Wie groß ist unser Lebensmittelbedarf?
Von Dr. Margret Hilferding.
Die Absperrung vom Weltmarkt, die gleichzeitige Verminderung unserer eigenen Erzeugung bei fehlerhafter Aufbringung und Verteilung der vorhandenen Lebensmittel hat zu einer Katastrophe unserer Volksernährung geführt, von der fast ausschließlich die Bevölkerung der Städte und Industriegebiete betroffen wird. Die bäuerlichen Selbstversorger finden noch ihr Auslangen, während die Staatsversorgten seit Jahren an dem Hungertuch der Rationen nagen. Denn diese staatlich bewilligten Rationen sind so klein, daß sie kaum ein Viertel unseres Bedarfes an Nahrungsmitteln decken; leider sind sie nur bewilligt und nicht sichergestellt. Wir erhalten zeitweilig nur die halbe Brot- oder Zuckermenge; Kartoffeln werden seit der Ernte 1918 so unregelmäßig geliefert, daß die Wochenration von einem halben Kilogramm kaum einmal im Monat verteilt wird. Fleischlose und fleischarme Wochen folgen einander. Was wir jetzt tatsächlich erhalten, entspricht nicht mehr einem Viertel, sondern bestenfalls einem Fünftel unseres Bedarfes. Das bedeutet, daß unsere Wochenmenge in Wahrheit nicht viel mehr als eine Tagesmenge darstellt. Die Einlösung selbst dieser kleinen Rationen übersteigt die Leistungsfähigkeit unserer Produktion und unserer Verwaltung. Denn nach Angabe des Ernährungsamtes sind in Deutschösterreich nur noch geringe Mengen aufbringbar, 2250 Tonnen Fett, 30.000 Tonnen Mehl, 19.000 Tonnen Fleisch, also insgesamt 51.250 Tonnen; dazu kommen noch die Kartoffelrationen für 2·2 Millionen Verbraucher, die nach der Ernte 1918 für das ganze Jahr vorbeliefert wurden. Angesichts dieser geringen Vorräte ist es klar, daß wir nur Hilfe finden können, wenn das Ausland uns fast völlig versorgt. Zur Aufrechterhaltung der Rationen brauchen wir folgende Mengen:
| wöchentlich Gramm | jährlich Kilogramm | für 8·5 Millionen Tonnen | davon aus dem Ausland Tonnen | ||
|---|---|---|---|---|---|
| Fett | 40 | 2·08 | 17.680 | 15.430 | |
| Zucker | 175 | 9 | 76.500 | 76.500 | |
| Mehl u. Brot | 1150 | 59·8 | 508.000 | 478.000 | |
| Fleisch | 125 | 6·5 | 55.250 | 36.250 | |
| Erdäpfel für 6·3 Mill. | 500 | 26 | 163.800 | Kartoffelersatz | 41.000 |
| 1990 | 103·38 | 821.230 | 647.180 |
Der Jahresverbrauch von 647.180 Tonnen entspricht einem Tagesverbrauch von 1800 Tonnen, das sind 180 Bahnlastwagen oder sechs Lastzüge täglich. Aber mit der Sicherstellung der Rationen wäre noch wenig getan. Unsere entkräftete, ausgehungerte, von Kriegskrankheiten zermürbte Bevölkerung braucht mehr. Bereits im Dezember 1918 hat Löwenfeld-Ruß eine geringe Erhöhung für notwendig gehalten, ohne sie durchführen zu können. Er verlangt 120 Gramm Fett wöchentlich (statt 40 Gramm), 300 Gramm Mehl täglich (statt 165 Gramm), 250 Gramm Fleisch wöchentlich (statt 125 Gramm) und 1000 Gramm Kartoffeln (statt 500 Gramm). Zur Durchführung dieser gänzlich ungenügenden Erhöhungen sind erforderlich:
| wöchentlich Gramm | jährlich Kilogramm | für 8·5 Millionen Tonnen | aus dem Ausland Tonnen | ||
|---|---|---|---|---|---|
| Fett | 120 | 6·24 | 53.040 | 50.790 | |
| Zucker | 175 | 9 | 76.500 | 76.500 | |
| Mehl u. Brot | 2100 | 109·2 | 928.200 | 898.200 | |
| Fleisch | 250 | 13 | 110.500 | 91.500 | |
| Kartoffeln für 6·3 Millionen | 1000 | 26 | 327.600 | Kartoffelersatz | 82.000 |
| 1,495.740 | 1,198.990 |
Die Einfuhr müßte 1,198.990 Tonnen betragen, das sind täglich 3280 Tonnen oder 328 Bahnwagen oder ungefähr 11 Lastzüge. Doch selbst mit diesen vom Ernährungsamt geforderten Quoten können wir unser Auslangen nicht finden. Denn sie reichen gerade nur aus, um unseren halben Bedarf an Fett- und Eiweißstoffen sowie die Hälfte des kalorischen Wertes zu decken. Wenn wir nicht mehr hungern wollen, müssen wir so viel Lebensmittel zuführen, daß der Minimalbedarf gesichert ist, das ist die Menge von Nahrungsmitteln, die nach wissenschaftlichen Erfahrungen zur Erhaltung unseres Gewichtes und unserer Körperkräfte notwendig ist. Dabei werden wir vielleicht auf Jahre hinaus auf hochwertige Lebensmittel wie Milch und Eier, die schwer zu transportieren sind, verzichten müssen zu Gunsten der Kinder und Kranken, die auf die geringen erreichbaren Mengen das erste Anrecht haben. Unsere Nahrung wird sich nach wie vor aus Fett, Zucker, Brot, Mehl, Fleisch, Kartoffeln zusammensetzen; aber die Rationen müssen soweit erhöht werden, daß wir von ihnen leben können und Gemüse nicht mehr als Hauptnahrungsmittel, sondern als Ergänzung der Kost genießen werden.
Wir brauchen dann:
| wöchentlich Gramm | jährlich Kilogramm | für 8·5 Millionen Tonnen | aus dem Ausland Tonnen | ||
|---|---|---|---|---|---|
| Fett | 320 | 16·64 | 140.440 | 138.190 | |
| Zucker | 262 | 13·6 | 116.000 | 116.000 | |
| Mehl u. Brot | 2800 | 145·6 | 1,237.000 | 1,207.000 | |
| Fleisch | 500 | 26 | 221.000 | 202,000 | |
| Kartoffeln für 6·3 Millionen | 4500 | 234 | 1,474.200 | Kartoffelersatz | 370.000 |
| 8382 | 435·84 | 3,188.640 | 2,033.190 |
Wir brauchen also aus dem Ausland 2,033.190 Tonnen jährlich, das sind 5570 Tonnen täglich oder 557 Bahnwagen; es entspricht ungefähr dem Fassungsraum von 18 Lastzügen täglich. Die Mengen, deren wir zu unserer vollen Ernährung bedürfen, sind also nicht klein. Selbst nach aufgehobener Blockade wird ihre Beschaffung, Bezahlung und ihr Transport ein schwer zu lösendes Problem sein. Das Ernährungsamt hat recht, wenn es vor überschwenglichen Hoffnungen warnt. Die Entente liefert bis jetzt 800 Tonnen täglich; wir aber brauchen nur zur Aufrechterhaltung der Rationen 1800 Tonnen. Die uns verheißene Erhöhung auf 3000 Tonnen entspricht ungefähr der vom Ernährungsamt geforderten Erhöhung der Rationen (3280 Tonnen). Das kann kein Zufall sein; die Lebensmittelkommission der Entente hat wohl geglaubt, für Deutschösterreich genug zu tun, wenn sie die Forderung unserer Behörden erfüllt. Es wäre für uns besser gewesen, wenn Löwenfeld-Ruß in unserem Namen weniger bescheiden gewesen wäre. Denn wie schon gesagt, befriedigen diese Mengen kaum den halben Bedarf. Zur Deckung der Rationen sind sechs Lebensmittelzüge täglich notwendig; zur Deckung der Rationen nach Löwenfeld-Ruß brauchen wir täglich zwölf Lebensmittelzüge, also gerade das Doppelte. Zur Deckung unseres Mindesterfordernisses, wenn wir nicht weiter verhungern wollen, sind täglich achtzehn Lebensmittelzüge, also die dreifache Menge, erforderlich. Hier ist unser Bedarf an Milch (Kondensmilch) für Kinder und Kranke noch nicht in Rechnung gezogen, er bildet ein eigenes Kapitel. Wir werden auch darauf achten müssen, daß der Frachtraum nur vollwertigen Nahrungsmitteln vorbehalten bleibt, nicht etwa, wie es jetzt manchmal geschieht, für Johannisbrot und Zitronen verwendet wird. Wir werden zufrieden sein müssen, wenn wir wenigstens die versprochenen 3000 Tonnen bald und regelmäßig erhalten. Vielleicht gelingt es unserer Regierung, wenigstens das Zuckerquantum aus Böhmen auch weiterhin sicherzustellen; vielleicht können wir nach der neuen Ernte wenigstens den Kartoffelbezug aus Böhmen oder Deutschland ermöglichen. Die von der Entente zuzuführenden Mengen würden dann von 5570 Tonnen auf ungefähr 4200 Tonnen sinken. Ob unsere eigene künftige Ernte für den öffentlichen Ernährungsdienst voll nutzbar zu machen sein wird, steht noch dahin.
Fuente: transcripción del facsímil de la Arbeiter-Zeitung (Viena), n.º 72, viernes 14 de marzo de 1919, p. 6 (ÖNB, ANNO, aid=aze, datum=19190314), hecha sobre la imagen de la página y cotejada con el OCR de la ÖNB; cifras y tablas comprobadas en la imagen y por suma. El título impreso es «Wie groß ist unser Lebensmittelbedarf?» (coincide con el que da la bibliografía). El artículo ocupa entero la p. 6 (columnas 2 y 3); no continúa en la p. 7. Firmado «Von Dr. Margret Hilferding». Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.