Kinder, Tiere und Pflanzen

Wir sind so von der Natur entfernt in unseren großen Straßen und vielen Häusern, daß ein seltener Sonntagsausflug ins Grüne uns dem Leben gegenüber ungelenk und fremd findet — dem Leben, um dessen Sinn doch unser Kampf in den Straßen und Fabriken geht, diesem ursprünglichen Leben von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Natur; wir haben diesen Sinn aus den Augen verloren.

Und aus dieser Not des erwachsenen Städters machen wir die Tugend unserer Erziehung, zwängen wir auch unsere Kinder in das Scharnier des steifen, ordentlichen Ausflüglers. Das Kind darf nicht im Gras herumspielen, denn saubere Kleider kosten Zeit und Geld, es darf nicht auf Bäume klettern, nicht durch den Bach waten, es muß „artig“ sein. Wissen wir alle, die wir verlegen und gelangweilt in Zügen uns drücken und in Biergärten sitzen, wirklich nicht mehr, haben wir es vielleicht nie gewußt (weil unsere Eltern ebenso mit uns verfuhren), was für einen wertvollen Lebensstoff wir den Kindern damit vorenthalten, welches Reich der Erfahrungen und des Glücks, und um auch den gewissenhaften Sozusagen-Erziehern gerecht zu werden, welches Bildungsmittel?

Ein paar Tomatenstöcke am Küchenbalkon oder ein unzeitgemäßer Droschkengaul in der Vorstadt — das Einzige, woran ein Großstadtkind seine Beziehungen zur Natur noch gestalten kann. Es ist nicht unsere Schuld. Das Jahrhundert der Technik hat Automobil und Radio in den Mittelpunkt auch des kindlichen Gesichtskreises gerückt, und die Pflanzen und Tiere an die Peripherie gedrängt. In toten Lehrbüchern der Naturkunde, bestenfalls im Stadtpark oder zoologischen Garten, sind sie noch halblebendig.

Und doch — wieviel Möglichkeiten gibt es noch in dem so eingeschränkten Kreis! Eine Katze, die mit ein wenig Milchbrei und Kartoffeln so zufrieden ist, eröffnet dem kindlichen Erleben schon ungeheure Möglichkeiten. Sie ist im Verhältnis zum Kind nicht gar so klein und viel menschenähnlicher, als im Verhältnis zu uns. Sie kann nicht sprechen — nun gut, das Kind hat auch nur erst wenige Worte. Mit Bewegungen, Sprüngen und beredten Blicken gibt die Katze ihr Seelenleben kund, das Kind, noch nicht belastet mit rationellen Erwägungen, wird sie leicht verstehen. Und wie die Mutter das Kind im Arm hält, so umarmt das Kind die Katze, stolz und froh, etwas Kleineres betreuen zu können, etwas Weiches zum Streicheln zu haben, etwas Springlebendiges zum Spielen.

Solange wir es nicht verstehen, unseren Kindern ehrliche Kameraden ohne Autoritätsnimbus zu sein, wird das Kind, auch wenn wir uns noch so redlich bemühen, noch so „gut“ zu ihm sind, sich immer als der Unterliegende fühlen, als der Minderwertige. Unsere auf Ueberordnung und Unterordnung eingestellte Gesellschaft, unsere schon fast zum Instinkt gewordene Haltung des Herrn oder Knechts lassen im Kinde sowieso schwer genug das Bewußtsein seines Eigenwerts und Eigenrechts aufkommen. Tiere sind klein und Pflanzen sind stumm und unbeweglich, da kann das Kind sich nun seinerseits einmal als Uebergeordneten, Erwachsenen fühlen. Die grausamen Tierquälereien der Kinder, oder die Sucht, Pflanzen sinnlos abzurupfen und zu zerpflücken, verraten nur denselben Mangel an Respekt vor dem Kleinen und Wehrlosen, den die Kinder von den Erwachsenen so oft erfahren müssen. Auch ein Drang, die eigene Kraft zu erproben, zu zeigen, wie weit man es mit Gewalt oder mit List über das Schwächere vermag. Also ein verjüngtes Abbild unseres eigenen Verhaltens.

Wir quälen keine Tiere und zerrupfen keine Blumen, aber nicht, weil wir mehr Respekt oder mehr Kameradschaftlichkeit gegen sie empfinden — bilden wir uns das ja nicht ein —, sondern weil wir ihren Geld- und Nutzwert abzuschätzen gelernt haben und weil wir genug andere Objekte für unsere Angriffslust finden. Der Reiche findet den Armen, der Mann die Frau, die Erwachsenen das Kind, lebt an ihm seinen Herrschaftstrieb aus und kompensiert das Minderwertigkeitsgefühl, das ihm in seiner eigenen Jugend so aufgenötigt wurde. Wundern wir uns doch nicht, wenn nun die Kinder ihrerseits diesen Herrschaftstrieb entwickeln, und ihn — aus Mangel an anderen Objekten — an kleineren Kindern, an Tieren und Pflanzen auswirken! Sie tun nur, was sie von uns gelernt haben. Letzten Endes steckt hier, wie auch in dem entarteten und übersteigerten Machtstreben der Erwachsenen, hinter diesem Tun der Kinder ein Bewältigungsdrang, eine Neugier, eine Probe auf die eigene Kraft. Kinder für Tierquälerei, oder dafür, daß sie „die Puppe von innen sehen wollten“, zu strafen, heißt ebenso den Teufel mit Beelzebub austreiben, wie einen Mörder hängen.

Bringt einen Vogel ins Haus! Sperrt ihn aber nicht in ein Bauer, wo er das Fliegen verlernt und bald sehr langweilig wird. Laßt ihn im Zimmer herumfliegen. Wenn gelüftet wird, muß das Kind ihn ins andere Zimmer locken oder treiben. Das Futternäpfchen hat nicht, wie im Käfig, seinen bestimmten Platz, sondern wird einmal hierhin, einmal dorthin gestellt. Das ist so spannend zu sehen, wie der gelbe Hans von der Gardinenstange vorsichtig herunterguckt, mehrmals ansetzt und erst, wenn er sich unbeobachtet glaubt, sich ans Essen wagt. Am nächsten Tag wird das Näpfchen schon etwas näher gerückt, Hänschen wagt sich weiter vor, wenn es weiß, daß der große Hans nicht nach ihm schlägt und hascht, sondern es ruhig picken läßt. Schließlich kommt es sogar an den Kaffeetisch! Dann wird alles im Zimmer inspiziert und auf manchem Buch oder Bord eine kleine weiße Visitkarte abgegeben. Macht nichts. Der große Hans nimmt einen feuchten Lappen und bringt den Schaden wieder in Ordnung. So wie die Mutter ihm ja auch seine Sachen in Ordnung bringt, wenn er das noch nicht selber kann. Hans hat so seine kleinen Pflichten: die Mutter kocht — und er gibt Hänschen Futter und Wasser. Die Mutter säubert die Stube — Hans wischt Hänschens Visitkarten und dabei gleich den Staub von den Möbeln weg.

Aber da sind ja auch zwei kleine Töpfchen mit Kakteen und Hänschen pickt ihnen so gern die jungen Triebe ab; und da ist auch die Miez, die aus einem Winkel her glühend auf Hänschen blickt — da muß man Frieden stiften, damit das Größere dem Kleineren nichts tut, genau, wie die Mutter es unter den Geschwistern macht. Freilich, Moralpredigten fruchten hier nicht viel (bei Kindern übrigens auch nicht), aber — man kann auch Tiere erziehen, und sie verstehen sehr viel mehr, als wir dünkelhaften Großen glauben. — Der Kaktus ist rund und stachelig, rings um seinen dicken Leib haben sich kleine Stachelkugeln gebildet. Hans sucht sich einen kleinen Blumentopf, tut Sand und Erde hinein, löst die Kugeln vorsichtig ab und gibt ihnen ein eigenes Haus — in ein paar Wochen sind sie schon so groß, daß jede einen eigenen Topf für sich bekommen muß. Man muß sie gießen und in die Sonne stellen. Aber halt, die Miez läuft an der Tür hin und her und miaut, da darf ja kein Malheur passieren, schnell hinaus mit ihr auf den Küchenbalkon, wo sie ihre kleine Sandecke hat! Eine ganze Reihe von kleinen Pflichten wächst so dem Kinde zu, selbst in einer Dachwohnung in der Großstadt.

Und dann liest einem die Mutter vor aus einem Buch, von den Zeiten, wo die Katzen noch große, wilde Raubtiere waren, und wie sie dann von den Menschen langsam ans Haus gewöhnt wurden. Hans weiß schon, daß die Miez sich, um ihr Geschäftchen zu verrichten, ein Loch in den Sand gräbt und es dann sorgfältig wieder zuscharrt; bisher hatte er geglaubt, sie täte das aus Anstandsgefühl, nun erfährt er, daß das ein übriggebliebener Empfindungsrest aus der Zeit der Wildkatze ist, die ihre Spuren vor den größeren Verfolgern verstecken muß. Und die Mutter liest vor von den großen Palmenwäldern in Afrika, wo Hänschen eigentlich zu Hause ist und wo ganz bunte und merkwürdige Vögel herumfliegen, die es hier gar nicht gibt. Doch! im naturhistorischen Museum kann man sie ausgestopft sehen; da gehen wir aber einmal Sonntag hin, nicht, Mutter? Und die Kakteen? Ja, die sind ja schon in Italien so groß, wie bei uns die Brombeersträucher, Hans, vielleicht machst du einmal eine Wanderung hin, wenn du groß bist und siehst dir da auch gleich an, wie die Zitronen und Apfelsinen wachsen. Aber hier haben wir's auch ganz schön. Morgen ist Feiertag, da fahren wir einmal in den Wald hinaus und schauen uns die Stieglitze und die Zeisige an und die Buntspechte und Elstern, und am Waldteich finden wir vielleicht sogar einen Haubentaucher, mit seiner komischen Halskrause! Da werden wir sehen, daß jeder Vogel seinen Charakter hat und sich ganz eigen benimmt. Und noch vieles werden wir da sehen — die großen braunen Schilfkolben, die über den Wildenten zusammenschlagen, kunstvolle Vogelnester, Ameisen auf ihrem Haufen, auf dem es wie in einem geordneten Haus hergeht, vieles — ach, das wird fein! Aber jetzt müssen wir schlafen gehen. Hans, sieh mal, Hänschen ist auch schon zum Schlafen in sein Bauer geschlüpft, schnell, deck' ihn zu, damit er in der Nacht nicht friert. Die Miez hat sich auch schon in ihrem Körbchen eingemummelt! Gute Nacht, ihr Tierchen, gute Nacht, Hans!

Wenn wir so mit unseren Kindern und Tieren verkehren, werden wir allmählich merken, daß wir selbst noch sehr viel von ihnen zu lernen haben. Und wenn wir gar zwei Vögel, zwei Katzen, zwei Schildkröten (!) haben könnten, dann würden wir sehen, wie sich die Tiere zueinander benehmen; und wer weiß, ob wir da nicht am allermeisten von ihnen lernen könnten!

Alice Rühle-Gerstel.


Fuente: transcripción a partir de las imágenes de Die Mutter (Viena), 1 de diciembre de 1924, págs. 14-15, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=mut, datum=19241201), cotejadas con el OCR de la ÖNB, que alterna el texto de la autora con el del cuento de la parte inferior de la página; se ha restablecido el orden de las columnas. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.