Aerztliche Erfahrungen im Kriege.

Von Dr. Margarete Hilferding.

Der Körperzustand der Erschöpfung war den Aerzten schon im Frieden als vereinzelte Erscheinung bekannt; in den letzten Kriegsjahren hat seine Häufigkeit so zugenommen, daß wir wohl von einer Massenerscheinung sprechen können. Die Erschöpfung ist keine Krankheit; sie stellt die Summe aller körperlichen und seelischen Schädigungen dar, die durch längere Zeit auf uns einwirken. Diese Schädigungen setzen sich zusammen aus Ueberarbeit, Unterernährung, Schlafmangel und Sorgen. Nicht eine Schädigung allein, sondern erst das Zusammentreffen mehrerer bedingt die volle Wirkung, die einer Krankheit gleichkommt.

Im Frieden war die Erschöpfung zumeist bei Frauen zu finden, die die Doppelarbeit als Hausmutter und als Erwerbende zu leisten hatten. Im Kriege ist nicht nur die Zahl dieser doppelt belasteten Frauen größer geworden, auch die Arbeitslast sowohl im Hause als auch im Berufe ist ins Ungemessene gestiegen. Nicht allein als „Soldaten des Hinterlandes“ haben die Frauen ihre besten Kräfte ausgegeben, sondern sie mußten auch noch die durch den Krieg vervielfachte Arbeit der Hausfrau und Mutter leisten.

Nur ein wohlgenährter, sorgfältig gepflegter, durch Ruhetage und genügenden Schlaf gekräftigter, sorgenfreier Körper könnte die Ueberarbeit bewältigen. Wir brauchen nicht auszuführen, daß ein solches „Schlaraffenleben“ den arbeitenden Frauen im Kriege versagt ist. Eine wohlgeheizte Wohnung, warme Kleider und Schuhe, ein Reinigungsbad, ja selbst saubere Wäsche, ausreichende Ernährung, ungestörte Nachtruhe in dem notwendigen Ausmaße, alle diese Bedürfnisse, die wir im Frieden erfüllen konnten, sind im Kriege unerreichbarer Luxus geworden. Die Redensart vom „Erstehen“ der Bedarfsartikel ist nun eine fürchterliche Wahrheit. Eine Hilfskraft für die Arbeiten des Haushaltes ist entweder überhaupt nicht zu erlangen oder doch mit dem Arbeitslohn einer erwerbenden Frau nicht zu bezahlen. Nicht nur für sich selbst muß sie auf all das verzichten, sondern sie kann auch ihren Kindern die bescheidensten Ansprüche auf Nahrung, Kleidung, Wärme, Sauberkeit nicht mehr erfüllen; ja noch schlimmer: unter ihrer Ueberarbeit leidet die Erziehung der Kinder und deren Verwahrlosung schafft ihrem durch Arbeit erschöpften Gehirne neue Sorgen zu denen ums tägliche Brot, um die Erhaltung des Hausstandes, um die Gestaltung der Zukunft. Dazu gesellt sich der Kummer um die Angehörigen auf den Kriegsschauplätzen, in der Gefangenschaft und in den Spitälern, um die Vermißten, Gefallenen und Krüppel.

Wahrlich, allzu schwer ist die Last, die der Krieg den Frauen aufgebürdet hat. Sie zahlen mit der schweren Erschöpfung ihres Körpers.

Dieser Zustand setzt vor allem die Leistungsfähigkeit der von ihm Ergriffenen herab; die gewohnte Arbeit kann entweder gar nicht oder nur teilweise geleistet werden. Erst nach Wochen und Monaten der Ruhe und Sorglosigkeit bei besserer Ernährung tritt die Erholung und mit ihr die Arbeitsfähigkeit wieder ein. Doch nicht nur die Arbeitskraft leidet durch die Erschöpfung, auch die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Erkrankungen wird herabgesetzt. Eine leichte Halsentzündung, eine Influenza, ein Schnupfen, ein Darmkatarrh, ein Rheumatismus, ja selbst das Einsetzen der Monatsregel wirken in dem erschöpften Körper wie eine schwere Krankheit. Die Tuberkulosebazillen, die jahrelang im menschlichen Körper ruhen können, ohne Schaden anzurichten, werden in den Erschöpften wieder wach und führen den Körper von neuem der Tuberkulose mit ihren wechselnden Erscheinungformen vom leichten Lungenspitzenkatarrh bis zur schwersten Form der „galoppierenden Schwindsucht“, wie sie im Volksmunde genannt wird, ꝛc.

Der erschöpfte Körper der Frau stellt auch die Leistungen (Funktionen) mancher Organe ein. Die Milchdrüse gibt nicht mehr genug Milch, um die Kinder zu ernähren; die Eierstöcke stellen ihre Tätigkeit ein und die Frauen verlieren dadurch ihre Monatsregel. Auch diese Erscheinung kannten wir im Frieden, sie trat vereinzelt bei blutarmen, überarbeiteten oder durch zahlreiche Geburten heruntergekommenen Frauen auf. Im Kriege ist das Ausbleiben der Monatsregel zur Massenerscheinung geworden, über die aus allen Teilen Deutschlands und Oesterreichs berichtet wird. Einige Zahlen mögen dartun, in welchem Umfange die arbeitenden Frauen Wiens davon betroffen werden. Von den arbeitsfähigen Frauen des Verbandes der Genossenschaftskrankenkassen, die in den Friedensjahren 1911 und 1912 in meiner Behandlung standen, waren ungefähr ½ Prozent (unter 200 Frauen je ein Fall) an Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsregel) erkrankt. Im Jahre 1916 (nach 1½ Kriegsjahren) betrug die Zahl bereits 14 Prozent (von je 100 Frauen 14 Fälle). Im Jahre 1917 stieg sie auf 25 Prozent (von je 100 Frauen 25 Fälle). Das bedeutet, daß bei einem Viertel aller Frauen im gebärfähigen Alter für längere Zeit die Funktion (Tätigkeit) der Eierstöcke erloschen ist, daß diese Frauen auf Monate und Jahre hinaus von der Kindererzeugung ausgeschlossen sind.

So sinkt durch die Erschöpfung und ihre Folgeerkrankungen nicht nur die Arbeitsfähigkeit, die Lebensdauer und die Lebensfreude der Frauen, sie führt auch eine stete Abnahme des Nachwuchses herbei.

Mit Besorgnis betrachten nicht nur die Herrschenden, die im Sinne der Wehrkraft der Völker Bevölkerungspolitik treiben, diese Erscheinung, auch uns gibt sie zu denken; denn die Abnahme der Geburten bedeutet auch eine Lebensfrage für die Kampffähigkeit des Proletariats.

Durch Aufklärung und Belehrung müssen wir dahin wirken, zu verhüten, daß die Frauen immer neue Lasten gutwillig auf sich nehmen.

Den Regierungen aber sei es eine Mahnung, dem Raubbau mit den Kräften der Frau, der schon allzu lange dauert, ein Ende zu machen.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de la Arbeiterinnen-Zeitung (Viena), año 27 (1918), n.º 13, págs. 2-3, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP_abg19180113, imágenes 2-3), hecha desde la imagen; el OCR de la ÖNB es inutilizable y el de tesseract (frk+deu) solo sirvió de apoyo; cifras cotejadas con la imagen. Firmado «Dr. Margarete Hilferding». La página no lleva fecha; el número (quincenal) es de hacia junio de 1918, según el contexto de la pág. 3 (conferencia del partido tras la paz de Bucarest y el aplazamiento del Reichsrat). La bibliografía de psychoanalytikerinnen.de lo da como «Nr. 3». Se respeta la ortografía de 1918 («Erscheinungformen», «ꝛc.»). Los pasajes en espaciado del original van en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.