Über die Eifersucht als weibliche Sicherung
Von Dr. Alice Rühle-Gerstel (Dresden)
Schleiermacher sagt einmal: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Das sieht zunächst so aus, als ob der Eifersüchtige mit einer gewissen böswilligen Absicht zu Werke ginge. Der Individualpsychologe wird den Spruch richtig verstehen, wenn er sich an den Worten „suchen“ und „leiden“ orientiert und jede moralische Wertung zunächst beiseite läßt.
Das „Suchen“ weist uns auf die Zielstrebigkeit des Symptoms hin — Eifersucht ist keine Grundkategorie der menschlichen Seele, sondern ein Symptom des Lebensplanes. Wir wittern, daß in der Planmäßigkeit des Lebensablaufes auch dieses wie jedes Symptom an einer ganz bestimmten, nämlich der „richtigen“ Stelle stehen wird. Das „Leiden“ weist uns auf das Krankhafte des Symptoms — und wahrhaftig, wir finden bei der Eifersucht die zwei typischen Merkmale jeder Krankheit: sie schafft Leiden und sie vermindert die Lebens- und Arbeitsfähigkeit. Ein Stück Lebensplan und ein Stück Krankheit — das heißt für den Individualpsychologen: ein Stück Neurose.
Dagegen werden Einwände laut werden, dieselben, die auch gegen die Lehre vom Machtstreben laut zu werden pflegen. Die Eifersucht sei etwas Natürliches, man finde sie überall und zu allen Zeiten, ja sogar schon bei den Tieren . . . usw. Die Hinweise auf das „Natürliche“ und auf die Tiere werden wir mit einigem Mißtrauen hinnehmen. Glauben wir doch, erkannt zu haben, daß auch die Wissenschaft nur das entdeckt, was sie braucht, was ihr, wie Adler sagt, „in den Kram paßt“. Es könnte sich erweisen, daß das, was wir als Neurose (in bezug auf die Eifersucht) bezeichnen, nur die Hypertrophierung einer „natürlichen“ Erscheinung ist; es könnte sich aber auch erweisen, daß die sogenannte Natürlichkeit von Tieren oder primitiven Menschen unter den weiten Oberbegriff Neurose (im Sinne eines Überbaues über fundamentale Unsicherheiten) fällt und daß es erst noch die Aufgabe der Zukunft ist, Lebewesen ohne Neurose zu bilden. Wie dem auch sei, die weibliche Eifersucht, über die ich hier in aller Bescheidenheit und ohne den Anspruch auf erschöpfende Behandlung ein weniges sagen möchte, gleicht in allen ihren Erscheinungsformen jenen nervösen Symptomen, wie sie die Individualpsychologie beschreibt, und nur ihre allgemeine Verbreitung und relative Erträglichkeit mag es veranlaßt haben, daß man sie noch immer als gewissermaßen schicksalsgegeben hinnimmt. Wenn ich hier nur von der weiblichen Eifersucht spreche, so werde ich mir vielleicht die Frauen, denen diese Nummer gewidmet ist, zu Feindinnen machen. Ich möchte andeuten, daß mir die männliche Eifersucht, die gewiß auch verbreitet genug ist, als eine „weibliche“ Eigenschaft erscheint und daß sie überall dort auftreten wird, wo der Mann in seiner Männlichkeit nicht sicher ist. Deshalb glaube ich, meine Einschränkung aufrechterhalten zu können.
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Wenn wir pedantisch katalogisierend vorgehen wollen, müssen wir die weibliche Eifersucht nach zwei Gesichtspunkten untersuchen: nach ihren Gegenständen und nach ihren Äußerungsarten.
Unter den Gegenständen steht die wirkliche oder vermeintliche Nebenbuhlerin um die Liebe des Geschlechtspartners obenan. (Darum hat man den Fehlschluß getan, die Eifersucht für eine sexuelle Erscheinung zu halten.) Diese Eifersucht tritt mit schwerem moralischen Geschütz auf den Kampfplatz: Pflicht, Recht, Treue und ähnliche unkontrollierte Allgemeinbegriffe sind die Kanonenkugeln. Das ist sozusagen die legitime Eifersucht, die der Uneingeweihte solange für natürlich und sogar für gesund hält, solange sie innerhalb gewisser Grenzen bleibt. Und sie hat in der Tat einen Schein von Natürlichkeit, weil ja heutzutage der Frau aus einer ehelichen Untreue des Mannes allerhand materielle, seelische und oft auch gar gesundheitliche Schädigungen erwachsen können. Meist aber nimmt man bei genauerem Zusehen wahr, daß sich die Eifersucht nicht auf den einen Gegenstand beschränkt. Es kommen andere Personen in Betracht, die keine eigentlichen Nebenbuhler im Sinne eines „natürlichen Rechtes“ sind, Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Berufskollegen, Gesinnungsgenossen. Ist die Schraube der Eifersucht einmal los, kommen sie alle nacheinander an die Reihe. Aber der Kreis der Menschen wird noch erweitert um den Kreis der Dinge: ein Hund, eine Katze, ein Kanarienvogel, ein Lieblingsbuch, das Fahrrad, der Schreibtisch, die Briefmarkensammlung, ja die Vorliebe für eine Idee oder Weltanschauung kann zum Gegenstand eifersüchtiger Leidenschaft werden. Kurz alles, das dem Betroffenen wert ist oder zu sein scheint. Wenn die Eifersucht sich auf alle diese Gegenstände erstreckt, wird schon das Lachen laut und das Ziel offenbar: es heißt — Alleinherrschaft. Wenn nur einer der nebensächlichen Gegenstände eifersuchts„besetzt“ ist, wird der Durchblick schwerer; man findet aber, daß immer gerade der „gefährlichste“ oder gefährlichst scheinende Konkurrent ausgewählt wurde. Oft ist dies maskiert unter allerhand bona fide vorgebrachten Ansichten: da will man eben nur auf diese eine Frau eifersüchtig sein, weil sie die angebliche oder wirkliche Zuneigung, die ihr zugewendet wird, nicht „verdient“. Da würde man einen anderen Sport als den gerade vom Manne bevorzugten sogar unterstützen, wenn dieser nicht gerade gesundheitsschädlich wäre. Man hätte nichts dagegen, daß er einen Klub, einen Verein, eine Parteiversammlung besucht, wenn er nicht dort sein Geld ausgäbe, in schlechte Gesellschaft geriete, zu weit vom Beruf abgelenkt würde . . . Wir kennen alle diese Wenn! Es wird der Eifersucht der Mantel des Wohlwollens umgehängt, der uneigennützigen Besorgtheit. Meist ohne daß die Empfindende es durchschaut. Es gehört ja oft zur Wirkungsmöglichkeit neurotischer Sicherungen, daß ihr Sinn unverstanden bleibt.
Dieser Sinn heißt Alleinherrschaft über eine Person, Alleinherrschaft über seine Bewegungs-, Neigungs-, Beschäftigungsfreiheit, heißt den unglückselig Betroffenen zur Unselbständigkeit herabdrücken, damit — das eigene Selbstgefühl gehoben werde.
Wie auch der Erfolg des eifersüchtigen Verhaltens ausfallen mag, dem neurotischen Lebensplan wird auf die eine oder andere Weise gedient. Fügt sich der Mann, dann hat man den Beweis des eigenen Wertes, den man immer und immer wieder sucht. Fügt er sich nicht, wird er am Ende gar zu Handlungen getrieben, die ihm sonst ferngelegen hätten, dann hat man den Beweis für den eigenen Unwert, den man geheim, aber ebenso dringend sucht, weil er als Enthebungsschein vor den Aufgaben des Lebens und zur Rechtfertigung weiterer Arrangements dient; denn eines ist klar: die Situation der Eifersucht ist immer eine arrangierte Situation, auch wenn ein wirklicher Anlaß vorliegt. Man macht sich die Tatsachen zurecht, wenn sie nicht vorhanden und wenn sie vorhanden sind; die Wirklichkeit des Neurotikers ist keine wirkliche Wirklichkeit!
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Die Gegenstände der Eifersucht haben uns das Ziel gezeigt — nur in groben Umrissen, wie es dem Raum dieses kleinen Aufsatzes entspricht. Die Äußerungsarten sollen uns die Mittel zeigen. Dabei werden wir prüfen müssen, ob der Grundsatz der Individualpsychologie: „Wenn zwei nicht dasselbe tun, so ist es doch dasselbe“, stimmt. Wir werden also die Äußerungsarten der Eifersucht als wohlausgedachte Sicherungen zum Ziele der Alleinherrschaft verstehen und auf ihre Tauglichkeit hin untersuchen müssen. Da ist zuerst die tyrannische Eifersucht; es ist dem Manne nicht erlaubt, mit anderen Frauen zu sprechen, allein auszugehen usw. Da gibt es immerfort Szenen, Katastrophen, Lärm und Toben. Die Drohung mit Selbstmord, Mord oder Auf-und-davonlaufen ist nicht selten. Ohne Mühe reihen wir diesen Typ unter die Neurotiker mit „direkt aggressivem“ Verhalten, wie Adler sie geschildert hat. Dann ist da die weinerliche, märtyrerhaft duldende Art der Eifersucht, bei der es verweinte Augen, zusammengebissene Zähne, schlechte Laune oder auch Krankheit, Ängstlichkeit, Furcht vor dem Alleinsein, Klagen, daß man alt werde, daß man nicht mehr reizvoll sei usw., gibt. Diese Art fällt fast ebenso deutlich unter die „indirekte Aggression“. Das sind die zwei Komponenten der nach außen gewendeten Eifersucht (als Grenzfälle; meist treten sie gemischt auf). Man könnte sie die pseudo-sadistische Eifersucht nennen. Es gibt aber auch eine pseudo-masochistische Art, die darin besteht, daß man eifersüchtig ist, indem man (betont) nicht eifersüchtig ist. Für die Frau, die dies empfindet, ist es fast schlimmer. Denn zur Qual über das wirkliche oder vermeintliche Vernachlässigtwerden gesellt sich die Qual darüber, daß man eifersüchtig ist und es nicht äußern darf. Da ist nichts von direkter oder indirekter Tyrannei zu spüren, da werden im Gegenteil alle Freiheiten gewährt, bis zu der Freiheit, mit Wissen der eigenen zu fremden Frauen zu gehen, alle Freiheiten — nur die eine nicht: sich die Freiheiten selbst zu nehmen! Hier erkennt man die Toleranz als eine ins Heroische oder heroisch sein sollende umgelogene Eifersucht. Die Absicht ist auch hier die gleiche: Alleinherrschaft über den „eigenen“ Mann, der einem ja „gehört“. Meist tritt diese Verhaltungsweise dort auf, wo die direkte oder indirekte Aggression zum Verlust des Objekts zu führen droht; auch manchmal dort, wo feinempfindendes Selbstgefühl die sadistische Eifersucht als Selbstgefühlsverlust empfände. Aber die gewährte Freiheit dient wieder als Fessel. Ja, in der Tat, sie kann in raffinierter Weise Schuldgefühle beim Manne wecken, dem es so nahegelegt wird, einen Mißbrauch damit zu treiben! Ein Mann mit Schuldgefühlen aber ist weit eher der Unterlegene als ein Mann mit bloßer Schuld. Und auf Unterlegenheit und Überlegenheit kommt es letzten Endes auch hier an.
Aber aus Protesten kommen oft gute und nützliche Dinge; auch bei der Eifersucht. So kann man als Folgen der Eifersucht letzten Endes auch das Streben beschreiben, dem Mann zulänglicher Ersatz für alle anderen Frauen, Menschen, Dinge zu werden, indem man sich selbst in jeder Hinsicht verbessert und veredelt. Ein kleines Beispiel: Viele Männer haben die Angewohnheit, beim Essen Zeitung zu lesen. Wollen wir gar nicht davon anfangen, warum und wozu sie diese Gewohnheit haben. Wie verhalten sich nun die verschiedenen Typen der auf diese Zeitung eifersüchtigen Frau? Die direkt Aggressive wird losschimpfen und den Mann in einen Streit verwickeln. Die indirekt Aggressive wird durch trübseliges Gebaren, durch Bemerkungen, wie elend sie sich fühle, wie wenig ihr das Essen schmecke usw., die Aufmerksamkeit von der Zeitung abzulenken suchen. Der in sich gekehrten Eifersüchtigen wird das Essen wirklich nicht munden. Aber die Eifersüchtige „mit Wirklichkeitssinn“, so könnte man sie nennen, wird durch nette Anordnung der Speisen, durch munteres Wesen und interessante Unterhaltung bewirken, daß der Mann die Zeitung von selbst aus der Hand legt.
Der Antrieb ist bei allen derselbe: man fühlt sich vernachlässigt. Auch das Ziel ist dasselbe: man will Beachtung und Überlegenheit gewinnen. Aber der Effekt der Mittel ist verschieden: die direkt und indirekt Aggressiven quälen beide Teile, sich und den Partner, die In-sich-gekehrten quälen nur sich, die „Realpolitischen“ machen beiden Teilen Freude. Bei einer psychologischen Untersuchung der Eifersucht kommt es nicht darauf an, hier Unterschiede zu machen; alle Verhaltungsweisen fließen aus derselben Quelle: dem weiblichen Minderwertigkeitsgefühl, und wollen nach demselben Ziel: zur Überlegenheit und Herrschaft, hin. Wenn wir die Frage des Gemeinschaftslebens ins Auge fassen, dann kommen wir ohne Wertungen nicht aus und müssen sagen: Äußerungsarten der Eifersucht, die (unbeschadet ihres neurotischen Ursprunges und Zieles) die Leiden bei sich und anderen verringern, sind der Gemeinschaftsbildung und damit dem Sinn des Lebens verwandter und darum vorzuziehen. Es steht hier überhaupt zur Diskussion, inwieweit die individualpsychologische Therapie zuerst darauf ausgehen sollte, die Anlässe zur Kompensationslust aus dem Wege zu räumen, und inwieweit sie sich, angesichts der gesellschaftlich gegebenen Begrenzung dieses Unterfangens, vorläufig damit begenügen muß, dem Kompensationsstreben eine möglichst gemeinnützige Bahn anzuweisen.
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In einer Zeitschrift, die von lauter Informierten gelesen wird, schien es mir beinahe schon banal, auf das Herrschaftsziel hinzuweisen, das ja jeder Eingeweihte leicht von selbst erkennt. Noch selbstverständlicher scheint der Hinweis auf das weibliche Minderwertigkeitsgefühl als Wurzel der Eifersucht. Vielleicht aber ist es nötig, zu sagen, warum ich die Eifersucht als spezifisch weibliche Sicherung bezeichnet habe. Es scheint mir, daß zum Unterschied von anderen Kompensationsformen (z. B. der Frauenbewegung oder der Prostitution — man nimmt hoffentlich für selbstverständlich, daß ich hier keine Werturteile abgebe!) in der Eifersucht als Kompensationsform ein mehr oder weniger bewußtes Sichzurückziehen auf das weibliche „Schicksal“ zu bemerken ist. Die Frau ist seit Jahrhunderten von aller gesellschaftlich-öffentlichen, geistigen, kulturellen Betätigung ausgesperrt; dadurch ist sie in ihren eigenen und den Augen der Männer zum bloßen Geschlechtswesen gestempelt worden und teilweise auch dazu degeneriert. Ihre Geltungsmöglichkeiten erschöpfen sich — wirklich oder scheinbar, dem Neurotiker ist das ja alles eins — in der Beziehung zum Geschlechtspartner. Ein Mann kann Macht, Ruhm, Geld, Anhängerschaft, ideellen oder materiellen Erfolg in der Welt zum Geltungsziele haben. Die Geltungssphäre der Frau aber ist bis vor ganz kurzer Zeit (und ist für die meisten Frauen auch heute noch) mit den vier Wänden des Hauses, oft genug mit dem Bettvorhang eng umgrenzt. Ihr fast einziges Geltungsziel erwächst ihr aus dieser ihrer Sphäre; es heißt: Anerkennung durch den Mann, Besitz und Beherrschung des Mannes. Da wundern wir uns nicht, daß alle weiblichen Sicherungen die Farbe dieser Einseitigkeit annehmen. Und nicht genug, daß in der Ehe und Liebesbeziehung der Tummelplatz der Geltungstriebe abgesteckt wird; schon vorher, bei der Liebeswahl, entscheidet die Perspektive der Geltung (mehr, wie ich glaube, und jedenfalls prononcierter als beim Mann). Die Wahl wird in erster Linie davon beeinflußt, ob der Geliebte die sonst nirgends erreichbare Geltung darstellt oder verschaffen kann. Daß man dann einen, den man als Kompensation und Kompensationsverschaffer „errungen“ hat, festhält, mit allen Mitteln, ist begreiflich, besonders begreiflich beim Neurotiker, der, wenn er einmal zugepackt hat, das Gepackte krampfhaft festhält. Insofern wäre die Eifersucht in einem anderen als dem vulgären Sinne „natürlich“. Aber wir finden Eifersucht auch in bezug auf Männer, die nicht geliebt oder begehrt werden, wahrscheinlich nicht, weil sie dem Geltungsbedürfnis der Frau auf irgendeine Weise nicht Rechnung tragen. Die Frau fühlt sich durch den Erfolg einer anderen Frau auf jeden Fall zurückgesetzt, auch wo ihr selbst an diesem Erfolg eben nicht viel liegt. Der kluge George Meredith sagt in seinem für den Individualpsychologen unerschöpflichen Buch „Der Egoist“ darüber: „Es tut weh, etwas an andere abzutreten, auch wenn wir selber gern darauf verzichten würden.“
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Bei den Typen von Frauen, die geschildert wurden, ist charakteristisch die seelische Haltung: „Ich lasse mir nicht den Rang streitig machen“. Die mitmenschliche Beziehung ist völlig durchsetzt und verfälscht durch den Gesichtspunkt einer Rangordnung, der von außen, nach dem Analogon der gesellschaftlichen Verhältnisse, hineingetragen wird. Und als Diener dieses verzerrten Erlebens fungieren nun Gedächtnis, Apperzeption, Logik, ja die gesamte Ideologie im Dienste des Geltungsplanes. Der unbeteiligte Zuschauer vermag sich oft vor Staunen nicht zu fassen, was da alles bemerkt, gemerkt, notiert, vermutet und gedacht wird. Am schwersten liegt die Last der eifersüchtigen Fiktionen auf den Frauen, die sich aus irgendeinem Ehrgeiz, einer Vorstellung von sich als „ungewöhnlicher“ Frau, die nicht, wie die „Durchschnittsfrau“ eifersüchtig sein dürfe, innerlich abquälen und nichts sagen. Es fehlt da die Korrektur durch die Umwelt, so kann sich eine Vermutung unwidersprochen zur Wahrscheinlichkeit auswachsen, und nach einiger Zeit dient sie, inzwischen zur „Sicherheit“ gereift, schon einer neuen Vermutung zur Grundlage und Rechtfertigung. Wenn dann einmal der lange Faden abgeschnitten wird, ist oft der Knäuel der Fiktionen nicht mehr zu entwirren, nicht mehr festzustellen, was Wirklichkeit, was Einbildung war. Aber die geringe Wirklichkeit und die beträchtliche Einbildung verfilzt und verwickelt ineinander, ist so affektbesetzt, daß die Korrektur durch die Außenwelt meist nicht mehr verstanden werden kann. Oft genug erscheint dann Verbrechen, Wahnsinn oder Tod der einzige noch mögliche Ausweg.
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Neben dem Drang nach Herrschaft fällt bei der Eifersucht besonders der Drang nach Besitz, und zwar nach möglichst ausschließlichem Besitz ins Auge. Sehr begreiflich in einer Welt, in der alles, Bildung, Erfahrung, Beziehung zu Menschen, ja Gefühl (vergleiche die Sprachwendungen: Erfahrungsbesitz, Gefühlsreichtum), unter dem Kriterium des Besitzes, des Habens, stehen. Der Besitzbegriff erscheint in soziologischer Deutung als gesellschaftlicher Fetisch; in individualpsychologischer Sprache heißt das: neurotische Fiktion! Daß Liebe zu einer Person und Alleinbesitz dieser Person nicht notwendig zusammengehören, zeigen die Forschungen über Gruppenehe, Promiskuität usw., die sicher noch viel zu wenig sagen, weil sie durch die Brille des Besitzes und der Monogamie gesehen sind. Aber wir verstehen auch die Betonung des Besitzstandpunktes in der Liebe, wie wir vorhin die Wahl der Liebessphäre zur Kampf- und Geltungssphäre verstanden haben, aus der sozialen Geschichte der Frau: die Frau war ja ganze Jahrhunderte nicht nur von Ansehen, Aktivität und Kulturanteil ausgeschlossen, also von Gebieten, wo es zu geben gilt — sondern ebensolange und länger ausgeschlossen von jedem materiellen Besitz (noch in der nachrevolutionären Gesetzgebung hat der Mann das Verfügungsrecht über Einkommen und Vermögen der Frau, wenn nicht ausdrücklich Gütertrennung beantragt wird. Wie weit er umgekehrt sie an seinem Vermögen und Einkünften beteiligt, hängt ganz von seinem Belieben ab), also von der öffentlichen Sphäre des Nehmens. In soziologischer Parallele könnte man sagen: die Frau war die längste Zeit über Produzentin nur in der Geschlechtssphäre; deshalb schafft sie aktiv Sicherungen und Geltungsmöglichkeiten vorwiegend in dieser Sphäre. Und die Frau war Konsumentin nur auf dem Umweg über den einzelnen Mann; deshalb überträgt sie alle Besitzansprüche auf ihn, als auf den ihr allein zugänglichen Repräsentanten des „Besitzbaren“. Aus dieser Betrachtungsweise empfangen wir die Bestätigung, daß die Eifersucht die weibliche Sicherung par excellence ist. Wo sie bei Männern auftritt, können wir in Adlerscher Terminologie von einer Sicherung mit weiblichen Mitteln sprechen. (Die Herrschaftseifersucht, die sich bei scheinbar starken Männern findet, ist von der weiblichen dadurch unterschieden, daß sie sich nie auf andere Menschen oder gar Dinge richtet als auf den Nebenbuhler-Mann. Die Frau ist Geschlechtsobjekt des Mannes, besagt diese Art der Eifersucht; wehe, wer da hineintapst! Freundinnen, „Kaffeeschwestern“ usw. kann sie haben so viel sie will; das ist eine Sphäre, die den Mann nichts angeht. Wir können hier auf die Eifersucht der Männer nicht näher eingehen. Möchten nur anregen, einmal eine Psychologie der Geschlechter bei der Eifersucht anzupacken und von dort her aufzurollen. Das wäre vielleicht ganz ergiebig.)
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Das Streben nach Besitz ist letzten Endes das Streben nach Sicherheit. Diese auch meines Erachtens nach prima causa der menschlichen Entwicklung liegt jedem Geschehen, jeder sozialen wie psychischen Bildung zugrunde. (Vergleiche vorige Nummer den Aufsatz von Johannes Neumann und unsere Schriftenfolge „Am anderen Ufer“.) Das Streben nach Sicherheit wird — eine der Banalitäten, wegen derer die „Wissenschaftler“ uns verspotten — am stärksten bei den Unsichersten zu finden sein. Nehmen wir die Sicherungen, die man Herrschaft und Besitz nennt, ins Auge und darunter speziell die auf dem Gebiete der Geschlechtsbeziehungen, so folgt daraus, daß die sogenannte natürliche Eifersucht, wie wir sie allerdings auch bei höheren Tieren und primitiven Menschen finden, nur auf einer bestimmten Stufe der Lebensunsicherheit „natürlich“ ist. Daß sie ewig „natürlich“, das heißt ein nötiges Sicherungsmittel bleiben werde, ist daraus nicht abzuleiten. Herrschaft, Besitz und das Streben danach, also auch die Eifersucht, tritt solange zur Sicherung auf, als noch die Angst das Leben beherrscht, solange noch eine große Körperunfähigkeit, mangelnde Produktionsreife, klassenmäßige, geschlechtliche oder Altersrangordnung Unsicherheitsgefühle schafft und Sicherungsbestrebungen hervorruft. Mit zunehmender Sicherheit wird die Menschheit über diese Herrschafts- und Besitzsicherungen hinauswachsen. Diese Sicherungen werden sich erledigen, nicht im Sinne des „Teilens“ der Dinge und Menschen (dieser Fetisch ist auch nur aus der Angst vor neuen, noch unbekannten Sicherungsformen geboren), sondern in der Anerkennung und dem tiefen Erleben des Satzes, daß man das, was man besitzen will, sich täglich neu verdienen muß! Und die Eifersucht als Spezialfall der Sicherungen dieser Menschheitsphase: damit sie sich erledigen lasse, ihren Stachel verliere, müssen die geschlechtlichen Rangordnungen faktisch und ideell abgebaut sein. Aber dies nur als Voraussetzung; nicht durch „Frei-von-Zwang“ geschieht irgend etwas Neues. Nicht durch Gewährenlassen (auch nicht durch beiderseitiges Gewährenlassen!) wird die Eifersucht überwunden; nur durch tätiges freies, tägliches Neugestalten der menschlichen Liebesbeziehung, die dann keine Sicherung im Sinne einer Fesselung (der Ring als Symbol!) mehr sein wird. Nur zwischen freien Menschen kann eine unneurotische Bindung entstehen. Dies ist das Ziel; der Weg geht immer weiter. Auch die Liebe ist eine unendliche Aufgabe. Das „Leiden“ wird schwinden; das „Suchen“, im Sinne dieser unendlichen Aufgabe, wird bleiben.
Fuente: transcripción a partir del número 6 (noviembre-diciembre de 1925, número especial «Psychologie der Frau») del tercer año de la Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie digitalizado en archive.org (izi-3-6), págs. 314-320 (págs. 48-54 del PDF), cotejada con las imágenes de página; el OCR del Internet Archive solo sirvió de apoyo. Se omiten el final del artículo anterior, en la parte superior de la pág. 314, y el comienzo del siguiente (Jan Schoo, «Ein Mädchen, das mit den Augen zwinkerte»), en la pág. 320. Las cursivas reproducen el espaciado del original; los asteriscos separan apartados como en el original. Se mantienen «stehen» (tras «alles») y «begenügen»; se corrige el punto que falta tras «hinauswachsen». Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.