Brief ans „Prager Tagblatt“

Die Bekannten sollen leben!

Jeder Mensch hat viel mehr nette Bekannte, als wirklich gute Freunde. Was man reichlich hat, achtet man gering, sehnsüchtig jedoch schielt man nach dem Seltenen. Ich möchte eine Lanze für die Häufigen brechen, die Walter Seidel zu „beerdigen“ rät. Gewiß, sie verschlingen viel von unsrer und opfern viel von ihrer nützlichen Zeit, um sie unnützen Reden und Besuchen zu erfüllen, die einen faden Geschmack auf der Zunge hinterlassen. Aber der gleichmütige Alltagsmensch verspürt die angebliche Sinnlosigkeit des „Verkehrens“ gar nicht so stark, wie etwa einer, der gerade einem Einzelmenschen mit leidenschaftlichem Interesse zugewendet ist. Ein Mann hat eine Geliebte, er möchte Tag und Nacht mit ihr zusammen sein. Die Geliebte hat „Verpflichtungen“ gegenüber vielen Bekannten. Zum Teufel mit den Bekannten! Aber die Leidenschaft wird auf die Dauer schal, es kommt die Zeit, wo man sich nach dem harmlosen, zu nichts verpflichtenden Umgang gefühlsfernerer Menschen zurückzusehnen beginnt. Wehe denen, die, im tête-à-tête der Liebe oder Freundschaft ihre Bekannten „beerdigt“ haben! In der dünnen Luft hochgespannter Erwartungen muß ihnen eines Tages unweigerlich das Atmen schwer fallen. Aber noch etwas Zweites ist zu erwägen. Die Verächter des „zwanglosen Verkehrs“ — den sie als Zwang empfinden — die Bekämpfer der „netten Menschen“ berufen sich auf den Ernst der Zeiten, der keinen Raum mehr gäbe für bloß konventionelle Seichtigkeit. Aber gerade diese ernsten Zeiten haben für viele Leute menschlich Erstaunliches gebracht: die Freunde, die Wenigen, Nahen, Geliebten, auf den Tod Getreuen wurden durch äußeres Geschick entrissen oder, schlimmer, enthüllten sich als fern, unzuverlässig, gar als neue Feinde. Das, was wir für Freundschaft hielten, ging in die Brüche, wie so vieles andere. Die Bekannten hingegen — oder zumindest viele von ihnen — zeigten sich freundlich, hilfsbereit, aufmerksam und gütig. Unter den vielen, von Walter Seidel verdammten netten Leuten sind zahlreiche geheime Freunde. Im Alltag brauchen wir einander nicht und oft stören wir sie und sie uns. In seltenen Stunden werden sie sich bewähren. Sie haben sich bewährt. Sie sollen leben!

Alice Rühle-Gerstel.


Fuente: transcripción a partir de la imagen del Prager Tagblatt, n.º 44, 22 de febrero de 1934, pág. 3, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=ptb, datum=19340222, seite=3), cotejada con el OCR de la ÖNB. El texto va impreso entero en cursiva, como era norma en la sección; no se reproduce esa cursiva. Réplica a un artículo de Walter Seidel en el mismo periódico que aconsejaba «enterrar» a los simples conocidos (no localizado en los materiales del archivo).