Liebe Luise! Ich bin sehr schreibfaul, ich muss es selbst zugeben. Deine Karte hat mich sehr gefreut, da wir ja schliesslich alle eitel sind und Beifall wünschen. Die Sache ist nur zu spät im Jahre herausgekommen, um ordentlich in Vertrieb gebracht zu werden. Vielleicht lässt sich das im Herbst nachholen. Interessieren würde es mich, was Karl (der Grosse) zum Prinzipiellen sagt. Ich muss gestehen, dass ich mich in letzter Zeit öfters an eine Bemerkung von ihm erinnert habe, dass wir nicht dazu da sind, die Meinung der Massen zu sagen, sondern das, was wir für richtig halten. Aber manchmal glaube ich doch, dass ich in dem Bemühen, meine Meinung klar herauszuarbeiten, zu tief ins Reaktionäre geraten bin.

Wir haben seit gestern das schlechte Wetter überwunden und so wird es ja wohl auch bei Euch schön u.

warm sein. Diesen Zeitpunkt sollte man benützen können; ich muss aber noch bis Anfang August hier bleiben. Wenigstens endet bald meine [¿Spitalarbeit?] u. ich bin dann etwas entlastet.

Ich hoffe, dass Euch Gastein gut getan hat, es ist wunderbar schön. Aber ich glaube nicht, dass ich hingehen werde, es ist mir doch zu teuer — und die Erinnerung an Karls [¿Absturz?], den ich in Gastein befürchtet u. erfahren habe, auch keine Aufmunterung. Aber jedenfalls will ich in die Höhe, momentan denke ich an Mallnitz.

Herzliche Grüsse an Dich, Deinen Mann u. die Familie Karl junior. Vielleicht komme ich auf einen oder zwei Tage zu Besuch.

Alles Gute und schönes Wetter!

Margret Hilferding

Wien 28.VI.926.


Fuente: transcripción hecha para la Escuela Libre de Psicología Adleriana (2026) a partir de las imágenes digitales (IIIF) del manuscrito autógrafo: Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG), Ámsterdam, Karl Kautsky Papers (ARCH00712), D XII 576 (carpeta «Hilferding, Margarethe. 1917-1929», D XII 574-576), https://hdl.handle.net/10622/ARCH00712.D_XII_574-576, imágenes 6-7 (imágenes y PDF en materiales/hilferding/1917/1917-1929_Briefe-an-Karl-Kautsky__IISG/). Carta inédita, dirigida a Luise Kautsky aunque archivada entre las cartas a Karl Kautsky. Letra latina cursiva. La «Sache» del primer párrafo es con toda probabilidad el folleto de la autora Geburtenregelung. Erörterungen zum § 144 (Viena/Leipzig, Perles, 1926), con epílogo de Alfred Adler. Convenciones: [¿…?] lectura dudosa; [ilegible] palabra no descifrada; se conserva la ortografía de la autora (sin «ß», «u.» por «und»). Los comentarios Bl. del código marcan cada cara del manuscrito.