Die ärztliche Fortbildung.

Von Dr. Margret Hilferding.

Die Einrichtung der Ärztekurse, die seit einer Reihe von Jahren in Wien abgehalten werden, gibt den Ärzten des In- und Auslandes Gelegenheit, ihre Kenntnisse zu bereichern und aufzufrischen; neue Wissensgebiete, die zur Zeit ihres eigenen Medizinstudiums der ärztlichen Ausbildung noch fremd waren, werden ihnen vermittelt, die letzten Erfahrungen des Praktikers und des Theoretikers werden von den berufenen Forschern selbst dargestellt.

Eine bestimmte Gruppe von Ärzten, deren Fortbildungsbedürfnis nicht gering einzuschätzen ist, ist von der Teilnahme an diesen wertvollen Kursen völlig ausgeschlossen. Die Anordnung der Kurse ist leider so erfolgt, daß der Arzt, der sie hören will, nicht zugleich seine normale Tätigkeit (Praxis) ausüben kann. Denn die Stunden, in denen er seine Krankenbesuche macht (vormittags), in denen er Krankenkassen- und Privatordination ausübt (mittags und nachmittags), können für seine Fortbildung nur unter schweren physischen und materiellen Opfern von ihm verwertet werden.

Eine entsprechende Vertretung kostet Geld und ist oft kaum zu finden. Will der Arzt den Kurs besuchen, so entfällt für die Dauer des Kurses nicht nur jede Einnahme, sondern er erleidet auch Schaden, weil die Tätigkeit des Arztes den Einsatz der eigenen Persönlichkeit fordert.

Würden die Kurse auf die Beschäftigung des Praktikers, auf die weite Entfernung seiner Wohnung vom Kursorte Rücksicht nehmen, dann könnten wir einen mächtigen Zustrom von Ärzten aus der Peripherie erwarten. Kursstunden während der Mittags- und Nachmittagsstunden wären freilich nicht durchführbar. Doch könnte jeder praktische Arzt einige Stunden des Vormittags, zum Beispiel 8—11 oder ½9—11 Uhr, zur Fortbildung verwenden, vorher und nachher noch einen oder den anderen Krankenbesuch erledigen und rechtzeitig, ohne Hetzjagd, seine Krankenkasse versehen, sein Mittagmahl nun zu Hause einnehmen, seine Privatordination abhalten. Gönnen wir ihm dann noch ein wenig Ruhe oder Zeit zu dringenden Besuchen; er wird um ½6 oder 6 Uhr gern bereit sein, die Fortsetzung des Kurses bis ½9 oder 9 Uhr anzuhören. Wenn der Kurstag nicht mehr als 5—6 Vorlesungen enthält, ist es fast jedem praktischen Arzte möglich, einen 2 Wochen dauernden Kurs von 50—60 Stunden insgesamt anzuhören. Gewiß, er wird in diesen Tagen kleine Verluste seiner Praxis verschmerzen müssen, wenn es sich um dringliche Besuche handelt, aber er wird sie gern verschmerzen, wenn er den Kurs als greifbares Ganzes aufnehmen kann. Ja es ließe sich sogar noch die Kurseinteilung in der Weise vornehmen, daß die Vormittags- und Nachmittagsstunden je ein bestimmtes Wissensgebiet behandeln und es dem Arzte ermöglichen, je nach Wunsch die Vormittags- oder Nachmittagsvorlesungen zu besuchen und in einem späteren gleichlaufenden Kurs seine Kenntnisse zu ergänzen.

Die Zeit ist der Fortbildung der Wiener praktischen Ärzte günstig, weil ihre Beschäftigung geringer ist als in früheren Jahren; die Leitung der Fortbildungskurse möge diesen Umstand ausnützen und Kurse ins Leben rufen, die dem Bedürfnis des Peripheriearztes entsprechen. Die hochwertige Ausbildung des Wiener Arztes, die so allgemein anerkannt ist, soll davor bewahrt bleiben, auf ein tieferes Niveau zu sinken.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de la Wiener Medizinische Wochenschrift 76 (1926), Nr. 6, S. 208, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP wmw19260003, imagen 176), cotejado con el OCR de la ÖNB. La fecha del número (6.2.1926) consta en las «Notizen» de la página siguiente. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.