlte sie sich mit einemmal wie verkürzt und von etwas ausgeschlossen, aber sie verscheuchte das Gefühl. Warum hätte sie's wissen sollen, was ging der Mann sie an? Chefredakteur eines bürgerlichen Blattes, für das sie, zwecks Broterwerbs, „Interessantes aus aller Welt“ ausschnitt und übersetzte ... Sie hatte auch einen andern Zweck in der „Svoboda“, aber an den musste sie sich erst ausdrücklich erinnern. Sie schämte sich. Es schien ihr fast, als sei ihr der andre Zweck – derselbe, den Rýma in der „Svoboda“ verfolgte – etwas abhanden gekommen.

Mai war's, und so wunderschönes Wetter, nein, heute nichts Schweres, nichts Quälendes denken, morgen wieder, oder in der Nacht, wenn man ohnedies nicht einschlafen kann ... Aber, wie heisst er mit Vornamen? Plötzlich schien es ihr sehr dringend, das zu erfahren. Sie trat in eine am Strassenrand aufgestellte Telefonzelle und schlug das Telefonbuch auf. Mein Gott, wie viele Leute heissen Svoboda! Bedřich Svoboda, Fleischerei, Bedřich Svoboda, Klavierstimmer, Svoboda Hynek, Svoboda Jan, Jaromír, Jaroslav, Svoboda Karel, Karel, Karel – auch Svoboda's können Karl heissen! – Svoboda Moritz, Ladislav, Ladislav, mein Gott, wieviele Svoboda's gibt es eigentlich; der letzte hiess Zdeněk, aber auch der war kein Chefredakteur, sondern Advokat und Verteidiger in Strafsachen, Prag II, Podskalgasse 16 .... Den Svoboda, den sie suchte, gab es nicht. Wahrscheinlich hat er eine Geheimnummer. Natürlich. Sonst hätte er doch Tag und Nacht keine Ruhe in seinem Haus.

Als sie aus der Telefonzelle trat, fiel ihr ein, dass sein Name doch irgendwo in seiner Zeitung stehen müsse .... zu dumm. Fünf Monate les' ich täglich die „Svoboda“ und weiss noch nicht mal, wie der Chefredakteur mit Vornamen heisst. Ich muss doch gleich mal in der „Svoboda“ nachsehn .... Sie trat in's Café „Slavia“, an der Ecke, gegenüber dem Nationaltheater. Am hellerlichten Vormittag ins Kaffeehaus, das hatte sie schon lange nicht mehr gemacht, seit den ersten, verstörten Prager Tagen im

Oktober nicht mehr. Damals war sie zwischendurch, bei dem stundenlangen Warten auf dem Fremdenamt der Polizeidirektion, schnell einmal die zwei Blocks entlanggelaufen bis zum „Slavia“, um überm Fluss den Hradschin im Herbstnebel aufsteigen zu sehen ......

Sie setzte sich an einen Fenstertisch und schaute. Heute war kein Herbstnebel, der Himmel war von seltenem Blau, nur ein paar weisse Wölkchen tanzten um die Türme des Strahover Klosters. Der Dom, die Burg, das erzbischöfliche Palais, das Schwarzenberg-Palais, die Schlossmauer, und an sie und unter sie geschmiegt, das Häusergewimmel der Kleinseite mit der silbrig-grünen Kuppel von Sankt Niklas, das alles machte ein Ganzes aus, schwang sich vor ihrem Blick quer über den Horizont, dehnte sich über dem schimmernden Fluss wie ein edelgelagertes Tier. Hanna schaute entzückt über die Moldau hin.

Wie hatte sie jemals über diese Grenze hinausgelangen, hinausverlangen können? Die siebzehn Jahre in Deutschland erschienen ihr mit einem Mal wie ein Fremdkörper in ihrem Leben. Wie eine mit Papier umwickelte, mit Bindfaden verschnürte Schachtel, gefüllt mit lauter nichtigem Kram, die man in einen Koffer voll wirklicher Dinge gesteckt hat, und die man mit einem Mal nicht mehr braucht: man hebt die Schachtel heraus, die wirklichen Dinge bekommen ihren usurpierten Platz zurück, schlagen über der Lücke zusammen, es fehlt nichts ....

Sie hob die siebzehn Jahre Deutschland aus ihrem Leben heraus und legte sie neben sich hin. Vor der Welt, in die sie jung, trotzig und sehnsüchtig dereinst hinausgezogen war – „hinaus“ sagten die Prager, wenn sie „nach Deutschland“ meinten – wie recht sie hatten! – zog sich der Vorhang des Hradschin zusammen. Ein Akt war aus, vielleicht ein ganzes Stück, wer konnte das wissen ....

Hanna war versunken in die blau-grau-golden vibrierende Stadtlandschaft da drüben. Sie dachte nicht, sie grübelte nicht, sie fühlte nur: Hier hätte ich immer sitzen und schauen sollen, hier ist zuhause, hier ist Ruhe, und die Ohren klangen ihr voll langvergessener geheimer Melodie.

Ein Kellner hatte ein Tablett mit Wassergläsern vor sie hingestellt und fragte schon zum dritten Mal, was sie nehmen wolle. Sie wachte auf und richtete ihren verschweiften, bodenlos gewordenen Blick auf den Kellner, dann in das Lokal. Da sah sie, dass von einem etwas entfernteren Tisch ein Herr sie angelegentlich anstarrte. Als er ihren Blick traf, grüsste er schnell mit einer Neigung des Oberkörpers. Dann stand er auf und trat zu ihr.

„Also sind Sie's doch!“ sagte er freudig. „Ich habe mir schon zehn Minuten den Kopf zerbrochen, ob Sie's sind; es ist ja schon so lange her!“

Hanna konnte das angenehme Gesicht mit dem blonden Schnurrbart und die freundlich schauenden grauen Augen hinter der Brille mit niemandem identifizieren.

„Das muss wohl ein Irrtum sein“ murmelte sie, während ein Kind in grüner, goldbeknöpfter Uniform einen Packen Zeitungen vor sie auf das Marmortischchen legte, die „Svoboda“ obenauf.

„Erinnern Sie sich denn nicht mehr an das Zweierspital?“ fragte der Fremde. „Sie haben mich doch gepflegt!“ Er wies mit der Hand auf eine rötliche Narbe, die ihm am rechten Auge vorbei über die Schläfe lief. „Mein Kopfschuss von der Schlacht bei Rawaruska ....“ Er war so aufgeräumt, als erinnere er sie an einen gemeinsam verbrachten Sylvesterball.

Gewiss erinnerte sich Hanna an das Zweierspital, das K.u.K. Militärspital Nr. 2 gegenüber dem Rudolfinum, wieviele Konzerte hatte sie in ihrer Jugend dort gehört, Mozart, Brahms, die letzten Streichquartette von Beethoven, und, inmitten eines tosenden Skandals mit Pfeifen und Trampeln, Schönbergs „Pierrot Lunaire.“ Jetzt gab es keine Konzerte mehr im Rudolfinum, in dem Haus am Kai hatte sich das Parlament etabliert .... Gewiss erinnerte sie sich an das Zweierspital, aber nicht an diesen Herrn mit Schnurrbart und Brille, überhaupt nicht an Gesichter.

„Es ist so lange her“ sagte sie entschuldigend. „Und Sie haben damals wohl anders ausgesehen ... ich hatte so viele Patienten ...“

„Ja, natürlich“ erwiderte zustimmend der Mann. „Und ich bin ja dann auch bald weg nach meiner Operation, in die Heimat nach Ungarisch-Hradisch. Aber Sie, Sie haben sich garnicht verändert ... nur eine andere Frisur“ fügte er hinzu und schaute auf ihr nach Männerart knapp und glatt verschnittenes Haar. „Uebrigens weiss ich garnicht, wie Sie damals frisiert gingen. Sie hatten immer eine Haube auf ...“

Hanna schielte vor sich auf die Zeitungen. Sie hatte gar keine Lust an jene Zeit erinnert zu werden, die schon so unendlich lange zurücklag. Sie hatte auch gar keine Lust, sich mit diesem fremden Herrn zu unterhalten, obzwar er ganz nett aussah. Ein Herr und eine Dame waren herangetreten, standen am Nebentisch und versuchten sich bemerkbar zu machen.

„Ich glaube, es sucht Sie jemand“ bemerkte Hanna. Er blickte sich um und grüsste das Paar.

„Ja, ich habe zwei Klienten hierherbestellt, zu einer Besprechung ... wie schade! Wir haben uns zwanzig Jahre nicht gesehen! Wieso sieht man sich zwanzig Jahre nicht, wenn man in derselben Stadt lebt ....?“

Hanna antwortete kurz, sie habe fast die ganze Zeit im Ausland verbracht.

„Ja dann ...“ meinte er. „Aber wir müssen uns unbedingt wiedersehen! Sie haben mich damals so gut gepflegt! Bleiben Sie jetzt eine Weile hier?“ fragte er, man wusste nicht, meinte er in Prag oder im Café Slavia. Der Herr am Nebentisch machte ihm schon wieder Zeichen.

Nein, sie bliebe nicht mehr lange, erwiderte Hanna, sie müsse fort.

„Aber wir müssen uns wiedersehen!“ insistierte der Mann und stand auf. „Hier ...“ – er griff nach seinem Portefeuille – „hier ist meine Adresse. Rufen Sie mich an! Aber wirklich!“ Er schüttelte ihr herzlich die Hand und verschwand mit dem Ehepaar im hinteren Teil des Saales.

Hanna schaute auf den Hradschin hinaus. Auch vom Fenster des Verbandsaals im Zweierspital hatte man den Hradschin gesehen, im Herbstnebel, im Frühjahrsglanz, im Vollmond, wenn man Nachtdienst gehabt hatte. Sie erinnerte sich fast körperlich an das Glücksgefühl, an das mächtige Lebensgefühl, das sie zwischen all dem armen, schuldlos geschändeten Menschenfleisch empfunden hatte, wenn sie, atemholend zwischen zwei Stössen fieberhafter Arbeit, ans Fenster getreten war. Sie erinnerte sich an bestimmte Wunden, sah noch deutlich den offenen Bauch des einen, die eiternde Oeffnung an der Schläfe des andern, merkwürdig, dass man angesichts so viel grässlichen Elends sich hatte glücklich und froh fühlen können, vielleicht war es das Glück über den eigenen, gesunden, jungen, kräftigen Körper neben all denen, die da so jämmerlich lagen, aber an Gesichter erinnerte sie sich nicht, nein, das nette Gesicht mit den freundlichen Augen war ihr völlig unbekannt. Sie nahm die Visitkarte auf, die er auf dem Tisch hatte liegen lassen.

„Dr. jur. Zdeněk Svoboda, Verteidiger in Strafsachen,

Podskalgasse 16“ stand darauf ... Wie sonderbar! Vor einer Viertelstunde hatte sie diesen Namen gelesen, als sie, unter vielen Unbekannten nach eines andern Svoboda's Vornamen gesucht hatte! Sie besann sich darauf, warum sie hierhergekommen war und nahm von dem Zeitungsstapel die „Svoboda.“ Alles heisst Svoboda, dachte sie, Freiheit, alles heisst Freiheit, was nennt sich nicht alles Freiheit ....

Sie suchte auf der letzten Seite, unten, unter den letzten Inseraten: „Gegründet 1932 ... gedruckt in der Svoboda-Druckerei A.-G. .... Herausgeber: Vilém Kohout (wer ist das? Nie gehört!) – ... Verantwortlicher Redakteur: Jindřich Vokáček ...“ Nein, sein Name stand nicht da. Wahrscheinlich, weil es ihm lächerlich vorgekommen war, dass der Verantwortliche so heissen sollte, wie seine Zeitung. Oder ...? Sie wusste von Deutschland her, aus der Partei, dass man als Verantwortlichen einen unbekannten Redakteur anführte, damit, wenn es eine Strafe abzubüssen galt, nicht die wichtigen Leute ins Gefängnis mussten ... Sitzredakteur nannte man das. Vokáček eignete sich wirklich dazu, er war so behäbig, so gemütlich-treuherzig, weit mehr dazu eignete er sich, als zwischen den Parlamentsdebatten da drüben im alten Rudolfinum den roten Faden der Realpolitik herauszuangeln ... Aber was, in einem bürgerlichen Blatt braucht man doch keinen Sitzredakteur, die bekommen höchstens Geldstrafen ...

Hanna schaute auf die Uhr, zahlte ihren Kaffee und ging. Sie hatte noch viel Zeit und beschloss, zu Fuss zum Bruder zu gehen.

Die Schützeninsel zog sich grün unter der Brücke hin, einzelne Kastanien blühten schon, rot und weiss stachen ihre aufrechten Kerzen durch die Blätter. Die Sonne schien fast sommerlich warm, ein Himmel von seltener Bläue – fast immer war er grau über der grauen Stadt – wölbte sich über den alten Häusern der Kleinseite. Musik schwang durch die engen, besonnten Gassen, Mozartsche Musik. Aber es war nicht der liebenswürdige salzburgische Mozart der „Entführung“ und des „Figaro“, es war der Mozart der Don Juan-Ouvertüre, die hier in Prag entstanden war in einer einzigen Nacht, die schicksalsschweren Schritte der Molltonleiter aus der Don Juan-Ouvertüre waren es, die man in diesen Gassen schritt, auch wenn sie, selten einmal, im Sonnenlicht lagen ... An Don Juans noble Baritonstimme dachte Hanna, wie sie sie vor langen Jahren zuletzt gehört hatte, in demselben Landestheater, in dem sie vor fast hundertfünfzig Jahren zum ersten Mal erklungen war. Sie dachte an Don Juans lebhafte, schwingende Baritonstimme, an sein Gesicht im letzten Akt, wo, unter den drohenden Sekundenschritten der Molltonleiter, der Steinerne Gast erscheint, und summte: „Nimmer hätt' ich Euch erwartet, doch willkommen seid Ihr mir ...“ und dann fiel ihr wieder jenes andere, schmale, dunkle Gesicht ein, zu dem sie keinen Vornamen wusste.

Während sie durch die graziöse und melancholische Barockwelt des alten Prag schritt, dachte sie an seinen Vornamen, nannte ihn Rudolf, Jaromír, Friedrich, Heinrich, nichts wollte ihr passen zu seinem Gesicht, das weder tschechisch noch deutsch aussah, eher südamerikanisch oder levantinisch. Vielleicht heisst er Karl, dachte sie erschrocken, aber sie verscheuchte den Einfall; und dann fielen ihr absurde Namen ein, Emmerich, Erwein, Luitpold, Severin, Hektor, Julian ... und sie lachte, weil das wohl die Namen von ihres Bruders nobler Bekanntschaft waren, deren Palais sich hier rechts und links von ihr aufreihten.

Und damit war sie unversehens bei ihrem Bruder angelangt und fragte sich mit Groll über sich selbst, ob sie sich wohl je die ewig gekränkte Liebe zu ihm würde aus dem Herzen schlagen können.

Dass es Liebe war, dennoch, trotz alledem, trotz Hass, Verachtung, Spott und Gleichgültigkeit, das war ihr noch garnicht so lange klar geworden. Vor vierzehn Tagen, als Heini bei Tisch zum ersten Mal ohne Witzelei mit ihr über die Entwicklung der Welt, Europas insbesondere, gesprochen, und mit ziemlicher Nüchternheit festgestellt hatte, dieses Zeitalter gehe ja nun wohl sicher seinem nahen Ende zu, und was dann? Und Hanna hatte eingehakt mit marxistischen Erklärungen über Konzentration und Staatskapitalismus, aber da hatte der Bruder das Gespräch schnell abgebrochen mit einer Frage, die spöttisch herauskommen sollte: „Und was werdet Ihr Roten mit so einem wie ich bin im Sozialismus anfangen?“ Spöttisch hatte es herauskommen sollen, aber es war Angst, Ratlosigkeit, ja so etwas wie Verzweiflung über ein falsches Leben durchgeklungen. Und in Hanna war es unerklärlich aufgewallt und sie hatte hinter dem hübschen, schon etwas schwammigen Durchschnittsgesicht des Bankiers das strahlende, zukunftsbereite Knabenantlitz von einst gesehen, und hatte gefühlt: arm bist Du, arm, mit all Deinen Safes und Klubfauteuils ... und es hatte ihr leid getan, dass die Revolution ihrem Bruder das alles bald wegnehmen würde. Sogar um die kitschige, in die Wand geschobene Tischleindeckdich-Bar hatte es ihr leid getan, und doch gewiss nicht, weil sie an all der Pracht einen Anteil gehabt hätte: sie hatte keinen. Ihr kleines Erbteil war längst bis auf einen Rest aufgezehrt gewesen, und den Rest hatte Hitler genommen, mit all dem andern, und der reiche Bruder hatte ihr, in den sieben Monaten, seit sie nun wieder daheim war, nicht mehr angeboten, als das wöchentliche Couvert an seinem Tisch ....

Vielleicht bietet er mir nichts an, weil er sich vor meiner vorwurfsvollen Ablehnung scheut? hatte sie gedacht, ebenso unvermutet, wie das andere. Vielleicht ist seine ostentative Sicherheit, diese Art, nicht zuzuhören, mich nicht ernst zu nehmen, mir seine Geringschätzung bei jeder Gelegenheit so deutlich zu zeigen, vielleicht ist das alles nichts als Angst vor mir, und gekränkte Liebe? Auch ich, ja, habe nicht auch ich ihn verraten, als ich fortging, „hinaus“ zu den Fremden? Und ist mein Leben, meine Gesinnung nicht ein ständiger Vorwurf für ihn? Undeutlich dämmerte ihr auf, dass die Gestaltung ihres gesamten Lebens in dunkler Weise mit der Beziehung zum Bruder zusammenhing. Wie ein Kontrapunkt, der sich unter vielen Melodien und Harmonien immer wieder zu Wort meldet ... Ja, bei allem, was sie getan, gewollt, erreicht hatte, war immer insgeheim die Spannung gewesen: Vielleicht diesmal ... vielleicht wird diesmal ein Echo von Heini kommen ... und sie hatte sich scharf kritisiert deswegen, und hatte Karl beschämt und reuevoll recht gegeben, wenn er hellsichtig sagte: „Mach Dich doch endlich frei von dieser bürgerlichen Familie und denke nicht mehr an den herzlosen Snob ...“

Vielleicht war jetzt alles anders. Es war ja schon so vieles anders geworden in diesen Monaten. Nicht nur mit Heini – ach, mit dem eigentlich am wenigsten – denn ihre undeutliche Erkenntnis seiner verdrängten Liebe zu ihr, ihrer verdrängten Liebe zu ihm, war ebenso plötzlich wieder aus ihrem Bewusstsein verschwunden, wie sie ein paar Wochen zuvor plötzlich darin aufgetaucht war, und es kam garnicht in Frage, dies etwa, wenn auch nur von fern,

jemals zur Sprache zu bringen .... Aber so vieles war anders geworden.

Auch die Stadt war so anders. Von drüben, vorhin, vom andern Ufer aus, hatte es ausgesehen, als läge die Kleinseite und der Hradschin dort wie eh und je, kam man aber in die Nähe, war alles verändert. Früher war man träumend und einsam durch die engen Gassen, über die stillen Plätze gewandert, Pensionisten, Liebespaare, Maler und Dichter hatten das spärliche Publikum des alten, verträumten Stadtteils gebildet. Jetzt hatten viele Strassen neue Namen bekommen, über den Fassaden vieler Barockpalais prangten grosse Schilder von Staatsämtern oder von Gesandtschaften, viele Autos parkten auf den Plätzen oder rollten schnell die schmalen Gassen zur Burg hinan und herab, in den Höfen der Burg selbst – früher war hier niemand gegangen, nur dann und wann ein Trupp Schulkinder, die unter Führung eines Lehrers die Wunder des Vladislav-Saals, der Wenzelskapelle, des Nepomuk-Grabes besichtigen kamen – selbst in den Höfen der Burg eilte jetzt geschäftiges Leben, der Präsident wohnte hier, ein Ministerium war hier untergebracht, sogar ein Telegrafenamt gab es, und vor dem grauen Gemäuer des Doms hatten sie, ganz unpassend, einen grellweissen Obelisken aufgepflanzt ... Und war man durch die Höfe hindurch und hinüber über die Staubbrücke, dann begann ein ganz neues, unbekanntes Viertel mit lauter modernen Häusern in breiten, baumbesäumten Strassen.

Auch Heini wohnte hier, in einer neuen Strasse, in einem neuen Haus. Heini war nicht mehr Heini, war Herr Kommerzialrat Jindřich Ašpach, (mit tschechischer Orthographie), und seufzend klingelte Hanna an dem weisslackierten Gartengitter.

Es war noch ein Gast da, Grossindustrieller aus der Provinz mit weltmännischen Allüren und Fortschrittsgesinnung. Er war eben aus Russland zurück und zeigte sich überrascht von dem vielen Neuen, Grossartigen, maschinell-Bewegtem, das er dort gesehen. Die Maidemonstration auf dem Roten Platz, zehntausende von prächtigen Sportlern, die Tanks, die Flugzeuge, imponierend. Die ausländischen Gäste waren hervorragend empfangen und bewirtet worden, er seinesteils hatte für seine Firma eine beachtliche Röhrenlieferung mitgebracht.

Rosita hatte den schwarzen Kaffee im Garten servieren lassen, die Fliederbäume blühten weiss und lila, und man begann vom Garten zu sprechen, den Heinrich Aschbach kürzlich von einem englischen Gartenarchitekten hatte neu herrichten lassen. Was es alles gibt, dachte Hanna, sogar englische Gartenarchitekten ... „Das Land der Zukunft“ hatte der weltmännisch gestikulierende Fortschrittsmann gesagt. Was sollte man da noch glauben? „Also ... da kann man in Russland also wirklich auf sauberen Tellern essen?“ hatte die schöne Schwägerin zaudernd gefragt. Und hatte sich belehren lassen müssen, dass man nicht nur auf sauberen, sondern, man höre, sogar auf silbernen Tellern gespeist hatte, nämlich im Aussenhandelskommissariat, wo für die Industriellendelegation aus dem Westen ein Banquett gegeben wurde. Und neben jedem Couvert war ein schön gebundenes Paket gelegen, russisches Parfum und russischer Kaviar, für die im kapitalistischen Ausland verbliebenen Gattinnen ....

Heinrich Aschbach schaute die kommunistische Schwester zweifelnd an. „Das Land der Zukunft“ hatte auch sie immer gesagt, aber hatte man es glauben können? Nun hörte man es aus autorisiertem Munde! Er erwähnte auf jeden Fall, dass er durch seine Familie Beziehungen zur Sowjetunion habe. Aber Hanna sagte nichts. Sie war traurig. Sie dachte an das heroische Hungern der Massen zur Zeit des ersten Fünfjahrplans, das sie mit Augen gesehen, verstanden, gebilligt, nach ihrer Rückkehr in Deutschland optimistisch gerechtfertigt hatte. Nun war man im zweiten Fünfjahrsplan, die Massen hungerten heroisch weiter, die Stachanow-Leute konnten es schon zu Einfamilienhäusern mit Geranienstöcken vor den Fenstern bringen, wenn sie die weniger Geschickten, weniger Flinken im Arbeitstempo ausstachen. (Hatte man das nicht in der Agitation lang genug „Akkordschinden“ genannt und als schlimmste kapitalistische Ausbeuterei angeprangert?) Und die ausländischen Grossindustriellen assen gar von silbernen Tellern, und kamen, mit Kaviar und Parfum beschenkt, des Lobes voll, in ihre demokratisch-rückständigen Vaterländer zurück ....

Vieles war anders geworden, spürte Hanna, wohin man auch hörte, in die Welt, in sich hinein, so vieles war anders geworden. Man konnte kaum mehr ohne Zweifel auskommen, und die Argumente der Kominternpresse schienen oft so gequält und burlesk mit ihrer Beschwörung der heiligen Dialektik, als wäre es die heilige Cäcilie oder die heilige Magdalena. Eher die heilige Magdalena, dachte sie mit bitterer Belustigung, es war so viel Busse und Reue für Jugendsünden in den Auslegungen der Partei ... So vieles wurde über Bord geworfen.

Sie dachte es nicht gern. Immer mehr misstraute sie ihren Gefühlen, je länger sie der langsamen, unmerklichen Beeinflussung in der „Svoboda“-Redaktion ausgesetzt war. Je besser es ihr dort gefiel, je heimischer sie sich fühlte, je angenehmer der saloppe, abgebrühte „Mir macht man nichts vor“-Ton der bürgerlichen Redakteure, an der Spitze der schläfrig-abgebrühte Karlíček, abstach von dem klischiert-optimistischen Parteijargon, desto gefährlicher für ihre innere Klarheit und Sauberkeit schien ihr das Doppelleben, das sie zu führen begonnen hatte. Man musste sehr auf der Hut sein, am meisten vor sich selbst, durfte sich nichts durchgehen lassen ....

Während Rosita Kaffee nachschenkte und der Gast mit ihrem Bruder die Möglichkeiten einer internationalen demokratischen Anleihe für die Sowjetunion erwog, dachte Hanna daran, dass sie heute abend, nach längerer Zeit, wieder einmal einen kleinen Parteiauftrag zu erledigen hatte. Man zog sie nicht recht heran, obzwar sie sich nie einer Arbeit verweigerte. Vielleicht misstraute man ihr; wie denn auch nicht, sie selber misstraute sich ja fast schon. Und was sie in der „Svoboda“ für die Partei hatte leisten können, war wirklich kläglich ... Was immer sie an Nachrichten und Interna aufgeschnappt hatte, in der Umbruchstunde, und beim Kaffee im Büro des Nachtredakteurs, war, wenn sie es weitergab, schon bekannt, wohl durch Rýma. Die Setzer brauchte sie nicht zu organisieren, keine Zelle zu bilden, das hatten die selbst längst getan, und hatten neulich, als es um die Bezahlung der Nachtschicht ging, sogar einen erfolgreichen zweitägigen Streik gemacht, was sie freilich nicht hinderte, nach wie vor lieber Filmstars und Boxmatadore über ihren Arbeitsplätzen aufzuhängen, als marschierende Rotarmisten und Lenins verschmitzten Kaukasierkopf. Vielleicht hatte man Hanna in die „Svoboda“ garnicht geschickt um dort zu „arbeiten“, neben ihrer Arbeit, sondern um sie auf die Probe zu stellen? Probe ... man konnte, wenn man täglich Karlíčeks zynisch-naive Analysen, das salbungsvolle Gerede des Leitartiklers hörte, die „Linie“ wahrhaftig nicht mehr in untadeliger Parteisprache ausdrücken – es war in gewisser Hinsicht ein Verderb, dass sie gerade

in einer Redaktion arbeiten musste. Sie hätte vorgezogen, in einer Versicherungsagentur Tabellen zu tippen.

Vielleicht waren das alles nur Frühlingsgedanken. Der Flieder duftete so herzzerreissend, und sie war heute morgen etwa drei Stunden zu Fuss gegangen, war's nicht mehr gewöhnt, wie weit waren die Wanderungen mit Karl im bayrischen Gebirge, auf die Rote Wand zum Sonnenaufgang, und am selben Tag noch auf den Wendelstein ....

Hanna war mit einem Mal so müde und, sie wusste selbst nicht recht warum, so niedergeschlagen, dass sie sich schnell verabschiedete. Der Bruder meinte: „Du hast die ganze Zeit geschwiegen ... ich dachte, das wäre nun gerade ein Thema, das Dich interessiert ...?“ Aber sie lächelte nur und erklärte, dass sie Kopfschmerzen habe.

Der Bruder hatte ihr eine Chance geben wollen, verstand sie. Gewiss nicht, um sie, Hanna, ins Licht zu stellen; vielmehr um mit ihrer Russlandbegeisterung ein kleines Gesinnungsgeschäft zu machen. Ja, sie hatte eine Chance verpasst. Unterstützt von dem sowjetfreundlichen Grosskaufmann, hätte sie heute über Heini triumphieren können: siehst Du, Du willst es mir immer nicht glauben ... da siehst Du, das ist mein Russland, das sind meine Genossen! Aber waren es noch ihre Genossen? War es noch ihr Russland?

* * *

6. Kapitel

Einsamkeit in Prager Cafés – Karl ist schon ein Jahr fort – Die Russen sind gute Diplomaten – Macht nicht soviel her mit der sexuellen Frage! – Rendez-vous auf einer Stadtparkbank – Budenangst – Don José verrät die Fahne – Auch Genosse Rýma ist desertiert – Politik ist ein dreckiges Geschäft – Das „eigentliche Leben“.

Der Fremde, der nach Prag kommt, wundert sich über die Unzahl von Kaffeehäusern und darüber, dass sie so anders sind, als die Cafés von Berlin, Rom oder Paris. Allein auf dem Wenzelsplatz gibt es an die dreissig, alle sind sie weiträumig und gross, und trotz des starken Besuchs, der schon zu mittag einsetzt und nach dem abendlichen Kino oder Theater mächtig anschwillt, immer ziemlich still. Die meisten Leute gehen ins Café, um die Zeitungen zu lesen und brüten dabei oder daneben einsam über ihrem Schwarzen. Aber nicht nur die grossen, modernen Lokale der Hauptstrassen sind mit Zeitungen und Zeitschriften reichlich versehen, auch in den Aussenbezirken, auch in den stillen Seitengassen kann, wer Lust hat, irgendwo eintreten und zwei Stunden einsam sein und lesen.

Hanna hatte, solange sie als junges Mädchen im Elternhaus lebte, kaum Kaffeehäuser besucht; sie wirkten auf sie, wie auf die Fremden. Wie sonderbar das ist, dass die Prager alle ins Kaffeehaus laufen, und nicht etwa nur die Bohemiens, die Einzelgänger und die unternehmungslustigen Damen, nein, auch Familienväter und brave Hausfrauen laufen ins Kaffeehaus und zwar nicht familienweise, sondern meist getrennt, zu verschiedenen Tageszeiten, in verschiedene Lokale. Sie laufen, um sich mit jemandem zu treffen. Aber das ist nur der Vorwand für das tiefere Motiv: die hierherkommen, suchen im Grunde nur einen geselligen Rahmen für die eigene Einsamkeit. Sie werden hierhergetrieben von einem Zustand, den die Studentensprache „Budenangst“ nennt, er ist, wie es scheint, bei sehr vielen Pragern ein permanenter Zustand der Seele. An einem Ort, wo viele Menschen zusammensitzen, brütend über ihrem kaltgewordenen Kaffee, eine Zeitung in der Hand, über die hinweg sie ins Leere starren, da vergisst der Einzelne, dass er einzeln ist, vergisst für eine Stunde die unerlösbare Einsamkeit des Menschseins.

Im „Continental“, einem der wenigen deutschsprachigen Cafés, drängten die Emigranten sich aneinander. Ihre „Budenangst“ hatte einen noch härteren, noch realeren Grund, trostloses Unbehagen erwartete sie an dem Ort, den sie, gedankenlos, oder mit bitterem Spott, „zuhause“ nannten. In lauten, überdeutlich akzentuierten Gesprächen bezeigten sie eine Heftigkeit und ein Interesse am jeweils besprochenen Thema, das den Prager Stammgästen Misstrauen einflösste: Was zankten sich denn diese Reichsdeutschen immerfort? War denn das Kaffeehaus nicht eine Stätte des Friedens, geschaffen von verständnisvollen Grosstadtgöttern, dass man für eine Stunde entrinnen könne dem ewigen Hader zwischen Ich und Ich?

Am Anfang ihrer Emigrationszeit war Hanna oft ins „Continental“ gegangen, hatte Leute wiedergetroffen, die sie aus Deutschland kannte, andere neu kennengelernt, hatte diskutiert und diskutiert. Aber die Heftigkeit und das aufgepeitschte Interesse am jeweils besprochenen Thema, war ihr schnell peinlich geworden. Hier, wo sich die Reichsdeutschen schon in Redeweise und Stimmklang so auffällig von den Heimischen unterschieden, war Hanna schmerzhaft zu Bewusstsein gekommen, wie wenig sie im Grunde dazugehörte – zu den einen nicht, zu den andern auch nicht – ...

Als sie eintrat, wurde sie von vielen Tischen gegrüsst und mit Winken und Zurufen zum Herantreten eingeladen. Aber sie nickte Nein und setzte sich an eine Fensterbank. Der Ober Gustav, der die speziellen Neigungen jedes Gastes aus dem Kopf wusste, auch dessen, der nur zwei- oder dreimal dagewesen war, auch dessen, der nach jahrelanger Abwesenheit wieder einmal auftauchte, rief dem Bedienkellner zu „Eine Schale Gold und ein Kipferl!“ und legte das „Tagebuch“ und die „Weltbühne“ vor Hanna hin. Aber sie schlug die Zeitschriften nicht auf, sie zog den Brief aus der Tasche, den ihr der Portier vorhin eingehändigt hatte, als sie von zuhause, das heisst aus dem fremden Haus, in dem sie wohnte, weggegangen war. Sie hatte den Brief nicht stehend in der Halle lesen mögen, hatte ihn in die Tasche gesteckt und den ganzen Weg über in der Tasche mit der Hand festgehalten.

Auf dem Couvert stand der Stempel der Gefangenenanstalt. Zehn Tage hatte der Brief gebraucht von Plötzensee nach Prag. Hanna wischte das Blatt ab, ehe sie es las, wie viele unehrerbietige Hände mochten darüber gefahren sein, das Leben ist grotesk, wie stellt sich denn eine Uniform mit Hakenkreuz zwischen sie und Karl, nie kann man das begreifen, auch wenn man es weiss .... Und es ist ja nun schon so lange her, dass man sich beinah daran gewöhnt hat und nur dann und wann noch erschauert, bei einem Anlass, ohne Anlass erschauert man schon nicht mehr.

Karl schreibt von kleinen Dingen, er lernt französisch mit seinem Zellengenossen, es ist jetzt ein anderer, was ist aus dem Lehrer geworden? Er sieht vor dem Fenster

eine Birke, nur die Wipfel, aber immerhin, es ist eine Birke, das ist gut, er liebt Birken so sehr, ihr gespenstiges Wintergeäst, das in Mondnächten so unirdisch zart gegen den Himmel steht, ihre graziösen Zweige, wenn sie sommers dicht belaubt sind und die weisse, fleckige Rinde noch weisser erscheinen lassen, vor allem aber die Frühlingsbirken mit ihrem hellgelben Geriesel winziger Blätter, Mädchenbirken hat er sie genannt. Das ist gut, dass er eine Birke hat. Gesund ist er – das ist gut. Sonst steht nicht viel in dem Brief, kleine Dinge, von den grossen der Welt weiss er wohl nichts mehr, ein Jahr ist er von ihr fort, von der Welt fort, Uniformen mit Hakenkreuzen stehen dazwischen.

Auch Luises Mann ist schon mehr als ein Jahr fort. Da kommt Luise mit ihrem ordentlich gescheitelten Haar – sie geht ohne Hut, wie deutsche Mädchen –, mit ihrem ruhigen, angenehmen Gesicht. Sie kommt nicht allein. Sie hat Kurt mitgebracht. Kurt ist ein Genosse, der vor kurzem aus dem Zuchthaus entlassen und über die Grenze gegangen ist, und der hier, wie Hanna schon weiss, sehr rührig arbeitet. Er geht fast jede Woche nach Deutschland als Parteicourier, eine arge Sache. Viele werden weggeschnappt. Aber Kurt ist einfach und unerschrocken, die zwei Jahre Haft haben ihn nicht erschüttert, er will keinen Parteiurlaub, will nicht verschnaufen; er hat ein unwissendes und überzeugtes Gesicht, wie Ernst, der Hanna seinerzeit über die Grenze gebracht hat, wie viele tüchtige Genossen, die rührig und unerschrocken tun, was die Partei verlangt, wie die andern, die mit dem Hakenkreuz ....

Schade, dass Kurt mitgekommen ist. Hanna hätte heut gern allein mit Luise gesessen. Sie pflegte ihr kaum ihre inneren Bewegungen, ihre Zweifel, Grübeleien, ihren häufig bedrückenden Kleinmut mitzuteilen, noch weniger ihre seltenen, plötzlichen Jubelaufwallungen, die sie selbst unverständlich und unangebracht findet. Aber mit Luise von kleinen, nüchternen Dingen zu sprechen, wie man sich einen Sweater färbt, dass die Farbe nicht ausgeht, oder von Semmelknödeln, die Luise – sie hat jetzt einen Ganztagsposten bei einer berufstätigen Witwe – nicht recht zu bereiten versteht, der Witwe sind sie immer zu fest ... das sind gute, handfeste Gespräche, man sieht doch, wie man das Leben anpacken müsste. Luise hat auch den Mann im Zuchthaus, lebt allein, klösterlich, wie sie selbst, schon mehr als ein Jahr, bekommt auch nur alle vier Wochen einen Brief und hält sich doch so tapfer.

Da kommt Max gelaufen mit einer grossen Neuigkeit, er hat sie eben am Radio gehört: die Sowjetunion hat einen Pakt mit Frankreich abgeschlossen. Sofort ist alles absorbiert, eine heftige Debatte hebt an, in lautem, überdeutlich akzentuiertem Ton. Kurt ist begeistert über die Klugheit der russischen Diplomatie, die sich überall Freunde und Verbündete schafft, aber Otto, der mit Max gekommen ist, der seine englische Pfeife nie aus dem Mund nimmt, aus Hamburg ist und schon 1923 mitgekämpft hat, schüttelt besorgt den Kopf: da werden die französischen Genossen jetzt das Militärbudget bewilligen müssen, und die Arbeiter werden das nicht verstehen und es ist ein Unheil, dass die Partei solche Konzessionen machen muss; mit dem Eintritt in den Völkerbund – Lenin hat ihn eine Bande von Strolchen genannt! – hat das angefangen, Max findet das eine „Schweinerei“ und Kurt murmelt spitz etwas von „ultralinke Abweichung“, Hanna sagt garnichts, Luise sagt begütigend: „Hört doch auf zu streiten!“ und schaut sich wie zufällig im Café um. Hier verkehren vielerlei Spitzel, man muss aufpassen, man kann der Polizei denunziert werden, man kann auch der Partei denunziert werden, man weiss nicht, was peinlicher ist.

Hanna kommt es in den Sinn, dass die letzten Male, wenn sie mit Luise zusammen war, immer Kurt erschien, oder eine Verabredung mit Kurt bevorstand und Luise vor der Zeit wegging. Obzwar das auf das Natürlichste zu erklären ist – schnelle Freundschaft in der Emigration, Kurt wohnt zufällig im selben Häuserblock wie Luise, vielleicht arbeiten sie auch was zusammen für die Partei – heute war es Hanna irgendwie unbehaglich. Sie hörte zu, wie die andern diskutierten, das Gespräch hat umgeschwenkt, jetzt ist man bei der proletarischen Kunst, und sah Luise an und sah Kurt an. Warum nicht? Sie kannte Hans nicht, der Verkäufer im Warenhaus Tietz und Bezirksleiter der Partei in Wedding gewesen war, ehe er im Zuchthaus Luckau verschwand. Luise sprach viel von ihm, aber sie hatte nicht die Gabe der Darstellung, „er ist sehr nett“ sagte sie von ihm, „ein guter Genosse.“ Kühl klang es, Luise war kühl, sie war eine Proletarierin, da gibt es nicht viel Worte über Gefühle. Hanna kannte auch Hansens Photographie, sie zeigte ein sympathisches Gesicht mit Brille, schon etwas kahl an den Schläfen, ein guter Genosse, natürlich ... Glaubt er, dass Luise jungfräulich leben soll, während er drei Jahre fort ist, im umgekehrten Fall doch auch nicht, wer macht überhaupt soviel Wesens um die sexuelle Frage, das ist doch bürgerlicher Quatsch.

Hanna ärgert sich, weiss nicht, warum. Das Sexualleben, das Privatleben überhaupt ist nicht so wichtig, in Ordnung muss man es haben, wie, ist einerlei, aber in Ordnung: Nicht stören darf es in den wichtigeren Dingen. Eheliche Treue? Das macht untereinander ab, sagt die Partei, wir sind hinaus über die bürgerliche Monogamie, auch über das Libertinertum der Bourgeois, sagt die Partei, ist egal, wie Ihr das macht, aber seid ordentliche, zuverlässige Genossen.

Auch Karl hatte diesen Standpunkt stets vertreten, in seiner Sexualberatungsstelle, in seinen Vorträgen, auch Hanna hatte ihn vertreten, selbstverständlich, das hatte nichts mit Moral, mit Freiheit oder Unfreiheit zu tun, wurde wichtig nur, wenn es zu stören begann, und dann musste man eben von Fall zu Fall eine Lösung suchen, eine praktische, geräuschlose, ohne „Verdrängen“ und ohne „Sichausleben“ – wichtig war nur, dass man den Kopf frei hatte, ein guter Genosse war.

Sicher dachte Hans dasselbe, Luise dasselbe, vielmehr Luise dachte wohl überhaupt nicht darüber nach, so schlicht und selbstverständlich wie sie lebte. Vielleicht hatte sie eine Beziehung zu Kurt, vielleicht auch nicht, unmöglich wärs, sie danach direkt zu fragen. Aber es war auch unnötig, es war nicht aufregend, Luise tat alles ohne Aufregung, sicher auch in der Liebe.

Trotzdem war es Hanna unbehaglich zumute, und sie war schliesslich ganz froh, dass der Abend vorüberging, ohne dass sie mit Luise allein blieb. Kurt stand auf und verabschiedete sich, und kurz darauf sah Hanna, dass sie auch gehen musste. Sie hatte ja noch etwas vor.

Sie ging über den Wenzelsplatz, um diese Stunde war er leer, alle Leute waren noch im Kino, erst um elf Uhr würde es zu fluten beginnen. Beim Museum bog sie links ein, ging in den dunklen Stadtpark, in die obere Allee, begann vom grossen Nelkenbeet ab die Bänke zu zählen, eins, zwei, drei, vier. Sie setzte sich. Vom Wilsonbahnhof schlug es zehn. Sie wartete.

Ein Mann mit weichem Hut kam vorbei, promenierte in der Allee auf und ab, setzte sich dann zu ihr auf die Bank, aber ans andere Ende, reuchte. Nach ein paar Minuten sagte er, zu ihr gewendet: „Wissen Sie vielleicht, wann der Nachtzug nach Pilsen geht?“ Es war das verabredete Losungswort. Hanna zog ein Couvert aus dem inneren Fach ihrer Handtasche und reichte es ihm hin. Es war dunkel, sie konnte

den Mann nicht sehen. Er zündete sich eine neue Zigarette an, das Streichholz flammte auf, es war Kurt. Auch er erkannte sie. Hanna brach in Lachen aus.

„Ist das nicht eher ein Karnevalscherz? Da sitzen wir zwei Stunden lang am selben Tisch zusammen im ‚Conti‘ und schleichen uns fort, um uns wie die Verschwörer im dunklen Stadtpark zu treffen, mit Losungswort ... da hätt' ich Dir den Brief doch im Café geben können und Du hättest Luise nachhause bringen können; wo Ihr doch in derselben Gegend wohnt ....“

Kurt verstand das nicht.

„Du weisst, Genossin, wir von der Aussenarbeit müssen besonders vorsichtig sein ... Uebrigens konnten wir doch nicht wissen, dass wir uns vorher treffen würden, ich wusste doch garnicht, wen ich zu treffen habe ...“

„Freilich! Das ist ja wahr!“ Hanna lachte noch immer. „Aber kommt es Dir nicht dennoch absurd, ich meine komisch vor? Wie Verschwörer in einem Schauerdrama!“

Noch während sie lachte, kam es ihr nicht mehr nur komisch vor. Ein bischen unheimlich auch. Der Instruktor von der Zentrale, der Hanna und Kurt, jedem einzeln, Platz und Stunde des Rendezvous und das Losungswort mitgeteilt hatte, hätte doch Kurt den Brief selber übergeben können. Warum hatte man sie dazwischen geschaltet? Aus romantischer Wichtigtuerei? Als Atrappe der Illegalität, um sich auf dereinstige wirkliche Illegalität einzuschulen? Oder ... um Hanna auf die Probe zu stellen? Zum zweiten Mal schon kam ihr heute dieser Verdacht. Aber sie äusserte ihn nicht. Wenn sie recht hatte, so mochte Kurt eben der sein, der sie auf die Probe stellen sollte.

„Was meinst denn Du, was das bedeutet?“ fragte sie vorsichtig.

„Ich meine garnichts“ erwiderte Kurt mürrisch. „Ich tue, was mir geheissen wird und spintisiere nicht über die Partei. Wir haben hier was zu tun ... wenn die Partei einem erlaubt, dass er in die Emigration geht, so muss er hier tüchtig arbeiten ...“

Hatte sie das nicht schon einmal gehört? Ganz genau so? Ja richtig. Nur hatte es damals sächsisch geklungen, jetzt klang es thüringisch. Kein grosser Unterschied. Und sie antwortete, wie sie damals geantwortet hatte:

„Ohne Sorge, Genosse. Wo immer wir sind, ist revolutionärer Boden, sagt Marx. Sogar im dunklen Stadtpark auf der vierten Bank,“ fügte sie hinzu. Es sollte scherzhaft klingen, aber es kam etwas wehmütig heraus. Sie hatte nicht mehr die heitere Sicherheit, mit der sie vor Monaten, auf dem herbstlichen Kamm des Erzgebirges, auf Ernst's schulmeisterhafte, wenn auch, ach, so richtige Mahnung geantwortet hatte.

Kurt stand auf, sagte „Rot Front“ und ging davon, ohne ihr die Hand zu reichen.

Auch Hanna stand auf und ging. Wohin? Nachhause? Es gab kein Zuhause. Es wurde ihr eng zu Sinn, wenn sie an ihr einsames Zimmer dachte. Keine Erinnerungen, keine Hoffnungen wohnten dort. Es war eine leblose Stätte, trotz seiner sauberen Stahlmöbel und dem freundlichen Vorhang, durch den rötlich der Schein der Lichtreklamen hereinfiel. Nein, nicht dorthin, noch nicht. Aber wohin? Die Emigranten ... Fremde wie sie, deren summierte, vieldialektige Heimatlosigkeit das Gefühl der Fremdheit nur noch verstärkte. Zudem hatte sie die, die zu treffen waren, eben getroffen. Noch einmal ins „Continental?“ Sie war heute schon zweimal im Kaffeehaus gewesen, ihre Kasse war knapp. Die tschechischen Genossen .... um diese Stunde vielleicht in dem kleinen Café, wohin mindestens Jarmila, Franta und Ladislav täglich gingen. Aber es lag abseits, in der Nähe des Parteihauses, sie mochte nicht mehr so weit vom Weg abbiegen. Wen noch kannte sie in Prag, den sie um diese Stunde hätte suchen und finden können? Ach, keinen mehr!

„Auch die Heimaterde ist fremde Erde“ dachte sie und variierte unbewusst das Marxzitat, das sie eben gebraucht hatte. Ihre alten Freunde aus der Jugendzeit ... sie hatte sie wohl dann und wann auf der Strasse getroffen, auch ein- oder zweimal eine Einladung angenommen. Aber es lagen siebzehn Jahre Deutschland dazwischen und die ganze Entwicklung ihres Lebens. Weit fort war sie gelangt von den ästhetisch-sehnsüchtigen Mädchen und Jünglingen von ehedem, die Freundinnen waren seither praktische Mütter oder elegante Damen geworden, die Freunde waren Bankbeamte, Rechtsanwälte, Kaufleute, und lasen, statt des „Květen“12 und der „Aktion“ von damals jetzt die „Svoboda.“ ....

In die „Svoboda“ kann ich gehen, fiel Hanna ein, und sie freute sich plötzlich. Umbruch und Plauderstunde waren vorüber, die Uhr Ecke Wenzelsplatz und Wassergasse zeigte halbelf, aber Bílek war noch dort, und Olly, und einer der beiden Handelsredakteure, Rýma, ja, Rýma würde da sein, er wechselte mit Veverka ab im Dienst, und Hanna erinnerte sich, dass sie Veverka gestern gesehen hatte. Vielleicht gab sich Gelegenheit, mit Rýma über all dies Sonderbare zu sprechen. Sie wusste garnicht recht, was ihr am sonderbarsten erschien, das Bündnis der Sowjetunion mit Frankreich, die Verschwörung auf der Stadtparkbank, die parteioffiziöse Unwichtigkeit des Privat- und besonders des Sexuallebens, die Silberteller im Aussenhandelskommissariat, oder dies, dass der grossindustrielle Gast ihres Bruders Russland das Land der Zukunft genannt hatte.

Als sie in's „Svoboda“-Haus trat, fuhren die letzten Lastautos, hoch mit verschnürten Zeitungsstapeln beladen, aus dem Hof, und der Expeditionsleiter gab nach getaner Arbeit eben seinen Schrankschlüssel beim Portier ab. Durch die Glaswand hinten im Hof sah man die Expedientinnen herumsitzen, jetzt hatten sie Pause, bis früh um eins die Zweite Ausgabe herauskam.

Hanna ging die Treppe hinauf und klopfte an Bíleks Tür. Der Nachtredakteur hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt und hörte eine Opernübertragung an. Eine wunderbare Tenorstimme drang aus dem Lautsprecher. Wortlos wies Bílek auf den Spirituskocher, Hanna nickte lächelnd „Nein.“ Wie heimisch man sich hier doch gleich fühlte. Sie setzte sich und hörte zu.

„Warum doch fügt ta-ta es das Geschick, dass Du erschienst vor meinem Blick ...“ Hanna summte mit, wie lange hatte sie „Carmen“ nicht gehört. Wo war überhaupt die Musik hingeraten in ihrem Leben! Sie hatte keinen Platz gehabt für sie. Das Klavier, es war noch das alte Klavier aus dem Elternhaus, auf dem sie mit ihrem Vater vierhändig die Ouvertüren zur „Weissen Dame“ und „Zar und Zimmermann“ geklopft hatte, war nur an seltenen Feiertagen geöffnet worden. Musik – das war der einzige Punkt, über den sie sich mit Karl nie hatte verständigen können. Hanna wollte die Musik vor jeder rationalen Deutung bewahrt wissen, Karl analysierte, wie alles andere, so auch ihre Götter: Bach, Beethoven, Mahler, von soziologisch-historischem Standort aus. Hanna empfand das wie einen Raubzug in heiliges Land. Musik, das war für sie Versinken, sich Auflösen, Untertauchen, Gefahr, Krankheit, Wollust. Sie konnte es nicht so benennen, aber Karl spürte es und sagte, halb zärtlich, halb bitter: „Du schwelgst ja ...“

Heftige Kämpfe hatte es anfangs gegeben. Karl, der musikalisch nicht beschlagen war, hatte seine marxistische

Musikgeschichte nicht mehr als schematisch vorzubringen gewusst, Hanna, sonst so einig mit ihm in der Betrachtung und Einschätzung aller Dinge und Vorgänge, hatte das Irrationale der Musik verteidigt, voll Eifer, fast gehässig, als ginge es um eine Leidenschaft, und hatte unklar das Gefühl gehabt, sie betrüge Karl mit Bach, mit Beethoven, mit Mozart, manchmal sogar mit Wagner. „Musikfeindschaft“ hatten sie es lachend genannt, wenn das Klavier dann wieder geschlossen wurde. Und wie die Jahre vergingen, hatte es immer längere Epochen geschlossen gestanden, und war zuletzt nur noch hin und wieder geöffnet worden, um die Begleitung für ein paar Schubertlieder herzugeben, oder, zuletzt, um die „Dreigroschenoper“ zu klimpern, die Karl für den reinsten Ausdruck der Zeit erklärte.

Jetzt war das Klavier endgültig fort ... wohin? Mit den Möbeln, den Büchern, dem gesamten Hab und Gut auf irgend einem Speicher der Halle'schen Polizei, oder – wahrscheinlicher – in der guten Stube eines S.-A. Häuptlings? Heute zum ersten Mal fühlte Hanna dunkel: dort, wo früher die Musik gewesen war, war – seit langem schon – ein Loch in ihrem Leben, und in das Loch stürzten, nein tanzten nun die Klänge des Radio. Und unter diesem verführerischen Gesang, Tanz der Musik, wird der Bassist, der dem Tenor in die Quere gekommen ist, entwaffnet ... „Mein Offizier, ta-ta-ta, mein Offizier, ta-ta-ta, Da spielt die Liebe Euch fürwahr wohl einen schlechten Streich ...“ Und Don José verlässt die Fahne, er hat seine Ehre verloren, kann nicht mehr zurück, muss unter die Schmuggler gehn ... Brausendes Beifallklatschen. „Radio Milano – Roma – Napoli“ sagte die Stimme aus dem Lautsprecher und verkündete eine halbstündige Pause.

Veverka trat ein, reichte Hanna die Hand und schüttete sich Kaffee in eine der henkellosen Schalen.

„Er ist ja schon ganz kalt“ bemerkte Bílek schläfrig vom Sofa her.

Hanna riss sich aus ihrer Hypnose, stand auf und zündete den Spirituskocher an: „Kommen Sie, ich koche frischen!“ Sie hatte das in letzter Zeit schon mehrmals getan, wenn die schlitzäugige Olly, die als Telefonistin im Blatt arbeitete, beschäftigt gewesen war. Während sie den Satz und den Zucker in dem türkischen Kännchen umrührte, fiel ihr ein, dass sie ja Rýma zu treffen erwartet hatte.

„Wieso sind Sie heute hier?“ fragte sie. „Ist heute nicht Rýma dran?“

„Rýma?“ erwiderte Veverka verwundert, „Ja, wissen Sie denn nichts?“

Was denn, mein Gott, durchfuhr es Hanna, er ist doch nicht am Ende verhaftet? Sie mochte den Kollegen gern, er war so unbefangen und leger, gescheit, gefällig. Dabei ein ausgezeichneter Marxist und geschickter Parteiarbeiter. Sein aristokratisches Auftreten liess alles eher vermuten, als dass er aktiver Kommunist war, er war sehr geeignet für seine Rolle.

„Was denn?“ sagte sie laut, und versuchte sich dabei auszurechnen, wann sie Rýma das letzte Mal gesprochen hatte.

„Rýma hat es bei uns zu lau gefunden“ bemerkte Bílek lakonisch. „Nicht nur den Kaffee, mein' ich, das ganze, das ganze Blatt war ihm zu lau. Er ist zum ‚Polední List‘13 übergegangen, dort geht es hitziger zu ... Hat den Chef gestern vor ein Fait accompli gestellt ...“

Hanna war sprachlos. Rýma – an's faschistische Blatt? Das war doch ... das konnte doch nur ein Parteiauftrag sein!

„Er hat schon immer mit den Gajda-Leuten14 verkehrt“ berichtete Veverka. „Ausserdem ist er dort Chefredakteur-Stellvertreter und kann Chef werden, bei seinen Verbindungen.“

Hanna begriff nicht. Am liebsten wäre sie sofort gegangen, um irgendwelche informierten Genossen aufzutreiben. Aber wen? Die wenigsten, mit denen sie verkehrte, kannten Rýma, der sich wegen seiner Stellung und Aufgabe wenig in Parteikreisen bewegt hatte, und in die Zentrale konnte sie so zwanglos nicht gehen und fragen, ausserdem war jetzt um elf Uhr nachts keiner mehr da. Sie war verwirrt und unruhig. Dieser Frühlingstag war von Anfang an so voll unerwarteter Vorfälle und Gedanken gewesen, vielleicht lag es am Wetter, dachte sie, zu dumm, wie kann es denn am Wetter liegen. Aber es liegt etwas in der Luft ....

In der Luft lagen die Klänge des Intermezzos vor dem nächsten Akt: Bílek hatte das Radio wieder eingeschaltet. Man hörte die spanischen Schmuggler über das Gebirge trappeln, und Hanna dachte an Kurt, der unerschrocken als Kurier über die Grenze ging, und es war ihr unbehaglich zumute, vielleicht weil sie gleichzeitig an die schlichte Luise dachte und an ihren Hans, der im Zuchthaus Luckau gefangen sass.

Die Tür ging schnell auf und Dr. Svoboda trat ein. Hanna wusste nicht gleich, dass er es war. Sie hatte ihn bisher immer nur in seiner Russenbluse gesehen, über der sein olivgelbes Gesicht so fremdartig-uneuropäisch wirkte. Heute war er im hellen Sommerüberzieher, hatte einen weichen Filzhut auf. Ein fremder Herr von der Strasse, fühlte sie und war verwirrt.

„Haben Sie den zweiten Leitartikel schon ausgesetzt?“ fragte er Bílek. „Mandura hat mich im ‚Boulevard‘ angerufen und mich gebeten, ihn mir noch anzusehen. Es ist doch sehr wichtig für uns.“

Bílek erhob sich vom Sofa, telefonierte in die Setzerei, der Faktor Slavíček brachte den nassen Abzug.

„Wenn Dir die Karten einmal bittres Unheil künden ... vergebens mische sie“ sang Carmen in tragischem Alt aus dem Lautsprecher. „So oft Du fragst, Du wirst die gleiche Antwort finden ...“

„Herrlich! Wer singt da? Mailänder Skala? Natürlich!“ sagte der Chef, und schaute, das feuchte Blatt in der einen, die Zigarette in der andern Hand, verträumt vor sich hin. „‚Alles Göttliche geht auf leichten Füssen‘ sagt Nietzsche über ‚Carmen‘“, sagte er halblaut, wie zu sich selbst und summte die Arie mit bis „ewig der Tod.“ Seine schmalen, durchdringenden Augen waren ganz weit und vage geworden.

„Du schwelgst ja ...“ hörte Hanna Karl sagen, zärtlich und bitter. Sie wusste nicht, wen sie vor sich sah, Karl oder den fremden Herrn, der Hut und Ueberzieher auf das Sofa geworfen hatte und in einem hellgrauen Anzug ihr gegenübersass mit übergeschlagenen Knien. Erst jetzt schien er ihrer Anwesenheit gewahr zu werden. Er grüsste sie mit den Augen. Sie war nun eine vertraute Erscheinung in Bíleks Zimmer, beim Umbruch; in der „Svoboda“ gab man nur fremden Leuten die Hand zum Gruss. Hanna nickte ihm zu.

„Herr Veverka, Telefon! Ich geb's in Zelle vier“ rief jemand aus dem Nebenzimmer und der Handelsredakteur ging rasch hinaus.

Der Chef las den Leitartikel. Bei ausserordentlichen Anlässen, die das Radio erst in letzter Stunde gemeldet hatte, wurde er für die Zweite Ausgabe neu geschrieben.

„Mandura war sich nicht sicher, wie wir zu dem russisch-französischen Bündnis stehn“ wandte er sich an Bílek.

„Positiv doch natürlich?“ meinte Bílek in fragendem Ton. „Ein Schritt zur Demokratie? Und auch für unsere Republik höchst bedeutungsvoll?“ Wie alle, war auch er dem

Chef gegenüber weniger selbstgewiss und respektvoller. Warum eigentlich, dachte Hanna. Der Chef fehlte keinen Abend beim Umbruch in der Setzerei und leitete das Getriebe mit leisen, diskreten Worten und Gesten. Er schien der Feldherr des Blattes zu sein ... aber Feldherrn sind doch nirgendwo etwas nütze ....

Sie hatte bei ihm wenig Interesse für die Vorgänge des Tages bemerkt, und die Gespräche, die sie, beim Umbruch zwischendurch, dann in der halbstündigen Pause bei Kaffee, mit ihm geführt hatte, waren nicht um Dinge des Tages gegangen. Er hatte sich ihre kleinen Arbeiten zeigen lassen, die sie für die Sonntagsbeilage verfasste und als Ausschnitte aus fremdsprachigen Blättern vorlegte, hatte mit ihr über Feinheiten der Sprache, über die Hintergründe von Worten und Zeichen gesprochen, niemals über das wirkliche Leben, niemals über Politik. Konnte es sein, dass er, ungesehen und diskret, die Linie des Blattes vorzeichnete, des Blattes, das ihre Genossen so schändlich als kapitalistisches Hurenblatt bezeichneten, des Blattes, das Rýma zu lau gewesen war? Sie war gespannt, was er zu dem Russenpakt sagen würde, wusste sie doch selbst nicht sicher, was dazu zu sagen sei. Bíleks halbe Frage hing noch in der Luft.

„Ach, alle Politik ist solch dreckiges Geschäft“ antwortete er mit einer Handbewegung, als wolle er etwas wegwischen. „Ein Aesthet“ dachte Hanna, sie dachte es zärtlich und bitter.

Von der Setzerei wurde telefonisch der Nachtredakteur verlangt. Hanna blätterte unschlüssig in der Ersten Ausgabe. Das russisch-französische Bündnis wurde nur als unkommentierte Radiomeldung bekanntgegeben, die Nachricht war noch zu frisch.

In Mailand waren Escamillo und Don José in ein erregtes Duett geraten. Hanna hörte zu und fühlte, dass sie mit dem Chef allein geblieben war. Der legte den Leitartikel hin und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

„Ach, ist das herrlich!“ seufzte er, und dann plötzlich zu Hanna: „Vor lauter Wirklichkeit versäumt man das eigentliche Leben!“ Es klang wie eine Klage, obwohl es ein Scherz sein sollte.

„Und was ist das eigentliche Leben?“ fragte Hanna und spürte, dass sie rot wurde. „Ist es nicht in der Wirklichkeit?“

„Vielleicht ... wenn man es sucht, könnte man es vielleicht auch in Wirklichkeit finden“ sagte er langsam. „Aber dazu müsste man frei sein, nicht all diese Verpflichtungen haben; und wenn man nicht sucht ... das, was so einfach dahergepoltert kommt, ist so kitschig und so sinnlos und so dumm. Sie haben ein neues Kleid!“ setzte er unvermittelt hinzu.

„Das ist aber auch etwas Wirkliches“ lächelte Hanna, sie freute sich plötzlich.

„‚Carmen‘ ist eine der schönsten Sachen der Welt!“ bekannte der Chef zusammenhanglos. „Erinnern Sie sich an das Kapitel im ‚Zauberberg‘, wo Hans Castorp die Platten spielt? Ganz am Schluss, als er schon ganz allein ist, da spielt er Grammophon ...“

Hanna erinnerte sich an das Kapitel. „Und wissen Sie noch, was da über Schubert steht, über den Lindenbaum?“ fragte sie zurück. „Mit diesem Lied hätte er die Welt umstürzen können – an Genie hat's ihm nicht gefehlt, nur ein bischen an Talent ... Ich weiss nicht mehr, wie die Stelle heisst ...“ Svoboda nickte stumm. Sie schwiegen einverständig, hörten zu.

Weder Bílek, noch Veverka waren zurückgekommen.

„Hören Sie eigentlich viel Musik?“ fragte der Mann.

„Ich habe soviele Jahre keine Musik gehört“ bekannte sie, es klang wie das Eingeständnis einer Schuld. Er schien ganz erstaunt.

„Keine Musik gehört?“ fragte er ungläubig. „Wie ist das möglich? Ich kann ohne Musik nicht leben! Wissen Sie, was ich jetzt tue, wenn ich nachhause komme?“ Er beugte sich vor, als müsse er ihr etwas Vertrauliches gestehn. „Da dreh' ich mir das Grammophon an und spiele bis vier Uhr früh Platten ...“ Er lachte, wie ein Junge, der heimlich geraucht hat, verlegen und ein bischen stolz.

„Früher hab' ich viel musiziert“ sagte Hanna langsam, als müsse sie die Worte mühevoll aus irgendwelchen Tiefen heraufziehen. „Aber dann nicht mehr ... Es war mir zu viel“ schloss sie plötzlich, der Chef schaute sie an und nickte bestätigend, als wäre solch rätselhafter Ausspruch ihm ohne weiteres verständlich.

„Und Sie?“ sagte Hanna, wieder im Plauderton. „Sie spielen also die halbe Nacht Grammophon? Warum Grammophon? Mechanische Musik? Warum nicht wirkliche, selbstgemachte? Spielen Sie kein Instrument?“

Jetzt war es der Mann, der etwas aus verborgenen Tiefen zu holen schien. „Früher hab' ich Geige gespielt ... sogar gut“ sagte er. „Aber ... dann ist mir etwas dazwischen gekommen.“ Er brach den Satz mit kurzem Seufzer ab.

Mit stolzem Triumphmarsch zog Carmen mit dem Stierkämpfer in die Arena ab, rasender Beifall folgte dem Aktschluss, der Ansager schmetterte: „Radio Milano – Roma – Napoli.“

„Wie heissen Sie mit Vornamen?“ fragte Hanna unvermittelt.

Aber der Chef konnte nicht antworten, denn der Nachtredakteur riss die Türe auf und bat ihn in die Setzerei.

7. Kapitel

Kontroversen über Milch – Man muss den Inseratenteil lesen – Alles nennt sich Svoboda! – Aber einer heisst Anatol – Impressionismus in der französischen Musik – Verkehr mit Bürgern wirkt korrumpierend.

„Der Artikel über die Milchaffäre ist doch von Dir?“ fragte Hanna über den Tisch, schüttelte allen die Hand und setzte sich zu Jarmila auf die Bank unterm Fenster. „Hat mir sehr gefallen.“

Der, den sie angesprochen hatte, nickte nur, blinzelte hinter der Hornbrille mit blassblauen, schläfrigen Augen und sagte „Na, also!“

In dem kleinen Café in Karolinenthal15 verkehrte eine Anzahl Genossen, Intellektuelle meist, die irgendwie mit dem „Rudé Právo“16 oder den andern von der Partei kontrollierten Zeitungen und Zeitschriften zusammenhingen. Hanna war durch Jarmila in den Kreis eingeführt worden. Die zierliche, dunkellockige Jarmila war eine alte Bekannte, vom Mädchengymnasium „Minerva“ her. In einer Versammlung hatten die beiden Frauen sich getroffen, einander wiedererkannt, eine recht nette Freundschaft hatte sich angebahnt. Aber Hanna sah die vielbeschäftigte Bildreporterin meist nur am Sonntag abend im Café.

Hanna ging gern hierher. Hier konnte man offen reden, ohne die Parteizugehörigkeit verhehlen zu müssen, wie in der „Svoboda“, ohne doch den papierenen Parteijargon zu sprechen, wie im Flüchtlingsheim, im „Continental“ an den Tischen der Emigranten, in den seltenen Zusammenkünften in der tschechischen Zentrale. Parteizugehörigkeit war hier selbstverständlich, und milde Glossen wurden nicht mit misstrauischem Stirnrunzeln, sondern mit Gelächter quittiert. Nationale Fragen, die sonst in Prag überall das Leben vergifteten, gab es hier auch nicht. Ein gewisses intellektuelles Niveau war gegeben, die Leute stammten fast alle aus bürgerlichem Haus, hatten Mittelschule, oder auch Hochschule besucht. An den Sonntagabenden – wie schwer waren die Sonntage in der fremdgewordenen Heimat! Besonders schwer, weil es keine „Svoboda“ gab! – hatte Hanna hier in letzter Zeit so etwas wie Zuhause gefühlt.

Ladislav, den Hanna auf seinen Artikel hin angeredet hatte, war eigentlich Karlíček Lozák garnicht so unähnlich, fiel ihr auf. Dieselbe Art, alles nicht ernst zu nehmen, Zweideutigkeiten zu reden; dahinter steckte hier wie dort Talent und Tüchtigkeit. Karlíček hätte ebensogut am „Rudé Právo“, Ladislav an der „Svoboda“ sein können. Wer weiss denn, welcher Lebenszufall bestimmt hatte, dass der eine dort, der andere da stand, augenblicklich in eine heftige Pressefehde miteinander verwickelt. Für die „Svoboda“ wurde die allerdings von Karlíček nur indirekt gesteuert, und auch Ladislavs Autorschaft an den zugleich flammenden und ironischen Artikeln über die „Affäre“ war nur wenigen bekannt.

Alle waren momentan mit der „Affäre“ beschäftigt, auch Hanna, obzwar sie nicht viel mehr davon wusste, als was in den Zeitungen stand. Folgendes war im Gange:

Die Regierung hatte in noch unbestimmter Weise verlauten lassen, dass die Milchversorgung der Republik auf eine neue Basis gestellt werden sollte. Zunächst schien es eine sanitäre Massnahme, deren direkter Anlass gehäufte Erkrankungen sonderbarer Art waren, die das Gesundheitsamt einerseits, die linke Presse andrerseits auf die anarchische Milchbewirtschaftung zurückführte.

Verschiedene Verordnungen waren schon erlassen worden, um die Milch unter schärfere Kontrolle zu bringen, und die frequenten Bestechungen beim Gesundheitsamt häufiger zu entdecken und strenger zu bestrafen. Bis dahin war dies unter dem Beifall des kommunistischen Organs vor sich gegangen, während die „Svoboda“ – wie die andern liberalen Blätter – zwar die Abstellung der Misstände begrüsste, sie aber nicht mit „Eingriffen in die Freiheit des Marktes“ und „Bevormundung der Staatsbürger“ erkauft wissen wollte.

Seit einigen Tagen aber hatte sich der Wind gedreht. Es verlautete, die Regierung gedächte langfristige Verträge mit gewissen Gruppen von Milchlieferanten abzuschliessen zwecks planmässiger und hygienischer Versorgung der Kasernen, Spitäler, Erholungsheime, Schulkantinen und Staatsbetriebe. Als Kontrahent wurde offiziös das „Melka“-Konsortium genannt, in dem sich etwa ein halbes Dutzend der mächtigsten Grossmolkereien zusammengeschlossen hatte. Wer den riesigen Auftrag erhielt – die Regierung schacherte nicht um zwei Heller pro Liter, und bei den ungefähr zweihunderttausend Litern, die täglich zu liefern waren, machte das immerhin 4000 Kronen täglich Zuverdienst aus – konnte natürlich auch auf dem freien Markt all die Kleinhändler niederkonkurrieren, die ihre Milch von den Dörfern bekamen, und die Bauern selbst, die zahlreich jeden Morgen mit ihren Wägelchen voll unpasteurisierter und unsterilisierter Milch in die Städte gefahren kamen.

Während nun bisher die bürgerlichen Blätter von freier Konkurrenz und unliebsamem Patriarchalismus geschrieben, die Kommunisten dagegen sich für Rationalisierung und Planwirtschaft, Schutz der Volksgesundheit und Kampf den gewissenlosen Milchverfälschern begeistert hatten, schienen sie nunmehr die Rollen vertauscht zu haben: Die liberale Presse erwärmte sich vorsichtig für den Gedanken der Konzentration und der Staatsaufträge, das „Rudé Právo“ aber und seine tschechischen, deutschen und slowakischen Kopfblätter in der Provinz, begann gegen die Monopolwirtschaft und die Zugrundrichtung der kleinen Leute zu wettern.

Franta, ein junger Zeichner, hatte das Parteiblatt vom Haken genommen und las den Artikel, den Hanna beim Kommen erwähnt hatte.

„Sehr instruktiv, die Analyse der sozialen Schichtungen in der Milchindustrie“ bemerkte er. „Aber den letzten Satz versteh' ich nicht, Láďa, ganz abgesehen davon, dass das mit einem Mal so hymnisch wird nach eineinhalb Spalten kalte Denkerstirn ...“ Und er las mit leicht persiflierendem Ton:

„Während in den Röhren der Melkmaschinen im Musterkolchoz ‚Roter Oktober‘ die Milch dahinschiesst wie das brausende Blut durch die Adern der Sowjetbauern, die in ihrem Lande den Sozialismus aufbauen, gemahnt die Milch, die in den äusserlich gleichen Röhren der äusserlich gleichen amerikanischen Melkmaschinen des ‚Melka‘-Konzerns rinnt, an das letzte Aufwallen des Lebenssaftes in einem arteriosklerotischen Körper. Diesen zum baldigen Untergang bestimmten Kadaver wird das tschechische Proletariat den Todesstoss versetzen, sobald die noch kleinbürgerlich eingestellten Milchlieferanten des städtischen Hinterlands ihre Klassenmission verstanden haben werden ...“

Als sie das so laut vorlesen hörte, fand Hanna es mit einem Mal nicht mehr so gut. Im Vergleich zu dem grossväterlichen Bedächtigkeitsgerede von Mandura's Leitartikel in der „Svoboda“ war ihr das Pathos des Genossen eben vorhin noch kraftvoll und markig erschienen.

Jetzt – schämte sie sich ein ganz klein wenig.

„Möchtest Du mir sagen, worin sich die äusserlich gleichen Röhren der äusserlich gleichen Melkmaschinen bei uns und in der S.U. unterscheiden?“ fragte Franta. „Melkmaschinen und Röhren haben doch meiner Meinung nach keine Innerlichkeit?“

„Du verstehst eben nichts von Dialektik“ erwiderte Ladislav phlegmatisch, und man konnte aus seinem Ton nicht recht hören, ob er das Wort Dialektik mit oder ohne Anführungszeichen gesagt hatte.

„Aber die Kleinproduzenten können doch wirklich nicht konkurrieren mit den Grossmolkereien“ wandte Hanna ein. „Sollen wir wegen der paar tausend Milchhändler – Du schreibst ja selbst, sie sind noch reaktionär – für schlechtere und teure Milch eintreten? Das müssen ja doch nur wieder die Proleten ausbaden!“

Als Antwort nahm Ladislav dem jungen Zeichner das „Rudé Právo“ aus der Hand, blätterte ein paar Seiten um und legte das Blatt vor Hanna hin.

„Du liest eben keinen Inseratenteil“ sagte er mit seiner schleppenden Stimme. „Da wirst Du in der ‚Svoboda‘ nichts herauskriegen und bei uns auch nicht.“ Wieder dieses schläfrig-arrogante Blinzeln, wie Karlíček ... Hannas Blick fiel auf ein ganzseitiges Inserat:

„Konsum- und Produktivgenossenschaft ‚Svoboda‘“ las sie, mit einer Adressenliste der Verteilungsstellen in Prag, Brünn, Pressburg und Kaschau. Die Vorzüge des Kooperativsystems als Vorstufe zum Sozialismus und als Hilfsmittel für das proletarische Haushaltsbudget wurden in beredten Worten dargestellt – seit wann sind bei uns die Genossenschaften eine Vorstufe zum Sozialismus? wunderte sich Hanna, früher waren sie doch der Hort der fortschrittlich getarnten Reaktion? – Und darunter las man:

„Arbeiter, wenn Du billige und hygienisch einwandfreie Milch für Deine Kinder willst, werde Mitglied der ‚Svoboda‘-Konsumgenossenschaft! Kleinbauer und Milchhändler, wenn Du nicht sehen willst, wie die grosskapitalistische ‚Melka‘ Deine Existenz untergräbt, schliesse Dich an der Produktionsgenossenschaft ‚Svoboda‘, Abteilung Molkereiprodukte!“

„Aha!“ sagte Franta, der offenbar im Inseratenlesen besser bewandert war, als Hanna. Hanna fragte nicht mehr. Sie sann darüber nach, dass der Name Svoboda nun schon eine dritte Bedeutung in ihrem Leben bekam. Hier brauchte sie wenigstens nicht über den Vornamen nachzudenken.

Anatol. Ob er etwas mit dem Inseratenteil der „Svoboda“ – seiner, ihrer „Svoboda“ – zu tun hatte? Ob er sich jemals gekümmert hatte um die Beziehung zwischen redaktionellem Teil und Annoncen? Er hielt ja Politik für ein dreckiges Geschäft. Von der Milchaffäre verstand er gewiss noch weniger als sie selbst. Und sie ... war sie nicht wirklich unfähig, für die Partei zu arbeiten, wenn sie nicht einmal wusste, dass das Aufschlussreichste über die Tendenz einer Zeitung nicht im Leitartikel, sondern im Inseratenteil zu finden war? Mit einem Mal fand sie selbst alles dreckig, inklusive die sterilisierte Milch auf dem Musterkolchoz „Roter Oktober“, inklusive sich selbst, der zu dem Worte „Freiheit“ nichts anderes einfiel, als der Vorname Anatol.

Seit vorgestern wusste sie ihn.

Alles hatte sich abgespielt wie immer. Sie hatte im grossen Mittelzimmer Zeitungen gelesen, ein bischen übersetzt, Karlíček ihre Ausschnitte auf den Schreibtisch gelegt und war dann zum Umbruch in die Setzerei gegangen. Eine Stunde lang das gewöhnliche Getriebe, das Klappern der Linotypes, das rythmische Rasseln der Rotationsmaschine, das Sausen des Aufzugs, der die ausgebundenen Seiten in die Stereotypie hinunterfährt, der Streit um den Platz auf der Seite, um die Letterngrösse der Ueberschriften, dazwischen Gesprächsfetzen mit Redakteuren, Setzern ... jetzt stand sie nicht mehr ratlos bei den „Vorratsschiffen“ allein, kannte schon viel von den kleinen Geheimnissen des Metiers, verstand Anspielungen und halbhingeworfene Sätze – der Chef, dunkel und schmal in seiner Russenbluse als diskreter und – wie sie täglich mehr zu bemerken glaubte – im Tiefsten uninteressierter Dirigent des Trubels, mit schönen, lebhaften Handbewegungen das Durcheinander der Stimmen und Geräusche harmonisierend. Dann, nachdem die erste Seite – die letzte eigentlich – fertig ist, geht einer nach dem andern hinaus, einzelne gehen weg, ihren privaten Sorgen und Vergnügungen nach, die meisten aber sitzen noch bei Bílek herum, trinken Kaffee, hören ein bischen Radio, schwätzen ein bischen, fühlen sich wohl in gemeinsamer Lockerung nach gemeinsam vollbrachter Anspannung, bilden so was wie eine Gemeinschaft, trotzdem sie eigentlich so wenig Gemeinsames haben: das ist anders als in der Partei, wo die Mitarbeiter durch eine Gesinnung zusammengehalten werden, die „Svoboda“-Redakteure brauchen keine Gesinnung zu haben. Unterschiedlich ist ihr Privatleben, unterschiedlich ihre Lust und ihr Leid, ihr Wissen und Wollen, in einer halben Stunde wird jeder mit seiner feuchten Ersten Ausgabe in der Rocktasche irgendwohin ins nächtliche Prag verschwinden, aber bis dahin gehören sie zusammen. Und Hanna gehörte dazu und freute sich, dass sie dazugehörte, obwohl es, wie sie sich nüchtern sagte, eine recht substanzlose Zugehörigkeit war.

Sie dachte an den Abend von vorgestern. Svoboda hatte wie gewöhnlich, wie alle, die hier aus- und eingingen, mit kurzem „Gute Nacht“ und ohne jemandem die Hand zu reichen, das Zimmer verlassen, aber als Hanna fünf Minuten später sich zwischen den Lastautos, die hinaus zu den Zügen fuhren, durchwand, hatte sie ihn an der Portiersloge überholt. Sie ging mit schweigendem Gruss an ihm vorbei, auf die Strasse, er kam ihr nach:

„Wohin gehen Sie? ... Ich gehe ein Stückchen mit, wenn es Ihnen recht ist.“

Ein fremder Herr in lichtem Ueberzieher und weichem Filzhut, die noch feuchte Erste Ausgabe unter den Arm geklemmt, ging neben ihr und fasste sie bei den Strassenübergängen sorglich am Ellbogen. Merkwürdig, wie anders ein Mensch auf der Strasse ist, als in einem Haus. Ihre Schritte passen zusammen, vielleicht passt er die seinen den ihren an, sie kann es nicht wissen, sie weiss ja nicht, wie er auf der Strasse geht, und sie kann es auch jetzt nicht sehen, sie ist zu nah, nur fühlen, dass sie in gleichem Schritt gehen, und dass das gut ist.

Er sagt nichts und sie auch nicht. Es ist ihr heiter zu Sinn und sie denkt an nichts, nicht einmal an das, was sie fühlt, diese selbstverständliche Leichtigkeit des Nebeneinandergehens. Dann fängt er an, er habe da ein Buch bekommen, ein französisches, leider könne er es nicht lesen, Humanismus, gewiss, er schätzt die alten Sprachen, aber was nützen ihm die Verben auf Mi, das Buch

möchte er gern kennen, und er dreht und windet sich, ein bischen ungeschickt, bis Hanna ihm anbietet: „Ich will es gern übersetzen – oder Auszüge daraus machen, wenn Sie mir sagen, was Sie besonders interessiert ...“

Er ist ihr riesig dankbar, Auszüge ... nein, es ist nur eine Broschüre, ein Essay über den Impressionismus in der französischen Musik, wenn sie Zeit hätte ...? Aber vielleicht ist es eine Belästigung?

Nein, nein, er soll morgen das Buch mitbringen, sie hat augenblicklich nicht besonders viel zu tun, sie freut sich darauf. Aber – und nun dreht und windet er sich noch mehr und ist so preokupiert, dass sie beinahe von einem Auto überfahren werden, denn auch Hanna gibt nicht auf die Verkehrszeichen acht – nun, kurz und gut, er will ihr die Arbeit bezahlen.

Mit einem Mal ist Hannas Heiterkeit weg und in ihr leicht gewordenes Hirn schiessen von allen Seiten die Gedanken zusammen. Sie will Nein sagen, es empört sich etwas dagegen, von dem Mann Geld zu nehmen, von Geld auch nur zu reden, jetzt, wo sie das erste Mal allein mit ihm ist ... aber schliesslich, was geht der Mann sie an. Hundertmal hat sie versucht, sich ein paar Kronen extra zu verdienen, vergebens, und da bietet sich nun eine Gelegenheit, und sie spielt die Zimperliche, als ob sie noch Geld auf der Bank hätte, wie einst, und zehnerlei Arbeitsmöglichkeiten, wie einst. Als ob sie nicht eine arme Emigrantin wäre, die nie mehr und nirgendwo eine regelrechte Existenz finden wird, als ob sie nicht den Mann im Zuchthaus hätte, der, wenn er in einundeinhalb Jahren herauskommt, sich wird erholen müssen, und als sie so weit ist in ihren wirren, schnellen Gedanken, sagt sie, etwas unsicher und etwas trotzig: „Wenn Ihnen eine Krone pro Seite recht ist?“ Und es kommt ihr vor, als habe sie damit zwischen sich und den fremden Mann ein Schwert gelegt, und schreitet aus mit langen, raschen Beinen, mit einem mal gehen sie nicht mehr im gleichen Schritt.

Der Mann findet es natürlich zu billig, aber sie bittet ihn, fast zornig, nicht mehr darüber zu reden, und mittlerweile sind sie beim Nationaltheater angekommen und machen Halt am Kai und lehnen sich, ohne Verabredung, ans Geländer und schauen hinüber zum Hradschin, der märchenhaft im Vollmond liegt.

Sie schauen über den Fluss – Gott, ist das schön – Gott, ist Prag schön, die schönste Stadt der Welt. Er fragt sie, in welchen Ländern sie gelebt hat, sie erzählt von Italien, [¿Norwegen?], Holland. Von Deutschland schweigen sie, in Fragen und Antworten, wie auf Verabredung. Er hört gut und aufmerksam zu, und sie gehen schon das zweite Mal zwischen dem Café Slavia und der Karlsbrücke hin und her, hin und her ... Russland? Ja, auch in Russland ist sie gewesen. Als sie davon erzählt, hat sie plötzlich all die Bedenken und schmerzlichen Zweifel vergessen, die sie in den letzten Monaten so oft und immer heftiger gequält haben, sie spricht, wie sie damals gesprochen hat, als sie 1931 aus Moskau zurückkam, das Herz geht ihr auf, nein es ist schon offen, der Vollmond scheint breit und grün hinein. Der Mann hört aufmerksam zu mit seinen schmalen, durchdringenden Augen auf ihrem Mund, und lässt durchaus nicht erkennen, was er seinerseits vom „Land der Zukunft“ weiss und denkt.

Er, bekennt er, ist über Wien nie hinausgekommen, im Krieg nur, in die Karpathen, aber die kannte er schon aus besseren Zeiten, als Kind ist er viel in Ungarn gewesen, die Mutter war Ungarin. Daher das fremdländische Gesicht, begreift Hanna. In Pressburg ist er aufgewachsen, später sind sie dann nach Brünn übersiedelt, seine Geschwister leben alle noch dort.

Hanna erzählt, dass auch sie aus einer sprachlich gemischten Ehe stammt, und sie sind beide der Meinung, dass man da anders ist als die andern, und sie lachen ein bischen, weil es kindisch ist für so erwachsene Menschen, sich anders zu finden, als die andern. Und dann hatte er plötzlich gesagt:

„Sie haben mich gestern nach meinem Vornamen gefragt ... Anatol heisse ich. Weil der Vater mich nach seinem Vater Vítězslav nennen wollte und die Mutter nach dem andern Grossvater Elemér. So ist Anatol draus geworden, das ist weder tschechisch, noch ungarisch.“

Und Hanna hatte „Danke“ gesagt, als habe er ihr ein Geschenk gemacht.

„Was sagt man denn in der ‚Svoboda‘ zu Rýma?“ fragte Jarmila in ihre Erinnerungen hinein.

Es war ja nun leider ausgemacht, dass Rýma ein Lump war und sich wirklich an die Faschisten verkauft hatte. Im „Polední List“ stand heute – drei Tage, nachdem Rýma in die Redaktion eingetreten war – ein ausgezeichneter Artikel mit deutlichen Anspielungen auf Interna der Partei, die niemand sonst dort wissen konnte. Die gutmütige Annahme, er sei als Parteikonfident zum „Polední List“ gegangen, so wie zwei Jahre zuvor zur „Svoboda“, konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Sein Verrat stand fest.

„Das kommt davon, wenn man mit lauter Reaktionären verkehrt“, meinte Ruda. Vielleicht war er ein bischen eifersüchtig, Jarmila war eine Zeit lang Rýmas Freundin gewesen, jetzt war sie Rudas Freundin.

„In so einer ‚Svoboda‘ wird man allmählich korrupt“, sagte Franta bestätigend, und dann schlug er vor, in eine Bar zu übersiedeln. Die andern waren dabei, keiner fürchtete sich vor der allmählichen Korruption zwischen den Besuchern der Nachtlokale, nur Hanna erklärte, sie habe Kopfschmerzen und ging nach Hause.

8. Kapitel

Allmählich, sonderbares Wort – Eine vertrackte Türklinke – Die Milch wird immer schlechter – Parteilinie für Molkereiprodukte – Eine ganz plötzliche Entdeckung.

Allmählich – sonderbares Wort, mit gemächlich hat es zu tun und mit all. Man merkt nichts, alles merkt man nicht, ausser das Plötzliche. Vielleicht könnte mans nicht ertragen, zu wissen, wie allmählich alles geht, wie allmählich rosa sich in grau verwandelt, Liebe in Kühle und das Leben in Sterben? Es geht so allmählich ...

Ein Tag gleicht dem andern, der Photograph Viták spielt Schach mit einem Besucher, der Archivar Klaus teilt unverdrossen mit, dass weder der Chef noch Karlíček zu sprechen ist, das Telefon klingelt, die Diener holen Zeitungen aus den Fächern und Folianten von den Borden und bringen sie wieder zurück, vielleicht bringen sie auch andere Zeitungen und andere Folianten zurück, als die, die sie geholt haben, wer kann das wissen, es ist ja auch nur so ein Gedanke. An den Milchglasscheiben streichen die Schatten vorbei, Redakteure, die in die Setzerei gehen, Setzer, die in die Redaktion gehen, Besucher, Schriftsteller, Bittsteller, die kommen und gehen.

Jetzt braucht Hanna auch schon nicht mehr aufzuschauen; wie Klaus könnte sie, ohne sich umzudrehen, sagen: „Vokáček kommt schon wieder schön spät aus dem Parlament“, aber sie sagt es nicht, das Parlament ist in die Sommerferien gegangen und Vokáček kommt vom Strafgericht, weil Menčík auf Urlaub ist.

Wenn der Chef vorübergeht, spürt sie es durch die Milchglasscheibe, es rieselt ihr über den Rücken, sie schaut nicht auf. Vielleicht wird er die Tür aufmachen und hereinkommen, Klaus etwas fragen, Viták etwas fragen, er tut das jetzt öfter. Mit ihr spricht er nicht, nickt nur Guten Tag und lächelt, und zeigt dabei ebenmässige, rauchgelbe Zähne zwischen den schmalen Lippen.

Allmählich – paulatim heisst es lateinisch, das ist ja fast dasselbe, znenáhla auf tschechisch, und das heisst eigentlich, ganz naiv, „nicht plötzlich“, gradually auf englisch, jedes Volk spricht anders, auch das ist sonderbar. Die Franzosen sagen „peu à peu“, aber das ist falsch, das gibt ja nicht die Idee von etwas Fliessendem, es ist so ruckartig, als spiele das Werden sich in kleinen Stössen ab, unmerklichen kleinen Erschütterungen ... nun, vielleicht ist's auch so.

Sie weiss das Wort in vielen Sprachen und braucht gar nicht nachzuschauen in dem dicken, siebensprachigen Wörterbuch, das sie sich neulich gekauft hat, obzwar es in ihr Budget ein ordentliches Loch riss. Sie braucht jetzt viele Sprachen, nicht mehr nur für „Interessantes aus aller Welt“ (da hat ein junger Amerikaner etwas „echt Mexikanisches“ essen wollen und jetzt liegt er schon drei Wochen im Krankenhaus, hundertsechsundzwanzig Mal pro Minute stösst ihm das scharfe, fremde Gewürz auf, das macht pro Stunde siebentausendfünfhundert Mal, pro Tag ... aber das kann man sich gar nicht ausrechnen, nun, recht geschieht dem Amerikaner, als Fremder soll man sich nicht einlassen ...) sie braucht die Sprachen jetzt auch für das, was sie für Anatol privat übersetzt.

Sie hat viel für ihn zu tun. Jede Weile bringt er etwas Neues, und sie liest die Zeitungen jetzt mit doppelten Augen, für „Interessantes aus aller Welt“ und für Anatol. Sie möchte sich nicht so beeilen mit der Ablieferung der Arbeiten, die er ihr gibt, er meint sonst am Ende, es sei ihr um das Geld zu tun. Nun, natürlich ist es ihr auch um das Geld zu tun, sie hat sich ein lustig geblümtes Imprimeekleid gekauft und einen breiten Florentinerhut, wie den vom Vorjahr, den sie bei Karls Prozess getragen hat und den die Schlossersfrau in Dresden ihrer Kusine schenken wollte. Wie lang das her ist ... Wie lang eigentlich? Monate? Jahre? Hanna rechnet nicht. Sie arbeitet schnell, vor allem, weil es ihr Freude macht. Wenn sie ihm eine fertige Arbeit bringt, kommt so ein Leuchten über sein Gesicht und er fängt gleich an zu lesen, was sie geschrieben hat, und sagt: „Hat es Ihnen gefallen? Hat es Sie interessiert?“ Und gibt sein Urteil erst ab, nachdem er das ihre kennt, und es ist meist wie das ihre.

Wenn sie eine Arbeit überbringen will, geht sie in sein Büro. Sein Büro hat eine vertrackte Klinke. Drückt man sie herunter, gibt sie nicht nach. Man meint, es sei zugesperrt und kehrt wieder um. Darum ist die Klinke da. Aber weil Karlíček und Mandura und Vokáček und der Obermetteur und noch zwei oder drei andere dennoch zum Chef müssen, so ist an der Klinke ganz verborgen ein kleiner Knopf angebracht, und wenn man auf diesen drückt, geht die Tür auf. Das weiss bloss Karlíček und Mandura und Vokáček und der Obermetteur und noch zwei oder drei, und sie verraten es nicht, weil keiner will, dass andere, so wie er, beim Chef aus- und eingehen können. Aber Hanna weiss es auch. Der Chef selbst hat es ihr gezeigt und dabei gelacht, ein bischen verlegen und ein bischen stolz, wie ein Junge, der heimlich geraucht hat. Und Hanna trägt Sorge, dass niemand weiss, dass sie es weiss.

Am Vormittag von elf bis eins ist die Tür angelehnt. Der Chef empfängt Besuche. Aber vormittags ist Hanna meist nicht da. Sie liest in der städtischen Bücherei die Zeitschriften. Sie liest mit doppeltem Auge, für „Interessantes aus aller Welt“ und für Anatol. Und für die Partei. Ja, auch für die Partei. Sie macht jetzt „Interessantes aus aller Welt“ auch für „Rudé Právo“ und für „Haló Noviny“17. Es heisst dort anders und es wird nicht bezahlt. Und sie kann dort alles anbringen, was Karlíček niemals nehmen würde, über die Eingeborenen in den Gummiplantagen in Indochina und so. Und sie tut es mit Eifer, gerade weil es nicht bezahlt wird, es kommt ihr wie eine Ehrenrettung vor. Ist sie denn in Schande gefallen?

Allmählich ist es Sommer geworden, heiss, heiss, in der Setzerei beim Umbruch ist es heiss, und wenn sie manchmal, nach der Pause, noch einmal hinuntergeht, um mit Liftschitz und den andern Genossen zu plaudern, schlüpfen die Burschen schnell in die Kittel, sie haben das Hemd ausgezogen, sind halbnackt. Und Hanna ist eine Frau. Das hat sie eigentlich bisher gar nicht so recht gewusst.

Heiss ist es, heiss, die Milch wird sofort sauer, wenn man sie nicht gleich abkocht, und sie wird sogar sauer, wenn man sie gleich abkocht, das Gesundheitsamt verhängt drakonische Strafen, und von einer Woche zur andern heisst es, die Regierung werde ein Machtwort sprechen. Aber sie spricht es nicht, wir leben in einer Demokratie, nichts ohne den Willen des Volkes, und die Herren Abgeordneten sind in den Ferien, in Marienbad, Karlsbad, Trenčín-Teplice, Luhačovice. Die kommunistischen Fraktionsmitglieder benützen den Sommer zur Agitation, die Herren sozialdemokratischen Senatoren liegen im Badeanzug an der Sázava, vor dem hübschen Hotel, in dem sie billigere Sonderpreise haben, weil es dem „Verein zur Ruhe des arbeitenden Volkes“ gehört. Vor 1918 gehörte es einem Hocharistokraten, der frisst sich jetzt bei Heinrich Aschbach satt und macht Rosita den Hof. „Gut, dass wir keine Kinder haben“, hat Heini neulich am Donnerstag bei Tisch gesagt, „die Milch ist ein solcher Dreck, dass man nicht einmal Reis à la Trautmannsdorff mehr essen kann. Höchste Zeit, dass die ‚Melka‘ die Sache in die Hand nimmt ...“

Aber die „Melka“ hat die Sache noch immer nicht in die Hand genommen. Die Kleinproduzenten und Kleinhändler haben sich in der Produktiv-Genossenschaft „Svoboda“, Abteilung Molkereiprodukte, zusammengeschlossen und führen eine machtvolle Kampagne in der kommunistischen Presse, sie wollen die Staatslieferungen bekommen.

„Die ‚Svoboda‘ vertritt 600 000 ehrliche, bescheidene, staatstreue Proletarier“, verkündet Ladislav in einem ungezeichneten Leitartikel im „Rudé Právo“. „Wenn die Abteilung Molkereiprodukte die Staatslieferungen bekommt, dann werden nicht nur drei- bis viertausend kleine Milchhändler vor dem Ruin bewahrt, dann wird nicht nur die Milch besser und billiger, sondern dann kann die Konsumgenossenschaft die Preise auch für die andern Lebensmittel herabsetzen ...“

„Nur die kapitalkräftigen Grossproduzenten“, schreibt Mandura in einem gleichfalls ungezeichneten Leitartikel in der „Svoboda“, „sind imstande, die Milchwirtschaft mit wirklich zeitgemässen technischen Einrichtungen zu versehen, teures Zuchtvieh aus der Schweiz einzuführen, die hohen Löhne zu zahlen, die das Warte-, Melk- und Füllpersonal auf eine Kulturstufe bringen, wo saubere Nägel und gekämmte Haare sich von selbst verstehen ...“

Man weiss nicht recht. Im Inseratenteil des „Rudé Právo“ sieht man ganze Seiten über die Vorzüge der „Svoboda“, im Inseratenteil der „Svoboda“ sieht man ganze Seiten über die Vorzüge der „Melka“.

Die Parteilinie für die Molkereiprodukte scheint klar und gerade. Aber Hanna ist nicht überzeugt. Sie hat mit Ladislav, mit Peter, mit verschiedenen Genossen darüber gesprochen. Kann man als Kommunist das Kleingewerbe gegen die Grossindustrie vertreten? .. Ist das nicht leere Wahldemagogie? Kann man hoffen, dass die befriedigten Milchhändler zuverlässige Klassenkämpfer werden? Werden sie nicht genau so Missbrauch treiben mit ihrem proletarischen Monopol wie die „Melka“ mit ihrem kapitalistischen? Sollte man nicht vielmehr für die technisch am weitesten fortgeschrittenen Organisation votieren, die doch wirklich die Maschinen und das Zuchtvieh einführen kann und damit die Milch verbessert und verbilligt? Und wäre die Aufgabe der Opposition nicht eben die, durch ihre Presse, ihre Parlamentsfraktion darauf zu dringen, dass die Kapitalisten die Milch wirklich verbessern und verbilligen, auf Kosten ihres Profits?

Ab und zu ereiferte sich Hanna bei solchen Debatten noch wie in alten Zeiten, wie an den Abenden in Halle, wo junge Leute, der Student Bergler unter ihnen, ins Haus kamen. Sie hat versucht, Karl in einem Brief die Sache darzustellen, meinte, es würde ihn interessieren, vielleicht kann er ihr sogar getarnt seine Meinung schreiben. Aber er hat den Brief nicht erhalten, die Zensur hat gemeint, „Milch“ sei ein Deckwort für etwas anderes.

Schliesslich ... ist es nicht ein Deckwort für etwas anderes? Wir haben gar keine Worte, wir haben nur Deckworte. Auch „allmählich“ ist ein Deckwort. Es geht alles plötzlich, in Stössen, ruckweise, die Franzosen haben ganz recht. Es geht alles ganz plötzlich ... Ganz plötzlich hat Hanna entdeckt, dass – sie Anatol liebt.

9. Kapitel

Von Erlaubtem und Verbotenem – Früher wusste man, wo man hingehörte – Reminiszenz an nächtliche Gespräche – Jarmila findet, man muss einen Mann haben – Russland schätzt neuerdings das Familienleben – Ein indiskreter Fragebogen.

Heiss ist es, heiss, und Hanna geht manchmal an den Vormittagen nach Podol18 ins „Blaue Bad“ schwimmen. Manchmal geht sie allein, manchmal mit Jarmila, im Sommer gibts nicht so viel zu tun und es ist so heiss.

Jarmila hat einen hübschen, kleinen, weissen Körper, sie trägt ein weisses Trikot, ihr dunkler Wuschelkopf sieht darüber noch dunkler aus. Es gibt noch mehr Frauen mit hübschen, weissen Körpern, blonde, braune, rote, mit grünen, gelben, schwarzen Badekostümen, manche haben nur ein Höschen und einen Büstenhalter an, die Männer haben Haare auf der Brust und die Burschen sehen aus wie Indianer, ganz bronzebraun sind sie gebrannt und haben glatte, lange Beine. Sie schaukeln mit den Mädchen auf den Wippen und die Mädchen quietschen, und im Caféhaus am Strand sitzen lauter Nackte und genieren sich gar nicht.

Auch Hanna geniert sich nicht, sie läuft mit langen schlenkernden Armen und Beinen am Strand herum, sie springt vom hohen Trampolin und taucht lange. Als sie noch mit dem Vater schwimmen ging – damals gabs noch kein „Blaues Bad“ in Podol, man ging auf die Sophieninsel baden – hat der Vater nicht erlaubt, dass sie sprang und tauchte, das Wasser ist so schmutzig, man kann Typhus bekommen. Jetzt kann sie springen und tauchen und überhaupt machen, was sie will. Es ist schon so lange her, dass ihr niemand mehr etwas verbietet. Aber sie geniesst die persönliche Freiheit immer noch wie mit scheuen Seitenblicken, sie erscheint ihr wie unerlaubte Willkür, ja, Hanna ist eine, die immer genau wissen möchte, was man darf, was man nicht darf. Wenn man ihr sagt, was erlaubt ist, so hat sie oft gar keine Lust mehr; wenn man ihr sagt, was verboten ist, so tut sie es oft dennoch, aber das ist was anderes, da sind doch irgendwo Geleise, wenn auch nur, damit man sie rechts oder links liegen lässt. Auf dem Sand in Podol sind keine Geleise. Die Leute springen nackt herum, man kann ihnen nicht ansehen, wo sie hingehören, alle sind gleich, es gibt nur noch die natürlichen Unterschiede, schön oder hässlich, jung oder alt.

„Halloh, Jiřík!“ ruft Jarmila einen hübschen, braungebrannten Burschen an, und er kommt und unterhält sich eine Weile mit ihr, ehe er wieder zu seiner Schaukel geht. Jarmila trifft viele Bekannte im „Blauen Bad“. Intellektuelle, die keine regelmässige Arbeit haben, Lehrer und Beamte, die ihre Ferien hier verbringen. „Das ist Hanna“, stellt Jarmila vor. In der Partei nennt man sich Du und beim Vornamen, es ist eine grosse Brüderschaft. Hanna weiss nicht, wie Ruda, wie Franta, wie Ladislav eigentlich heissen, und es ist auch besser so, von der Partei her ist das so eine Sitte geworden unter den Intellektuellen. Unter den Arbeitern vielleicht auch, das weiss ich nicht, denkt Hanna. Ich kenne eigentlich hier gar keine Arbeiter. Die Setzer in der „Svoboda“ ... das sind freilich Arbeiter, aber denen kann man nicht Du sagen, es wäre komisch, Herrn Liftschitz Du zu nennen beim Umbruch, nicht einmal Genosse kann man sagen, es darf ja keiner wissen, wohin sie gehört. Ausserdem sind hier, wie überall, die Typographen die aristokratische Schicht der Arbeiter. Wie oft hat es früher Debatten darüber gegeben, dass all die antiproletarische, faschistische Propaganda nicht hätte sein können, wenn die so stark organisierten Typographen sich geweigert hätten, sie zu setzen und zu drucken. Aber sie habens nicht getan, haben alles gesetzt und gedruckt, was gegen sie geschrieben wurde. Nein, die Setzer in der „Svoboda“ sind keine Arbeiter. Vielleicht ist es unausweichlich, dass man korrumpiert wird, wenn man in einer bürgerlichen Zeitung arbeitet?

Andere Arbeiter, als die Setzer in der „Svoboda“ kennt Hanna nicht. Das ist auch etwas Neues, dass sie in Prag so ausschliesslich unter Intellektuellen lebt. Die im Flüchtlingslager ... das sind auch keine Arbeiter. Sind gewesene Arbeiter .., das ist was anderes. Hanna hat das Proletariat verloren.

In Deutschland waren sie und Karl meist von Arbeitern umgeben. Man hatte das Herz bei ihnen und den Kopf, und alles war einfacher. Mit Karl war es einfach zu leben. Alles hatte einen Namen, einen rechten, man wusste immer gleich, was zu tun war, wo man hingehörte, wie die Dinge lagen, man arbeitete, kämpfte, ruhte sich aus, dann und wann, freute sich. Karl kann nicht schwimmen gehn. Heiss muss es jetzt sein in der Zelle, in den Nächten besonders. Vielleicht ist Karl jetzt auch schon ins Grübeln geraten, wenn man so sitzt und sitzt die ganze Zeit.

Hanna liegt auf dem Sand, streckt die langen, magern Beine von sich, sie hat den Kopf auf den aufgestützten Ellbogen gelegt, die Augen geschlossen. Ich habe das Proletariat verloren, denkt sie. Ich habe alle Einfachheit verloren. Zu nichts mehr kann ich unbedenklich Ja oder Nein sagen.

„Hast du eigentlich einen Mann?“ fragt Jarmila.

Das ist gleich so ein Fall! Ist dazu nun Ja oder Nein zu sagen? Sie hat einen Mann. Seit April vorigen Jahres ist er fort. Sie hat keinen Mann. Aber das hat Jarmila gar nicht gemeint mit ihrer Frage. Jarmila weiss, dass Hanna verheiratet ist, dass sie den Mann im Zuchthaus hat. Trotzdem fragt sie solche Sachen. Als ob es ganz selbstverständlich wäre, dass man sich einen neuen Mann nimmt, wenn der andre fort ist.

Und dabei quält sich Hanna die ganze Zeit, ob das recht ist, ob sie Karl nichts antut, wenn sie an Anatol Svoboda denkt.

Anatol ist auf Urlaub gefahren. Fast vier Wochen ist er schon fort. Sie weiss nicht einmal, wo er ist, nicht, mit wem er seine Ferien verbringt. So fremd ist er, und da liegt sie, nackt am Strand der Podoler Schwimmschule, und denkt mit Puritanerbesorgnis darüber nach, ob ihre Beziehung zu ihm redlicherweise zu vereinigen ist mit dem Mann im Gefängnis ...

Beziehung ... was denn Beziehung! Ab und zu war sie mit ihm abends gemeinsam aus der Redaktion weggegangen, er hatte sie bis zu ihrer Pension begleitet, sie waren unterwegs manchmal in ein stilles Café oder in eine kleine Weinstube eingekehrt und hatten gesprochen.

Jedesmal, denkt Hanna zurück, und es wird ihr feierlich und gerührt zu Sinn, hat sie bei diesen nächtlichen Ausgängen wieder dasselbe erlebt, wie damals das erste Mal, im Mai. Diese Einträchtigkeit des Schreitens, Heiterkeit, selbstverständliche Leichtigkeit in den Gliedern und im Gemüt. Der Kopf geht nebenher, es ist nicht wichtig, was er denkt. Manchmal denkt Hanna dasselbe wie Anatol, und sie bleiben freudig überrascht mitten auf der Strasse stehen und schauen sich an, im halben Satz, den sie beide gleichzeitig angefangen haben. Manchmal aber denkt Hanna etwas ganz Anderes und ärgert sich schmerzlich, weil Anatol so weit weg von ihr ist, so logisch, so aesthetisch ist das, was er äussert. Wie ein bürgerlicher Intellektueller halt, denkt Hanna, in Diskussionen nach einer Bildungsveranstaltung der Partei, in Deutschland. Aber im Grunde ist es nicht wichtig, was sie denkt, der Kopf ist nicht wichtig, denn er weiss immer erst nachher, was im Herzen vorgegangen ist.

Das klingt ja fast wie eine Sentenz, ein Aphorismus aus der Sonntagsbeilage. Hanna setzt sich auf – sie hat, seit Anatol fort ist, ihre Arbeiten für „Interessantes aus aller Welt“ etwas links liegen gelassen. Rechts liegen gelassen, sollte man besser sagen. Sie lacht. Aber man weiss nicht mehr ganz genau, wo rechts und wo links ist. In dieser Jahreszeit gibts nicht viel aufzustöbern, was die Leser interessiert, die üblichen Sommerenten: der

Hamster, der sieben lebende Kinder erbissen hat, das synthetisch hergestellte Leben, ein Geschöpf mit fünfhundert Zellen in der Retorte erzeugt, dann die Geschichte von dem Mann, der sich aus dem Fenster lehnte und sah, wie ein Adler sein Baby von der Wiese hob und durch die Luft entführte, aber da er zufällig eine geladene Flinte neben sich stehen hat, schiesst er frohgemut den Adler mit dem Baby herunter – zu dumm.

Auch in der „Prawda“ steht gar nicht mehr recht was Geeignetes, die Sachen, die man aus Russland zitieren könnte, sind wohl nach dem Geschmack von Bankier Aschbach – so in der Art der Silberteller im Aussenhandelskommissariat, von denen der Ostrauer Industrielle erzählt hat, – aber sie sind nicht mehr recht dazu angetan, die „Svoboda“-Leser verstohlen mit Kommunismus zu infizieren. Die Kontroverse darüber, ob Shostakovitsch ein revolutionärer oder ein konterrevolutionärer Komponist ist, war das einzige Interessante, das sie in den letzten Wochen in russischen Zeitungen gefunden hat, und das interessiert wiederum ganz gewiss nicht Karlíček, das interessiert nur Anatol.

Denn Anatol interessiert auf der Welt nichts mehr oder nichts auch nur annähernd so viel, wie Musik. Der Grossteil der Sachen, die er ihr zum Uebersetzen bringt, sind Essays, Berichte, Artikel über Musik. Hanna selbst bringt ihm – teils aus Dienstfertigkeit, die sie sich bitter übelnimmt, und teils aus eigenem, wieder erwachten Interesse – Sachen, die sie irgendwo aufstöbert. Aesthet, denkt sie, und es ist viel Zärtlichkeit in dem Gedanken. Sie bringt ihm ihre kleinen Ausschnitte in das Büro mit der verschmitzten Klinke und steht wartend dabei, während er sie liest. Jetzt denkt sie schon nicht mehr daran, dass er meinen könnte, sie tue es des Geldes wegen, und legt ihm ohne viel Hemmungen die kleinen privaten Rechnungen vor, die er stets sofort bezahlt. Ja, Anatol ist ganz und gar von Musik durchtränkt. In Konzerte kann er nicht gehen, weil er jeden Tag beim Umbruch sein muss, aber bis vier Uhr früh spielt er Grammophon und erzählt ihr den nächsten Tag davon, in Bíleks Zimmer, wenn man auf die Erste Ausgabe wartet, oder in Prags nächtlichen Strassen, nachdem das Blatt heraus ist.

„Und solche Störung der Nachtruhe lässt Ihre Frau sich gefallen?“ hat Hanna eines Abends gefragt und unwillkürlich eine kleine Atempause vor „Ihre Frau“ gemacht. Sie hatte schon viel über seine Frau nachgedacht, versucht, sie sich vorzustellen, sich sein Leben mit ihr vorzustellen. Aber zu fragen hat sie sich noch nie getraut, vielleicht ist es dann aus, der Zauber, die Heiterkeit, die unaussprechliche Leichtigkeit in den Gliedern, wenn sie mit ihm ist.

„Ich habe keine Frau“, hat er geantwortet und ist etwas verlegen geworden, als bekenne er ein Geheimnis, ein gutes und fatales Geheimnis.

Hanna liegt auf dem Sand im Podoler Bad und es schiesst ihr heiss zum Herzen, wie damals, als er das gesagt hat. Ja, in jenem Moment ist ihr klar geworden, wie sie zu Anatol steht, wie sie lange schon zu ihm gestanden ist, als ob plötzlich eine Schranke weggeschwemmt wäre durch die vier nüchternen Worte, und der dumme, begriffsstutzige Kopf fragt: warum? was gibts da zu freuen? Aber Hanna freut sich, ach was, Freude ist kein Wort, sie ist glücklich, glücklich ...

Das war vor einem Monat. Und ein paar Tage später ist Anatol weggefahren und hat ihr nicht Adieu gesagt, nur bei Bílek im Zimmer hat er sich, ohne einem die Hand zu reichen, von allen gleichzeitig verabschiedet. Er war hinaus, noch ehe Hanna es recht begriffen hatte.

Und da liegt nun Hanna in der heissen Augustsonne und denkt an Anatol, und fragt sich, ob das recht ist, dass sie an ihn denkt, fragt sich, ob man das darf. Da kommt schon wieder das Dürfen und das Nichtdürfen dazwischen, und der Vater, der ihr verboten hat, vom hohen Trampolin in die schmutzige Moldau zu springen, ist doch schon so lange tot. Hanna steht auf und läuft zur Leiter, die hinaufführt zu dem hölzernen Sprungbrett, hoch und frei streckt es sich über das Wasser hinaus. Sie springt, sie taucht lange, dann kommt sie erfrischt und triefend und lachend zu Jarmila zurück. Jarmila richtet ihren kleinen Kodak auf sie, Hanna bemerkt es erst, als Jarmila „Achtung!“ ruft, da ist sie schon geknipst.

„Warum verdirbst du dir deine Platten“, fragt Hanna und streckt sich neben die Freundin hin.

„Nun, es ist immer gut, wenn man ein Bild von sich in dieser Toilette rasch bei der Hand hat ... man kann es mal jemandem als Visitkarte geben“, meint Jarmila zynisch und sieht dabei ganz unschuldig aus. „Wenn man gut aussieht in solcher Toilette, heisst das ... Du bist nämlich hübsch mit deinen langen Beinen und den spitzigen Schultern. Nackt, meine ich. In Kleidern bist du gar nicht hübsch.“ Hanna lächelt über die Aufrichtigkeit und über das Kompliment. Sie kann sich nicht erinnern, dass ihr jemand je gesagt hätte, sie sei hübsch. Aber Jarmila muss es wissen, sie ist eine tüchtige Photographin, bedient die Parteipresse, die Illustrierten, hat auch eine eigene, kleine Photographenagentur. Sie ist eine tüchtige Genossin, macht viel undankbare Kleinarbeit für die Partei und ist sehr ergeben, trotz ihrer schnoddrigen Reden im Karolinenthaler Café, aber mein Gott, da reden ja alle so, sind Intellektuelle, keine Arbeiter.

„Du bist auch hübsch. Mit Kleidern und ohne“, sagt Hanna ehrlich ... Wie jung Jarmila aussieht, dabei ist sie doch höchstens ein paar Monate jünger als sie, sie sind ja zusammen zur Schule gegangen.

„Und du hast also keinen Mann?“ forscht Jarmila nochmals. Hanna schüttelt den Kopf, ein bischen wehmütig. Jarmila setzt ihr sachlich auseinander, dass man einen Mann haben müsse. Man darf nicht so einzeln herumleben, da kommt man nur auf schlechte Gedanken. Die Natur hat nun einmal zwei Geschlechter geschaffen, das muss man zur Kenntnis nehmen. Das Privatleben muss man in Ordnung haben, damit man sich mit freiem Kopf sein bischen Geld verdienen und anständig für die Partei arbeiten kann. Eine hygienische Massregel sozusagen.

Hanna hält die Augen geschlossen. Früher hatte sie genau

so gedacht, Karl hat so gedacht, viele, viele, das Privatleben in Ordnung haben, sich einen Mann nehmen, wenn man keinen hat ... plötzlich findet Hanna das alles nicht mehr so einfach. Ob Jarmila selbst es so einfach nimmt? Vielleicht redet sie nur so tapfer daher, weil sie selbst es nicht kann, das Einfachnehmen, das Privatleben-in-Ordnung-Haben ... Jarmila lebt nicht so „einzeln herum“. Seit Hanna mit ihr verkehrt, hat sie schon den zweiten Freund, und die Geschichte mit Rýma liegt auch noch nicht lange zurück. Sie nimmt die Liebe leicht, das heisst, sie wechselt leicht den Partner ... aber so lange sie mit einem Mann ist, ist sie eifersüchtig, rabiat, macht Szenen, schreibt Abschiedsbriefe, die sie dann widerruft, und kommt manchmal mit ganz übernächtigen, verweinten Augen an. Hanna weiss, sie hat Jarmila beobachtet, die Genossen haben davon erzählt, Jarmila hat selbst ganz zynisch davon erzählt und sich dabei eine sentimentale, dumme Gans genannt, aber dann ist sie zum Telefon gelaufen und hat nach allen Richtungen telefoniert, um festzustellen, wo Ruda – oder war es schon Jenda? – steckt. Eigentlich ist das albern.

„Wenigstens wirst du's leicht haben beim Inquisitionsgericht“, seufzt Jarmila kindlich. „Mir haben sie gestern ein scharfes Misstrauensvotum gegeben: weil ich in die Rubrik ‚Ehemann oder ständiger Lebensgefährte in den letzten drei Jahren‘ gleich fünf Namen geschrieben habe ... Ich wollte die Partei nicht beschwindeln, und ausserdem bekommen sie ja sowieso alles heraus ...“

Hanna setzte sich erstaunt auf. „Was redest du da für einen Unsinn?“ fragte sie. „Was für eine Rubrik? Was für ein Inquisitionsgericht?“ Und sie erfuhr, zu ihrer grossen Verwunderung, dass sie, anscheinend dank ihrer Zugehörigkeit zur reichsdeutschen Partei, Ortsgruppe Prag, einem sonderbar geknüpften Netz durch die Maschen gegangen war ... mit der neuen Linie in Moskau hatte es zu tun.

In der Sowjet-Union wurde schon seit ein paar Wochen eine heftige Kampagne geführt: die alten, wohlvertrauten „bürgerlichen Vorurteile“ – Familienleben, eheliche Treue, das gemütliche Heim – waren wieder aus der Rumpelkammer hervorgezogen worden und wurden im Ersten Arbeiterstaat der Welt den Proleten als neueste Ideale kommunistischer Moral vorgestellt. Hanna hatte schon mit ein paar Genossen darüber gesprochen. Was sollte nun wieder das? Es widersprach völlig den bisher gepredigten Grundsätzen der Kulturrevolution ... Die Linientreuen, wie Kurt, hatten sich darauf berufen, schon Lenin habe die „Glas-Wasser-Theorie“, derzufolge der Geschlechtsakt nur eine hygienische Massregel sein sollte, in Grund und Boden verdammt. Nun gewiss, aber das war denn doch etwas Anderes ... Mussten die nächsten Schritte, nach der Hochpreisung der Monogamie und der neuerdings gepriesenen und anempfohlenen Traulichkeit des Heims, nicht das Verbot der Abtreibung sein, die Erschwerung der Ehescheidung, die Rückverweisung der Frau aus dem Berufsleben ins Haus, in die Abhängigkeit vom Einzelmann ...? War das nicht die Ouvertüre zu einem Stück, das die Preisgabe wichtigster revolutionärer Errungenschaften enthalten musste? Darüber war noch viel nachzudenken ...

Hanna dachte beunruhigt und ratlos daran und fragte sich, ob ihre instinktive Ablehnung, ihr heftiger Widerwille gegen diese neueste „Kulturlinie“ nicht am Ende etwas zu tun hätte mit ihrer Beziehung zu Anatol Svoboda, dieser Beziehung aus kleinen Worten und Blicken, meist in Gegenwart anderer, diese sonderbar intime stumme Zwiesprache zwischen Chef und Angestellter, diese Beziehung schwebender Leichtigkeit, der sie bisher keinen Namen zu geben gewusst hatte, und die nun unversehens, vom massgebenden Russland her, die Ueberschrift „bürgerliche Libertinage“ bekam ... Nein, darüber war noch viel nachzudenken.

Was sie aber nicht gewusst hatte und eben jetzt von Jarmila erfuhr, war, dass die tschechische Partei, entlang der neuen Linie konformistisch umschwenkend, an ihre Mitglieder Fragebogen verteilt hatte, in denen eine ausführliche Beichte über das Privatleben abgefordert wurde.

10. Kapitel

Wie verbringst du deine Freizeit? – Der Urlaub ist um – In der „Svoboda“ macht man sich über die Tugend lustig – Musikfeindschaft – Hanna lässt den Harnisch fallen – Es gibt nur das eigene Leben – Parteiverrat – Und noch ein Verrat – Man muss bezahlen, aber erst ganz zuletzt.

Hanna konnte den Gedanken an den Fragebogen nicht loswerden. Noch am selben Abend holte sie sich ein solches Blatt. Donnerwetter, das ging ja fast wie bei Hitler bis ins dritte und vierte Glied ... Die Eltern, wie sie leben, was sie lesen, was sie denken, die Braut, der Ehemann, der Geliebte, die Kinder, die Freunde, der Verkehr, wie verbringst du deine Freizeit, soziale Vergangenheit des Lebensgefährten ... Sanktionen freilich waren nicht angedroht, umso unheimlicher erschien die ganze Sache, man wusste nicht, was man eben noch hinschreiben durfte, ohne sich zu kompromittieren.

Mit dem unheimlichen Blatt in der Tasche und im Kopf ging Hanna in die Redaktion. Seit Anatol auf Urlaub war, war sie nicht mehr jeden Abend in die „Svoboda“ gegangen. Es war so heiss. In der Setzerei war es kaum auszuhalten vor Fliegen und dem Geruch von Schweiss und Druckerschwärze. Sie lieferte ihre Notizen auf Karlíčeks Schreibtisch ab und ging aufs Belvedere oder auf den Laurenziberg spazieren. Im feuchten Abenddunst sah sie unten den Fluss und die Stadt liegen. Fremde Stadt? Heimatstadt? Auch hier war es schwer, Ja oder Nein zu sagen.

Sie geht nach der „Svoboda“ zu, schlendernd mit langen Armen und Beinen, in ihrem geblümten Sommerkleid und breitem Strohhut. Sie denkt an Anatol. Er hat sich verflüchtigt in ihr in diesem Monat, sie weiss nicht mehr recht, wie er ausgesehen hat. Sie denkt an ihn und weiss nicht, was sie denkt ... vermisst sie ihn überhaupt? Seit er fort ist, hat die Welt, hat die Partei, haben die Genossen sich wieder stärker in ihr Leben gedrängt. Aber auch von daher kommt mehr Verwirrung, als Klarheit und Sicherheit. Man weiss nicht mehr, soll man Ja oder Nein sagen, man sieht doch, heute, die Geschichte mit dem Fragebogen ... was soll man da glauben?

Anatol ist weggefahren. Mit wem ist er auf Urlaub, er ist doch Junggeselle. Schliesslich werden sie in Russland noch eine Junggesellensteuer einführen, wenn das so weitergeht, wie bei Mussolini. Eine Postkarte hätte er schon schreiben können; vielleicht hat er eine an die Redaktion geschrieben, aber Hanna gehört ja nicht zur Redaktion, sie ist nicht angestellt, weil niemand einen Ausländer anstellen darf, sie ist nicht im Tarifvertrag, wie die andern, sie hat keinen bezahlten Urlaubsanspruch, wenn sie krank wird, kann sie sich an keine Krankenkasse wenden, sie gehört nirgendwo dazu.

Nein, Anatol hat nicht geschrieben, und in der Redaktion hat sie auch nicht nach ihm gefragt, Bílek ist auf Urlaub, Vokáček ist auf Urlaub, sie kann doch nicht den salbungsvollen Mandura fragen, und Karlíček schon gar nicht, der ohne Rock, im Sporthemd mit offenem Kragen, den Chef beim Urlaub vertritt.

Es war gegen neun, als sie in die „Svoboda“ kam, ein paar Tage war sie nicht dagewesen. Das Parteiverhör hat sie so wirr und müde gemacht, in der Setzerei ist doch so was wie Heimat. Man weiss, zur selben Stunde trifft man unfehlbar dieselben Leute, jeden Tag, es ist dasselbe Getriebe, man nickt einander zu, ohne sich die Hand zu reichen, der Faktor Slavíček sitzt in seiner Ecke und bedient gleichzeitig das Telefon, alles ist am gewohnten Platz. Das ist so beruhigend, dass alles am gewohnten Platz ist. Sie freute sich schon darauf, als sie durch den Hausflur ging und den Korridor zur Setzerei hinunter.

Aber als sie noch auf den Stufen steht, die in den Saal hinunterführen, und mit Sympathie und etwas müde auf das gewohnte Bild herunterschaut, zuckt etwas durch ihren Körper, sie fühlt, noch ehe sie es sieht: Anatol ist wieder da. Er steht über ein Schiff gebeugt, im Sporthemd mit offenem Kragen, sein schöner Kopf, ganz sonnverbrannt, steht dunkel über dem Weiss.

Hanna klammert die Hand um das alte Holzgeländer, sie ist mit einem Mal glücklich. Zwischen dem plötzlich aufschiessenden Gefühl, damals, als er ihr gesagt hatte: „Ich habe keine Frau“ und dem Gefühl, das sie jetzt durchfuhr, lagen vier Wochen. Sie wusste nichts mehr von ihnen, wusste nichts mehr von ihren Zweifeln, ihrem Grübeln, ihrer Müdigkeit. Sie spürte die heitere Leichtigkeit in den Gliedern und im Kopf, ja, auch der Kopf war leicht geworden, ganz plötzlich und ganz leicht. Sie ging mit schnellen Schritten auf Svoboda zu:

„Sind Sie wieder da?“

„Schon vorgestern bin ich gekommen!“ Er warf die Zigarette fort und schüttelte ihr herzlich die Hand.

„Gut erholt?“

„Wie Sie sehen!“ Er tat ein grosses Lächeln auf, in dem sonnverbrannten Gesicht sahen seine Zähne ganz weiss aus.

Aber es war keine Zeit zum Sprechen, der Obermetteur stand drängend neben dem Chef, Seite zwei musste hinunter. Hanna lehnte sich an eins der Pulte und sah zu, wie der Chef den Umbruch leitete, mit schönen, lebhaften Handbewegungen das Durcheinander der Stimmen und Geräusche meisternd. Seite zwei sauste in den Aufzug und fuhr krachend in die Stereotypie, Seite eins wurde umbrochen, der Chef warf die halbgerauchte Zigarette weg, zertrat sie mit wütend scharrendem Fuss und steckte sich eine neue an ... und schon kam das grosse Aufatmen, wieder einmal das Blatt geschafft – und sie gingen alle zu Bílek Kaffee trinken.

Auch Bílek war vom Urlaub zurück, auf seinem sommersprossigen Gesicht schälte sich rötlich die verbrannte Haut. Der Chef kam aus seinem Zimmer und hatte ein helles Sommerjakett über die Schultern gehängt. Olly kredenzte ihm als erstem den Kaffee und lächelte ihn aus ihren schmalen Chinesenaugen an. Nun, wer sollte ihn nicht anlächeln, so schön wie er war! Seine sonst glänzend und glatt liegenden Haare waren locker und matt, als habe er viel im Meerwasser gebadet. In Abbazia ist er gewesen, erfuhr Hanna, und sah ihn so ausschliesslich an, dass sie gar nicht merkte, was im Zimmer geredet wurde, bis ihr Ohr mechanisch aufwachte bei den Stichworten des Bewusstseins: Russland, Kommunisten ...

...... Einer hatte, wohl um Bílek ins Bild zu bringen – der war in den Karpathen geklettert und hatte zwecks gründlicher Erholung keine Zeitungen gelesen – wieder von den russischen Verordnungen über Liebe und Ehe angefangen. Hanna hatte es nicht weiter sonderbar oder anstössig gefunden, dass Heinrich Aschbach das russische Vorgehen höchlich lobte – aber dass die „Svoboda“ einen anerkennenden Leitartikel zu dem Thema brachte, hatte ihr merkwürdigerweise einen Stich gegeben, als wäre sie für diese Haltung mitverantwortlich, und auch, als würde sie dadurch irgendwie ertappt. Der Leitartikel war von Mandura gewesen, in der Abwesenheit des Chefs war er erschienen, vielleicht, dachte Hanna, hätte er sich ihn sonst zeigen lassen, wie damals, als es um den Pakt mit Frankreich ging.

Was jetzt im Zimmer des Nachtredakteurs verhandelt wurde, hörte sich anders an. Zuerst hörte Hanna nur, dass auf Russland geschimpft wurde. „Diese Bürger“, dachte sie matt und gewohnheitsmässig, wie immer, wie seit Jahren, wenn sie die Sowjet-Union zensurieren hörte. Aber dann fiel ihr auf, dass es um etwas anderes ging. Die Schwenkung der Partei wurde erbarmungslos kommentiert. Weiss Gott, die Rollen schienen diesmal vertauscht! Die „Svoboda“-Redakteure, bürgerliche Liberale der Gesinnung nach, falls sie überhaupt eine Gesinnung hatten, vertraten mit einem Mal die radikale Linke, rissen grausame Witze über Moskaus Rückkehr zur Ehrbarkeit. Nun, Witze riss man im Karolinentaler Café, in den Redaktionen der kommunistischen Blätter, ja vielleicht sogar in der Zentrale auch, aber es war doch blutig ernst und recht schlimm, spürte Hanna, dass es so weit gekommen war.

Anatol mischte sich ein aus seiner Ecke und proklamierte das Recht auf das Privatleben. Er sah aus wie ein Agitator von den Anarchisten mit seinem offenen Hemd, seinem lose um die Schultern geworfenen Rock mit der roten Nelke im Knopfloch, mit den lockeren Haaren, die beim Auf- und Zugehen der Gangtür in seine schöne, weitschläfige Stirn wehten. Hanna freute sich über seine Kritik. War er im Grunde doch ein Revolutionär, der Aesthet, der Sonderling? Nun, es war leider nicht schwer, revolutionär zu sein angesichts der fatalen Parteilinie. Oder ... gehörte er zu den von dieser verpönten Libertinern? Jedenfalls war sie einverstanden mit dem, was er sagte, und fragte sich nur, ob sie ebenso einverstanden gewesen wäre, wenn er statt seines edelgeformten dunklen Kopfes mit den schmalen, durchdringenden Augen ein pickliges, zerknittertes Gesicht gehabt hätte, wie der Leitartikelschreiber Dr. Mandura, der nun auch das Recht auf das Privatleben anmeldete und die Ueberlegenheit der Demokratie über die Diktatur damit in Zusammenhang brachte.

Der Diener Jarko trat ein mit einem Packen noch feuchter Erster Ausgabe, jeder schlug seine Zeitung auf, suchte die Seite, auf der seine Beiträge standen, glossierte die der andern, Bílek hatte den Kopfhörer umgeschnallt und hörte Berlin oder Moskau, es war einerlei, und der Chef bat Menčík, künftig in seinen Berichten aus dem Gerichtssaal etwas sparsamer mit den Worten „ekelerregend“, „abgrundtief“ und „der Held der Strasse“ umzugehen.

Dann wurde das „Prager Tagblatt“ und das „České Slovo“ gebracht, Zeman bekam einen Jubelanfall, weil beide Blätter die Nachricht über die Eifersuchtstragödie in Kobylisy nicht hatten, in letzter Minute hatte sie ihm einer seiner Vertrauensleute von der Peripherie telefoniert. Aus dem Telefonzimmer hörte man die Kartenspieler mit altehrwürdigen Floskeln ihr „Blatt“ kommentieren, Karlíček wurde von einer Braut mit schwarzen Löckchen abgeholt, Dr. Svoboda fuhr in die Rockärmel – er hatte ein kurzärmeliges Hemd an und seine braunen Arme zeigten eine schwärzliche Behaarung – und sagte, ohne jemanden anzusehen: „Also – gehen wir!“

Auf der Strasse gingen sie nebeneinander, als wäre es gestern. Hanna fragte nicht nach den letzten Wochen. Von woher hätte sie fragen sollen? Sie hatte kein Fundament gemeinsam mit diesem fremden Mann, der ohne Hut neben ihr in der Sommernacht ging. Aber er fragte. Er wollte wissen, ob sie auch auf dem Land gewesen wäre, einsilbig sagte sie Nein. Nur von der Podoler Schwimmschule, meinte sie auf seine Frage, wieso sie dann so braungebrannt sei. Und sie dachte daran, dass Jarmila ihr heute früh ein Kompliment über ihren nackten Körper gemacht und sie sogar photographiert hatte, und dachte an die Mädchen, die nur mit Höschen und Büstenhalter bekleidet, sich gar nicht genieren, im improvisierten Badecafé neben den langbeinigen Indianerjünglingen.

„Ich habe schon gestern und vorgestern auf Sie gewartet in der Setzerei“, bekannte er. „Sie waren doch immer täglich dort. Deshalb dachte ich, Sie seien auch verreist.“ Konnte sie ihm gestehen, dass sie seinetwegen so regelmässig gekommen war und erst, als sie ihn nicht mehr zu treffen erwarten konnte, begonnen hatte, die Schönheit der Prager Sommerabende zu geniessen? Sie hatte es ja selbst kaum gewusst vorher. So lächelte sie nur und schwieg.

„Gehen wir noch einen Kaffee trinken“, schlägt Anatol vor. Sie treten ins Café Tumovka ein.

Früher war dieses Lokal der Treffpunkt der Literaten und Künstler, aber die sind seit langem weg, sitzen jetzt im „Manes“ und im „Metro“. Ausserdem sind Ferien. Ein paar alte Beamte hocken da, ein paar Kavaliere mit Mädchen, die sie am Kai aufgelesen haben. Die Camelots kommen hereingestürzt, bieten die Erste Ausgabe der „Svoboda“ an, Anatol und Hanna schütteln Nein mit dem Kopf und schauen einander an, sie haben ja die „Svoboda“ schon gelesen, dort in Bíleks Zimmer, vielleicht haben sie doch etwas Gemeinsames, etwas, von wo aus man fragen kann, sie wissen, woher sie kommen, wenn sie auch nicht wissen, wohin sie gehen, aber wer weiss das schon. Er erzählt von seiner Reise, bis Venedig war er gekommen, zum ersten Mal im Ausland in seinem Leben, nein, es hatte ihm nicht so sehr gefallen, nach den Bildern hatte er es sich viel schöner vorgestellt, aber so ist das wohl überhaupt. Und er hatte an sie gedacht, mit der Sprache sei er nicht recht fortgekommen, sie könne sich wohl gar nicht vorstellen, wie das sei, wenn man so unter fremden Leuten ist und nicht versteht, was sie reden, und immer glaubt, man wird beklatscht oder verraten, da habe er an sie gedacht, der das nicht passieren könne mit ihren Sprachkenntnissen ... Hanna freute sich. Aus seiner Erzählung ging irgendwie hervor, dass er die Reise allein gemacht hatte, und sie freute sich darüber.

Dann kam er auf die Diskussion von vorhin zu sprechen. Er wollte wissen, wie sie zu all dem stünde, zu all diesen Symptomen einer Rechtsschwenkung in Russland. Oft genug hatte sie ihm ja von Russland geschwärmt.

Jetzt kam es wieder. Sie hatten schon viele solcher Gespräche geführt. Svoboda diskutierte gescheit, informiert, wohlwollend, „liberal“, dachte Hanna, so wie seine Zeitung war, so wie sein Name sagte. Aber Hanna, die doch, solange es um unpolitische Dinge ging, in der Beurteilung von Büchern, Menschen, Landschaften sich in so beglückender Weise mit ihm einig fühlte, richtete sich in ihrem Harnisch auf, streng bedacht, den marxistisch gebotenen Standpunkt nicht um ein Jota zu verlassen. Dann bekam sein Gesicht einen sonderbaren Ausdruck, verlegener Respekt und etwas wie Feindseligkeit war darin zu lesen. Und Hanna besann sich jedesmal schmerzhaft darauf, dass sie ja auf der Hut sein musste, auf der Hut vor mancherlei.

Sie durfte nicht erkennen lassen, wie direkt sie das alles anging. Ihre Stellung, ihre Arbeit, ihre Existenz, alle bescheidenen Prager Möglichkeiten waren gefährdet, wenn man herausbekam, dass sie aktives Parteimitglied war. Als Sympathisierende war

sie freilich nicht nur von Anatol, auch von Karlíček und den Setzern längst festgestellt. Aber das ging, wer war heutzutage nicht Sympathisierender, wo in Russland so gutes Parfüm erzeugt wurde und die Stachanowzen so viel vorbildlichen individuellen Arbeitseifer entwickelten!

Auf der Hut sein, ferner, musste sie, sollte sie, um die Gelegenheit zur Agitation gut auszunützen. – Wo wir stehen, ist revolutionärer Boden, hat Marx gesagt! – Und auf der Hut sein musste sie, schliesslich, um nicht zu verraten, wie sehr sie in vielem, das Russland betraf, Anatol recht gab.

Wie das erste Mal, als sie zusammen vom Blatt fortgegangen waren, hatte sie ihm seither oft mit bedingungsloser Begeisterung von Russland erzählt und dabei mit Unbehagen die Feststellung unterdrückt, dass ihre Reise ja nun schon vier Jahre zurücklag. Hatte Vorgänge, Zustände, Zeitungsartikel, Bücher analysiert und sein lachendes „Sie sind so doktrinär!“ ernsthaft bestätigt und ihn zu überzeugen versucht. Sogar die Musik hatte sie analysiert, sie hatte ihm einen Aufsatz aus der „Zeitschrift für Sozialwissenschaften“ übersetzt, in dem Schönberg, Hindemith, Weill und – vor allem – Anatols Gott Igor Strawinsky marxistisch abgehandelt wurden. Aber da war sie nicht nur auf lachenden Widerstand gestossen, da hatte sie etwas wie Wesensgegnerschaft verspürt, jene selbe Art Feindseligkeit, die sie vor Jahren in ähnlichen Debatten ihrem Mann entgegengebracht hatte. „Musikfeindschaft“ hatten sie es damals genannt, nun waren die Rollen vertauscht. Anatol spielte ihre Rolle von dazumal, verteidigte das Irrationale, das Dunkle, das Naturhafte und Ewige, wenn er die Gesellschaftslosigkeit der Musik verteidigte – und Hanna spielte Karls Rolle, spielte sie schlecht, obzwar sie technisch besser dazu ausgerüstet war, sie war nicht überzeugt genug, sie spielte eine Rolle. Es war eine Defensivrolle.

Anatol sprach von Freiheit. Niemand mehr wusste recht, was das war, in der Welt mit ihren Notverordnungen, Konzentrationslagern, Devisenvorschriften, Schauprozessen und tausenderlei Zwängen. Der Begriff war schon durch allzuviele dialektische Filter gepresst worden.

Er sprach von Russland, und auch da wusste man nicht mehr recht, was das war – Erster Arbeiterstaat der Welt, Silberbestecke im Aussenhandelskommissariat, Geranienstöcke vor den Fenstern, Familie und Heim als proletarische Forderung, Land der Zukunft ... Und die Partei – der Chefredakteur der „Svoboda“, die in ihren Leitartikeln Freiheitlichkeit, Verfassungstreue, Patriotismus und Fortschritt vertrat, rechnete, was die Partei tat und verkündete in das „dreckige Geschäft“, das die Politik ihm überhaupt war: ihre Führer – Demagogen und ungebildete Schwätzer, ihre Presse – einfach „schlecht gemacht“ ...

Das Letztere war nicht zu leugnen, wiewohl es das Problem nur am Rande berührte. Der Umbruch im „Rudé Právo“ war wirklich katastrophal, im bürgerlichen Blatt wurde die technische Seite des Zeitungsbetriebs viel gewissenhafter geleistet. Hanna wurde klar, dass ihr an dem Mann nicht das wichtig war, was er sagte. Damit war sie oft nicht einverstanden, ärgerte sich darüber, focht streitbar mit ihm. Und wenn sie auch einverstanden war, so nicht so sehr, weil er ihr Neues gesagt hätte, vielmehr, weil es eine Bestätigung schien, dass dort hinten, im unbekannten Hinterland hinter den Augen, weite Felder lagen, auf denen es aussah, wie bei ihr: Stoppeln vom Vorjahr, Unkraut und prachtvoll blühende Blumen. Was er ungesagt liess, was hinter seinen Augen, wenn sie weit und vage wurden, sich ereignete, was sie ahnte und spürte, das war das Wichtige. Worte sind nichtig, Worte trügen, wir haben nur Deckworte. Das Wahre, das Eigentliche liegt hinter den Worten.

„Ich beschwör' dich! Halt! Dein stummer Mund Tut mir tiefer das Geheimnis kund!“

sprach es in ihr. Wie sonderbar, wie viele Jahre waren ihr keine Verse mehr eingefallen. Wenn sie an Anatol dachte, so dachte sie oft in Versen. Wie schön er war mit seinem braunen Kopf, so schmal und gerade. Heute sprach er so viel, so lebhaft, mit beredten Bewegungen seiner kleinen, zierlichen Hände, sonst hatte er immer zugehört, Hanna zum Reden veranlasst. Hanna hörte zu, hörte der Stimme zu, die auf sie eindrang. Es wurde ihr friedlich und einträchtig zu Sinn. Heute nicht diskutieren, wünschte sie inbrünstig, heute nur zusammensein, Nähe fühlen, man ist so einsam ...

Aber er wollte schon wieder etwas wissen, dasselbe, worum er sie schon vorhin gefragt hatte.

Was das denn wäre mit der Proklamierung der neuen Moral in der Sowjet-Union? Was man davon zu halten hätte?

Da liess sie mit einem Male den streitbaren Harnisch fallen. Er drückte sie, es war so heiss, und sie erzählte, zum ersten Mal, von ihrem Kummer, ihren Zweifeln. Ganz falsch kam es heraus, denn er wusste ja nichts von ihrer früheren Gläubigkeit, die ihr viele Jahre lang das Rückgrat gesteift hatte, so dass sie keinen Harnisch brauchte, und da die Vorgeschichte fehlte, fand sie sich am Ende, ohne es recht vorausgesehen zu haben, auf seiner Seite, wo „das Recht auf das Privatleben“ eine heilige, nicht weiter zu untersuchende Forderung war. Sie spürte, das waren nicht die richtigen Argumente, sie spürte, sie gab etwas preis, was sie nicht hätte preisgeben dürfen – dürfen? Wer sagt mir, was ich darf und was verboten ist! Drohend sagte sie es in sich hinein. Der Mann ihr gegenüber, der fremde Mann? Sie fühlte sich so leicht und frei, wenn sie mit ihm war, so jung und einverständig. Sie waren aus gleichem Boden gewachsen, sie liebten die gleichen Bücher, die gleichen Bilder, die gleiche Musik, sie gingen im gleichen Schritt durch die Frühlings- und jetzt schon durch die Spätsommernächte, sie beide waren so einzeln, vielleicht weil jeder von ihnen eine fremde Mutter gehabt hatte, die mit dem Vater nicht hatte in seiner Sprache reden können, sogar sein Vorname war ja das Resultat eines Kampfes zwischen zwei Lagern.

Bürger waren sie beide, aber doch auch nicht rechte Bürger, er war als Aesthet, sie war als Moralist vom Bürgertum ihrer Herkunft abgerückt. Proletarier waren sie, die ihre Arbeitskraft verkauften, wenn auch die seine höher bezahlt wurde,

aber Proletarier doch auch nur der Definition nach ... Vielleicht war er weiser, dass er bündig und bewusst abseits blieb, sich nirgendwohin rechnete, weiser als sie, die so viele Jahre lang geglaubt hatte, man könne sich seine soziale Zugehörigkeit im Einverständnis mit einer Ueberzeugung des Gehirns erobern. Nein, auch sie war keine Proletarierin, so sehr sie es hatte werden wollen. Sie konnte niemals eine werden. Das hatte sie dunkel in Deutschland schon verspürt, das spürte sie im Flüchtlingsheim unter den deutschen, in der „Svoboda“-Setzerei unter den tschechischen Genossen, sie gehörte nicht dazu, sie trug ein Imprimeekleid und einen Florentinerhut und empörte sich über den inquisitorischen Bogen, den sogar die im Persönlichen so nonkonformistische Jarmila brav und redlich ausgefüllt hatte.

Nein, sie gehörte nirgends hin. Alles ist ungewiss, alles schwankt, immerfort werden die Rollen vertauscht, und wen es trifft, muss in ein und demselben Stück sogar mehrere Rollen spielen. Und hier, ihr gegenüber, sitzt ein Einzelner, ein abgelöster Mensch und schaut sie mit dringenden Augen an, und wenn sie mit ihm ist, verblassen alle Rollen und Fragen und sie spürt, was sie nie so gespürt hat, dass sie ein einzelner und abgelöster Mensch ist, Hanna Last, geborene Aschbach, aus Prag, Deutschland und aller Welt, und dass im Grunde nur das eigene Leben gilt, nichts anderes, das einzige Leben, das man hat ...

Sie öffnete ihr Handtäschchen und nahm den unheimlichen Fragebogen heraus. Reichte ihn dem Mann hin. Es war wie eine Uebergabe. Eine letzte, späte Vorsicht veranlasste sie, zu sagen, eine Freundin, Mitglied der Kommunistischen Partei, habe ihr dies interne Rundschreiben zugänglich gemacht, in Gewissenszweifeln, ob sie ihre mehreren „Lebensgefährten“ zugeben oder verleugnen solle. Irgendwie tief drinnen ahnte sie, dass sie Jarmila verriet, auch wenn Anatol nie erfahren würde, um wen es sich handelte bei ihrer geschwätzigen Bemerkung.

Und als er – natürlich! – entsetzt war, ebenso entsetzt wie Hanna, als sie vor wenig Stunden das Blatt gelesen hatte, war kein Halten mehr: sie erzählte ihm ihre Erfahrungen mit der Partei, seit sie nach Prag gekommen war, ihre Empörung über die demagogische Grosssprecherei, die sich so schlecht reimte mit der Kleinlichkeit des inneren Parteibetriebs, und schob nur die eigenen Erlebnisse und Beobachtungen imaginären Bekannten in die Schuhe. Anatol hörte aufmerksam zu und hielt dabei das Blatt immer in der Hand, auf das er ab und zu herunterschaute. Seine langen Wimpern warfen Schatten auf seine Wangen und er las halblaut:

„Ehemann, Ehefrau oder ständiger Lebensgefährte in den letzten drei Jahren, dessen soziale Herkunft, Beruf, Organisation ... Was haben Sie in diese Rubrik geschrieben?“ fragte er und schaute auf. Das „Sie“ war betont, hatte er haben oder hätten gesagt? Hanna erschrak plötzlich. War es so weit? Hatte er verstanden? Sie gestand sich ein, dass sie gebeichtet hatte mit ihrem indiskreten Erzählen. Aber sie raffte sich zusammen und antwortete: „Mir hat man das ja nicht vorgelegt. Ich sagte Ihnen doch, ich habe es von einer Kommunistin bekommen ...“

Aber Anatol wiederholte seine Frage und wendete die Indikativform in den Konditional: „Nun, dann ... was hätten Sie in diese Rubrik geschrieben?“

Jetzt war das Verbum betont, aber noch mehr, wie vorhin schon das „Sie“. Plötzlich traf Hanna dieses „Sie“ wie etwas Ungehöriges, Unpassendes, das zu Unrecht die Stelle eines „Du“ einnahm ...

„Was hätten Sie geschrieben?“ wiederholte er und legte seine Hand auf die ihre. Seine braune, schmalfingerige Hand lag auf der ihren, und ihre Finger mit den etwas aufwärts gebogenen Fingerspitzen schauten unter den seinen hervor. „Vergnügungssüchtige Finger“ hatte Karl einst gesagt. „Hände, die wegwollen“ ... Jetzt konnten sie nicht mehr weg.

„Ich habe keinen Mann“, sagte Hanna leise.

Im Café war niemand mehr, die Kellner stellten die Sessel auf die Tische, ein Pikkolo fegte die Zigarettenstummel zusammen, es war Mitternacht.

„Bitte die Herrschaften, zu zahlen, wir sperren zu“, sagte der Ober. Vielleicht stand er schon lange da. Alle Lampen waren schon ausgelöscht, nur die über ihrem Tisch brannte noch. Ja, bezahlen musste man wohl auch. Aber erst ganz zuletzt. Beim Weggehen ...

Schweigend gingen sie an den Kai hinunter. Aus dem „Manes“ kamen in Scharen die Leute heraus, jemand grüsste, unter der Strassenlaterne erkannte Hanna Rýmas legere Handbewegung, Rýmas aristokratisches Gesicht. Ein Verräter, dachte sie, aber es war ihr gleichgültig.

Auch Svoboda hatte ihn erkannt. „Auch einer, der etwas Anderes ist, als er zu sein vorgibt – oder als er zu sein glaubt“, sagte er vieldeutig. Hanna antwortete nicht. Es war heiss. Sie nahm den Hut ab. Der Hradschin lag im Dunst, war kaum zu sehen, auf der Moldau fuhren ein paar nächtliche Kähne, ein Betrunkener rannte gegen sie an. Sie gingen schweigend nebeneinander, sie gingen sehr langsam.

Plötzlich bekam Hanna furchtbares Heimweh. Nach Deutschland, nach Karl, nach der Parteiarbeit in Halle, nach dem Elternhaus, nach dem Flüchtlingsheim, nach der Setzerei, nach Bíleks Zimmer, nach dem Mann neben ihr, von dem sie nichts wusste, obwohl sie ihm so nahe war, am meisten aber Heimweh nach sich selbst, nach der Hanna, die sie so lange gekannt hatte und die jetzt also wegging, wer weiss, wohin? ...

Das Herz schlug ihr weh und heftig, wie wenn der Zug abfährt und am Perron stehen die Freunde und winken und werden immer kleiner, immer kleiner, und dann sieht man nur noch die Taschentücher. Sie war ganz allein auf der Welt und es fröstelte sie in der warmen Augustnacht. Je näher sie ihrem Haus kamen, desto mehr verlangsamte sie den Schritt, sie hatte plötzlich grosse Angst davor, allein in ihrem fremden Pensionszimmer zu sein.

Man muss bezahlen, aber erst ganz zuletzt, dachte sie mechanisch. Da standen sie schon vor dem Haus und Hanna hatte geläutet. Hinter der Tür hörte man den Hausdiener heranschlurfen und Hanna hatte schon die Hand ausgestreckt, um sich von Anatol zu verabschieden. Aber, ohne recht zu verstehen, wie das geschah, hob sie die Hand zu seinem Rockaufschlag, nahm die rote Nelke aus dem Knopfloch, führte sie ans Gesicht und sagte:

„Wollen Sie noch einen Tee bei mir trinken?“

Er verneigte sich stumm. Im Hausflur griff er sorglich nach ihrem Ellbogen, wie bei einer Strassenkreuzung. Hanna nahm den Zimmerschlüssel in Empfang, sie fuhren im Lift hinauf, Hanna öffnete und trat hinter Anatol ein. Das Zimmer lag im rötlichen Licht, das Wort „Ampel“ fiel ihr ein, über ihrem Fenster war eine rotbirnige Lichtreklame montiert. Sie standen ein paar Sekunden, dann knipste Hanna am Schalter, lud den Mann zum Sitzen ein.

„Hübsch haben Sie's hier“, sagte er freundlich und betrachtete die Bücher auf dem metallenen Gestell.

Hannas Angst von vorhin war weg. Zuhause war sie und fühlte sich frei und leicht und selbstverständlich. Sie zündete den Spirituskocher an, setzte Teewasser auf, suchte aus einem Karton im Schrank Gebäck hervor und begann den Tisch zu decken.

Karl und die Partei hatte sie vergessen.

III. Teil

11. Kapitel

Sonntag ein schwarzer Tag – Selige Sehnsucht – Meer und Hafen des Umbruchs – Unbekanntes Hinterland – Nichts verlangen und nichts abschlagen! – Peinliche Erinnerung an Liebe von drei bis fünf – Eine Frau wie alle andern – Stummer Abstieg – Die ersten Tropfen fallen.

Sonntag, Sonntag, warum gibt es eigentlich einen Sonntag? Dumme Frage, natürlich damit man nach sechs Tagen, die man gearbeitet hat, am siebenten ausruhen kann, Sonntag, Dominicus, Tag des Herrn, damit man früh in die Messe geht und sich reinwäscht von den Sünden der vergangenen Woche und sich Kraft holt und Rechtfertigung für die Sünden der kommenden Woche, oder damit man mal ordentlich ausschlafen kann. Und damit man sich seiner Familie widmet, am Sonntag, der Familie, die man die ganze Woche nicht sieht. Sogar Karlíček, der doch sechs Tage der Woche so unverheiratet als möglich lebt, in der Redaktion, im Kaffeehaus, oder irgendwo mit irgendwelchen rotlockigen oder schwarzlockigen Bräuten, sogar Herrn Chefredakteur-Stellvertreter Karl Lozák sieht man Sonntag vormittag mit Frau und Kindern (denn er hat Frau und Kinder) im Baumgarten spazieren gehen.

In Russland hat man den Sonntag abgeschafft: fünf Tage arbeiten, den sechsten ausruhen, gleichsam dem lieben Gott zum Tort, Stachanov-Arbeit schlägt Kalenderrekorde, in Russland geht man nicht zur Messe, und ausschlafen kann man auch an einem Dienstag oder an einem Freitag, zumal wenn man gar nicht mehr weiss, obs Dienstag oder obs Freitag ist, verwirrend genug war es der westlichen Hanna vorgekommen, damals im Sommer 1931; keine Wochentage, nur Monatsdaten, jeder Monat dreissig Tage, die fünf, die übrig bleiben, die überflüssigen bürgerlichen Ultimos, sind fünf Staatsfeiertage, zwei Tage Oktoberrevolution, zwei Tage Maifeier, und Lenins Todestag .... Aber man hat die Fünftage-Woche in Russland wieder abgeschafft, sie hat sich nicht bewährt, heisst es, weil die vielen Schichtwechsel in den Fabriken die Arbeit durcheinandergebracht haben, und auch, damit Vater, Mutter und Kinder – die in den Revolutionsjahren ihren „Vychadnoj“, ihren Ausgehtag, an verschiedenen Wochentagen hatten – wieder einmal zusammenkommen, ja, sagen wir es offen, wenngleich mit einem Seufzer, auch in Russland ist der Sonntag wieder eingeführt worden, damit man sich der Familie widmen kann.

Wer keine hat und wer nicht einmal zur Messe geht, hat nichts zu lachen; und wenn er obendrein das einmalige Ausschlafen nicht besonders ersehnt, weil er, so ist nun mal sein Leben organisiert, auch Freitags oder Dienstags ausschlafen kann, der ist gar übel dran. Er bummelt ein bischen durch die Stadt, geht ins Café, die Sonntagszeitungen lesen, dann isst er irgendwo zu mittag, frische Tischtücher gibts am Sonntag in den Restaurants und Blumen auf den Tischen, und man sieht sonntäglich aufgeputzte Familien, die heute nicht zuhause kochen wollen, na, und dann weiss man schon gar nicht mehr recht, was man anfangen soll bis zum Kino am Abend.

Umbruch ist nicht, man hat kein Zuhause, die Redaktion ist zugesperrt, einmal, als Hanna sich Sonntag ihr Wörterbuch holen wollte, um schnell etwas für Anatol zu übersetzen, hat sie lange mit dem rasselnden Schlüsselbund, den der Portier ihr anvertraut hatte, im dunklen Gang an den Türen hantieren müssen, weil sie den Lichtschalter nicht fand. Traurig, traurig ist so ein Sonntag. Abends geht man zum Trost in das kleine Café in Karolinental, ein bischen mit den Genossen herumsitzen, aber das ist in letzter Zeit gar nicht mehr so gemütlich, wie früher, Jarmila und ihr derzeitiger Freund Jenda sind in eine grosse Abschiedstragödie eingehüllt, die die Stimmung des ganzen Kreises bedrückt, und gegen Hanna spricht man irgendwie mit verdeckten Karten, sie fühlt es jedesmal mehr. Warum gibt es eigentlich Sonntage? Alles kommt aus dem Gleichgewicht. Mit Mühe hat man sich die Woche über so ein bischen schäbiges Gleichgewicht zusammengebaut, im Gleichschritt der Alltage und im gewohnten, vertrauten, unentbehrlich gewordenen Gebrause der abendlichen Umbruchstunde, und dann kommt der Sonntag und man stürzt in ein schwarzes Loch.

Aber all diese müssigen Sonntagsgedanken, Hanna so vertraut seit nun fast einem Jahr, fielen heute sie nicht an; denn heute war richtiger Sonntag, richtiger Feiertag, nicht nur öder Schalttag zwischen erfüllten Wochentagen, heute war Sonntag, Sonntag, Sonntag!

Sie sass Anatol gegenüber in einem Dritte-Klasse-Coupé. Er hatte Zweite nehmen wollen, aber Hanna hatte abgewehrt, es war ihr immer ein wenig peinlich, wenn er für sie bezahlte, und es hatte auch nicht recht gepasst zu ihrer Wandertracht. Sie fuhren aus Prag hinaus, ins Freie. An der Moldau entlang, durch Vorstädte und Dörfer, die Hanna ganz unbekannt waren, sie war seit der Kindheit wohl nicht mehr hier gefahren. Bei Vran wurde eine riesige Talsperre gebaut, und die staatlichen Lungenheilanstalten standen so neu und modern da, sie wusste gar nicht, was das für Gebäude waren, aber Anatol erklärte ihr die Gegend, wie einer Ausländerin, freilich, sie war ja auch so viele Jahre „draussen“ gewesen.

Er sprach zu ihr, wie zu einer zufälligen Bekannten, nannte sie „Sie“. Nun ja, man weiss ja nicht, einen Chefredakteur kennen so viele Leute, er hat ganz recht. Auf mich brauchte er keine Rücksicht zu nehmen, mich kennt hier keiner, und wenn schon, es ist mir alles egal.

Hanna war glücklich. Einen ganzen Tag, den ersten ganzen Tag mit Anatol zusammen sein! Einen ganzen Sonntag, den ja Gott geschaffen hat, damit der Mensch weiss, dass er nicht allein ist auf der Welt.

Jetzt gar schon Gott! Sie lächelte. Weiss Gott, es war ihr sonntäglich fromm zumute, so rein und einverständig fühlte sie das Leben in sich, und sie schaute Anatol mit klaren und vertrauenden Augen ins schmale, dunkle Gesicht. Er war so neu für sie heute in seinem Sportanzug mit offenem Hemd,

und statt der Zigarette hatte er sich eine kurze Pfeife angezündet, und sah aus wie zwanzig Jahre, fand Hanna entzückt.

Gestern Abend erst hatte er ihr den Vorschlag gemacht. Es waren, nachdem es fast den ganzen September hindurch geregnet hatte, noch ein paar schöne, warme Tage gekommen. Man sollte wirklich einmal aufs Land fahren, hatte er gemeint, als er sich vor der Haustür von ihr verabschiedete, und ob sie morgen etwas vorhätte? Nein, sie hatte nichts vor, was hätte sie vorhaben sollen am Sonntag? Sie hatte ja seit Wochen gewartet, jeden Samstag, dass er ihr diese Frage stellen würde, denn von jenem Tag an, wo ihr nach der Wirrnis und Trübe vieler Monate plötzlich so leicht und lebensdemütig und beinahe fromm zumute geworden war, hatte sie sich selbstverständlich und frauenhaft für ihn bereit gemacht und hatte sich gelobt: nichts verlangen und nichts abschlagen!

Samstag für Samstag waren vorbeigegangen, und er hatte nichts gesagt und Hanna hatte nicht gefragt: „Was machst du morgen?“ Sie hatte gewartet. Vielleicht hatte sie sich gefürchtet, auf eine Frage eine ausweichende oder ablehnende Antwort zu hören? Sie wusste ja nicht, wie er lebte, obzwar sie nun schon den zweiten Monat seine Geliebte war.

In Davle stiegen sie aus und begannen zu wandern. Schön, schönes Wetter, Sonntagswetter im Oktober! Auf der Landstrasse war es richtig heiss, sie waren erst um zehn Uhr weggefahren. Anatol nahm den Rucksack ab, Hannas Rucksack, er war leicht, nur ein wenig Proviant und ihre Strickjacke war darin; er zog die Lederweste aus, wie schön er war, der Kopf und Hals so dunkel über dem offenen weissen Hemd, und die nackten Arme zeigten einen schwärzlichen Flaum, es rieselte ihr über den Rücken. Sie bogen in einen Waldweg ein, und das Hupen und Rattern der Autos verstummte hinter ihnen. Die Bäume waren herbstlich gelb und rot, am Waldrand die Birken schon teilweise entlaubt. Keinen Menschen trafen sie, die gingen wohl alle am Fluss entlang oder lagerten schon irgendwo auf einer Wiese zur Mittagsrast.

Anatol hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt, einträchtig schweigend schritten sie durch die Stille. Das ist nun also mein Sonntag, dachte Hanna, unser Sonntag, nach dem ich mich so viele Wochen gesehnt habe. Erfüllung. So viel, so vieles habe ich mir zu sagen aufgespart für diesen Sonntag. Alles, was zwischen fremden Menschen und uhrbemessenen Stunden und Minuten nicht gesagt werden kann. Und jetzt fällt mir gar nichts ein. Von einem Sonntag zum andern hab ich mirs aufgehoben, und jetzt weiss ich nichts mehr ...

„Um diese Zeit bin ich die letzten Sonntage immer in den Strassen herumgelaufen und habe gehofft, dich irgendwo zu treffen“, bekannte sie. Es kam ihr nicht in den Sinn, dass das eine Frage ohne Fragezeichen war. Sie wollte sich ihm näher bringen, berichten, erzählen, was wussten sie denn eigentlich voneinander. Anatol erzählte wenig und fragte nicht. Er wusste wohl jetzt, dass jene Klagen und Beschwerden, die sie in einer Augustnacht, ratlos über einen fatalen Fragebogen gebeugt, einer kommunistischen Freundin in die Schuhe geschoben hatte, ihr eigenes Sorgenerbteil waren. Aber in dem, was sie damals bekannt, und worüber sie, mit Verwirrung und Bitterkeit, und, wenn er ihre wachsenden Zweifel an der Partei zustimmend unterstrich, mit plötzlich aufgeflammter Abwehr hie und da gesprochen hatte, war so gut wie nichts über ihr privates Leben deutlich geworden, und gefragt hatte er nicht. Nicht einmal damals, als er sich für den folgenden Nachmittag bei ihr ansagen wollte und sie geantwortet hatte: „Du wirst mir glauben, dass es mir schwer fällt, Nein zu sagen, aber ich habe morgen etwas Wichtiges vor.“ Sie hatte nicht gesagt, was. Nur am Tag darauf hatte sie, beim Heimweg von der Redaktion, beiläufig erwähnt, die Abhaltung habe den Verzicht auf seinen Besuch nicht gelohnt ... und er hatte nicht gefragt. Er hatte nie gefragt: „Was machst du am Sonntag?“ Er reagierte auch jetzt nicht auf ihre halbe Frage.

„Herumgelaufen bin ich, an den Sonntagen“, wiederholte sie und zählte gewissenhaft auf: „Mandura hab ich getroffen, mit Familie, auf der Sophieninsel; Herrn Slavík mit Familie, am Kai; Zeman mit einer Braut, auf dem Belvedere; Fräulein Jelínek aus der Administration, mit einem Bräutigam; nur dich nicht ... gehst du sonntags nicht spazieren?“ Nun war es doch eine richtige Frage mit Fragezeichen geworden.

„Aber ich bin Sonntag fast nie in Prag!“ antwortete Anatol mit grösster Selbstverständlichkeit. „Ich fahre meist nach Brünn, zu meinen Leuten ... Samstag mit dem Mitternachtszug oder Sonntag zeitig früh ... hast du das nicht gewusst? Ich komme oft erst Montag mittag zurück und lasse Lozák das Montagsblatt machen ...“ Nein, das hatte sie nicht gewusst. Das Montagsblatt erschien als Nachmittagsblatt, um zwei Uhr. Nie war ihr eingefallen, dass der Montagsumbruch ja vormittag sein musste.

Diese einfache Feststellung regte sie ganz ungebührlich auf. Sie wusste nichts von ihm, sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie er lebte. Karlíček, Bílek, die Setzer, der Portier, alle wussten sie mehr von ihm als sie. Ein Chefredakteur muss immer und überall zu erreichen sein, wie ein Arzt. Sicher stand auf dem Zettel, der über Bíleks Schreibtisch an die Wand geheftet war, unter den wichtigen Telefonnummern auch die seine, in Brünn. Es war ihr nie eingefallen, auf die Telefonnummern zu schauen. Es war ihr nie eingefallen, nach Anatols Nummer zu fragen, die nicht im Telefonbuch stand zwischen den siebenundsechzig Svobodas, unter denen sie, an einem Mai-Vormittag, vergeblich nach seinem Vornamen gesucht hatte. Sie wusste, sie traf ihn täglich beim Umbruch, und das Wissen um diese gewisse Stunde erschien ihr so weitreichend, so allumfassend, so voll tiefer Sicherheit, dass die grosse Wüste von Nichtwissen um sein persönliches Leben, das sich ausserhalb der Redaktion begab, ihr als solche noch gar nicht zu Bewusstsein gekommen war.

Jeden Abend zwischen sechs und sieben – sie war immer

schon vorher da – sah sie unfehlbar seine schmale, rasche Gestalt an der Milchglasscheibe vorübergleiten, und dann wartete sie mit klopfendem Herzen, bis er wenige Minuten darauf, schon in seiner Arbeitsbluse, die Tür zum grossen Mittelzimmer aufmachte und ihr Guten Tag sagen kam. Er fragte höflich nach ihrem Befinden, ihrer Arbeit, und wenn zufällig niemand weiter im Zimmer war, küsste er sie wohl auch auf das Haar oder auf den Nacken und verabredete die nächste Zusammenkunft ... Kam er lange nicht, dann konnte Hanna es manchmal nicht mehr aushalten und ging, mit irgendwelchen Blättern oder einem Buch in der Hand, zu ihm. Sie drückte auf den versteckten Knopf an der Klinke, drückte die Klinke leise nieder – man konnte nicht anklopfen, weil die Tür von beiden Seiten gepolstert war – und sobald sie hinter dem Schreibtisch sein geliebtes Gesicht erblickte, hörte das Herzklopfen auf und ein tiefer, glücklicher Friede zog in sie ein: er war auf seinem gewohnten Platz, er war noch da, er war da, er war immer da, wenn er auch nicht mit ihr sprechen konnte, weil der Obermetteur oder Bílek neben dem Schreibtisch stand oder ein Besucher im Klubfauteuil sass und Anatols Gestalt verdeckte. Er winkte ihr mit den Augen, und Hanna sagte „Pardon“ und zog sich zurück. Wenn niemand bei ihm war, nahm sie selbst im Klubfauteuil Platz, und sie sprachen: über Bücher, über die Arbeiten, die sie nach wie vor für ihn machte, über Musik, über das Blatt, über die Menschen im Blatt, vertieft und interessiert, wie immer, sie sagten sich sogar „Sie“, so gewöhnt waren sie an diese Plauderstunde am Spätnachmittag, die ihnen gewohnt war seit langen Monaten, ehe es etwas Persönliches zwischen ihnen gegeben hatte ... Nein, Persönliches kam auch jetzt nicht zur Sprache, schwang nur als geheimes Klingen mit hinter allen Worten, all ihren Worten, die jeder zufällig Eintretende hätte vernehmen können, so unpersönlich waren sie, und die sie trotzdem mitten im Satz abbrachen, wenn die diskrete Klinke leise niedergedrückt wurde und Karlíček oder der Obermetteur eintrat. Dann ging Hanna mit einem lächelnden „Also dann, vielen Dank, Herr Doktor“ hinaus.

Um acht Uhr würde sie ihn ja wiedersehen und einundeinhalbe Stunde betrachten können, sehen, hören, spüren, im Brausen der Umbruchsstunde, das für sie beide Meer und Hafen zugleich geworden war ... Was jenseits lag, im Hinterland, weit weg von der Brandung der Küste, lag in Nebel und Dunst, ungesagt, ungefragt, auch sie hatte ja eine weite Strecke Hinterland, in dem es mancherlei gab, was sie Anatol nicht sagte und wonach Anatol nicht fragte ...

Aber heute, heute waren sie nicht in der „Svoboda“ zusammen, in ihrer eigentlichen Wohnung, zwischen dem Klappern der Maschinen und dem Fieber der Setzer, die die Winkelhaken im Arm schwangen, wie Primgeiger die Violine in einem Nachtlokal, zwischen den Redakteuren, die in unverständlichem Zeitungsrotwälsch ihre eilige Arbeit verrichteten. Heute gingen sie Arm in Arm durch den herbstlichen Wald und die Stille schwang um sie, dass ihnen die lärmgewohnten, stilleentwöhnten Ohren brausten, weil es rundum so leise war.

Sie hätten schon lange abbiegen und zum Fluss hinuntergehen müssen, wenn sie ihr ursprüngliches Ziel, die Štěchowitzer Stromschnellen, erreichen wollten, aber was lag daran, es erwartete sie ja keiner, hier oben auf dem Hügel war es so ungeheuerlich schön, man konnte gar nicht sprechen, so viel Ruhe war um einen.

Vielleicht konnte man singen ...? Hanna fing mit geschlossenen Lippen zu summen an und es wurde, ohne dass sie es wollte und wusste, Mahler: „... Ging ich morgens übers Feld ... tililalila ...“ Und dann öffnete sie die Lippen: „Schöne Welt! Schöne Welt!“ Wie das jauchzte! Wie der rote und gelbe Oktoberwald, und der Sonntag, der wirkliche, ihr Sonntag, ihrer und Anatols!

„Was du für eine gute Stimme hast!“ sagte Anatol bewundernd, und man merkte, dass es nicht bloss ein Kompliment war. Sie hatte einen schönen Mezzosopran, den sie vor ihrer Heirat auch auszubilden begonnen hatte. Aber dann war das ganz andere Leben gekommen, Karl, die Arbeit, die Partei, auch die „Musikfeindschaft“ ... Nein, sie hatte lange nicht mehr gesungen. Sie schritten über das Moos, die Tannennadeln, die Wurzeln, und Hanna sang und sang. Als wären viele Jahre voll ungesungener Lieder in ihr aufgestaut, so strömte es jetzt aus ihr heraus, und sie war selbst überrascht, wie viele Lieder sie noch wusste, Schubert und Schumann und Mahler und Brahms und Wolf und Debussy, und als sie mit den Liedern fertig war, begann sie mit den Opernarien, und es fielen ihr sogar noch die italienischen Texte zu „Aida“ und zur „Macht des Schicksals“ ein. Nur ab und zu fehlte ihr ein Wort, aber sie schwindelte vergnügt ein anderes ein oder sang einfach auf la-la-la weiter.

„Ich möchte einmal mit dir in die Oper gehen!“ sagte sie plötzlich.

„Das wird sich schwer machen lassen“, meinte er zurückhaltend. „Du weisst doch, dass ich jeden Abend im Blatt sein muss ...“

„Und Sonntag?“ drängte sie.

„Nun ja, vielleicht einmal Sonntag“, erwiderte er, aber es klang wie Nein.

Hanna verstummte. Schon zum zweiten Mal war sie heute einem ihrer beiden Hauptaxiome: nichts verlangen und nichts abschlagen! untreu geworden.

„Sing doch noch etwas!“ bat er.

„Wenn dir die Karten einmal bittres Unheil künden ... vergebens mische sie“, sang Hanna, Carmens Arie aus dem dritten Akt, aber bei der zweiten Zeile kam sie aus der Melodie, tastete ein paar Tönen nach und brach dann ab. Anatol pfiff die Arie richtig zu Ende. Es tat Hanna in undeutlicher Weise wohl, dass er ihr die tragische Melodie auf halbem Wege abgenommen hatte.

„Wir waren übrigens schon mal zusammen in der Oper“ sagte er und blickte sie an wie im geheimen Einverständnis. „Carmen haben wir zusammen gehört, wenigstens teilweise ...“

Hanna erinnerte sich sofort an den Abend in Bíleks Zimmer, wo sie spät noch nach der „Svoboda“ gegangen war, um irgendwo ihr grässliches Verlassenheitsgefühl zu betäuben, und zu ihrer Ueberraschung den Chef getroffen hatte.

„Damals, als du mich gefragt hast, wie ich mit Vornamen heisse ..“

Hanna schaute ihn an. Sie war glücklich, dass auch er den Abend so genau im Gedächtnis hatte, dass er es ihr heute sagte. Es war wie ein Geständnis.

„Und du hast vom ‚eigentlichen Leben‘ gesprochen“, bestätigte sie. „Im Mai wars, Anfang Mai. – Ist das nun heute ‚eigentliches Leben‘ oder ist es Wirklichkeit?“ setzte sie hinzu, es war mehr eine Frage an sich selbst.

„Vielleicht ist es sogar ‚wirkliches Leben‘“, antwortete er und küsste sie.

„Wir haben nämlich schon eine Geschichte zusammen“, fügte er hinzu und hielt ihr Gesicht zwischen den Händen. Aber er schaute ihr nicht in die Augen, er schaute blicklos ins Weite.

Ja, sie hatten wohl schon eine Geschichte zusammen, Geschichte ihrer Sehnsucht. Eigentlich – zusammen hatten sie sie nicht. Jeder hatte die seine, die sich auf den andern bezog, aber Hanna wusste nur ihren Strom, und Anatol wusste nur den seinen, und jeder wusste, wo und wann der seine entsprungen und wie er verlaufen war, mit Krümmungen, Talsperren, Stromschnellen und sandigen Seichten. Wie der Strom des andern entsprungen und verlaufen war, das wussten sie nicht, wussten allenfalls – aber sie wagten nicht, davon zu sprechen – dass in einer Augustnacht die beiden Ströme ineinandergeflossen waren. Und da noch, fragte sich Hanna mit Zweifel, weiss man nicht, welcher Fluss in welchen gemündet ist, der meine in den seinigen, der seine in den meinen ... ob er wohl davon weiss? Wer ist hier Haupt- wer Nebenfluss gewesen?

Nun, einerlei, jetzt strömten sie einträchtig dahin, getragen vom Fluten ihrer beider Herzen, ihrer beider Blut, getragen von Musik und vom allabendlichen Brausen des Umbruchrummels, der sie getreulich jeden Tag um halbzehn an den Kaffeestrand in Bíleks unordentlichem Büro spülte, und wenig später auf die nächtlichen Strassen, die im Herbstregen glänzten.

Heute aber war nicht Nacht und nicht Regen, es war Mittagssonne im Wald. Schwarzgrün stand der Wald, fast lauter Nadelbäume, und der Erdboden braun vor Nadeln, mit wenig Grün dazwischen, und durch die geraden Reihen der Fichten sah man da und dort ein leuchtendes Buchenrot, und am Waldrand die zartweissen Stämme schon halbentlaubter Birken.

Sie gingen Hand in Hand und sprachen nichts. Ein unendliches Wohlgefühl breitete sich in Hannas Körper aus; den ganzen Tag, einen ganzen Tag lang hatte sie Anatol für sich, kein Bílek, kein Obermetteur, kein Besuch, kein Griff aus dem riesigen, unbekannten Hinterland seines Privatlebens konnte ihn ihr heute streitig machen, einen ganzen Tag lang, und danach – vielleicht! – noch eine ganze Nacht. Sie hatte, als sie in Davle ausstiegen, ein hübsches Hotel an der Moldau gesehen, Sommerfrische, jetzt im Oktober sicher leer, warum konnten sie da nicht bei der Rückkehr ein Zimmer nehmen und sich einschreiben als Herr und Frau Svoboda, es gab ja so viele Svobodas. Aber etwas hielt sie zurück, den Gedanken weiterzudenken, heute war Jetzt, und das eben war ja das Beglückende, dass es keine Vergangenheit und keine Zukunft gab, nur die vorhandene, reine, gewisse Gegenwart auf einem Waldweg, eingerahmt von hohen Fichten.

Auf einer sonnigen Lichtung machten sie Rast. Es war schon Mittag. Hanna packte den Rucksack aus, sie verzehrten die Brote, die sie morgens noch aus ihrem Nachtmahlvorrat zurechtgemacht hatte, Anatol steuerte Bonbons und Obst bei. Sie assen mit Lust und freuten sich, wie es ihnen schmeckte. Sie waren nicht mehr jung genug, um, weil sie sich liebten, das Essen zu verschmähen. Dann streiften sie im Busch herum, um Wasser zu finden. Mit Pfefferminzpastillen konnte man den Durst nicht löschen, und eine Thermosflasche besass Hanna nicht und hatte sie auch, da der Ausflug erst nachts zuvor beschlossen worden war, nicht mehr beschaffen können. Aber gemahlenen Kaffee hatte sie mitgebracht und ein Aluminiumgeschirr. Der Kaffee gehörte zu ihrer sonderbaren Beziehung wie die Zeitung, wie der Lärm im Setzersaal, sie mochten ihn auch in der feierlichen Stille des Sonntagswaldes nicht vermissen. Dann fanden sie Wasser und übersiedelten mit ihrem Hausrat an die Quelle und begannen Reisig zusammenzutragen und ein Feuer anzumachen.

Ueber das zarte Gras gebeugt, schrie Hanna leise auf: „Parasols!“ Zwischen den Buchen hatte sie die hohen, faserigen Schäfte und die geschuppten Kuppen der Pilze erspäht.

„Die sind giftig!“ winkte Anatol ab. Aber Hanna schüttelte beruhigend den Kopf. Sie kannte sie, in deutschen Wäldern hatte sie sie vor Zeiten oft gepflückt und an ebensolchem Reisigfeuer gebraten. Aber an Deutschland mochte sie jetzt nicht denken und Anatol davon nicht sprechen. Aber sie kannte die Parasols ja auch schon aus den böhmischen Wäldern, wie lange war das her! Der fortschrittliche Hausarzt ihrer Jugendjahre, mit dem sie vor Zeiten oft gewandert war, hatte den Mädchen und Burschen die Früchte des Waldes erklärt. Sie merkte, dass sie auch den Wald wiedererkannte, den alten Wald bei Štěchowitz, wie lange war das her, vor dem Krieg, mehr als zwanzig Jahre, seitdem war sie nicht hier gewesen. Sie unterdrückte auch diese Erinnerung, es war ihr peinlich, dass sie schon vor dem Krieg sollte erwachsen gewesen sein, vielleicht war sie sogar älter als Anatol, für wie alt mochte er sie halten?

„Für wie alt hältst du mich?“ fragte sie und hatte ein bischen Herzklopfen. Er sah sie aufmerksam an. Sie bückte sich, um Reisig für das Feuer aufzuschichten, er lag auf den Ellbogen gestützt und sah ihr von unten ins Gesicht.

„Du siehst entschieden viel jünger aus“, antwortete er.

Es klang, wie wenn er einen Schlussstrich unter eine Berechnung zöge.

Hanna begnügte sich mit diesem unlogischen Urteil. Sie kniete sich hin, um das Feuer zu schüren, und lächelte ihm zu. Da packte er sie an den Schultern und warf sie hin. Er küsste sie unruhig und erregt über das ganze Gesicht, den Hals, die Brust.

„Wann hast du mich zum ersten Mal gewollt?“ fragte er sie ins Ohr. Sie wusste es ganz genau. An jenem Tage, wo er ihr gesagt hatte: „Ich habe keine Frau“. Und sie wusste nicht, was diese Enthüllung mit dem plötzlichen Aufschiessen ihres Blutes zu tun haben sollte und mochte nicht nachforschen.

„Und du?“ flüsterte sie statt einer Antwort und wehrte sich nicht mehr.

„Ich ... schon lange. Viel länger, als du wissen kannst ...“

Nein, es kam keiner, sie waren mitten im Wald, Sonntagsstille rundum, und sie stürzten sich ineinander, verschlangen einander, und immer dringender und immer wieder in langen Zügen, und Hanna spürte wieder das völlige Hingegebensein, Auslöschen des Du und Ich, wie sie sich schaudernd Leib an Leib spürten, wars, als wären sie schon von andern Schauern angerührt.

Seit jener ersten Nacht war es das erste Mal, dass Hanna sich ganz in den Mann verlor. Damals hatte sie ihm gesagt: „Fast als hätte ich bisher nicht gewusst, dass ich eine Frau bin ...“ Das war nicht ganz wahr. Sie war auch vorher nicht kalt gewesen, in den paar kläglichen Liebschaften, die sie vor ihrer Ehe gehabt hatte, anfangs, um zu probieren, „wie es ist“, das Verbotene, Geheimnisvolle, das das Mädchen aus bürgerlichem Haus eigentlich nicht wissen durfte, und dann aus Freude an der Lust. Aber es war eine kleine Lust gewesen, beschränkt auf Kitzel und Entspannung und immer wie mit Verachtung und Selbstverachtung gemischt. Und mit Karl ... seltene Male war sie in seiner Umarmung sich selbst völlig verloren gegangen, sie wusste die seltenen Male fast noch dem Datum nach, wenn sie gehobenen Herzens gemeinsam aus einer grossen Versammlung heimgekommen waren, wenn sie eine gemeinsame Arbeit abgeschlossen hatten, dann hatte der Körper die grosse Gemeinsamkeit des Glaubens bestätigt, man hatte aufgehört, ein armes, einzelnes Ich im Fleische zu sein. Aber die andern, vielen, hunderte, tausende Male, mit Karl, war es eher wie eine fleischliche Bestätigung ihrer geistigen Brüderlichkeit gewesen, Vertrauensbeweis und herzliche, menschliche Teilnahme, die das widerspenstige Fleisch zwingt, dass es die Antwort nicht versagt.

Mit Anatol aber, von jenem Tag an, den sie ihm nicht einbekannte, hatte es sie völlig hingerissen, Augen und Haut, und tief drinnen das Glühende, Langheranschwellende, das sich nicht in einen einzigen spärlichen Funken entlud, sondern in grossem, ständigem Brausen weiter dumpf lärmte durch den ganzen Körper, bis es dann langsam auslief und verebbte in ruhigen tiefen Atemzügen.

„Fast als hätte ich bisher nicht gewusst, dass ich eine Frau bin“, hatte sie erstaunt bekannt. Und er hatte geantwortet: „Du bist eine Frau wie alle andern ...“ Es klang ein bischen männerhaft-roh, aber sie hatte es wie eine verführerische Liebkosung empfunden, und hatte sich herausgestürzt, jauchzend, aus der Strenge aller Meinungen und vorgefassten Ansichten, hatte den Harnisch abgelegt und sich hingegeben, wie eine Frau, die ist, wie alle andern, gesichtslos, namenlos.

Niemehr seit jener ersten Nacht mit Anatol hatte sie diese gänzliche Selbstverlorenheit zustandegebracht. Am folgenden Tag war auf ihrem Tisch ein höflicher Brief der Pensionsleitung gelegen, des Inhalts, es werde darauf aufmerksam gemacht, dass nach acht Uhr abends keine Besuche mehr auf den Zimmern empfangen werden dürften. Das hatte sie ihm gesagt, als er am nächsten Abend wieder mit hinaufkommen wollte, und hatte erwartet, er würde sie mit in seine Wohnung nehmen. Aber er hatte nur die Stirn gerunzelt und eine Weile geschwiegen und ihr dann zum Abschied die Hand geküsst. Und war von da ab am frühen Nachmittag zu ihr gekommen.

Sie hatte Ja gesagt, als er sich anmeldete, aber als er sie anfasste und zu küssen begann und sagte: „Lass doch die Vorhänge herunter!“ hatte sich etwas in ihr gesträubt: so am hellerlichten Tag und auf Vorausbestellung ... nein, sie war ganz kühl geworden und hatte ihn ablenken wollen, hatte Kaffee gekocht, ihm Bücher gezeigt, erzählt, bis er ihr Gesicht zwischen die Hände genommen und leise und ein bischen plump gefragt hatte: „Warum nicht das, was wir beide wollen?“ Da hatte sie den Mut verloren und die Vorhänge heruntergelassen und sich im Badezimmer ausgekleidet und sich hingelegt, wie zu einer Kur. Das Leben hat keinen Platz für romantische Dekors, hatte sie sich zugeredet, und sie konnten sich ja nicht gut in seinem Chefredakteursbüro oder in der Setzerei umarmen, dort, wo sie sich am meisten begehrten. Aber es war nichts Rechtes herausgekommen bei der vorgefassten Umarmung, gerade eben noch die „kleine Lust“, ein schneller Kitzel, eine oberflächliche Entspannung; und wenn sie dann – er war schon gestillt, rasch und gründlich wie ein Mann, wie jeder Mann vielleicht – neben ihm gelegen war und langsam, langsam, mit der Hilfe des Gedächtnisses und der Phantasie, in sich das geheimnisvolle Körpersehnen heraufbeschworen hatte, das die Haut ablöst vom Fleisch und das Fleisch von den Knochen, und hinaufsteigt bis unter die Kopfhaut und im Halse pocht, dass man nicht atmen kann, und die ganze Welt verschwand, das Pensionszimmer mit dem heruntergelassenen Spitzenvorhang und das Haus und die Strasse und die Stadt, vierzig Jahre ihres Lebens, und alles, was sie wusste und dachte, und wenn sie, mit einem andern Wissen als dem der Gedanken, heilig wusste, dass jetzt, jetzt und jetzt das einzige Leben begann, das wert war, gelebt zu sein, Leben ohne die Bürde des Ich, Leben des Alls, der Kreatur, der unirdischen Erhabenheit ichlosen Fleisches – dann hatte er sie flüchtig geküsst und mit leisem Seufzer gesagt: „Ich muss jetzt leider gehen ...“

Dutzende von kleinen Toden war sie gestorben in diesen Wochen, da sie seine Geliebte war, das heisst, da er jeden zweiten oder dritten Tag am hellerlichten Nachmittag in ihr verhängtes Fremdenzimmer mit ihr schlafen kam, ein Fremder mit einer Fremden. Und wäre wohl nach dem ersten Male schon mit empörtem Instinkt von ihm weggegangen – wenn es ein Weggehen, ein Entweichen gegeben hätte aus dem Leben, das keinen Platz hat für romantische Dekors. Aber zwei Stunden später, müde von dem kurzen Fieber, das wie ein Malariaschüttelfrost zur vorausgewussten Stunde den Leib überfällt und martert, und voll ungestillter Sehnsucht dennoch, war sie immer wieder in die „Svoboda“ gegangen.

Dort freilich, wenn er schmal und geschwind an der Milchglasscheibe vorüberglitt, wenn sie sein geliebtes Gesicht hinter dem Schreibtisch fand, wenn sie ihn mit lebendigen, graziösen Handbewegungen das Getriebe des Umbruchs leiten sah, wie ein Konzertmeister sein wohleingespieltes Orchester, dort hatte es sich wieder eingestellt, das Empfinden tiefster Verschmolzenheit, Gebundenheit, in der man Geist und Herz und Fleisch nicht mehr unterscheidet, und nie waren sie so nackt miteinander gewesen, als wenn sie in ihren bürgerlichen Kleidern, zwischen vielen Menschen, sich mit den Augen grüssend über die schrägen Pulte mit den Letternkästen, ineinandergetaucht waren zu tiefster Vollendung des Wir. Und jedesmal, wenn sie diese Hingebung am falschen Platz verspürte, hatte sie neu gehofft, es werde sich morgen schon der rechte Platz für sie finden. Gequält und ratlos hatte sie immer wieder nach Gründen gesucht, warum der Mann den Platz nicht fand, hatte sich geschmäht, dass sie nicht ihrerseits ihn irgendwo finden ging, aber ihr Motto „nichts verlangen und nichts abschlagen“ hatte sich, ein neuer Harnisch, um sie gelegt und sie hatte niemals Nein gesagt. Sie hielt sich fest an jenen Blicken, die über die Bewegtheit des Arbeitsplatzes sie einverständig grüssten, hielt sich fest an der grundlos und beweislos gefühlten Sicherheit: auch Anatol wusste von einer tieferen, allgemeineren, vollkommeneren Verschmelzung, weit hinaus über die knappen Reize und Lösungen, die er zwischen drei und fünf am hellerlichten Nachmittag bei ihr suchte und fand.

Auch heute war es hellerlichter Nachmittag, aber keine Redaktion war offen, um ihn aus ihren Armen zu holen, kein Mensch auf der Welt, der sie vermisste. Und sie liebten sich lang und tief, und nach der Liebe schlummerten sie zusammen ein auf dem herbstlichen Waldboden.

Hanna erwachte zuerst, es fröstelte sie, das Wasser im Kaffeetopf war längst verkocht, das Reisigfeuer aus Mangel an Nahrung verglimmt. Sie setzte sich auf und sah ihn an. Seine Haare waren wirr über die Stirn gefallen, er atmete unruhig, und auf seinem Gesicht sprangen Zuckungen umher, wie von inneren Krämpfen an die Oberfläche geschleudert, Krämpfen, deren Sinn und Herkunft sie nicht kannte. Ein so leidvolles Gesicht! Es strömte etwas wie Schauder in ihr auf. Sie sah ihn an mit dringenden Augen, wie um ihn aus seiner Qual zu wecken, die nicht die ihre war, wie um seine Qual auf sich zu nehmen, als sein Weib. Aber – würde er sie ihr schenken wollen? Abweisend war sein Gesicht. Ein so schönes Gesicht, mit zarter Nase, feinem, grossem Mund mit herabgeschwungenen Mundwinkeln und einem sehr impetuosen Kinn, Napoleonskinn hatte sie es genannt. Ein geliebtes, ein fremdes Gesicht. Sie betrachtete es lange und erkannte es kaum. Geheimnis des Schläfers, das er mit sich nimmt noch aus der hemmungslosesten Selbstverlorenheit der Liebe ... weiss er noch etwas von ihr, mit der er vor dem Schlaf so tiefes Leben geteilt hat?

Sie schauerte. Dann brachte sie ihre Kleider in Ordnung, zog die Strickjacke an, deckte den Schlafenden mit seiner Lederweste zu und ging das Feuer neu anmachen. Er erwachte von dem Geraschel. Der unverständliche Gram wich von seinem Antlitz, er strich sich die Haare zurück, reckte die Arme, wie ein Mann, nachdem er geschlafen hat, stand auf und half ihr Reisig herbeitragen. Sie lächelten einander an. Ein wenig Mitleid war in ihr, sie streichelte ihn zart.

„Jetzt werden wir die Parasols braten“, sagte sie mütterlich, „wirst sehen, sie schmecken wie Schnitzel“. Sie zog den bräunlich geschuppten Schirmen die Haut ab, schmolz etwas Butter im Topf, und ein köstlicher Duft, Blume und Fleisch zugleich, breitete sich aus und entlockte dem Mann ein wollüstiges Schnuppern. Er kostete. „Es schmeckt wie Thomas Mann“, meinte er, und sie fand lachend, das sei trefflich verglichen. Dann holten sie Wasser und kochten Kaffee und plauderten friedlich, wie ein Ehepaar auf einem Sonntagsausflug.

Der Himmel war trüb geworden und ein Wind machte sich auf. „Wenn wir noch zu den Stromschnellen wollen, müssen wir gehen“, meinte Anatol. Hanna packte den Rucksack. Als sie ihn ausschüttelte, fielen aus den Seitentaschen ein paar glitzernde Steinchen heraus.

„Was ist das?“ wunderte sich Anatol.

Hanna starrte auf die Steine. Sie wusste es selbst nicht. Dann sah sie plötzlich die Zinnwalder Strasse vor sich, sich auf ihr von Deutschland nach Böhmen ziehen, den Rucksack auf dem Rücken, Explodierpflanzen aufknickend und glitzernde Kiesel auflesend, eingekehrt in die Heimat der Kindheit.

„Es sind Kristalle“, sagte sie und starrte in die Ferne.

Er lachte. Sie hörte die jungen Nationalsozialisten lachen, im weissen Autobus, der die sächsische Seite zum Kamm hinanfuhr. Sie hörte ihren Bruder Heinrich lachen, wie er auf der Zinnwalder Strasse, vor dreissig Jahren, „Kristalle“ gesammelt hatte. Sie hörte das derbe, lebensfrische Lachen des alten Hausarztes, weil einer von den jungen Leuten die Parasole als Giftpilze bezeichnet hatte. Sie hörte Lachen durch viele Jahre, Jahrzehnte zurück, Lachen durch ihr ganzes Leben, erstauntes, verständnisloses Lachen, zuletzt ihr eigenes

Lachen über sich selbst, das echolos in den Wald verhallte.

Sie lachte, bis ihr die Tränen herunterliefen, und sie weinte. Es gab keine Gegenwart. Es gab nur eine Vergangenheit. Keine Gegenwart. Man musste sie stehlen, sie am Zipfel packen, wenn sie hinter einem Milchglasfenster vorbeiglitt, sie bergen hinter heruntergelassenen Vorhängen oder zwischen dem roten und gelben Laub herbstlichen Oktoberwaldes. Schmal war die Gegenwart zwischen zwei vorsichtigen Fingern, aber öffnete man die Hände und breitete man die Arme aus, um sie zu umfangen, dann war sie weg.

„Es war nur so eine Erinnerung“, sagte sie, wendete das Gesicht ab und wischte die Tränen von den Wangen. Dann stiess sie die Glimmerkiesel mit dem Fuss zu dem herabgebrannten Lagerfeuer und packte den Rucksack fertig.

Sie machten sich auf. Anatol ging neben ihr, fasste sie zart am Ellbogen, wie bei einer Strassenkreuzung, und schaute ihr freundlich ins Gesicht. Eine Welle Erinnerung an die letzte Stunde lief über sie hin. Sie reichte ihm den Mund und küsste ihn. Plötzlich empfand sie, wie damals im August, als die Kellner die Stühle zusammengestellt und das Licht abgedreht hatten, dass die Zeit bald um war und spürte verzweifelt den Wunsch, sie zu halten und hinzudehnen, wenigstens bis morgen früh. Am Himmel zog sich ein Gewitter zusammen, es donnerte von fern.

„Wollen wir nicht die Stromschnellen für heute aufgeben und nach Davle zurückgehen?“ fragte sie zaghaft. „Dort war so ein hübsches Hotel ... Wir könnten dort sogar übernachten ...“

„Uebernachten ...?“ fragte er erstaunt zurück.

„Ich möchte so gern bis morgen mit dir bleiben!“ bat sie schüchtern.

„Das wird nicht gut gehen, Hanna!“ sagte er, in einem freundlichen, aber bestimmten Ton, der keine weitere Frage zuliess.

Hanna verstummte. Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen, ging es ihr durch den Sinn. Dreimal hatte sie gefragt, dreimal war die Tür verschlossen geblieben. War es, weil sie angefragt hatte? Oder weil sie zu dringlich, zu ungelenk angefragt hatte? ... „Verlange nicht so viel, dann wirst du umsomehr bekommen!“ hatte Karl oft gesagt. Ja, sie hatte immer verlangt, verlangt. Vom Leben, von den Menschen, am meisten von sich selbst.

Mitten in ihren Tag mit Anatol war Karl eingetreten, schlicht und ernst, mit geschorenem Kopf, in traumhafter Sträflingskleidung war er sie mitten im böhmischen Wald besuchen gekommen. Den Mann an ihrer Seite beachtete er nicht. Er ging neben ihr, in gleichem Schritt, sonderbar, nie hatte sie früher mit ihm Schritt halten können. Er erzählte. Wie anders er sprach. „Ich habe viel gelitten“, sagte er, nie hatte Hanna ihn früher dergleichen sagen gehört, nie hatte er von sich geredet, schon gar nicht von Gemütsbewegungen. Es wurde ihr ganz schwankend zu Sinn und sie stolperte.

„Gib acht, da ist eine Wurzel!“ sagte Karl und streckte die Hand nach ihr aus.

„Lass mich! Ich kann allein gehen!“ erwiderte Hanna böse, aber schon war sie im Begriff, hinzustürzen. Karl fasste sie am Ellbogen, nein, es war Anatol, der sie am Ellbogen fasste, Karl, mit geschorenem Kopf, in traumhafter Sträflingskleidung, war fort.

„Woran denkst du?“ fragte der Mann neben ihr. Sie schwieg und er wiederholte die Frage nicht.

„Wir müssen schaun, an den Fluss zu kommen“, sagte Anatol und sah besorgt zum Himmel auf, über den sich grosse, schwarze Wolken heranwälzten. Sie fanden an einer Wegkreuzung einen Pfeil, der ihnen die Richtung wies. Unten bei den Stromschnellen würde gewiss ein Gasthaus sein.

Sie stiegen bergab. Sie gingen hintereinander und sprachen nicht mehr. Es war, als wäre mit der Sonne alle Heiterkeit und Harmlosigkeit ihres Vormittags verloschen. Hanna kam mit einemmale alles sinnlos vor.

Der Mann hinter ihr pfiff vor sich hin. Sie kannte seine Musik nicht. Es klang wie ungarische Volksmelodien. Eine Hälfte seines Blutes war ihr von Anfang an schicksalshaft abgewandt. Sie war unruhig und müde. Was wusste sie eigentlich von ihm? Warum war das alles? Ihre Füsse in den flachabsätzigen Wanderschuhen glitschten auf dem steilen Abstieg, sie war beschäftigt damit, nicht zu fallen. Hinter ihr ging ihr Geliebter, ein fremder Mann. Sie spürte seinen Blick auf ihrem Nacken, aber sie drehte sich nicht um.

„Da sind wir!“ rief Anatol. Sie waren plötzlich an den Fluss gelangt.

Eine kleine, verwitterte Heiligengestalt streckte sich auf einem Felsen mitten im Wasser und um sie brodelten die Stromschnellen, aufgeschwellt von den Regengüssen des September, in wirbligen Kaskaden.

Und da war das Gasthaus, mit seiner Holzveranda, seinen Dachstuben, seinem Vorgärtchen mit den langen rohen Tischen und den lehnelosen Sitzbrettern rechts und links. Als sie in die Gaststube traten, begannen die ersten, schweren Tropfen zu fallen.

12. Kapitel

Um die Milch wird gekämpft – Anatol aber trinkt Bier – Von draussen kommen Menschen herein – Neuigkeiten in kleinem Druck – Ein Trauschein kann vielerlei bedeuten – Der Fememord von Štěchowitz – Ein grosses Gewitter bricht aus – Neue Entdeckungen – Dichter Nebel überall.

Die kleinen Fenster waren des heftigen Windes wegen geschlossen und es war halbdunkel im Zimmer.

An einigen Tischen sassen Ausflügler, vor dem nahenden Gewitter hergeflüchtet, wie Hanna und Anatol. Alle tranken Bier, auch Anatol bestellte sich eins. Er leckte zuerst den Schaum vom Glase ab, neigte dann den Kopf in den Nacken und stürzte das Bier hinunter. Wie die Setzer in der Pause, dachte Hanna ohne Wohlwollen.

„Puh, das Bier ist ganz warm“, bemerkte Anatol und sein schöner Mund liess in echter Bekümmerung die Mundwinkel sinken, und dann bestellte er ein zweites Glas.

Hanna hatte kalte Milch verlangt, aber sie erfuhr, es gäbe schon seit drei Tagen keine. Ja, richtig. Die Milchverteilungsstellen waren vom Gesundheitsamt geschlossen worden, weil die Verfälschung der Milch einen Grad erreicht hatte, der mit dem Dekorum eines modernen Staates wirklich schon nicht mehr vereinbar war.

„Mir scheint, du liest die ‚Svoboda‘ nicht!“ sagte Anatol lächelnd. Doch, sie hatte die „Svoboda“ gelesen, verteidigte sie sich, und auch die andern Zeitungen, sie hatte nur im Augenblick nicht daran gedacht. So bestellte sie sich also schwarzen Kaffee, der miserabel schmeckte und, zum Unterschied vom Bier, kalt war.

Diese Milchgeschichte nahm allmählich ungebührliche Proportionen an. Nur ganz naive Gemüter, die von der „Milch der frommen Denkungsart“ eben, konnten noch glauben, dass es um die Milch oder um die Volksgesundheit ging. Die Parteipresse liess durch alle philantropischen Leitartikel immer deutlicher durchblicken, dass die Affäre ein Politikum war und dass man „bis zum letzten Blutstropfen“ durchhalten müsse, „um den gewissenlosen Ausbeutern einmal zu zeigen, wer Mores ist“. Ueber diesen Lapsus des kommunistischen Redakteurs hatte man sich, der Chef an der Spitze, nicht schlecht lustig gemacht in Bíleks Zimmer, und der boshafte Karlíček hatte prophezeit, demnächst würden noch Rhodus und Salta von den Kommunisten als Sozii einer Textilfabrik vorgeführt werden, die die Tarifverträge nicht einhält.

Die Arbeiter in den mechanischen Molkereien der „Melka“ hatten eine demonstrative Lohnerhöhung bekommen. Die Reserven des Konzerns konnten nicht nur dies ertragen, sondern sie konnten auch die Schliessung der Verkaufsstellen wochenlang überdauern, während die Kleinproduzenten schon nach ein paar Tagen in Bedrängnis geraten mussten, und die Proletarierfamilien, denen die Kondensmilch-Konserven zu teuer waren, unter dem Mangel an frischer Milch litten.

Svoboda erinnerte Hanna vergnügt daran, dass im kommunistischen Organ vor ein paar Tagen unverfälschte Milch gefordert worden war mit der Begründung: „Wie unser grosser Lenin gesagt hat: mens sana in corpore sano“. Hanna aber legte ihm erregt auseinander, dass die Kampagne der Partei in dieser Phase alle anständigen Menschen auf ihrer Seite haben müsse und dass es jetzt nicht um richtig oder falsch angewendete oder Lenin in die Schuhe geschobene lateinische Redensarten gehe, sondern um den Kampf gegen die Schamlosigkeit der Grossen, die die Kleinen auffressen. Sie wunderte sich selber über ihre Erregung, denn die korrekte oder inkorrekte Handhabung des Milchhandels war ihr in letzter Zeit höchst gleichgültig geworden, viel weniger interessant jedenfalls, als die korrekte oder inkorrekte Uebertragung fremdsprachiger Redewendungen, wie „jemanden Mores lehren“, ein Thema, über das sie mit Anatol mehrfach und vertieft diskutiert hatte. Dass sie die Politik der „Svoboda“ (des Kleinhändler-Konzerns, nicht der Zeitung) so herzbewegt verteidigte, geschah wohl eher zum Selbstschutz, den sie unbewusst suchte: so sehr war sie dem Mann, der Atmosphäre der „Svoboda“ (der Zeitung, nicht dem Kleinhändler-Konzern) schon verfallen. Ab und zu musste sie polemisch werden, um sich selbst noch glauben zu können, wo sie stand, wo sie noch stand.

Anatol antwortete höflich mit „nun, das weiss ich nicht so genau“ und „du bist da besser informiert“ oder „nimm das politische Geschwätz doch nicht so ernst“; aber in seiner Stimme lag eine gewisse Gereiztheit, die Hanna schon mehrmals an ihm bemerkt hatte, immer dann, wenn sie den Parteistandpunkt verteidigte oder ihm irgend etwas marxistisch zu erklären versuchte.

Sein feiner Verstand nahm sich solch geistiger Aggression gegenübergestellt etwas biedermeierhaft aus; er argumentierte so, als fühle er sich als Mensch seiner Zeit nicht ernstgenommen, noch dazu von einer Frau nicht ernstgenommen, von einer ganz gewöhnlichen, nur halt ein bissel zu gescheiten Frau, die er in ihren intimsten Regungen kannte und deren Körper er genoss.

Das war ungefähr die Deutung, die Hanna seinem Verhalten gab, und das reizte sie gerade noch mehr zur Polemik: sie mochte im Geistigen kein Männlich oder Weiblich gelten lassen, und die ritterliche Haltung, die zu spüren ihr in ihrer Privatbeziehung so angenehm war, verdross sie in der politischen Debatte, wo sie ihr wie eine Geringschätzung ihres Einsatzes erschien. „Du bist so doktrinär!“ pflegte er dann zu sagen, und sie hörte dabei mehr den Tadel für ihr unschickliches Denken heraus, als die Bewunderung einer Lebenshaltung, die ihm nicht gegeben war und um die er sie beneidete. Gab er ihr gelegentlich kurze Erklärungen dieser Art, so schüttelte sie nur ungläubig den Kopf, wie wenn seine Bewunderung irgendwie etwas zwischen sie legte...

„Du bist so doktrinär!“ sagte er auch jetzt wieder und streichelte ihren Arm, als wollte er einen wilden Hund beruhigen. Dann bestellte er sich noch ein Bier.

„Das ist das dritte“, konstatierte Hanna scharf, aber als sie seinen erstaunten Blick auf sich spürte, wurde sie verlegen und fügte hinzu: „Ich meine nur, ob du dann nicht zu müde wirst... wir haben doch noch ein gutes Stück zu wandern...“

Inzwischen freilich war an Fortgehen nicht zu denken. Ein Gewitter war losgebrochen und es goss in dicken Strichen. Ein Paar trat ein, die Jacken über den Kopf gezogen, ganz triefend, die Frau zog sich an der Tür die Schuhe aus und kippte sie um, zwei schmutzige Bächlein rannen heraus. Der Wirt knipste das Licht an und Hanna sah, dass die Frau Luise Kulicke war, und der Mann, der dort seinen Sweater ausrang, war Kurt.

„Nanu, Hanna!“ sagte Luise, und Kurt sagte „Rotfront!“ Es war nicht anders möglich in dem kleinen Lokal, Hanna musste vorstellen und die beiden auffordern, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. „Doktor Svoboda“... das war in Prag, und nun gar für unbewanderte Reichsdeutsche, ein nichtssagender Name. Und weiter sagte Hanna nichts zur Erklärung ihres Hierseins. Und die beiden interessierten sich auch gar nicht sehr für ihren Begleiter, sondern in erster Linie dafür, etwas Warmes zu trinken zu bekommen und ihre durchnässten Kleider vor den Ofen zu hängen, den die Magd eben entzündete.

Die beiden Frauen gingen hinaus, und während sich Luise in der Küche die Füsse abrieb und der Wirtin die klatschnassen Strümpfe zum Trocknen gab, streifte Hanna die Wollsocken ab, die sie über den Strümpfen getragen hatte und nötigte die Freundin, sie anzuziehen.

„Das ist wohl jemand von früher her, von deiner Prager Zeit?“ fragte Luise harmlos. Ebensogut hätte Hanna Ja sagen können, aber sonderbar, Luise gegenüber konnte man nicht lügen, sie war so sauber und anständig.

„Nein, es ist mein Chef... das heisst, der Chef von der Zeitung, für die ich übersetze“. Sie wurde rot. Dass sich ein so grosser Teil ihres Lebens in der „Svoboda“ abspielte, wusste ja kaum jemand, weder die Leute vom Flüchtlingsheim, noch die von der Partei. Für beide war sie gelegentliche, externe Mitarbeiterin des bürgerlichen Blattes, zum Geldverdienen. Vom geheimen Parteiauftrag wussten nur zwei oder drei, und der war auch in letzter Zeit nicht mehr erneuert worden, zählte nicht mehr.

„So?“ erwiderte Luise nicht weiter interessiert und stopfte zusammengefaltetes Zeitungspapier in ihre nassen Schuhe. „Hübscher Kerl!“

Als sie in die Gaststube zurückkamen, standen vier Teller Kartoffelsuppe auf dem Tisch.

„Ich fand, das sei eine gute Idee“, sagte Anatol. „Als der Kellner Herrn – wie bitte? – Meyer, jawohl, danke – als der Kellner Herrn Meyer Kartoffelsuppe vorschlug, dachte ich, Sie hätten vielleicht auch Appetit darauf... ich jedenfalls bekam gleich Lust.“ Er sprach deutsch, weil die andern ja nicht tschechisch verstanden, und so fiel es Hanna nicht gleich auf, dass er sie Sie nannte. Kurt heisst doch Gellnow, dachte sie. Aber er ist so von Illegalität durchtränkt, dass er auf alle Fälle Meyer sagt. Vielleicht weiss er, dass Svoboda hier so gewöhnlich ist, wie Meyer in Deutschland, und zerbricht sich den Kopf, wie Anatol wirklich heisst und wer er ist. Aber Kurt löffelte mit Eifer die Suppe und ermunterte Luise, desgleichen zu tun.

Luise vermerkte, dass Hanna seit mehr als vierzehn Tagen sich nicht habe sehen lassen. Die wichtigsten Neuigkeiten wusste sie nicht! Welche denn? Nun, im Flüchtlingsheim war eine grosse Haussuchung gewesen. Man hatte allerhand Material aufgestöbert, das als Beweis verbotener politischer Betätigung aufgefasst worden war.

„Was für Material denn?“ fragte Anatol. Kurt sah ihn kurz an und erwiderte:

„Was die Material nennen... das Kommunistische Manifest, Schriften von Marx und Lenin, die man in jedem Buchladen kaufen kann... sogar die russischen Wörterbücher haben sie mitgenommen!“ Er lachte gezwungen. Hanna verstand die Antwort. Sie wusste, dass viele im Heim sich mit illegaler Arbeit befassten, sie hatten sogar einen Abziehapparat dort. Aber immerhin, alles „Material“ war für Deutschland bestimmt und die Bedingung für das Asylrecht: keine Einmischung in innertschechoslowakische Angelegenheiten wurde nicht verletzt. Trotzdem hatte man einige Genossen ausgewiesen, an die oesterreichische Grenze gebracht...

Freilich wars in den Zeitungen gestanden, erfuhr sie auf ihre Frage, aber in kleinem Druck, sie hatte es wohl übersehen. Nicht mal die Kommunisten hatten was damit hergemacht, wie doch sonst schon etliche Male, sie waren ganz auf die Milchaffäre konzentriert und wollten sich nicht den Vorwurf zuziehen, weniger patriotisch zu sein, als ihre Gegner. Hanna seufzte. Das war die unselige Taktik, die schon in Deutschland so oft Gegenstand ihres Kummers gewesen war...

„Aber Hilde hat Glück gehabt“, erzählte Luise, und ihr klares, einfaches Gesicht leuchtete vor Mitfreude. „Sie hat in letzter Stunde noch heiraten können. Du weisst ja, wie schwer es jetzt ist, einen Mann zu finden, der es umsonst macht. Die Genossen haben alle schon geheiratet. Und tausend Kronen ausgeben für einen Trauschein – daran ist doch bei unsereinem gar nicht zu denken...“

Hilde also, die nette, blonde Kindergärtnerin, hatte Glück gehabt. Sie war Staatsbürgerin geworden, konnte sogar, wenn sie einen fand, einen Posten annehmen... Auch Hanna freute sich. Was aus Paul geworden wäre, ihrem Freund? Ja, der hatte allerdings fortgemusst, man hatte ihn mit den andern drei Ausgewiesenen per Schub an die oesterreichische Grenze gebracht. Hilde habe es nicht weiter tragisch genommen. Paul hatte Verwandte in der Schweiz. Vielleicht konnten die ihm eine Aufenthaltsbewilligung verschaffen, wenn nicht, würde er nach Paris gehen. Denn in Oesterreich, wo seit Februar 1934 schwarzer Faschismus regierte, konnte er natürlich nicht bleiben.

„Was ist das mit dem Trauschein für tausend Kronen?“ forschte Anatol. Hanna meinte, er habe nicht richtig gehört. Er sprach nur mittelmässig deutsch. So erklärte sie es ihm auf tschechisch, und erklärte den Genossen auf deutsch, worüber sie mit ihm sprach. Dass man sich Männer kaufen müsse, wenn man unter Genossen und Freunden keinen mehr fand, der einen aus Gefälligkeit heiratete, damit man Staatsbürgerschaft und Arbeitserlaubnis erlangte.

Kurt fiel ein: Und nicht nur, dass man das Geld kaum zusammenbrachte! Es war auch gefährlich, man konnte Erpressern in die Hände fallen. Eine Genossin, die sich auf diese Weise verheiratet hatte, musste erleben, dass der formelle Gatte nach der Trauung mit einem Bündel in ihr möbliertes Zimmer kam und sich bei ihr niederliess: hier bin ich, bin obdachlos, Sie sind meine gesetzliche Frau, müssen mich aufnehmen... In den bürgerlichen Zeitungen stehen ja oft die Annoncen: „Student, mittellos, bereit zur Eheschliessung gegen tausend Kronen Studienbeihilfe...“ Warum nicht? So war nun mal diese verfluchte kapitalistische Welt beschaffen.

Und was denn die Freunde dazu sagten, wollte Anatol wissen. In diesem Fall zum Beispiel der vorerwähnte Paul? Kurt sah ihn geringschätzig an.

„Mensch, in was für einer Welt leben Sie eigentlich?“ sagte er grob.

„Es ist doch eine Notlösung, hat mit der andern, der wirklichen Beziehung nichts zu tun,“ erklärte Hanna hastig. Es war ihr plötzlich eingefallen, Anatol könnte meinen, sie habe es darauf abgesehen, von ihm geheiratet zu werden. Er wusste ja nichts von Karl.

Und – hatte sie diesen Gedanken nicht wirklich schon gehabt? Wenn ich ledig oder geschieden wäre, hatte sie gedacht... mit Anatol zusammenleben, offiziell, als Frau Dr. Svoboda, ein Anrecht haben auf jeden Abend, jede Nacht, jeden Sonntag, jede Ferienreise mit ihm... Donnerstags mit ihm zum Bruder und zur Schwägerin zu Tisch gehen, die sich dem eleganten Chefredakteur gegenüber gewiss ganz anders benehmen würden, als zu Karl, der ohne Hut und Weste ging, ein Kommunist war und kein Geld hatte. Ja, auch an die Wirkung auf Bruder Heinrich hatte sie gedacht, wie bei allem, was sie dachte und erlebte... Und war zornig gewesen darüber, und auch über die weiteren Phantasien: Ein anständiges Papier, eine Staatsbürgerurkunde! Eine gute, legale Arbeit...

Vernünftiger Nutzen; Erfüllung geheimster Wünsche; Befriedigung eines nie gestillten Kinderehrgeizes... Manchmal waren diese Dinge nicht auseinanderzuhalten. Sie dachte an Traute, eine Berliner Genossin. Die hatte, bald nachdem sie in Prag angekommen war, pro forma einen kommunistischen Abgeordneten geheiratet, und dann war ein richtiges Liebesidyll daraus geworden... Ja, es war ihr nicht eingefallen, dass Anatol auf solch misstrauische Gedanken hatte kommen können, vielleicht schon lange gekommen war. Vorhin zum Beispiel, als sie nach seinen Sonntagen gefragt hatte, und dann, ob er mit ihr in Davle übernachten wolle... Er wusste ja nichts von Karl.

„Nein, Hilde hat wirklich Schwein gehabt in letzter Minute“, resümierte Luise. „Für uns kommt so eine Lösung ja leider nicht in Betracht. Uebrigens, ich habe gestern einen Brief von Hans.“

„Was schreibt er denn?“ fragte Hanna, froh, auf ein anderes Gebiet zu kommen.

„Er hat jetzt Arbeitserlaubnis gekriegt. Macht Tischlerarbeiten und so. Armer Kerl, hat nie körperlich gearbeitet. Na, besser jedenfalls, als dies Herumsitzen und Warten.“

Luise sagte es vernünftig, ruhig, wie sie war, wie sie im ganzen Leben war. Der Mann im Zuchthaus war ihr selbstverständlich geworden. Sie lehnte sich nicht auf, sie jammerte nicht, sie klagte nicht. Verbrachte sie wohl schlaflose Nächte in qualvollen Vorstellungen von Prügelszenen und unsichtbaren Martern? Oder verbrachte sie Nächte mit Kurt? Der Gedanke hatte nichts Erstaunliches. Hanna kannte diese proletarischen Paare, Jugendgenossen, die miteinander schlafen, wie sie miteinander wandern, diskutieren, kämpfen, unproblematisch, es gehört eben auch dazu. Einem solchen Paar war nicht anzumerken, ob sie nur Genossen waren oder obendrein noch Geliebter und Geliebte. Und da es ihr Leben so wenig veränderte, war es wohl recht so...

Luise machte da nicht viel Umstände. Sie hatte ihr einmal erzählt, wie sie zu Hans gekommen war: als Delegierte ihrer Jugendgruppe in der Provinz war sie nach Berlin zu einer Tagung gefahren und bei Hans, der eine eigene Wohnung von den Eltern hatte, für acht Tage in Quartier gegeben worden. Sie hatten sich angefreundet und sie war dageblieben. Hatte sich in der Heimatstadt ja auch das Brot mit Hausarbeit verdient, warum nicht ebensogut in Berlin. Berlin war interessanter und bei Hans war es angenehmer zu leben, als bei der Mutter mit fünf kleinen Geschwistern. Als Hans zu einem Kongress nach der Sowjetunion fuhr, hatten sie geheiratet, damit sie mitfahren konnte. Es ging alles natürlich zu bei Luise. Hanna fand es schön und richtig und beneidete sie darum.

Sie hatte Karl freilich auch aus praktischen Gründen geheiratet, weil sie als Ausländerin dauernde Aufenthaltsschwierigkeiten gehabt hatte, damals in der Inflationszeit. Sie hatten eigentlich, aus doktrinären Gründen, in freier Ehe leben wollen, hatten dann die Formalitäten erfüllt, um das äussere Leben reibungsloser zu haben... aber ihre Ehe mit Karl, mit oder ohne Trauschein, war von Anfang an eine Sache der Leidenschaft gewesen und des grossen Erlebens, eine ganz individuelle Beziehung...

„Und du, hast du Nachricht von Karl?“ fragte Luise. Ja, erwiderte Hanna und erschrak. Vorige Woche. Es ginge ihm gut, er sei gesund, lerne französisch mit einem Kameraden zusammen. Hatte Anatol Frage und Antwort gehört?

Zwei Herren mit zwei Damen waren eingetreten, triefend nass, einer begrüsste Anatol mit Handwinken und „Halloh, Doktor!“ Anatol sagte „Gestatten Sie“ zu seinen Tischgefährten, erhob sich und stand ein paar Minuten mit den Neuangekommenen am Ofen, während sie ihre Joppen zum Trocknen aufhängten. Dann nahm die Gesellschaft an einem entfernteren Tische Platz. Anatol war etwas verlegen, als er zu seiner Gruppe zurückkehrte. Während er vorher auf einem Stuhl gesessen war, setzte er sich nun neben Luise auf die Bank an der Wand, so dass er seinen Bekannten nicht den Rücken zudrehen musste.

„Da macht mich Doktor Kocourek darauf aufmerksam, dass wir uns hier ja in einem historischen Lokal befinden: das hier ist das Gasthaus, in dem vorigen Winter der Ingenieur Formis ermordet worden ist...“

Hanna und Luise fuhren auf und begannen sich in der Stube umzusehen, als könnten sie noch die Blutspuren entdecken oder die geheimnisvollen Drähte und Flaschen, die (nach des Ermordeten Aussage, als er sich hier installiert hatte) wissenschaftlichen Experimenten dienen sollten, in Wirklichkeit aber jenen Schwarzsender gebildet hatten, den auszufinden und einzustellen die deutsche Regierung die tschechische seinerzeit mit so dringenden Noten beschworen hatte.

Unheimlicher Aether, durch den vom unerforschten Platz her die Hörer im Reich mit den Aufrufen von Otto Strassers Deutscher Revolution überschwemmt worden waren, während sein Bruder Gregor, einst Hitlers Busenfreund, schon seit der Bartholomäusnacht vom 30. Juni verscharrt lag...

Kurt, der erst im Frühjahr angekommen war, kannte den Vorfall nicht; er liess sich erzählen. Alle drei wussten noch genau, was die Zeitungen aufgeregt damals berichtet hatten: wie im Hotel Goldne Gans eine elegante Reichsdeutsche mit zwei Herren abgestiegen war, wie Ingenieur Formis in der Halle des Hotels mit ihnen gesprochen hatte, wie sie ihn gefragt hatten, ob man „dort, am Ende der Welt, wo er wohnte“, auch Skilaufen könne – als ob man nicht da schon hätte Verdacht fassen müssen! Als ob man in der nahen Umgebung Prags, und gar in Štěchowitz, jemals hätte Skilaufen können! – und wie sie dann zwei Tage später auch richtig hier angekommen waren, mit einem eigenen Auto, das sie dort hinten hatten stehen lassen – dort wohl, wo die Landstrasse abbrach, die bis zum Fluss und einer künftigen Fähre herunter hatte ausgebaut werden sollen – nein, jetzt konnte mans nicht sehen, es war alles dicht verhängt vom Regen – und wie das Fräulein dann Formis auf ihr Zimmer eingeladen hatte, und hinter der Tür waren die zwei Komplizen hervorgesprungen, hatten ihm eins über den Kopf gegeben, dann ein paar Schüsse... einer war anscheinend selbst verletzt worden, denn man hatte dann im Schnee die Blutspuren gefunden, die zum Auto führten, mit dem sie eins, zwei, drei nach der Grenze zu entkommen waren.

Eine unheimliche, nie recht aufgeklärte Geschichte, dieser Fememord im Herzen Böhmens; nach ein paar Tagen diplomatischer Vorstellungen und Zeitungslärm war sie im Sand verlaufen. Und als dann im nächsten Sommer der Lampertsberger in Eisenstein über die bairische Grenze verschleppt worden war und auch in Nordböhmen dieser und jener verschwand, gabs schon keine diplomatischen Noten und keinen Zeitungslärm mehr, man hatte sich gewöhnt an diese Art politischen Kampfes gegen die Emigranten, wie man sich im zweiten Kriegsjahr an den Krieg gewöhnt gehabt hatte, der doch im August 14 so unfasslich, so irreal, so ganz und gar unaushaltbar erschienen war...

„‚Wir Revolutionäre sind Tote auf Urlaub‘, hat Leviné gesagt, als er in München erschossen wurde“, bemerkte Kurt, es klang ein wenig pathetisch, Kurt war ja 1919 noch auf der Schulbank gesessen und konnte das Wort aus dem bairischen Aufstand nur aus Büchern wissen. Nichtsdestoweniger überzog ein Abglanz von Schicksal sein junges, unwissendes, überzeugtes deutsches Gesicht.

„Ja, wir sind nirgends sicher, wir Emigranten“, sagte Luise schlicht, ohne Anklage und Wehleidigkeit.

„Wenn die Emigranten sich ruhig halten, brauchen sie sich bei uns nicht zu sorgen“, liess Svoboda verlauten, er war etwas nervös. „Wer schafft ihnen, hier im Gastland Politik treiben?“

Vielleicht empfand es Hanna nur deshalb so sehr wie einen Peitschenhieb, weil Anatol so schlecht deutsch sprach. „Wer schafft ihnen“... das klang so peinlich nach altwiener Hausmeister und Fiakerkutscher, und sie fühlte einen würgenden Zorn in sich aufsteigen.

„Wer hat Masaryk und Benesch geschafft, als sie im Ausland politisch gearbeitet haben?“ erwiderte sie scharf.

„Hätte Italien, Frankreich, England, Amerika damals auch gesagt: die Emigranten sollen sich ruhig halten, dann gäbe es heute keine Tschechoslowakei...“

„Sie sind so doktrinär!“ meinte Anatol beschwichtigend und versuchte zu lächeln.

Aber Hanna war losgelassen: Eine Schmach sei es, dass die Tschechen, deren Staatsoberhäupter und nationale Führer selbst jahrelang das bittere Brot des Exils gegessen, jetzt nicht ein Wort fänden zum Schutz der Emigranten gegen die engstirnigen Angriffe der Chauvinisten, wo es doch wahrhaftig niemanden schaden würde, wenn die paar hundert Deutschen – anderthalbtausend Flüchtlinge gabs nach offizieller Statistik in der ganzen Republik – sich bescheiden ihren Unterhalt verdienten, anstatt von milden Gaben zu leben, die jeden Monat weniger mild wurden und weniger das nackte Leben garantierten... Zu verhängnisvollem Müssiggang verurteilt, ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Heimat, ohne Schutz, ohne Recht, immerfort von der Ausweisung bedroht, immerfort bespitzelt, immer mit scheelen Augen angesehen...

„Was wisst ihr von uns? Ihr, die ihr hier zuhause seid! Ihr, die ihr irgendwo zuhause seid!“ schloss sie und Tränen der Wut und trostloser Verzweiflung zitterten in ihrer Stimme.

Svobodas Augen waren ganz schmal geworden und seine Mundwinkel bebten leicht.

„Aber das ist doch alles übertrieben!“ sagte er beschwichtigend. „Wie schwarz Sie das alles sehen! Sie selbst zum Beispiel... Sie haben doch Arbeit gefunden, und Freunde...“

Alles andere wäre geeigneter gewesen, Hanna zu beruhigen. Ihre paar Privatstunden, die Arbeit an der „Svoboda“ – diese Arbeit, die sie geringschätzte und der sie misstraute – bildeten schon lange nur den kleineren Teil ihres bescheidenen Einkommens. Der grössere Teil kam aus Anatols Tasche, Entlohnung für die Uebersetzungen, die sie privat für ihn machte. „Prostitution!“ schoss es plötzlich in ihr auf. Nie hatte sie noch ihre persönliche Beziehung zu Anatol in Zusammenhang gebracht mit dem Umstand, dass sie Geld von ihm nahm. Plötzlich erschienen ihr die beiden Dinge in einem grausamen Verhältnis zueinander zu stehen. Freilich sagte sie sich gleich darauf, dass sie für das empfangene Geld ja eine Arbeit leistete. Aber... hätte er die Arbeit von ihr verlangt, wenn er nicht in sie verliebt gewesen wäre? Und hätte sie sich in ihn verliebt, wenn sie ihm statt als Chef der „Svoboda“ als Setzer in deren Druckerei oder Schreiber in der Administration begegnet wäre? War ihr nicht ihre Liebe bewusst geworden eben an jenem Tag, wo sie erfahren hatte, dass er frei war von anderen Verpflichtungen... „Prostitution!“ wiederholte sie sich und hasste ihn und sich selbst.

„Hab ich nicht recht?“ fragte er begütigend, wie zu einem kleinen Kind.

„Ich habe Arbeit gefunden“, nickte sie trotzig, „Sie wissen ja selbst am besten, was das für eine Arbeit ist.“ Ihre Stimme war bös. „Gelegenheitsarbeit, Gefälligkeitsarbeit... und auch die nur, weil meine Eltern Geld genug gehabt haben, um mich studieren und fremde Sprachen lernen zu lassen, und obendrein, weil ich hier aufgewachsen bin, die Landessprache spreche... Und Freunde..“ Sie lachte geringschätzig. „Das wird sich erst noch herausstellen, ob ich Freunde habe oder nur Gönner!“

Es war ein richtiger Familienstreit geworden. Kurt und Luise schauten betroffen auf das Paar und sprachen nicht hinein.

„Wie ungerecht du bist!“ sagte Anatol erschrocken, auf tschechisch. „Ungerecht gegen dich selbst vor allem! Du musst doch immer etwas suchen, wofür du dich hassen kannst!“

Etwas schmolz in ihr. Er verstand sie. Ja, vor allem gegen sich selbst war sie ungerecht. Sie war nicht seine bezahlte Beischläferin. Sie liebte ihn. Er liebte sie.

Immer, das ganze Leben lang, hatte sie alles Schöne und Reine, was das Leben ihr brachte, alles Anständige und Ungeteilte, das sie dem Leben bot, zerkleinert und verkleinert und damit ruiniert. Immer hatte sie sich selbst in die Suppe gespuckt und immer zur Unzeit nachgedacht und geurteilt und angegriffen und verlangt und abgeschlagen und damit alles verdorben. Und er verstand sie und liebte sie trotzdem.

„Ich liebe dich!“ sagte sie auf tschechisch. Sie war rein verrückt. Wenn schon Kurt und Luise es nicht verstanden, die andern Gäste, der Kellner, der Wirt mussten es gehört haben. Aber es war ihr egal. Und auch den Mann schien es nicht zu stören. Er schaute sie mit warmem Mitleid an und sagte nichts mehr.

Kurt war zur Tür getreten und drehte sich um. „Der Regen lässt nach“, sagte er zu Luise hin. „Ich glaube, wir machen uns jetzt besser auf. Sonst kommen wir noch ganz ins Dunkle. Geht ihr mit?“

Nein, sie wollten noch etwas warten. Aber sie forderten die beiden nicht auf, zu bleiben und sich später von ihnen führen zu lassen.

Kurt rief den Kellner, um zu zahlen, Svoboda wollte es nicht zulassen. Er sei hier zuhause, die Ausländer seine Gäste.

„Lass ihn“, meinte Hanna und lächelte müde. „Er ist reich und wir sind arm.“ Es sollte für Anatol sein, ein versöhnliches Wort für seine Hilfe.

„Eben darum!“ erwiderte Kurt bissig, aber er wendete nichts mehr ein.

„Hätte ich gewusst, Herr Doktor, dass Sie uns freihalten, so hätt ich mir noch eine Kartoffelsuppe bestellt“, scherzte Luise gutmütig. Sie ging ihre Strümpfe aus der Küche holen, sie waren noch feucht, Hanna bestand darauf, dass sie die Wollsocken anbehielt. „Ich komme morgen oder übermorgen ins Heim, da gibst du sie mir.“

Sie verabschiedeten sich und wanderten durch den aufsteigenden Abendnebel zum Fluss hinunter, wo der kleine, ahnungslose Heilige auf seinem Stein aus den wild hinschiessenden Stromschnellen ragte.

Als sie ausser Sichtweite waren, sagte Anatol: „Was meinst du – fahren wir nicht lieber mit einem Auto nachhause?“

„Ja, gibt es denn hier ein Auto?“

„Nun, wenn die Formismörder im Auto hier angekommen sind, werden wir wohl mit friedlicheren Absichten von hier wegfahren können.“

Er fragte den Wirt und es würde telefonisch ein Auto herbeigerufen. Das Telefon, erklärte der Wirt, habe er erst nach dem Mord legen lassen. „So was soll mir nicht wieder vorkommen... den ganzen Sommer über hat niemand hier übernachten wollen, alles wegen der verwünschten Emigranten...“

Auch Svobodas Bekannte machten sich auf den Weg. Er erhob sich, um sich zu verabschieden, stellte aber Hanna nicht vor.

„Klubgenossen aus der Umělecká Beseda19“, sagte er, als sie gegangen waren. „Die Frau Kokourek ist pikant, fandest du nicht? Die kleine, brünette, mit dem grünen Sweater. Mit dem andern, er ist Rat beim Landesamt, spielen wir Abends Billard im Café „Boulevard“ – das heisst, in letzter Zeit bin ich ja selten hingekommen...“

Er fühlte sich wohl verkürzt, weil er nun nach Blattschluss sie begleiten musste, anstatt ins „Boulevard“ zu seinen Kumpanen zu gehen? fragte Hanna streitbar. Und wie man überhaupt so was Blödes wie Billard spielen könne?

„Hast du nie Lust auf eine blöde Zerstreuung?“ erkundigte er sich friedfertig.

Ich bin unausstehlich, dachte Hanna. Wenn er mit seinen Freunden weggegangen wäre und mich hier allein sitzen gelassen hätte in der Mordschenke, ganz recht wäre mir geschehen.

„Wie haben dir die beiden gefallen?“ fragte sie, um etwas Versöhnliches zu sagen.

„Die Frau ist sehr sympathisch. So wohltuend. Der Bursch gefällt mir weniger. Was er redet, hört sich so aufgeklebt an. Nicht echt. Aber ich kann mich natürlich irren“, fügte er eilig hinzu, da Hanna schon wieder das Gesicht verzog. „Du kennst sie gewiss schon viel länger...“

„Ich habe Kurt etwa viermal im Leben gesehen,“ sagte sie kurz. „Ich finds ihn nicht unecht. Nur halt – halt ein bissel doktrinär“, lachte sie und wurde verlegen, als sie sich Anatols Worte sagen hörte.

„Wieso duzt ihr euch dann?“ wunderte sich Anatol.

„Aber er ist doch Genosse!“ erwiderte Hanna und wunderte sich ihrerseits darüber, dass Anatol sich wunderte. „In der Partei sagen sich alle Du“.

„Das wusste ich nicht“, sagte der Mann, und auf seinem Gesicht erschien jener teils achtungsvolle, teils widerstrebende Zug, den Hanna aus ihren Debatten über Marxismus kannte.

Der Kellner meldete, das Auto sei da, stünde am Waldrand, dort, wo die Landstrasse zuende ginge, man könnte es nicht verfehlen. Anatol zahlte. Es stellte sich heraus, dass er fünf grosse Bier getrunken hatte und zwei Sliwowitz. Aber Hanna hatte nach dem dritten Bier nicht mehr auf seinen Konsum aufgepasst und sagte auch jetzt nichts darüber.

Sie gingen hinaus. Es hatte zu regnen aufgehört, im frühen Halbdunkel des Oktoberabends dampfte der Wald. „Nach Prag“, sagte er dem Chauffeur und schloss die Fenster. „Ich sage Ihnen dann, wohin. Bitte drehen Sie das Licht ab.“

Als sie fuhren, fasste er leise nach ihrer Hand und hielt sie zwischen seinen beiden Händen. Hanna wehrte sich nicht, aber ihre Finger lagen leblos und wie krank. Sie war mit einem Mal furchtbar müde. Die zwei Stunden über den Berg hätte ich gar nicht mehr gehen können, dachte sie; gut, dass er das Auto bestellt hat... Wie anders der Tag zu Ende geht, anders, als er angefangen hat. Keiner hält, was er verspricht. Ich auch nicht. Wie schläfrig ich bin. Gleich schlaf ich ein.

„Karl ist dein Mann?“ fragte Anatol zart.

Sie war sofort ganz wach.

„Woher weisst du...?“ fragte sie bestürzt. Es kam ihr wie Hellseherei vor.

„Nun, das war nicht schwer zu erraten... deine Freundin hat dich nach einem Brief von Karl gefragt und dann eine Bemerkung gemacht, dass sie und du keine Formalheirat eingehen könnt..“

Hanna dachte flüchtig: und während er dies hörte, hab ich gemeint, er denkt, dass ich von ihm geheiratet sein will. Immer denkt man so daneben. Man hört nicht auf den andern. Man geht so sehr seine eigenen Wege.

„Warum hast du mir das nicht gesagt, Hanna?“ fragte er und schaute ihr aufmerksam ins Gesicht, aber es lag im Dunkel. Ja, warum eigentlich? Sie erinnerte sich deutlich an jenes Gespräch im Café Tumovka. „Ich habe keinen Mann“, hatte sie damals gesagt. Warum? – Das, was zwischen ihr und Karl war, hatte doch nichts zu tun mit dem, was zwischen ihr und Anatol war?

„Es hat doch nichts mit uns zu tun“, murmelte sie unklar und mit schlechtem Gewissen. Sie hatte Karl verleugnet. Sie hatte Anatol belogen. Sie hatte Karl belogen, wenn sie ihm schrieb, dass sie in Gedanken mit unveränderter Liebe bei ihm sei. Aber nein, es ist wahr. Wenn sie an ihn schreibt, ist sie mit unveränderter Liebe bei ihm. Sie hatte Anatol belogen, wenn sie ihm ins Ohr flüsterte, sie dächte an ihn Tag und Nacht. Aber nein, sie denkt an ihn Tag und Nacht. Es war schwer, die Wahrheit zu sagen. Es war schwer, die Wahrheit zu wissen. Sie liebte Anatol. Sie liebte Karl. Das hatte nichts miteinander zu tun.

„Du hast deinen Mann nicht gern?“ fragte Anatol zögernd. Er hatte ihre Hand losgelassen und zündete sich eine Zigarette an. Die Streichhölzer waren feucht geworden, er musste drei, vier Hölzchen anstreichen, ehe eins zündete. Die Flamme fiel auf Hannas Gesicht.

„Ich liebe meinen Mann“, sagte sie fest. Sie wusste es in diesem Augenblick ganz gewiss, dass sie Karl liebte.

Anatol schwieg und rauchte. Er hielt die Zigarette in der Rechten, die vorhin Hannas Hand gehalten hatte, mit der Linken schraubte er das Fenster hinunter und schaute hinaus. Vereinzelte Lichter tauchten auf.

„Wir sind schon in Modřan“, berichtete er. „Es regnet nicht mehr. Ich lasse das Fenster ein bischen offen, wenn es dir recht ist.“

Hanna nickte.

„Gib mir eine Zigarette“, verlangte sie. Er bediente sie umsichtig. Die Lichter vermehrten sich, sie waren in die grosse asphaltierte Chausée eingebogen, viele Autos sausten an ihnen vorbei.

„Und wo ist dein Mann jetzt?“ fragte er.

„Er ist im Gefängnis. Schon seit April 34. Hat zweieinhalb Jahre.“

Anatol streichelte ihren Arm, sagte nichts mehr. Auch Hanna schwieg.

Zweieinhalb Jahre. Vier Monate sind durch die Untersuchungshaft verbüsst. Bis Oktober 36 noch. Noch ein Jahr. Er schreibt, er ist gesund. Ist ein gesunder Mensch, Karl. Nächste Woche hat er Geburtstag. Wird wieder keinen Pflaumenkuchen essen. Wo er ihn doch so gern hat. Nächstes Jahr, da kann er dann wieder Pflaumenkuchen essen. Ein Jahr ist noch lang. Jetzt kommt der zweite Winter. In den Zuchthäusern wird schlecht geheizt. Er lernt Französisch. Das von der Milchgeschichte hat er nicht verstanden. Oder hat er den Brief nicht bekommen. Die von der Zensur haben gedacht, Milch ist ein Deckwort für was anderes. Ist ja auch ein Deckwort für was anderes. Alle Worte sind Deckworte. Wir haben keine anderen. Alles ist verwirrt.

Vor einem Jahr um diese Zeit bin ich in Prag angekommen. Damals hab ich genau gewusst, was ich wollte. Hab ich wirklich? Es ist schon so lange her. Heute fahr ich wieder nach Prag, mit Anatol. Wir kommen aus der Fremde. Wir sind hier nicht zuhause. Ich nicht. Ich weiss nicht, wo er zuhause ist. Vielleicht in Brünn. Er fährt doch jeden Sonntag nach Brünn. Vielleicht hat er dort eine Frau. Sicher hat er dort eine Frau. Selbstverständlich! Warum hat er mir's nicht gesagt? Mir kann er doch die Wahrheit sagen! Ich hab ihm auch nicht gesagt, dass ich einen Mann habe. Warum eigentlich nicht? Nun, warum soll man auch die Wahrheit sagen? Damit wird es auch nicht einfacher. Den Inseratenteil muss man lesen. Wenn man's versteht, heisst das. Da erfährt man was Wahres. Im Leitartikel steht's nicht.

Der Chauffeur drehte sich um und fragte, wohin er sie fahren solle. Sie waren schon in Prag.

„Wohin möchtest du, Hanna?“ fragte Anatol. „Möchtest du noch irgendwo einen Kaffee trinken?“

„Ich möchte lieber nach Hause“, sagte sie bittend, als wäre es ungewiss, ob sie das würde erlangen können.

Er gab dem Chauffeur die Adresse. Plötzlich warf sie die Arme um seinen Hals und schluchzte.

„Verzeih mir, Anatol! Verzeih mir!“

Er hielt sie zart und küsste sie auf das Haar.

„Ich habe dir doch nichts zu verzeihen... du weisst doch, wie sehr ich dich hochachte.“

„Dich liebe...“, sagte er nicht.

Hanna machte sich los und lehnte sich in ihre Ecke. Der Wenzelsplatz war voller Leute, Sonntag abend, alles geht aus, ins Kino, aus dem Kino... Národní, Nationaltheater, Kai. Der Hradschin lag in Regendunst, unsichtbar. Hier hätte man sich im Vorüberfahren ein bischen anklammern können. Aber es war dunkel, nur die Lichter von der Burg geisterten trüb über den Fluss.

Er half ihr aus dem Wagen, sie nahm ihm den Rucksack aus der Hand, nein danke, ich trag ihn allein.

„Wir sehen uns morgen im Blatt. Danke für den schönen Tag!“ sagte sie und versuchte zu lächeln.

Er hielt den Hut in der Hand, obzwar es wieder zu regnen begonnen hatte.

„Schlaf dich gut aus, Hanna! Schlaf wirklich! Und quäl dich nicht so unnütz“, sagte er, wie zu einem kleinen Mädchen und küsste ihr ritterlich die Hand. „Gute Nacht!“

Als sie die Tür des Autos zuschlagen hörte, drehte sie sich um und wollte noch etwas sagen. Aber Anatol hatte das Fenster hochgeschraubt und schaute nach der andern Seite.

13. Kapitel

Schlechte Zeiten vergehen schnell – Ein allzu bescheidener Liebhaber – Man steht überall ausserhalb – Vielleicht steht niemand drinnen – „Back Street“ – Dimitroff fährt eine bedenkliche Kurve – Kann man sich selbst die Nabelschnur durchschneiden? – Das Leben ist reichlich kompliziert – In Anatols Wohnung wird Licht.

Jetzt sind die Bäume wieder kahl, sie haben doch eben erst ihr grünes Frühlingskleid bekommen. Ists wirklich schon wieder Winter? Der dritte Hitlerwinter nun schon. Und der zweite, den Hanna in Prag verbringt.

Wie schnell die schlechten Zeiten vergehen! Nichts ist so falsch, wie die weitverbreitete Annahme, dass gute Zeiten schnell vergehen und schlechte unendlich langsam. Grade umgekehrt ists. Wenn man sich glücklich fühlt, dann werden die Minuten so lang und voll, jede Sekunde ist mit Leben geladen. Aber wenn man unglücklich ist, ist alles einerlei, ob Morgen ist oder Abend, Herbst oder Frühling. Die Zeit kann entwischen, weil man nicht aufmerksam ist, sie festzuhalten. Warum sollte man sie festhalten? Mag sie nur vergehen!

Wie schön Proust über die Zeit geschrieben hat! Vielleicht hab ich das bei Proust gelesen, was ich da über die Zeit spintisiere, dachte Hanna. Alles ist schon mal gedacht. Warum auch nicht? Liegt doch nahe, darüber nachzudenken, wie schnell die Zeit vergeht und wie das ist mit den guten und schlechten Zeiten. Vielleicht hab ich es auch bei Thomas Mann gelesen. Anatol hat den Geschmack der Parasolpilze mit Thomas Mann verglichen. Echt Anatol!

Das war auch so ein glücklicher Tag damals, im Wald bei Štěchowitz. Da sieht man. Wenns einem gut geht, nimmt so ein Tag gar kein Ende, und man ist immerfort froh, dass man lebt. So ein Tag ist nicht wiedergekommen. Jetzt ist auch kein Wetter mehr für Ausflüge, Anatol hat ganz recht. Jetzt ist kein Wetter für Ausflüge. Er hat immer recht. Er hat auch recht gehabt, dass er mir zuriet, nicht auszuziehen. Hier ist Zentralheizung, Tag und Nacht, das ist was Seltenes. Es scheint, es wird ein kalter Winter.

Hanna sass am Schreibtisch, der vor dem Fenster stand, die Füsse hatte sie an den Heizkörper gestemmt. Die Vorhänge waren offen, das Zimmer lag im vierten Stock, kein Visavis, unten rauschten die Autos und Strassenbahnen und von der Lichtreklame fiel ein rötlicher Schein herein, so dass man beinah lesen konnte im Dunkeln. Wie lange sass sie wohl schon da, sie hatte gar nicht bemerkt, dass das Tageslicht vorbei war und die Lichtreklame angezündet. Sie hatte an Karl zu schreiben begonnen und nicht weiter gewusst. Da war sie ins Träumen verfallen.

Ja, Anatol wusste jetzt von Karl. Sie selbst hatte von ihm erzählt. Und bei ihrer enthusiastischen Schilderung von Karls Person, Karls Leistung, Karls Wissen, Karls Opfermut hatte sie auf Anatols Gesicht jenen selben Zug von neidvoller Achtung und misstrauischem Widerstreben wahrgenommen, wie bei ihren theoretischen Debatten. Und auf dem Umweg über die Wirkung des abwesenden Karl hatte sie begreifen gelernt: Anatol ist eifersüchtig! Eifersüchtig auf ihren fremden Mann im Zuchthaus Plötzensee, eifersüchtig auf die Genossen, die er nicht kennt, auf die Partei, auf jene ganze Welt, die ihm verschlossen ist.

Ihre erste Empfindung bei diesem Begreifen war Jubel gewesen: Wenn er eifersüchtig ist, so liebt er mich! Und dann gleich die Korrektur des Verstandes: Eifersucht! Lächerlich! Was hat das mit Liebe zu tun! Das sind Begleitgefühle bürgerlichen Besitzwahns! Aber es war ihr doch derselbe wundervolle Schauer über die Hüften gelaufen, wie wenn Anatol zu ihr sagte: du bist eine Frau wie alle andern. So demütig, so weiblich war ihr zumute geworden. Ungekannte Gefühle ... lieber nicht prüfen, nur fühlen, entzückt fühlen.

Anatol war eifersüchtig auf Karl. Und so hatte Hanna ein schlechtes Gewissen, weil sie Karl weiter liebte. Die Briefe an ihn waren darum seit einiger Zeit zu einem sonderbaren Problem geworden: als schriebe sie sie heimlich, als betrüge sie Anatol mit ihrem Mann. Jedes zärtliche Wort, das sie ihrem Mann gab – und jedes zärtliche Wort kam ihr von Herzen – schien ihr ein grausames Wort für ihren Geliebten. Freilich, er erfuhrs nicht. Aber musste ers nicht spüren, dass sie nicht ausschliesslich bei ihm, dass sie auch bei dem andern war? Nichts nützte es, dass sie sich vorrechnete, Anatol habe kein Recht darauf, dass Karl verkürzt werde. Nichts nützte ihr das seit langem immer wieder gedachte, in ihrem Kreis, in ihrer Ehe nie bestritten gewesene Axiom, dass jeder Mensch sich selbst gehört, dass Treue etwas anderes ist als beschränkte Ausschliesslichkeit, dass Zwangsmonogamie kein Wert und folglich keine zulässige Forderung ist. Nicht darum handelte es sich. Es handelte sich darum, Karl und Anatol auseinanderzuhalten. Aber – konnte sie das noch? Seit jenem Sonntag wollte es ihr nicht mehr recht gelingen. Karl drang in ihr Leben mit Anatol ein, es war so gekommen, nicht sie hatte es herbeigeführt.

Sie knipste die Tischlampe an. „Mein Geliebter!“ hatte sie auf das Blatt geschrieben. Was kam jetzt? Ach ... Sie beschloss, zu schreiben, wenn sie nachhause käme. Es war Sonntag. Anatol war in Brünn bei seiner Familie. Sie wollte ins Karolinentaler Café, zu den Genossen. Den ganzen Tag war sie nicht auf der Strasse gewesen, hatte nur im Restaurant nebenan schnell zu mittag gegessen und dann weiter für Anatol übersetzt. Sie hatte Kopfschmerzen von der trockenen Luft der Zentralheizung.

Ein Ofen mit prasselndem Feuer wäre besser. Wie in jenem Zimmer in den Weinbergen20, wo die Wirtin auf ihre verschnörkelten Fragen ganz treuherzig gesagt hatte: „Sie meinen, wegen Ihres Bräutigams? Der kann ruhig abends noch einen Tee bei Ihnen trinken, Fräulein. Das machen Sie, wie Sie wollen.“ Es wäre so schön gewesen. Sie hatte es so satt,

ihn nur nachmittags zu haben, bei Tageslicht, das durch die Spitzenvorhänge kam. Sie wollte, dass er eine ganze Nacht, viele ganze Nächte bei ihr bleiben könnte. Und hatte es ihm auch einmal, ganz nah an seinem Leib und Ohr gesagt. Aber er war sehr vernünftig geworden. „Mach das nicht, Hanna“, hatte er geantwortet, „du hast nur Scherereien mit der Wirtin und dem Hausmeister. Und es ist ja auch so weit weg von meiner Wohnung, und hier hast du Zentralheizung und fliessendes Wasser ...“

Sie war sehr traurig, wenn sie daran dachte. Nein, es lag ihm nichts daran, ganze Nächte mit ihr zu verbringen.

Es lag ihm nichts daran, einen zweiten Sonntag mit ihr zu verbringen.

Er musste nach Brünn fahren. Zu seiner Familie. Und er konnte sie nicht in seine Wohnung einladen, weil er mit einer ledigen Schwester zusammenlebte. Das hatte er ihr damals, gleich am Anfang, mit verlegener Miene erklärt. Diese Familie ... Hanna hasste sie. Sie konnte nicht recht an ihre Existenz glauben, weil sie sich so gar nicht vorzustellen vermochte, dass sie Heinis oder Rositas wegen auch nur einen einzigen Umbruch in der „Svoboda“ hätte versäumen mögen. Und dabei war doch Heini ihr einziger Bruder. Und Anatol hatte sechs Geschwister und noch ein paar Nichten, von denen er mit solcher Zärtlichkeit sprach, als wären sie Bräute ...

Brünn nahm sie ihm noch nicht einmal so übel, wie das, dass er sie nicht in seine Wohnung einlud. Es konnte ja am Tag sein. Man ist doch nicht der Sklave seiner ledigen Schwester. Er konnte sie ihr ja auch vorstellen. Schliesslich war sie doch nicht so auffallend oder so sonderbar, dass man sie nicht einer Schwester vorstellen konnte. Und er hatte dort das Grammophon und die unzähligen Platten, von denen er ihr immer erzählte. Ich muss wirklich mal das Grammophon mitbringen und das Mozartkonzert, von Gieseking gespielt, sagte er. Und die letzten Streichquartette von Beethoven. Und Hanna wagte nicht zu sagen: aber es ist doch viel einfacher, ich komme zu dir ... Und er brachte das Grammophon nie.

Hanna ging durch den Viadukt nach Karolinental zu. Im Parteihaus war Licht. Hatten wohl eine Konferenz. Jetzt, nachdem so eine gründliche Linienschwenkung herausgekommen war, gabs viel Aufregung in der Zentrale und unter den Funktionären. Viele waren abgesetzt worden, einige sogar telegraphisch. Der Parteivorsitzende war noch nicht aus Moskau zurück. Einige hatten nicht nachgegeben, waren in Ungnade gefallen, hatten sich einen von der Partei unabhängigen Broterwerb gesucht. In der „Přítomnost“21 hatte schon gestanden, es habe keinen Sinn mehr, sich mit der Partei zu verfeinden, bei den Melantrichblättern22 seien keine Redakteurstellen mehr frei. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Stimmt. Sie bog um die Ecke und hielt die Mütze mit der Hand fest, es blies ein kräftiger Novemberwind.

Ladislav war da, mit seinen schläfrig blinzelnden Aeuglein, die so sehr an Karlíček Lozák erinnerten, Franta, der Zeichner, Rubášek, Ota und seine schüchterne Frau, die sonst selten mitkam, Jaromír, Jiřík ... Hanna kannte die meisten nur beim Vornamen. Die meisten, die hierherkamen, waren bei einem der Parteiblätter angestellt oder schrieben, übersetzten, zeichneten für sie, und in der Parteipresse wurden keine Namen genannt.

Heute war auch ein Mitglied des Exekutivkomitees da, derselbe, der seinerzeit Hanna mit Kurt auf der Stadtparkbank zusammengebracht hatte. Jenda fehlte. Er hatte sich vor kurzem mit Jarmila überworfen. Jarmila, reizend und jung in einer Samtjacke mit bunter Stickerei, sass neben dem Mann von der Zentrale auf der Fensterbank und schüttelte wiederholt den Kopf, während der Mann dringlich und leise auf sie einredete.

Es herrschte eine Art Feststimmung: die „Svoboda“-Konsum- und Produktivgenossenschaft hatte endlich das Milchmonopol bekommen. Das heisst die Staatsaufträge. Aber das kam einem Monopol gleich, weil die „Svoboda“ ja nun die „Melka“ auch bei der Privatkundschaft zum grossen Teil niederkonkurrieren konnte. Die Gewerbepartei hatte zum Schluss mit der Linken gestimmt. Die „Svoboda“, wie auch die andern liberalen Blätter, hatte die Entscheidung günstig kommentiert, trotzdem sie während der ganzen Kampagne für die „Melka“ eingetreten war. Das Bündnis mit Russland forderte ein gewisses Entgegenkommen, auch bereiteten sich in der Innenpolitik Dinge vor, die es geraten erscheinen liessen, die äusserste Linke bei guter Laune zu halten. Es hiess, Masaryk wolle die Präsidentschaft niederlegen und Beneš zum Nachfolger designieren. Da musste man für die Wahl des mächtigen kommunistischen Stimmenkontingentes sicher sein.

Ausserdem hatte die Oeffentlichkeit die Milchdebatte allmählich satt bekommen. Sie zog sich fast ein halbes Jahr hin. Es hatte Interpellationen, Denunziationen, Enthüllungen, Untersuchungen, Beschlagnahmen, Urteile und Einhaltsbefehle gegeben, und die Milch war genau so schlecht wie ehedem und sogar um zehn Heller teurer geworden. Nun würde sie wenigstens geniessbar werden, behauptete Jaromír siegesgewiss, und Otas schüchterne Frau meinte: „Und billiger hoffentlich auch! Wenn man fünf Kinder hat ...“

Hanna fühlte sich ausserhalb dieser Debatten. Organisatorisch gehörte sie zum Flüchtlingsheim, das heisst zur reichsdeutschen Sektion der Partei, die der Genosse Peter leitete und die ihre Zusammenkünfte im Heim abhielt. Hanna fehlte oft bei diesen Zusammenkünften, aber man forderte keine Rechenschaft von ihr, liess sie überhaupt ziemlich links liegen. Ihre Beziehung zu Prag, ihre halbtschechische Abkunft, ihre Arbeit an einem bürgerlichen Blatt waren ebensoviele Anlässe zum Misstrauen gegen sie. In der tschechischen Partei hatte sie offiziell nichts zu suchen, konnte nicht an Sitzungen, an nichts Offiziellem oder Halboffiziellem teilnehmen. Nur ab und zu wurde sie in die Zentrale bestellt, um einen Auftrag entgegenzunehmen, aber mit der Zeit war das immer seltener geworden, ihre Rolle in der „Svoboda“ war anscheinend ausgespielt. Was sie für die Parteipresse schrieb oder übersetzte, gab sie in geschlossenem Kuvert, quasi nur als Ueberbringerin, in den Redaktionen ab, plauderte ein wenig mit den Leuten, die sie kannte, stand herum, betrachtete den Zeitungsbetrieb und ging wieder, fremd, wie sie gekommen war. Und dann noch die Einzelbeziehungen zu ein paar Genossen, alles Intellektuelle, die ihr – oder in ihrer Gegenwart – Partei-Interna erzählten. Aber sie wusste nie recht, wieviel daran war, wieviel sie zurückbehielten, eben, weil sie ausserhalb stand, und wieviel von dem, was sie etwa zurückbehielten, wirklich wissenswert war und wieviel davon nur Wichtigtuerei und Parteitratsch.

Wie schön und beglückend war die Parteiarbeit in Deutschland gewesen, die Zellensitzungen, die Delegationen, die Kleinarbeit unter den Genossen, die wirklich Proletarier waren. Wie schön war Deutschland gewesen! Sie vergass, dass sie auch in Deutschland nie heimisch geworden war, weder national noch sozial heimisch. Gerade die Arbeiter waren von instinktivem Misstrauen gegen die Ausländer erfüllt gewesen, entgegen ihrem bewussten Internationalismus. Und die intellektuelle Frau, die nicht einmal mit den Genossinnen über Säuglingsernährung sprechen konnte, weil sie selbst keine Kinder hatte, war nie ganz voll genommen worden. Aber Hanna vergass es, wie sie die ganze zweite, verregnete, zerstörte Hälfte jenes Herbstausfluges mit Anatol vergessen hatte – ihre Erinnerung suchte unbewusst nach Stützen, die ihr die klägliche, graue, wankende Gegenwart irgendwie fest und bestrahlt machen sollten.

Sonntag Abend, so grau, so wankend, so kläglich, die Welt ging stürmisch in hohen Wogen, aber man schwamm nicht mit, man wurde an den Rand gespült, immer wieder, zwischen Blumen, zwischen Kiesel, zwischen Gestrüpp, immer an den Rand. Kläglich ist das Schicksal des Emigranten, der nirgendwo dazugehört, kläglich ist das Schicksal eines, der in seine Heimat zurückkommt und fremd geworden ist, kläglich das Schicksal des Bürgermädchens, das sich zum Apostel – ach, nur zum Weggefährten! – der Arbeiter hat machen wollen ... So jämmerlich ist das alles, so klein, so keines Mitleids wert, niemandem kann Hanna anvertrauen, was mit ihr geschieht und worum sie leidet, niemanden interessiert es, es ist auch nicht wichtig, aber für sie, für sie ist es das einzige Leben, das sie hat, so ein zerstücktes, wankendes, klägliches Leben, das einzige dennoch.

Und wer weiss, der dort, der Bebrillte von der Zentrale (wieso hat er übrigens damals sie und Kurt zitiert, auf die Stadtparkbank bestellt, ihnen eine Vertrauensmission gegeben? Sie gehören doch beide zur reichsdeutschen Sektion? Sicher war es eine Falle, ist sie hineingegangen? Wie unheimlich das alles ist!) – der von der Zentrale hat wahrscheinlich auch so ein Privatleben, mit Gewissen, Sorgen, Kleinmut und nervenaufpeitschender Wichtigmacherei, man sieht ja, wie er auf Jarmila einredet. Und Franta, der gern eine Ausstellung von seinen Zeichnungen machen möchte, aber nirgendswo ankommt, weil er Parteimitglied ist ... wäre ers nicht, hätte er sicher schon einen Namen, er ist ausserordentlich begabt, sicher geht ihm das auch manchmal im Kopf herum. Und die Frau von Ota, die ganz naiv bekennt, dass die Milchaffäre sie in erster Linie wegen des Preises für die fünf Liter interessiert, die sie täglich für ihre vielen Kinder kaufen muss ... Dummheit, sich einzubilden, bei den andern ginge es einfacher zu, und sich zu hassen wegen der eigenen Kompliziertheit, so ist unsere Welt, dass alles sofort viele, vielfältige Aspekte annimmt, Ladislav würde sagen „du denkst eben nicht dialektisch“ und man würde wieder nicht wissen, ob er „Dialektik“ mit oder ohne Anführungszeichen gesagt hat.

Jarmila war aufgestanden und wand sich hinter dem Tisch hervor ins Zimmer. Der Zentrale-Mann fragte: „Gehst du, Genossin? Ich begleite dich ein Stück.“ Aber Jarmila hatte ihre Hand auf Hannas Schulter gelegt und zwickte sie dringend, während sie sagte: „Ich bin leider schon mit der Genossin Hanna verabredet, wir wollen noch etwas zusammen arbeiten ...“

Der Zentrale-Mann nahm die Brille ab und putzte sie ärgerlich. Hanna folgte Jarmilas Wink. Die beiden Frauen verabschiedeten sich und gingen.

„Hab ich dich von etwas abgehalten?“ fragte Jarmila und hängte sich in Hanna ein. „Weisst du, der Mensch macht mir so ekelhaft den Hof und will mich absolut bekommen. Ich bin ja jetzt frei ...“ (etwas melancholischer Seufzer) „... aber ich hab solche Sachen nicht gern, weisst du? Es ist mir so ein greuliches Gefühl, weil er sozusagen unser Chef ist ... ich hasse das, diese Liebschaften mit den Bonzen.“

Hanna fiel es plötzlich schwer auf die Seele: ihr Geliebter war zugleich ihr Chef. Sie hatte am Anfang darunter gelitten. Dann hatte sie, damit es ihr leichter würde, diesen Aspekt umgefälscht; sie und Anatol waren Freunde, Kollegen, es war alberner Zufall, dass er Chef hiess.

„Aber man kann sich doch vielleicht auch wirklich verlieben in so einen?“ fragte sie unschlüssig zurück. „Glaubst du nicht, dass man sich in einen ... in einen Bonzen auch wirklich verlieben kann?“

„Vielleicht. Wahrscheinlich. Ich jedenfalls nicht“, sagte Jarmila nach kurzem Nachdenken. „Ich finde es nicht sauber. Man wird dann geistig so abhängig. Wir sind gerade schon genug geistig abhängig von den Führern. Das ist ja das Malheur. – Komm, gehen wir noch irgendwohin“, fügte sie hinzu. „Magst du ins Kino?“

Ja, Kino wäre gerade recht, meinte Hanna. Sie bummelten den Wenzelsplatz hinauf, sahen die Programme an. Nichts besonders Verlockendes. So traten sie ins erste, beste Kino ein, die Vorstellung hatte schon begonnen. Ein Mädchen mit viereckiger, koketter Konditormütze leuchtete ihnen mit einer Taschenlampe, sie quetschten sich durch, Sonntag abend, alles voll.

„Diese Tonfilme sind doch geradezu ein Verderb“, kritisierte Jarmila. „Man kann gar nicht mehr so wie früher im Kino dösen und nachdenken oder sich unterhalten. Beim stummen Film war das viel schöner.“

Auf der Leinwand sah man einen feschen, jungen Mann einem Zug entsteigen, ein schönes Mädchen wurde ihm vorgestellt, sie lächelten sich an – man sah sofort, das wird was.

„Du, Hanna!“ flüsterte Jarmila. „Erinnerst du dich, dass wir schon mal zusammen im Kino waren? Im ersten Kriegsjahr ... wir hatten gerade Matura ...“ Nein, Hanna erinnerte sich nicht.

„Aber ja! Jetzt fällt mirs ganz deutlich ein. Wir hatten so viel zu büffeln damals, Mathematik und Physik, und wir hatten uns auf der Sophieninsel zum Lernen verabredet, aber ich konnte gar nicht aufpassen, weil ich damals so eine grässliche Liebestragödie hatte ... da sind wir ins Kino gegangen. Und es war dunkel und die Musik hat so schön gespielt, irgendjemand ist in dem Stück aus Liebe wahnsinnig geworden. Ich weiss es noch ganz genau!“

Sie summte eine Melodie mit Moll-Synkopen. „Das haben sie immer gespielt im Kino, wenn einer wahnsinnig wurde“ ... Hinter ihnen sagte jemand ärgerlich „Scht! Ruhe!“

In Hanna tauchte der Kino-Nachmittag von vor zwanzig Jahren auf. Sie hatte nicht mehr gewusst, dass es Jarmila gewesen war, erinnerte sich nur an eine Mitschülerin, die ihr im Kino ihren Liebesroman erzählt hatte, und daran, dass sie erstaunt und erschüttert gewesen war: das gab es also wirklich? Ein Mädchen hatte einen Geliebten? Schulmädchen waren sie ... das gab es also wirklich?

„Ich erinnere mich, Jarmila ... du hast mir erzählt, wie du stundenlang vor seinem Haus gestanden bist in der Nacht und gewartet hast, und wie er dann mit einer andern Frau herausgekommen ist und dich gar nicht gesehen hat.“

„Miroslav war es“, konstatierte Jarmila, wie für sich selbst. „Ich hatte vorhin gedacht, es wäre Vláďa gewesen.“

„Scht, scht!“ zischten die Leute hinter ihnen. Sie verstummten. Ein Teil des Films war ihnen inzwischen verloren gegangen. Das schöne Mädchen, das vorhin zu spät zum Rendezvous gekommen war, war nun seine Geliebte, denn er hatte – warum wohl? – eine andre geheiratet. Sie lebte, von ihm ausgehalten, in einer Wohnung, hatte nichts zu tun, wartete immer auf ihn. Er hatte eine Frau, Kinder, ein Geschäft, war reich, wie alle Leute im Film, machte Reisen, kam immer wieder zu ihr zurück, erzählte ihr, liess sie sich um ihn sorgen, umarmte sie, verschwand wieder in sein unzugängliches Leben, und sie sass da und wartete, zwanzig Jahre. Wie schön sie war, obzwar das Gesicht schon ein bischen alt wurde, und er hatte schon ganz graue Haare und der Sohn war schon erwachsen und kam die Geliebte des Vaters beschimpfen. Dann starb der Mann, und im letzten Moment telefonierte er sie noch an, aber er konnte nichts mehr sagen, weil er schon starb, und sie sass am andern Ende der Leitung und wusste es und konnte nicht zu ihm, weil sie nur seine heimliche Geliebte war und niemand es wissen durfte. Und so war das ganze Leben vergangen ...

Es wurde Licht.

„Schöne Menschen. Gut gemacht. Aber ein blödes Stück“, meinte Jarmila, leichthin, gleichmütig. Hanna liefen die Tränen über die Wangen, sie war ganz verstört. Die Freundin schaute sie erstaunt an.

„Ich weine immer im Kino, auch bei den blödesten Stücken“, verteidigte sie sich. „Die Frau war sehr sympatisch, nicht? Schreckliches Leben!“

„Warum setzt sie sich hin und wartet, bis der gnädige Herr geruht, sie zu besuchen?“ schimpfte Jarmila kindlich, als handle es sich um eine wirkliche Person. „Soll arbeiten gehn! Das andere findet sich!“

„Ja, das sind diese halbproletarischen Zwischenexistenzen“, sagte Hanna pflichtschuldig, aber es klang nicht sehr überzeugt.

„Komm noch in ein Café“, schlug Jarmila vor. „Ich möchte dich was fragen“. Hanna war einverstanden. Sie bestellten und Jarmila zog Puderetui und Farbstifte heraus und begann sich zurechtzumachen.

„Du puderst dich gar nicht? Warum nicht?“ fragte sie über den kleinen Handspiegel hinweg.

„Ich weiss nicht, ich habe mich nie gepudert ... In Deutschland, in der Bewegung wäre das ganz unmöglich gewesen. Nur die Geliebten von ein paar Bonzen waren geschminkt, und die Frauen von der russischen Handelsvertretung ...“

„Aber hier ist das doch anders, jede Frau macht sich zurecht ...“

„Ja, gewiss. Ich hab mir sogar einen Lippenstift gekauft. Aber man hat so einen schlechten Geschmack auf dem Mund“, sagte Hanna und wurde rot. Sie dachte daran, dass Svoboda gepuderte und geschminkte Frauen nicht mochte. Jarmila sah sie aufmerksam an.

„Du hast also jetzt einen Mann?“ fragte sie. „Uebrigens, du kannst es dir leisten, dich nicht zurechtzumachen, die prachtvolle junge Haut, die du hast, und die roten Lippen ...“

Hanna freute sich ein bischen, dass Jarmila das sagte.

„Also du hast jetzt einen Mann. Das ist gut“, wiederholte Jarmila, als wäre das eine abgemachte Sache. „Wer ists denn? Ein Genosse aus Deutschland ...?“

„War es das, was du mich fragen wolltest?“ entgegnete Hanna mit einigem Unbehagen. Es schien ihr auf einmal unmöglich, der Freundin zu gestehen, dass ihr Geliebter ein bürgerlicher Journalist war. „Du bist so doktrinär!“ hörte sie Anatol sagen, achtungsvoll und ein bischen feindselig. Wohin war sie geraten? „Klassengegner“, dachte sie und zuckte schmerzlich. Das sind auch so doktrinäre Worte. Sie liebte ihn. Man liebt einen Menschen, nicht den Angehörigen einer Klasse ... Aber die Bitterkeit in ihrer Liebe, von Anfang an so bitter, plötzlich wusste sie es – das kam daher, dass Anatol im Ernstfall auf der andern Seite stehen würde. Sie sah ihn körperlich auf der andern Seite stehen, mit einem Messer in der Hand, die Augen ganz schmal, und sich selbst sah sie, auf ihrer Seite, liegend, mit halbgeöffnetem Mund, und der ganze Körper tat ihr weh, wie von Stichen, wie von einer grausamen Liebesumarmung, nach der man feindlich auseinanderfällt.

„Nein, ich wollte dich etwas anderes fragen“, sagte Jarmila, und Hanna wusste im Augenblick nicht recht, worauf sich das „Nein“ noch bezog. „Aber du scheinst nicht gestimmt, mir zuzuhören“. Sie runzelte streng die Stirn.

„Doch, doch“, versicherte Hanna eilig und machte sich innerlich klar. „Sag nur, Jarmila ...“

„Also“, sagte Jarmila fest und mit einer gewissen Feierlichkeit, „ich habe mich entschlossen, aus der Partei auszutreten.“

„Aus der Partei ...?“ rief Hanna bestürzt, als wollte sie sagen: „Die Haut willst du dir ausziehen?“ Sie fragte nicht, warum. Es gab leider nur allzuviel gute Gründe, die einem Lust machten, aus der Partei auszutreten.

„Ich werde ja doch nächstens hinausgeschmissen“, sagte Jarmila trotzig, wie um sich zu verteidigen, und hatte schon Tränen in der Stimme. „Man kann das doch nicht mehr mitmachen!“

Nein, man konnte es eigentlich nicht mehr mitmachen. In ihren offiziellen „Linien“, in ihrer Propaganda, im Verhalten ihrer Führer bröckelte die Partei immer mehr, in immer schnellerem Tempo von dem ehrwürdigen Kolossalbau der Revolutionserrungenschaften ab. Was in Russland vorging, war, schonend gesagt, sonderbar und bedauerlich. Es gab allerhand Grund zu theoretischen Bedenken. Und diese wurden verstärkt von hundert kleinen Chocks über kleine Manöver, kleine Unkorrektheiten, über demagogisch-verlogene Leitartikel, Sturheit der Funktionäre. Dazu so vieles, was aesthetisch störte, Rückkehr zum klassischen Prunkstil bei den öffentlichen Sowjetbauten, angeblich um dem Geschmack der Bauernmassen entgegenzukommen, Bälle mit Abendkleidern und Jazzmusik wieder erlaubt, die Filme (wie weit lag „Panzerkreuzer Potemkin“ und „Die Mutter“ zurück!), die immer leerer und schlechter wurden, kurz allerhand kleine Symptome, die, gehäuft, ein Gefühl des Unbehagens erzeugten.

Hanna hatte sich weidlich mit all dem herumgeschlagen und immer wieder alle Revolte gegen die Partei scharf in sich unterdrückt, weil sie sich immer wieder predigte, das sei nicht wesentlich, seien nur Auswüchse. Und weil sie immer wieder – in der Presse, in Broschüren, in Diskussionen – auf parteifeste Argumente stiess, die alles Zurückweichen erklärten und rechtfertigten, ja, es sogar als Fortschritt zum Sozialismus hin aufschmückten. Um keinen Preis wollte sie, auch nur vor sich selbst, als krittliger Intellektueller dastehen oder als romantischer Utopist.

„Den Sozialismus baut man halt nicht in zehn Jahren“, wendete sie seufzend ein. „Es sind Auswüchse. Das alles ist momentan erzwungen durch die Weltlage. Hätte die deutsche Sozialdemokratie 1933 die Einheitsfront nicht sabotiert ...“

„Hör auf mit dem Zeitungsgewäsch!“ unterbrach Jarmila sie heftig. „Das haben wir oft genug gehört. Und ich war doch gewiss unter denen, die es am häufigsten und überzeugtesten nachgebetet haben. Aber jetzt nach dem Kongress ... Wenn du Dimitroffs Rede liest: was ist denn das anders als Sozialdemokratie vom reinsten Wasser? Ach was, Sozialdemokratie! Niemals, seit es eine marxistische Arbeiterbewegung gibt, hätte sich wer träumen lassen, dass man uns zum Bündnis mit dem Kleinbürgertum aufrufen würde. „Volksfront“! Nicht mal das Wort „Volk“ durfte man in den Mund nehmen, da war man schon verdächtig. Mit Recht! Es gibt kein Volk. Es gibt nur Klassen. Und was sind das für verwaschene Begriffe: „Kleine Länder“, die sich innerlich zusammenschliessen müssen gegen den Faschismus! Was heisst denn das, möchtest du mir das vielleicht erklären? Herr Dimitroff hat es wohlweislich nicht näher erklärt, weil er dann hätte sagen müssen, dass zum Beispiel in der Tschechoslowakei – oder ist die vielleicht kein „Kleines Land“? – nicht mehr gestreikt werden darf, nicht mehr die Regierung bekämpft werden darf, dass wir Kommunisten einfach das Maul zu halten haben!“

„Aber es ist doch nur eine taktische Frage!“ wandte Hanna ein. „Dimitroff sagt, dass man die indifferenten Mittelschichten heranziehen muss zur antifaschistischen Front, aber zwischen den Zeilen kann man doch lesen, dass das nur ein taktisches Manöver ist und dass die Partei, wenn die Volksfronten in den demokratischen Ländern erst im Gang sind, die Führung an sich reissen wird ...“

Dimitroff, dachte sie, als sie ihn verteidigte, dass gerade Dimitroff es sein musste, der Held des Reichstagsbrandprozesses. Sein revolutionäres Argumentieren, sein heroisches Verhalten hatte damals 1933 in der ganzen Welt tausende und tausende von Proletariern und nicht wenige Bürgerliche für den Kommunismus gewonnen. Nun war er offizieller Sprecher des allmächtigen Moskauer Politbüros und riet zur Versöhnung mit dem Kleinbürgertum, das doch seit Marx immer als der gefährlichste, weil undefinierbarste und am schwersten zu packende Teil der feindlichen Klasse bezeichnet worden war. Aber es war ja wohl nur ein taktischer Kompromiss.

„Und das glaubst du, so eine gescheite Person?“ schalt Jarmila. „Dimitroffs Rede ist doch kein vertrauliches Rundschreiben! Sie ist in Hunderttausenden von Exemplaren gedruckt, in vierzig Sprachen ... jeder Mensch hat sie gelesen, wie du und ich! Was du zwischen den Zeilen liest, lesen die andern genau so zwischen den Zeilen! Du glaubst, die Kleinbürger, die Demokraten, die Liberalen würden in die Falle gehen, wenn man ihnen so offen und naiv selbstbewusst von vornherein zu verstehen gibt, dass es eine Falle ist?“

Das war freilich richtig. Wie dumm! Aber nein, dumm waren die vom Politbüro nicht. Sehr schlau sogar! Dann wars also anders herum gemeint? Der taktische Zug mit der Volksfront, in die die Mittelschichten eingefangen werden sollten, war also gar nicht zur Betörung dieser Mittelschichten auf die „Linie“ gesetzt worden, sondern betört werden sollten die Arbeiter, die Revolutionäre, die man in der Volksfront unschädlich machen wollte? Damit sie mitgingen, wurde ihnen in vierzig Sprachen und angesichts der ganzen Welt der „Andern“ treuherzig versprochen, man werde die Andern schon hineinlegen, hätte man sie nur erst.

Diese Schlussfolgerungen äusserte sie zu Jarmila, noch in zweifelsvollem Ton. Konnte man es denn anders als mit einem hoffnungsvollen Fragezeichen zu Ende denken? ... Aber Jarmila strich das Fragezeichen mit der Hand weg. Selbstverständlich, bestätigte sie, ein kolossaler Volksbetrug war die Schwenkung des Siebenten Kongresses der Kommunistischen Internationale, nichts anderes. Zur Schützung des russischen Vaterlandes.

Das Wort Vaterland – „rodina“ – erschien doch wahrhaftig seit einiger Zeit in offiziellen Kundgebungen der „Prawda“, musste Hanna sich eingestehen; Vaterland und Familie, was fehlte noch zum kleinbürgerlichen Vokabularium? Für das russische Vaterland war man in den Völkerbund eingetreten, für das russische Vaterland schloss man Bündnisse mit kapitalistischen Staaten, für das russische Vaterland drosselte man die revolutionäre Opposition, entmachtete man die Arbeiter, lieferte man Italien Petroleum für seinen abessinischen Krieg und Hitler-Deutschland Manganerz für seine Aufrüstung. Und das alles nannte man Sozialismus in einem Lande?! Was war vom Sozialismus noch übrig geblieben? Wohin führte das alles?

Die beiden Frauen schwiegen bedrückt.

Aus der Partei austreten, es schien logisch, wenn man wirklich den Sozialismus wollte. Austreten – aber wohin? Man trat ins Leere. Die Partei hatte die Massen, links von ihr gab es nur eine Anzahl kleiner Splittergruppen, die sich die Zeit vertrieben mit Ausarbeitung von Organisationsstatuten, Diskussionen über die Reinheit der Doktrin und winzigen Aktionen lokaler Art, die, weil sie so winzig waren, zu nichts führen konnten. Wohin?

„Wohin?“ schrie Hanna nervös den Kellner an, der die Tassen abtragen wollte. „Lassen Sie uns doch erst austrinken, Mensch! Zum dritten Mal schon zieht er mir die Tasse vom Mund weg. Möchte wissen, was das für einen Sinn hat, als ob sie zu wenig Geschirr in der Küche hätten“, erklärte sie Jarmila, die sie erstaunt ansah. Der Kaffee war freilich schon kalt geworden und sie bestellten frischen, der ewig nicht kam.

„Ja, aber wohin, Jarmila?“ fragte Hanna verzagt. Zwölf Jahre in der Partei ... das ist wie eine Ehe. Da kann man nicht mehr fort.

Jarmila war noch viel länger drin. Schon als Gymnasiastin, erinnerte sich Hanna jetzt, hatte Jarmila das Kommunistische Manifest mit sich herumgetragen und den Mädchen von „Klasseninteressen“ erzählt. „Was du immer redest“, hatte die dumme Doskočilová gesagt, „ich habe gar kein Interesse an meiner Klasse, der Septima. Hauptsache, dass ich in die Oktava komme und zur Matura zugelassen werde ...“ Hanna erinnerte die Freundin daran und sie lachten. Aber es war ihnen beiden bitter zumute.

Jahre, Jahrzehnte geglaubt, geliebt, gearbeitet – die Partei war die Heimat, der Geliebte, der Vater, die Zukunft, alles in einem. Man hing an ihr, wie an Heimat, Vater und Geliebtem. Man konnte sie kritisieren, sie manchmal verachten oder bemitleiden. Aber man konnte nicht aufhören, man konnte nicht weg, nein, man konnte nicht weg. Man hätte sich die Nabelschnur durchschneiden müssen, man hätte sich das Herz aus dem Leibe reissen müssen, man hätte Kraft und Mut haben müssen, um ganz von vorn anzufangen, aber wo? Wie? Man trat ins Leere, wenn man die Partei verliess. Man wurde weggeschwemmt, landete allenfalls auf einer Insel irgendeiner Sekte, wahrscheinlicher aber blieb man ganz allein, ein Intellektueller, zwischen den zwei grossen Lagern sich selbst und seiner Bitternis überlassen.

„Ich trete aus!“ verkündete Jarmila. „Ich halts einfach nicht mehr aus. Werde ja doch hinausgeschmissen! Weil der arrogante Bonze mich nicht bekommen hat, wird er mir schon irgendwas andrehn. Jenda ist doch mit der Lysák-Opposition hinausgeschmissen worden und macht denen jetzt ihr Blatt.“

Das war eine Neuigkeit für Hanna. Und was das denn aber ... fragte sie.

„Ich hab zwar mit Jenda nichts mehr zu tun“, unterbrach sie Jarmila, auf ihre halbe Frage. „Wir sind ganz auseinander, weil er mich mit der Vilma vom ‚Haló Noviny‘ betrogen hat, diese Bleiche, Sommersprossige, Du kennst sie. Aber man braucht das ja nicht zu glauben. Man kann mir anhängen, dass ich mit Jenda im Einverständnis bin, in der Partei für die Opposition zu spitzeln, und schon bin ich draussen. Dann kommts auf dasselbe hinaus. Da geh ich lieber gleich.“

Hanna schüttelte traurig den Kopf. Auch daran dachte sie, dass Jarmila keinen materiellen Rückhalt hatte. Mit ihrem Vater, einem höheren Staatsbeamten, hatte sie sich schon vor Jahren entzweit. Sie würde ihre Photo-Reportagen in der Parteipresse nicht mehr anbringen, und in den bürgerlichen Illustrierten gab es so viele gute Photographen, da brauchte man Jarmila nicht.

„Ich werde mir ein Photo-Atelier aufmachen, für Interieurs hauptsächlich, da hat man einige Aussichten“, erklärte Jarmila, als habe sie Hannas Gedanken erraten. „Und jetzt geh ich nach Hause, mir brummt der Kopf. Morgen früh muss ich zeitig nach Podskal, die Höhlenbewohner photographieren, ‚Svět Práce‘ will eine Gegenüberstellung. Die Bilder von den russischen Arbeiterhäusern haben sie schon. Ich soll als Gegenstück unsere Proletarier aufnehmen, die ja wirklich leben, wie die Menschen in der Steinzeit.“

„Die ‚Přítomnost‘ hat schon einen Artikel darüber“, bemerkte Hanna. „Sie wollen die ersten sein, die die Höhlenwohnungen entdeckt haben, ein Hilfskomité haben sie auch schon gegründet. Wir kommen auch wirklich immer mit allem zu spät.“

„Eben deswegen schickt mich ja Rudolf nach Podskal, für die Mittwochnummer. Es ist ihnen erst eingefallen, nachdem sie die ‚Přítomnost‘ gesehen haben. Also gehen wir!“

Sie zahlten und gingen. Auf der Strasse sagte Hanna: „Gefragt hast du mich ja eigentlich nicht, gute Jarmila. Du hast mir einen Entschluss angekündigt. Ich bin ja auch ein schlechter Ratgeber, es ist alles so verwirrt in mir. Glaub mir, dass ich mir auch sehr den Kopf zerbreche, wie das noch werden soll mit der Partei. Aber ich hab nicht den Mut. Was soll ich dir da raten? Ich danke dir jedenfalls, dass du mirs erzählt hast. Bist ein tapfrer Kerl. Du gefällst mir!“

„Du gefällst mir auch, Hanna“, sagte Jarmila. „Du hast mir schon auf der Schulbank gefallen. Ich hab dich immer bewundert, weil du so gewissenhaft warst. Von allem wolltest du erst den tiefsten Grund ergründen, den allertiefsten, endgültigen, eher mochtest du nicht Ja oder Nein sagen.“

Sie lachte mit Sympathie, schritt kräftig neben Hanna aus. „Aber es lebt sich wohl schwer damit?“

Hanna antwortete nicht. Sie waren um eine Ecke gebogen und gingen jetzt durch die Strasse, in der Anatol wohnte.

Hier wohnt Anatol, dachte Hanna. Dort, wo die Strasse zu Ende geht, ganz am Ende der Strasse. Nie bin ich in seiner Wohnung gewesen. Sie spürte plötzlich ein dringendes Verlangen, ihn zu sehen, zu sprechen. Er war in Brünn. Es hatte keinen Sinn, vor dem Haus auf ihn zu warten. Vielleicht kam er erst am nächsten Mittag zurück.

„Und da zerbrichst du dir nun auch den Kopf über die Partei, über Dimitroff, und versuchst auf den tiefsten Grund zu kommen, wie in der Schule bei der Differentialrechnung, wo dir das d'ˣ nie einleuchten wollte ...“

Hanna lachte wehmütig. Hatte sie nicht das ganze Leben hindurch immer wieder dasselbe getan? Immer geforscht, gegrübelt, leidenschaftlich misstraut, weil sie ein so leidenschaftliches Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Klarheit hatte, und hatte sie doch nie erringen können. Sie sah zuviel Aspekte ... Deshalb ja hatte die Marx'sche Dialektik sie so angezogen, weil sie so viele Aspekte zeigte. Alles hängt mit allem zusammen. Alles ist miteinander verwickelt. Oft wurde man verwirrt, konnte es nicht mehr überblicken. Man wusste ja auch so wenig Tatsächliches von den Dingen, von den Menschen, von den letzten, innersten Zusammenhängen.

An einem Punkt muss man aufhören zu denken und muss sich zum Handeln entschliessen, hatte Karl immer gesagt. Aber wenn man nun falsch handelte? Man muss es doch erst zu Ende denken? Zu Ende ... das gabs ja nicht. Und auf ihrer Suche nach dem richtigen Einsatz hatte sie immer wieder falsch eingesetzt, wenn ein Zufall oder ein anderer Mensch oder eine unausweichliche Sachlage den Ton anstimmte, nicht sie selbst. Da wars natürlich falsch herausgekommen.

Mit Anatol war das anders. Da war alles wie von selbst richtig geworden. Sie summte vor sich hin, das Kuplet der Polly aus der „Dreigroschenoper“: „Und es konnte gar nicht anders sein ...“ Mit Anatol war alles richtig. Man ging, man lebte mit ihm in so traumhafter, heiterer Sicherheit. Man schwebte. Sie schloss einen Moment die Augen und sah seine schmale, dunkle Gestalt an den Milchglasscheiben der Redaktion vorübergleiten. Ein grosses Wohlgefühl breitete sich in ihr aus. Nichts verlangen, nichts abschlagen. Es ist alles richtig. So demütig richtig ist alles, was zwischen ihr und Anatol geschieht.

„Ja, das Leben ist reichlich kompliziert“, sagte Jarmila neben ihr. Wer weiss, welche stille Gedankenkette sie damit abschloss. „Und du hast also jetzt einen Mann?“ setzte sie unvermittelt fort. „Das Privatleben muss man doch wenigstens in Ordnung haben! Ists gut?“ Sie blieb stehen, fasste Hanna an beiden Oberarmen und sah ihr liebevoll ins Gesicht.

„Ja, es ist gut“, sagte Hanna und wurde ganz einfach und froh. „Sehr gut sogar.“ Sie gingen weiter die Strasse hinunter.

Da drüben wohnt Anatol. Im zweiten Stock. Die Fenster waren dunkel.

Auf der andern Strassenseite kam ein Paar Arm in Arm gegangen. Der Mann blieb stehen, beugte sich zu der Frau, hob ihr Gesicht mit der Hand empor ... die Strasse war nicht breit, Hanna konnte sehen, dass es ein blasses, ungeschminktes, junges Gesicht war, mit schwarzen Locken an den Wangen. Der Mann lächelte zärtlich in das Gesicht und sagte etwas. Dann gingen sie weiter. Der Mann zog einen Schlüsselbund aus der Tasche seines grauen, englischen Mantels und schloss auf. Er schob die Frau zart an den Schultern vor sich her in den Schatten des Hausflurs, die Tür fiel zu.

„Was ist?“ fragte Jarmila erschrocken.

„N .. nichts“, sagte Hanna. Sie hatte sich schwer in den Arm der Freundin gehängt und ihre Füsse schleppten auf dem Boden ... „Ich habe in letzter Zeit öfter ... so einen plötzlichen Herzkrampf ... Ich glaube, ich rauche zu viel ... Es ist schon wieder vorbei.“

Es fing leise zu regnen an und sie gingen schweigend auf die Pariser Strasse zu. An der Ecke drehte sich Hanna um. In Anatols Wohnung war Licht und eine Hand liess eben die Vorhänge herunter ...

14. Kapitel

Die Welt ist aus kleinen Dingen gemacht – Begleitgefühle bürgerlichen Besitzwahns – Es gibt noch andere Leiden – Eine Zeit, in der das Lesen zum Problem wird – Geboren in Prag, zuständig nach Deutschland – Umbruch, ein Doppelwort – Anatol erweist sich als Damenfreund – Ein unanfechtbares Argument.

Jetzt müsste etwas geschehen! Ein Krieg müsste ausbrechen, einer müsste sterben, Hitler, Anatol, man selbst, oder wenigstens Ladislav oder der Archivar Klaus, die „Svoboda“ müsste einen als Reporter zu einem Riesenbrand schicken und man müsste zwei Kinder aus den Flammen retten, ein Erdbeben müsste kommen und die festen, düstern Mauern der Staatlichen Gefangenenanstalt Plötzensee niederlegen und Karl müsste herausschweben und einen ganz weit und gross an sein schönes Herz nehmen. Oder es müsste sich auf geheimnisvolle, aber überzeugende Weise herausstellen, dass alles nicht wahr ist. Nur so könnte man es ertragen, denn – kann man es sonst ertragen?

Aber es geschieht nichts, nichts Plötzliches, nichts Grosses. Die Welt ist aus kleinen Dingen gemacht. Jeden Tag liest man früh die Zeitung und schaut nach, wer beim Eishockeytournier gewonnen hat und wer gestorben ist und was es sonst Neues in der Welt gibt, Interessantes aus aller Welt, aus der internationalen Presse ausgeschnitten und übersetzt von Hanna Last, geborene Aschbach, einer langbeinigen, etwas vorgebeugt gehenden Frau mit grossen, brennenden Augen und blondem Schopf über dem grauen Sweater, den sie sich noch aus Deutschland mitgebracht hatte.

Aber damit die Menschen früh die Zeitung lesen können, muss die Zeitung schon abends gemacht werden. Jeden Tag zur bestimmten Stunde müssen die Lastautos aus dem Hof fahren zu den Zügen, und damit sie hinausfahren können, muss vorher alles seine Ordnung gehabt haben, die verschiedenen Nachrichten müssen ihrer Gewichtigkeit entsprechend angeordnet und mit Titeln versehen sein, zwei Cicero, Mittel, Tertia oder gar vier Cicero Letterngrösse, je nachdem, kurz, es muss zwischen acht und halbzehn in der „Svoboda“ zugehn wie immer: Der Gerichtsberichterstatter Menčík will immer mit seinen Sachen auf Seite drei oder fünf, statt auf Seite vier, wo sie hingehören, er sagt, die Leute lesen nicht, was auf den gradnummerierten Seiten, den „linken“ Seiten, steht, weil sie die Zeitung in der Elektrischen nur so durchblättern und der Blick auf die ungradnummerierten Seiten fällt. Das Klischee für den Titelkopf „Gerichtssaal“ muss neu gemacht werden, es schaut ja schon aus wie „Nichtssaal“, wie oft hat Karlíček das schon moniert. Die Präsidentenwahl natürlich auf Seite eins, obzwar es nicht aufregend ist, jeder Mensch weiss, Beneš wird Präsident, sogar die Kommunisten haben auf einen eigenen Kandidaten verzichtet und stehen geschlossen hinter ihm. Sie haben dafür eine Amnestie für ihre politischen Gefangenen verlangt, aber man hat ihnen bedeutet, das ginge nicht, weil Masaryk bei seinem Rücktritt vorige Woche erst eine Amnestie erlassen hat, das sähe aus, als wollte man den alten Herrn desavouieren, vielleicht später. Nun, sie sinds zufrieden, sie werden trotzdem Beneš wählen, in der kommunistischen Illustrierten „Svět Práce“ sieht man Frau Hanna Beneš photographiert, sie besichtigt die Höhlenwohnungen von Podskal, und ein paar Leute, die sie mitgebracht hat, verteilen Kinderwäsche und Spielzeug, rührend ist das. Es ist nicht viel los, jeden Tag dasselbe, der gewöhnliche Umbruchsbetrieb. Der Chef muss sich mit dem Administrationsleiter herumstreiten, weil der zwei Seiten mehr Blattumfang haben will, schliesslich, die Inserenten sind das Wichtigste, da gibts nichts, machen wir also zwei Seiten mehr heute, aber morgen muss dafür im redaktionellen Text was eingespart werden, das geht doch nicht, zwei Seiten mehr bei achtzigtausend Auflage, das kostet fünftausend Kronen, bloss das Papier, das ist viel Geld...

Freilich ist das viel Geld. Das Flüchtlingskomité wäre froh, wenn es einmal fünftausend Kronen auf einem Haufen sähe. Die Emigranten müssen sich im Komité herumstreiten mit den Genossinnen Damen, man will ihnen nicht anerkennen, dass sie sich haben für drei Kronen Kragen stärken lassen. Was braucht ein Emigrant gestärkte Kragen, Genossen, nehmt doch Vernunft an, es dauert ja jetzt schon fast drei Jahre, wo sollen wir da noch Geld hernehmen? Niemand gibt mehr was, die Arbeitslosigkeit ist bei uns so gross und das Hemd ist einem näher als der Rock. Uebrigens, vergesst nicht, ihr müsst auf

die Polizeidirektion, Fingerabdrücke machen. Was, wie die Verbrecher? Ja, es ist eine neue Vorschrift, nur eine Formalität, so regen Sie sich doch nicht auf, Genosse! Auswandern? Aber wohin denn? Kein Land will Emigranten haben, höchstens noch Süd-Amerika, aber wir haben kein Geld, um euch die Reise zu bezahlen, vielleicht könnt ihr nächstes Jahr schon nach Deutschland zurück – das kann doch nicht ewig so weitergehn.

Aber es geht ewig so weiter. Der hagere Bursch schmeisst mit Gedonner die Metallbretter mit den fertigen Seiten in den Aufzug, Herr Kalandra in der blauen Bluse und mit Druckerschwärze auf der Stirn vom Schweissabwischen mit der Hand, macht Fahnen, das heisst, er legt lange, feuchte Papierstreifen auf die mageren Kolonnen noch heisser, schwarzbeschmierter Gusszeilen und fährt mit einer Gummiwalze darüber hin, Vokáček reisst ihm die Fahnen aus der Hand, der ist natürlich auch wieder so spät aus dem Parlament gekommen, sein Bericht für Seite zwei muss umbrochen werden, es ist schon neun Uhr fünf. Nein, es ist alles wie immer.

Aber für Hanna Last, geborene Aschbach, die nach wie vor ihre Beiträge für „Interessantes aus aller Welt“ auf Karlíčeks Schreibtisch legt – über den Mann, der seit dreissig Jahren ein und dieselbe Rasierklinge benutzt, und über die längste Strasse der Welt, die englische Watlingstrasse, die so lang ist wie ganz England, in Dover beginnt sie, führt von Canterbury nach London und geht dann weiter bis Chester und Cardigan, mein Gott, so eine lange Strasse, so lang wie das Leben! – für Hanna Last hat sich die Welt verändert.

Sie weiss etwas Neues. Ach, was Neues ist es nicht, es gibt wohl wenige Menschen, die es nicht wissen. Aber Hanna Last hat es bis jetzt nicht als existent anerkannt, hat gemeint, es seien Begleitgefühle bürgerlichen Besitzwahns, hat missbilligend den Kopf geschüttelt, wenn Jarmila hinter Jenda – oder war es schon Ruda? – hertelefonierte aus blöder Eifersucht, jetzt weiss Hanna wie das ist, sie weiss etwas Neues.

In den Nächten liegt sie wach und wälzt sich hin und her, sie denkt immerfort dieselben, ausweglosen Gedanken. Sie sieht Anatol über ein lächelnd aufgeschlagenes, blasses, junges Gesicht gebeugt, sie sieht, wie in seiner Wohnung Licht wird und eine Hand innen die Vorhänge herunterlässt. Er hat ihr gesagt, es sei seine Schwester gewesen, die ihm die Wirtschaft führt, sie sind zusammen aus Brünn gekommen. Aber um elf Uhr abends kommt gar kein Zug aus Brünn, er kommt erst um halbeins.

Hanna macht Licht, raucht eine Zigarette, löscht das Licht wieder aus. Wird man denn nicht endlich einschlafen, sie hat schon Bromural genommen, aber es nützt nichts...

Neulich, als sie in sein Büro gekommen ist, hat er gerade telefoniert, mit einer so angelegentlichen heissen Stimme. Zum Glück – oder zum Unglück – ist die tschechische Sprache so beschaffen, dass man weiss, ob der Sprecher mit einem Mann oder einer Frau spricht, die Verbalformen sind nach Geschlechtern getrennt. Komisch eigentlich. Mit einer Frau hat Anatol gesprochen. So zärtlich hat es geklungen. Er hat von Pfirsichen mit ihr gesprochen, was heisst das, im Dezember ist doch kein Grund, per Telefon von Pfirsichen zu reden, es ist ein Deckwort. Hanna hat geschaudert und plötzlich zwei kleine Frauenbrüste vor sich gesehen und ist schnell hinausgegangen. Anatol hat ihr nicht einmal zugenickt und hat weitertelefoniert.

Warum hat sie ihn auch gefragt, was das war, an dem Sonntag Abend! Sie hat nicht fragen wollen. Ich bin doch nicht eifersüchtig, lächerlich! Er war auch etwas verstimmt, und dann hat er das von der Schwester herausgebracht. Wie lang hat er das Mädel schon, vielleicht die ganze Zeit über schon, deswegen hat ers immer so eilig, natürlich, er wird doch nicht ohne Frau gelebt haben, bis ich zu erscheinen geruhte... und eine schreckliche, reissende Wut versehrt Hannas Körper, sie heult laut auf. Die Nachbarn klopfen an die Wand: „Ruhe! Es ist zwei Uhr!“ So geht das immer im Kreis herum, er betrügt mich, er betrügt mich, nun, was denn, er ist mir ja nichts schuldig, und ich habe so patzige Reden geführt von „Freiheit“ und „höherer Treue“, sicher hat er das Mädel schon vorher gehabt. Sie hat ein liebes Gesicht, wie die singenden Engel von Ghiberti auf dem Altarbild in Florenz. Ich hab mich ihm an den Hals geschmissen; ich wars, die ihm damals im August gesagt hat, ob er noch mit heraufkommen wolle, von selbst wär er vielleicht gar nicht gekommen. Er hat nie mit mir ausgehen wollen. Er hat mich versteckt. Die Sonntage verbringt er mit der andern, Brünn ist nur eine Ausrede, er fährt gar nicht nach Brünn. Meine Sonntage verbringt er mit einer andern. Er hat mir ja auch nie gesagt, dass er mich liebt. Sie schluchzte und konnte nicht aufhören.

Aber warum kommt er dann zu mir und ist so zärtlich? Er kommt ja nicht mehr so oft, aber doch noch hie und da und ist so zärtlich, und ich Hure sage immer wieder ja. Drei Tage bin ich nicht in die Redaktion gegangen, wollte sehen, was er macht, hab den ganzen Tag zu Hause gesessen und gewartet, dass er kommt oder dass er telefoniert. Dann hab ichs nicht ausgehalten: vielleicht ist er krank? Sonst hätte er doch telefoniert? Und er war ehrlich bestürzt und hat mich gleich im Büro an sich gerissen – „Wo warst du?“ – wo doch jeden Augenblick der Obermetteur oder Bílek hereinkommen konnten. Aber warum er nicht telefoniert hat, hat er nicht erklären können.

Warum will er mich überhaupt? Wenn er doch die andere hat. Ich habe auch einen andern. Aber der ist fort. Das hat doch nichts miteinander zu tun. Was will er eigentlich bei mir, wenn er doch die andere hat.

Da gibts keinen Rat und keinen Ausweg, es zerreisst einem das Herz, es zerreisst einem das Fleisch, die Augen brennen schon vom vielen Wachen und Weinen, schliesslich nimmt Hanna noch ein Bromural und schläft gegen Morgen ein...

Tagsüber ist es nicht so schlimm. Man arbeitet, man sieht Leute, fremde Leute, bekannte Leute, man geht ab und zu zu Heini essen, ärgert sich über Rositas noble, schläfrige Gleichgültigkeit und über die reaktionären Aeusserungen des

Bruders, man trifft auch ab und zu Luise, andere Genossen aus Deutschland und spricht von Deutschland. Mein Gott, war das gut, in Deutschland zu leben, Deutschland, Deutschland, wann wird man je wieder hinkommen?

Den Emigranten geht es schlecht, man muss was für sie tun, Hanna geht jetzt wieder sammeln, Kleider, Wäsche, Bücher, Geld, wie damals, ehe Rýma sie zur „Svoboda“ gebracht hat, aber die Leute geben nichts mehr, damals haben sie noch gegeben. Die Emigranten arrangieren eine Sondervorstellung im Kino, Reinertrag für die Flüchtlingshilfe, Hanna muss die Vorbereitungen machen, weil sie tschechisch kann: Erlaubnis von der Polizei, die Feuerwehr muss verständigt werden, die Plakate, die Einladungen, Vergnügungssteuer, vielleicht erlassen sie die Vergnügungssteuer, es ist ja zu wohltätigem Zweck. Nein, die Eintrittskarten können wir nicht abstempeln, Fräulein, die sind ja in deutschem Text, was heisst deutsche Flüchtlingshilfe, es ist eine Vorschrift, auf solchen Drucksachen muss die Staatssprache gebraucht werden. Dann lassen Sie die Karten eben noch einmal drucken. Fünfundsechzig Kronen beim Teufel, da hätte sich manch einer können Kragen stärken lassen dafür. Stundenlang muss man herumlaufen und auf den Aemtern herumsitzen, schliesslich bringt dann die Vorstellung siebenhundertdreiundfünfzig Kronen vierundachtzig Heller, das macht gerade zehn Kronen pro Person für die Leute im Flüchtlingsheim. Was sollen sie damit anfangen. Man muss sich was anderes ausdenken. Wenn es Sommer wäre, könnte man ein Nachtkonzert im Waldsteingarten machen. Aber es ist Winter. So gehen die Tage hin.

Am Abend wird es schlimmer. Hanna geht nicht mehr mit der heimatlichen Selbstverständlichkeit in die „Svoboda“, jeden Tag nimmt sie sich vor, sie wird nicht hingehn, sie wird überhaupt nie mehr hingehn, sie wird ihre Arbeiten vormittags machen oder am frühen Nachmittag, wenn Anatol nicht da ist – und wo ist er denn am frühen Nachmittag? Bei ihr ist er nicht! – und wird Voka bitten, dass er die Rechnungen mit zum Chef zum Unterschreiben nimmt. Für Anatol wird sie privat nichts mehr übersetzen, ach, was für ein verlogener Stolz, er gibt ihr schon gar nichts mehr von sich aus und sie schlägt ihm nichts mehr vor.

Sie hat eine neue Schülerin, aber das macht auch nur vierzig Kronen pro Woche, das Pensionszimmer ist zu teuer. Ich muss umziehen, denkt Hanna, ich werde ein Hofzimmer nehmen, ohne Bad. Man kann ja das Bad auf dem Korridor benützen. Ich könnte schliesslich um Unterstützung beim Flüchtlingskomité ansuchen, aber das kommt mir unmöglich vor, da ichs doch bis jetzt nicht getan habe. Die Damen wissen, dass ich einen reichen Bruder habe. Er könnte ja wirklich auch mal was für mich tun, wenigstens anbieten, nehmen würd' ichs ja nicht von dem reaktionären Parvenü.

Neulich hat er ihr ein Lebensmittelpaket geschickt, es wäre ihr lieber gewesen, er wäre mal selbst gekommen. Ist doch schliesslich der Bruder. Aber er hat sie noch nie besucht, Rosita auch nicht. Hanna hat sich geärgert, als der Diener das Paket brachte; aber dann hat sie sich ausgerechnet, dass sie nun vierzehn Tage kein Nachtmahl zu kaufen braucht. Die Sardinenschachteln hat sie Luise geschenkt, grossartig – weil ich Sardinen nicht gern habe.

Nein, sie wollte am Abend nicht in die „Svoboda“ gehen, sie wollte warten, was Anatol tun würde, wenn sie eine Zeitlang wegbliebe. Ach, darauf braucht sie nicht zu warten, sie hat die Erfahrung ja schon hinter sich. Wohin aber sollte sie sonst gehen am Abend?

Im Café herumsitzen? Allein, das ist so traurig. Ins „Continental“, wo die Genossen sitzen, das ist nicht geraten, überall sind Spitzel, es sind schon wieder Leute ausgewiesen worden, es kostet auch Geld, wenn man jeden Abend ins Café geht.

Man könnte zu Hause bleiben, lesen. Aber wie denn, was denn? Eine blöde Liebesgeschichte? Politische Literatur kann man nicht zu Hause haben. Broschüren, die man in jedem Laden kaufen kann, werden bei Haussuchungen als belastendes Material mitgenommen, von anderem gar nicht zu reden. Was hat man denn auch an politischer Literatur? Die „Imprekorr“23, jetzt heisst sie „Rundschau“, mein Gott, die schreiben ja fast patriotischer als die Faschisten, und so viel Parteireinigungen, und so ein kleiner Druck, man kann es bei künstlichem Licht gar nicht lesen, überhaupt, mir tun jetzt immer die Augen so weh, ich werd' doch nicht am End eine Brille brauchen, das hätte grad noch gefehlt, dass Anatol mich in einer Brille sieht!

Nein, es war gefährlich, solche Literatur zu Hause zu haben. Hanna sorgte schon seit Monaten dafür, dass man bei ihr im Ernstfall nichts dergleichen fände. Zuerst hatte sie einmal ein grosses Kuvert voll Schriften zu ihrem Bruder mitgebracht und ihn gebeten, es zu verwahren.

„Was ist drin?“ fragte er verdrossen.

„Ach, so Schriften und Zeitungsausschnitte... Ich hab so wenig Platz in meinem Zimmer...“. Aber er hatte argwöhnisch geschaut und ihr dann gesagt, sie möge ihre Sachen doch lieber wo anders aufheben.

„Ich rede dir nicht in dein Leben hinein, und du weisst, dass du hier immer den Tisch gedeckt findest. Aber mit Politik will ich nichts zu tun haben. Ein Geschäftsmann darf sich nicht mit Politik befassen.“

So hatte sie denn ihre Kuverts mit kompromittierendem Inhalt Herrn Chefredakteur Dr. Anatol Svoboda in sein bürgerliches Redaktionsbüro zum Aufheben gebracht und ihm erklärt, warum und wieso.

„Wie du übertreibst, Hanna!“ hatte er leichthin gesagt. „Wer soll denn bei dir Haussuchung machen? Aber wie du willst, gib her, ich sperr' es dir ein.“ Auch Dimitroffs zweideutige Rede zum Siebenten Kongress lag jetzt in Anatols Schreibtisch. Sie hätte sie gern wieder gelesen, aber sie stand momentan nicht so mit ihm, dass sie davon hätte anfangen mögen. Sie brachte ihm auch jetzt nichts mehr zum Aufbewahren.

Was sie nicht daheimbehalten wollte, trug sie aus dem

Haus. Wäre gut, einen Ofen mit prasselndem Feuer zu haben, in den man das Zeug hineinstecken könnte. Zentralheizung ist recht und gut, aber man hat dann solche Umstände mit den Papieren, man kann doch nicht alles an der Kerze verbrennen, und wenn mans ins Klosett wirft, verstopft sich das Klosett.

So trug sie die Schriften nachts aus dem Haus. Sie ging an die Moldau hinunter, die Moldau floss schwarz und winterlich unter den Brücken durch, keine Kähne mit Liebespaaren tanzten über das Wehr hinab. Hanna riss die Zeitungen und Flugblätter in Stückchen und streute sie über das Wasser. Einmal hatte sich ein Wind erhoben und grosse bedruckte Papierfetzen waren zurück auf die Brücke geweht, und Hanna hatte sie erschrocken zusammengelesen und in die Manteltasche gestopft. Ein nächtlicher Passant war stehen geblieben und hatte ihrem sonderbaren Gehaben erstaunt zugeschaut. Mit einem schuldbewussten Lächeln hatte sie ihm zugenickt und sich davongemacht.

Was die Genossen einem aber auch immer für Zeug angeschleppt bringen! Als wäre sie ein politischer Analphabet, dem man erst die zehn Gebote eintrichtern muss – bald dreizehn Jahre war sie in der Partei!

Nein, mit dem Lesen zu Hause wars auch nichts. Man konnte überhaupt nicht zu Hause bleiben, man hielts nicht aus. Hanna überlegte sich, dass sie seit Monaten keinen Abend zu Hause gewesen war.

„Zuhause“? Wo war denn sie zuhause? Ihre Aufenthaltsbewilligung war nach einem Jahr abgelaufen. Sie hatte ein schönes Gesuch verfassen müssen, auf vorgedrucktem Bogen, den man ihr in der Polizeidirektion ausfolgte. Damit war sie die zwei Blocks weiter ins Café „Slavia“ gegangen und hatte vom Fenster aus auf den Hradschin hinausgeschaut, der im Herbstnebel lag, über dem roten Weinlaub der Schlossstiege. Aber auch von dort her war keine Hilfe gekommen. Von nirgendwo kam Hilfe. Und Hanna schrieb:

An das P. T. Landesamt, Prag

Die Unterzeichnete Jana Františka Marie Lastová, geborene Aschbachová (justament schreib ich meinen Mädchennamen in deutscher Orthographie! Ich bin doch kein Opportunist, wie mein Herr Bruder) von Beruf.... Was war sie eigentlich von Beruf? Sie hatte so vielerlei in ihrem Leben gemacht. Drei Semester Kunstgeschichte studiert, bei Wölflin in München, dann zwei Semester klassische Philologie. Dann war sie in die sozialistische Bewegung geraten und hatte die Universität liegen gelassen. War sie also Studentin? Hunderte von Stunden hatte sie gegeben, aber Lehrerin... das war sie eigentlich auch nicht. Hunderte von Artikeln hatte sie geschrieben und ein paar populäre Broschüren, die sie verächtlich „Aufklärungsschwarten“ nannte, obwohl sie viel Erfolg damit gehabt hatte... aber konnte sie sich darum Schriftstellerin nennen? Sie hatte Vereine, Kurse, Sommerlager, Kongresse organisiert. Aber „Organisator“ war ein Begriff, über den sie in Verbindung mit sich selbst nur lachen musste. „Ehefrau“? Das wäre harmlos. Aber ist sie denn noch eine Ehefrau? Sie hat ja keinen Mann. Schon seit April 1934 hat sie keinen Mann. Wieso lebt eine alleinstehende Ehefrau als Emigrantin?

Zu albern. Nimm dich zusammen, Frau! Das hier ist kein Spass, wenn sie dich ausweisen, bist du verloren. Wer nirgends zuhause ist, muss parieren und demütig sein. Also: Beruf – Uebersetzerin. Nein, geht auch nicht. Wo übersetzen Sie, was, für wen? Ihre Mitarbeit an der „Svoboda“ war illegal, sie hatten keine Arbeitserlaubnis. Es konnten Rückfragen kommen. Was zum Teufel hatte sie denn im Vorjahr in die Rubrik „Beruf“ geschrieben? Sie konnte sich nicht daran erinnern. So schrieb sie „Sekretärin“, das war alles Mögliche und nichts Bestimmtes, und hatte ausserdem einen geheimen, den Amtsaugen unerspähbaren Wahrheitssinn. „Jana Františka Marie Lastová, geborene Aschbachová, von Beruf Sekretärin, ersucht um Aufenthaltsbewilligung auf dem Gebiet der Tschechoslowakischen Republik im Sinne des Gesetzes No. 52/1935. Ich bin geboren am 14. September 1895 in Prag und bin reichsdeutscher Staatszugehörigkeit.“ Das ist es ja. Das ist ja das ganze Malheur. Sie blickte von ihrem Fenstertisch zum Hradschin hinüber und erinnerte sich, wie sie im Frühling hier gesessen war und gedacht hatte: Nie, nie, nie hätte ich fortgehen sollen....

Nie, nie, nie hätte ich zurückkommen sollen, dachte sie verquält. Wäre ich nach Paris gegangen. Oder in die Sowjet-Union. Oder wär ich in Deutschland geblieben. Man soll nicht zurückkommen, dorthin, von wo man ausgegangen ist. Jetzt bin ich in meiner Heimat fremder Staatsbürger, muss Fingerabdrücke abgeben, wie die Verbrecher, muss vorgedruckte Zeilen ausfüllen, damit man mich hier duldet.

Sie schaute sich ratlos um. Hier hab ich damals den Zdeněk Svoboda getroffen. Komisch, alles heisst Svoboda. Sonst hätt' ich mir den Namen nicht gemerkt, wenn ich nicht gerade damals nach Anatol im Telefonbuch gesucht hätte. War überdies ein netter Mensch. Schade. Den hab' ich auch nie wiedergesehen. Vielleicht wär' er manchmal mit mir ausgegangen. Kann ihn ja mal anrufen... Ach was.

Sie beugte sich wieder über ihren Bogen. Jetzt kein Gefackel, Frau, schreib weiter, um eins schliessen sie auf der Polizeidirektion, du musst das Blatt vorher abgeben.

„.... geboren in Prag, zuständig nach Deutschland, musste Deutschland verlassen aus politischen Gründen. Ich betrat das Gebiet der Republik am 12. Oktober 1934 und meldete mich bei der Zentralevidenz für Flüchtlinge aus Deutschland und Oesterreich, Prag II, Smečkagasse 27, wo ich im Verzeichnis als Emigrant geführt werde. Meine Identität beweise ich.....“ Ich kann sie gar nicht beweisen. Den Zettel von der Berliner Parteizelle, durch wie viele Hände ist er gegangen, den Zettel hab' ich gar nicht mehr. Wäre ja auch kein Beweis. Eher eine belastende Aussage, von Unbekannt. Was hatte sie denn im Vorjahr geschrieben? Sie hatte, erinnerte sie sich, ihren Bruder als Referenz und Zeugen angegeben. Er hatte sich sehr geärgert, dass sie sich auf ihn berufen hatte. Aber was nutzte das alles, sie schriebs nun wieder hin.

Weiter. „Ich bin nicht gewillt, hier erwerbstätig zu sein und lebe....“ Wovon lebe ich? Meine Einkünfte sind illegal,

ich darf weder Stunden geben, noch übersetzen, für die „Svoboda“ so wenig wie für ihren Chef.

So schrieb sie „und lebe aus eigenen Mitteln“. Da lacht wer. Gewiss lebe ich aus eigenen Mitteln. Kopf und Herz sind bald schon aufgebraucht.

Was kommt jetzt? „Ich bekenne, dass ich mich hier keiner politischen Tätigkeit widmen und in keiner Weise die Gastfreundschaft dieses Staates missbrauchen werde. Prag, am 6. Oktober 1935.“

Ein Montag war das gewesen. Sie erinnerte sich noch ganz genau daran. Der Montag, nachdem sie mit Anatol den Ausflug nach Štěchowitz gemacht hatte. Wie lang das her war! Das Landesamt hatte noch nicht geantwortet. Ihre Aufenthaltsbewilligung war abgelaufen, eine neue hatte sie noch nicht erlangt. Sie war heimatlos, nirgendwo zu Hause. Nein, man konnte wirklich nicht allein bleiben am Abend in dem fremden Zimmer. „Hübsch hast du's hier!“ hatte Anatol damals gesagt, im August, als er zum ersten Mal gekommen war. Nein, damals hatte er ihr noch Sie gesagt... Jetzt wars fast schon so weit, dass er ihr wieder Sie sagte. Ein rüder Witz fiel ihr ein, von einem Mädchen, das mit einem fremden Mann ins Bett geht, und als er sie nachher fragt: „Wie hat's dir gefallen?“ antwortet sie: „Du kannst schon wieder Sie sagen..“ Schrecklich. Wieso fiel ihr diese niedrige Banalität ein?

Ich werde den Witz für Mehleva aufschreiben, für „Zum Lachen“, dachte sie. Anekdoten werden besser bezahlt. Na, was gibts denn da zum Lachen, möcht' ich wissen. Morgen sag ich unten beim Portier, dass ich ein billigeres Zimmer nehmen will.

Sie ging auf die Strasse. In einem Automatenbuffet ass sie einen grossen Napf Gulaschsuppe und zwei dicke Schwarzbrotscheiben dazu. Zwei Kronen. Das geht. Vom Wenzelsplatz herein drängten magere, blasse Kerle, den Rockkragen hochgeschlagen über dem kragenlosen Hemd, die Mützen in die Stirn gestemmt, und warteten, ob einer der Gäste, die im Stehen hastig ihre Teller leerten, wohl etwas übrig liesse, das sie rasch abessen konnten, ehe die Kellner, am linken Arm einen Eimer, in der rechten Hand eine Stielbürste, die Reste von den Tellern in den Abfall kehrten. Auf den Tafeln, an denen man sich bediente, nachdem man an der Kasse den entsprechenden Scheck gekauft hatte, häuften sich dicke Schinken in Aspik, Ganslebern, gefüllte Tomaten, mit Salat umlegt, ganze Hühner und ein mächtiges Spanferkel, dessen glasig-braune Schwarte die hungrigen Zaungäste am meisten anzog. Auf einem andern Tische gab es Berge von köstlichem Obst, Zuckerzeug, Schlagsahnentorten, und aus nickelglänzenden Maschinen wurde ununterbrochen Kaffee in Tassen herausgedreht. Die Arbeitslosen standen stumm und schauten zu.

Ein neuer Schub Gäste drängte sich durch die Leckerberge, die rechts und links Spalier standen, die vorletzte Kinovorstellung war wohl aus, auf dem Wenzelsplatz zogen Scharen auf und ab und Hanna zog einsam neben den Paaren. Wohin jetzt? Ach, ich werde noch ein Weilchen hier auf und ab bummeln und dann nach Hause gehen. Der Umbruch ist heute sowieso schon vorüber.

Umbruch. Zum ersten Mal kam ihr die Doppelbedeutung des Wortes ins Bewusstsein. Jeden Tag ist Umbruch, jeden Tag zur selben Stunde. Komisch. Es heisst weiter nichts, als die langen mageren Kolonnen blitzblanker Bleizeilen so anordnen, dass Zeitungsseiten daraus werden. Und ausserdem heisst es noch so was wie Revolution, innerer Umsturz. Man glaubt, das kommt nur ein- oder zweimal im Leben vor. Man glaubt, es sei ein Ereignis, das Fugen sprengt, Häuser stürzt, Welten umwirft, das Unterste zu oberst kehrt und das Innerste nach aussen. Aber nein. Umbruch ist jeden Tag. Jeden Tag wird ein bischen, ein ganz klein bischen umbrochen, es ist ja jeden Tag neuer Text da und auch viel Vorratssatz, der nach und nach aufgebraucht wird, man kann ihn schon gar nicht mehr lesen, so viele Male ist er mit Druckerschwärze beschmiert, sind Fahnen von ihm abgezogen, ist er wieder verworfen und auf seinen Warteplatz zurückgestellt worden. Einmal kommt er doch dran. Einmal kommt alles dran. Jeden Tag wird ein klein bischen umbrochen, man spürts gar nicht, es tut gar nicht weh. Es ist ein langsamer, allmählicher, ganz leiser Vorgang.

Und man kann sich nicht losreissen. Jeden Tag geht man, wenns Abend wird, wieder hin in die Setzerei, und dann, nach dem Aufatmen der ersten Seite, der letzten Seite – wieder ein Tag geschafft! Wieder ein Stückchen Leben umgebrochen! – mit Voka und Zeman und Karlíček in Bíleks Zimmer Kaffee trinken.

Ja, gehen wir zu Bílek Kaffee trinken, dachte Hanna erleichtert, plötzlich wusste sie, wo sie hinging, alle ihre Umwege führten immer wieder zur „Svoboda“.

Der Umbruch war wirklich schon vorüber, und alles sass im Zimmer des Nachtredakteurs herum, der Chef, der sie von seinem Stuhl in der Ecke mit kollegialem Zuruf grüsste, ohne aufzustehn, Voka und Zeman, der bildungshungrige Schachredakteur, und Proch, des langvergessenen Rýma Nachfolger. Olly stand in einem grasgrünen Arbeitsmantel, kochte Kaffee und schaute Anatol mit ihren Chinesenaugen dringend ins Gesicht. Und Anatol schaute Olly an mit aufmerksamen, konzentrierten Augen, wie eine Katze, die irgendwohin schaut, wo es geraschelt hat: gleich wird sie aufspringen und den Vogel packen oder die Maus. Schön sind Katzen, sann Hanna. Man weiss nie, was sie im Sinn haben. Anatol ist wie eine schöne Katze. So hat er auch mich angeschaut, am Anfang. Man liest nichts in dem Blick. Nicht einmal Neugierde. Gar keine Rede von Wunsch oder Begehrlichkeit. Ein Aufnahmeblick. Er nimmt auf. Er nimmt den Blick von andern Augen auf. Es ist, als ob man sich selbst im Spiegel in die Augen sähe.

Hanna besann sich auf seine für ihn so charakteristische Art, zuzuhören und auf Fragen zunächst immer zu antworten: „Und Sie? Was meinen Sie?“ Erst in längerem Gespräch äusserte er eigene Ansichten, und äusserte sie dann gleich mit einer stossweisen Aggressivität, als wäre er von vornherein auf Widerstand gefasst. Wie ein jüngstes Kind, das immer Erfahrenere, Gescheitere, Mächtigere um sich gehabt hat, dachte Hanna. Sie hatte es schon gedacht, ehe sie noch erfuhr, dass er tatsächlich der Jüngste von sieben Geschwistern war. Und wie ein Nesthäkchen verstand er es immer so einzurichten, dass man ihm nichts abschlug, dass er zum Schluss ganz leise und zärtlich seinen Willen durchsetzte, und dass die, die ihm den Willen taten, sich auch noch wie Beschenkte vorkamen. Mit Bílek ging das so, mit den Setzern, mit Karlíček, mit allen. Mit ihr war es auch so gegangen. Mit allen Frauen ging es wohl so.

„Němec hat ganz recht, dass er sich wieder zurückzieht von der Präsidentschaftskandidatur“, bemerkte Mandura. „Ein verlorener Posten. Nicht drei Prozent Stimmen hätten die Nationaldemokraten für ihn zusammengebracht. Ein misslungener Erpressungsversuch.“

„Ein ahnungsloser Gelehrter, der Němec“, meinte Zeman. „Er hat sich missbrauchen lassen, und als er merkte, was gespielt wird, schifft er sich wieder aus, ganz anständig, find ich.“

Und Karlíček, der immer den neuesten Tratsch wusste, erzählte, als der vornehme Professor, der ein paar Tage lang Beneš's Gegenkandidat gewesen war, mittags nach Hause gekommen sei, habe das Dienstmädchen ihn weinend empfangen: „Gnädiger Herr, das hätten Sie nicht abschlagen sollen! ein zweites Mal wird man Ihnen nicht den Präsidenten anbieten!“ Alle lachten. Das war so recht tschechisches Volk!

Wie er die Olly anschaut. Wie eine Katze aufs Gebüsch schaut. Ganz ausdruckslos sind seine Augen. Olly ist so hübsch. Anatol ist ein Weiberjäger. Hanna sass bitter und schweigend am Fussende des Sofas, auf das Zeman sich ausgestreckt hatte. Der Diener Jarko brachte die noch feuchte Erste Ausgabe, alle griffen danach. Hanna schlug eine Zeitung auf und verbarg das Gesicht zwischen den Seiten.

Es klopfte, eine fremde Dame trat ein, ohne Hut, im Pelzmantel, Opernglas und weisse Handschuhe in der Hand. Sie war kurz und dick, unter den Augen hingen schwammige Wangen, das Haar war angegraut.

„Aber Mama!“ sagte Olly betreten und stand da, mit Kupferkännchen in der einen und Rührlöffel in der andern Hand. Alle Herren erhoben sich und Olly stellte vor. Svoboda bot der Dame mit eleganter Handbewegung seinen Platz an und blieb neben ihr stehen. Hanna hatte sich hinter ihre Zeitung geduckt und konnte ihn nicht mehr sehen. Olly war sichtlich ertappt. „Ist denn das Theater schon aus?“ fragte sie.

„Ich bin mitten drin weggegangen“, erwiderte die Dame, und man sah, dass ihr rechts und links die Backenzähne fehlten. „Da dachte ich, ich würde dich abholen, es fehlen nur ein paar Minuten an zehn.“

„So hat es Ihnen nicht gefallen, gnädige Frau?“ erkundigte sich Anatol höflich.

„Ach, meine Herren, es war ein recht peinliches Stück. Ich bin gespannt, was die „Svoboda“ morgen über die Premiere schreiben wird. Eine Frau, die gleichzeitig mit zwei Männern lebt, und beide wissen voneinander... ich bin gewiss ein moderner Mensch, aber die Art und Weise, wie diese undelikate Sache da auf der Bühne erörtert wird, nein... man musste gefasst sein, dass die Person sich noch in Gegenwart des Mannes mit dem Liebhaber... ich meine...“

„Wie war denn unsre süsse Lou?“ fragte Viták, der Photograph, während Karlíček dem Schachredakteur etwas ins Ohr flüsterte. „Ich habe sie heute früh auf der Generalprobe aufgenommen.“ Und er zeigte Ollys Mutter das noch feuchte Bild der Hauptdarstellerin auf Seite sechs.

„Ach, die war grossartig – natürlich, das ist doch so eine Rolle für sie, sie soll ja selbst so ein Luder sein. Aber komm, Olly, mach dich fertig, ich sehe, deine Arbeitszeit ist vorüber“, sagte die dicke Dame und schaute sich unbehaglich um. Die Situation, in der sie die Tochter angetroffen hatte, sah nicht sehr nach Dienst aus. Tatsächlich hatte Olly nur bis zehn Uhr im Telefonzimmer zu tun, kam aber nach dem Umbruch meist herüber und blieb dann oft noch länger, wahrscheinlich jedesmal, wenn sie die Mutter ausser Haus wusste. Sie verschwand. Auch Hanna erhob sich. Sie wollte Hut und Mantel holen, um dann im Hausflur auf Anatol zu warten. Sie hatte schon tagelang nicht mehr allein mit ihm sprechen können.

Als sie mit „Gestatten Sie“ an der Dame vorbeiwollte – sie hatte ihren Stuhl aus der Ecke vorgezogen und blockierte den Eingang mit ihrer matronenhaften Bürgerfülle – rief diese überrascht: „Hanna Aschbach! Nein, so was!“

Es stellte sich heraus, dass sie zusammen zur Schule gegangen waren, Hanna und Ollys Mutter.

„Olga! Olga Kučera!“ erinnerte sie Hanna, ihr schwammiges Gesicht war ganz rot vor Freude und Jugenderinnerung. „Natürlich, wir haben uns mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen ... Du bist ja in Deutschland verheiratet, hab ich mir sagen lassen.... Du hast mich nicht erkannt? Ich dich gleich! An der Figur, am Haar, an den Augen... komisch, so schwarze Augen und so helles Haar! Wir sind freilich nicht jünger geworden...“

Und sie erzählte freudig aufgeregt, teils zu Hanna, teils zu den Redakteuren gewendet, von unbeträchtlichen Jungmädchenerlebnissen, an die Hanna sich durchaus nicht erinnern konnte.

„So – und da arbeitest du jetzt also hier? Dass mir die Olly aber auch gar nichts erzählt! So ist die heutige Jugend, nicht wahr? Die Mutter, das ist nichts!“

Olly, in schickem Hut und pelzbesetztem Mantel, war wieder eingetreten und hörte mit spöttischem Gesicht zu.

„Kolossal gescheit ist sie immer gewesen, die Aschbach, Herr Doktor“, vertraute die Dicke Anatol an, während Olly hinter dem Rücken der Mutter ihm dringlich in die Augen starrte. „Aber hat bissel verdreht, eine verdrehte Nudel.“ Sie kicherte fett. „Unbedingt musst du mich besuchen kommen, aber unbedingt“, sagte sie und schüttelte Hanna lange und herzlich die Hand... „Komm, Olly, was puderst du dich, auf der Strasse ist doch dunkel.“

Die Herren verbeugten sich lächelnd, Anatol sagte: „Küss die Hand, Gnädigste... grüss Gott, Fräulein Olly“ und ging, flüchtig Gutenacht ins Zimmer winkend, gleich hinter den beiden Frauen hinaus.

Auch Hanna verschwand. Als sie an Anatols Büro vorüberkam, sah sie, dass es schon dunkel geworden war. Sie war ganz froh. Die Lust, ihn noch zu treffen, ein Stück mit ihm zu gehen, war ihr plötzlich vergangen.

Auf der Strasse holte Karlíček sie ein. Es nutzte nichts, er bestand darauf, sie zu begleiten.

„Also verheiratet bist du, Philka“, sagte er voll Neugierde. „So, so, hört, hört. Und der Herr Gemahl?“ Hanna erwiderte kurz, sie sei seit fünf Jahren geschieden. „Und wie ist mir? Aschbach? Am Ende gar verwandt mit Heini Aschbach? Die Schwester? Na, da hört doch alles auf! Wo ich jede Woche mit ihm zusammenkomme! Ein grosser Flamender vor dem Herrn nämlich, der Herr Bankier, meine liebe Philka! Warum sagt er mir nicht, dass meine geschätzte Kollegin seine Schwester ist?“

„Wir verkehren wenig miteinander“, log Hanna und dachte: es wird ihm wohl peinlich sein, dass seine Schwester Zeilen schindet für seinen Freund Lozák, die Schwester des reichen Bruders. Aber Gott, wer hatte denn heute noch Familiensinn, Karlíček doch sicher nicht, sie selbst nicht, Olly nicht. – Sonderbar, Ollys Mutter ist mit mir zur Schule gegangen, ich könnte eine Tochter wie Olly haben... Sicher hatte das auch Anatol sofort gedacht. Mit bitterer Beschämung, wenn auch ohne klare Logik, schloss Hanna, dass Anatol von nun ab ein unanfechtbares Argument gegen sie in der Hand habe.

15. Kapitel

Es hat sich viel verändert – Ein kurzbefristetes Weihnachtsgeschenk – Nichts Neues im Flüchtlingsheim – „Und stünde die Macht auf gegen die Macht“ – Stehn die Herren vielleicht weiter links? – Unerwartete Wirkung eines Abendkleids – Gesundheit ist das Wichtigste.

Das Jahr ging zu Ende, und es hatte in seinen letzten Wochen noch mancherlei Veränderung gebracht.

Beneš war mit Glanz und Jubel Präsident geworden, die Kommunisten hatten für ihre Gefangenen eine provisorische Amnestie durchgesetzt. Aber sie erwies sich alsbald als Falle: noch im Dezember wurden die Haftentlassenen aufgefordert, sich wieder bei ihren diversen Gefängnisleitungen zu melden, um von dort aus individuell ihren „Fall“ vor ein Revisionsgericht zu bringen. Das hiess neuerlich Gefängnis, für wer weiss wie lange. Viele rückten natürlich nicht wieder ein, sondern verbargen sich in den Grossstädten, keine angenehme Sache bei den vielen Spitzeln, unter denen nicht wenig Parteimitglieder waren.

Auch Jarmilas früherer Freund Ruda war einer von den Illegalen. Er hatte sich in der Haft zum Oppositionellen entwickelt und wohnte geheim bei Jenda, seinem früheren Parteigenossen, Freund und Rivalen um Jarmila, der bei der letzten Spaltung zur Sezession gegangen war und der kleinen Gruppe jetzt ihr Wochenblatt redigierte.

Aber auch Jarmila war dabei: sie hatte Ernst gemacht mit ihrem Entschluss, und hatte wenige Tage nach dem grossen Gespräch mit Hanna der Partei ihr Mitgliedsbuch auf den Tisch geschmissen. Sie gehörte jetzt zur Lysák-Opposition und lebte kümmerlich von photographischen Gelegenheitsarbeiten. Zu einem eigenen Atelier hatte sie es noch nicht gebracht.

Hanna hatte ihrer Aufforderung, mit „hinaus“ zu gehen, nicht folgen können. Die Partei sass ihr wie ein Pfahl im Fleisch, wenngleich sie zur Generallinie sowohl wie zu vielen Einzelheiten der Taktik in schmerzlichem Widerspruch stand. Aber sie konnte sich nicht losreissen. Jetzt, wo in ihrem Privatleben so Vieles quälte und in Unordnung war, auch noch die Partei aufgeben? Ins Leere fallen? Sie verschob die endgültige Klärung und Lösung ihres politischen Problems, unklar hoffend (und fürchtend), es würde sich irgend etwas ergeben, das ihr die Entscheidung abnähme. Ach, dieses Jahr! Es schien, als wollte es gar nicht zu Ende gehen. Dennoch ging es zu Ende, ungerührt durch die Gewissensskrupel und peinlichen Bedenken der einzelnen Person Hanna Last, die sich ihrer wenig achtbaren Einzelheit und Kleinheit immer verquälter bewusst wurde.

Weihnachten kam heran, es kam der 24. Dezember, der vornehme Diener vom Hause Aschbach überbrachte ihr einen riesigen Korb mit Lebensmitteln, aus dem rechts und links ein Flaschenhals herausragte, und die mündlich ausgerichtete Einladung zum Silvesterabend. Die Herrschaften könnten Frau Doktor leider am Heiligabend nicht bei sich sehen, weil... aber Hanna winkte die weiteren Erklärungen ab und entliess den Diener mit zehn Kronen Trinkgeld, was für ihre schmale Kasse entschieden hochmütig war.

Noch ein anderes Geschenk empfing sie, am Nachmittag, als es schon dunkel wurde. Keine Lichtreklame warf einen rötlichen Schein über Couch und Metallfauteuils, sie war in ein Hofzimmer umgezogen, das mit alten Plüschmöbeln ausgestattet war und in der Ecke, hinter einem Vorhang aus verschossenem Rips, ein allzu kleines Waschbecken verbarg; das eigene Badezimmer hatte sie seufzend gestrichen. Es klopfte, und ein Bote vom Landesamt händigte ihr gegen Quittung einen Amtsbrief ein: die Antwort auf ihr Gesuch vom Oktober. Sie lächelte bitter. Nun, immerhin, auch ein Weihnachtsgeschenk.

„Erlass No. 7850/abt.20, vom 22. Dezember 1935. Das Landesamt verlängert Ihnen nach der Bestimmung des Innenministeriums vom 10. Juni 1935 No. 47961/1935 – 5, Paragr. 11, Absatz 2 des Gesetzes vom 29. März 1928 No. 55, Sammlung der Gesetze und Verordnungen mit der Ausnahme nach Paragr. 2 dieses Gesetzes, den Aufenthalt auf dem Gebiet der Tschechoslovakischen Republik ohne Reisepass bis 5. Juni 1936.“

Da sieht mans. Man gibt den Emigranten jetzt nur noch halbjährige Verlängerungen. Noch dazu datieren sie die Erlaubnis von dem Tag ab, wo meine alte Bewilligung abgelaufen war. Na ja, natürlich. Immer kürzer werden die Fristen, immer enger wird der Raum, in dem man noch leben darf. Ein kurzes Weihnachtsgeschenk, reicht nicht bis nächste Weihnachten. Nicht mal bis zum Geburtstag.

Sie erinnerte sich, dass sie sich als Kind und junges Mädchen zu Weihnachten und zum Geburtstag fast nie Gegenstände gewünscht hatte, sondern „Erlaubnisse“: allein spazieren gehen dürfen – eine Freundin einladen dürfen – allein aus dem Theater nach Hause gehen dürfen (die Dienstmädchen, die frierend und demütig vor dem National-Theater oder beim Kandelaber vor dem Konzerthaus, in dem jetzt das Parlament seine von Vokáček so pflichteifrig besuchten Sitzungen abhielt, auf sie hatten warten müssen, und von deren dumpfem Leben sie auf dem Heimweg Vieles erfahren hatte, das sie nachher nicht einschlafen liess – die Dienstmädchen waren der erste, frühe Anlass gewesen für sie, über soziale Fragen nachzudenken), und später: ins Riesengebirge Skilaufen fahren dürfen mit dem alten Doktor und ein paar jungen Leuten – studieren dürfen – im Krieg, zerfetzte Soldaten pflegen dürfen – dürfen, dürfen, dürfen.... von Erlaubnis abhängen. Jene, zur Erfüllung patriotischer Pflicht, war wohl die letzte gewesen, die sie erbeten und erhalten hatte. Von da ab war sie ihre eigenen Wege gegangen. Der Krieg hatte alles durcheinander gebracht, und es war dann nicht mehr die Rede gewesen davon, dass ein „Mädchen aus gutem Hause“ nachts nicht allein vom Theater nach Hause gehen dürfe.

Sie schaute auf das Blatt in ihrer Hand. „Diese Bewilligung enthebt Sie nicht von Ihren im Gesetz vom 28. März 1935, no. 52 der Sammlung der Gesetze und Verordnungen niedergelegten Pflichten“. Was mochten das für Pflichten sein? Im März 1935 war ihr nicht nach Lesen der Gesetze und Verordnungen zumute gewesen. Märzluft hatte sie gespürt, Frühling, das Klappern der Setzmaschinen und das ferne Rauschen der Rotation, und ein unbegreiflich neues Lebensgefühl, als sie damals, nach ihrem ersten Besuch in der „Svoboda“-Druckerei, auf die nächtliche Strasse getreten war. Nein, niemand enthebt einen von keinerlei Pflichten, fühlte Hanna bitter. Alles steht in den Akten, auch wenn mans gar nicht ahnt. Man muss bezahlen, aber erst ganz zuletzt.

Sie faltete das Blatt zusammen und steckte es in das innere Fach ihrer grauen Wildledertasche, die schon ganz speckig und braun geworden war. Man muss so ein Dokument immer bei sich haben. Jede Weile werden jetzt die Deutschen auf der Strasse angehalten und nach dem Ausweis gefragt.

Hanna steckte die beiden Sardinenbüchsen aus des Bruders üppigem Korb in die Manteltaschen und, nach einigem Zögern, auch die eine der beiden dicken Tafeln feiner Schokolade und machte sich auf ins Flüchtlingsheim, um mit den Genossen Weihnachtsabend zu feiern. Sie war in den letzten Tagen tüchtig herumgelaufen und hatte Geld und Lebensmittel auch bei den entferntesten Bekannten zusammengebettelt, sogar Ollys Mutter hatte sie, widerstrebend, besucht und sie dazu vermocht, zehn Weihnachtsstrietzel zu stiften.

Die Tische im Esssaal waren mit weissem Papier bedeckt und neben den Kaffeetöpfen lagen Tannenreiser. In der Mitte brannte ein Weihnachtsbaum. Warum nicht? In der Sowjet-Union waren dies Jahr zum ersten Mal wieder Weihnachtsbäume zugelassen worden. Man durfte sich nicht wundern, dass auch die kleine, abgesprengte Gruppe von vierundsiebzig Mann, die hier in der Emigration die einst so mächtige Kommunistische Partei Deutschlands repräsentierte, desgleichen tat. Wie der Herr, so der Knecht, dachte Hanna wehmütig.

Die Strietze und anderen Lebensmittel, die von verschiedenen Leuten gesammelt worden waren, wurden ausgepackt und verteilt. Hanna legte den Inhalt ihrer Manteltaschen ungesehen zu dem nicht allzu grossen Haufen der Gaben, der für die Kinder auf einem Extratisch aufgeschichtet war. Aus ihrem Täschchen zog sie ein paar flache Kuverts mit buntem Aufdruck, erklärte den Kindern, wie hier aus unscheinbaren Fädchen schöne Blumen entstünden, und die Kleinen holten gleich ein Glas Wasser herbei und liessen mit Händen, die gleichsam alles wagten, die winzigen Schnipsel Zeug in das Glas gleiten. Unter dem gespannten Blick früh wissend gewordener Kinderaugen entfaltete sich das japanische Spielzeug binnen weniger Minuten zu steifen, unnatürlich gefärbten Phantasieblumen, die herumschwammen wie Fische, aber in fremdem Element. Auch ein paar von den Erwachsenen hatten sich dazugestellt und beguckten das Wunder. Nur Kurt meinte missbilligend, man solle die japanische Industrie boykottieren, denn sie zahle Hungerlöhne und sei der Erzfeind der Sowjet-Union.

Ein paar Frauen verschwanden in der Küche mit grossen Paketen und brachten alsbald Blechkannen mit heissem Wasserkakao herein. Alles machte sich ans Essen und Trinken, es wurde warm in dem nur mässig geheizten Raum. Dann sangen die Kinder Weihnachtslieder mit unterlegtem kommunistischen Text, ein Genosse las Gedichte von Tucholsky und Oskar Kanehl vor, vielleicht ein schlechtes Omen, dachte Hanna, beide Dichter – sie hatte sie beide persönlich gekannt – hatten sich das Leben genommen, aus Verzweiflung. Und dann liess man die Sowjet-Union hochleben und das zukünftige Sowjet-Deutschland und den Genossen Thälmann und den Genossen Stalin.

Hanna war bedrückt von der engen Kleinbürgerlichkeit der Feier. Diese Menschen hatten sich eingerichtet auf ihrer Emigrationsklippe, wie gestrandete Schiffbrüchige auf einer Robinson-Insel. Das Flüchtlingsheim hätte ebensogut auf dem Mond liegen können. Man erzählte die Geschichte vom Dynamitkoffer, vom wiedererstatteten Reisepass, und sie fanden dasselbe Interesse und denselben lachenden Beifall, wie vor mehr als einem Jahr, als Hanna sie erstmalig hatte erzählen hören. Alles war noch wie damals. Nur magerer waren fast alle geworden, die Kinder waren gewachsen, die Kleider waren abgetragen. In der Welt war Umbruch über Umbruch passiert – hier hatte sich nichts geändert. Fossile der Arbeiterbewegung, lebte das Grüppchen ein geisterhaftes Leben nach dem Tode.

Ja, Hanna war richtig niedergeschlagen. In Deutschland waren diese Feiern so schön gewesen. Waren sie wirklich? Oder hatte man auch damals schon die steifen, unglaubwürdig kolorierten Blumen der Illusion im Glase hochgezogen, während draussen das Leben wuchs, faulte, wieder wuchs? Waren das jemals revolutionäre Feiern gewesen? Sie erinnerte sich an eine Jugendweihe, zu der sie den Vorbereitungsunterricht geleitet hatte, eine Feier, veranstaltet von den Proletarischen Freidenkern: wie da die Jungens in den ersten langen Hosen, mit steifem Kragen angetreten waren und die Mädchen mit weissgestärkten Mullkleidern, die Haare mit Zuckerwasser gekräuselt, und der Ortsgruppenleiter hatte eine weihevolle Ansprache gehalten, voller „Pflicht“ und „Ernst des Lebens“ und „Immer die Wahrheit sagen“, ganz wie bei einer richtigen Konfirmation, nur dass die Kinder statt eines Gesangbuches ein Buch mit dem Titel „Proletarische Feierstunden“ zum Geschenk erhalten hatten. ... Die künftigen Klassenkämpfer! Das musste um 1930 gewesen sein, als noch Kommunisten und Sozialdemokraten in einer gemeinsamen Organisation den lieben Gott bekämpft – ach, nur verspottet hatten...

Wie fremd waren all diese Leute! Nein, keiner, der in der Wüste geboren ist, wird ins Gelobte Land gelangen.

Wäre wenigstens Luise hier gewesen. Aber Luise gehörte nicht mehr dazu. Ganz schlicht und ohne Kommentar hatte sie der Partei den Rücken gekehrt. Sie hatte bei einer Sitzung der reichsdeutschen Ortsgruppe im Heim dem Vorsitzenden Peter mitgeteilt, dass sie „diesen Quatsch nicht mehr mitmache“ und war geradewegs zu den Trotzkisten übergegangen. Denn nicht wahr, sagte sie arglos zu Hanna, als sie ihr davon berichtete, irgendwo muss man doch sein, nicht wahr?

Ihre Beziehung zu Kurt, mochte es nun Freundschaft oder Liebe gewesen sein, war damit automatisch aus. Ein Kommunist darf mit Fremdgängern keine Beziehungen unterhalten, das war aus dem indiskreten Fragebogen im Sommer ja schon deutlich drohend hervorgegangen, und Kurt war nach wie vor ein gläubiger und standhafter Kommunist und brachte nach wie vor einmal oder auch zweimal im Monat mit grösster Lebensgefahr illegale Literatur nach Deutschland hinüber: unschuldige Reklamhefte, auf deren Titel die Namen Goethe und Schiller prangten. Schlug man sie aber auf, so las man etwa:

„Und es versetzte darauf die kluge, verständige Hausfrau:
Vater, nicht gerne verschenk' ich die abgetragene Leinwand,
Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben,
Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne
Manches bessere Stück an Ueberzügen und Hemden,
Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn.“

Und blätterte man die letzte Seite auf, so stand da:

„Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,
Der vermehret das Uebel und breitet es weiter.
Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich...
Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf
Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens....“

Wie schön! Wie wahr! dachte Hanna. „In schwankender Zeit schwankend gesinnt“... Aber blätterte man in der Mitte herum, so fand man, in winzigstem Druck zwischen die epischen Seiten verstreut, Teile der Dimitroffrede...

Ach, was für Zeug bringen sie da nach Deutschland, die Jungen mit den unwissenden, überzeugten Gesichtern, als ob die Dimitroffrede geeignet wäre, das „Aufstehn der Macht gegen die Macht“ zu befördern, als ob sie nicht vielmehr die Ohnmacht der ohnedies Ohnmächtigen noch vertiefte! Jetzt sollen ja, erzählt Willi gerade unter dem Weihnachtsbaum, – er geht auch ab und zu nach Deutschland und muss es wissen – die deutschen Kommunisten den Nazis sogar Brüderschaft angeboten haben „gegen die Verfälscher des ursprünglichen nationalsozialistischen Programms“... Nein, das hatte die einfache, wackere Luise nicht mehr mitgemacht, sie war ausgeschieden und hatte mit der Parteizugehörigkeit selbstverständlich auch den beharrenden Freund hinter sich gelassen.

Als Hanna ging, streckte ihr eine grosse, weissblonde Frau die Hand hin: „Komm mich doch mal besuchen, Genossin Hanna, in Dejvice wohnen wir“, und kritzelte etwas auf ein Papier. Ja, sie würde die sympathische Aerztin einmal besuchen, wenn sie am Donnerstag von Heini kam, da war sie in der Nähe.

Das nächste Mal, als sie zum Bruder ging, war freilich nicht der Moment dazu, diese Absicht auszuführen. Es war schon dunkel, als sie eintraf, auf neun Uhr war sie eingeladen zur Silvesterfeier. Sie kam in ihrem besten Kleid, dem lustig geblümten Kleid, das sie sich im Sommer gekauft hatte, in der hohen Zeit ihrer Liebe. Und jetzt wars Winter und das Jahr war aus.

Sie war die erste der Gäste und das, sagte Rosita, war gut, denn so könne sie sich schnell noch umkleiden. „Damit du nicht so abstichst!“ sagte sie roh und in freundlichem Tone. Ehe Hanna recht verstehen konnte, hatte sie sie zu einem Schrank mit zwei Dutzend Abendtoiletten geführt, sie wollte ihr eine borgen, Hanna war eben so lang und schlank wie die schöne Schwägerin, nur eckiger, nicht so orientalisch weich. Hanna wollte nicht, es stiegen ihr sogar zornige Tränen in die Augen... wenn ich euch nicht nobel genug bin, geh ich lieber... aber wenigstens anprobieren, Hanna, schau mal, dieses hier, das dunkelbraune, es ist doch so einfach, ganz dein Stil.

Vor dem Spiegel sah Hanna ihren Kopf über dem dunklen Samt, der vorn bis zum Halse aufstieg, das schmale, ärmellose Leibchen und unterm Gürtel einen weiten, fliessenden Rock, der die Taille ganz dünn erscheinen liess. Ueber die Schultern zogen sich zwei goldene Bänder kreuzweis über den Rücken, der bis zur Mitte nackt war.

„Kleider machen Leute“, sagte Heinrich Aschbach erstaunt. „Was du für eine fesche Person bist, wenn man dich anständig anzieht!“ Und Rosita war so ehrlich begeistert, dass sie Hanna das Kleid schenken wollte, aber das lehnte Hanna ab, und war auch nicht zu bewegen, die riesige, lachsrosa Seidenblume anzustecken, die Rosita herbeibrachte.

Sie war selbst überrascht über ihr Spiegelbild. Die weisse, jugendliche Haut des Gesichts und der Arme lag bleich gegen das warme Braun des edlen Stoffes geschmiegt, die Augen brannten dunkel unter den langen Wimpern, und die müden Ringe darunter, von vielen schlaflosen Nächten in letzter Zeit, warfen interessante Schatten auf die ungepuderten Wangen. Wie man sich bewegte in dem langen Rock, wie in einer Glocke! Die reichen Leute verstehens schon, sich ein gutes Lebensgefühl zu verschaffen; in so einem Kleid kann man gar kein schlechtes Gewissen haben. Nur ganz von fern dachte sie an die bleichsüchtigen Näherinnen, die nicht gewerkschaftlich organisiert sein dürfen, wenn ein feiner Salon sie aufnehmen soll, und die jetzt in der Weihnachtszeit sicher bis in die Nacht hinein hatten Ueberstunden machen müssen... Dann erfasste sie das Wohlgefühl einer gutaussehenden Frau, die passend angezogen ist, und es kam ihr der absurde Wunsch, Anatol möchte mit unter den Eingeladenen des Bruders sein.

Das traf nun freilich nicht ein, aber zu ihrer Verwunderung sah sie unter den Gästen, die allmählich die grosse Halle und die beiden Salons zu füllen begonnen hatten, auch Karlíček Lozák. Er begrüsste sie: „Donnerwetter, Philka! Du siehst aber nobel aus!“ und stellte ihr seine zarte, blonde Frau vor.

Hanna hatte seit mehr als einem Jahr ausschliesslich mit tschechischen Journalisten und reichsdeutschen Flüchtlingen verkehrt. Leute, wie sie sie heut im Haus des Bruders traf – Grosskaufleute, Finanzmänner, Industrielle – waren übrigens auch in ihrem Kreis in Halle nicht vorgekommen. Sie musste sich, als sie mit dem einen oder andern sprach, als sie die Gespräche der Männer untereinander anhörte, gestehen, dass sie bisher mit einer Vorstellung von „Kapitalisten“ herumgegangen war, die aus ihrem Bruder und Bildern von George Grosz zusammengebraut schien. Das hier waren Männer des praktischen Lebens, die tief und gewitzt hinter die Kulissen zu schauen verstanden.

Fast ausnahmslos redeten sie vom Untergang des Kapitalismus mit skeptischer Selbstverständlichkeit, schienen darauf gefasst, ja, von vornherein damit einverstanden, dass sie ihre luxuriösen Privatbüros in nicht zu ferner Zeit mit dem schmucklosen Schreibtisch eines Funktionärs des Staatstrusts X zu vertauschen haben würden, und wenig lag ihnen anscheinend daran, ob dieser Staatstrust seine praktisch-technokratischen Funktionen unter dem Hakenkreuz oder dem Sowjetstern ausüben würde. Waren sie doch überzeugt davon, dass man ihre an leitenden Stellen der Wirtschaft erworbene Erfahrung in jedwedem Regime mit hohen Gehältern würde bezahlen müssen. Dann hätte man, meinte einer, wenigstens die ewigen Scherereien mit den Arbeitern vom Hals. Zwischen diesen nüchternen Rechnern der Weltgeschichte nahm sich ein enthusiastischer Verteidiger des alten Liberalismus wie ein Museumsstück aus und musste sich von seinen Freunden mit mitleidiger Ueberlegenheit abkanzeln lassen.

Waren solche Leute am Ende weiter vorn – sie wagte nicht, „weiter links“ zu denken – als ihre Genossen? Als die deutschen Genossen in der Emigration, die in der Vor-Hitler-Zeit stehen geblieben waren, die aus Geldmangel kaum die Zeitung lesen konnten... und auch als die militanten Genossen der tschechischen Partei, die vor lauter Linienschwenkungen den gewundenen, schwierig zu überschauenden Weg der Wirklichkeit nicht fanden? Sie wehrte diese Schlussfolgerung schnell ab. All diese Herren, für sie wars doch nicht ernst. Sie waren nicht bereit, zu bezahlen. Weder mit dem Glück, noch mit dem Leben, schon gar nicht mit dem Portemonnaie... Was wussten sie von der Welt, in der wirklich bezahlt wurde, täglich, stündlich, sie, die nur einkassierten.

Immerhin, sie wussten, wohin die Reise ging, das war schon etwas. Als man sich zu Tisch setzte, fand Hanna sich neben dem Grossindustriellen aus Ostrau, der sie seinerzeit mit seiner Russlandbegeisterung so verwirrt hatte. Er erkannte sie zunächst nicht wieder, wurde aber dann sehr lebhaft und fesselte sie mit Mitteilungen aus der Statistik, die sie in solchem Zusammenhang noch nicht betrachtet hatte: Wie auf allen Gebieten die Organisation und die Verwaltung und der Vertrieb immer mehr die eigentliche Produktion zu beherrschen begann, so dass Marx, lebte er heute, vielleicht einige Veränderungen an seiner ökonomischen Lehre anzubringen haben würde... Ja, natürlich habe er Marx gelesen, ohne das könne man doch nicht... Aber Hanna hörte von schrägüber, wo Lozák sich über eine grünschillernde rotblonde Frau zu seinem Nachbar beugte, das Wort „Svoboda“ und wandte sich von ihrem Tischherrn weg. Nein, er sprach von der Zeitung. „Was wir da quatschen“, sagte er, „das ist so für die Mitteldummen“. Sie lachte über den zynischen Ton – Karlíček... gleich war die Atmosphäre der Redaktion um sie. „Sie, meine Herren“, setzte er fort und nahm sich noch einmal vom Truthahn mit Kastanienfülle, „Sie wissen ja, dass das Wichtigste nicht vorn im Leitartikel steht...“

Der Ostrauer fragte sie, ob man in Deutschland auch so gut zu essen verstünde, und reichte ihr die Silberschale mit Preisselbeeren.

„Ein feiner, gebildeter Mensch“, antwortete Lozák, wohl auf eine Frage seiner Nachbarin. „Musik und Weiber gehn ihm über alles, in beiden hat er sehr guten Geschmack, bischen ausgefallen, wenn Sie wollen... Von Politik versteht er nichts. Braucht ein Chefredakteur ja auch nicht. Er muss repräsentieren, wie der englische König. Das andere machen wir schon..“

Hanna konnte sich dies unerwartete Urteil über ihren Geliebten nicht in Ruhe zurechtlegen, ihr Nachbar von rechts, ein Abgeordneter der katholischen Volkspartei, fragte sie nach den letzten Volksabstimmungen in Deutschland und bekannte sich als glühender Hitlerhasser. Sie musste ihm geduldig Rede stehen, das Essen dauerte endlos lang, der Kopf drehte sich ihr schon von den vielerlei Weinen, und die Cocktails vorher, sie wars nicht gewöhnt. Anatol, Anatol – Musik und Weiber, und von Politik versteht er nichts, nun, was weiter, sie selbst, hätte sie es über sich gebracht, ihn einem Fremden zu schildern, hätte kaum eine bessere Definition abgeben können. Einen bischen ausgefallenen Geschmack hat er, nun ja, er hat sich ja auch in sie verliebt. Was würde er sagen, wenn er sie heute sehen könnte? Wo verbrachte er wohl den Silvesterabend? Und wieso war eigentlich Karlíček hier, morgen früh erschien doch die Neujahrsnummer, war da kein Umbruch gewesen, heute, wo ein Jahr umgebrochen wurde?

„Aschbach, entschuldige mich bei der Gnädigen“, sagte Karlíček, man stand eben vom Tisch auf und ging zum schwarzen Kaffee in der Halle, „aber ich muss auf eine Stunde ins Blatt. Silvester ohne Setzerei, das halt ich nicht aus. Ich lasse meine Alte einstweilen hier und komm dann wieder, ja?“

Als er sich schon zur Tür wandte, kehrte er nochmals um und forderte Hanna auf, mitzukommen. „Deine Frau Schwester ist nämlich meine Kollegin, falls du es noch nicht wissen solltest“, sagte er anzüglich zu Heini. „Sie muss unbedingt mit unsern Leuten auf 1936 anstossen, komm mit, Philka!“ Und ehe es Hanna noch recht erfasste, hängte er sich in sie ein, nahm im Vorraum irgend einen prächtigen Pelzmantel vom Haken, warf ihn ihr um und führte sie hinaus zu seinem Auto.

Im Zimmer des Nachtredakteurs sassen heut nur die Junggesellen und die, deren Familien noch nicht von der Weihnachtsreise ins Riesengebirge oder nach Wien zurückwaren. Bílek hatte Wein bestellt und alle hatten schon tüchtig getrunken, es herrschte Schlaraffenstimmung, wie es schien. Als Hanna eintrat und der Feemantel ihr von den nackten Schultern glitt, riefen alle „Ah!“ Sie versuchte, es ins Lächerliche zu ziehen.

„Ich hab mich als Dame verkleidet!“ sagte sie verlegen.

„Aber Sie sind eine Dame!“ antwortete Anatol und betonte das „sind“.

Gerade fingen die Glocken an zu läuten und es gab allgemeines Händeschütteln und Prosit Neujahr! Anatol küsste Hanna die Hand. „Alles Gute, Frau Hanna! Vor allem Gesundheit!“

„Das ist nicht das Wichtigste“, murmelte sie, widerspenstig und doch schon nachgebend. Er war ihr mit dem Zeigefinger leicht über das Handinnere gefahren.

„Doch, das ist das Wichtigste!“ wiederholte er und schaute ihr fragend in die Augen, die nach dem vielen Alkohol fieberisch glänzten.

Dann gingen sie alle in die Setzerei. Zeman trug die Weinflaschen, man wollte mit den Setzern anstossen. Um Mitternacht war nur noch die Nachtschicht da, der Faktor Slavík hielt eine Ansprache, alle stiessen an, Händeschütteln und Prosit Neujahr – Prosit Neujahr, Herr Doktor, Prosit Neujahr, Fräulein, hier war sie ja das Fräulein, nur in Bíleks Café war durch Ollys Mutter indiskreterweise ihr Familienstand bekannt geworden. Genosse Liftschitz sagte nichts, er stand unter dem Leninbild und Hanna fühlte seinen verwunderten Blick auf ihrem nackten Rücken.

„Also gehen wir, Philka“, drängte Karlíček. „Wir sind nämlich zusammen bei sehr feinen Leuten eingeladen“, erklärte er spöttisch. Hanna ärgerte sich plötzlich.

„Ich gehe nicht mehr mit zurück“, teilte sie ihm kurz entschlossen mit. „Ich gehe nach Hause. Sagen Sie, bitte, Rosita, dass ich ihr das Kleid morgen zurückbringen werde. Es ist nämlich nur ausgeborgt,“ wendete sie sich entschuldigend an die Arbeiter.

Karlíček zuckte die Achseln und verschwand.

„Ich bringe Sie heim, wenn Sie gestatten“, sagte Anatol. „Wir wohnen ja in derselben Gegend.“

„O Gott, der Pelzmantel gehört ja auch nicht mir!“ rief Hanna erschrocken, „da muss ich doch noch mal zu meinem.. da muss ich doch noch mal in die Gesellschaft...“

Aber Karlíček war schon aus dem Haus.

„Wenn Sie wollen, schicke ich Jarko hin, Ihren Mantel holen“, schlug Anatol vor. „Heute ist ja sowieso nichts mit dem Korrespondenzbüro.“ Aber Hanna wollte den Diener in der Silvesternacht nicht mit Kommissionen belasten. Sie telefonierte Rosita an, entschuldigte sich wegen des Mantels, bat, man möge ihn in einer Stunde beim Portier ihrer Pension abholen lassen, damit die Eigentümerin ihn nicht am Ende noch gestohlen glaube und verabschiedete sich von den Kollegen.

Auf der Strasse hängte sich Anatol in sie ein.

„Wie gut du aussiehst, Hanna“, sagte er verträumt und drückte ihren Arm. Sie machte sich los. Eben noch hatte sie sich gewünscht, den Abend mit ihm zu Ende zu verleben, aber es war ihr mit einem Mal peinlich, dass er mit ihr umging, als gehöre sie ihm, als gäbe es da kein Widerstreben.

„Nein; man kann doch so viele Bekannte treffen“, murmelte sie und wich mit einer Schulterwendung aus, als er wiederum nach ihrem Arm griff. Der Arm war nackt und kühl unter dem ärmellosen Pelzcape.

Es war ihr überhaupt kriegerisch zumute, wie so oft in der letzten Zeit. Ihren anfänglichen Grundsatz: Nichts verlangen und nichts abschlagen! hatte sie völlig über Bord geworfen. Sie quälte Anatol mit Anliegen, die Sonntage mit ihr zu verbringen, nach dem Umbruch mit ihr auszugehen, sie in Konzerte zu führen. Sie machte ihm Vorwürfe, dass er es mit andern Frauen hielt, und kam immer wieder darauf zurück, obzwar er ihr jedesmal schwor, dass das „kindische Einbildungen“ seien. Neulich hatte sie ihn in einer Debatte bös angeherrscht: „Wer in deinem Alter den Marxismus noch nicht begriffen hat, ist ein hoffnungsloser Fall!“ Und er hatte geschwiegen und nur die Augen feindselig zusammengekniffen. Und mitten in einer Umarmung hatte sie ihn gefragt: „Glaubst du, dass deine Freundin jetzt auch mit einem fremden Mann schläft?“ Er hatte sich sofort weggewendet und sie nicht einmal mehr geküsst. „Hör endlich auf mit diesen hysterischen Sachen!“ hatte er geschrien, er, der sonst immer so höflich und korrekt war. Ja, sie hatte ihn kränken wollen. Litt sie denn nicht auch?.. Aber dann, beim Gehen, hatte er noch leise gesagt: „Ich muss dich schon wirklich sehr gern haben, sonst würde ich mich nicht so von dir quälen lassen...“ Sie hatte es ungläubig vernommen. Einen Augenblick war sie selig gewesen, hatte wieder das alte, verlorene Gefühl von Demut und Hingegebenheit verspürt, aber schon das nächste Mal, wenn er ihr einen Spaziergang abschlug, wenn er mit Berufung auf die Redaktionspflicht pünktlich und stets zu früh von ihr wegging, hatte der Hader wieder begonnen. Und jede spitzige Bemerkung, jedes trotzige und ach, immer fruchtlose Drängen bezahlte sie mit langen Stunden voll Bitternis und Verzweiflung.

Sie waren in eine stille Strasse eingebogen und plötzlich riss Anatol sie an sich, dass der lose Mantel ihr halb von der nackten Schulter glitt.

„Hanna, du bist heute so schön“, stammelte er an ihrem Mund. Sie stiess ihn fort. Es widerte sie an, dass sein Begehren an Rositas braunem Samtkleid geweckt wurde, Rositas Parfüm duftete noch darin, und ein anderer Geruch, der einer anderen, fremden Frau, lag zwischen den glatten Haaren des grauen Fells.

„Komm mit in meine Wohnung“, flüsterte er heiss. „Meine Schwester ist verreist... Ich muss dich heute haben!“

In seine Wohnung... seit Monaten hatte sie sich danach gesehnt. Aber nein! Sie wollte nicht Instrument eines billigen Kitzels sein, der von einem ausgeborgten Abendkleid erregt war. Das sagte sie ihm in beleidigenden Worten.

„Wie du bist, Hanna“, meinte ernüchtert der Mann. Er schien ehrlich verwirrt. „Hast du nicht selbst oft...?“

„Ja, gewiss. Kannst mir vorwerfen, dass ich hysterisch bin. Dass ich mich dir angeschmissen habe. Hast recht. Alles kannst du mir sagen. Aber du kannst mich nicht zwingen, dass ich mich wie ein Mädel von der Gasse mitnehmen lasse, weil du Wein getrunken hast, weil Silvester ist, weil du grad Lust auf eine Frau hast...“

Er war ganz bestürzt über diesen ihm unverständlichen Ausbruch von Galle.

„Nun, wie du willst“, begütigte er und versuchte, mit ihr Schritt zu halten, sie rannte geradezu. „Ich will gewiss nicht zudringlich sein.“

Womit er mir sagen will, dass ich zudringlich bin, hörte Hanna bitter heraus. Vor ihrem Haus verabschiedete er sich kurz.

„Also, dann nochmals alles Gute für 1936, liebe Freundin!“ sagte er mit freundlicher, etwas bebender Stimme.

„Vor allem Gesundheit!“ höhnte sie.

„Gewiss! Das ist ja das Wichtigste!“ bestätigte er ernsthaft.

Sie gab den Pelzmantel beim Portier ab; noch während sie ihm die Sache erklärte, kam Aschbachs Chauffeur, der ihn holen wollte. Hanna gab jedem der beiden Männer zehn Kronen und sie wünschten ihr mit vielem Dank ein glückliches neues Jahr.

Als sie die Treppe hinaufstieg, fühlte sie sich mit einem Mal sehr elend.

Es fiel ihr ein, dass sie schon seit vielen Wochen nicht unwohl geworden war. Gesundheit ist das Wichtigste, flüsterte sie voll plötzlicher Angst, während sie die goldenen Träger von ihrem nackten Rücken löste.

Von der Strasse herauf schallte das Johlen der Neujahrsnacht.

16. Kapitel

Prag liegt im Kessel – Man darf sich nicht hineinmischen – Irrfahrten des braven Soldaten Švejk – Ein Besuch aus Deutschland – Ameisen der Revolution – Eine niederschmetternde Auskunft.

Den grauen Sweater bis zum Hals zugeknöpft, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen vergraben, ging Hanna auf der Belvedere-Anhöhe spazieren.

Es war Wochentag, wenig Menschen gingen hier. Bitter kalt. Elf Uhr Vormittag, aber die Sonne war noch nicht herausgekommen. Wie selten hier die Sonne scheint. Prag ist eine graue Stadt.

Hanna dachte an Halle. Das war eine sonnige Stadt gewesen! Aber sie traute ihren Erinnerungsbildern nicht mehr. Vieles, was ihr jetzt so schön und klar schien, war nur durch das sehnsüchtige Gedenken seiner Schatten entkleidet worden, ahnte sie. Wer, wie Hanna Last, voll Misstrauen und Verlangen lebt, hat viele Schatten in der Erinnerung, die Sonne kommt selten hervor.

Jetzt kam sie hervor. Die goldenen Spitzen der zahllosen Kirchtürme unten in der Stadt blitzten bestrahlt durch das Grau herauf. Hanna setzte sich auf eine Bank und betrachtete die Stadt, die tief im Kessel lag. Ein paar Fliegerbomben könnten Prag in einer Stunde zerstören, dachte sie angstvoll, als höre sie schon die deutschen Propeller über sich surren. Ringsum in der Welt war alles Angst. Nein, keine Macht stand auf wider die Macht, alles hielt sich zurück, wartete. Man konnte nicht zucken und schon passierte was. Alle Spontaneität des Handelns war in Kalküls erstickt. Nicht auch in der Partei? Freilich auch in der Partei. Nein, niemand wehrte sich. Niemand würde sich wehren. Wie kann man sich wehren, wenn sich ein Berg auf einen herunterwälzt und man sitzt im Kessel?

Ein Strassenhändler, jung noch, in lächerlich dünner Kleidung, jetzt im Januar, trat an sie heran, zog aus dem Umhängekasten Sicherheitsnadeln, Bleistifte, Schuhbänder... Nein, Hanna konnte nichts dergleichen brauchen, aber sie gab ihm fünfzig Heller, er sah gar so arm und bedürftig aus. Als der Bursch sich schon mit vielem Dank zum Gehen wandte, tauchte aus dem Nichts ein Polizist auf, fasste ihn hart an der Schulter: „Sie haben gebettelt!“ Der Junge widersprach hastig und ängstlich. „Doch, du hast gebettelt, ich hab dich von dort beobachtet...“, er zeigte unbestimmt hinter sich. Hanna stand auf: „Er hat mit Schuhbänder verkauft...“ – „Und wo haben Sie die Schuhbänder?“ herrschte der Wachmann sie an und schüttelte die Schulter des Jungen im dünnen, abgewetzten Rock.

„Er hat sie mir geben wollen, ich hab sie ihm zurückgegeben, von selbst, ich wollte sie nicht... Lassen Sie ihn los!“ schrie sie. Der Bursch hatte das Gespräch benutzen wollen, um auszureissen, aber der Polizist hatte ihm ein Bein gestellt, so dass er hinfiel; jetzt riss er ihn roh an der Brust hoch. Der armselige Inhalt des Tragkastens lag über dem gefrorenen Boden verstreut.

„Marsch jetzt, los!“ sagte der Wachmann barsch und stiess den Jungen neben sich her. „Und Sie“ – er drehte sich grob nach Hanna um – „mischen Sie sich nicht hinein! Sonst nehm' ich Sie gleich mit aufs Kommissariat!“

Das Wort Kommissariat genügte, um in Hanna jede edelmütige Regung zu ersticken. Zitternd setzte sie sich wieder auf ihre Bank. In Deutschland – da hätte sie anders gehandelt. Wäre mit auf die Polizei gegangen, hätte den Jungen herausgehauen, mein Mann ist Stadtverordneter, ich bringe es in die Zeitung, Sie werden strafversetzt, Sie Menschenschinder...

Sie hatte oft dergleichen getan in Deutschland und wirklich einmal eine Nacht auf der Polizeiwache verbracht und dann hundert Mark zahlen müssen wegen Beamtenbeleidigung. Aber in Prag? „Ich verspreche, dass ich mich nicht in die inneren Angelegenheiten des Gastlandes mischen werde“ – es konnte die Ausweisung bedeuten. Nein, man darf sich in nichts mischen, man muss ängstlich alles vermeiden, was Kopf und Herz verlangen, man muss leben, wie ein Toter. Emigranten müssen sich ruhig verhalten. Das ist vielleicht das Bitterste.

Drei Männer kamen vorüber, einer blieb stehen. „Hanna!“ es war Otto, der Hamburger, der wortkarge, gemütliche. Sie kannte ihn gut. Er war vor ein paar Wochen mit ein paar Genossen ausgewiesen und an die oesterreichische Grenze abgeschoben worden.

„Wieso bist du...?“ fragte sie aufgeregt, hielt aber im Satz inne. Sie wusste nicht, wer die beiden andern waren. „Ein guter Freund“, teilte Otto gleichmütig mit und wies auf den einen seiner Begleiter, der wie ein tschechischer Arbeiter aussah. „Bei dem wohn' ich jetzt. Und das hier“ – er zeigte auf den Jungen, mit den Knickerbockern – „ist ein Genosse, der aus Deutschland zu Besuch ist.“

Ja, also Otto war wieder hier, er hatte sich nicht ausweisen lassen. Wohin sollte er denn? In Oesterreich konnte man nicht bleiben. In der Schweiz auch nicht. Nach Paris, na schön, aber wie, ohne Papiere, ohne Geld? Also kehren die meisten Ausgewiesenen an der Grenze wieder um und kommen heimlich zurück. In Prag kann man sich verbergen, wenigstens eine Zeit lang; wenns nicht länger klappt, geh ich in die Böhmischen Wälder, lachte Otto. Aber erst, wenns wärmer wird. Sie marschierten alle vier um die mit Reisig bedeckten Beete, rundherum, auf und ab.

„Der Schutzmann fährt mit bis Gmünd“, berichtete Otto. „Unserer war ein sehr netter Kerl, Sozialdemokrat. Gott, was sollen die Leute machen, er war ein Lehrerssohn vom Land, ging halt zur Polizei, das ist so eine Versorgung. Mit siebenhundert Kronen im Monat, ist doch selbst ein armer Hund.“

Arme Hunde beissen arme Hunde, dachte Hanna traurig und sah den Burschen von vorhin, wie der Wachmann ihn brutal auf die Erde schmiss.

„Also an der letzten tschechischen Station steigen wir aus, gehen durch die Stadt. Ganz hübsch ist Gmünd. Alles spricht deutsch. Ist ja doch angenehm, wieder mal rund um sich deutsch sprechen zu hören. Nichts für ungut, Genosse“, wendet er sich an den Arbeiter, der in gebrochenem Deutsch gutmütig scherzt: „Deutsche – alles Nationalisten!“ Dabei entblösst er ein schwärzliches Gebiss.

Kurz und gut, der Polizist hatte die vier Ausgewiesenen durch das Städtchen begleitet, auf die Landstrasse, die nach Oesterreich führt, und ihnen bedeutet, nach etwa zweihundert Metern auf einen Fusspfad in den Wald abzubiegen, um die Grenzposten zu vermeiden, nach einer weiteren Viertelstunde wären sie dann drüben.

„Wenn aber einer von euch zurückwill“, hatte er gesagt, „dann bleibt lieber hier im Wald, bis es dunkel wird, und fahrt mit dem Zug um neun Uhr zehn. Ich kann leider nicht auf euch warten, muss gleich wieder retour. Adieu und alles Gute!“

Natürlich waren sie neun Uhr zehn wieder in Gmünd, Richtung Prag eingestiegen. Und der Schaffner, derselbe, der im Morgenzug mitgefahren war, hatte sie auch wiedererkannt. Aber er hatte sofort versichert, sie brauchten keine Sorge zu haben, er sei das gewöhnt, jedesmal, wenn ein Schub an die Grenze abginge, käme ein Teil abends wieder zurück. Keine Sorge, Kameraden, ich bin Genosse!... und er hatte ihnen in Tabor heisse Würstel gekauft und Bier und ihnen Adressen gegeben, wo sie in Prag übernachten konnten, einen hatte er sogar mit in seine Wohnung genommen.

Die Männer lachten, weil Otto dem strengen Landesamt mit seinem Erlass so und so, Strich, Absatz so und so, Strich, Paragraph so und so durch die Maschen gegangen war.

Hanna dachte an die Geschichte vom braven Soldaten Švejk, der sich während des Weltkriegs als unfreiwilliger Deserteur in Südböhmen herumtreibt und überall einfache Menschen findet, die ihm Kleidung, Obdach, Essen geben, in stillschweigender Einheitsfront gegen die verhasste Obrigkeit. Damals freilich waren es Oesterreicher gewesen. Aber es war dasselbe, die tschechische Obrigkeit hatte die oesterreichische abgelöst und weiter gewurstelt, und das Volk war wieder das Volk und die Obrigkeit war wieder die Obrigkeit. Die begeisterten Rufe von 1918 und 19 – „Unsere junge Republik!“ – waren längst in Enttäuschung verhallt.

Der andere Mann, der mit Otto aufgetaucht war, kam also aus Deutschland zu Besuch, wie er bestätigte. Nun ja, es können doch nicht alle emigrieren, vorläufig haben sie ihn noch nicht erwischt. Er war ein magerer Junge mit blassem Gesicht, freundlichen, etwas müden Augen.

Natürlich können nicht alle emigrieren. Die meisten können nicht. Eine Menge früherer Parteigenossen lebt illegal in Deutschland weiter, der grössere Teil sogar legal. Hanna wusste es, natürlich. Aber es war doch recht aufregend, mit einem zu sprechen, der jetzt, 1936, noch legal drüben war und drüben in der Stille weiterarbeitete.

Der Junge, Otto nannte ihn Werner, erzählte, wie sich das Leben abspielt in Hitler-Deutschland. So einer wie er zum Beispiel. Seit Kindheit wohnt er mit Eltern und Geschwistern im selben Haus in Neukölln, kennt alle Leute im Haus, im Häuserblock, in der Strasse, Schulfreunde, Arbeitskollegen, Genossen aus der Kommunistischen Jugend, schon vor 1933 waren viele zu den Nazis übergegangen, es hatte oft Raufereien gegeben, zum Glück war ihm damals nichts passiert, das heisst, er hatte keinen ernsthaft verprügelt, man hatte keine Waffe bei ihm gefunden, das kam ihm jetzt zugute. Als Hitler kam, klopften ihm die Kameraden im Braunhemd auf die Schulter und ermunterten ihn: Mit eurer Kommune ists jetzt aus! Bist ein ordentlicher Kerl, Werner, komm zu uns! Der Führer mag solche Kerle wie du!... Wollen sehen, was ihr heraussteckt, hatte Werner geantwortet. Wenn ihr euer Programm erfüllt, reden wir nochmal drüber. Und sie hatten ihn ungeschoren gelassen. Er arbeitete wie zuvor, als Typograph, machte dann sechs Monate Arbeitsdienst in Pommern mit, kam wieder nach Berlin. Allmählich fanden sich die verstreuten Genossen da und dort zusammen, in den Wohnungen wurde diskutiert, die illegale Arbeit wieder aufgenommen.

Schwer wars. Nur fünf oder sechs, die sich untereinander genau kennen, können zusammen arbeiten. Man muss sich auf der Strasse treffen, um sich ein Buch, eine Broschüre, eine Zeitung zuzustecken. Man darf da um Gotteswillen nicht unpünktlich sein, denn wenn einer fünf oder zehn Minuten an einer Ecke steht und wartet, fällt das schon auf. Und dann immer so eine Sorge mit dem Abziehapparat, der Verbreitung der Schriften... Im Betrieb muss man die Kollegen oft wochenlang genau beobachten, ehe man rauskriegt, wem man ungefährdet ein Flugblatt zustecken kann. Und immer auf der Hut sein... Kommt man ein paar Mal hintereinander zu später Stunde nach Hause, werden am Ende schon die Nachbarn aufmerksam: der hat doch kein Mädel, wo treibt denn der sich herum? Wenn öfters Besuch zu einem kommt, so ist das auch verdächtig. Ins Lokal? Sehr gewagt, auch zu teuer. Im Sommer ists leichter, da geht man in die Parks, in den Grunewald, fährt mit den Rädern irgendwohin baden, die verbotenen Sachen in der Fressbüchse und versteckt sie dann wo hinterm Busch. Dann und wann kommt einer lange nicht. Nachher erfährt man, er ist hochgegangen...

Und die Parolen!.. Sie kommen vom Ausland. Man versteht sie oft gar nicht und schüttelt nur den Kopf. Deutschland ist so anders geworden. Viele haben nach jahrelanger Arbeitslosigkeit jetzt wieder Arbeit und Verdienst und sind mit allem zufrieden, wenn auch der Lohn, an den steigenden Preisen gemessen, jetzt kaum mehr ist, als früher die Unterstützung. Und jeder hat Angst.

Einmal war es für Werner schon so brenzlich, dass er dachte, jetzt müsse er wirklich fort. Aber da hat er einen früheren Bräutigam von seiner Schwester getroffen, der jetzt S.A.-Häuptling ist. Mit ihm ist er ein paar Mal um den Häuserblock gegangen, im Gespräch, alle Leute haben es gesehen und dann konnte er wieder eine Zeit lang ruhig weitermachen.

Aber man kann immer nur ein paar Monate durchhalten. Dies ewige Gespanntsein, diese ewige Vorsicht, jeden Schritt, jeden Blick, jedes Wort abwägen, dosieren... zum Selbstschutz, zum Schutz der Genossen, zum Schutz der Sache... Da geben dann nach ein paar Monaten die Nerven nach, man wird unsicher, wie leicht kann man sich, die Genossen, die Sache zu Schaden bringen, wenn man nicht auf der Höhe ist! Besser, man haut für eine Zeit ab, verkriecht sich ins Privatleben, schafft sich ein Mädel an. Inzwischen aber verändert sich vieles. Meldet man sich dann wieder bei der Gruppe, sind andere Leute da, die einen nicht kennen, da muss erst ausgeforscht werden, was man getrieben hat in der letzten Zeit, in der man nicht aktiv war, man muss Rechenschaft geben, bis ins Kleinste, es gibt ja so schrecklich viele Spitzel. Viele haben schlapp gemacht, haben sich kaufen lassen von den Nazis, viele gehen auch ohne Bezahlung über, nur weil sie es satt haben, nicht dabei zu sein bei der grossen Masse, die ohne Vorsicht leben darf, die singend, laut, das Leben des neuen Deutschland beherrscht.

Ja, leicht ist es nicht, seufzte Werner – und nun ist er auf ein paar Tage nach Prag gekommen, um mal andere Luft zu atmen und sich zu informieren.

Wie stark die Partei jetzt etwa ist? will Hanna wissen. Sie hat gespannt zugehört, Werner erzählt schlicht und überzeugend, man sieht ordentlich das unscheinbare, lebensgefährliche Leben der braven Soldaten der Revolution, sie dürfen keine Uniform tragen, den Sowjetstern haben sie längst im Landwehrkanal versenkt.

Wie stark die Partei ist? Werner hat hier in Prag zu seiner Verwunderung in einem Parteiblatt gelesen, die illegale Partei in Deutschland habe jetzt mehr Mitglieder, als seinerzeit die legale, fast eine Million. Er entrüstet sich – so ein Unsinn! In den besten Zeiten hat die Partei nicht mehr als hundertfünfzigtausend Mitglieder gehabt, das andere waren doch bloss Wähler, Mitläufer! Es ist völlig ausgeschlossen, in der Illegalität Zahlen festzustellen. Aber der Eindruck, den man hat? Nun, an der Arbeitsstelle, in den Wohnbezirken macht sich seit dem letzten Jahr ein rasendes Zurückgehen bemerkbar. Allgemeine Ermüdung, Angst, Schlappmachen. Und auch, fügt Werner betrübt hinzu, viel Opposition unter den Getreuen, selbst unter den Getreuesten. Sie werden kritisch gegenüber der Leitung, versuchen auf eigene Faust zu arbeiten, lassen Parolen Parolen sein, machen sich eine ganz neue Taktik zurecht, an Hand ihrer neuen Erfahrungen. Viele gute Genossen sind dabei. Aber die Leitung ächtet sie, als Trotzkisten oder als Gestapoleute, ja, nicht mal diskutieren darf man mehr mit ihnen.

„Wie lang bleibst du hier, Genosse?“ fragt Hanna. Sie hätte gern noch mehr von ihm gehört. Aber Werner muss morgen schon nach Deutschland zurück, länger als eine Woche kann er nicht ausbleiben, sonst fällt es auf.

Hanna verabschiedet sich, wünscht beiden alles Gute. Wer weiss, ob man sich mal wiedersieht. Otto wartet auf ein Papier, will in die SU. Er hat im Heim zu jenen gehört, die auf alle Fälle eifrig russisch lernten. Nun dann, Genossen, nochmals alles Gute. Wohin?

Als sie am Schlossgarten vorbei über den Hradschin ging, fiel ihr ihr eigenes Schicksal wieder schwer auf die Seele. Sie besann sich darauf, weshalb sie zu Gertrud unterwegs war. Es war ernst genug, die letzten Tage hatte sie kaum an was anderes denken können. Aber was war das alles im Vergleich zu dem, was dieser fremde Genosse berichtete! Diese heroischen Ameisen der Revolution, die zäh, klein, unermüdlich ihre Minierarbeit verrichten an dem riesigen, mächtigen Körper, dessen Millionen Füsse in grünen Wickelgamaschen über die Welt marschieren, dessen Arme sich über die Welt ausstrecken... Und ein paar tausend, vielleicht nur ein paar hundert Werners, mit Gesichtern, die nicht mehr so unwissend und nicht mehr so überzeugt sind, wie 1933, graben leise mit den nackten Fingernägeln in der Erde, über die der gewaltige Körper des neuen Deutschland dahinstampft, wie ein Tank.

Hanna beneidete die Ameisen und schämte sich. Sie ging über die Staubbrücke nach Dejvice hinunter, liess des Bruders schönes Haus rechts liegen, stieg in einer Seitenstrasse in einem blanken, weissen Neubau ein paar Treppen hinauf.

Gertrud, Herrmann und der Junge sassen gerade bei Tisch. Es gab saure Bohnen und Kartoffelbrei. Gertrud stellte ohne weiteres Fragen einen Teller für Hanna dazu und lud sie zum Mittagessen ein. Hanna kannte Gertrud wenig, hatte sie nur ab und zu bei den Sitzungen im Heim gesehen, sie lief den ganzen Tag in der Stadt herum und massierte dicke Damen. Herrmann verdiente nichts, er war Maler und noch dazu ein schlechter. Auch reden konnte man nicht mit ihm, er tat den Mund nicht auf und glotzte immer nur so bös unter seinen buschigen Brauen. Hanna war froh, als er nach dem Essen mit dem Kind verschwand.

„Ich möchte dich nämlich konsultieren, Genossin“, brachte sie vor. Gertrud war Frauenärztin und hatte an der gynäkologischen Klinik eines Berliner Krankenhauses eine Abteilung geleitet.

„Bist du krank?“

„Krank nicht gerade... Das heisst, ich hab so Herzbeschwerden, und der Magen funktioniert auch nicht. Aber das bin ich schon gewöhnt. Es ist was anderes.“ Gertrud sah sie freundlich wartend an.

„Ja...“, sagte Hanna zögernd, „ich glaube nämlich, ich bin schwanger.“

Gertrud sagte nichts, ihr Blick war offen und voll Sympathie.

Die wundert sich gar nicht, dachte Hanna verwirrt. Wer weiss, wie viele Genossinnen schon zu ihr gekommen sind; ist ja auch ein ganz gewöhnliches Schicksal – und ich bin auch nur eine Frau, wie alle andern...

„Um Gottes Willen!“ schrie sie plötzlich auf und sank auf dem Stuhl zusammen. „Ich kann doch kein Kind bekommen, um Gottes Willen, um Gottes Willen, das wäre doch entsetzlich...“ Sie weinte und schluchzte in die Hände. Ein Kind von Anatol – jetzt, wo sie ihn fast hasste! Ein Kind, in der Emigration, ohne Dach über dem Kopf. Karl im Zuchthaus... Ein Kind von Anatol... Es war nicht auszudenken!... Ihr ganzer Körper schüttelte sich vor haltlosem Weinen.

„Aber, aber“, sagte Gertrud und klopfte ihr auf den Rücken. „Es gibt immer noch einen Ausweg! Wollen wir doch lieber erst mal nachsehen.“ Hanna berichtete ihr stockend und unter Tränen, und streckte sich dann auf dem harten Sofa aus, auf das Gertrud ein reines Handtuch gelegt hatte. Gertrud drückte und fühlte eine Weile, ohne etwas zu sagen, liess Hanna atmen und den Atem anhalten. Hanna konnte ihr Gesicht nicht sehen. Das Herz hämmerte ihr bis an den Hals.

„Ja, ich kann absolut nichts finden“, meinte Gertrud und richtete sich hoch. Hanna brachte ihre Kleider in Ordnung und setzte sich auf dem Sofa halb auf. Ein Schimmer von Erleichterung zog über ihr Gesicht.

„Bist du sicher?“

„Ziemlich sicher! Deine Gebärmutter ist ganz winzig und hart. Du hast nie geboren...“

Hanna nickte. Sie hatte nie geboren, auch nie empfangen. Als sie festgestellt hatte, dass sie anscheinend unfruchtbar war, hatte sie es sogar als einen Vorteil empfunden. Ein Kind in diese Welt setzen... es in der Familie aufziehen, wo es, selbst bei grösster Umsicht, ein Individualist mit einer komplizierten Seele werden musste... oder es in ein Heim geben, wohin denn? Es gab keine Heime, die Hannas und Karls Ideen von Kindererziehung entsprochen hätten. Und ein Vorteil war es auch, enthoben zu sein von der ständigen Sorge, die die andern Frauen bei jedem Liebesakt ablenkte von Hingabe und Genuss, und nichts zu tun haben zu müssen mit Präventivmassregeln und Abtreibungen, wie so viele, die sie kannte...

„Wie alt bist du eigentlich, Hanna?“ fragte Gertrud.

„Im September bin ich vierzig gewesen“, erwiderte Hanna abwesend. Hätte ihr Leben einen andern Lauf genommen, wenn sie je empfangen und geboren hätte, wie andere Frauen?

„Vierzig... na, eigentlich reichlich früh. Aber es ist nichts so ganz Seltenes, dass das Klimakterium verfrüht einsetzt, wenn man besondere Sorgen und Aufregungen mitmacht... Wann hast du die erste Menstruation gehabt?“

„Mit dreizehn Jahren...“ antwortete Hanna mechanisch.

„Dacht ich mir. Je früher es anfängt, desto früher hört es auf. Du wirst noch ab und zu eine unregelmässige Blutung haben, vielleicht auch Kongestionen... und dann ist es vorbei.“

Hanna war blass geworden. Vor zehn Minuten noch war ihr die Aussicht auf eine Schwangerschaft das Allerentsetzlichste gewesen. Jetzt schien es ihr, als hätte ihr Gertrud etwas genommen, etwas Unwiderbringliches. Es ist vorbei, klang ihr Gertruds Wort im Ohr. Vierzig Jahre – und jetzt ist es vorbei. Der Umbruch... Auch das ja heisst Umbruch... Ich bin eine alte Frau. Ein bischen früh, aber nichts Ungewöhnliches, wo wir in so aufregenden Verhältnissen leben...

Die Eröffnung hatte Hanna völlig unerwartet getroffen. Daran hätte sie nie gedacht! Daran hätte sie nie denken mögen! Sie hatte ihr Alter nie verheimlicht, natürlich nicht, lächerlich, darauf kommt es doch nicht an, wie alt einer ist. Sie hatte sich jung gefühlt wie fünfundzwanzig, sie hatte ein Liebesverhältnis angefangen, jetzt stellte sich heraus, sie war eine alte Frau. Die Natur sagte: Vorbei! man konnte es nicht überhören. All ihr Grübeln und Leiden über ihr Liebesgeschick schien ihr mit einem Male nichtig gegenüber dem hartnäckigen, fast anstössigen Gedanken, dass sie für Anatol einfach zu alt war. Sie sah das junge, ungeschminkte Gesicht, über das er sich vor seinem Haus gebeugt hatte. Sie ist jung, dachte sie schmerzlich, ich bin alt. Wie einfach das ist. So schrecklich einfach.

Sie fühlte Gertruds freundlichen Blick auf sich ruhen. Gertrud hatte ein klares, schönes Gesicht, aber die rosa Haut war von tausend Fältchen zerfurcht, ganz feine Fältchen neben den Augen, am Mund, an den Nasenflügeln, richtige Altweiberfalten. Und ihr von der Ferne weissblond wirkendes Haar war ganz grau. Der Junge war sechs oder sieben Jahre alt, Gertrud konnte noch gar nicht so alt sein. Sie hatte einen Mann und ein Kind. Da war es wohl einerlei, ob man alt war oder nicht.

„Ich möchte öfter mit dir zusammensein, Genossin Gertrud“, sagte Hanna beim Abschied. „So eine Ruhe, wie von dir ausgeht. Wer würde glauben, dass du Kommunistin bist“, fügte sie naiv hinzu.

„Nun, das ist doch selbstverständlich“, erwiderte die Aerztin schlicht. „Irgendwo will man doch mittun, damit es besser wird in der Welt.“

Als sie in der Elektrischen sass, dachte Hanna daran, wie einfach, wie erstaunlich einfach Gertrud das Leben nahm. Dabei war es doch für sie gewiss schwer genug gewesen: Tochter eines adeligen Offiziers, mit der Familie natürlich überworfen, wegen der Partei und wegen des unehelichen Kindes, noch dazu von einem Juden. Sie konnten nicht heiraten, weil Herrmanns Frau ihm seit vielen Jahren die Scheidung verweigerte. Eine Schwester von Gertrud, Aebtissin eines rheinischen Klosters, schickte ab und zu etwas Geld, aus christlicher Nächstenliebe zu der Ausgestossenen. Kein leichtes Leben. Wie tapfer Gertrud war. Es fiel Hanna ein, dass sie sie vielleicht Ollys dicker Mutter als tüchtige Masseuse empfehlen könnte.

Olly – auch die war jung. Zwanzig Jahre. Im Krieg geboren, während Hanna, nach der Matura schon, im aerarischen Spital zerfetztes Menschenfleisch verband. Ein Leben liegt dazwischen.

Sie empfand rasenden Neid auf Olly, auf die Unbekannte, die aussah, wie ein Engel von Ghiberti auf dem Florentiner Altarbild. Sie schämte sich bitterlich. Da nützte kein Verstand. Alles, was sie erlebt hatte, die vielerlei Wirrnis – Fleisches, Geistes und des Herzens – schien ihr mit einem Mal nur ihren vierzig Jahren geschuldet.

Natürlich war das Unsinn. Luise war sechsundzwanzig und hatte in Bezug auf die Partei dasselbe durchgemacht, vielleicht auch in Bezug auf den Mann. Jarmila... die war freilich so alt wie sie. Aber ihre schrecklichen Liebestragödien hatten schon auf der Schulbank begonnen.

Nein, Unsinn, das hatte alles nichts miteinander zu tun. Sonderbar, dass es so ineinander verstrickt schien, dass man es so schwer auseinanderhalten konnte: Deutschland, die „Svoboda“, Karl, Anatol, die Partei, die Emigration, das Klimakterium – alles zu einem Knäuel verwickelt...

Wo sollte man ein Fadenende zu packen kriegen, von dem man es aufrollen konnte?

17. Kapitel

Ein Mensch auf vier zensurierten Seiten – Prag ist nur eine Episode – Einfach werden! – Noch ein Besuch aus Deutschland – Hanna sitzt nicht einsam zuhause – Ein Kuvert mit viel Geld.

„Gefangenenanstalt Waldheim (Sachsen)“ sagte der grüne Stempel auf dem Kuvert. Hanna blieb einen Augenblick das Herz stehn. Aber nein, es war ohne Zweifel Karls Schrift. Die vier amtlich erlaubten Seiten waren bis zum Rand voll mit seinen schönen, klaren Buchstaben.

„Geliebtes Leben, ja, das bist du mir jetzt in einem höheren Masse, als ich es je ermessen konnte, so lange noch vielerlei Leben um mich war. Wenn man so lang und viel allein ist, wird einem so recht klar, wie einfach eigentlich alles ist – alles reduziert sich schliesslich auf ein paar Grundgefühle und Grundbegriffe: Demut, Mut, Heiterkeit, Freiheit, Treue... nicht, dass ich schon so einfach wäre. Aber ich glaube, ich bin auf dem Wege dazu. Vielleicht, wenn wir uns im Oktober wiederfinden, bin ich dann schon ganz dünn auspräpariert, so dass man jede seelische Gräte schön klar und trocken daliegen sieht.

Das kommt dir am Ende mystisch vor und du kannst dirs nicht zusammenreimen mit meinem stets auf handfeste Nützlichkeit gerichteten Sinn von früher? Ach, geliebte Frau, zwischen Früher und Jetzt liegt ein solcher Umbruch, alles ist so völlig anders geworden. Das weiss man ja nicht, wie sehr anders, wenn man nicht lang in der Stille gewesen ist.

Wie sehr ich anders geworden bin, siehst du zum Beispiel daran, dass ich diese seltene, köstliche, einmal im Monat nur gebotene Gelegenheit, zu dir zu sprechen, zuerst zu fast philosophischen Betrachtungen verwende und die praktische Veränderung, die sich in meinem Leben vollzogen hat, erst in zweiter Linie erwähne. Du siehst, ich schreibe von einer andern Anstalt aus. Am Tage vor Weihnachten erhielten wir – d. h. mein Zellengenosse und ich – die Aufforderung, uns fertig zu machen. Wir wussten nicht, wozu und wofür. Eine fast unglaubliche Hoffnung erfasste uns, der Gedanke an...“ – hier war eine Zeile von der Zensur mit blauen xxxxxx blockiert und unleserlich gemacht... Himmel, Karl wird doch nicht auf einen Sturz des Regimes angespielt haben, das wäre fürchterlich! Nein, dazu ist er zu vernünftig... aber vielleicht doch, er schreibt ja, er habe sich so verändert...

...„andrerseits eine schreckliche Angst, denn schon mehrmals hatte...“ – wieder fehlten zwei Zeilen, o Gott, ich weiss, es sind die Scheinerschiessungen, die sie mit den Gefangenen vornehmen, sie werden hinausgeführt, sie können beichten und kommunizieren, wenn sie wollen... dann werden sie an die Wand gestellt mit verbundenen Augen, und nach einer Viertelstunde voll grässlicher Seelenpein wieder in ihre Zellen zurückgebracht...

...„aber es ging hinaus. Mit einem Autobus, in dem noch viele andere Gefangene sassen, fuhren wir nach der Bahnstation und von dort mit dem Zug hierher. Keiner wusste, wohin wir gebracht würden und warum. Als die Begleitmannschaft einen Augenblick hinausging, wurde allerhand gemunkelt, es hiess, dass...“ – wieder ein paar geschwärzte Zeilen – „...aber als wir dann vom Lehrter Bahnhof durch Berlin zum Anhalter fuhren, war uns klar, dass es nach Baiern oder Sachsen ging.

Es war ein sonderbares Erlebnis, nach beinah zwei Jahren von der Eisenbahn aus, durch die vergitterten Fensterchen, wieder auf eine Stadt zu schauen, auf Strassen, auf Menschen, auf Läden mit bunten Auslagen, auf das Gewimmel des Lebens, und es kam mir alles so strahlend und frühlingshaft vor, obzwar ein trübgrauer Nachmittagshimmel über den Strassen hing. Die Menschen liefen mit Paketen, an vielen Stellen standen grosse elektrisch beleuchtete Weihnachtsbäume, es war wie im Traum. Dieses Erlebnis haben ja im Kriege so viele Soldaten gehabt, wenn sie von einer Front an die andere transportiert wurden und nicht aussteigen durften. Nun erst konnte ich es richtig verstehen. Wir fuhren ohne umzusteigen, unser Sonderwagen war an einen andern Zug angehängt worden. Es war schon dunkel, als wir hier ankamen, erst vom Wärter erfuhren wir, wo wir waren. Es ist sonderbar, so ein sächsischer Gefangenenwärter. Ich hätte geglaubt, dieser Dialekt eigne sich nur zu gemütlichem Geplauder und nicht...“ – die folgenden Worte waren unkenntlich gemacht, ach, man konnte sich denken, was sie besagten! – „Ich bin jetzt von meinem Zellengenossen getrennt. Von meinem neuen Gefährten schreibe ich dir das nächste Mal ausführlicher. Es ist ein Metallarbeiter aus Zwickau. Es ist ein gewisser Vorteil darin, von Zeit zu Zeit mit einem neuen Menschen zusammenzukommen, weil man bei längerem Zusammenhausen in solcher Enge Reibungen durchaus nicht vermeiden kann, auch bei bestem Einverständnis sonst. Man hat sich so viel erzählt, weiss so genau alle Details des Verhaltens und Reagierens des Partners, dass eine sich steigernde nervöse Gereiztheit entsteht. Es ist wie in einer langjährigen Ehe, in der man sich nichts mehr zu sagen hat und wo man bei den unvermeidlichen Wiederholungen des schon so oft Gesagten schliesslich Ueberdruss, ja Feindseligkeit zu empfinden beginnt.

Bei uns, teure Hanna, ists freilich anders gewesen, wir hatten uns ja nach fünfzehnjährigem Zusammenleben immer noch und immer wieder Neues zu berichten, ich denke so unaussprechlich oft mit Glück und Dankbarkeit daran. Du bekommst nun leider etwas verspätet diesen Brief als Neujahrsgruss, aber ich will doch die Gelegenheit wahrnehmen, um dir noch einmal und wieder einmal zu danken für alles, was du in mein Leben gebracht und in meinem Leben gefördert hast. Jetzt ist die längste Zeit unserer Trennung vorbei. Wir können schon nach Monaten rechnen, anstatt nach Jahren, bald werde ich die Tage zu zählen beginnen. Und dann – wie viel, wie vielerlei werden wir uns zu erzählen haben! Du gewiss viel mehr als ich.

Deinen Umgang kenne ich ja nun einigermassen, die Redaktion, die Setzerei, das kleine Lokal, wo du dich Sonntags mit den Freunden triffst, dein Zimmer in der Pension, die tapfere Luise, die sympathische Jarmila, deine Kollegen von der Arbeit. Aber ich kenne alles doch nur in grossen Umrissen, wichtige Partien müssen selbstverständlich in deinen Briefen fehlen. Von deinem Chef scheinst du ja in letzter Zeit weniger begeistert zu sein, als anfangs. Vielleicht hast du zu viel von ihm erwartet, in deiner Stellung zu ihm. Du hattest ja immer den Hang, die Menschen zu hoch einzuschätzen und dann enttäuscht zu sein, wenn ihr Einsatz nicht hundertprozentig war, wie der deine. Du vergisst manchmal, dass die meisten Menschen nur aus Trägheit handeln (oder nicht handeln), und aus Angst. Nicht viele sind so unruhig, so unersättlich an Erlebnissen wie du, meine Liebe! Eine Intensität wie die deine empfinden die meisten als eine ständige stumme Zumutung und wehren sich natürlich, und mit Recht. Lass dich nicht zu sehr beanspruchen, weder äusserlich noch innerlich, und nimm die Dinge etwas leichter. Bedenke, dein Leben in Prag ist ja schliesslich nur eine Episode, wie das meine hier. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich auch Schlimmes ertragen. Unser wirkliches Leben liegt in der Zukunft!“

Die vierte Seite war voll, ganz klein hatte Karl an den Rand noch quer ein paar Grüsse gekritzelt. Hanna las den Brief wieder und wieder. Es schien fast, nun, da Karl ihr räumlich näher gerückt war, als stünde er ihr auch im Gefühl und Verstehen wieder so nah, wie ehedem, wo sie ihm alles hatte sagen können. Sein Brief brachte Antwort auf manche stumme Fragen. Wieviel er wohl erriet? Bezog sich die Stelle in seinem Brief über die „wichtigen Partien, die fehlen müssen“, auf die Sache mit der Partei? Oder hatte er aus ihren Briefen Anatols Anteil an ihrem Leben und ihrer Verwirrung gespürt? Hing es mit dem „Einfach-werden“ zusammen, von dem er schrieb? „Dünn auspräpariert wie trockene Gräten“ ... sie beben, wenn man über ihnen nur atmet...

Die Vermutung, Karl habe ihre wahre Beziehung zu Anatol erraten durch die mehrfachen Berichte hindurch, die sie über ihn gesandt hatte, liess sie heute nicht erschrecken. Im Gegenteil, sie fühlte sich eher beruhigt und erleichtert. Manche Wendungen in Karls Briefen liessen es ihr plötzlich ganz leicht erscheinen, ganz selbstverständlich, dass sie ihm später einmal diese ganze verworrene Anatolgeschichte erzählen würde. Er würde es verstehen und es würde dann abgetan sein.

Zum ersten Mal projizierte sie von einer vorgestellten gemeinsamen Zukunft mit ihrem Mann zurück auf die konkrete Gegenwart. Alles schien ihr leichter und lichter. Auch ihre Beziehung zu Anatol. Wie recht Karl hatte! Trägheit und Angst: das waren sicherlich die Komponenten von Anatols Verhalten zu ihr. Sonderbar, sie fühlte sich nach Karls Brief ihm gegenüber entlastet, und Anatol gegenüber schuldig. Hatte sie ihn nicht wirklich ungebührlich gequält mit ihrer Eifersucht, ihrem Verlangen, ihrer Intensität des Geistes und des Herzens? Sie fühlte eine grosse weibliche Zärtlichkeit für ihn in sich aufwallen.

Während sie noch über dies Sonderbare nachsann, klopfte es an die Tür.

Sie erkannte nicht gleich den grossen, glattrasierten, gutgekleideten Herrn, der sie, eintretend, mit „Guten Tag, Frau Doktor“ begrüsste. Aber natürlich! Dr. Bruno Kunze, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten aus Halle. Er war manchmal ins Haus zu ihnen gekommen. Ein kultivierter, etwas nüchterner und absonderlicher Mensch, aus märkischen Junkerkreisen stammend, der seine Herkunft durch betonte Freiheitlichkeit entschuldigen zu wollen schien. Er hatte der S.P.D. angehört und war Mitglied des Vereins Sozialistischer Aerzte gewesen, in dem auch die kommunistischen Kollegen organisiert waren. Seit 1933 hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Er hatte, wie sie erfuhr, ihre Adresse durch Dr. Lebenthau erfahren, den Vorsitzenden der Aerztevereinigung, der als solcher und als Jude hatte emigrieren müssen. Kunze hingegen lebte weiter in Halle und betrieb wie vorher seine Privat- und Spitalspraxis. Seinen Verkehr hatte er, wie er erzählte, fast auf Null reduziert, sich ganz von den alten Bekannten zurückgezogen, war aber, wie sich bald herausstellte, sowohl über die im Ausland erscheinende und in Deutschland verbotene Literatur, wie auch über Verbleib und Schicksal vieler gemeinsamer Bekannten gut unterrichtet. Auch dass Karl in Plötzensee war, hatte er vernommen.

„Und wieso sind Sie in Prag?“ fragte Hanna, nachdem er ihr kurz seine Erlebnisse in den letzten drei Jahren berichtet hatte. Ja, er hatte vor, umzusatteln. Ein Bruder von ihm, Rittergutsbesitzer, hatte zum engsten Kreis von Goering gehört, war aber in Ungnade gefallen. Deshalb wurde nun auch Kunze selbst schärfer überwacht, man versuchte, ihm die ärztliche Praxis zu vernichten, hatte in letzter Zeit auch seine sozialdemokratische Vergangenheit wieder ausgegraben, die unter dem Schutz des mächtigen Bruders bis dahin übersehen worden war. Er hatte vier Kinder, musste sich nach einer andern Existenz umsehen und hatte sich eine Vertretung von ein paar grossen pharmazeutischen Fabriken verschafft, für die Tschechoslovakei und Oesterreich. Nun wollte er in Prag und Wien Beziehungen anknüpfen und sehen, ob die Sache rentabel sei.

Das klang alles recht vernünftig, und wiewohl Hanna in Deutschland keine persönlichen Beziehungen zu Kunze gehabt hatte, war sie bereit, mit ihm auszugehen. Seit sie mit Anatol „bös“ war, seit jener Szene in der Neujahrsnacht, wusste sie ohnedies nie, wie sie die Abende verbringen sollte. Mit Kunze konnte man von Deutschland, von gemeinsamen Bekannten, von der Vergangenheit, von Karl sprechen.

Sie gingen ins Café, dann führte sie ihn ins „Befreite Theater“, wo Voskovec und Werich ein neues Stück, die „Lumpenballade“ vorführten, das ein wenig an die Dreigroschenoper erinnerte. Merkwürdig waren diese Burschen mit ihrer kalten, schneidenden Radikalität, ihrem intellektuellen Humor, der gespenstigen Wirkung ihrer clownhaft gekalkten Gesichter. Aber es kam schliesslich doch zu nichts Ernstlichem in ihrer Kritik, sie verabschiedeten sich mit einem Kuplet „Es geht weiter, immer weiter... auf Wiedersehn in bessern Zeiten“ vom Publikum, das begeistert Beifall klatschte.

Hanna erklärte Kunze den Inhalt, übersetzte ihm den und jenen Witz, und bemerkte, wie er befremdet blickte – er war solche Sachen wohl nicht mehr gewöhnt. Ihm schien das Gebotene weidlich kühn, aber Ladislav, den Hanna an der Garderobe traf, machte abschätzige Bemerkungen über „steriles Gemecker“. Dann ging Hanna mit Dr. Kunze noch irgendwohin nachtmahlen und schlug um elf noch vor, in ein Café zu gehen. Es war doch ein recht angenehmer Abend gewesen – mal was anderes.

„Wo verkehren denn hier die Emigranten?“ wollte Kunze wissen, „vielleicht trifft man jemand, den man kennt...“

„Ach, da und dort... sie gehen in kein bestimmtes Lokal“, sagte Hanna instinktiv ausweichend und führte ihn in die „Akademická Kavárna“, wo man ganz bestimmt keine Emigranten traf.

Als er sie nach Mitternacht nach Hause brachte, ging ein Herr grüssend an ihnen vorbei und drehte sich zweimal um. Es war Hanna ganz angenehm, dass Anatol sie in Begleitung eines gutaussehenden Mannes in der Nähe ihrer Wohnung traf. So würde er sich nicht einbilden, sie sitze einsam zuhause und traure um ihn. Sie war ja keine alte Frau, sie konnte noch andere Verehrer finden!

Nein, Anatol, ich bin keine alte Frau, wiederholte sie sich noch am nächsten Tag, als Kunze, der mit seinen Geschäftswegen anscheinend sehr wenig zu tun hatte, sie wieder abholte und zu einem Spaziergang einlud. Er interessierte sie durchaus nicht, trotzdem war sie bereit, auch an diesem Abend und noch am nächstfolgenden Tag mit ihm auszugehen. Nicht ewig Journalisten, Flüchtlinge... Zwar wollte er von diesen vieles wissen und kam immer wieder darauf zurück: er habe in diesen drei Jahren den Kontakt mit Gesinnungsgenossen ja völlig entbehren müssen, er wolle die paar Tage „freie Luft“ ausnützen, um sich über alles zu informieren, was in der Bewegung vorging, im Ausland und – illegal – in Deutschland. Hanna war zu sehr Parteimitglied, um einem Sozialdemokraten mehr als allgemeinste Dinge zu berichten. Kunze war begeistert von der Volksfrontpolitik und sah darin die Lösung der verworrenen Problematik der Arbeiterbewegung inmitten einer faschistischen Welt. Hanna gab ihre Bedenken kund, aber mehr in philosophischer Form und abgemildert durch die Gespräche mit dem reichsdeutschen Besuch. Nach vielen Monaten zwischen orthodoxen Parteileuten und verständnislosen Liberalen strömte er jene Atmosphäre intellektueller Sachlichkeit aus, die ihre deutsche Zeit charakterisiert hatte.

Als Kunze sich am dritten Tag verabschiedete, um über Wien und München zurückzufahren, bat er sie, das tschechische Geld, das er nicht verbraucht hatte, für ihn aufzuheben, bis er wiederkäme. Er wollte es nicht wieder mit zurücknehmen.

„Sie wissen ja, wie schwierig es ist, Geld ins Ausland zu bringen. Ich möchte mir hier eine kleine Reserve schaffen, wer weiss, ob ich nicht eines Tages ganz plötzlich emigrieren muss. Besonders, wenn man drauf kommt, dass ich hier mit Ihnen verkehrt habe!“ fügte er mit verlegenem Lachen hinzu. „Es soll ja hier alles voll sein mit Gestapo-Spitzeln...“

„Daran hätten Sie freilich früher denken sollen“, erwiderte Hanna etwas verletzt. Feige Hunde sind diese Sozialdemokraten (fast hätte sie Sozialfaschisten gedacht, aber das war ja seit dem Siebenten Kongress ein verpöntes Wort). Kunze händigte ihr ein Kuvert ein, auf das er seinen Namen und „Hotel Esplanade, Zimmer 127“ geschrieben hatte. Hanna wunderte sich ein bischen, dass er gerade im teuersten Hotel Prags abgestiegen war.

„Ich komme in vierzehn Tagen wieder, zum Aerztekongress, dann hole ich mir das Geld – Sie werden es doch nicht veruntreuen?“ meinte er mit neckischem Ernst. Hanna überhörte die Frage.

„In vierzehn Tagen schon wieder? Können Sie denn so oft hin- und herfahren.. legal?“ verwunderte sie sich.

Ja, er hätte ein Dauervisum, als Vertreter der pharmazeutischen Fabrik eben. Hanna wollte ihm eine Quittung über das Geld ausstellen. Er wehrte gekränkt ab: „So eine alte Freundin!“ Das stimmte ja nun nicht, eher war sie nur eine entfernte Bekannte. Jedenfalls wollte sie das Geld nachzählen. Es waren über siebentausend Kronen.

„Donnerwetter, so viel ist Ihnen übrig geblieben?“ rief Hanna erstaunt.

„Sie hören ja, ich bin Devisenschieber!“ sagte er spöttisch.

„Wissen Sie, so viel Geld will ich lieber nicht behalten! Tragen Sie es in eine Bank!“

„Ein erleuchtender Vorschlag! Nur, dass Sonnabend nachmittag die Banken geschlossen sind... Aber, wenn Sie es nicht behalten wollen, trage ich es zu Dr. Lebenthau. Nur muss ich dann meinen Zug versäumen und das ist etwas unangenehm.“

Schliesslich, es ist ja nebensächlich, dachte Hanna und steckte das Geld in ihre Handtasche.

Dann verabschiedeten sie sich.

Als sie am selben Abend das Kuvert in ihren Schrank unter die Wäsche legte, hatte sie ein undefinierbares Gefühl von Unbehagen. Ich hätte ihn auf alle Fälle nach seiner Adresse in Halle fragen sollen, dachte sie. Aber dann beruhigte sie sich, sie konnte ja Dr. Lebenthau danach fragen, wenn sie ihn nächstens im „Continental“ traf.

Zum ersten Mal seit langer Zeit stellte sie, als sie sich schlafen legte, Karls Bild auf ihrem Nachttisch auf, wie das Bild eines Schutzpatrons.

18. Kapitel

In der Partei gehen Dinge vor – Verhängnisvolle soziale Herkunft – Ein Held, der enttäuscht – Mangel an bolschewistischem Stil – Kein Grund, gegen die Sowjetunion Stimmung zu machen – Widersehen mit Anatol – Es gibt nur Gesichter – Kampf, Sieg und Niederlage.

In der Partei gingen Dinge vor, aber Hanna erfuhr nicht mehr viel davon. Nacheinander waren Jenda, Ruda und Jarmila aus dem kleinen Kreis im Karolinentaler Café ausgeschieden, die andern Genossen standen ihr ferner. Es herrschte strenges Verbot, mit Trotzkisten zu diskutieren, und „Trotzkist“ war allmählich jeder geworden, der früher oder später von der Generallinie abfiel und sich zu einer der vielen Splittergruppen schlug, deren abgekürzte Majuskelnamen man oft gar nicht mehr auseinanderhalten konnte. Ja, es war schon verdächtig, auch im engen Kreis Fragen über die Taktik zu stellen, man hielt besser den Mund.

Nun war auch Ladislav nicht mehr da, der wendige Leitartikler des Parteiorgans, der mit seinen klugen, schläfrigen Aeuglein und seiner dehnbaren Dialektik so erstaunlich an Karlíček Lozák von der „Svoboda“ erinnerte. Aber Ladislav war nicht zu einer der Oppositionsgruppen übergegangen, nicht seine Ueberzeugung und nicht seine Kritik hatten ihn aus der Partei und vom Karolinentaler Stammtisch weggetrieben. Bei ihm war es anders gekommen.

Der „historische Führer“ der tschechoslovakischen Sektion der Dritten Internationale war aus Moskau zurückgekehrt und hatte fürchterliche Musterung gehalten: die bisherigen leitenden Funktionäre, Sekretäre, Redakteure hatten – so warf der Sendbote aus dem Osten ihnen vor – die Volksfrontparole und die Schonung der Regierung im „kleinen Vaterland“ etwas gar zu wörtlich aufgefasst und allzu beflissen angewendet. Mit dem Effekt nämlich, dass die Kommunisten nunmehr von Agrariern, Gewerbeparteilern und Nationalsozialisten24 für beinahe hoffähig erklärt wurden, die Arbeitermassen aber in Scharen hinter den dienstfertig gebückten Rücken ihrer Führer zu den Ultralinken oder den Faschisten abschwenkten.

Zwar waren die Parolen und auch die verschiedenen Arten ihrer Durchführung bis ins Detail von ebendenselben strafenden Vätern seinerzeit vorgeschrieben worden. Nachdem jedoch die verhängnisvollen Resultate sich an der rasend sinkenden Zahl der Mitglieder und Zeitungsabonnenten erwies, wurde Retraite geblasen – Retraite, die (nur Ladislavs dehnbare Dialektik hätte solchen Widersinn plausibel machen können) sich in der neuen Parole „Vorwärts!“ ausdrückte.

Dies alles freilich waren Interna, die grosse Masse wusste und verstand kaum etwas davon. Um aber die plötzlich in Ungnade Gefallenen bei dieser Masse – und auch bei den Parteien, zu denen sie sich etwa morgen schlagen mochten – missliebig zu machen, wurde ihre Amtsenthebung in jedem einzelnen Fall persönlich motiviert. Den Fall Ladislav erfuhr Hanna erst aus der „Svoboda“, die mit internem Material aus der Partei jetzt weit besser bedient schien, als je die Partei mit internem Material aus der „Svoboda“ versorgt gewesen war: Ladislav war der Fragebogen vom Juli zum Verhängnis geworden.

Unter der Rubrik „soziale Herkunft und Vergangenheit“ hatte er wahrheitsgemäss angegeben, er sei der Sohn wohlhabender Kaufleute aus der Westukraine und habe 1918 und 19 – im Alter von sechzehn Jahren – als Legionär gegen die Bolschewiken gekämpft, sei mit seinem Regiment auf tschechoslovakisches Territorium abgedrängt und hier interniert worden, habe jahrelang keinerlei Politik getrieben, sondern nur die tschechische Sprache und den Marxismus und an der Universität Nationalökonomie studiert und sich dann im Jahre 1925 der Kommunistischen Partei angeschlossen.

Nicht nur hatte die Zentrale dieses Bekenntnis schweigend zur Kenntnis genommen und seit Juli nichts daran zu monieren gefunden, vielmehr hatte sie es wohl vorher schon gewusst (und nur so konnte man sich Ládas schlichte Aufrichtigkeit auch erklären); denn in breiten Parteikreisen hatte vor der „Reinigung“ das Gerücht kursiert, die Leitartikel schriebe „ein Russe, der mit Lenin und Stalin in der Oktoberrevolution gekämpft“ habe. Nun wurde jene verdrehte Version einfach wieder umgedreht, „vom Kopf auf die Füsse gestellt“, wie die Hegelsche Dialektik seinerzeit von Marx – so wenigstens hätte Ladislav selbst seinen Fall erklärt, wenn er noch einen Leitartikel darüber hätte schreiben dürfen. Jedoch, wie die Sache stand, musste er, seine Frau (die Bildredakteurin an „Svět Práce“ gewesen war) und sein kleines Kind die Sünden der begüterten west-ukrainischen Väter büssen und mit Schande aus der Partei gehen. Ja, man hat nicht ungestraft eine soziale Herkunft!

Diese Geschichte las Hanna in der Ersten Ausgabe, als sie gegen elf Uhr in die „Svoboda“ kam.

Sie hatte in letzter Zeit, um ihr Budget zu erhöhen und die leeren Abende auszufüllen, mancherlei Vorträge besucht, zu denen die „Svoboda“ keine Referenten entsandte, sei es, dass die Vorträge nicht wichtig genug erschienen, sei es, dass sie in fremder Sprache abgehalten wurden. Dann und wann war es Hanna gelungen, einen kurzen Bericht über diese oder jene literarische oder politische Veranstaltung in der „Svoboda“, Zweite Ausgabe, unterzubringen. Die fünfzig Kronen, die sie dafür bekam, waren ihr mehr wert, als die viel höheren Beträge, die sie so lange Zeit, wenn auch immer mit gewissem Unbehagen, bei Dr. Svoboda kassiert hatte.

Heute war sie ihrer selbstgesetzten Reporterpflicht mit besonderem Eifer nachgegangen: ein berühmter russischer Schriftsteller, den sie ganz besonders liebte, sollte sprechen. Sie hatte ihn immer für einen der wichtigsten revolutionären Romanciers gehalten, und die kenntnislose Süffisanz, mit der er in der Parteipresse als „Aesthet“ und „Anarchist“ abgetan wurde, hatte sie immer schon peinlich berührt. Dann war der Dichter, nach langem Auslandsaufenthalt, nach Russland zurückgekehrt und hatte ein herrliches Buch über den kommunistischen Aufbau geschrieben. Wie bei all seinen früheren, so hatte Hanna auch bei diesem Buch geurteilt, durch einen Roman im rechten Sinn würden wohl mehr Interessenten, Anhänger und Sympathisierende für die revolutionäre Sache gewonnen, als durch zehn Nummern Imprekorr und hundert (einander so ähnliche) Leitartikel in der „Roten Fahne“, der „Humanité“ und dem „Daily Worker“. Nun sollte sie also ihren Helden leibhaftig kennen lernen.

Ein stämmiger, rotbackiger Mann bäuerlichen Typs, mit einer kurzen Bürste graubraunen Haares betrat das Podium, der Vorsitzende der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russland“ stellte ihn vor, unter brausendem Beifall des Auditoriums, in dem sich viele bürgerliche Intellektuelle befanden. Sie hatte sich ihn ganz anders vorgestellt – viel zarter, viel westlicher. Er sah wirklich aus wie ein Mitglied des Musterkolchos „Roter Oktober“.

Und was er sagte, ach, ein Mitglied dieser löblichen Korporation hätte es nicht planer sagen können. Seine scharfpointierten Formulierungen, jene so reizvolle Mischung von Lyrik und Zynismus, wurden schwammig-blass im Dienst einer dutzendhaften Propagandarede. Kein neuer Gesichtspunkt, keine tiefere Begründung, kein treffendes Licht: wie der Apostel einer Touristenagentur schilderte er die Vorzüge seines Landes, unter denen der Umstand, dass dort Sozialismus herrschte, erwähnt wurde, wie man in einem Reiseprospekt den Schiefen Turm von Pisa oder die Höhlen in Schottland erwähnt – als sehenswerte Kuriosität.

Hanna hatte darauf gebrannt, ihren Helden persönlich kennen zu lernen, hatte sich absichtlich ganz vorn, neben die Leute von der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russland“ gesetzt, sie gebeten, sie mit dem grossen Mann bekannt zu machen, sie nach dem Vortrag mit ins Café zu nehmen. Es hiess jedoch, man ginge nirgendwo hin, der Gast sei auf die Russische Gesandtschaft geladen.

War dies nun eine Ausrede, wollte man sie nicht dabei haben, oder war es wirklich so, gleichviel, Hanna war nach dem Vortrag recht froh, dass aus der persönlichen Bekanntschaft nichts wurde. Vielleicht hätte sie den Mund nicht halten können und ihrem Ex-Helden geradeheraus gesagt: Sie sind sich selbst untreu geworden, jetzt, da Sie so loyal geworden sind...

Nein, das Land des Sozialismus als Attraktion für westliche Touristen – das tat in der Seele weh. Nicht dafür hatte man gelitten, gehofft, nicht dafür hatte man geredet, geschrieben, dass das „proletarische Vaterland“ nun die Konkurrenz mit Schweizer Wintersportplätzen und Fuchsjagden in England aufnahm...

Voll Bitterkeit über die Enttäuschung ging Hanna in die Redaktion. Sie setzte sich ins Mittelzimmer, um ihren Bericht zu verfassen. Tuzar sass da und schrieb Theaterkritik, und Malý, der die Achte Mahlersymphonie unter Bruno Walter rezensierte. Seit sie manchmal spät abends noch herkam, hatte sie die „Kollegen von der Kunst“, wie Zeman sie nannte, erst näher kennen gelernt. Den vorsichtigen, etwas altväterischen Malý, den zweiten Musikreferenten Nečasek, einen esoterischen Jüngling mit roten Locken, Tuzar, der Witz hatte und ihn bald in dieser, bald in jener literarischen Richtung schwang, Jelinek, einen ernsthaften und gebildeten Mann von humanistischer Kultur, der etwas an Anatol erinnerte und auch, wie Hanna zufällig erfuhr, privat mit ihm verkehrte.

In der „Svoboda“ wusste man, seit dem indiskreten Ueberfall durch Ollys Mutter, woher Hanna stammte, wohin sie – so meinte man – eigentlich gehörte: in ein Prager Bürgerhaus. In merkwürdiger Weise war seitdem die Stimmung unter den Kollegen ihr gegenüber umgeschlagen. Hatte man sie vorher als Hanna Last gekannt, geschätzt oder wegen ihrer gelehrten Vielseitigkeit wohlwollend verspottet, so war sie nun die Geborene Aschbach, ein Mädel aus dem Bezirk Neustadt, eine Frau wie alle andern, nur halt ein bissel zu gescheit. Vielleicht bin ich auch gar nichts anderes, nie etwas anderes gewesen, dachte sie wehmütig; die siebzehn Jahre Deutschland, die Partei, die Revolution nahmen sich im Rahmen der „Svoboda“ so gar unpassend aus im Zusammenhang mit ihr.

Malý und Tuzar gingen mit ihren Bleistiftnotizen hinunter, um ihre eben empfangenen Theater- und Konzerteindrücke direkt in die Setzmaschine zu diktieren. Hanna sass grübelnd allein, bis sie sich aufraffte, ihre bitteren Bemerkungen über die Degeneration eines revolutionären Dichters in die Form eines Vortragsreferats zu bringen.

Was verteidigte sie hier, da sie einen Apostel angriff, der genau das pries, was auch sie stets verteidigte? Unschlüssig hielt sie inne. Vielleicht hätte sie doch mit auf die Gesandtschaft gehen sollen, es hätte sich unschwer machen lassen, sie war schon ein paar Mal dort gewesen. Zum ersten Mal zum grossen Empfang am Revolutionstage im November, wo die Maršová russische Volkslieder vorgetragen hatte und man sich vor lauter Tafeln und Tischen und Tabletts mit märchenhaften Leckereien kaum hatte durchwinden können zu dem oder jenem Bekannten. Alle standen sie herum und kauten, wo gibt es denn schon solche Unmengen Kaviar und Lachs mit Majonnaise und kunstreich geschmückten kalten Braten von zehnerlei Art, im Musterkolchos „Roter Oktober“ gewiss nicht und auch nicht in den Höhlenwohnungen von Podskal. Nun ja, ein Diplomat muss repräsentieren, hatte sie immer gehört und es auch richtig gefunden. Heute schien es ihr mit einem Mal fragwürdig. Wäre es nicht besser, schicklicher gewesen, man hätte, auch bei so offiziellen Gelegenheiten, einen bolschewistischen Stil zur Schau getragen, Tee und Butterbrot, Strassenkleidung, ein kleiner revolutionärer Vortrag, und hätte den Bürgern das Naserümpfen überlassen, anstatt den Genossen die Zweifel und die Unruhe? Nein, es war besser, sie war nicht mitgegangen und hatte die Chance verpasst, das zerstörte Bild ihres Lieblingsautors nachträglich und mühsam wieder zusammenzusetzen. Vielleicht wäre es dort, zwischen den reichbeladenen Tischen, auf denen über handgewebtem Kasaner Leinen die Silberschüsseln sich üppig türmten, vollends zugrunde gegangen.

Als sie in Bíleks Zimmer trat, um ihre Notiz für die Zweite Ausgabe anzubieten, sass Anatol da.

Sie hatte ihn wochenlang nicht gesehen, längst aufgehört, auf ein Lebenszeichen zu warten. Seit der Silvesternacht war sie ihm nur ein oder zweimal auf dem Korridor, in der Setzerei begegnet, hatte aber nicht mit ihm gesprochen. Sie grüsste kurz und verwirrt, ging nicht einmal bis zu seiner Ecke, um ihm die Hand zu reichen, sondern blieb gleich an Bíleks Schreibtisch stehen.

„Ich habe da eine kleine Kritik über den russischen Vortrag“, murmelte sie, es kam ihr wie Verrat vor, sie wusste nicht recht, ob an ihrem Dichter oder ihrem Geliebten. Aber ehe Bílek den Beitrag noch lesen konnte, war Anatol aufgestanden und zu ihr getreten:

„Sie arbeiten jetzt auch als Referentin bei uns?“ fragte er und sah sie neugierig an, „das hab ich ja gar nicht gewusst!“

Sonderbar, er schien verletzt. Man wusste nicht recht, ob darüber, dass in seinem Blatt oder dass in ihrem Leben Dinge vorgingen, um die ihn zu befragen man nicht für nötig fand. Stehend las er die Notiz.

„Nein, das wird leider nicht gehen, gnädige Frau“, sagte er mit höflichem Bedauern. „Erstens ist es viel zu lang. Zweitens ist es viel zu gescheit für unsere Leser... Sie sind ja viel zu gescheit für die ‚Svoboda‘“, wiederholte er, es klang wie ein Vorwurf. „Und wir haben keinen Grund, aus so unerheblichem Anlass gegen die Sowjetunion Stimmung zu machen. Wenn was Grosses passiert, dann allerdings... dann können wir unsere Leser nicht uninformiert lassen, selbst wenn das Thema nicht in unsere ideelle Linie passen sollte...“

Was sind das für Reden? dachte Hanna geärgert. Ideelle Linie... die „Svoboda“! Man musste sie im Handels- und Inseratenteil lesen, sofern man das verstand. Meinte es Anatol wirklich so? Und wie grotesk das war: der bürgerliche Herr Chefredakteur, der die Belange der Sowjetunion gegen das langjährige Parteimitglied Hanna Last verteidigte.

Bílek war in die Setzerei gerufen worden.

„Wie Sie wünschen“, sagte Hanna verdrossen und zerriss das Blatt langsam in kleine Stücke.

„Aber nicht doch!“ wehrte Anatol. „Schade! Ich hätte den kleinen Aufsatz gern nochmal gelesen, er war geistreich... wie alles, was Sie schreiben, liebe Freundin! Früher hatte ich das Vergnügen, Ihre Arbeiten als Erster vor Augen zu bekommen...“

„Aha, er ist beleidigt! Hab ich mirs doch gleich gedacht. Er ärgert sich, dass ich ohne ihn leben kann. Dass ich wochenlang ohne ihn leben kann.“

Aber schon die Tatsache, dass er – wenn auch nur in der Form leichten Gekränktseins – von ihrer Existenz und ihrem Verhalten Notiz nahm, regte Hanna auf. Nein, sie war durchaus noch nicht fertig mit dem Mann. Sie war ausgerissen, hatte sich gedrückt, hatte sich erlaubt, ihn zu hassen, ganz für sich. Aber sie war durchaus nicht bereit gewesen, sich von ihm vergessen zu lassen. Und dass er sie nicht vergessen hatte, dass er zwischen „Früher“ und „Jetzt“ eine Parallele zog, brachte sogleich all ihr Gefühl in Erregung und Verwirrung.

Sie schaute zu ihm auf, von Bíleks Stuhl, auf den sie sich mechanisch hatte fallen lassen. Er war schön. Daran war nicht zu zweifeln, wenn auch sonst nichts, gar nichts an ihm und in ihm war, das nicht zu vielfältigem Zweifel hätte Anlass gegeben. Er war schön.

Was weiss man denn von einem Menschen, als sein Gesicht. Was er denkt und fühlt, muss man erraten, und wie oft rät man falsch. Was er spricht, ist gelogen, denn wir können nicht anders als lügen. In jedem Augenblick rauscht ein Blatt Wahrheit vorbei, schon ist es umgeblättert, auf jeder nächsten Seite steht, was die vorherige verleugnet und zu Schanden macht. Man kann nichts dafür, nichts dagegen, so ist das Buch des Lebens beschaffen, es ist nichts festzuhalten, noch im Lesen ändert sich der Text.

Aber das Gesicht: da steht es dunkel und schmal gegen den gelblichen Vorhang, so gewusst, so gewiss, so gekannt, Gesicht der Ferne, wie es über dem Schreibtisch, wie es über dem Setzerpult herauftaucht, an seinem gewohnten, alltäglichen Platz, auf dem sie es nun nicht mehr täglich suchen kann... Gesicht, das nur im Abstand seine reinen, schönen, festen Formen gewann und darbot, wie im Rahmen ein Bild an der Wand; aber hielt sie es mit Händen, an ihr Gesicht, dann zerfloss es, und einzeln und wie zusammenhanglos nur, jeder Logik der Form beraubt, fiel die Stirn, die Schläfen, die Wange, der Mund ihren Küssen anheim. Was sie oft, Brust an Brust, vage gespürt, das fasste sie nun mit einem Mal: damit ich dich wahrlich erkennen kann – erkennen im biblischen Sinn – musst du fern mir stehn. Kommst du nah, so wirst du mir konturlos, die Nähe macht dich unkenntlich. Und nichts nützt es, dass ich mich zu dir dränge und du dich zu mir, unsere Liebe ist seit je aus Ferne gemacht.

Als spüre er, was sie dachte, heftete er seine Augen tief und tiefer in die ihren, bis in die Tiefe des Augengrunds, wo sie einen süssen Schrecken verspürte, wie in der Tiefe des Schosses.

Gesicht, o Gesicht, das einzig Wirkliche, das du mir geben kannst, ist dein Gesicht, und im dreifachen Sinn des Wortes: Antlitz, Blick und Vision.

Bílek war wieder hereingekommen, und Proch, der zweite Handelsredakteur, Rýmas Nachfolger, der hier mit Veverka abwechselnd bis zum letzten Nachrichtendienst des Korrespondenzbüros Dienst tat. Hanna stand mechanisch von Bíleks Sessel am Schreibtisch auf, aber ihre Blicke blieben noch an Anatols Blicken hängen. Erst als Musik aus dem Radio erklang, liess sie sie fallen.

„Die Zweite Mahler!“ rief Svoboda in freudiger Erregung. „Ach – und sie sind schon beim letzten Satz... so ein Jammer!“ Er war wirklich traurig. „Immer vergeht das Schönste, wenn man nicht dabei ist...“

Auch Hanna liebte die Symphonie, sie hatte oft mit Anatol von ihr gesprochen, liebte sie sogar mehr als die Achte, deren kritischen Widerhall der Obermetteur eben in einer nassen Fahne heraufbrachte und vor Bílek hinlegte. Die grossen Chöre brausten voll frommer Gewalt aus dem Schallrohr und dann tönte in schmerzlicher Seligkeit das Altsolo auf: „O glaube, mein Herz, o glaube: es geht dir nichts verloren! Dein ist, ja dein, was du gelebt, was du gelitten. O glaube, du wardst nicht umsonst geboren, hast nicht umsonst gestrebt, gestritten...“

Glauben kann man das nur, wenn man es singt, spürte Hanna unbestimmt. Die blossen Worte, läse man sie gedruckt, sagen nichts ... Worte sagen nichts, nur Musik kann – manchmal – etwas sagen...

Sie hörten in ehrfürchtigem Schweigen den grandiosen letzten Satz. Sogar der täppische Proch atmete nicht vor elysischer Entrücktheit, als sich der Himmel des Schlusschors auftat. Dann rauschte der Beifall heraus und man erfuhr, dass man London gehört hatte.

„Gehen wir!“ schlug Svoboda vor und half Hanna in den Mantel, den sie mit hereingebracht und an Bíleks Kleiderständer gehängt hatte.

Sie winkten Gute Nacht und traten durch den zu dieser Stunde verödeten Hausflur auf die Strasse, als wäre es ihr täglicher Weg.

Und war ers denn nicht? An seiner Seite schritt Hanna, so selbstverständlich und leicht, wie vor Zeiten, und an den Strassenübergängen fasste er sorglich nach ihrem Arm.

Unser wirkliches Leben liegt in der Zukunft, hatte Karl geschrieben, und obwohl sie den konkreten Sinn der Vorstellung nicht hatte fassen können, war ihr seither zu Mut, als wäre alles, was sie in Prag erlebt hatte, gespenstisch und unwirklich. Unwirklich schon die Tatsache, dass sie hier war, unwirklich das stockige, düstere Grauen des Flüchtlingsheims, die strenge Runzelstirn der Parteiherrn und die zynische Dialektik oder sture Hörigkeit der Parteilakeien, unwirklich die ganze „Svoboda“ mit ihrer Märchenmaschinerie eines modernen Zeitungsbetriebs, unwirklich die verzehrende Leidenschaft für ihren Chef, Herrn Anatol Svoboda, und die tückischen Wechselfälle ihrer so undefinierbaren Beziehung, unwirklich der Besuch bei Gertrud und sein zugleich erleichterndes und niederschmetterndes Ergebnis, unwirklich zuletzt noch das Auftreten Dr. Bruno Kunzes, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten aus Halle, Sendbote einer einst real gewesenen Welt.

In einem Gespinst von Phantasmen ging man einher, der Boden trug nicht, den man trat, die Gegenwart war nicht die Gegenwart, war nur ein Spinnwebvorhang zwischen Vorher und Nachher, hier galten die Spielregeln nicht, die anderswo das Tun und Treiben der Menschen beherrschten, sie war in ein Spielfeld der Verschworenen getreten, gespenstig sie selbst in ihrer Doppelheit von Tschechisch und Deutsch, fremd und zuhause, Bürgermädchen aus dem zweiten Stadtbezirk Prags und militante Kommunistin aus dem zweiten Zellenbezirk der Partei, gemischt aus vielerlei Geistern, die ihr unseliges Leben bedrängten, wo sie auch schritt und stand... und dahinter der lagernde Berg Hradschin, der diese gespenstige Welt abschloss, so dass man nicht wusste: hätte man nie über ihn hinausverlangen oder hätte man nie über ihn zurückgelangen sollen?

Wo war die Zeit?

Nun schlug wieder der Gleichtakt vierer Schritte auf dem nächtlichen Pflaster. Wenig Menschen waren noch auf der Strasse, die Schritte schlugen auf wie Gongschläge, die jedesmal den neuen Akt ankündigten, mag im vorigen Akt passiert sein, was immer, Liebe, Güte, Verrat, Tod und Leere, vielleicht haben wirs nicht verstanden, vielleicht hat es uns nicht gefallen, der Vorhang fällt, es schlägt der Gong, der Vorhang geht auf, ein neuer Akt beginnt.

„Warum haben wir uns so lange nicht gesehen?“ fragte er in ihre fernen Träumereien.

Ja, warum eigentlich? Weil er andere Frauen hatte... nun, diese Frauen waren gespenstig, wie alles in Prag, von einer nur wusste sie das ferne, blasse Gesicht und es schien ihr, dass sie es schwesterlich hätte lieben können. Dunkel wusste sie die reissenden Schmerzen der Eifersucht, des Verschmähtseins, der Einsamkeit, alles, was sie um ihn gelitten hatte – o glaube, es geht dir nichts verloren!, klang es in fragendem Moll in ihr nach – sie hatte ihn ja nie zu fassen bekommen, er glitt an ihrem Leben vorüber, geschmeidig und unberechenbar wie eine schöne Katze, die Mattscheibe zwischen ihnen verstellte ihr sein klares Bild. War nicht, was sie an ihm liebte, was sie zu ihm zog, von Anbeginn, war es nicht dies Verhüllte gewesen, dies Unerratbare, das in keine Vorstellung passte, die sie sich jemals von Freund und Geliebten denkend oder träumend mochte gebildet haben? Sie selbst war ja der Nähe ausgewichen, sie selbst hatte ihr Leben, das weite, ferne Hinterland ihres wirklichen Lebens von ihm ferngehalten, so sehr sie auch mit Klügeln und Grübeln eine vernünftige Uebersicht über sein Leben erst gewünscht, dann trotzig verlangt hatte.

„Ja, warum eigentlich?“ fragte sie nachdenklich zurück.

Sie wusste plötzlich und schmerzhaft, warum sie einander so lange nicht gesehen hatten. Nach jener Neujahrsnacht hatten sich ehrwürdige, alte Begriffe von ehedem: Würde, Selbstachtung durch das erniedrigende und verworrene Leiden hindurch dringend zu Wort gemeldet. Sie wollte ihn auf die Probe stellen durch ihr Zurückweichen und Ausbiegen. Sie wollte ihn zwingen, sich zu erklären, ihr Verhältnis zueinander zu klären, es „ehrlich zu machen“. Kam er nicht von selbst, dann wusste sie, dass sie einander verloren waren, und sie hatte sich gelobt, von sich aus keinen Schritt mehr zu tun zu ihm hin, und hatte es auch wacker durchgeführt.

Aber wie alles, was ihr im letzten Jahr begegnet war, war auch die unerwartete Lösung des heutigen Abends keine rechte Lösung: sie hatte ihn nicht gesucht, aber doch gefunden. Er war nicht gekommen, und doch war er da. Wie war dies nun zu deuten?

Gewiss, er hatte die Probe nicht bestanden. Er war nicht gekommen, er hatte sie nicht aufgesucht, hatte nicht nach ihrem Verbleib geforscht. Und somit war es, ihrem Vorhaben nach, aus gewesen.

Aber nun, wo sie einander durch Zufall wieder begegnet waren, war er es, der sich ihr aufs Neue näherte, er, der einen neuen Akt ankündigte, mit dem Gleichschritt, der wie Gongschläge auf dem nächtlichen Pflaster hallte. Tief drinnen meldete Hannas empfindliches Selbstgefühl ihr, warum: Er konnte es einfach nicht ertragen, dass eine Frau sich von ihm wegwandte; er selbst musste es sein, der sich wegwandte von einer Frau, sein empfindliches

Selbstgefühl ertrugs nicht anders, nur darum holte er sie heute wieder heran...

„Ich habe Sie vermisst“, bekannte er. Und sowohl Wärme, drängender, auf ein Recht pochender Anspruch klang aus seiner Stimme, wie auch schon Misstrauen und Trotz und die Bereitschaft zum Gegenschlag, falls sie abschlagen sollte.

Sie schlug ab: „Ich Sie nicht!“... „Ich hatte so viel zu tun!“ Es kam stolz und lockend heraus. Sie war Sieger. Sie lenkte. Sie schlug ab. Sie provozierte. Jetzt musste er fragen: „Was denn?“ da er ja wusste, dass ihre Hauptarbeit, die Arbeit für ihn, seit Wochen ruhte.

Er fragte nicht, und sie fügte freiwillig hinzu:

„Für die Partei, für das Emigranten-Komité, für Deutschland...“

Das Letztere war ja nicht wahr. Aber konnte er es wissen und überprüfen? Er kannte ihr Hinterland nicht. Sie konnte getrost die oder jene Landzunge dorther herüberziehen, um sich einen Boden zu schaffen für ihre armselige Einsamkeit.

Ein Schein Trübe huschte über sein Gesicht: da war es wieder, das Unbekannte, das Ungreifbare, das hinter dieser Frau lag und ihn mit Leidenschaft, mit Hass, mit Verlangen und Versagen launisch überfiel...

Sie waren schon in der Nähe ihrer Wohnung.

„Davon würde ich gern hören“, bat er. „Sie erzählen immer so interessant. So ein Bürger wie ich hat ja keine rechte Ahnung von der Welt, in der Sie leben... Darf ich morgen nachmittag eine Stunde plaudern kommen?“

Schon war Hanna gewiss, dass er jetzt durchaus der Schwächere war.

„Morgen bin ich leider vergeben“, sagte sie höflich und empfand Triumphgefühl eines lange Getretenen. Jetzt sollte er nur drängen und warten – wie oft hatte sie drängen und warten müssen. Aber er drängte nicht.

„Schade“, sagte er. „Kommen Sie dann abends zum Umbruch ins Blatt?“

Wie schnell er sich begnügte! Sie hatte erwartet, er würde auf dem Besuch bestehn. Aber ihm genügte der Umbruch.

„Ich glaube kaum“, sagte sie und schon wieder stieg der Trotz in ihr auf.

„Nun, dann sehen wir uns übermorgen abends im Blatt“, legte er fest. Sie standen schon vor ihrer Tür. „Aber dass Sie mir nicht wieder so lange verschwunden bleiben! Sonst muss ich mir wieder so den Kopf zerbrechen!“

„Sie haben sich den Kopf zerbrochen?“ sagte sie ungläubig und erfreut.

„Wie denn nicht?“ erwiderte er, ehrlich verwundert. „Wenn Sie vierzehn, nein sechzehn Tage nicht in die Redaktion kommen..“

Er hatte die Tage gezählt. Hanna schoss es rot zum Herzen. Schon spürte sie, dass er durchaus wieder der Stärkere war.

Genügsam ist der Mensch. Wo er zaudert und zweifelt, misstraut und sich quält, kommt ihm so ein laues, kleines Wort wie Himmelsregen aufs Herz gefallen...

Er musste es merken. Vor der Tür küsste er ihr die Hand, erst aussen, dann innen.

„Also morgen um drei“, sagte er und nahm wie selbstverständlich wieder Besitz.

Sie nickte nur.

19. Kapitel

Wunder der Gourmandise – Wieder einer, der unterkriecht – Sonderbare Hintergründe der Milchaffäre – Der Zweck heiligt die Mittel – Vermischung im Fleisch – Eine voreilige Mitteilung – Das ewige Stück – Verräter verfallen der Feme.

In einem kleinen, dunklen Gässchen hinter dem Nationaltheater hatte Hanna die unscheinbare Konditorei entdeckt, deren Petit-Fours die hundertfältigen Erzeugnisse der mit Recht von altersher berühmten Häuser Šterba, Berger oder Myšák an Köstlichkeit weit übertrafen. Zarte, duftende, winzige Dinge aus Haselnuss, Chokoladencreme, Pistazien, mit wer weiss welchem Zauber zusammengerührt, und leicht gebräunt in einem Herd, unter dem man sich nicht kaltmechanisch Gas oder russige Kohlen vorstellen mochte, vielmehr ein edles Feuer aus Hölzern fremder, geheimnisvoller Länder.

Hier hatte Hanna ihr Teegebäck besorgt, wenn sie Anatol erwartete, und Anatol hatte kennerische kleine Erläuterungen abgegeben über diese Wunder der Gourmandise und hatte sie mit Baudelaire und Debussy verglichen, beim Tee hinter den herabgelassenen Spitzenvorhängen.

Nach langer Zeit trug Hanna wieder ein in Seidenpapier gehülltes Paketchen vorsichtig auf der flachen Hand, als sie zum Kai hinunter und zur Sophieninsel hinüberging. Während sie verträumt vor der sonderbaren Uhr stand, auf der man lesen konnte, dass es jetzt, um elf, in Moskau schon drei Uhr nachmittags – und um drei wollte Anatol kommen! Aber nicht in Moskau würden sie sich treffen... in Mexico City dagegen erst vier Uhr früh – war, kam Arm in Arm ein Paar auf sie zu.

Hanna schüttelte erst Jarmila, dann Jenda die Hand und war verlegen; sie wusste nicht recht, ob darüber, dass sie Jarmila mit Jenda traf oder dass Jarmila und Jenda sie mit einem für Anatol bestimmten Päckchen zartesten Teegebäcks ertappten, das sie vorsichtig auf die linke Hand hinüberbalanzierte, ehe sie die Freunde begrüsste.

„Ja, wir sind wieder zusammen“, erklärte Jarmila geradeheraus. „Das mit der Vilma von ‚Haloh Noviny‘, was ich dir mal erzählt habe – damals, als wir zusammen im Kino waren, weisst du? – das war ein Missverständnis.“

„Wir heiraten sogar!“ fügte Jenda stolz hinzu.

Das tat nun Hanna ein bischen leid. So, als ob die tapfere Jarmila irgendwo unterkröche; obzwar, Jenda war ein netter Kerl und ein guter Genosse...

Jarmila korrigierte: Das sei noch gar nicht sicher, zwar spräche manches dafür, sie könnten dann zusammen wohnen, Jendas Mutter würde ihnen die Wirtschaft führen, es käme dann billiger...

Ruda wohnt doch bei Jenda, fiel Hanna ein, Jarmilas früherer Geliebter.

„Ruda zieht sowieso aus, er geht nach Bratislava“, beantwortete Jarmila unbefangen die stumme Frage.

„Das sind ja Neuigkeiten“, meinte Hanna und versuchte sich zu freuen.

„Ja, die Dinge werden alle sehr einfach, wenn man sie sich ordentlich ansieht“, erklärte Jarmila. „Solange man in der Partei war, hat man nichts ordentlich ansehen können, nicht mal die Beziehung zwischen Mann und Frau. Mal so herum, mal so herum – freie Liebe, Privatleben in Ordnung haben, wie, ist Wurst... dann wieder Familie und trautes Heim – wer soll sich da auskennen! Immer quatschen sie von wie unwichtig das Privatleben ist, dabei ist bei ihnen allen alles in Unordnung! Seit ich draussen bin, ist mir das alles erst so recht klar geworden.“

Das klang beneidenswert.

„Das sind ja Neuigkeiten!“ wiederholte Hanna, es lag Wärme und Sympathie und etwas Wehmut in ihrer Stimme.

„Es gibt noch ganz andere Neuigkeiten!“ verkündete Jarmila geheimnisvoll. „Komm mit ins ‚Slavia‘, wir können doch hier nicht ewig um den Kiosk herumgehn, ich hab schon eiskalte Füsse... Ich erzähl dir... du wirst staunen!“

So gingen sie also ins Café und setzten sich in den hintersten, dunklen Raum – nein, Hanna, am Fenster ziehts doch so, du muss dich doch endlich mal sattgesehen haben am Hradschin, Romantikerin, die du bist!

Während Jarmila so mit Herzlichkeit auf die Freundin schalt, flüsterte Jenda ihr etwas zu.

„Absichtlich erzähl' ich ihrs!“ widersprach Jarmila ihrem Freund. „Damit sie sich endlich entschliesst, aus dieser Mistpartei auszutreten! Sie ist zwar verdreht und hysterisch, aber im Grund ist sie doch eine tapfere und anständige Person. Es lohnt sich, sie zu gewinnen.“

Hanna musste lachen, als die Freundin so unumwunden ihr Urteil abgab. Sie bezeigte sich interessiert für das, was Jarmila berichten, Jenda, wie es schien, nicht preisgeben wollte. Als sie es alsbald erfuhr, war sie allerdings sehr bestürzt.

„Du erinnerst dich doch noch an die Milchaffäre?“ fragte Jarmila zur Einleitung. Freilich erinnerte sich Hanna. Die Entwicklung der Milchaffäre hatte ihre eigene Entwicklung durch ein volles halbes Jahr begleitet. Sie wusste noch genau die Einzelheiten, denn sie waren verknüpft mit vielerlei Etappen von Zweifeln über die Motive ihrer positiven Stellung zur „Svoboda“ (die damals in demokratisch-fortschrittlicher Sachlichkeit die Seite des „Melka“-Konzerns vertreten hatte) und wusste noch, wie verquickt das alles gewesen war: Doktrin, gesunder Menschenverstand, aufkeimendes Interesse für Anatol, revolutionäre Gewissensbedenken und aesthetisches Unbehagen, dies letztere über die hohlen Tiraden, mit denen die Parteiblätter die Sache der „Svoboda“-Genossenschaft verteidigt hatten. Freilich erinnerte sich Hanna an die Milchaffäre!

Nun also, Jarmila und Jenda wussten aus einwandfreier Quelle, was damals der tiefere Grund der ganzen Kampagne gewesen war.

Ein Mitglied des Zentralkomitées hatte mit Geldern, die für die Rote Hilfe, für den Arbeitslosenfonds und ähnliche löbliche Zwecke gesammelt worden waren, durch einen Strohmann das grösste und besteingerichtete Milchgut Böhmens gekauft. Als dann die Grossproduzenten sich in der „Melka“ zusammenschlossen, hatte er den

Augenblick kommen gesehen, um einen kapitalen Fischzug zu machen: Blieb er, respektive sein Gewährsmann, auf Seiten der „Melka“, so war – im Falle, dass die „Melka“ das Monopol bekam – sein Profit nur ein Teil des allgemeinen Profits. Schlug er sich aber ins andre Lager, oder vielmehr, schuf er aus Tausenden wirtschaftlich ohnmächtiger Kleinhändler und Häusler ein Lager, das sich ebenfalls um die Staatslieferungen bewarb, dann konnte er im Falle des Sieges die Monopolgewinne so gut wie allein einstreichen. Denn die „Abteilung Molkereiprodukte“, die er ad hoc geschaffen und der „Svoboda“-Genossenschaft angegliedert hatte, war eine Schar rat- und hilfloser Trabanten in seiner Hand. Er hatte ferner die gesamte Parteipresse gratis für die Propaganda zur Verfügung, während die „Melka“ riesige Bestechungsgelder an die auf viele Richtungen verteilten bürgerlichen Blätter zahlen musste. Er hatte den Kommunistischen Senatorenklub, die kommunistische Parlamentsfraktion, er hatte das Gesundheitsamt, dessen sozialdemokratischer Minister ein ehrlicher Gegner der grosskapitalistischen Kartelle war, er hatte nicht zuletzt die Tausende Einzelkuhbesitzer, die um ihre Pfennige zitterten und mit denen man, falls es nottat, wirksame Strassendemonstrationen à la Dreigroschenoper arrangieren konnte. Ging die Sache schief, das heisst, gewann die „Melka“ das Monopol, so stand seinem nachträglichen Beitritt zu diesem mächtigen Konzern nichts im Wege. Gewann aber die „Svoboda“-Genossenschaft, dann war er von vornherein ihr mächtigstes Mitglied und indizierter Leiter.

All das war nicht einmal ein purer Schurkenstreich. Es war einfach nach der Parteithese „Der Zweck heiligt das Mittel!“ entworfen und durchgeführt, und nachdem durch Beamtenbestechung, Erpressung und Drohung sowie durch politische Schiebungen undurchsichtiger Art der „Svoboda“-Genossenschaft endlich das Monopol gesichert gewesen war, hatte der „rote Basil Zaharoff“ – wie die Eingeweihten ihn nannten – alsbald je einen grossen Betrag an die Rote Hilfe und an den Arbeitslosenfonds abgeführt. Gleichzeitig allerdings hatte er die kleinen Leute, in deren Namen und zu deren scheinbarem Vorteil die Kampagne geführt worden war, durch Preissenkungen so ins Gedränge gebracht, dass sie nunmehr praktisch nur seine Handlanger und Lieferanten seiner Mustermolkerei waren. Der Oberschieber – sein Name wurde nicht genannt – war übrigens kürzlich, in einer Nachwahl, Senator geworden.

Hanna war höchlichst erregt: Wie denn und was denn? Sie liess sich so viele Details erzählen, als die beiden Genossen nur wussten.

„Und zu so einer Partei gehörst du!“ schlossen sie triumphierend. Denn es war nicht zu leugnen, der „rote Zaharoff“ hätte seine Schiebungen unmöglich ohne Mitwissen und vielleicht Mitwirkung der einflussreicheren Parteileute durchführen können. Sie hingen alle mit drin, auch Ladislav, der Leitartikler, war natürlich nicht blind und nicht ohne Handgeld ins Geschirr gegangen. Und von ihm, der jetzt so schmählich von der Partei kalt- und blossgestellt worden war, von ihm – so deuteten sie an – wussten sie die ganze Geschichte.

„Und wird er es in die Presse bringen?“ fragte Hanna atemlos.

„Aber woher denn!“ entrüsteten sich die beiden Genossen; die Partei mag eine Schweinerei sein und ihre Führer Schweine oder Schweinehirten – aber der bürgerlichen Package gibt man sie doch nicht preis, selbst wenn sie einen so niederträchtig behandelt haben, wie den Láďa. Ausserdem... blosse Gerüchte haben da keinen Wert, man muss da zu seiner Sache stehen, das ist ein schmutziges Geschäft, und nicht zuletzt ein gefährliches, der Arm der G.P.U. reicht weit... Verräter verfallen der Feme!

Das musste Hanna einsehen. Aber sie ging höchst verwirrt nach Hause und dachte noch an den Fall, als pünktlich um drei Anatol an ihre Tür klopfte.

Er hatte ihr einen Veilchenstrauss mitgebracht. Gerührt tauchte Hanna ihr Gesicht in das duftende Dunkelviolett.

„Wie sie riechen!“ sagte sie überrascht. „Jetzt im Februar! Das ist aber lieb von dir!“

Sie wars, die wieder angefangen hatte, Du zu sagen. Sie bemerkte es sofort. Und Anatol bemerkte, dass sie ein anderes, schlechteres Zimmer hatte, und rügte es in zarten Worten. Ob sie denn kein Vertrauen zu ihm hätte? Er sei doch, über alle kleinen Missverständnisse hinaus, ihr treuer Freund.

Ein kleines Missverständnis, die Geschichte mit der Vilma von „Haló Noviny“, hatte Jarmila gesagt. Und dass alles einfacher würde, hätte man sich nur erst mal die höllische Maschinerie der Partei vom Halse gerissen...

Vielleicht war die Blasse damals wirklich seine Schwester, erwog Hanna zweifelnd. Wer weiss denn... So verwirrt, wie ich damals war. Eifersüchtige hängen sich immer an Hirngespinste. Man sucht nach vernünftigen Gründen für seinen unsinnigen Schmerz. Man liebt ihn, den unsinnigen Schmerz, man nährt ihn, man pflegt ihn. Aus Selbsthass und Angst gibt man sich dem Schmerz hin. Wo es doch so einfach wäre.

„Nimm es ein bischen einfacher!“ hatte Karl in seinem letzten Brief geschrieben. Und hatte Anatol verteidigt gegen sie. Karl hatte ihren Geliebten verteidigt gegen sie.

Wahrlich, sie hatte ihm viel Unrecht angetan, sie hatte ihm viel abzubitten – sie wusste nicht recht, wem: Karl oder Anatol, oder beiden, als sie die schäbigen Vorhänge herunterliess.

Und als sie ineinanderdrangen, war es Anatol und Karl zugleich, die sie umfangen hielt. Vom Scheitel kam es herabgerieselt über das Rückenmark, den Hals, die Brust, die Hüften entlang brauste es, schwoll hoch und jauchzend an im tiefsten Grunde des Schosses und verebbte langsam an den Knieen... Tiefatmend schmiegte sie sich in des Mannes Achsel, dunkel wars, es war ein Schneesturm am Himmel, der trüb vom Hof her durch die Vorhänge schien.

Vertrauen des Körpers nach vollbrachter Gemeinsamkeit, Mysterium der Ehe... Karl, in deinen Armen ists wohl sein, vergessen war die unbefriedigte Bitternis der „kleinen Lust“, der kargen, aus Selbstsucht geizig nur entlassenen, und gegenwärtig war die grosse, tiefe, geheimnisvolle Freude der Verschmelzung, da das Ich der Frau im Du des Mannes ertrinkt, Ehepaar, ewiges Paar, Karl, an deiner Seite ruh' ich und es gibt nicht Ich und nicht Du .....

„Du wolltest mir doch etwas berichten?“ mahnte der Mann und strich ihr zärtlich über den nackten Arm. Da spürte sie, dass es Anatol war und erschrak. Die beiden Männer hatten sich in ihrem Fleische vermischt, sie hatte sie beide betrogen.

Und sie sah sich an und ward gewahr, dass sie nackt waren. Schnell griff sie nach ihrem Schlafrock, nach einer Decke, bedeckte sich und den Mann.

Sie bereitete Thee auf ihrem Spirituskocher, holte Tassen herbei und die kleine Kanne, die sie liebhatte vom ersten Besuch Anatols her, stellte den Teller mit zartem Gebäck dazu. Karl isst doch eigentlich lieber Pflaumenkuchen, dachte sie verwirrt.

„Du wolltest mir etwas erzählen“, wiederholte Anatol und griff in sein über dem Stuhl hängendes Jakett nach einer Zigarette. Er schaute sie fragend und voll schmerzlicher Wehmut an. Hatte er gespürt, dass sie statt seiner ihren Gatten umarmt hatte?

Sie wünschte dringlich, den Verdacht in seinem Blick zu zerstreuen. Und dringlicher noch wünschte sie, die schreckliche Last wegzuwälzen, die Erbsünde, die sich plötzlich auf sie herzuwälzen schien. Wenn sie wie zu ihrem Gatten zu ihm sprach, voll Vertrauen, ohne Hinterhalte, vielleicht, ach, wehrte sie dann der Schande den Zutritt, vielleicht erhob sie dieses klägliche Verhältnis mit ihrem Gelegenheitsbeischläfer zu einer echten Intimität der Personen, vielleicht rechtfertigte sie sich damit vor ihrem Geliebten, den sie, sie spürte es dunkel, missbraucht hatte, so oft sie sich hatte von ihm missbrauchen lassen, vielleicht konnte sie ihre Liebe zu Karl mit ihrer Liebe zu Anatol endlich auf einer höheren Ebene in eins bringen, ohne Furcht vor Begegnungen der beiden in der Welt und in ihrem Fleisch...

Dies alles spürte sie dunkel, es drang nicht bis zum Gedanken vor. Aber es strömte in das Fieber ihrer Worte, mit denen sie sich nun aus dem Bann zu lösen suchte. Sie erzählte.

Sie erzählte, was sie am selben Tag von den Genossen erfahren hatte, erzählte es zitternd, erregt, ausführlich, lenkte ihre ganze Aufmerksamkeit und all ihre Gedanken darauf, als ob die Schuld der andern – Schuld ganz andrer Art – ihr Rechtfertigung bieten sollte für die eigene Schuld; so stellte sie den fremden Mann bloss, den sie nicht einmal von Angesicht kannte, gab die Partei preis, der Jahre ihres besten Lebens gegolten hatten, die ihr im Fleische sass, wie der Stachel der Lust, die sie gehütet hatte mit Eifersucht, einem Begleitgefühl bürgerlichen Besitzwahns, nun gab sie sie preis, Hanna, Hanna Last, du bist in Schande gefallen.

Der Mann hörte erstaunt zu, stellte aufmunternde Zwischenfragen, und während er sich ankleidete, holte er aus ihr heraus, was in Monaten sich aufgespeichert hatte. Dann machte er Licht.

„Das ist ja eine tolle Geschichte“, sagte er. „Sehr interessant! Nun, da siehst du, was ich dir immer gesagt habe: Politik ist ein dreckiges Geschäft. Besonders für Frauen.“

Bei dieser banalen Bemerkung erwachte sie ruckartig wie aus einem wüsten Traum. Ein Schrecken flog ihr über die Glieder. Was hatte sie getan? Das war ja ein fremder Mann, ein fremder Mann, ein fremder Mann.

Aus Nervosität und Verwirrung begann sie zu weinen.

„Anatol... schwör' mir, dass du das sofort vergisst! Es war eine Phantasie von mir! Es ist nicht wahr! Ich hab' manchmal solche groteske Phantasien! Ich hab' was Sadistisches in mir, oh Gott, Anatol, schwör' mir, dass du mir glaubst, es ist alles nicht wahr!“

Der Mann sah sie mit neugieriger Verwunderung an.

„Aber rege dich doch nicht so auf, Kind!“ sagte er. „Ich hab's gar nicht so ernst genommen. Es ist mehr eine heitere Geschichte.“

Hanna war totenübel zumute. Sie nahm eine Kognakflasche aus dem Schrank, stürzte ein Glas hinunter, dann bot sie Anatol eines an. Er dankte. Sie sah ihn im Waldrestaurant in Štěchovitz dem Kellner fünf Bier und zwei Sliwowitz bezahlen, es grauste sie. Dort war der Formismord passiert. Verräter verfallen der Feme.

Als er ging, liess sie ihn nochmals versprechen, dass alles nicht sollte gesagt worden sein.

* * *

In früheren, besseren Monaten war sie nach Anatols Nachmittagsbesuchen abends unfehlbar in die „Svoboda“ gegangen. Sich Bestätigung holen, dass er noch da war, an seinem gewohnten Platz, dass das alles kein Traum gewesen war, ihn still mit den Augen grüssen, dankbar und schmerzlich zugleich. Und immer war ihr gewesen, als fände sie dann erst recht zu ihm, heim aus einer Fremde.

Dieser Trost war heute verwehrt. Zu viel, zu viel war geschehen. Sie musste fort. Fort... wohin denn? Ach, nur in die Strassen hinaus, laufen, rennen, es war schon dunkel, die Tage waren noch kurz.

Bis in die Vorstadt lief sie hinaus, auf der Flucht vor den eigenen Gedanken, und als sie schon kaum mehr gehen konnte, fiel sie ins erste beste Kino, hier waren sie nicht gross und prächtig, wie auf dem Wenzelsplatz, die hölzernen Sitze klapperten laut, wenn Leute kamen und gingen, der Vorführapparat war schlecht, auf der Leinwand flimmerte es, dann erschien ein Stück, in dem die Menschen auf dem Kopfe gingen, die Zuschauer trampelten und pfiffen wild, bis das Bild wieder umgedreht wurde, es roch nach slovakischem Eselskäse und Bier. An Hannas Bein strich ein grosser grauer Kater vorbei und fauchte bös, weil sie ihm in der Dunkelheit auf den Schwanz getreten war.

Aber es war doch eine Erlösung, hier im Dunkel zu sitzen, zwischen fremden Leuten, die einen nicht kannten, die nicht fragten, die nichts wussten und nichts wissen wollten. Hanna kauerte sich in ihren unbequemen Sitz, und ihr Atem begann ruhiger zu gehn. Sie schaute kaum hin, wie auf dem bewegten Bild Menschen sich küssten, stritten, trennten, und dann wieder küssten und stritten, ohne ersichtlichen Grund. Sie erinnerte sich wehmütig, wie sie vor zwanzig Jahren, in den gesegneten Zeiten der durchaus stummen, aber wie aufregenden Detektivfilme von Arsène Lupin und Stuart Webbs ihren Vater gefragt hatte: Warum dies? Und warum das? Und der Vater hatte trocken geantwortet: Damit das Stück bis zum Ende der Vorstellung dauert!

Wieviel Lebenskenntnis der Vater doch besessen hatte... Ja, das war wohl der letzte Sinn all des Laufens und Rennens, all der Umarmungen, Trennungen, Abschiede, des Sichwiederfindens und neuerlichen Trennens, all der Verwirrung, die man nicht verstand: dass es genug lang dauere, dass die leere Leinwand des Lebens bewegt und ausgefüllt bleibe, bis zum Schluss....

Aber nun sah sie doch hin, denn auf dem Bild marschierten nun endlose Reihen Soldaten vorüber, dann kamen Mädchen in Sportdress mit herausfordernd glücklichen Gesichtern, dann Tanks und Kanonen in streng militärischer Ordnung, und wiederum Soldaten, auf der Mütze trugen sie den fünfzackigen Sowjetstern. Aus einem Lautsprecher krächzte es hohl, dies wäre das prachtvolle Défilé, das die hochzuschätzenden östlichen Verbündeten an ihrem Staatsfeiertage – „Revolution“ sagte er nicht, damit die Zuhörer hier im Proletarierviertel nicht etwa auf schlechte Gedanken kämen – nun also, zur Feier ihres neuen Staates abgehalten hätten. Roter Oktober in Moskau ... jetzt war es Februar. Die Botschaft aus dem Osten war mit arger Verspätung in die Vorstadt gekommen. Das Žižkower25 Kino nahm Wochenschau, die auf längst verflossene Wochen zurückschaute, alte Wochen sind billiger, nur das Neue ist teuer.

Dann sah man den neuen englischen König, auch dieser ein wichtiger Herr, lange genug hatte er warten müssen, dass der

Alte stürbe, das war vor einem Jahr gewesen. Liftschitz hatte ihr davon erzählt, bei ihrem ersten Besuch in der Setzerei, und was damals für eine Panik entstanden war, weil der alte englische König ausgerechnet knapp vor Blattschluss hatte sterben müssen. Der junge sah hilflos und nett aus. Eine Königin hatte er nicht, na, wird sich schon noch eine finden, die ihn nimmt, jetzt kommen schon wieder Soldaten, deutsche Soldaten, und deutsche Tanks, und dann deutsche Arbeitskolonnen, die sauber und ordentlich die Moore trocken legen, das sind die aus den Konzentrationslagern, aber der Lautsprecher sagte es nicht.

Ueberall ist die drohende Welt, Osten, Westen, in der Mitte, kein Entrinnen gibts, aber aus dem Kino kann man hinausgehn, wenn einem zu viel dazu einfällt, und Hanna ging hinaus, während auf der Leinwand das Stück neu begann mit Küssen und Streiten und Abschied und Küssen, das ewige Stück.

Sie ging durch die Strassen. Es war Freitag abend, Lohntag, die Kneipen waren voll, man sah schon betrunkene Männer. Die Frauen trugen gefüllte Markttaschen aus abgenütztem, schwarzem Wachstuch und hatten Kopf und Schultern eingehüllt in gewirkte Schals aus Chenilleraupen, die samtig im Laternenlicht glänzten.

Als sie durch den Žižkower Viadukt war, schien das Proletariat dahinter plötzlich abgeschnitten. Keine Arbeitermützen sah man mehr, die Frauen waren Damen und trugen kecke Hütchen, manche schon gar aus frühlingshaftem Stroh, aber das Gesicht darunter war noch im Pelzkragen verstaut, es war Abend und kalt, Februar.

Wohin? Noch einmal ins Kino... Nun ja, nur sitzen und dämmern. Das Kino ist gross und nobel, die roten Lämpchen vor den Logen mit kupfernen Engeln verziert, auf der Leinwand aber sieht man einen Keller, in dem rechts und links Burschen in halbmilitärischer Kleidung Spalier stehen und ein Mann wankt hindurch. Sind es schon wieder Nazis? Nein, es sind irische Freischärler, wie sich zeigt, eine Geheimorganisation. Einer hat sie verraten, sie wissen noch nicht welcher, jetzt ist Femgericht, die Zeugen werden vernommen, aber sie finden den Richtigen nicht. Der, der sie verraten hat, es ist – natürlich – einer der Ihren, und noch dazu der Freund des Führers, treibt sich inzwischen in den nächtlichen Strassen herum, gejagt vom Gewissen, und verschleudert den Judaslohn mit Bettlern und Huren. Bald wird er zu Falle kommen, er fühlt es, er weiss es, da ist kein Entrinnen, Verräter verfallen der Feme, das Schwarze hat sich aufgetan, es kann nur noch Stunden dauern, trinken, trinken, saufen, noch mehr, Wein her, Bier her, Champagner her, Schnaps her, Schnaps, Schnaps, Schnaps....

Hanna wartete nicht ab, bis die Nacht nach dem Verrat im Morgendämmer licht wurde. Nein, es gibt kein Entrinnen. Wohin man auch flieht, dort ist das eigene Schicksal und grinst einen an. Sie schwankte hinaus, wie durch ein Spalier schweigender, feindlicher, ahnender Blicke.

Sie ging in die kleine Weinstube nebenan, in der sie manchmal mit Anatol gesessen war, und bestellte Wein.

Vielleicht kommt jetzt die Leichtigkeit wieder. Die helle, unbeschwerte, selbstverständliche Leichtigkeit, wie zu Anfang, als sie manchmal mit Anatol hier gesessen war. Das ist lange her. Die Leichtigkeit war noch irgendwo, in der Luft, ungreifbar, unsichtbar, unbeweisbar, sie konnte wiederkommen, gestern um diese Stunde war sie ja wiedergekommen, nach langen Wochen voll Trauer und Schwere hatte man auf einmal wieder fliegen gekonnt, man flog, man flog, der Mann hielt einen bei den Kreuzungen zart am Ellenbogen, damit man nicht stürzte und zerbrach.

Aber der Mann war fort.

Vor Stunden noch hatte sie ihn in den Armen gehalten .... aber er wars nicht gewesen, es war der andere gewesen, der mit dem geschorenen Kopf, in grauer Sträflingskleidung. Nur stundenweit ist er räumlich von ihr entfernt, er wartet, dass es Oktober wird. Nicht Roter Oktober. Nur Oktober.

Noch ein Glas, Kellner! Noch ein Glas! Bringen Sie mir gleich eine halbe Flasche. Und einen Kognak.

Es wurde ihr heiss. Sie hatte nichts im Magen, war keinen Alkohol gewohnt. Es wurde ihr so heiss, sie wurde so müde. Schlafen gehn, spürte sie.

Die Rechnung machte fast genau so viel aus, als sie gerade noch hatte. Das letzte Kleingeld bekam der Taxi-Chauffeur.

Sie fiel bleiern aufs Bett und schlief schon, ehe sie auch nur das Licht hatte abdrehen können.

20. Kapitel

Man müsste Ordnung machen – Bittere Erinnerungen – Zeilenschreiber rechnet zusammen – Eine sensationelle Ueberschrift – Der Chef ist verreist – Das Bewusstsein streicht die Segel.

Sie erwachte spät und mit wüstem Kopf. Sie kochte sich einen schwarzen Kaffee und fand im Schrank ein paar Zwiebäcke.

Den Schrank muss ich aufräumen, dachte sie. Morgen werde ich mal den Schrank aufräumen. Nein, gleich. Wer weiss, was morgen ist.

Sonntag ist morgen! Anatol wird nach Brünn fahren. Ich geh dann abends nach Karolinenthal. Nein, nach Karolinenthal kann ich jetzt auch nicht mehr. In die Redaktion ... nein, die Redaktion ist zu; im Gang ist es dunkel am Sonntag, man findet nicht mal den Lichtschalter, wenn man sich ein Wörterbuch holen will. Ich müsste arbeiten. Ich muss Geld verdienen. Ich habe kein Geld.

Sie kramte unschlüssig in den Kästen. Das Couvert, das ihr Dr. Kunze zur Aufbewahrung übergeben hatte, fiel ihr in die Hand. Der hat doch auch wiederkommen wollen, fiel ihr ein. Der Aerztekongress ist doch schon vor vierzehn Tagen gewesen. Ich kann das Geld nicht so lange hier aufheben. Es kommt noch weg. Schliesslich vergreif' ich mich noch mal dran. Ich will das Geld nicht hier liegen haben. Ich muss es auf einer Bank deponieren. Morgen. Ach, morgen ist Sonntag. Also übermorgen.

Ihr Blick fiel auf Rositas braunes Samtkleid, das unter dem Regenmantel hervorhing. Am Neujahrstag hatte sie es zurückbringen wollen, damals, als ihr so schlecht gewesen war, als sie geglaubt hatte, sie sei schwanger. Sie lächelte müde. „Das sind nun eitle Gedanken“, summte sie mit geschlossenen Lippen – Mahler's Kindertotenlieder. Ihre Hand glitt langsam an dem glänzenden Samt herunter, der Zipfel Melodie blieb in der Luft hängen. Wieso habe ich das Kleid überhaupt noch hier, dachte sie unklar. Morgen trag' ich es zurück. Nein, Morgen ist Sonntag. Also übermorgen.

Heini und Rosita sind nicht in Prag. Sie fahren jeden Sonntag hinaus – Skilaufen jetzt wohl. Nie hatten sie sie aufgefordert, mitzufahren. Wie gern sie wieder einmal Ski gelaufen wäre! Seit Deutschland war sie nicht mehr im Schnee gewesen. Und auch im Sommer hatten die Geschwister sie niemals zu einer Sonntagsfahrt eingeladen. Jeden Sonntag fuhren Heini und Rosita hinaus, nach Karlsbad, an die Sázava, in den Böhmerwald. Nie hatten sie sie aufgefordert, mitzukommen.

Mehr als ein Jahr, fast anderthalb Jahre lebte sie nun in derselben Stadt mit ihnen, und hatte den Bruder nie anderswo gesehen, als in seinem prächtigen Haus, Donnerstags beim Mittagessen. Er hatte sie nie eingeladen zu gemeinsamem Spaziergang, Ausflug, Theaterbesuch. Er hatte sie nie besucht. Zwei- oder dreimal hatte er ihr durch den eleganten Diener ein Lebensmittelpaket geschickt, und Hanna hatte die Sardinen, die sie selbst nicht mochte, den Emigranten geschenkt.

Was da schon wieder für Zeug aufgestapelt liegt, dachte Hanna verdrossen und schob die Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren ratlos hin und her. Sie hatte so wenig Wäsche und Strümpfe, verstecken konnte man da nichts. Früher hatte sie die Schriften zu Anatol getragen. „Du übertreibst!“ hatte er leichthin gesagt; „Wer soll denn bei dir eine Haussuchung machen?“ Und dann hatte sie die „Imprekorr“, in kleine Stückchen zerfetzt, von der Brücke in die nächtliche Moldau geworfen....

Jetzt lagen hier trotzkistische Schriften, von Luise gebracht, Schriften von der Lysák-Opposition, von Jarmila gebracht, das Wochenblättchen, das Jenda herausgab.

Jenda und Jarmila wollen heiraten. Jeder kriecht irgendwo unter. Man wird so müde vom Alleinsein.

Ich muss die Schriften wegbringen, dachte sie. Morgen. Ach, morgen ist Sonntag. Also übermorgen.

Sie schloss den Schrank zu und machte sich zum Ausgehn fertig. Morgen ist Sonntag. Die Kasse der „Svoboda“ ist heute nur bis eins offen. Und Hanna hat kein Geld, sie muss Geld holen, muss sich ihre Rechnung vom Chef unterschreiben lassen, für die Notizen, die sie übersetzt hat, von der Frau, Theresa Vaughn mit Namen, aus Sheffield in England, die sich innerhalb von fünf Jahren zweiundsechzig Mal hat scheiden lassen, und darüber, dass der geistige Arbeiter eigentlich ein körperlicher Arbeiter ist, weil er pro Stunde Lesen mehr als hunderttausend Muskelkontraktionen vollbringt, freilich weiss er es nicht und hält sich eben für einen geistigen Arbeiter... Wer weiss denn, was er ist.

* * *

Hanna trat ins grosse Mittelzimmer; der Photograph Viták spielte mit einem Besucher Schach, der Archivar Klaus klebte Ausschnitte auf, die Diener holten Zeitungen von den Haken und Folianten von den Borden, an der Schreibmaschine, die Hanna zu benützen gewohnt war, sass ein fremdes Mädchen mit wirrem Haar und hielt, während sie tippte, ein scheussliches, gellend kläffendes Hündchen auf dem Schoss.

Hanna sah die „Svoboda“ der vergangenen Woche durch, zählte Zeilen in „Interessantes aus aller Welt“, schrieb die Anzahl der Zeilen neben die komischen Ueberschriften, die Karlíček ihren Beiträgen zu geben pflegte.

„Getrenntes Ehebett“ las sie geistesabwesend. Ach, das war die Geschichte von dem Ehepaar, das hatte gleichzeitig ein gemeinsames und zwei getrennte Schlafzimmer haben wollen, um je nach Bedarf zu zweit oder allein zu sein. So hatten sie ihre Betten je rechts und links von einer Zimmerwand aufgestellt und in der Länge des Bettes einen Ausschnitt in die Wand machen lassen, die ihre Schlafzimmer trennte, und der Ausschnitt war mit einem Rolladen zu schliessen, wie eine Ladentür: wollten sie zusammen schlafen, dann schnellten sie die Jalousie hoch und lagen im Ehebett. Wollten sie allein schlafen, liessen sie die Jalousie herunter. Aber einmal war der Rolladen auf sie heruntergesaust, als sie gerade zueinanderwollten, und hatte der Frau den Arm zerschmettert. Sie hatten zugleich getrennt und zusammen schlafen wollen, verrückte Amerikaner, so was gibt's ja gar nicht.

Hanna zählte die Zeilen zusammen und multiplizierte mit dreissig. Dreissig Heller gab es pro Zeile. Dreissig Silberlinge.

Es kamen zweiundsiebzig Kronen neunzig Heller heraus. Wenig. Muss mehr arbeiten. Wie kann man denn mit dreihundert Kronen im Monat leben. Es fiel ihr ein, dass nach einer neuesten Statistik dreihundert Kronen der durchschnittliche Monatsverdienst eines mittleren Arbeiters war. Und da lebt die ganze Familie davon, entsetzlich, sich das vorzustellen. Ich muss aber doch mehr arbeiten. Nachmittag hab' ich die Spanisch-Stunde. Will sehen, ob mir der Mann nicht einen Vorschuss gibt auf das Monatshonorar.

Als sie hinausgehen wollte, um sich ihre Rechnung unterschreiben zu lassen, dachte sie an Anatol. In den letzten Wochen hatte immer Karlíček unterschrieben, er hatte Vollmacht für so kleine Beträge. Sollte sie heute zu Anatol hineingehen? Was war eigentlich gestern passiert? Sie waren ja nicht mehr „böse“, da sie zusammen geschlafen hatten. Zusammen und getrennt, dachte sie, wie die Amerikaner in dem komischen Bett mit der Jalousie. Was war eigentlich vorgefallen? Ihr Kopf war noch ganz wüst.

Ich weiss gar nicht, was los ist, dachte sie, und als sie mit leeren Blicken um sich schaute – überall Zeitung, Zeitung – fiel ihr ein, dass sie noch nicht einmal die Zeitung gelesen hatte.

Sie nahm eine „Svoboda“, setzte sich auf den Tisch, zündete eine Zigarette an.

„Skandalöse Vorgänge hinter den Kulissen der kommunistischen Partei“ las sie in Vier-Cicero-Lettern auf der zweiten Seite, und die Zigarette fiel auf den Boden. – „Der Rote Zaharoff – proletarische Mustermelkmaschinen – bestochene Senatoren – die „Svoboda“-Genossenschaft, ein betrügerischer Luftkonzern“ las sie, und der Text der Untertitel verschwamm ihr vor den Augen. Sie glitt vom Tisch herunter, las die zwei Spalten Text stehend im Korridor. Eine fremde Dame, die von der Strasse heraufkam (immer glauben die Leute, dass man hier die Inserate aufgibt, dachte Hanna mechanisch), schaute erstaunt auf die grosse, magere Frau mit dem blonden Schopf und den dunkel brennenden Augen, die von vielen, winzigen Fältchen umrahmt waren. Hanna zitterte so heftig, dass das Blatt in ihren Händen knisterte.

„Wohl ein Todesfall?“ fragte mitleidig die fremde Dame und legte ihr im Vorübergehen leicht die Hand auf die Schulter. Hanna strich sich das Haar aus der Stirn und blinzelte.

„Ja, ein Todesfall“, sagte sie tonlos.

Da stand es. Alles, was Jarmila und Jenda ihr gestern vormittag erzählt hatten. Alles, was sie gestern nachmittag Anatol erzählt hatte.

Er hatte keine Zeit verloren. Aus ihrem Bett musste er direkt in die „Svoboda“ geeilt sein, um den tödlichen Text zu verfassen. Die Setzer haben es nicht gern, wenn man ihnen im letzten Moment vor dem Umbruch noch neues Material bringt. Vokáček kommt sowieso immer so spät aus dem Parlament.

Die Leute, die hin und wiedergingen, warfen Hanna sonderbare Blicke zu. Hier kann ich nicht stehen bleiben, fühlte sie.

Sie ging an den Milchglasscheiben entlang zum Büro des Chefs. Ihre Füsse schleiften auf dem Boden. Sie drückte den Knopf an der verschmitzten Klinke, aber die Tür gab nicht nach. Sie war zugesperrt. Der Chef war nicht da.

Hanna schlich weiter, zu Karlíček. Auf dem Fauteuil vor seinem Schreibtisch sass das Mädchen von vorhin mit dem widerwärtigen Hund auf dem Schoss. Auf dem Sofa in der Ecke lag ein homosexuell aussehender Jüngling mit gelber Krawatte und putzte sich die eleganten Nägel. Karlíček sortierte die Post und warf in den Papierkorb links neben sich grosse Berge von Briefen und Manuskripten. (Die Leute legen auch nie Rückporto bei, das müssten sie doch endlich wissen, jeden Tag steht es im Blatt, dachte Hanna mechanisch.)

„Meine Braut“, sagte Karlíček flüchtig aufschauend und wies auf das Mädchen, das ihren Köter mit Bonbons fütterte. – „Was ist dir, hast du Kopfschmerzen?“ sagte er zu Hanna und blickte sie aus seinen klugen, schläfrigen Äuglein wissend an.

„Wo ist der Chef?“ fragte Hanna, ohne die andern zu beachten. „Sein Zimmer ist ja zugesperrt.“

„Der Chef?“ fragte Karlíček zurück und machte das e sehr lang, „Der Chef ist gestern abend nach Brünn gefahren. Kommt erst übermorgen.“

Feigling! Mörder! Lump! schrie es in Hanna auf. Sie grub die Nägel in die inneren Handflächen.

„Brauchst du Geld? Ich kann dirs ja unterschreiben“, bemerkte Karlíček und sah sie neugierig an.

Aber sie lag schon auf dem Teppich.

21. Kapitel

Die Bombe ist geplatzt – Begründet verdächtig – Ein schwarzer Sonntag – Amtsbesuch zu früher Stunde – Herr Dr. Kunze wird nicht wiederkommen – Scherben der Heimat.

Wie sind eigentlich diese zwei Tage vergangen? grübelte Hanna, während sie das Leintuch neu über ihre Couch spannte und den Kopfpolster aufschüttelte, dessen schlechte Federn sich zu kleinen Klumpen zusammengeballt hatten von dem rastlosen Hin- und Herwälzen. Wie sind eigentlich diese zwei Tage vergangen? Man hatte gemeint, sie würden nie vergehen.

Sie löschte das Licht, legte sich wieder hin.

In den Strassen war sie herumgelaufen, ratlos und verwirrt. Zu Jarmila war sie gelaufen, Jarmila war nicht da. Zu Luise war sie gelaufen, auch Luise war nicht da. Alle Leute sind fort, es ist Sonntag. – Sie war durch die Strassen gelaufen, zwischen lauter fremden Menschen hin, die Quais entlang, über die Brücken zurück, über die Stefanikbrücke zum Elternhaus, ach, es wohnt keiner mehr darin. Zum Bahnhof, an dem sie an einem Oktobertag – wie lang ist das her? Zwanzig Jahre? – mit nichts als einem Rucksack auf dem Rücken in Prag angekommen war. Aber Sonntag kann man niemanden treffen.

Auch damals war Sonntag gewesen. Sonntag, Sonntag, verfluchter Tag, ausgemerzt solltest du werden für immer aus jedem Kalender, die Russen hatten es versucht, es war ihnen nicht gelungen und sie waren doch hundertsechzig Millionen. Wie sollte da ein Einzelner ankönnen gegen das Sonntagsgespenst? So war sie herumgeirrt, verwirrt und voller Angst.

Noch am Samstag hatte sie sich alle grossen Zeitungen gekauft: Nein, die „Svoboda“ war das einzige Blatt, das die Nachricht über die Milchaffäre hatte. Aber auch ohne diesen Indizienbeweis war es Hanna unzweifelhaft, dass nur durch sie, durch ihren Verrat, und durch den dadurch ausgelösten Verrat Anatols, die Bombe geplatzt war.

Denn eine Bombe war es, das hatte sich am nächsten Morgen gezeigt, als alle bürgerlichen Blätter den Fall in grosser Aufmachung brachten.

Hanna wälzte sich im Bett herum, das Leintuch war schon wieder ganz verrutscht, die schlechten Federn im Kopfkissen begannen sich schon wieder zu lästigen Klumpen zusammenzuballen. Sie machte wieder Licht und nahm zum zehnten Mal die Sonntagsblätter vor.

Im „[¿Vlajka?]“ war sogar eine Karrikatur zu sehen, ein Herr im Schossrock mit Hornbrille sass breitbeinig auf einem Schemel und molk aus dem Euter eines undefinierbaren Tieres kleine runde Dinger heraus, die offenbar Geldstücke darstellen sollten, und auf dem Schemel las man: „Senatorenklub der KPČ“. Wenn es noch eine Kuh gewesen wäre! Aber das Faschistenblatt meldete „aus informierter Quelle“, jene Butter, welche die Abteilung für Molkereiprodukte der Konsum- und Produktivgenossenschaft „Svoboda“ tonnenweise und zu so erbaulich niedrigen Preisen auf den Markt warf, dass die „Melka“-Betriebe wirklich nicht mehr konkurrieren konnten, diese Butter sei aus Ziegenmilch bereitet, und daraus erkläre sich, „nach dem Urteil unserer besten Bakteriologen“ – wo mochten sie die in der Nacht auf Sonntag wohl aufgetrieben haben? – das bisher unerklärlich gewesene Auftreten einer neuen, tückischen, immer mehr um sich greifenden Krankheit, die sich Maltafieber nannte. Vergifter der Volksgesundheit, schrieb das faschistische Blatt, das wäre das Mindeste, was anständige Menschen dazu zu sagen hätten....

Die andern bürgerlichen Blätter waren weniger gemein, aber keines hatte sich die Gelegenheit entgehen lassen, auf die Partei loszuhacken. Die vornehmen „Lidové Noviny“, deren Chefredakteur kurze Zeit zuvor mit einer Journalisten-Delegation in Russland gewesen war und darauf kultivierte Lobesartikel über das dort Geschehene veröffentlicht hatte, ging sogar so weit, dem Moskauer Zentralkomité zu empfehlen, es möge doch in der tschechischen Partei einmal etwas gründlicher nach dem Rechten sehen....

Ja, alle stürzten sie sich wie eine Meute auf die Partei, und sie, Hanna Last, war an allem schuld, sie hatte es auf dem Gewissen.

Im Parteiorgan stand schon eine Entgegnung. Sie bezog sich nur auf die „Svoboda“, denn nur in der „Svoboda“ war schon am Samstag etwas von der Affäre gestanden, und der Dementi-Artikel hatte natürlich schon Samstag in Druck gehen müssen, da man ihn Sonntag früh las, zwischen Eishockeyturnieren und Todesfällen.

Das einzige, was an all den schmutzigen Verleumdungen wahr sei, schrieb das Parteiorgan, sei der – in dem Bericht allerdings gröblich und perfid verfälschte – Tatbestand, dass die „Svoboda“-Genossenschaft ein grösseres, modern eingerichtetes Milchgut übernommen hatte, das infolge eines Erbenstreits zu günstigsten Bedingungen feilgeboten worden war. Die „Svoboda“-Genossenschaft habe eben keine schamlosen Riesengehälter gezahlt und kein Geld für Presse- und Beamtenkorruption ausgegeben, wie „andere Gruppen“ und habe infolgedessen in der kurzen Zeit ihres Bestehens so viel Kapital akkumulieren können, dass sie diesen Kauf ohne Belastung des laufenden Betriebs und nur den Vorteil der Konsumentenschaft im Auge habe tätigen können. Alles andere sei blutrünstige Hintertreppenphantasie, inspiriert von den faschistischen Drahtziehern des unterlegenen „Melka“-Konzerns. Die liberale Zeitung „Svoboda“ habe gewiss keinen Anlass, mit Steinen zu werfen, wo sie selbst im Glashaus sitze, seit sie von der „Melka“ die grossen Bestechungsgelder genommen habe! Dass aber gerade die „Svoboda“ es war, welche die Enthüllungen brachte, das habe noch einen besonderen Grund, setzte der anonyme Schreiber des „Rudé Právo“ mit erhobenem Zeigefinger fort: das habe noch einen andern Grund, und der solle hier zur öffentlichen Warnung des ahnungslosen und loyalen Publikums ein für allemal mitgeteilt sein: In der „Svoboda“ arbeite seit einem Jahr eine Reichsdeutsche, Emigrantin, namens Hanna L., die sich durch den bereits im Vorjahr als Faschisten entlarvten ehemaligen Parteigenossen Václav Rýma in das Blatt Eingang verschafft habe. Sie stehe, wie jeder wisse, auch privat in intimen Beziehungen zur Redaktion, habe überdies auch noch verwandtschaftliche Verbindung zur Prager Hochfinanz, in Gestalt des bekannten Wucherbankiers Heinrich A. Sie habe sich eine Zeit lang als Genossin ausgegeben, mit ultralinken und verdächtigen Elementen freundschaftlich verkehrt, die längst von der Partei entlarvt und ausgestossen worden seien, und es könne keinem Zweifel unterliegen, dass sie bei der schändlichen Verleumdungskampagne die Hand im Spiele habe, vielleicht – dies wurde nur vage angedeutet – sogar im Auftrag einer ausländischen Grossmacht, die auf solch niederträchtige, wenngleich selbstverständlich unwirksame Art die tschechische Arbeiterbewegung kompromittieren wolle: nicht umsonst habe man die erwähnte Hanna L. öfters in Gesellschaft von Personen zweifelhafter politischer Couleur in Prager Cafés beobachten können....

Wen sie da alles hineinzogen, die Leute vom „Rudé Právo“! Luise und Jarmila; ihren Bruder; die ganze „Svoboda“-Redaktion, die intimer Beziehungen zu einer stark verdächtigen Reichsdeutschen bezichtigt wurde: Anatol. Anatol. Er hatte sein Gift verspritzt und war kalten Blutes nach Brünn abgereist. Nun spritzte das Gift auf ihn zurück.

Hanna empfand eine schmerzhaft stechende Freude, dass Anatol und die ganze „Svoboda“ hineinverwickelt war.

Aber dann kann ich gar nicht mehr hingehen in die „Svoboda“, fiel ihr ein. Keiner wird mich mehr grüssen... Durch mich sind sie alle in diesen Skandal hineingezogen worden. Am Ende müssen sie noch Strafe zahlen, weil sie mich ohne Arbeitsbewilligung beschäftigt haben... Nein, ich kann nicht mehr in die „Svoboda“ zurück.

Einmal noch, dachte sie, morgen. Mit Anatol abrechnen. Sie fühlte nichts für ihn, nur Abscheu und eine grenzenlose Enttäuschung. Abrechnen mit Anatol. Und dann weg. Morgen.

Sie sah auf die Uhr, es war drei Uhr früh. Es ist ja schon Heute, dachte sie. Anatol alles ins Gesicht schreien. Heute. Und dann weg.

Weg ... wohin denn? Sie hatte kein Geld. Ich wollte doch Samstag das Geld von der Kasse holen, dachte sie, zweiundsiebzig Kronen neunzig, das letzte Geld. Morgen muss ich es holen, dachte sie. Nein, heute. Es ist ja schon Heute. Und dann weg.

Sie dachte an ihren Mann, der im Zuchthaus zu Waldheim, nur stundenweit von ihr entfernt, tapfer und weise die Zeit hinbrachte bis zur Freiheit. Bis Oktober noch. Nicht Roter Oktober. Nur Oktober. Sie dachte an ihren Mann mit verzweifelter, hilfloser Sehnsucht. Er, er hätte Rat gewusst. Aber sie zwang die Gedanken nieder. An Karl sollte all diese Niedertracht, dieser Jammer nicht heran, er war zu rein. Er hatte, als er im April 34 hinter den Mauern verschwand, ein reines Bild von seiner Frau, ein reines Bild von seiner Partei in die Zelle mitgenommen.

Hatte es sich wohl verändert, dieses Bild? Hatte es sich verändern können, da er doch hinter Mauern sass, nicht erfuhr, wie die Welt zerbröckelt war seitdem, nichts wusste von den kleinen, wirren, unverständlichen Ereignissen, aus denen die Welt gemacht ist? Einerlei fliesst sein Leben dahin, so wochentags wie sonntags, nein, Karl konnte das nicht verstehen. Gut, dass er fern war, unerreichbar, sie hätte nicht einmal den Mut mehr gehabt, ihm weinend in die Arme zu fallen.

Hanna wälzte sich hin und her in ihrer Wirrnis und ihrer Not. Im unruhigen Halbschlaf sah sie Lettern sich an Lettern reihen, Zwei Cicero, Mittel, Tertia, Text, Drei Cicero, Vier Cicero, in Vier Cicero war die Nachricht gedruckt gewesen, die unheilvolle Nachricht des Verrats. Lettern, Lettern, Lettern liefen an ihren geschlossenen Augen vorbei, aber sie konnte den Text nicht lesen, er war in einer fremden Sprache gesetzt, keines ihrer Wörterbücher enträtselte ihr den Sinn. Sie wollte lesen, aber die Zeilen zogen vorbei, sie waren in Spiegelschrift. Wer macht mir einen Abzug? Herr Kalandra, machen Sie mir doch eine Fahne, ich brauche eine Fahne, Herr Kalandra, ich habe keine Fahne... Aber Herr Kalandra hatte seine blaue, mit Druckerschwärze verschmierte Bluse an den Nagel in der Setzerei gehängt und war mit Familie nach Baumgarten spazieren gegangen, es war Sonntag. Und Hanna versuchte vergebens, den Inhalt der Nachrichten zu verstehen, die in einer ihr fremden Sprache und noch dazu in Spiegelschrift vor ihrem geschlossenen Auge vorüberzogen.

Sie sah die Linotype blanke Bleizeilen ausspeien, nein, es war die Mustermelkmaschine, die der gesichtslose Mensch des Skandals einer armen, von habgierigen Schwägern und Neffen bedrängten Witwe so gut wie umsonst abgekauft hatte für die Konsum- und Produktionsgenossenschaft „Svoboda“, Abteilung Molkereiprodukte. So hatte es das „České Slovo“ seinen Lesern Sonntag morgens berichtet, und es stimmte sonderbar zu dem, was das Parteiorgan über die „günstige Gelegenheit einer Erbteilung“ vorgebracht hatte.

Aus den Mustermelkmaschinen der „Svoboda“ klapperten unendliche Reihen frischgegossener, unentzifferbarer Bleizeilen in Hanna Lasts unruhigen, schuldbewussten Schlaf.

* * *

Es klopfte hart und ungeduldig an der Tür, das Zimmer war noch dunkel. Sie nahm den Schlafrock um und fragte hinaus:

„Wer ist's?“

„Machen Sie auf! Polizei! Wir haben hier Haussuchung zu machen.“

Haussuchung, – nun ja, sie war seit langem darauf gefasst, jede Weile gibt es jetzt Haussuchungen und Razzia, nicht mehr, wie in der Kindheit, gegen betrunkene Zuhälter und Taschendiebe, jetzt geht es gegen die Ausländer und Kommunisten. Die Schriften hätte ich wegbringen sollen, dachte sie müde, als sie die Tür öffnete. Immer hab' ich die Schriften wegbringen wollen.

Zwei Männer traten ein. Sie schmissen alles durcheinander, ach, es war nicht viel durcheinanderzuschmeissen, das Zimmer war klein, leicht zu durchsuchen. Im Schrank hing nicht viel neben dem lustig buntgeblümten Sommerkleid, das sie sich gekauft hatte in der hohen Zeit ihrer Liebe, und der prachtvollen Samttoilette, die sie heute endlich hatte zu Rosita zurücktragen wollen. Von wenig Wäsche und Strümpfen kaum versteckt, lagen die Zeitungen und Zeitschriften, die die Genossen von der trotzkistischen Gruppe, die Genossen von der Lysák-Opposition ihr gebracht hatten, damit sie sich endlich entschlösse, aus der Partei auszutreten, und damit sie dann gleich wüsste, wohin, man muss doch irgendwo dabei sein, man muss doch irgendwo mitmachen, damit es besser wird in der Welt. Auch die letzten Nummern der kommunistischen „Rundschau“ lagen da, die jetzt fast so nationalistisch schrieb, wie ein Faschistenblatt, und die von so viel Parteireinigungen berichtete und androhte, es würde mit eisernem Besen... und in so kleinem Druck war sie gedruckt, dass man sie kaum lesen konnte bei Lampenlicht, ebensowenig wie die schlauen Sätze des einstigen Helden Dimitroff, die da in harmlosen Reklamheften zwischen Goethes ehrwürdige Hexameter verstreut waren.

Der mit dem Zwicker liess sich die Schriften einzeln zureichen von seinem Begleiter, einem dicken Mann mit schwarzem Schnurrbart, und studierte kurz die Titel.

Hanna sah ungerührt zu, wie eine Zeitung nach der andern, eine Broschüre nach der andern in seiner Aktenmappe verschwand.

„Subversive Elemente, diese Emigranten“, murmelte er, während der Dicke Hannas Schwimmanzug ausbeutelte, dessen fröhliches Kornblau von der vorjährigen Podoler Sommersonne in ein klägliches Grau entfärbt worden war. Da fiel das Couvert mit dem Geld heraus. „Dr. Bruno Kunze, Hotel Esplanade, Zimmer 127“ stand mit Blaustift darauf geschrieben.

„Schau mal an!“ sagte der mit dem Zwicker befriedigt, zählte das Geld, steckte es wieder ins Couvert zurück, notierte die Summe auf seinen Zettel und liess das Couvert in die Brusttasche gleiten.

Hanna erwachte aus ihrer gleichgültigen Starrheit.

„Aber das ist nicht mein Geld“, versuchte sie einzuwenden und streckte die Hand danach aus. „Das können Sie nicht mitnehmen! Ein entfernter Bekannter aus Deutschland hat es mir zum Aufbewahren gegeben – er wird nächste Woche wiederkommen und es zurückverlangen...“

„Er wird nicht wiederkommen und nichts zurückverlangen, das wissen Sie besser als ich“, bemerkte der Geheimpolizist streng.

Hanna starrte ihn erschrocken fragend an.

„Oder wollen Sie etwa so tun, als wüssten Sie nicht, wer dieser Bruno Kunze ist? Sie haben es schon gewusst, ehe es vor vierzehn Tagen in der Zeitung stand!“ Er konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, so sehr freute er sich über den Fischzug, der ihm da zufällig gelungen war.

Doch, sie wisse es natürlich, wiederholte er, als wäre er mit genauen Informationen hierher gekommen, und dachte daran, dass das vielleicht Beförderung für ihn bedeuten konnte.

„Ich weiss nichts...“ stammelte Hanna und setzte sich auf ihr ungemachtes Bett, „ich weiss absolut nichts. Was ist mit Dr. Kunze passiert?“

Nun, Dr. Kunze war schon vor zwei Wochen im Grenzgebiet verhaftet worden, da man schlüssige Beweise hatte, er sei ein gefährlicher Gestapo-Agent. Wahrscheinlich auch in den Mord von Štěchovitz verwickelt....

Hanna schaute den Detektiv ungläubig an. „Und warum ... warum sollte er mir Geld dagelassen haben?“ fragte sie und versuchte sich aller Einzelheiten der Scene mit Kunze zu entsinnen.

„Das werden Sie schon wissen“, sagte der Zwickermann kühl, und dachte, am besten gleich mitnehmen, aber ich habe keinen Arrestbefehl, zu dumm. – „Wollen wir zu Ihren Gunsten annehmen, dass Sie es nicht wissen“, fügte er milder hinzu, als er in Hannas entsetztes, plötzlich verfallenes Gesicht geschaut hatte. – „Das wird sich ja herausstellen. Er, der Kunze, hat es jedenfalls gewusst....“

* * *

Der Dicke mit dem Schnurrbart hatte seine Durchsuchung beendet, der Zwickermann schloss seine Bestandsaufnahme der beschlagnahmten Sachen ab und reichte sie Hanna, die sie unterschrieb, ohne sie durchzulesen.

Vom Hof her drang trübes, rötlich-graues Morgenlicht. Die beiden Männer gingen.

Hanna begann Ordnung zu machen. Gleichgültig las sie ihre Habseligkeiten zusammen, die vor dem Schrank und der Kommode auf dem Boden verstreut lagen. Beim raschen Ausräumen hatte der Polizist mit einem Stapel Taschentücher auch die kleine Theekanne herausgefegt, aus der sie Anatol so oft seinen Thee geschenkt hatte.

Erst als Hanna die Scherben des billigen Gerätes erblickte, brach sie in Tränen aus.

22. Kapitel

Der Chef darf nicht gestört werden – Heinrich Aschbach will von nichts wissen – Auch Karlíček mischt sich lieber nicht ein – In Lima regnet es nie – Genosse Pjotr hat Angst, es könnte einer hören – Hanna verdirbt den Umbruch – Anatol bringt ein Alibi bei.

Fünf Uhr, jetzt wird er vielleicht schon da sein, rechnete Hanna, als sie die Treppen zur „Svoboda“-Redaktion hinaufging. Sie wusste nicht, was sie Anatol sagen, was sie ihm ins Gesicht schreien wollte. Sie hatte sich in den beiden Tagen hundert Dinge überlegt, und jetzt wusste sie gar nichts.

Sie ging an der Tür zur Setzerei vorbei, auf der in grossen Lettern geschrieben stand: „Fremden ist der Eintritt strengstens verboten!“ und dachte mit reissendem Schmerz daran, wie sie zum ersten Mal „hinunter“ gegangen war. Sie hörte Anatols geschmeidige, lebhafte Stimme – damals hatte sie noch nicht gewusst, dass es seine Stimme war. Sie ging den Korridor entlang, rechts und links die kleinen, amerikanisch-praktischen Büros der Redakteure, Telefonisten, Stenotypistinnen, in ihren Milchglasverschlägen, mit ihren Stahlmöbeln, hinter ihren „Noiseless-Admirable“-Schreibmaschinen. Sie ging den Korridor hinunter zu Anatols Tür.

Sie wusste nicht, was sie Anatol sagen würde. Sie wusste nur, dass sie sich rächen wollte, rächen für sieben Monate Pein, Warten, Schweigen und Leiden, sich rächen für seinen Verrat, rächen an ihm den eigenen Verrat.

Sie drückte auf den geheimnisvollen Knopf, aber die Klinke gab nicht nach. Sie stürzte in Karlíčeks Büro:

„Wo ist der Chef?“ schrie sie, ohne Guten Tag zu sagen.

Karlíček sah sie spöttisch an. Der Chef war in einer Konferenz mit dem Verwaltungsrat, durfte nicht gestört werden.

Sassen sie schon und berieten, was jetzt zu geschehen habe? Wie man sich jetzt zu verhalten habe gegenüber der Parteipresse? Wie man sich jetzt zu verhalten habe gegenüber der lästigen Ausländerin Hanna L., die mit Fingern als die Urheberin des Uebels war bezeichnet worden? Hanna nahm alle Kraft zusammen, um sich zu beherrschen. Auf dem Tisch lag das Montagsblatt der „Svoboda“, es war eben heraus. Sie setzte sich in eine Ecke und las.

Die Angriffe des Parteiorgans wurden von der „Svoboda“ mit sachlicher Ueberlegenheit zurückgewiesen. Mein Gott, die „Svoboda“ hatte ja gutes Material zu der Sache, von ihr selbst ja hatte sie das gute Material ...

Auch von ihr selbst war die Rede, in kühlster Objektivität: Die Anspielungen auf eine reichsdeutsche Emigrantin müsse man entschieden als aus der Luft gegriffen bezeichnen, die „Svoboda“ hielte sich streng an die gesetzlichen Vorschriften, gäbe gewiss Ausländern keine Gelegenheit zu verbotener Erwerbstätigkeit. Zu dem Vorwurf der Bestechung durch die „Melka“ in der hohen Zeit der Milchkampagne wurde nur ziemlich allgemein bemerkt, die „Svoboda“ sei nie ein Demagogenblatt gewesen und habe immer nach der Richtlinie gehandelt, dass nicht die Wirtschaft der Politik, sondern dass vielmehr umgekehrt die Politik der Wirtschaft zu dienen habe. Das war alles. Von den Anspielungen auf ihre „privaten Beziehungen zur Redaktion“ hatte man anscheinend keine Notiz genommen.

„Brauchst du vielleicht Geld?“ fragte Karlíček in ihr stummes Brüten hinein. „Wir geben zwar im allgemeinen Ausländern keine Gelegenheit zu gesetzlich verbotenen Sachen, oder was der Voka da im Montagsblatt quatscht, aber ich kann dir trotzdem gern deine Rechnung unterschreiben. Beeil' dich aber, um sechs macht die Kasse zu.“

Gedemütigt und verwirrt nahm Hanna das Anerbieten an. Der Archivar Klaus suchte ihr den Abrechnungszettel heraus, den sie am Samstag auf seinem Tisch hatte liegen lassen, sie brachte ihn Karlíček zum Unterschreiben. Während sie an der Kasse ihr Geld nachzählte, wurde ihr klar, dass sie mit dieser lächerlichen Summe keine acht Tage würde leben können. Und sie wollte ja fort, wenn sie sich auch absolut noch nicht vorstellen konnte, wohin, ohne Geld, ohne Papiere.

Das Couvert mit den siebentausend Kronen fiel ihr ein. Ja, sie würde sich etwas davon nehmen. Sie konnte es dann später wieder ersetzen. Sie würde es nehmen. Jetzt war ohnedies schon alles egal. Kunze kam ja doch nicht wieder. Er war ein Gestapo-Agent.

Deshalb hat er mich so viel nach den Emigranten gefragt, dachte sie. Wie dumm ich war. Ich hätte ihn anzeigen sollen. Der Partei wenigstens. Natürlich, das war ein Spitzel. Wie hab' ich das nicht gleich gemerkt. Deshalb ist er nicht wiedergekommen – hat vielleicht gedacht, ich habs gemerkt. Ich nehme das Geld. Ich brauch's. Ich muss weg. Der Zweck heiligt die Mittel.

Mein Gott, das Geld hat doch die Polizei heute früh mitgenommen. Ich habe es doch selbst noch unterschrieben. Alles fällt einem zu spät ein. Sogar dass ich stehlen will, fällt mir zu spät ein.

Also der Kunze war ein Gestapo-Agent. In den Formismord verwickelt. Wer hätte das damals gedacht in Štěchovitz, dass ich damit auch noch mal was zu tun bekommen würde. Nun, was geht das mich an. Sollen sie ihn nur verprügeln im Gefängnis in Theresienstadt, oder wo sie ihn sonst hingebracht haben. Seine Leute verprügeln ja unsere Genossen auch, in Deutschland. Was geht mich der Nazi an.

Als sie von der Kasse zurückkam, traf sie Karlíček auf dem Gang.

„Dein Herr Bruder ist übrigens ein lausiger Hund“, bemerkte er und blieb mit ein paar Fahnen in der Hand stehen. „Ich habe ihn gestern Abend in der Rokoko-Bar getroffen. Alles sprach über die Milchaffäre und dieses Dreckzeug aus der Zeitung. Da hat dein Herr Bruder gesagt, vor sechs oder acht Leuten, dass er schon seit Jahren mit dir verfeindet ist, du hättest ihn nicht einmal besucht, seit du wieder in Prag lebst ...“

Hannas Gesicht verzog sich schmerzlich. Ich bin Geschäftsmann, hörte sie Heini sagen, ich kann mich nicht in die Politik mischen. Nun war also sein strahlendes Knabengesicht endgültig ertrunken.

„Und Sie?“ fragte sie. „Haben Sie ihn nicht Lügen gestraft? Sie haben mich doch selbst zu Sylvester in seinem Hause gesehen!“

„Meine liebe Philka, ich mische mich grundsätzlich nicht in Privatangelegenheiten“, sagte Karlíček verdriesslich. „Du wirst mir zugeben, dass ich mich nie in deine Privatangelegenheiten gemischt habe, obzwar die Sache mit dem Chef unserm Blatt nicht gerade förderlich war ...“

Hanna schaute ihn empört an. Aber ehe sie etwas erwidern konnte, hatte Karlíček sich mit einem flüchtigen „Also bis nachher!“ umgedreht und stieg pfeifend zur Setzerei hinunter.

„Ist denn der Chef immer noch nicht frei?“ fragte Hanna den Diener Jarko, der mit Zeitungen im Arm vorüberkam. Nein, die Sitzung dauere noch an und er habe strikten Befehl, niemanden herauszurufen.

Hanna setzte sich seufzend ins grosse Mittelzimmer und griff nach dem sozialdemokratischen Mittagsblatt. An unauffälliger Stelle wurde kleinlaut berichtet, der sozialdemokratische Regierungsvertreter, der Herr Gesundheitsminister, habe einen längeren Erholungsurlaub angetreten. Auch in den andern Blättern war die Milchaffäre bereits an die zweite Stelle gerückt.

Umbruch, Umbruch, es kommt immer neuer Text hinzu, auf Seite zwei ist schon nicht mehr wahr, was auf Seite eins gestanden ist, wir leben in einer raschen Zeit.

Aus alter Gewohnheit hatte Hanna sich über die Auslandszeitungen gemacht und suchte nach Neuigkeiten für „Interessantes aus aller Welt“. „In der Stadt Lima in Peru, die 1535 gegründet worden ist, hat es seitdem nur zweimal geregnet: einmal am 19. April 1803 und einmal am 31. Dezember 1877.“ Interessant. Wie muss das sein in einer Stadt, in der es niemals regnet? Ob die Leute dort auch niemals weinen? Wo nehmen sie das Wasser zu ihren Tränen her?

Sie übersetzte die Notiz aus dem Spanischen, schrieb, aus alter Gewohnheit, auch ihren fragenden kleinen Kommentar dazu, und übersetzte aus alter Gewohnheit weiter: von viereckigen Eiern, die eine Henne in Kalifornien ausgebrütet hat, von dem ungarischen Brautpaar, das neununddreissig Jahre nicht hat heiraten können, vom Heimkehrer aus sibirischer Kriegsgefangenschaft nach zwanzig Jahren, genau an dem Tage, den während des Krieges eine Wahrsagerin seiner inzwischen längst wiederverheirateten Frau prophezeit hatte ... und übersetzte auch einen russischen Witz aus dem „Krokodil“, der – mit bedauernd schadenfrohem Kommentar – nachgedruckt wurde in der Pariser russischen Zeitung, die die Kerenskij-Partei herausgab und die sich irgendwie in die „Svoboda“-Redaktion verirrt hatte:

Pjotr geht mit Iwan durch das Dorf und Iwan fragt: Wie denkst du über die Regierung, Genosse Pjotr? Pjotr zeigt auf die Häuser, legt die Hand auf den Mund, flüstert:
Nicht ... es kann jemand hören ...
Sie gehen auf die Landstrasse hinaus, die Landstrasse ist flankiert von roten Ebereschen, und Iwan fragt: Wie denkst du über die Regierung, Genosse Pjotr? Aber Pjotr schaut auf die Ebereschen, legt die Hand auf den Mund und flüstert:
Nicht ... es kann jemand hören ...
Sie kommen auf ein Stoppelfeld, weit und breit kein Mensch, kein Haus, kein Baum. Und Iwan fragt zum dritten Mal:
Genosse Pjotr, wie denkst du über die Regierung?
Da legt Pjotr den Kopf auf die Seite, schaut dem Genossen Iwan ängstlich in die Augen und flüstert:
Nicht ... es kann jemand hören ...

Oh, Genosse Pjotr, oder wie du sonst heissen magst, der du gewagt hast, diese Geschichte im „Krokodil“ abzudrucken! Hat dich keiner gehört? Hat dein Chef, der es las, wohlwollend gelächelt, weil du da in aller Oeffentlichkeit die Angst des kleinen Mannes im proletarischen Vaterland verspottest und sie damit als unbegründet hinstellst? Oder hat er den Kopf auf die Seite gelegt und zu seinem Nachbarn geflüstert: Genosse Pjotr ist ein trotzkistisches Element und ein Agent der Gestapo, wir müssen ihn liquidieren ...

Wo bist du jetzt, Genosse Pjotr? Wohin sind wir alle geraten, die wir geglaubt haben an den Wolkenkratzer auf dem Roten Platz, und es ist eine Mustermolkerei daraus geworden, die den armen Häuslern und Kuhbauern die Milch tropfenweise abzwackt? Wohin sind wir alle geraten?

Der Diener Jarko kam mit Folianten beladen herein.

„Ist denn diese verwünschte Sitzung immer noch nicht aus?“ fragte Hanna nervös. Mit dem tragischen Witz aus dem „Krokodil“ war ihr der Sinn ihres Hierseins plötzlich wieder ins Bewusstsein gekommen.

„Aber schon lange!“ sagte Jarko. „Der Chef ist schon zum Umbruch hinuntergegangen.“ Und er kramte Briefpapier aus einer Schublade heraus.

„Svoboda“, Unabhängiges Demokratisches Organ, las Hanna auf den Couverts, während sie schleunig an ihm vorüber und in die Setzerei hinunterging.

Von der Treppe aus umfing sie mit einem Blick das bekannte, altgewohnte Bild. Zum letzten Mal. Ein Stück Heimat nach dem andern bricht weg, wie die wächsernen Zacken am Strahlenkranz der roten Wachsmadonna, die sie sich einmal aus München mitgebracht hatte. Mir scheint, du bist insgeheim eine Fromme? hatte Karl gescherzt. Wozu brauchst du denn eine Madonna? Aber sie ist doch so schön, Karl, ein richtiges Kunstwerk. Als dann der Strahlenkranz nach und nach abgebröckelt war, hatte die Madonna freilich ein ganz gewöhnliches dummes Wachsgesicht bekommen, und Hanna hatte sie traurig beiseitegelegt, zu den überwundenen Dingen.

Der Chef stand neben Vokáček auf ein Schiff gebeugt. Sein dunkler Kopf neigte sich auf seine dunkle Russenbluse, er stand da, als wäre alles wie immer. Als sie herantrat, begrüsste er sie höflich und unbefangen:

„Herr Lozák sagt mir, Sie hätten schon zweimal nach mir gefragt?“ sagte er mit seiner lebhaften, schwingenden Stimme, „wünschten Sie etwas?“

„Ich muss Sie dringend sprechen“, sagte Hanna gepresst.

„In einer Stunde stehe ich zur Verfügung“, nickte er freundlich und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Zeman! Zum Telefon!“ rief der Faktor Slavík aus seiner Ecke.

Der Gerichtsberichterstatter trat an den Chef heran und feilschte mit ihm über seinen Beitrag, er wollte ihn auf Seite drei oder fünf, statt auf Seite vier. Der Chef winkte hastig ab, er hätte einen heiklen Umbruch heute.

„Ich muss Sie unbedingt sofort sprechen“, sagte Hanna drohend, „sofort!“

Schuft, niedriger, feiger Schuft, zischte es in ihr. Tut, als ob er nicht wüsste ... Mein Vertrauen hat er zu einer Zeitungssensation missbraucht ... drei Tage hat er sich versteckt, ist irgendwo mit seinen Mätressen herumgezogen ... Ein Verbrecher. Ein niedriger Verbrecher.

„Kommen Sie sofort mit mir in Ihr Büro!“ herrschte sie ihn an.

Er warf ihr einen verwunderten, erschrockenen Blick zu, der Obermetteur grinste hinter seinem Rücken, der feine Sportredakteur flüsterte Menčík etwas zu, beide lachten hinter den Taschentüchern.

„Entschuldigen Sie mich ein paar Minuten“, sagte Dr. Svoboda in entsetzlicher Verlegenheit in den Saal und ging schnell hinter Hanna die Treppe hinauf.

„Was ist passiert?“ fragte er, er hatte kaum den versteckten Knopf der Klinke niedergedrückt und sie eingelassen. „Du bist ja ganz ausser dir! Sag' es schnell, du siehst doch, ich bin mitten im Umbruch ...“

Hanna hatte die Türe geschlossen und sich mit dem Rücken dagegengestellt.

„Sie werden mir hier Rede und Antwort stehen!“ sagte sie kalt. „Warum haben Sie mich in so gemeiner Weise betrogen und verraten?“

„Aber Hanna, was soll das heissen?“ stammelte der Mann. Er war ehrlich bestürzt.

„Machen Sie hier keine Geschichten!“ zischte sie feindselig. „Ich habe Ihnen in einem Augenblick von hirnverbrannter, unverzeihlicher Schwäche etwas anvertraut. Etwas, das nie und auf keinen Fall publik werden durfte. Sie haben mir geschworen, dass Sie es vergessen werden. Und dann sind Sie, noch in derselben Stunde, hierhergegangen und haben sich an Ihren Tisch gesetzt und haben es in eine Zeitungssensation verwandelt, das, was ich Ihnen anvertraut hatte, weil ich Sie .. weil ich glaubte ..“

Sie verwirrte sich und stockte.

„Aber Hanna, ich verstehe nicht ..“ fiel er ein. Beide standen noch immer.

„Unterbrechen Sie mich nicht!“ schrie Hanna. „Sie haben mein Vertrauen, meine Ehre – ja, ich sage meine Ehre, denn ich habe eine Ehre! – alles haben Sie beschmutzt, zerfetzt, besudelt ... Heute war natürlich schon die Polizei da, Haussuchung machen ...“ (Hatte das denn etwas miteinandern zu tun, dachte sie plötzlich verwirrt und erschrak. Hatte das etwas mit der Geschichte vom Genossen Pjotr zu tun?)

„Aber das ist ja unbegreiflich“, murmelte Svoboda. „Haussuchung ...? Und .. was soll das mit mir zu tun haben?“

„Unverschämter, gemeiner Lump!“ schrie Hanna ausser sich. „Wollen Sie leugnen, dass Sie den Artikel über die Milchaffäre geschrieben haben? Es war fast wörtlich dasselbe, was ich Ihnen Freitag nachmittag erzählt habe!“

Anatol setzte sich auf den Stuhl hinter seinen Schreibtisch. Sein schönes Gesicht war ganz blass geworden.

„Jetzt verstehe ich erst, was Sie meinen“, sagte er leise. „Nun, es ist nicht wahr, liebe Freundin. Sie sind in einem Irrtum befangen und tun mir durchaus Unrecht. Als ich am Freitag in die Redaktion kam, fand ich ein Telegramm vor, das mich dringend nach Brünn rief und bin sofort weggefahren. Die ganze Sache, von der Sie sprechen, habe ich erst Samstag in Brünn in der ‚Svoboda‘ gelesen ...“

„Lügen Sie doch nicht!“ sagte Hanna voller Hass. „Nur die ‚Svoboda‘ hatte am Samstag die Nachricht! Kein anderes Blatt hatte die Nachricht! Aber es wundert mich gar nicht. Es passt zu Ihnen. Sie haben nie eine Gesinnung gehabt. Sie kennen keine sittlichen Verpflichtungen. Sie haben mich immer belogen und betrogen und zum Schluss haben Sie aus meinem Vertrauen eine Zeitungssensation gemacht ...“ Sie brach in verzweifeltes Weinen aus und schlug die Hände vor das Gesicht.

Der Mann schaute sie mitleidig an.

„Gesetzt den grotesken Fall, ich hätte auf so unritterliche Weise mein Ihnen gegebenes Wort gebrochen ...“ sagte er ruhig und in seiner Stimme lag ein ganz leiser Spott, „nun, hätte ich dann etwas anderes getan, als was Sie Ihren Gewährsmännern gegenüber getan haben, als Sie mir die Geschichte erzählten, mir, einem bürgerlichen Journalisten, den Sie im Grunde verachten und nicht ernst nehmen?“

Sie schluchzte immer uferloser in sich hinein. Natürlich hatte er recht. Sie hatte zuerst verraten. Aber sein Verrat war es, der die Bombe zum Platzen gebracht hatte!

„Damit Sie sich aber überzeugen, dass ich mein Wort nicht gebrochen habe“, setzte er fort, „warten Sie ... Sie werden sich sofort überzeugen.“

Er hob das Hörrohr des Haustelefons ab und drückte auf einen Knopf.

„Herr Slavík? Svoboda. Bitte sagen Sie Herrn Lozák, Herrn Vokáček und Herrn Zeman, sie möchten auf zwei Minuten zu mir kommen. – Ja, ich komme dann sofort hinunter. – Danke.“

„Was heisst das? Nicht Sie haben ...?“ stotterte Hanna aufs Aeusserste verwirrt.

„Sie können mir glauben, ich wusste nichts davon, bis ich es Samstag in Brünn in der Zeitung las“, versicherte Anatol.

„Aber woher ...?“ fragte Hanna hilflos.

„Nun, solche Sachen kommen doch immer irgendwie heraus ... Ihre Gewährsmänner werden es nicht nur Ihnen erzählt haben ..“

Die Klinke knackte, Hanna gab die Tür frei, die drei Redakteure traten mit neugierigen Gesichtern ein.

„Meine Herren, ich spare mir Erklärungen für die sonderbaren Umstände dieses Verhörs für später auf, wenn wir alle mehr Zeit haben“, sagte Svoboda und schaute auf seine Armbanduhr. „Ich bitte Sie, mir zu sagen, ob Sie wissen, wer am Samstag, das heisst am Freitag abend die Nachricht von der kommunistischen Milchschiebung gebracht hat, und woher die Nachricht stammte.“

Vokáček und Karlíček schauten erstaunt auf den Chef, dann auf Hanna, aber Zeman rief stolz:

„Natürlich ich, Herr Doktor! So ein Treffer ist mir selten gelungen! Karlíček hat mir sofort zweihundert Kronen Prämie für eine Solo-Nachricht ausbezahlt, ich habe sie am Sonntag schon verjuxt!“

Svoboda lächelte ein wenig und wandte sich mit bestätigendem Nicken zu Hanna um.

„Und woher hatten Sie die Nachricht?“ fragte er den Lokalredakteur.

„Ja, das kann ich nicht verraten“, schmunzelte der selbstgefällig. „Wenn ich meine Lieferanten blossstelle, bringen sie mir doch das nächste Mal keine Nachrichten mehr!“

„Also, dann entschuldigen Sie, meine Herren, und danke vielmals“, schloss Anatol. „Und jetzt aber schleunig zum Umbruch! Ein wichtiger Tag, der Wahlsieg der spanischen Volksfront ... Kommen Sie mit hinunter?“ fragte er. Die drei Männer waren schon an der Tür.

Hanna war wie betäubt.

„Die Volksfront hat gesiegt?“ fragte sie ungläubig. „In Spanien?“

„Mir scheint, Sie lesen die ‚Svoboda‘ nicht“, scherzte er, als hätte sie ihn nicht vor Minuten noch Lump und Verbrecher geschimpft. „Es stand doch schon in den Abendblättern! Das hätten Sie wohl auch nicht von mir gedacht, dass mir die spanischen Wahlen einmal wichtiger sein würden, als Ihnen? Aber jetzt muss ich hinunter, höchste Eisenbahn, es ist dreiviertelneun.“ Er hatte schon die Tür in der Hand. „Kommen Sie doch dann noch zu Bílek, wir plaudern noch ein bischen.“ Schon war er hinaus.

In einem Sturm verworrener Gefühle ging Hanna aus dem Zimmer, aus dem Haus. Erst als sie an der Melantrichgasse auf den Quai einbog, wurde ihr bewusst, dass sie ohne Abschied aus der „Svoboda“ und von Anatol weggegangen war. Zum letzten Mal und für immer.

IV. Teil

23. Kapitel

Ein Erlass, gegen den es keine Berufung gibt – Unscheinbarer Todesfall – Spanien, neu und hell – Einfach ein Komplex alter Häuser – Hanna trifft einen alten Bekannten – Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Mensch.

Früh zeitig schon ging Hanna hinunter auf die Strasse, um sich die Zeitungen zu kaufen. Ihr Kopf war wirr von den Ereignissen des Vorabends, das viele und vielfältige Leiden der letzten Zeit hatte sie müde und wund gemacht. Nicht ein bischen klarer sah sie, obzwar doch nun eigentlich alles klar geworden schien. Vielleicht hing alles ganz anders zusammen?

Da stand, der socialdemokratische Gesundheitsminister habe einen längeren Erholungsurlaub angetreten – richtig, sie hatte es gestern schon im Abendblatt gelesen – aber es war in keinen Zusammenhang mit der Milchaffäre gebracht. Vielleicht war das alles gar nicht wirklich passiert? Vielleicht war es nur ein wüster Fiebertraum? Denn ihr war zumute, wie einem, der langsam aus einem langen Fieber erwacht.

Aber nein, die Blätter teilten mit, dass mehrere kommunistische Senatoren ihr Mandat vorläufig hätten suspendieren lassen, „bis zur gerichtlichen Aufklärung der Verleumdungen“ ... es war also doch wirklich passiert.

Und auch der unglaubhafte Wahlsonntag in Spanien, mit der überwältigenden Mehrheit für die Volksfront, erwies sich als kein Traum. Hanna las ausführlich die Berichte und fühlte eine reine Freude in sich aufsteigen, die sie lange nicht mehr verspürt hatte. Sie dachte an die vielen Debatten über die Wendung der „Linie“, dachte an das grosse Gespräch mit Jarmila über die Dimitroffrede. Vielleicht hatten sie, die zweifelten und kritisierten, doch alle Unrecht gehabt? Entscheidet nicht der Erfolg? Hat hier das Mittel nicht den Zweck geheiligt? Spanien rot! Nach Jahren des Zurückweichens, der Kompromisse, des Zögerns in aller Welt, ein sichtbarer, ein grosser Erfolg der Linken. Das musste das Selbstvertrauen der zerstreuten und genarrten Arbeiter in aller Welt stärken! Wer weiss .... dachte Hanna hoffnungsvoll.

Mit müdem Kopf versuchte sie, sich die nächste Zukunft auszumalen, es wollte ihr nicht gelingen. Alles, was hoffnungsvoll begonnen hatte, hatte sich nachher als Irrtum, Fehlschlag oder vorbedachter, spät erkannter Betrug herausgestellt. Immerhin, man konnte sich wieder irgendwo hineinstürzen, irgendwo mitmachen, in einem weiteren Rahmen, als dem der Partei ....

Ach, wenn ich jetzt in Spanien wäre! dachte Hanna, und eine Sehnsucht überschwemmte sie nach neuen, helleren Himmeln.

Vom Hof her drang das trübe Licht eines grauen Prager Februarmorgens. Ich habe keinen Pass. Ich habe kein Geld. Ich bin hier gefangen, dachte sie traurig und schüttelte, ihrem flüchtigen Wunschtraum zur Antwort, niedergeschlagen den Kopf.

Es klopfte, ein Mann in einer Amtsbluse trat ein, gab ihr ein Schriftstück zum Unterschreiben, ging.

Polizeidirektion Prag I, las sie.

Nach der Bestimmung des Paragraph 2, Absatz 5 des Gesetzes vom 27. VII. 1871, No. 88 der Regierungsverordnung vom 13.1.1928 weise ich Sie als Ausländerin im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit auf immer aus dem Gebiete der Tschechoslovakischen Republik aus, mit dem gleichzeitigen Verbot einer Rückkehr unter den Straffolgen nach der Bestimmung des Paragraph 323 des Strafgesetzbuches.

Gründe: Sie haben in keiner Gemeinde auf dem Gebiete der Tschechoslovakischen Republik das Heimatrecht. Sie sind reichsdeutsche Staatsangehörige, und ist also Ihre Ausweisung begründet nach der objektiven Seite. Sie stehen im Verdacht antistaatlicher Tätigkeit und sind begründet verdächtig, einer illegalen, ausländischen Organisation anzugehören, deren Ziel die gewaltsame Einführung einer Rechtsordnung ist, die in absolutem Gegensatz zur Verfassung der Tschechoslovakischen Republik steht. Sie haben auf dem hiesigen Staatsgebiet eine unerlaubte Tätigkeit entwickelt und sich in die innerpolitischen Verhältnisse des Staates gemischt. Ihr weiterer Aufenthalt würde eine ständige Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit bedeuten, und ist somit Ihre Ausweisung gerechtfertigt auch nach der subjektiven Seite.

Sie haben das Staatsgebiet innerhalb von fünf Tagen zu verlassen. Eine Berufung, welche Sie etwa gegen diesen Erlass einbringen wollen, schliesst nach Paragraph 77, Absatz 2 der Regierungsverordnung vom 13.1. 1928, No. 8 der Sammlung der Gesetze und Verordnungen, eine aufschiebende Wirkung nicht ein. Gegen die Entscheidung, wonach eine aufschiebende Wirkung der Berufung ausgeschlossen ist, ist nach Absatz 4 derselben Regierungsverordnung keine Berufung zulässig.

Gegeben am 17. Februar 1936, Unterschrift, Stempel.

Das Letzte hatte Hanna gar nicht mehr recht gelesen.

Also ist es aus, dachte sie. Aus, aus, aus. In fünf Tagen muss ich fort. Sonderbar, es war ihr gar nicht besonders traurig zumute.

Da erscheint so ein Papier als Deus ex machina, dachte sie, Donnergott vom Schmierentheater. Wenn man das als Schluss in einem Roman liest, würde man sagen, der Autor hat sichs aber leicht gemacht. Aber so ist das. Das Leben ist viel kitschiger, als man es sich vorstellen kann. Ganz kitschig ist das Leben.

Nachdenklich las sie das Papier noch einmal.

Sie haben in keiner Gemeinde der Tschechoslovakischen Republik das Heimatrecht. Das ist wahr. In keiner. Nicht nur in keiner der Tschechoslovakischen Republik. In keiner Gemeinde der Welt.

Unerlaubte Tätigkeit .... Waren die armseligen Uebersetzungen, die elend bezahlten paar Privatstunden gemeint? Warum nicht. Es waren Leute schon aus geringerem Anlass ausgewiesen worden.

Sie haben sich in die innerpolitischen Verhältnisse des Staates gemischt ... Sie stutzte. Sollte die Milchaffäre etwas damit zu tun haben? Aber das war ja aufgeklärt. Nicht sie hatte die Sache in die Presse gebracht. Was sonst konnte es bedeuten? Sie hatte mit ein paar Kommunisten diskutiert, in einem kleinen Café hinter dem Viadukt. Aber wahrscheinlich darf man auch das nicht, wenn man Ausländer ist in der Stadt, die einen geboren hat.

Sie haben auf gewaltsame Einführung einer Rechtsordnung hingewirkt, die im Gegensatz zur Verfassung dieses Staates steht ... Wo wir stehen, ist revolutionärer Boden. Wir wollen eine andere Rechtsordnung einführen. Wenns nicht anders geht, auch mit Gewalt. Gewalt gegen Gewalt, zur Einführung einer andern Rechtsordnung – nein, der ersten Rechtsordnung, die in der Menschengeschichte da sein wird, nach vielen tausend Jahren voller Unrecht und Schmach, im Namen der Sammlung der Gesetze und Verordnungen. Ja, das wollen wir, und ich habe mich zu schämen, dass ich so wenig, so nichts dazu beigetragen habe, diese neue, diese erste Rechtsordnung ins Werk zu setzen, erstickt wie ich war in Zweifeln und Verwirrung. Nichts habe ich getan dafür ... Nichts habe ich getan.

Sie haben das Staatsgebiet innerhalb von fünf Tagen zu verlassen ... Nichts habe ich getan, und jetzt muss ich fort. Wohin? Wohin? Ganz weit weg. Sehr weit weg. Ach, ich kann nur nach Oesterreich. Die Tschechoslovakei grenzt ja nicht an Finnland, oder an Honduras. Nicht einmal an Spanien. Man muss weg, aber man kann nicht weg. Einen Pass hab' ich auch nicht.

Immer hab' ich daran gedacht, um einen Ersatzpass einzureichen! Er ist nicht viel wert, der Ersatzpass. Eher wie eine Strafkarte, oder wie der gelbe Schein der Geächteten. Aber man kann immerhin ein paar Grenzen damit legal überschreiten, wenn man auch die dreifache Gebühr für die Visa bezahlen muss. Für Geächtete ist alles teuer.

Ich sollte um einen Ersatzpass einreichen! Das dauert Monate, ehe man den bekommt. Zu spät.

Vielleicht könnte ich ein illegales Papier von der Partei bekommen? dachte Hanna. Sie wusste, die Partei hatte in manchen Fällen solche Dokumente beschafft. Aber daran war, wie die Sache lag, nicht zu denken. Sie musste froh sein, wenn sie nicht jemanden von der Partei zufällig auf der Strasse traf.

Es ist aus. Sie würde nicht mehr erfahren, was mit dem Roten Zaharoff geschehen ist. Ob die Partei ihn stützt, ob sie ihn fallen lässt. Sie würde weit fort sein dann.

Nach Oesterreich muss ich zuerst, dachte sie. Nun, es sind ja schon viele illegal nach Oesterreich. Ich muss mich erkundigen, wie man über die Grenze kommt, dachte sie und nahm ihren Mantel aus dem Schrank.

Da hing Rositas braunes Samtkleid. Immer hatte sie es zurücktragen wollen, seit dem Sylvesterabend. Sie dachte daran, wie sie um Mitternacht mit Anatol aus der „Svoboda“ weggegangen war und wie er, plötzlich erregt vom Wein und ihrem schamlos nackten Rücken, sie aufgefordert hatte, in seine Wohnung mitzukommen. Nun hatte sie also seine Wohnung doch nicht mehr gesehen. Würde nie erfahren, ob er wirklich mit einer Schwester zusammenlebte. Würde nie mehr das Mozartkonzert hören, von Gieseking gespielt, und die letzten Streichquartette von Beethoven, auf dem Grammophon, das er so oft hatte zu ihr mitbringen wollen. Vorbei.

Sie packte das schöne Samtkleid ein und wollte hinuntergehen, um es einem Dienstmann zu übergeben. Nur mit der Adresse, ohne ein Wort des Abschieds an Heini, den gemeinen Schuft, der sie öffentlich verleugnet hatte. Aber dann fiel ihr ein, dass er ja nicht wüsste – und vielleicht auch nicht erfahren könnte – was mit ihr vorgegangen war. So schrieb sie also einen kurzen Brief: „Lieber Bruder, ich bin aus mir unbekannten Gründen mit einer Frist von fünf Tagen aus der Republik ausgewiesen, reise morgen ab. Da wir ja, wie Du weisst, seit vielen Jahren nicht mehr in Verbindung gestanden haben, sehe ich keinen Anlass, mich von Dir zu verabschieden. Das Kleid, das Deine Frau mir geliehen hatte, hiemit mit Dank zurück.“ Da würde er wenigstens erfahren, dass sie von seinen feigen Herumredereien wusste. Sie beschloss, das Paket selber abzugeben. Was denn Dienstmann, wir sind ja keine Herrschaften, wir haben ja kein Geld.

Sie fuhr mit der Elfer-Elektrischen über die Stefanikbrücke und sah den Hradschin drüben über dem Fluss liegen, verkürzt und steil, eingekeilt und wie emporgepresst zwischen den jetzt kahlen Anhöhen des Belvedere und des Laurenzibergs. Graublau schwankte die Silhuette über dem Wasser, wie ein Abziehbild, das man nicht ganz gerade auf das Papier gebracht hat.

Die Strassenbahn steigt in langsamen Krümmungen den Hügel hinan. Wenn Hanna einmal wiederkommt, wird man schon mit der Untergrundbahn nach Dejvice fahren, das Projekt ist schon in der Kammer gebilligt. Wenn sie wiederkommt .... ach, sie kommt nicht wieder. Sie ist ausgewiesen aus ihrer Vaterstadt, „für immer“. Nichtbefolgung dieses Erlasses zieht Straffolgen nach Paragraph soundso, Absatz soundso nach sich.

Das Gesetz, auf Grund dessen ich ausgewiesen werde, dachte Hanna, stammt aus dem Jahre 1871. Das Jahr der Pariser Commune. Der Niederschlagung der Pariser Commune. Nein, es hat sich nicht viel verändert in der Welt.

Auf dem Friedensplatz stieg sie aus, ging am Kriegsministerium vorbei. Wie das passt! Krieg und Frieden, so nahe beieinander ... Ein Junge machte ihr die Tür auf, da kommt auch schon der Diener mit den weissen Handschuhen. Jetzt fragt er nicht mehr, was die fremde Frau mit der Baskenmütze und den flachen Absätzen wünscht, er will sie dienstfertig gleich zur Gnädigen führen, aber Hanna schüttelt den Kopf, nein, sie will nur hier im Vorübergehen das Paket abgeben, und den Brief, und diesen Donnerstag kommt sie nicht zu Tisch, er soll es der gnädigen Frau ausrichten! Der Diener verneigte sich wortlos und wohlerzogen.

Und jetzt ins Flüchtlingsheim, sich erkundigen, wie man ohne Papiere über die Grenze kommt. Zurück durch die ganze Stadt, und auf der andern Seite wieder hinaus, die Elektrische zuckelt so langsam, die Fahrt dauert fast eine Stunde, eine Untergrundbahn ist wirklich schon dringend notwendig, aber ich, ich werde nicht mehr mit ihr fahren, ich gehe weg von Prag, für immer.

Sie ging durch den Essaal, er war leer, sie ging in den hinteren Raum, von dem aus durch ein Schalterfenster die Tabletts mit den Kaffeetöpfen hereingereicht werden, auch hier niemand, nicht einmal der Verwalter, der alte Breslauer, der um diese Zeit sonst die Vorbereitungen für das frugale Mittagessen traf. In der Küche fand sie eine Genossin, die auf dem Tische Vogtländische Klösse bereitete. Auch nach drei Jahren im Ausland hatten die Emigranten sich im Essen noch nicht von der Heimat getrennt .... Hanna fragte, wo sie jemanden treffen könnte.

„Sie sind alle aufs Begräbnis gegangen“, berichtete die Köchin.

Aufs Begräbnis? War einer gestorben?

Ja, es war einer gestorben. Der Genosse Max. Das heisst, man wusste nicht, ob er gestorben war, oder ob er sich was angetan hatte. Er war unter einen Zug gekommen, als er in Straschnitz26 spazieren ging. Die meisten glaubten, er habe sich was angetan.

Aber Max war doch immer so lustig gewesen? Hatte so viele Geschichten erzählt, vom Dynamitkoffer, vom verlorenen Pass?

„Ach, das war doch nur Fassade“, sagte die Köchin und ein Lächeln voll unendlicher Traurigkeit zog über ihr Gesicht, während sie in einen Bottich mit Brühe ein paar Zwiebeln schnitt. „Im Gegenteil. Max war einer von denen, die sich am meisten gegrämt haben, dass nichts wird, dass das immer so endlos weitergeht. Er hat's einfach nicht mehr ausgehalten, hat Schluss gemacht. Wer auch den Mut hätte ...“ schloss sie, und in ihren Augen standen Tränen, vielleicht vom Gedenken an Max, vielleicht von den Zwiebeln, sie selbst konnte das wohl nicht recht auseinanderhalten.

Hanna war sehr niedergeschlagen. Wer auch den Mut hätte ... dachte sie. Für viele gibt's keinen andern Ausweg mehr. Vielleicht auch für mich nicht. Der unmittelbare Zweck ihres Hierseins fiel ihr wieder ein. Da wären denn also alle zum Begräbnis, sagte sie, sie hätte es gar nicht gewusst, das von Max.

Es wäre aber doch in der Zeitung gestanden.

Ja, die Zeitung hatte sie in den letzten Tagen nicht mehr gelesen, wenigstens die Todesfälle nicht, und die andern Nachrichten, zwischen denen das Grosse, das Entsetzliche gestanden war. Mit einem Mal schien es ihr weder gross, noch entsetzlich, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte.

Leben! Leben! spürte sie dringend. Neu anfangen, unter einem neuen, helleren Himmel! Nicht warten, bis es einen unter den Zug schmeisst, wenn man allein und ratlos in Straschnitz spazieren geht, in Straschnitz, wo die Friedhöfe sind.

Die Kinder seien da, bemerkte die Köchin, Hilde sei bei ihnen. Hanna ging hinüber in den Wohntrakt.

Die kargen Betten, in zwei Etagen übereinander, wie in einer Schiffskabine, waren ordentlich gemacht und lagen schweigend da. Heute abend würde eins unbesetzt bleiben.

Im Zimmer der Kinder fand sie Hilde. Hilde lebte jetzt nicht mehr im Heim, sie war ja Staatsbürgerin geworden, hatte eine ganz legale, nicht schlecht bezahlte Stelle an einem deutschen Kindergarten, heute war sie hier, um bei den Kindern zu bleiben, während die andern den toten Max auf den Friedhof begleiteten; sie kam auch sonst einmal die Woche, um den Kontakt nicht ganz zu verlieren.

Sie sprachen ein wenig, über Max, über das Elend, das nun schon so lange dauerte, Hilde erzählte von ihrem Freund. Er hatte Arbeit als Setzer gefunden in Paris, bei einer kleinen Druckerei, die sich die Nelsonsozialisten eingerichtet haben, sie geben dort antifaschistische Broschüren heraus. Hilde will auch nach Paris, sie muss nur noch warten, bis ihre Scheidung durchgeführt ist, ja, der Mann, der ihr den Namen und die Staatsbürgerschaft gegeben hat, ist sehr anständig, ein Sozialdemokrat aus Reichenberg, sie hat ihn seit der Trauung kaum wiedergesehen, er erledigt ihr das mit der Scheidung und es kostet nichts, nur die Gebühren.

„Sag mal, wie war das eigentlich damals, als Paul ausgewiesen wurde?“ fragte Hanna mit gespielter Gleichgültigkeit.

„Musst du rücken?“ fragte Hilde zurück.

Wie wach alle Sinne werden unter der ewigen Bedrohung und Verfolgung. Die nette blonde Kindergärtnerin ist nicht besonders intelligent, aber das hat sie doch gleich gespürt, dass Hanna für sich selber fragt.

Hanna leugnet, nein, es handelt sich um jemanden andern, aber das ist ja einerlei, kurz und gut, wie kommt man über die Grenze? Hilde weiss es genau, Paul hat es ihr von Paris geschrieben, sogar aufgezeichnet hat er ihr's. Sie nimmt einen Bleistift und ein Papier und erklärt alles. Also, nicht der erste Weg, der in die Felder führt, erst der zweite, sobald man aus Gmünd hinaus ist, erst etwa eine Viertelstunde auf der Landstrasse und dann rechts abbiegen, in den zweiten Feldweg. Es ist nicht gefährlich, die oesterreichischen Grenzgendarmen drücken auch ein Auge zu, wenn sie mal einen treffen, sie haben da mit den tschechischen Grenzgendarmen so ein schweigendes kleines Uebereinkommen, wie es scheint.

Hanna bedankte sich, Hilde umarmte und küsste sie mit guten Wünschen.

„Zu dumm, dass du nicht hast heiraten können“, meinte sie bedauernd. „Obzwar, hier ist ja nichts los, das einen locken könnte, für's Hierbleiben zu kämpfen ... Wo willst du denn hin?“

Ja, sie wollte vielleicht nach Spanien, erwiderte Hanna, das heisst, wenn sie bis dahin gelangte, über die vielen Grenzen.

„Nach Spanien!“ rief Hilde erfreut. „Aber da beneide ich dich wirklich! Hoffentlich gelingt's dir!“

Hanna verliess die Flüchtlingsinsel, für immer. Alles war heute für immer, so feierlich. Wie am Traualtar, oder wenn man zur Fahne schwört. Als sie über den Hof ging, auf die Strasse zu, hörte sie die Kinder singen. Traurig klang der gedämpfte Marschrythmus: „Der Vater erschlagen, die Mutter gefangen ....“ – Arme, wehrlose Emigrantenkinder!

Und jetzt zu Jarmila.

Der Gedanke an Jarmila war ihr peinlich. Sicher haben Jarmila und Jenda gedacht, dass die erste Nachricht über die Geschichte mit der Milchschiebung von ihr stammte. Es war doch am Samstag in keiner andern Zeitung, nur in der „Svoboda“ ... Würde Jarmila ihr glauben, wenn sie ihr den wahren Hergang erzählte? Sie würde sie verachten. Sie musste sich rechtfertigen. Nun, es war ja klar, dass nicht sie die Verräterin war. In den sonntäglichen Berichten war doch so manches Detail gestanden, das sie selbst erst aus den Zeitungen erfahren hatte. Das mit der armen Witwe zum Beispiel. Und es lag doch sehr nahe, dass nicht Jarmila allein von Ladislav informiert worden war, und dass die Quelle, aus der Ladislav seinerseits geschöpft hatte, auch für andere mochte geflossen sein. Trotzdem war ihr der Gedanke an die Aussprache mit Jarmila unbehaglich.

Erst mal was essen, dachte sie, und ging ins französische Restaurant auf der Národní. Es ist ein bischen teuer, dachte sie mit Gewissensbissen, als sie das feine Menü verzehrte. Aber jetzt ist sowieso schon alles einerlei, ich habe so und so kein Geld; mein Gott, ich muss ja Geld beschaffen, woher denn? Vielleicht weiss Jarmila Rat.

Trotz ihrer Sorgen ass sie mit Appetit, ja mit Heisshunger. Sie hatte in den letzten, verwirrten Tagen nur zwischendurch dann und wann in einem Automatenbuffett stehend etwas hinuntergeschlungen. Zwölf Kronen, rechnete sie reuevoll, als sie den Nachtisch und den schwarzen Kaffee verzehrt hatte, jetzt hab' ich nur noch sechzig Kronen, damit kann man nirgends hin. Vielleicht weiss Jarmila Rat.

Sie machte sich auf nach Smíchov27, wo Jarmila ein kleines Atelier bewohnte. Vor Topič's internationales Buchhandlung blieb sie stehen. Nie hatte sie hier vorbeigehen können, ohne stehenzubleiben, sie kannte die neueste Literatur aus dem Schaufenster, kaufen – hatte sie selten etwas gekonnt. In der deutschen Auslage lag Anna Segher's „Weg durch den Februar“. Sie hatte das Buch schon rühmen hören, hatte immer gewartet, dass einer der Genossen es ihr borgte. Auch dafür war's nun zu spät! Wo und wann würde sie in der nächsten Zeit Bücher lesen können?

Der Weg durch den Februar. Auch ihr Weg ging durch den Februar, wie der Kampf der Wiener Arbeiter, der in diesem Buch gestaltet war. 1934 ... zwei Jahre schon! Wie schnell die schlechten Zeiten vergehen. Der Weg der Wiener Arbeiter durch den Februar .... dumpf, verwirrt, heroisch, mit Wunden und Tod beladen, zum Untergang hin. Aber sie war nicht würdig, sich mit jenen zu vergleichen, sie war eine Verräterin. Sie war trotz allem eine Verräterin. Wie sagte der Amtsstil des Ausweisungsbefehls? „Und ist somit nach der subjektiven Seite bewiesen ...“ Die subjektive Seite war's, auf die es ankam. Sie musste sich vor Jarmila rechtfertigen.

Aber Jarmila war nicht zuhause, das Atelier zugesperrt. Die Hausbesorgerin, bei der sie nachfragte, sagte ihr, das Fräulein sei auf ein paar Tage verreist. So würde sie also Jarmila nicht wiedersehen ... Es tat ihr leid. Sie hing an der klugen, tapferen Freundin. Aber sie war auch ein bischen erleichtert, dass sie sie nicht angetroffen hatte.

Wenn ich schon hier bin, dachte Hanna, während sie von Smíchov am Quai entlang zur Stadt zurückging, könnte ich gleich noch einmal über die Kleinseite laufen, Abschied nehmen .. Nein, sie hatte keine Zeit mehr, Abschied zu nehmen von der Stadt, die sie geboren hatte und die sie nun verstiess. Sie hatte keine Zeit mehr, langsam die Nerudagasse hinaufzusteigen bis zur Burgrampe, von wo aus der himmlische Blick sich auftut auf die Stadt hinab, keine Zeit mehr, am Mäuerchen entlang an den barocken Bürgerhäusern des Úvoz vorbei – links unten liegt der Strahover Garten in romantischer Verlassenheit, nur im Mai ist er geöffnet, wenn die Obstbäume blühen – hinaufzusteigen zum Pohořelecer Platz und dann hinüber zu wandern über den Passionsweg mit den vielen geschmacklosen Christi Leidensstationen, zum Seminargarten, und herunter über den Laurenziberg. Sie hatte keine Zeit mehr, zum letzten Mal diesen tausendmal gegangenen Weg zu gehen, dieses sehnsüchtige Empor zu den Gipfeln der Stadt, und den sanften Abstieg ins unentrinnbare Tal der Mozartischen Plätze und Gassen ... Sie hatte keine Zeit mehr, sie musste sehen, dass sie fort kam, bevor die Frist abgelaufen war, dreieinhalb Tage noch, man kann auch nicht bis zum letzten Moment bleiben, sonst bringen sie einen noch per Schub weg, sicher werd' ich überwacht. Am besten fahr' ich gleich morgen, dachte sie. Wohin? Und ohne Geld? Vielleicht hätte Jarmila Rat gewusst. Aber Jarmila war nicht zuhause, sie würde sie nicht wiedersehen.

Während sie in die Neustadt zurückging, konzipierte sie im Geist einen Brief an Jarmila. Einen Brief voller Selbstanklagen, Enttäuschung, Galle und Bitterkeit. Aber warum brauchte sie sich eigentlich so anzuklagen? Jarmila war ja in gewissem Sinn selbst eine Verräterin. Auch Jarmila hatte ihr etwas anvertraut, das man ihr selbst unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hatte. Freilich, Jarmila hatte sie, Hanna, eben für anständig und vertrauenswürdig gehalten. Und Hanna wiederum hatte Anatol für anständig und vertrauenswürdig gehalten. Wie sonderbar das alles verschlungen war. Anatol hatte sie ja schon gestern darauf aufmerksam gemacht, wie unlogisch ihre Vorwürfe gegen ihn waren ...

Was sie ihm für eine greuliche Scene gemacht hatte! Wie ordinär sie gewesen war! Grobe Ausdrücke lagen ihr sonst so fern. Den ganzen Umbruch hatte sie durcheinandergebracht mit ihrer privaten Tragödie. Sicher hatte man nachher in Bíleks Zimmer über sie geredet. Voka und Karlíček und Zeman wussten ja, was vorgefallen war.

Nun, das war jetzt einerlei. Sie würde keinen je wiedersehen von der „Svoboda“. Auch Anatol nicht.

Anatol war ja nun unschuldig. Er hatte sich sogar sehr gut benommen. Sie hatte keinen Grund mehr, ihm böse zu sein. Aber merkwürdig, nun, wo ihr Zorn und ihre Erregung über ihn abklang, blieb nichts zurück. Als ob sie in den letzten Tagen alle Gefühle aufgebraucht hätte. Es war leer in ihr. Sie fühlte gar nichts mehr: keine Sehnsucht, keine Wut, keine Trauer. Es war alles einerlei. Es war alles schon vorbei. Nun noch die praktischen Dinge erledigen, und weg.

Als sie von der Brücke auf den Quai gekommen war und am Nationaltheater vorbeiging, konnte sie sich doch nicht zurückhalten, noch einmal ins Café „Slavia“ zu gehen. Sie setzte sich an ein Fenster und schaute hinaus. Abschiednehmen von dem geliebten Bild, das sie durch ihr ganzes Leben begleitet hatte.

Drüben lag der Hradschin im Dunst, es wurde Abend, die Tage waren noch kurz. Sie sah auf das lange, edel gestreckte Häusertier, über dem zierlich steil der gotische, in vielfältigen Rundungen der barocke Turm des Domes in die Luft stand. Es war ihr fremd, als sähe sie es zum ersten Mal. Es war keine Schranke, es war kein Pass, es war auch kein Symbol. Es war einfach ein Komplex alter Häuser, Paläste und Kirchen.

Sie blickte auf das graue Gewimmel der Kleinseitenhäuser, die sich über dem Fluss an den Fuss des Hügels schmiegten. Keine Mozartmelodie klang aus der stummen alten Stadt.

Die alten Wanzenbuden da unten sollte man auch einmal abreissen und ordentliche, saubere Häuser hinbauen, dachte sie sachlich und fremd.

Der Kellner zog die Vorhänge zu, im Saal war schon das Licht angedreht worden. Ein Herr mit angenehmem Gesicht, blondem Schnurrbart und hinter der Brille freundlich schauenden grauen Augen kam grüssend auf sie zu. Wo hatte sie dieses Gesicht doch schon gesehen?

„Sie erkennen mich wieder nicht“, sagte er lächelnd. „Zdeněk Svoboda ...“

Ja natürlich. Sie erinnerte sich. Alle Leute heissen Svoboda.

Warum sie ihn denn nie angerufen hätte, all die Zeit über?

Nun, ja, so, ich hatte immer so viel zu tun.

„Bitte, nehmen Sie Platz“, sagte sie, da er immer noch stand und anscheinend nicht weggehen wollte. Eigentlich merkwürdig, dass ich den andern Svoboda noch einmal treffe, dachte sie, und gerade am letzten Tag.

Er plauderte von dem und jenem, verriet einen angenehmen Verstand, Belesenheit, Geschmack.

„Ja, eigentlich schade, dass ich Sie nie wieder getroffen habe“, meinte Hanna nach ein paar Minuten. „Jetzt muss ich nämlich weg.“

„Nun, das können wir ja nun nachholen, da der Zufall uns wieder zusammengeführt hat“, antwortete er freundlich. „Kommen Sie regelmässig hierher? Oder wollen wir uns gleich für einen bestimmten Tag verabreden?“

„Nein, das wird nicht mehr möglich sein“, sagte Hanna zögernd. „Ich verreise morgen ...“

„Sie verreisen? Auf lange? Wohin?“

„Ja, wenn ich das selbst wüsste“, sagte Hanna halb lächelnd, halb schmerzlich. „Ich bin nämlich ausgewiesen“, fügte sie hinzu, als sie seinen erstaunten Blick auffing. Warum sollte sie ein Geheimnis daraus machen. Es war ja doch schon alles einerlei.

„Aber warum denn?“ fragte er schnell, hielt aber alsbald inne. Er wusste nicht, ob sie bereit wäre, ihm mehr davon zu sagen. Aber sie zog den Brief von der Polizei aus der Tasche und legte ihn vor ihn auf den Tisch:

„Vielleicht können Sie mir's erklären. Ich weiss es selbst nicht“, meinte sie. „Sie sind doch Advokat, wenn ich mich recht erinnere?“

Ja, und nicht nur das, sondern er hatte auch schon in einigen Fällen für ausgewiesene Emigranten interveniert. Er las aufmerksam. Ob er ein paar Fragen stellen dürfe?

Warum nicht, gewiss dürfe er das.

„Haben Sie hier eine bezahlte Stellung?“

Nein, sie machte nur Gelegenheitsarbeiten, gab Sprachstunden, übersetzte für Zeitungen, gegen Zeilenhonorar.

Das war freilich auch verboten, meinte Dr. Svoboda. Aber deshalb hätte man sie nicht ausgewiesen.

„Und – die politische Tätigkeit?“

Hanna schwieg.

„Sind Sie Kommunistin?“

„Wozu wollen Sie das wissen?“ fragte sie zurück. Ich hätte ihm doch lieber nichts sagen sollen, dachte sie mit Unbehagen. Wozu hab' ich ihm davon erzählt.

„Nun, wenn ich für Sie intervenieren soll, muss ich doch ..“ sagte er verlegen.

„Aber Sie sollen gar nicht für mich intervenieren“, unterbrach sie ihn trotzig. „Ich fahre weg. Ich will gar nicht mehr hierbleiben.“

Ob sie denn Papiere hätte.

Nein, Papiere hätte sie allerdings nicht. Aber sie würde auch so weiterkommen.

Aber das sei doch sehr schwer! In einigen Fällen sei es ihm gelungen, den Ausgewiesenen einen Aufschub zu erwirken, und in der Zwischenzeit habe man dann einen Ersatzpass verschafft. In den letzten Monaten sei es allerdings immer schwieriger und schwieriger geworden, aber immerhin, er wolle gleich morgen früh auf die Polizeidirektion ....

Vielleicht sollte ich doch darauf eingehen? überlegte Hanna. Wenigstens ein paar Tage Aufschub, damit ich mir Geld beschaffen kann.

„Also, Sie haben hier politisch gearbeitet“, resümierte der Advokat, ganz als sässe sie bei ihm in seiner Kanzlei und er nähme die Personalien auf.

„Ich habe ... Ich bin natürlich Sozialistin“, sagte sie. „Sonst hätte ich ja nicht emigrieren müssen. Aber ich habe wirklich ...“

„Nun, Frau Hanna“, ermunterte er sie, „sagen Sie mir lieber alles richtig, damit ich weiss, wie ich die Sache anzupacken habe. Wissen Sie, ich bin selber Sozialist ..“

Das kennt man, dachte Hanna enttäuscht. Wie beim Untersuchungsrichter: „Wir sind ja alle keine Engel ...“ Sogar die Herren Bankdirektoren und Gesandtschaftsräte sind mal Sozialist gewesen, in ihrer Jugend, jugendlicher Ueberschwang, später nimmt man dann Vernunft an.

Aber nein, Dr. Zdeněk Svoboda war, wie er mit sympathischer Schlichtheit erzählte, tatsächlich bis 1927 Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen.

„Als man Trotzki aus der Partei ausschloss, bin ich gegangen. Wenn man einen Trotzki ausschliessen muss, dann ist etwas faul“, schloss er.

Es klang vernünftig, fast zwingend. Sonderbar, in acht Jahren hatte sie diese Schlussfolgerung noch nie gezogen. Sie wäre ihr zu – zu persönlich erschienen. So, als ob man hinter dem oder jenem Helden herliefe, anstatt sachlich für die Partei zu arbeiten.

Und so sei er also Trotzkist? fragte sie.

Durchaus nicht. Die neue Arbeiterbewegung, so meinte er, müsste von ganz andern Grundsätzen ausgehen. Nicht, wie die Trotzkisten und die andern Splittergruppen, bloss ausflicken, korrigieren, Fehler der Partei rückgängig machen.

Ja, wie denn also?

Ja wie, das war ihm auch nicht klar. Unversehens waren sie in eine politische Debatte geraten. Er hatte wenig Verbindung mehr zur eigentlichen politischen Bewegung. Ein paar Freunde trafen sich alle Wochen, zur Diskussion. Irgendwie habe es damit zu tun, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt der Geschichte treten müsse. Der Mensch, wie er gehe und stehe, nicht der abstrakte „Proletarier“, der nur noch eine Nummer im Getriebe sei. Der Mensch, ja, auch mit seinem Privatleben, mit seinem oft verpfuschten und verworrenen Privatleben, und mit all dem, was heute – verächtlich und von den Nazis verballhornt – das „Irrationale“ genannt wird.

„Sonst kommen wir nicht zu einem wirklichen Sozialismus, wenn wir uns nicht endlich entschliessen, den Menschen, den lebendigen Menschen mit in die Rechnung zu setzen“, erklärte er voll Eifer. „Sonst kommen wir nie zum Sozialismus! Ob die Führer anständig sind, oder Lumpen ... ach, es kommt in dem, was mir vorschwebt, wohl nicht mehr so sehr auf die Führer an.“

Hanna hörte interessiert zu, stellte Fragen, machte Einwände.

„Am besten kommen Sie Freitag mal in unsern Debattierklub“, meinte er. „Man kann das nicht alles auf einmal sagen. Ich bin auch gar nicht der rechte Mann dazu. Vladimír Sykora – kennen Sie ihn nicht? Er ist auch lang in der Partei gewesen, ein Kollege von mir – Sykora wird Ihnen das viel besser auseinandersetzen. Kommen Sie doch wirklich nächsten Freitag! Wir treffen uns immer im Café ‚Metro‘, im grünen Salon, so gegen neun ..“

Hanna wies stumm auf den Ausweisungsbefehl, der noch auf dem Tisch zwischen ihnen lag. Beide hatten in der angeregten Debatte den Anlass zu ihrem politischen Gespräch vergessen.

Sie berichtete ihm, was er noch wissen wollte. Er bot sich an, alles in Bewegung zu setzen, wenigstens wollte er herausbekommen, warum sie ausgewiesen war, was man ihr konkret zur Last legte. Viel Hoffnung darauf, den Befehl rückgängig zu machen, hatte er freilich nicht. Man wollte die Emigranten jetzt mehr und mehr abschieben, Deutschland drängte von aussen.

„Wir sind ja von den Deutschen abhängig. Ein kleines Land, die Tschechoslovakei ....“ lächelte er schmerzlich. „Sie kennen natürlich die Thesen Dimitroffs? Nun, da bekommen Sie die Folgen gleich am eigenen Leibe zu spüren ...“

Die Thesen Dimitroffs – die Volksfrontpolitik. Aber die Volksfront hatte den ersten grossen Sieg errungen, in Spanien noch dazu, einem so rückständigen Lande .. Vielleicht ist es doch die richtige Politik? meinte sie unschlüssig.

„Wollen sehen, wo Spanien in einem Jahr ist“, erwiderte Svoboda skeptisch. „Die Volksfront hätte übrigens nicht gesiegt, wenn nicht die Anarchisten, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, ihrem Wahlenthaltungsprinzip entsagt hätten ... Wollen sehen, wo die Anarchisten in einem Jahr sind. Vielleicht in den Gefängnissen.“ Am nächsten Freitag würde in seinem Freundeskreis über die spanischen Wahlen diskutiert, bemerkte er, Hanna solle nur ja hinkommen.

Sie erinnerte ihn zum zweiten Mal daran, dass sie Freitag wohl kaum mehr hier sein würde und wunderte sich selbst, wie leicht ihr zumute geworden war, wie leicht sie es ertrug, dass das Schicksal sie mit Gewalt wegriss von Prag und allem, was Prag in diesem Jahr für sie bedeutet hatte.

Er wollte trotzdem versuchen, ihr wenigstens ein paar Tage Aufschub zu verschaffen und, wenns irgend ginge, ein Reisedokument. Er bat sie, den nächsten Tag gegen zwölf ins Café „Tumovka“ zu kommen.

„Es ist zwar eine dreckige alte Bude, aber es liegt unmittelbar neben dem Gericht, und ich habe vorher eine Verhandlung“, erklärte er. Sie trennten sich mit kameradschaftlichem Handschlag.

Als Hanna über den Quai nachhause ging, fand sie, sie habe seit Deutschland keinen so angenehmen Abend mehr verbracht.

24. Kapitel

Noch eine Illusion geht flöten – Eine erste und eine letzte Begegnung – Unvermuteter Blick auf Heinrich Aschbach – Luise findet, Prag war nicht das Richtige – Lichter in der Neustadt.

Warum musste das Café, das neben dem Gericht lag, auch ausgerechnet das Café „Tumovka“ sein?

Hier hatte der „Verrat“ begonnen. Hier hatte sie in einer Augustnacht Anatol den geheimen Fragebogen der Partei gezeigt. Hier hatte sie Karl zum ersten Mal verleugnet. Von hier hatte alles seinen Ausgang genommen. Alle die Monate seither waren zwanghaft abgelaufen, das sah sie jetzt. Man setzt eine Handlung und sie zieht unendliche Handlungen nach sich.

Sie hatte sich nichts dabei gedacht damals. War das eine Entschuldigung? Sie hatte sich ja gestern – nein, es war vorgestern, nein, es war letzten Freitag... mein Gott, wie schnell vergehen die schlechten Zeiten! – sie hatte sich ja auch letzten Freitag nichts dabei gedacht, als sie Anatol das „Geheimnis“ anvertraute. Ratlos war sie gewesen und verwirrt, all ihre gewohnten Geleise waren unwegsam geworden.

Immer doch sucht der Mensch nach Geleisen! Wird er denn nie allein und frei wandern können, einem Ziel zu, einem Ziel, das nicht wie ein Irrlicht vor einem hertanzt? Vielleicht hing es mit dem zusammen, wovon Svoboda gestern im Café „Slavia“ gesprochen hatte: wir haben den Menschen vergessen... so ähnlich hatte er gesagt. Darüber war noch viel nachzudenken.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten lasse“, sagte er und schüttelte ihr die Hand. „Ich konnte aber nicht gut mitten in der Verhandlung weglaufen.“

Er war gleich früh auf der Polizeidirektion gewesen und hatte versucht, Hannas Fall in die Hand zu nehmen. Sie sollte nun sofort ein Gesuch verfassen, Berufung einlegen gegen die Ausweisung, die Dinge klarstellen, die man ihr zur Last legte.

Aber sie wüsste ja gar nicht recht, was man ihr eigentlich zur Last legte, wendete sie ein.

Nun, das hatte Zdeněk Svoboda schon in Erfahrung gebracht.

„Vor allem müssen Sie Ihre Beziehungen zu diesem Kunze klarstellen. Man scheint Sie mit ihm beobachtet zu haben.“ Es stimmte, er war wirklich ein Agent von Hitlers Geheimer Staatspolizei, und anscheinend sogar ein sehr wichtiger, die Untersuchung war noch im Gange.

„Haben Sie nicht irgendwelche Zeugen, die Sie anführen könnten?“

Nein, die hatte sie nicht. Sie war ja absichtlich mit Kunze nicht in Lokale gegangen, wo man hätte Bekannte treffen können.

So hatte sie also wohl Verdacht gehabt? Warum aber dann nicht die Partei oder die Emigrantenfreunde benachrichtigen?

Ja, darauf wusste sie keine rechte Antwort. Es war ihr nicht besonders wichtig erschienen. Und was sollte denn der auch bei ihr haben ausspitzeln wollen, wenn er denn schon ein Spitzel war?

„Er hat wahrscheinlich damit gerechnet, dass Sie sich etwas von dem Geld – ausborgen würden“, meinte der Advokat und Hanna wurde rot. „So hätte er Sie dann in der Hand gehabt und hätte sich durch Sie Zugang zu den politisch arbeitenden Emigranten verschafft. Nein, Sie hätten das Geld auf keinen Fall nehmen sollen! Die Leute, die Sie denunziert haben, haben nämlich gar keine konkreten Angaben gemacht. Aber da man nun das Couvert mit dem Namen Kunze bei Ihnen gefunden hat, bekommt die Sache natürlich den Anschein, als wären Sie da wirklich in etwas verwickelt.“

„Die Leute, die mich denunziert haben?“ fragte Hanna verwundert. „Und ich dachte, es wäre wegen des Artikels..“

Jetzt wunderte sich Svoboda.

„Wegen welches Artikels?“

„Ich dachte, es bezieht sich darauf, dass ich mich in die inneren Angelegenheiten des Staates gemischt haben soll... Im „Rudé Právo“ war doch auf mich hingewiesen, nur mit Vornamen und Anfangsbuchstaben zwar, aber im Zusammenhang mit der „Svoboda“, für die ich doch gearbeitet habe... Jeder konnte erraten, dass ich gemeint war.“

Nun ja, und dieselben Leute, die den Artikel im „Rudé Právo“ inspiriert hatten, hatten sie auch bei der Polizei denunziert. Das eben hatte Zdeněk Svoboda heute morgen erfahren.

„Die Partei?“ fragte Hanna ungläubig.

„Nun natürlich die Partei! Finden Sie das so ungewöhnlich? Man wollte Sie los sein, Sie wussten ja wohl so mancherlei, und waren nicht mehr ganz linientreu...“

Nein, das war sie allerdings nicht mehr ganz, gab sie zu, aus ihrem Gespräch am Vortag sei das ja wohl schon hervorgegangen. Aber trotzdem...

„Ich prophezeie übrigens, dass man den Milchschieber, den Roten Zaharoff, demnächst ähnlich blosstellen wird. Haben Sie heute schon die Zeitungen gelesen? Nein? Die Sache scheint den Leuten ein wenig über den Kopf zu wachsen. Der Zweck heiligt die Mittel.... Es ist doch nicht das erste Mal, dass die Partei unbequeme Genossen denunziert... Tut mir leid, wenn Sie da noch Illusionen gehabt haben sollten..“

Hanna schwieg, tief erschüttert. Fast dreizehn Jahre war sie in der Partei – und das sollte das Ende sein? Von den Genossen dem Klassenfeind ausgeliefert, wie ein gemeiner Spitzel und Verräter?

Der Advokat hatte es eilig, er musste noch aufs Gericht zurück.

„Also bringen Sie mir nachmittag das Gesuch mit der Berufung, wir haben ja noch zwei ganze Tage. Ich gehe morgen früh wieder hin und versuche zu erwirken, dass man Sie so lange hier lässt, wie das Gesuch läuft.“

„Nein, ich fahre weg“, sagte Hanna langsam. „Ich mache gar kein Gesuch. Es lohnt sich ja nicht. Ich habe hier nichts mehr zu suchen.“

Er schüttelte bedauernd den Kopf. Freilich, sehr aussichtsreich schienen ihm die geplanten Demarchen selber nicht. Aber so schnell – ob sie denn auch Geld hätte? Er könne ihr sonst aushelfen. Wenigstens mit dem Notwendigsten, sehr gern, natürlich.

Sie habe einige Aussichten, heute noch das nötige Geld zu bekommen, log Hanna. Sie konnte doch von dem fremden Menschen nicht auch das noch annehmen, er hatte ohnedies schon viel für

sie getan; aber sie versprach, dass sie ihn nachmittags anrufen und im äussersten Fall seine Hilfe in Anspruch nehmen wolle. Und vielen, vielen Dank vorläufig! Ja, wir sehen uns bestimmt noch, ehe ich fahre.

Als sie in ihre Pension kam und den Schlüssel vom Brett hob, bemerkte sie, dass ein Mann mit steifem Hut und dickem Stock, der in der Halle herumstand, sie auffällig dringend ins Auge fasste. Ein Geheimer, erkannte sie sofort, zu dumm, dass man die auch immer gleich erkennt. Nun natürlich, ich bin jetzt bewacht. Ein gefährlicher Gestapo-Agent, die Partei sagt's ja selbst... Sie lächelte bitter.

Dann ging sie hinauf und begann zu packen. Ratlos sah sie sich um. Sie besass ja kein Gepäckstück, bloss mit einem Rucksack auf dem Rücken war sie seinerzeit in Prag angekommen. Nun musste sie Prag verlassen, mit nichts als einem Rucksack auf dem Rücken. Da gingen die Dinge, die sie sich in den anderthalb Jahren hier angeschafft hatte, nicht hinein. Es war auch gefährlich, sie mitzunehmen.

Das muss man nun alles wieder dalassen, dachte sie. Muss wieder hinausgehn mit nichts als ein bischen Wäsche zum Wechseln, einer Bluse, einem Paar Schuhe. Man lässt zum zweiten Mal alles zurück. Nun, das ist jetzt alles egal.

Sie klingelte dem Stubenmädchen, bat sie, ihr eine Schachtel zu bringen, darin wollte sie ihre bescheidene Habe verstauen. Ihr Herz hing an nichts. Karls Briefe – sechzehn waren es im ganzen – verschnürte sie zu einem Päckchen. Sie wusste noch nicht recht, wo sie die aufbewahren sollte. Vielleicht sollte ich sie lieber vernichten, dachte sie. Aber an der Zentralheizung kann man nichts verbrennen. Hätt' ich damals das Zimmer mit dem Kachelofen genommen. Vielleicht wäre vieles anders geworden. Alle verdächtigen Sachen hätt' ich sofort verbrannt. Bei der Haussuchung hätte man nichts gefunden. Anatol hätte nachts zu mir kommen können. Vielleicht wäre dann alles anders geworden. Aber Anatol hat nicht gewollt. Nun, jetzt ist alles einerlei.

Es klopfte, sie sagte „Herein“, ohne sich umzudrehen, sie meinte, es wäre das Mädchen, das den Karton brachte. Aber es war Anatol.

„Ich bin schon zweimal hiergewesen“, sagte er verlegen, „gestern, und heute vormittag wieder... hat man es Ihnen nicht ausgerichtet? Sie waren ja vorgestern weg, als ich vom Umbruch heraufkam... Sie waren so schrecklich aufgeregt...“

Ja, sie müsse sich entschuldigen, sagte sie, und war noch verlegener, als er. Sie habe sich... sie sei so ungezogen gewesen... sie habe so sicher geglaubt ... ein Missverständnis...

Er winkte ab: „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen! Ich kenne Sie doch! Aber sagen Sie: das mit der Haussuchung? Das war wohl nur so im Zorn gesagt? Ich war sehr beunruhigt... Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen...“

Es klopfte wieder, diesmal war es das Dienstmädchen, mit der Schachtel. Hanna wies auf die Sachen, die sie zum Einpacken auf den Tisch gelegt hatte.

„Ich reise morgen ab“, sagte sie kurz. „Bin ausgewiesen. Der Polizei denunziert. – Ich dachte nicht, dass ich Sie nochmals sehen würde. Ich wollte nicht...“ fügte sie leise hinzu und Tränen stiegen ihr in die Augen.

Aber das sei ja entsetzlich, rief der Mann erregt; da müsse etwas geschehen, da müsse man doch sofort...

Sie schüttelte den Kopf. Da gäbe es nichts zu machen. Unsereiner ist rechtlos. Keiner will uns. Wir sind vogelfrei. „Aber es ist mir recht, ich will gar nicht mehr hierbleiben. Es ist ja sowieso alles aus.“

Er drängte, sie solle nicht so fatalistisch sein, er habe Beziehungen, er wolle sich für sie einsetzen. Als sie nicht antwortete, brachte er vor: er könne es nicht ertragen, dass sie seinetwegen...

Sie schaute ihn geringschätzig an:

„Ihretwegen? Uebertreiben Sie doch nicht! Da stecken ganz andere Dinge dahinter. Aber von denen verstehen Sie nichts, haben Sie sich nie die Mühe genommen, etwas verstehen zu lernen... Nein, Sie brauchen keine Gewissensbisse zu haben. Das Privatleben ist nicht so wichtig.“

Im Ohr klang ihr der letzte Satz. Er war eine Lüge, das hatte sie erfahren in diesem Jahr. Oder vielleicht keine Lüge, aber nichts mehr als ein frommer Vorsatz, ein Wunschziel, eine Doktrin. Sie hatte Schiffbruch gelitten mit all ihren Doktrinen.

Gleich würde Anatol es ihr vorwerfen. Und er würde diesmal sogar recht haben, wenn er es ihr vorwarf. Aber er sagte nur hilflos:

„Nun, das mag ja sein... Aber ich.. wir sind uns doch nahegestanden, Hanna! Ich möchte nicht, dass Sie wegfahren, und noch dazu so plötzlich, auf solche Weise..“ Er sah auf den schäbigen Karton, auf den Rucksack.

Auch hier noch Aesthet, dachte sie, kein Gefühlston schwang mit.

„Und warum möchten Sie, dass ich hierbleibe?“ fragte sie kalt. „Um mich in Ihr Büro rufen zu lassen, wenn Sie gerade eine Viertelstunde Zeit haben und Lust auf ein aesthetisches Gespräch? Um ab und zu hierherzukommen, wenn Sie eben nichts Besseres lockt? Was sonst noch verlieren Sie an mir? Eine Zufallsbekanntschaft. Unsere Beziehung hatte ja keinerlei Hintergrund. Es war nur eine Zufallsbeziehung.“

Er sah sie an, sah dann blicklos ins Weite.

„Vielleicht war es doch nicht so zufällig, dass wir einander begegnet sind“, sagte er leise und ein bischen feierlich. „Vielleicht war doch ein wenig Schicksal dabei.“

Wie romantisch, dachte Hanna mit Unbehagen. Sie hatte vergessen, dass sie selbst oft und oft Aehnliches gedacht hatte.

„Erinnern Sie sich noch an das Zweier-Spital?“ fragte Anatol langsam.

Hanna blickte ihn überrascht an.

„Wie tüchtig Sie waren! Wie heiter und trostreich! Früh die Erste da und abends die Letzte heim, von den freiwilligen Krankenschwestern! Und so oft haben Sie Nachtwache gehalten. Sogar in der Sylvesternacht. Gesungen haben Sie, und es uns allen leicht gemacht... Diesen Sylvester habe ich so sehr an den Sylvester von vor zwanzig Jahren denken müssen“, schloss er wehmütig, wie zu sich selbst.

Hanna starrte sprachlos.

„Ja, waren Sie denn damals im Zweier-Spital?“ fragte sie leise.

Er griff in die Brusttasche, zog das Portefeuille heraus, reichte ihr eine verblichene Postkarte hin. Ein Zimmer mit sechs Betten in einer Reihe, in denen Verwundete lagen. Auf dem mittleren Bett sass sie selbst, in weisser Schürze und Haube.

„Der Hauptmann Kósci!“ stammelte sie. „Der mit dem Lungenschuss... Und der kleine Leutnant aus Tirol.. mit der Schenkelfraktur.. ich weiss nicht mehr, wie er geheissen hat..“

„Das war unsere erste Begegnung!“ sagte Anatol schlicht.

Sie sah ihn fragend an. Er wies auf einen Mann in schwarzem Vollbart, im blaugestreiften Spitalskittel, der hinter der Krankenschwester auf dem mittleren Bett sass.

„Der Mann mit dem Finger!“ rief Hanna aus. „Das waren Sie?!“

Er wies ihr mit wehmütigem Lächeln die linke Hand:

„Sie haben ihn oft verbunden. Aber er ist doch nicht mehr gerade geworden. Sie haben immer gedrängt, man solle ihn operieren, aber es gab so viel wichtigere Kranke.. die Aerzte hatten nie Zeit. Bauchschüsse, Kopfschüsse, Gesichtstransplantationen ... was ist da so ein Finger! Ich habe dann nie mehr Geige spielen können“, fügte er nach einer Weile hinzu.

Hanna sah ihn bestürzt an.

„Und das haben Sie die ganze Zeit gewusst? Und mir nichts gesagt?“ Wie unheimlich das war!

Nein, er hatte es nicht die ganze Zeit gewusst. Er hatte sie wiedererkannt, als sie zuerst in der „Svoboda“ auftauchte, das heisst, er hatte gewusst, dass er sie schon vorher getroffen und dass sie ihm einmal etwas bedeutet hatte. Aber er hatte sie nicht identifiziert, denn im Zweier-Spital war sie nur „Schwester Hansi“ gewesen. Richtig, Hansi hatte man sie genannt. Weil die Oberschwester auch Hanna geheissen hat...

„Und dann habe ich mal beim Kramen diese Photographie gefunden, und da habe ich gewusst, wer Sie waren“, erzählte er weiter. „Aber ich dachte, es würde Ihnen vielleicht nicht angenehm sein, an die Zeit erinnert zu werden.“ Er stockte.

„Warum nicht?“ fragte Hanna arglos. – „Ach so, weil ich dann erfahren hätte, dass Sie mein Alter wissen“, lächelte sie. Wie gut er sie doch kannte! Mehr als sie selbst hatte er wohl gespürt, wie sehr ihre vierzig Jahre sie drückten und verwirrten. Sie erinnerte sich plötzlich an die Scene im Wald von Štěchowitz, wo sie ihn gefragt hatte, für wie alt er sie hielte, und wie er rätselhaft geantwortet hatte: „du siehst aber viel jünger aus“... Also damals hatte er es schon gewusst. Wie sonderbar.

„Ich habe das Bild zu mir gesteckt und immer gemeint, es wird sich mal eine Gelegenheit finden.. freilich habe ich nicht erwartet, dass ich es Ihnen heute zeigen würde, unter solchen Umständen.“ In seiner Stimme lag Trauer.

Es klopfte, Hanna wurde zum Telefon gerufen. Es war Luise. Ach, Luise. Sie hatte sie Sonntag gesucht und nicht getroffen, und dann in der Wirrnis der letzten Tage die einfache Freundin wieder vergessen. Sie sagte ihr nur, dass mancherlei Wichtiges vorgefallen sei und versprach, sie noch am selben Nachmittag zu besuchen. Da hätte ich nun fast noch vergessen, mich von Luise zu verabschieden, dachte sie mit flüchtigem Schuldbewusstsein, an der Oberfläche. In all ihren Tiefen war es dunkel von dem Schatten, den die Enthüllung Anatols geworfen hatte.

Sie ging in ihr Zimmer zurück. Anatol stand am Fenster und schaute schweigend auf den trüben Hof hinunter. Er drehte sich lange nicht um, und sie stand schweigend hinter ihm und sah auf seinen Rücken, ohne ihn zu sehen.

Schliesslich berührte sie seine Schulter leicht mit der Hand. Er kehrte ihr das Gesicht zu, es war blass und voll Traurigkeit.

„Sie müssen jetzt gehen“, mahnte sie zart. „Ich reise morgen früh und habe noch ein paar Wege zu machen.“

„Und kann ich denn gar nichts für Sie tun?“ fragte er mit bedrückter Stimme. „Darf ich Ihnen nicht wenigstens ... ?“

„Nein, danke, ich habe Geld“, unterbrach sie hastig.

„Nun, dann..“ sagte er zögernd. „Wie Sie wollen. Ich wünsche Ihnen alles Gute! Aus ganzem Herzen alles Gute!“ Er drückte ihr die Hand.

„Vor allem Gesundheit?“ sagte sie; aber es lag kein böser Hohn darin, nur ein wenig freundschaftlicher Spott.

„Das ist nicht das Wichtigste“, murmelte er verwirrt.

Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre beiden Hände.

„Leb wohl, lieber Anatol“, sagte sie und küsste ihn schwesterlich auf den Mund.

Als er gegangen war, starrte sie lange blicklos aus dem Fenster. Dann zuckte sie plötzlich zusammen. Nein, über all dies Erstaunliche konnte man jetzt nicht nachdenken. Das musste man sich in ruhigerer Zeit zurechtlegen und zu verstehen suchen.

Das Wichtigste war jetzt, Geld zu beschaffen. Mein Gott, wo nehme ich Geld her. Es wird mir nichts übrig bleiben, als es mir doch von Dr. Svoboda auszuborgen. – Alle heissen sie Svoboda, dachte sie, während sie ihre Wäsche in die Pappschachtel legte. So eine Verwirrung. Alles heisst Svoboda.

Es klopfte. „Herein!“ rief Hanna. Ihr Bruder Heinrich stand an der Tür.

„Ich bin nämlich heute früh schon mal hiergewesen“, meldete er verwirrt. „Habe deinen Brief erst gestern spät nachts vorgefunden. War zwei Tage in Brünn.“

Komisch, alles fährt nach Brünn, dachte Hanna mechanisch.

„Hanna, was sind das für verrückte Sachen?“ sagte er streng, aber Erregung klang in der Stimme durch.

Sie schaute ihn verdrossen an:

„Was willst du von mir? Wir kennen uns ja nicht. Seit Jahren haben wir jeden Verkehr abgebrochen. Hast es ja selbst erzählt, in grosser Gesellschaft, in der Rokoko-Bar.“

„Ach, was man nicht alles redet, wenn man von etwas überrascht wird!“ sagte er ärgerlich. Er legte seinen Pelz ab, sah sich nach einem Stuhl um, aber auf dem einzigen Stuhl lag der Rucksack. Er setzte sich auf das Bett.

„Kannst dir ja denken, dass alle möglichen Leute mich gleich antelefoniert haben und gefragt, ob ich das bin, Heinrich A., im „Rudé Právo“, und ob denn meine Schwester wirklich eine Kommunistin und

Faschistin ist.“

Wider Willen musste Hanna lachen. Für Heinrich Aschbach war da offenbar kein Unterschied. Kommunismus, Faschismus, halt so verrückte Sachen. Ein anständiger Mensch wählt demokratisch und kümmert sich nicht um Politik. Flüchtig schoss ihr durch den Kopf, dass die tölpische Gleichschaltung der beiden Extreme vielleicht einen tieferen Wahrheitsgehalt hatte, als der Bruder ahnte. Hatte sie selbst nicht eben das Wort „Gleichschaltung“ gedacht? In Russland hiess es „sozialistische Disciplin“... Ja, vielleicht war der Unterschied kleiner, als man glaubte.

„Aber das, was man so redet, ist doch gar nicht wichtig“, setzte Heinrich Aschbach fort, da die Schwester nicht antwortete. „Gebe zu, es war taktlos von mir. Entschuldige. Deshalb brauchst du mir nicht so einen patzigen Abschiedsbrief zu schreiben, dumme Nudel!“ Er hatte Tränen in der Stimme.

Plötzlich sah sie ihn und sich, als Halbwüchsige, wie sie miteinander stritten. Sein hübsches, schon etwas schwammiges Durchschnittsgesicht wurde schmal und bartlos, die Brille verschwand, unschuldige, etwas trotzige Knabenaugen blickten sie an, hilflos und zornig. Sie erkannte Heini, den Bruder aus der Kindheit. Immer hatten sie gestritten und sich Schimpfnamen gegeben, nie hatten sie sich gesagt, wie gern sie einander hatten.

„Du bist doch schliesslich meine einzige Schwester“, brummte er. „Wenn du schon so ein verdrehtes Leben führst, dass du's mit der Polizei und dem Gericht zu tun bekommst, dann muss ich doch dafür sorgen, dass da kein Skandal wird. Ich bin Geschäftsmann, in erster Linie.“ Da hatte sich die Brille wieder auf die Nase gesetzt und die kindlich-straffen Wangen hingen wieder schlaff herunter.

„Lebe, wie du willst“, sagte Hanna kühl, „aber lass mich in Ruhe. Wenn deine Geschäfte es erfordern, dass du die eigene Schwester verleugnest, so tu, was du nicht lassen kannst. Aber erwarte nicht, dass ich dann noch mit dir verkehre. Uebrigens werde ich dir keine Ungelegenheiten mehr machen.“ Sie wies auf ihr Gepäck. „Wie du siehst, reise ich ab. Für immer. Ich habe noch sehr viel zu tun. Deshalb wäre es mir angenehm, wenn du mich jetzt allein liessest.“

„Führ' nicht so hochgeschorene Reden, du kindische Person!“ zürnte er. „Wann wirst du einmal erwachsen werden, mein Gott! Wenn man in einer solchen Lage ist, wie du jetzt, geht man zuerst zum Bruder, zumal, wenn man weiss, dass er ein einflussreicher Mensch ist. Zu wem sonst geht man denn? All diese Kerle, mit denen du da verkehrst, Seichtbeutel und Zeitungsschreiber, wie der Lozák, und die sogenannten Genossen, wie der Herr Senator X – der übrigens ein ganz raffinierter Kapitalist ist, mit seiner Milchschiebung! – was tun denn die im Ernstfall für dich? Glatt fallen lassen die dich im Ernstfall! Mir wirst du nichts vormachen, keiner von deinen Herren Freunden tut etwas für dich!“ Er schaute geringschätzig auf ihre armselige Habe. Und als ob er ihre Gedanken erraten hätte, setzte er fort: „Kann man denn etwas für dich tun? Du springst einem ja gleich ins Gesicht mit deinem Misstrauen und deiner Verachtung! Denn du verachtest mich! Du hast mich immer verachtet! Weil ich nichts von deinen hocherhabenen Ismen verstehe, weil ich ein Mann des praktischen Lebens bin, weil ich nicht so gescheit bin, wie du.“

Hanna betrachtete ihn verwundert; er war aufgestanden und lief aufgeregt vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster.

„Schon als wir noch klein waren, war es so“, redete er weiter, wie zu sich selbst. „Du warst immer die Gescheite, die Glänzende, die, auf die die Eltern die grossen Hoffnungen gesetzt hatten. Du hast studieren dürfen, mich hat man ins Kontor gesteckt, ich war zu dumm.“

So ist das? dachte Hanna betroffen. Der reiche, angesehene Herr Bankier fühlt sich mir unterlegen? Wer hätte das je geglaubt! Wie anders alles ist, als man sich's vorstellt. Nie wäre ich darauf verfallen, dass Heini sich von mir verachtet fühlt. Plötzlich verstand sie, dass der Bruder, vielleicht sogar bewusster als sie, seit je darauf hingelebt hatte, ihr zu imponieren; genau so war's bei ihm, wie bei ihr, beide waren sie aufeinanderbezogen, in all ihrem Handeln und Tun. Das viele Geld, das er aufhäufte, die Aufsichtsratstellungen, das nicaraguanische Konsulat, das daraus erfliessende Diplomatenabzeichen am eleganten Chrysler – das alles sollte sagen: sieh her, Schwester, dazu hat's dein dummer Bruder gebracht! Sonderbar ist das: Geschwister – dachte sie. Dass man doch nie die Kindheit los wird.

„Na, das ist ja nun lange vorbei“, sagte sie vernünftig, sie wusste nicht, sprach sie zu ihm oder zu sich selbst.

„Ich habe mir die Sache schon überlegt“, meinte er. „Auch schon mit meinem Advokaten gesprochen, ein sehr gescheiter Mensch. Er hat sich gleich auf der Polizei erkundigt, aber es scheint, dass da momentan nichts zu machen ist. Sie benützen hier jetzt jeden Anlass, um die Emigranten loszuwerden. Du hast ja auch nichts verloren hier, so elend wie du lebst.“

Er schaute sich im Zimmer um.

„Fahr' weg, am besten nach Paris. Dein Mann kommt doch jetzt bald aus dem Gefängnis, was? – Ach, erst im Oktober. Ich dachte im Mai. Na, immerhin. Der soll dann mal auch nach Paris gehen. Dort lebt sichs besser. Hier kommt früher oder später doch der Hitler her und dann sind die Emigranten in der Falle. Ich lasse aber die Sache deshalb nicht aus dem Auge. Ich werde das so arrangieren, dass du, wenn du willst, jederzeit zurückkommen kannst. Hier kann man sich ja alles arrangieren! Ein Mensch in meiner Position, heisst das.“

Schon wieder will er mir imponieren, dachte Hanna amüsiert, aber es tat ihr doch wohl, dass der Bruder sich so praktisch für ihr Schicksal interessierte.

Er zog die Brieftasche heraus und legte ein Päckchen Banknoten auf den Tisch.

„Es sind fünfhundert Dollar“, sagte er. „Ich habe sie mir in lauter Fünf- und Zehndollarscheinen wechseln lassen, damit du keine Scherereien hast. Erst wollte ich Travellerchecks nehmen, du verlierst am Ende noch das Geld, du schwebst ja immer in den Wolken. Aber dann hast du Wirtschaft mit dem Unterschreiben und so, hab' ich mir gedacht. Und da hast du auch die Bewilligung von der Devisenzentrale, falls dich einer irgendwo anhält. Also zähl's nach und gib acht, dass man dir's nicht stiehlt“, sagte er streng.

„Danke vielmals, Heini“, sagte Hanna, „das ist ja sehr gut gemeint. Aber ich nehme kein Geld von dir. Du kannst nicht mit Geld gutmachen, was du mir angetan hast in all den Jahren.“

Der Bruder schaute sie verletzt und traurig an.

„Du machst es einem wirklich schwer, dich gern zu haben“, brummte er. „Angetan hab' ich dir nichts. Wenigstens nicht mit Willen. Uebrigens hast du mir auch genug angetan. Wie du allein auf Rosita herabschaust, dabei ist sie doch eine so feine Frau und verehrt dich sogar im Stillen... Aber das ist jetzt einerlei. Wichtig ist, dass du Geld hast..“

Hanna wollte ihn unterbrechen, aber er ging darüber hinweg:

„....Und von andern Leuten wirst du wahrscheinlich keines bekommen, oder höchstens hundert Kronen plus gute Ratschläge.“

Dieser nüchternen Feststellung musste Hanna innerlich beistimmen. Wieviel konnte sie sich von Zdeněk Svoboda ausleihen, er selbst hatte ja nur vom „Nötigsten“ gesprochen, sie war froh, wenn sie es nicht in Anspruch zu nehmen brauchte. Und sonst... ja, es blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Nach Spanien ist es weit. Ohne Papiere reisen, das kostet viel Geld.

„Aber ich nehme es nur geborgt“, sagte sie widerwillig. „Und ich nehme bloss hundert Dollar, mehr brauche ich absolut nicht.“

„Du nimmst die fünfhundert Dollar!“ befahl er. „Kannst dir in Paris ein kleines Geschäft aufmachen, einen Buchladen oder eine Leihbibliothek, oder so was, was zu deinen Interessen passt. Für mich spielen doch fünfhundert Dollar keine Rolle.“

Hanna schluckte den letzten Satz und sagte:

„Nun also, wie du meinst. Und herzlichen Dank. So wie ich kann, fange ich an, abzuzahlen.“

„Verschenke das Geld aber nicht an irgendwelche hergelaufenen Fallotten!“ mahnte der Bankier. „Denke an deinen Mann, und wie er dastehn wird, wenn er im Herbst herauskommt. Und, tu auch mal was für dich. Du siehst ja miserabel aus, ganz grau und mager. Fahre irgendwo aufs Land, so wie du wieder eine ständige Bleibe hast. Und schreib' mir deine Adresse, sobald du weisst, wo du dich niederlässt. Jetzt muss ich weg, ich habe noch eine Sitzung. Wann fährst du?“

Hanna antwortete, sie führe morgen, zunächst nach Oesterreich, wüsste aber noch nicht, mit welchem Zug.

„Na, also dann rufe mich an, sobald du es weisst, wir kommen auf die Bahn. Und ... reiss' dir nicht das Leben so herunter, Schwester. Dazu bist du zu schade. Ich weiss es. Ich habe dich doch von Kindheit an gekannt! Bist im Grunde eine tüchtige und brave Person, bei all deiner Verrücktheit. Wenn ich das sage, kannst du es glauben!“ fügte er treuherzig hinzu.

Hanna lachte. „Nun, das ist ein seltenes Kompliment“, meinte sie.

„Du bist ja meine Schwester“, sagte er doppeldeutig, zog den Pelz an und ging mit kräftigem Händeschütteln.

Hanna packte fertig, verschnürte den Karton, verwahrte das Geld und ging auf den Bahnhof, sich nach den Zügen erkundigen. Um sechs Uhr fünfunddreissig musste sie fahren, es war der beste Zug tagsüber.

Am Pult beim Portier war noch immer – oder schon wieder – der deutlich als solcher zu erkennende Geheimpolizist gestanden. Nun, dann lieber gleich morgen fort, obzwar die Frist erst Freitag abläuft. Sonst werde ich noch per Schub über die Grenze gebracht. Ich habe hier ja auch nichts mehr zu tun.

Es war ihr ganz heiter zumute. Es geht auf eine Reise. Es ist keine freiwillig unternommene Reise, es ist keine angenehme, es ist sogar eine gefährliche Reise, man weiss nicht, ob und wie und wo man ankommen wird. Aber es ist immerhin eine Reise. Sie hat lange keine gemacht. Jede Reise, auch die unangenehmste, bringt diese gewisse heitere Erregung, diese Vorfreude auf das Neue, Unbekannte, diese geschäftige Unrast: Hinaus!

Prag lag im Kessel, sie sah es tief unten im Dunst, als sich die Strassenbahn die Höhen zur Vořechovka28 hinaufschwang. Hier wohnte seit kurzer Zeit Luise, als Haushälterin bei einer alleinstehenden Dame. Zwischen lauter hübschen Häusern lag die kleine Villa in einem frischangelegten Gärtchen.

Sie fand die Freundin am Waschfass, Seifenschaum quoll ihr über die Schürze, der kleine Raum dampfte vor Wasserdunst. Während Hanna erzählte, nahm Luise die ausgekochte Wäsche mit einem Holzlöffel aus dem Zuber, warf sie zum Abspülen in eine Zinkwanne und begann dann, mit ihren kräftigen roten Händen die schweren Laken auszuwringen. Hanna berichtete, Luise nickte ernsthaft und bedauernd.

„Das ist ja nun sehr schade, dass du wegmusst“, meinte sie ohne sonderliche Erregung. „Du warst eine nette Genossin. Wir hätten dich schon noch zur Trotzkistin gemacht! Na, in Spanien gibt es ja auch eine Sektion, sogar eine sehr gute. Ich werde dir die Adressen schreiben.“

Hanna gefiel die praktische, unsentimentale Art der Freundin.

„Von allen, die ich hier lasse, tut's mir um dich am meisten leid“, sagte sie und fühlte es auch in diesem Moment aufrichtig. „Du warst der erste Mensch, der hier nett zu mir gewesen ist und bist der letzte.“

„Hast du denn Geld?“ fragte Luise und trat auf den Hof hinaus, um die Wäsche aufzuhängen. „Ich könnte dir nämlich, wenn du keins hast, sechshundert Kronen borgen, die ich mir gespart habe. Musst sie mir allerdings zurückgeben. Hans kommt im Juli heraus, da brauche ich dann das Geld.“

„Danke, du Gute“, sagte Hanna gerührt. „Nein, danke. Wie du weisst, habe ich einen reichen Bruder. Er hat bisher nie was für mich getan, ich habe es nicht verlangt, hätte es auch nicht angenommen. Er war eben bei mir und hat mir einen Haufen Dollar aufgedrängt. Bei ihm kommt es nicht darauf an, und ich kann es brauchen, so habe ich also weiter keine Geschichten gemacht.“ Was sollte sie der einfachen Luise die komplizierten seelischen Beziehungen auftischen, die sie seit einer Stunde zwischen sich und ihrem Bruder zu ahnen begonnen hatte? Bruder und Schwester, Bürgerkinder, das war so anders, als der proletarische Haushalt mit den sieben oder acht Geschwistern, aus dem Luise stammte.

„Na, das ist ja recht!“ meinte Luise erfreut. „Selbstverständlich hast du es angenommen, wäre ja noch schöner. – Du, übrigens deine „Svoboda“ war doch die erste, die den kommunistischen Milchskandal enthüllt hat, nicht?“ setzte sie unvermittelt fort. „Die haben den Kommunisten ja freilich nichts vorzuwerfen; monatelang haben sie für die „Melka“ die Pauke geschlagen, und bei denen gehts hinter den Kulissen genau so zu. Ueberhaupt, wenn eine bürgerliche Zeitung schon in Moral macht! Aber sie hat wenigstens das Verdienst, diese Stalin-Schieber entlarvt zu haben“, fügte sie arglos hinzu. Ihre Informationen stammten wohl von der Trotzkistischen Gruppe, in der Tschechen und Deutsche gemeinsam organisiert waren. Den Artikel im „Rudé Právo“ hatte sie anscheinend nicht gelesen und Hanna sagte nichts.

Luise war fertig mit Wäscheaufhängen und lud Hanna in die Küche, wo sie heissen Kaffee aus der Röhre nahm.

„Ich lasse dir die Briefe von meinem Mann da, Luise“, sagte Hanna und wies auf den Karton, den sie mitgebracht hatte. „Sobald ich eine Adresse habe, werde ich dich bitten sie mir nachzuschicken. Und da drin sind noch all die Sachen, die ich nicht mitnehmen kann. Bitte behalte, was du brauchen kannst. Aber wirklich! Das andere gib dem Flüchtlingskomité.“ Sie hatte den Karton aufgeschnürt und sah nachdenklich auf das Päckchen Briefe, das zu oberst lag.

„Sag mal,“ meinte sie zögernd, „wie stellst du dir das eigentlich vor, ich meine, wenn Hans im Juli herauskommt... Es hat sich doch so viel verändert inzwischen... Glaubst du, dass ihr da so ohne weiteres wieder zusammenleben werdet, wie vorher?“

„Warum denn nicht?“ wunderte sich Luise und biss mit ihren kräftigen grossen Zähnen in ein dickes Stück Hefenkuchen. „Selbstverständlich! Wir freuen uns beide schon mächtig drauf“.

„Und alles, was dazwischen liegt...?“ fragte Hanna schüchtern. „Denn es liegt doch viel dazwischen, nicht?“

„Nun ja, es liegt mancherlei dazwischen, freilich“, sagte Luise und wurde ein bischen rot. „Aber das hat doch alles nichts zu bedeuten. Unsere Trennung war doch nur eine äusserliche Trennung..“

Ob man wohl äusserlich und innerlich so einfach trennen kann? sann Hanna. Hing das nicht alles tief zusammen, verstrickt und rätselvoll? Aber sie verzagte, es der Freundin begreiflich machen zu können.

„Und das, dass du inzwischen von der Partei weg bist? Das stelle ich mir gar nicht so einfach vor!“ fragte sie weiter und kam auf ein handgreiflicheres Gebiet. „Wo doch die in den Gefängnissen gar nicht wissen, was inzwischen in der Welt vorgegangen ist... Hans ist doch als Parteimitglied hineingegangen und kommt als Parteimitglied wieder heraus, und du bist jetzt Trotzkistin.“

„Darüber mache ich mir gar keine Kopfschmerzen, Hanna“, sagte Luise ungerührt. „Hans ist doch ein so intelligenter Junge, dem werden wir schnell klargemacht haben, wie Hase läuft. Und dein Karl, mit dem wird's ganz genau so sein, da mach dir mal ja keine überflüssigen Sorgen!“

Hanna lächelte überrascht. Es schien ihr mit einemmal selbst gar nicht mehr so kompliziert, nun, da sie es so einfach aufgefasst sah. Sie nahm das geblümte Sommerkleid aus dem Karton und hielt es der Freundin an.

„Siehst du, es wird dir gerade passen“, meinte sie. „Damit gehst du Hans dann abholen, wenn er herauskommt! Und hör' mal, da sind auch noch fünfzig Dollar, für die Emigrantenkinder“, sagte sie etwas verlegen und holte die Scheine aus ihrem Handtäschchen.

„Das ist aber nett! Wieviel ist das in Kronen?“

„Etwa tausend, glaube ich...“

Luise staunte.

„Da werden die aber jubeln! Wo doch jetzt niemand mehr etwas gibt! Ich werde es aber lieber einem tschechischen Genossen zum Wechseln geben; sonst glauben die im Komité gar noch, ich bin ein Gestapo-Agent!“

Nein, es war keine Anspielung. Luise wusste ja nichts von der Kunze-Geschichte. Sie sollte auch noch für sich zwanzig Dollar nehmen, aber sie lehnte es ab. Auf die Bahn könne sie leider nicht kommen, meinte sie bedauernd, halbsieben, da musste sie ihrer „Alten“ das Bad und das Frühstück machen, sie war Professorin am Mädchengymnasium „Minerva“.

„Wie heisst sie denn?“ erkundigte sich Hanna, sie hatte vorhin nicht auf den Namen am Türschild geachtet.

Nein, es war keine von ihren alten Lehrerinnen aus der Jugendzeit. Das alte Prag war endgültig vorbei.

„Also dann, gute Luise“, sagte Hanna. „Ich habe noch allerlei zu tun. Wir trennen uns nicht für immer.“

„Natürlich nicht! Wenn Hans herauskommt, gehen wir vielleicht auch nach Spanien. Wenn bis dahin nicht schon wieder alles kaputt ist dort; die Partei wird schon dafür sorgen, dass die schöne Volksfront schön nach rechts abschwenkt“, meinte Luise trocken. „Weiss übrigens die Partei, dass du gehst?“ fragte sie.

Was sollte Hanna jetzt die ganze lange Geschichte ausbreiten. Sie hatte Eile, Luise würde sie, wenn sie erführe, was los war, sofort für die Trotzkisten anwerben wollen, ausserdem schämte sie sich, zu gestehen, dass die Partei die Urheberin ihrer Ausweisung war.

„Ich war gestern schon im Heim, mich verabschieden“, sagte sie unbestimmt.

„Du, ich glaube, es ist ganz gut für dich, dass du hier wegmusst“, sagte Luise und schaute Hanna prüfend an. „Wo du doch hier aufgewachsen bist, in einer bürgerlichen Familie, und dann so lange wegwarst, und wiederkommst als Kommunistin... Das ist

nicht das Richtige. Da kommt nichts Richtiges heraus. Ich glaube, es wird dir in Spanien viel besser gehen!“

Ja, da sei viel Wahres dran, meinte Hanna, und war wieder einmal betroffen von der schlichten Klugheit, mit der Luise schwierige Dinge erfasste. „Ich hätte damals lieber nach Paris emigrieren sollen. Aber jetzt muss ich schon wirklich gehen..“

Die beiden Frauen umarmten und küssten sich herzlich.

Als Hanna über den Hradschin in die Stadt zurückfuhr, lag Burg und Dom zu ihrer Rechten im Dunkel; aber unten auf den breiten Plätzen der Neustadt waren schon die Lichter angezündet.

25. Kapitel

Das Vaterland ist ein kleines Land – Viele Fragen und keine Antwort – Alle Wahrheit ist einfach – Umbruch ist jeden Tag – Der Asphalt beginnt mit der Erde zu verschmelzen – Eine Lerche steigt auf – Es geht ein Zug über die Landstrassen der Welt.

An einem Donnerstag mit nichts als einem Rucksack zur Grenze zu fahren, das war nicht unauffällig. Der Wagon dritter Klasse war beinahe leer. Damals, als Hanna angekommen war, war Sonntag gewesen, gestopft voll der Abendzug. Sie hatte leicht durchschlüpfen können, Ausflüglerin, aus dem Erzgebirge zurück. Heute war keine Menge da, zwischen der sie sich hätte verstecken können.

Damals hatte sie keine Dokumente gehabt, nur den vielfach gefalteten, geheimen Legitimationszettel vom Unterbezirk Berlin – Lichterfelde. Jetzt hatte sie ein Dokument: den Ausweisungsbefehl. Wies sie den im Notfall vor, würde kein tschechisches Amtsorgan sie zurückhalten. Sie befolgte ja nur die Gesetze und Verordnungen. Die oesterreichischen Amtspersonen freilich durften ein solches Blatt nicht bei ihr finden. Sie würden solch staatsgefährliches Individuum sogleich verhaften.

Nein, den Oesterreichern musste sie ausweichen. Sie musste sehen, so schnell als möglich aus Oesterreich wieder hinaus und in die Schweiz zu gelangen. Oesterreich war ja jetzt ein kleines Land. Man würde vielleicht nicht einmal dort übernachten müssen.

Auch ihr Vaterland war ein kleines Land. In nicht viel mehr als drei Stunden war sie damals von der nördlichen Grenze nach Prag gefahren. Nun fuhr sie kaum erst drei Stunden, und schon war die südliche Grenze nah. Ein kleines Land. Ein Durchzugsland. Ein Durch-Land. Wahrhaftig, es war zu klein, um sich darin aufzuhalten.

Nach Osten allerdings dehnte sich das Land schmal und weit, nach der Slowakei, nach Karpathorussland; den letzten Zipfel konnte man per Eisenbahn nur erreichen, indem man ein Stückchen über rumänisches Gebiet fuhr. Dort war sie nie gewesen. Sie hatte Russland, England, Italien, Norwegen bereist, aber in ihrem eigenen Vaterland war sie über Böhmen nie hinausgekommen. Nicht einmal bis Brünn.

Immer habe ich mal über Sonntag nach Brünn fahren wollen, dachte sie. Die Stadt sehen, in der Anatol seine Jugend verbracht hatte, die ihn mit so stetiger Gewalt Sonntag für Sonntag zu sich zog. Vielleicht auch die Familie zu Gesicht bekommen, die vielgeliebte Familie Svoboda in Brünn. Sie hatte nach Brünn fahren wollen, um zu spionieren. Ja, spionieren hatte sie gewollt. Und jetzt wurde sie ausgewiesen gleichsam als Spion. Wie richtig alles stimmte! Nur musste man es in einen andern Zusammenhang setzen.

Uebrigens, wenn sie auch vielleicht Lust zum Spionieren gehabt hatte – es hätte ihr bestimmt an Talent dazu gefehlt. Sie hatte kein Talent, etwas herauszubringen. „Muss man so gescheit sein, um so dumm sein zu können?“ hatte ihr Bruder einmal missbilligend gesagt, als sie irgend eine ihm sehr einfach scheinende Sache nicht verstand. Sie hatte gefragt und gefragt, und es doch nicht verstanden. Immer sah sie so vielerlei Seiten zugleich, an den Dingen, an den Menschen. Und darüber entging ihr der Grundriss des Baus.

In Veselí-Mezimostí wurde auf Tabletts Frühstück in den Zug gereicht: Gulasch mit Knödeln und Bier. Sie erinnerte sich, wie sie auf dieser Strecke vor vielen, vielen Jahren mit den Eltern nach Wien gefahren war. Da hatten sie auch auf hereingereichten Tabletts Gulasch gegessen... Zur Adria-Ausstellung waren sie damals nach Wien gefahren. In künstlich gezogenen, auf dem blechernen Grunde grellblau getünchten Kanälen und Becken floss bläuliches Wasser, das mittelländische Meer sollte es hervorzaubern. „Bis von der Adria haben sie das Wasser hergebracht?“ hatte die junge Hanna staunend gefragt. – „Du musst auch immer zuerst auf das Unwahrscheinlichste raten!“ hatte der weltkluge Vater sie ausgelacht.

Sie trank das Bier aus und reichte das Tablett zum Fenster hinunter, schon zog die Lokomotive wieder an.

Nein, niemand war auf die Bahn gekommen. Sie hatte niemandem die Stunde ihrer Abreise bekanntgegeben. Besser so. Keine Abschiedstränen und Abschiedsscenen. Sie würde schreiben – an Zdeněk, an Jarmila. Auch an Heini. Seit seinem Besuch vom Vortag sah sie ihn in einem andern Licht. Heini – am letzten Tag erst war sie ihm nahegekommen. Zu spät.

Sie dachte an Anatol. Das letzte Gespräch mit ihm hatte auch Anatol in ein neues Licht gestellt. Diese Geschichte mit dem Spital im Krieg ... wie sonderbar. Sie verstand es nicht. Sie versuchte darüber nachzudenken. Kein Gefühl regte sich in ihr. Anatol, die Lust, der Schmerz, war fern. Dunkel spürte sie, dass der Schmerz wiederkommen würde, dass er nur betäubt war, dass sie es noch würde zuende leiden müssen, allein, auf neuer Erde. Anatol, der Mann mit dem Finger... Hatte ihre Beziehung vielleicht von anfang an unter diesem Zeichen gestanden? Sie verstand es nicht.

Aber wahrscheinlich war es ganz einfach. Wie so viele Dinge, die sie nicht verstand. Vieles verstand sie ja jetzt schon besser. Zum Beispiel, dass gerade die so einfach scheinenden Dinge im Grunde oft sehr wenig einfach waren: Die unbedingte Treue zur Partei. Und andrerseits, die unbedingte Freiheit im Privatleben. Sie hatte gemeint, ganz genau zu wissen, wie es damit bestellt war. Es waren klare, einfache Doktrinen gewesen. Ach, Doktrinen eben! Das Leben sieht anders aus.

Manches hab' ich doch gelernt in diesen eineinhalb Jahren, dachte sie. Teures Lehrgeld hab' ich zahlen müssen. Ohne das geht es wohl nicht ab. Teure Sachen halten besser.

Der graue Sweater, den sie trug, war teuer gewesen, 1930 hatte sie ihn gekauft, als sie mit Karl in den Thüringer Wald Skilaufen gefahren war. Das war auch im Februar gewesen. Hier in Südböhmen lag kein Schnee. Es war ja auch ein besonders warmer Winter. Gut, dass es ein warmer Winter war, die Zellen in den Gefängnissen sind sicher schlecht geheizt.

Sie dachte an ihren Mann, wie sie ihn zuletzt gekannt hatte, im Winter und Vorfrühling 1934, vor zwei Jahren. So trug sie sein Bild in sich, unversehrt, vertrauenerweckend, stark und sicher. Sie zog die kleine Photographie hervor, blickte sie liebevoll an. Wie gut er aussah mit dem lockigen, angegrauten Haar! Ach, jetzt sah er anders aus. Er hatte die Haare geschoren...

Zum ersten Mal ging ihr auf, dass Karl jetzt wohl nicht nur anders aussah; dass er auch innerlich mochte ein anderer geworden sein. Wie kann man denn zwei Jahre im Zuchthaus sitzen, ohne ein anderer zu werden! „Nur eine äusserliche Trennung“, hatte Luise gestern gesagt. Nein, Luise, auch dein Hans wird ein anderer geworden sein, wenn er zu dir zurückkommt. Sie hatte genug Genossen gekannt, die aus langer Haft zurückkehrten. Sie waren alle anders geworden. Hatten alle den weiten, abwesenden Blick von Augen, die lange, lange auf die gleiche kahle Wand gestarrt haben, auf das kleine blaue Stück Himmel hoch oben unter der Decke. Nein, auch Karl würde, wenn er herauskäme im Herbst, ein anderer Karl sein, als der, den sie unversehrt in sich trug.

Wie hatte sie das denn bisher nie bedacht? Ach, das Nächstliegende fiel ihr immer zuletzt ein, so bist du, Hanna Last. Karl, den sie im Herzen trug als ungebrochenen, schlichten, geraden, lebenstüchtigen Menschen ... seine Einfachheit mochte im Kerker durch viele Filter der Selbst- und Weltbetrachtung gerieselt sein. Zwei Jahre Zuchthaus! Das war doch ein Umbruch im Leben! Keiner kommt so heraus, wie er hineingegangen ist. Sie würden, wenn sie wieder zusammenkämen, ganz von vorne anfangen müssen... Aber mit sanfter Beruhigung spürte sie: sie würden sich wieder finden. Nach dem Umbruch.

Umbruch, ein Doppelwort.

Umbruch machen hab' ich auch gelernt in Prag, dachte sie wehmütig. So oft und oft, wie ich zugeschaut habe, und habe immer alle gefragt, warum dies? und warum das? „Warum streichen Sie denn den letzten Absatz?“ hab' ich Karlíček gefragt, als ich ihm über die Schulter schaute, ganz am Anfang war das. „Der letzte Absatz ist doch wichtig, finde ich...“

„Nicht so wichtig, wie ein guter Umbruch“, hatte Karlíček sie belehrt. „Wie soll denn das aussehen, wenn man so ein kleines Schnipsel von einer Sache auf die nächste Seite hinübernimmt? Weg damit! Den Artikel versteht man auch so.“ Allmählich hatte sie den Redakteuren das Handwerk abgeguckt. Sie konnte sich jetzt zutrauen, einen guten Umbruch zu machen.

Ein guter Umbruch... manches hat auf die letzte Seite wandern müssen, was auf die erste oder mindestens auf die dritte Seite Anspruch erhob, manches muss überhaupt wegfallen, wir haben keine Zeit, wir haben keinen Platz, die Ueberschriften müssen die angemessene Grösse haben, eine unbeträchtliche Episode kann man nicht mit Vier-Cicero-Lettern betiteln. Umbruch ist jeden Tag. Es kommen immer neue Nachrichten, immer neue Nachrichten, die müssen auf die erste Seite, aus der Setzmaschine rieseln die Bleizeilen heraus mit neuem Text in Spiegelschrift, neuer Text, immer neuer Text, gleich ist es halbzehn, wir müssen fertig werden. Das Leben muss mit Leim und Schere behandelt werden, mit blossen Fahnen kann man keine Zeitung und kein Leben machen....

Der Zug hielt: Gmünd, alles aussteigen zur Pass- und Gepäckkontrolle. Die Grenze. Nun war das Vaterland vorbei, ein neues Land begann.

Hanna ging unbefangenen Schritts durch die Sperre, die nach der böhmischen Seite in die Stadt führte und wanderte nach Gmünd hinein. Sie hatte sich Hildes Zeichnung gut eingeprägt, ehe sie den Zettel vernichtete.

Den Rucksack auf dem Rücken, in flachabsätzigen Wanderschuhen, schritt sie durch das Städtchen, machte nirgends Halt. Ohne Mühe fand sie die grosse Chaussee, dann den Weg, der rechts abbog, in den Wald hinein, nein, den nicht, erst den zweiten. Sie begegnete keinem Menschen, es war Wochentag, wer ging denn da auf der Landstrasse. Ab und zu nur fuhr ein Auto an ihr vorbei.

Weit und flach tat sich das Land vor ihr auf, Felder rechts und links, braun und stumm im Vorfrühling. Alles war still. Sie war die Stille nicht mehr gewohnt, ihre eigenen Schritte machten so viel Lärm auf der asphaltierten Chaussee, sie ging an den Strassenrand, wo der Asphalt mit der Erde verschmolz. Schlechtbeschnittene Obstbäume grenzten die Felder von der Strasse ab. Sie ging unter den Bäumen hin, die ihr kahles Gezweig dünn in den Februarhimmel reckten. Dann kam der zweite Feldweg, hier musste sie einbiegen.

Dann noch etwa zweihundert Meter und ihr seid in Oesterreich, hatte der Polizist zu den Genossen gesagt. Wenn ihr aber wieder zurückwollt, dann wartet, bis es dunkel wird, neun Uhr zehn geht der Zug zurück.

Nein, sie wollte nicht zurück. Sie hatte die Heimat hinter sich gelassen, Prag, die geliebte Stadt, und die geliebte Partei, die zweite Heimat... Sie konnte nicht zurück. Sie wollte nicht zurück. Und sie wollte nicht warten, bis es dunkel würde.

Sie schritt in den Mittag, ging hinaus. „Hinaus“ hatte man im Prag ihrer Jugend gesagt, wenn man nach Deutschland fuhr. Nach Oesterreich war man nicht „hinaus“ gefahren, Prag lag ja in Oesterreich, eine Provinzhauptstadt im Habsburgerland der „Königreiche und Länder“. Jetzt gab es keine Habsburger mehr und nur noch wenige Königreiche... Die Welt war anders geworden, täglich wurde sie anders. Könige gab es nicht mehr; aber Grenzen, Grenzen, und sie schlossen sich täglich strenger...

Hanna sah auf die Uhr. Sie war vor zwanzig Minuten von der Chaussee abgebogen. Also musste sie schon ein ganzes Stück in Oesterreich sein. Sie war durch ein kleines Birkenwäldchen gegangen, jetzt lief der Weg wieder ins Feld hinaus. Sie setzte sich auf das trockene Moos am Waldrand, legte den Rucksack neben sich. Die Mittagsonne schien frühlingshaft warm. Das braune Feld dehnte sich bis an den Horizont. Wie weit der Himmel war! So gross ist die Welt! spürte sie. Das hat man ja gar nicht mehr gewusst, wie gross die Welt ist. In der Setzerei, im Kaffeehaus, im Flüchtlingsheim... da war die Welt so eng.

Es rieselte in den Furchen. Der Himmel war klar, fast weiss, es roch nach Februar. Eine Lerche stieg surrend aus dem Feld auf.

„Heil dir, reiner Geist! Vogel warst du nie!“ sagte Hanna halblaut, aber sie entsann sich nicht, wie das Shelley'sche Gedicht weiter ging.

Auf dem Weg kam ein Mann auf sie zugeschritten. Er hatte einen Rucksack auf dem Rücken und war barhaupt. Als er an ihr vorüberkam, blieb er stehen und sagte „Grüss Gott!“ Er trug kurze Hosen, ein verschossenes Sporthemd, eine Joppe.

„Grüss Gott!“ antwortete Hanna freundlich. Es war der erste Mensch, den sie in Oesterreich traf.

„Ein schöner Tag heute!“ sagte der Mann, offenbar in der Absicht, ein Gespräch anzuknüpfen. Er hatte ein junges, offenes, etwas abgehärmtes Gesicht.

„Ja, ein schöner Tag“, bestätigte Hanna. „So frühlingshaft. Haben Sie eben die Lerche gesehen?“

Er schaute mit abwesendem Blick über sie hinweg.

„Nein... Ich habe lange keine Lerche gesehen“, sagte er langsam, wie zu sich selbst. Es klang, als wundere er sich über etwas.

„Darf man sich ein bissel hersetzen?“ fragte er ungelenk. Hanna nickte. Er legte den Rucksack neben den ihren und schlang die Arme um die Knie. Hanna sah auf seine Hände. Ein Arbeiter, dachte sie. Aber lang arbeitslos gewesen. Die Hände sind ganz matt, wie krank.

Der Junge strich sich das schwarze Haar aus der Stirn und starrte in die Weite.

„Das Fräulein kommen aus Böhmen?“ fragte er.

„Böhmen“ sagten sie alle, sobald man „draussen“ war. Das neue Wort wollte ihnen nicht recht über die Lippen: Tschechoslovakische Republik. Auch Hanna mochte es nicht mehr denken. Sie sah es vor sich im Zusammenhang mit Paragraphen, mit der Sammlung der Gesetze und Verordnungen. Sie hatte gemeint, es sei das Vaterland; aber es war nur das „Staatsgebiet“, aus dem sie nun ausgewiesen war.

„Ja, ich komme aus Böhmen“, antwortete sie.

„Und wohin, wenns gestattet ist?“

Hanna schaute ihn an. Nein, das war kein als Wanderbursch verkleideter Grenzgendarm. Das war ein wirklicher Wanderbursch. Ein Arbeitsloser aus dem Grenzgebiet.

„Ja, wohin?“ fragte sie nachdenklich. „Ich weiss noch nicht recht. Ich will erst noch ein Stück wandern und dann zur Eisenbahnstation.“

Was ist denn das für eine? dachte der Bursch. Ihr Gewand ist abgetragen, aber es ist eine Bessere, sie spricht so hochdeutsch. Was hat die hier mutterseelenallein an der Grenze herumzuspazieren? Vielleicht ist's krank gewesen, schaut eh so abgefallen aus.

„Zur Eisenbahnstation? Nach Schwarzenau? Das ist aber noch hübsch weit!“ meinte er vorsichtig.

„Vielleicht treffe ich einen Autobus“, sagte Hanna. „Jetzt muss man ja bald auf die Chaussee hinauskommen. Kennen Sie sich hier aus?“

Er beschrieb ihr genau den Weg, den sie vor sich hatte. Er war ihn ja eben hergekommen. War in Schwarzenau ausgestiegen, ein Stück mit dem Autobus gefahren, dann in den Feldweg eingebogen.

„Ich will nämlich nach Böhmen“, bekannte er.

„Arbeit suchen? Das ist aber schwer als Ausländer! Ich habe jetzt eine Zeit lang in Prag gelebt und habe keine gefunden. Ich bin nämlich eine Reichsdeutsche“, fügte sie hinzu.

„Und warum sind's denn dann nicht nach Deutschland zurück?“ fragte der Junge und sah sie prüfend an.

Ja, halt so, wie's halt jetzt ist in Deutschland....

Eine Jüdin ist's nicht, dachte er. Wird's eine Unsrige sein?

„Wegen politisch?“ wagte er sich vor.

Hanna lächelte. Ja, wegen politisch.

Auch in den etwas abwesenden Augen des Jungen leuchtete ein Lächeln auf. Er begann zu erzählen. Er hatte in der Steiermark mit dem Wallisch Koloman gekämpft, 34, grad zwei Jahre sind es jetzt. Dann war der Wallisch erschossen worden, wie er über die Grenze wollte nach Jugoslavien. Sein Häuflein hatte sich in die steirischen Alpen geflüchtet, aber sie hatten viele erwischt, auch ihn, den Ernst Reschenhofer, in Graz hatte er vorher gearbeitet. Er hatte zwei Jahre abgesessen. Jetzt kriegt er in Oesterreich keine Arbeit mehr. Die Mutter kann ihn auch nicht ernähren. So will ers in Böhmen versuchen, er ist Autoschlosser, so einer bringt sich schon durch.

Auch Hanna erzählte, in allgemeinen Worten. Dann packte sie Butterbrote aus dem Rucksack und ein paar Aepfel. Sie assen schweigend.

„Ja, da ziehen wir so in der Welt herum, wir Sozialisten“, sagte sie schliesslich mit einem Seufzer. „Ich gehe aus Böhmen nach Oesterreich, Sie gehen aus Oesterreich nach Böhmen. Nirgendwo lässt man uns bleiben. Nirgendwo sind wir zuhause. Und wie viele, die in den Gefängnissen sind. Mein Mann ist auch drin. Bis Oktober noch.“

Der Junge sah sie mit scheuem Mitleid an.

„Und so viele erschlagen“, sprach Hanna weiter. „Die halbe Welt ist faschistisch, die Demokratien knicken vor den Diktaturen, wir Emigranten sind's, die zuerst daran glauben müssen.“

„Aber in Russland?“ fragte Ernst Reschenhofer. „Dort soll's doch vielleicht anders sein?“

„Sind Sie Kommunist?“ fragte Hanna gradeheraus.

Ach nein, in der Steiermark, in Graz, hats doch so gut wie keine Kommunisten gegeben. Alles Sozialdemokraten. Brave, gute Genossen. Der Wallisch zum Beispiel. Ein Prachtkerl.

„Aber es stimmt was nicht mit der Partei. Sonst hätt's doch nicht können so zugrundgehn! Wie's die Führer abgeschossen haben, oder eingesperrt, oder sie sind ausgerissen ins Ausland, da war alles aus im vierunddreissiger Jahr. Die Genossen Eisenbahner haben die Munition zu die Heimwehrleut' g'führt, und uns haben's von der Lori herunter „Freundschaft“29 zugerufen... Ich mein' halt, da stimmt was nicht. Ich mein' halt, man hätt' sich nicht sollen so auf die Führer verlassen....“

Ja, das meinte Hanna auch. Es müsste mehr Selbständigkeit sein unter den Massen. Mehr Kritik. Nicht alles so von oben her, Parteidisciplin und so. Es ist aus mit der alten Arbeiterbewegung...

Warum sie nicht lieber nach Russland ginge, wollte er wissen.

Russland? Nein, mit Russland ist das auch nicht mehr das Richtige. Sie seufzte. Ausserdem lassen die Russen keine Emigranten hinein. Obgleich sie doch bei ihrem Aufbau tausende und zehntausende brauchen könnten, von den qualifizierten Arbeitern, den Technikern, den Spezialisten. Sie sagen, Emigration ist keine revolutionäre Angelegenheit. Und die Emigranten sollen in ihren Gastländern politisch arbeiten, und nicht unterkriechen wollen im Proletarischen Vaterland ... So ein Unsinn!

Sie erzählte ihm mancherlei, von Russland, von Deutschland, von Prag, von ihren Erfahrungen. Er war ja zwei Jahre ausser der Welt gewesen.

Das ist eine Gebildete, dachte der Junge. Aber sie redet so einfach, dass man's gleich versteht. Ist ja nicht wahr, dass die Intellektuellen alle nichts wert sind. Es gibt auch ganz brave und ordentliche. Das ist doch eine brave Genossin, hat studiert, der Vater war ein Doktor, übersetzt hat sie, englisch und französisch und was nicht alles für schwierige Sprachen, und ist so arm dran, wie ich.

Es müsst' anders gemacht werden, als bisher, dachte Ernst Reschenhofer. Nicht so: du bist Sozialist, du bist Kommunist, du bist ein Arbeiter, du bist ein Intellektueller ...nein, alle zusammen, die wir dasselbe wollen, die wir alle so arm dran sind wie diese Genossin und ich; wir alle zusammen, die wir wirklich wollen, dass es anders wird in der Welt. Und die wir dafür kämpfen und sterben wollen... Darüber müsst' man viel nachdenken, wie das zustandkommen soll...

Er starrte grübelnd in die Weite.

Auch Hanna starrte in die Weite. Sie sah über die Landstrassen der Welt einen endlosen Zug von Männern, Frauen und Kindern gehen, mit schleppenden Füssen, mit nichts als einem Rucksack auf dem Rücken, aus einem Land ins andre Land, ein grauer Zug, Ungarn, Italiener, Bulgaren, Polen, Jugoslaven, Deutsche, Oesterreicher... Sie sah sie über die Strassen schleichen, in den Städten herumirren, auf der Suche nach einer Stätte wo sie bleiben könnten. Ab und zu fiel einer um, ein Zug fuhr über ihn hinweg, und die Schar der Heimatlosen wanderte weiter, durch die Städte, die sie nicht wollten ruhen lassen, hinaus auf die Landstrassen der Welt, und einzelne Ausläufer des grauen Heers verloren sich in den Durstwüsten Arabiens und in den Urwäldern von Brasilien....

„Ja, da gehen wir also nun jeder nach unserer Seite, Genosse, und wissen beide noch nicht, wo wir heute schlafen werden“, sagte Hanna und stand auf. „Denn jetzt müssen wir gehn.“

Auch Ernst Reschenhofer stand auf und warf den Rucksack über die Schulter.

Sie gab ihm die Adressen von Jarmila und Luise in Prag, er solle mal schreiben, was aus ihm geworden wäre. Sie schüttelten sich herzlich die Hände und wünschten einander alles Gute. Dann ging jeder nach seiner Seite fort, der Mann nach Norden, die Frau nach Süden. Sie gingen ins Unbekannte. Wie lange noch? Wann wird die Welt Raum haben und eine Heimat für alle?

Als sie ein paar Minuten voneinander waren, drehten sich beide noch einmal um und winkten.

Dann verschwand der Grazer Schlossergesell im Birkenwald, und Hanna bog tapfer ausschreitend in die Landstrasse nach Schwarzenau ein.

ENDE


Fuente: transcripción a partir de las imágenes del mecanoscrito conservado en el Deutsches Exilarchiv 1933–1945 de la Deutsche Nationalbibliothek (copia Xerox encuadernada en 2 tomos; digitalización DNB 2024, Public Domain Mark; https://d-nb.info/1336279273, urn:nbn:de:101:1-2409221216514.212332980050): Alice Rühle-Gerstel, Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit, mecanoscrito, 457 hojas numeradas (tomo 1: S. 1-222; tomo 2: S. 223-457, «ENDE»), presentado con el seudónimo «Barbara Felix» al concurso de novela de la American Guild for German Cultural Freedom (1938). Todas las hojas se han leído en imagen; el OCR tesseract sin corregir de la DNB sirvió solo de apoyo. Se transcribe la mecanografía tal cual (sin ß ni Ü: «weiss», «Ueberzeugung», «garnicht»), con la ortografía y las vacilaciones de la autora («Kocourek»/«Kokourek», «Imprekorr», «Haloh»/«Haló Noviny»); se adoptan sus correcciones manuscritas (palabras sobrescritas, tachaduras, diacríticos checos añadidos a mano) y se corrigen sin indicarlo las erratas mecánicas evidentes (letras repetidas o cambiadas). Las comillas rectas se normalizan a „…“, el guion de pausa a «–» y el subrayado a cursiva. Lecturas conjeturales entre [¿…?] (p. ej. S. 155, 281, 391). Las notas de la autora (marcadas «x)» en el mecanoscrito, una de ellas manuscrita, S. 455) van como [^C-n], con C el número de capítulo. Las hojas 311-312 están encuadernadas fuera de orden (tras la 305); aquí se siguen los números de página. Algunas hojas están rehechas con otra máquina (p. ej. S. 288, 376-382, 394-398) sin solución de continuidad en el texto. Se omiten las tapas, guardas, cartas de color y hojas del archivo. Es el texto de la autora anterior a las ediciones póstumas (Fráncfort, Fischer, 1984; Berlín, AvivA, 2007), que no se han utilizado. Véanse también sus cartas a la American Guild sobre la novela (1938-1939) en este archivo. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada hoja mecanografiada.

  1. „Grüss Gott“ ↩

  2. „Nationale Blätter“, grosse rechtsgerichtete Tageszeitung, die grösste an Format. ↩

  3. Svoboda – tschechisch: Freiheit. Auch sehr verbreitet als Familienname. ↩

  4. Im Tschechischen wird an jeden Frauennamen ein „ová“ angehängt. ↩

  5. „Die Welt der Arbeit.“ ↩

  6. „Der Arbeit die Ehre!“, Gruss der tschechischen Kommunisten. ↩

  7. Gruss der Sozialdemokraten. ↩

  8. Münzenberg, Direktor eines kommunistischen Zeitungskonzerns. ↩

  9. „Volkszeitung“, ein liberales Blatt ↩

  10. „Das tschechische Wort“ – demokratische Zeitung, halboffiziell. ↩

  11. kein Platz, sondern ein Boulevard, die Hauptstrasse von Prag. ↩

  12. Zeitschrift der radikalen Intellektuellen. ↩

  13. „Mittagsblatt“. ↩

  14. Führer der tschechischen faschistischen Partei. ↩

  15. Stadtbezirk mit vorwiegend proletarischer Bevölkerung. ↩

  16. „Das rote Recht“, Hauptblatt der kommunistischen Partei. ↩

  17. Organe der Kommunistischen Partei. ↩

  18. Vorort an der Moldau. ↩

  19. „Künstlerischer Unterhaltungsverein“, alter Prager Klub ↩

  20. Stadtviertel Prags. ↩

  21. „Gegenwart“, linksbürgerliche politische Wochenschrift. ↩

  22. Grosser liberaler Zeitungskonzern. ↩

  23. „Internationale Pressekorrespondenz“, theoret. Organ der Komm. Internationale. ↩

  24. Die demokratische Partei, der der Präsident nahesteht. ↩

  25. Žižkov – Proletarierviertel ↩

  26. Straschnitz – das Friedhofsviertel. ↩

  27. Smíchov, Stadtviertel westlich der Kleinseite. ↩

  28. Villenviertel, hinter dem Hradschin gelegen ↩

  29. Gruss der Sozialdemokraten ↩