Margret Hilferding: Der Schleichhandel.
In allen Ländern, die durch den Krieg vom Weltmarkt abgesperrt waren, hat die naturnotwendig stets zunehmende Lebensmittelknappheit eine neue Form des Güterverkehres geschaffen, den Schleichhandel. Neben der staatlichen Bewirtschaftung der Lebensmittel, die unvermögend war, das Vorhandene in seiner Gänze zu erfassen und zu verteilen, hat sich ein privater Ernährungsdienst herausgebildet, dessen Organe rascher, sicherer und zweckentsprechender arbeiten als die des Staates. Dieser private Ernährungsdienst wird von zwei Gruppen besorgt: von den sogenannten „Hamsterern“ und von den Schleichhändlern. Beide bedienen sich derselben Mittel und Wege für ihre „Arbeit“; die einen wie die anderen befördern verhältnismäßig kleine Quantitäten (Rucksackverkehr). Sie unterscheiden sich im Ziele, indem der Hamsterer vorwiegend die eigene Versorgung, der Schleichhändler die Versorgung anderer gegen Entgelt pflegt. Bei dem einen ist Hamstern ein Notbehelf, bei dem andern ein Geschäft. Wenn hier vom Schleichhandel die Rede ist, so ist auch der Hamsterverkehr inbegriffen, der einen Schleichhandel in sich darstellt. Der private Ernährungsdienst hat sich nach bestimmten Gesetzen entwickelt, die denen des freien Handels nahekommen. Anfangs klein und zaghaft, wuchs er mit zunehmendem Hunger der Bevölkerung an Umfang und Preishöhe ins Maßlose. Jedes Absinken der Ration, jede Störung und Unsicherheit in der Belieferung der Quoten treibt die Schleichhandelspreise hinauf. Der seltene Fall einer Erhöhung der Ration (Rückkehr zur vollen Brotquote im August 1918) hatte automatisch ein Absinken der Schleichhandelspreise für Mehl und Brot zur Folge. Jede Erschwerung des Schleichhandels durch Absperrungen, Strafen und Strafandrohungen, Konfiskationen fördert die Preise; jede Erleichterung durch nachlässigere Kontrolle bringt sie zum Sinken. Die Höchstpreise bewirkten nicht eine Abgrenzung des Preises nach oben, sondern nach unten und schlugen sogleich in Mindestpreise um. Die Ware verschwand nach jeder preisregulierenden Maßnahme der Regierung sofort aus dem offenen Handel und kam im Schleichhandel wieder zum Vorschein. Je kleiner die Summe der staatlich bewirtschafteten Lebensmittel wurde, desto umfangreicher der Schleichhandel. Denn hier regierten noch Angebot und Nachfrage. Alle staatlichen Eingriffe zur Besserung der Marktverhältnisse riefen im Gegenteil nur eine Verschlechterung hervor und wirkten stärker preistreiberisch als selbst die Profitgier der Bauern und Händler. Wir bezahlen im Schleichhandel neben den teuren Preisen der Produzenten, denen der staatliche Ansatz nicht genügt, auch die Erhaltungskosten des Schleichhändlers, Transport- und Bestechungsgelder; wir zahlen auch das Berufsrisiko des Schleichhändlers, der nicht nur Geldeswert, son- dern oft Freiheit und Leben aufs Spiel setzt. Der Preis für die käufliche Schmuggelware umfaßt zugleich den Wert von soundso vielen konfiszierten Rucksäcken. Daher die große Spannung zwischen den Hamsterpreisen auf dem Land und den Schleichhändlerpreisen in der Stadt. In den Industrieorten an der Südbahn, wo seit Jahren ein tolerierter, ja von den Gemeinden mitunter selbst begünstigter offener Schleichhandel besteht, zeigte sich eine wohltuende Beständigkeit des Preises und der Belieferungsmengen. Die Gemeinde Liesing gibt neben dem rationierten Brot teure weiße Wecken aus, die offen verkauft werden. Aehnliche Verhältnisse bestanden in Wien kurz nach dem Zusammenbruch der Monarchie, als eine vorübergehende Entspannung in der Ueberwachung des Lebensmittelverkehres eintrat. Damals verkaufte man auch in Wien in vielen Lebensmittelgeschäften öffentlich Schleichhandelsware. Die Erleichterung bewirkte, daß man Butter um 60 Kr., Mehl nach Qualität um 12 bis 22 Kr. erhielt. Unter dem Druck der scharfen Lebensmittelkontrolle in den letzten Wochen (Eingreifen der Volkswehr, Abnahme der Schmuggelware auf den Wiener Bahnhöfen) sind die Preise wieder maßlos gestiegen; für Butter und Fett auf 110 bis 140 Kr., für Mehl bis 30 Kr., für Rind- und Kalbfleisch auf 50 bis 70 Kr., für Schinken und Selchfleisch bis zu 100 Kr., für ein Ei auf Kr. 2·50 bis 3 Kr. Diese Waren, von denen ein nicht bestimmbarer Teil der Beschlagnahme verfällt, entstammen zumeist den Vorräten der bäuerlichen Produzenten, den sogenannten „Ueberschüssen“ der Selbstversorger. Diese „Ueberschüsse“ ergeben sich nicht durch die Uneigennützigkeit der Selbstversorger, die aus den ihnen rechtlich zustehenden Lebensmittelmengen etwa noch Ersparnisse zugunsten hungernder Städter machen. Vielmehr haben sie ihren Ursprung in dem, was unrechtmäßig dem staatlichen Ernährungsdienst vorenthalten wird, sei es durch falsche Einbekenntnisse oder durch Hinterziehung beim Ablieferungsverfahren. Diese „Ersparnisse“ werden dem privaten Ernährungsdienst zugeführt, um größere Profite zu bringen. Sie bilden eine der Quellen, aus denen der Schleichhandel gespeist wird.
Die andere Quelle fließt aus jenen Vorräten, die vom Ernährungsdienst bereits erfaßt sind. Den Wiener Hausfrauen wird bei ihren Einkäufen in der Regel von jeder Ration Mehl, Fett, Zucker, Fleisch, Milch ein Bruchteil vorenthalten. Von dem ¼-Kilo-Paket Mehlt fehlt ½ bis 1½ Deka (2 bis 6 Prozent), von der Fettration mindestens ½ Dekagramm (8 bis 12 Prozent). Diese Gewichtsverminderung wird vom Verkäufer mit der Ausrede der Verpackung erklärt, übersteigt aber das Gewicht des Papiers. Das zugewiesene Fleisch wird im Gewicht verkürzt oder durch minderwertige Zuwage verringert; die Milch wird verwässert; ja selbst das Brot, besonders wenn es nicht als ganzer Laib verkauft wird, hat nicht das volle Gewicht. All diese von den Verschleißern ersparten Fehlmengen werden zumeist zu Schleichhandels- oder Gefälligkeitspreisen weitergegeben. Denselben Weg gehen auch alle vom Käufer nicht übernommenen Rationen; sei es, weil die hohen Preise abschrecken, wie bei Kondensmilch, Fleisch, Reis; sei es, weil die Lebensmittelmarken zum Teil für Kriegs-, Betriebs- und Gemeinschaftsküchen abgegeben wurden; sei es durch Entfall der Uebernahme bei Reisen oder Todesfällen. Die Summe der an den Rationen ersparten Beträge dürfte sich auf 5 bis 10 Prozent der im Ernährungsdienst ausgegebenen Waren belaufen.
Und diese Lebensmittel entstammen nur den letzten Verteilungsstellen des Ernährungsdienstes, dem Kleinverschleiß. Doch schon in allen früheren Stadien ihrer Sammlung, Beförderung und Verteilung versickert ein nicht unerheblicher Teil in Nebenwege, die gleichfalls zum Schleichhandel führen. Bei viel geringeren Gestehungskosten schließt sich ihr Preis den üblichen Schleichhandelspreisen an und bringt ungeheure, nicht zu rechtfertigende Profite. Auf Mißbräuche bei Lebensmittelzentralen, Konsumanstalten, Kriegs-, Gemeinschafts- und Betriebsküchen, Lebensmittelgroßbetrieben, Großeinkaufsstellen ist der Umlauf jener größeren Mengen zurückzuführen, die nach reichsdeutschem Gebrauch als „Schiebungen“ bezeichnet werden. In den elegantesten Kaffeehäusern Wiens, nicht nur in der Leopoldstadt, sondern auch auf der Ringstraße, werden noch heute täglich waggonweise Abschlüsse auf Mehl, Zucker, Reis, Kohlen gemacht. Befugte und nichtbefugte Händler, letztere oft den obersten Gesellschaftskreisen angehörend, teilen sich in die Gewinne. Auch die kleineren Mengen, die durch Diebstahl auf Bahnen und in Magazinen entwendet werden, haben bei der allgemeinen Notlage Bedeutung. Der deutsche Ernährungsminister Robert Schmidt führt an, daß in Deutschland im Monat Dezember 1918 45.000 Kilogramm Zucker auf dem Transport entwendet wurden. Diese Menge würde ausreichen, um 600.000 österreichische Konsumenten mit der vollen Zuckerration für einen Monat zu beliefern. Ein einziger Posten, der einzige, der im Lande selbst wenigstens niemand Abbruch tut, ist durch die neuen Staatengründungen leider in steter Abnahme begriffen. Es ist die aus früher österreichisch-ungarischen, jetzt fremdstaatlichen Gebieten hereinbeförderte Schmuggelware. Vor dem Zusammenbruch fanden zahlreiche Deutschösterreicher ihre Ernährung in Ungarn, Böhmen, Jugoslawien ꝛc. sichergestellt; bei der scharfen Grenzsperre, die jetzt besteht, erhalten wir kaum nennenswerte Mengen. Nicht nur unsere eigenen staatlich bewirtschafteten Lebensmittel finden wir im Schleichhandel wieder, sondern auch Auslandsware. Zwar der offene Verkauf von Schokolade hat aufgehört, aber heimlich gibt es noch immer Kondensmilch (15 bis 22 Kr.), Reis (28 bis 40 Kr.) und Schokolade. Die Forderung der Ententemissionen, daß ihre Liebesgaben und andere Sendungen nicht in den Schleichhandel geraten, ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen ebenso unmöglich zu erfüllen wie die Abschaffung des Schleichhandels überhaupt.
Da die Waren des privaten Ernährungsdienstes mit Ausnahme der Schiebungen nur in kleinen Mengen (Rucksackverkehr) befördert und verkauft werden, ist es begreiflich, daß ein Heer von Verdienern an ihrem Vertrieb tätig ist. Der Schleichhandel bildet also nicht nur eine Versorgungsmöglichkeit für große sonst dem Hunger preisgegebene Bevölkerungsschichten, sondern auch einen Erwerb für Tausende von Arbeitslosen und Halbinvaliden, die von der Unterstützung allein nicht leben können. Kleine Lebensmittelhandlungen, die beim Verkauf der rayonierten Waren den Betrieb einstellen müßten, verdienen am Schleichhandel. Eine größere Anzahl von Menschen leistet gegen Bestechungsgelder Vorschub beim Transport und bei der Kontrolle auf Bahnhöfen, an Landes- und Bezirksgrenzen. Der reguläre Handel bringt heute wenig Geld ins Verdienen. Der Schleichhandel setzt große, leider nicht berechenbare Summen in Umlauf, die in keinem Steuerbekenntnis ausgewiesen werden und einer Vermögensabgabe schwer zugängig sind. Diese Beträge sind nicht nur das Geld der Reichen, sondern der Mittelstand und die Allerärmsten steuern nach Kräften bei. Denn bei dem völligen Versagen des staatlichen Ernährungsdienstes, der in der Form von Rationen kaum ein Viertel unseres Lebensbedarfes deckt, sind die Nichtselbstversorger gezwungen, ihr Leben mit Hilfe des privaten Ernährungsdienstes zu fristen. Jeder benützt ihn dauernd oder vorübergehend nach Maßgabe seiner Geldmittel. Wir sind außerstande, den Warenumlauf des Schleichhandels zu berechnen, werden aber kaum fehlgehen in der Annahme, daß er den Stand der im öffentlichen Dienste befindlichen Lebensmittel erreicht, vielleicht sogar übertrifft. Diese Lebensmittel zu erfassen und möglichst vollständig dem Ernährungsdienst zuzuführen, ist eine dringende Aufgabe unseres Ernährungsamtes, die dringendste neben dem Bemühen, die Zufuhren der Entente zu steigern.
Seit dem Einsetzen der Lebensmittelknappheit bewegen wir uns in einem fehlerhaften Kreislaufe. Weil wir zu wenig Lebensmittel haben, wächst der Schleichhandel, der den Lebensmittelvorrat der Allgemeinheit noch weiter verringert. Denn der Anreiz, von dem wenigen, was da ist, einen großen Teil zugunsten der wohlhabenden Bevölkerung verschwinden zu lassen, ist so groß und überwältigend, daß er alle Schranken der Rechtlichkeit und Gesetzlichkeit hinwegreißt. Man glaube nicht, daß unsere Bevölkerung moralisch minderwertiger ist als die anderer Staaten. Auch anderswo gibt es Schleichhandel, und wenn er bei uns die schwersten Erscheinungsformen angenommen hat, so nur deshalb, weil seine Ursache, die Lebensmittelnot, bei uns schrecklicher aufgetreten ist als in anderen Ländern. Denn während, wie schon erwähnt, in den schlechtesten Zeiten die staatlich gewährten Lebensmittel nur ein Viertel unseres Bedarfes decken konnten, erreichten die reichsdeutschen Städter mit 1100 bis 1200 Kalorien noch immer fast die Hälfte des Erfordernisses. Der natürliche und selbstverständliche Weg zur staatlichen Bewirtschaftung der Lebensmittel, die Er- fassung beim Produzenten, hat bei uns versagt, einerseits durch die Desorganisation der Verwaltung, anderseits durch unangebrachte Nachgiebigkeit gegen die ohnehin günstig gestellten Agrarier. Der Grundbesitzer wollte seine Erzeugnisse nicht restlos dem Staat überantworten. Er leistete Widerstand und erreichte dadurch, daß er einen guten Teil der Lebensmittel, die der Allgemeinheit zufallen sollten, zur beliebigen Verwendung zurückbehielt. Um diese Lebensmittel, die, wie früher erwähnt, die Grundlage für den Schleichhandel abgaben, entspann sich der Wettbewerb der Konsumenten. Aber auch der Staat wollte auf diese Lebensmittel nicht ohneweiters verzichten und versuchte neuerdings, seine Hand darauf zu legen. Hier setzt jener verhängnisvolle Irrtum ein, der den ohnehin verfahrenen Lebensmittelkarren noch tiefer in den Sumpf trieb und den Schleichhandel ausbauen half. Was der Ernährungsdienst beim Produzenten nicht erfassen konnte, das suchte er nun beim Konsumenten zu konfiszieren. Diese Konfiskationen wurden da vorgenommen, wo sie technisch am leichtesten durchzuführen sind, auf dem Transport. An den Bezirks- und Landesgrenzen, an allen Bahnhöfen wirkte ein ungeheurer Kontrollapparat. Durch die völlige Dezentralisation ist er selbst nicht kontrollierbar. Ueber die Konfiskationen und die Verwendung der ergriffenen Lebensmittel werden keine Ausweise veröffentlicht. Das Zutrauen der Bevölkerung zu den Kontrollorganen ist daher gering, und es darf uns nicht wundern, wenn immer wieder behauptet wird, daß die Konfiskationen zu privatem Nutzen vorgenommen würden. Für Bayern, das einen gut ausgebildeten Kontrolldienst hat, wurden die erfolgreichen Beschlagnahmen für den Herbst 1918, also unmittelbar nach der Ernte, auf 10 Prozent der gesamten Schmuggelware berechnet. Diese Zahl läßt sich vielleicht nicht ohneweiters auf unsere Verhältnisse übertragen, sondern scheint bei unserer schlechteren Organisation zu hoch. Aber während in Bayern die beschlagnahmte Ware lückenlos den städtischen Verbrauchern zugeführt wurde, ist bei uns die Verwertung der konfiszierten Lebensmittel nicht geregelt. Wenn wir schon wegen der geringen Ergebnisse, die in keinem Verhältnis zur Größe des Apparats stehen, diese Kontrolle als unzweckmäßig verwerfen müssen, so noch mehr, weil sie nicht geeignet ist, den wahren Schleichhandel zu erfassen. Betroffen werden immer nur jene kleinen Zufallshamsterer, die ihr letztes Geld oder ihre Kleidungsstücke für das hingegeben haben, was ihnen der Gendarm samt Rucksack und Töpfen wieder abnimmt. Die richtigen Schleichhändler, die über Kapital verfügen, um sich die Wege zu ebnen, werden nicht behelligt. Einen weiteren Schritt zur Erfassung der Lebensmittel beim Konsumenten bildete die Aktion der Volkswehr. Diese Episode in unserer Ernährungspolitik, von überradikalen Zeitungen als die Erlösung vom Schleichhandel begrüßt, war bald beendet. Die Volkswehr brachte regelmäßige Ausweise, die durch die Geringfügigkeit der erfaßten Mengen überraschten. Die Aktion fand große Widerstände in der Bevölkerung und wurde eingeschränkt, nicht ohne deutliche Spuren zu hinterlassen; denn innerhalb 14 Tagen stiegen unter ihrem Einfluß die Schleichhandelspreise auf das Doppelte.
Die Versuche unserer Ernährungspolitik, die Lebensmittel beim Konsumenten zu erfassen, konnten zu keinem anderen Resultat führen als zu maßlosen Quälereien und Willkürhandlungen gegen die ohnehin schon gepeinigte Bevölkerung, ohne den Profit des Schleichhändlers und somit den Anreiz zu seinem Geschäft zu stören. Im Gegenteil, sie förderten ihn durch Einschränkung seiner Warenmenge, ohne die Lebensmittel für die Allgemeinheit zu vermehren. Wir müssen uns eines klarmachen; wenn wir darauf verzichten, die letzten Vorräte der Produzenten, die der Staat nicht ergreifen kann, durch die private Initiative des Schleichhändlers und Hamsterers herausholen zu lassen, so müssen wir auf diese Vorräte überhaupt verzichten. Dieser Initiative dürfen jetzt unter keinen Umständen Hindernisse bereitet werden. Vergessen wir nicht, daß die zehn Kilo Erdäpfel oder die drei Liter Milch oder die zwei Kilo Mehl, die dem Hamsterer oder Schleichhändler zugute kommen, überhaupt auf keinem anderen Wege in die Großstadt gelangen können als im Rucksack. Es ist der Volksernährung nicht gedient, wenn diese Mengen beim Erzeuger bleiben. Sie würden dort verfüttert werden, zugrunde gehen, oder bestenfalls in den ohnehin genügend bedachten Wirtschaften der Selbstversorger als Vorrat für künftigen Schleichhandel dienen.
Die Ungerechtigkeit, die in der besseren Versorgungsmöglichkeit der Wohlhabenden liegt, werden wir nicht aus der Welt schaffen, weil wir eben noch mitten im Kapitalismus stecken. Wir erleben hier wieder die Tragik einer Sozialisierung in der ungünstigsten Zeit. Was der Tiefstand der Betriebe, das Fehlen der Kohlen und Rohstoffe für die Sozialisierung der Industrie, das bedeutet das Fehlen der Lebensmittel für die Sozialisierung der Ernährung, zu der wir endlich gelangen wollen. Hätten wir genügend Lebensmittel, so gäbe es keinen Schleichhandel. Denn nur die Hungersnot hat ihn hervorgerufen und erhalten.
Wenn wir die Aufgabe unseres Ernährungsdienstes darin erblicken, möglichst viel Nahrungsmittel in Umlauf zu setzen, um einerseits dem Hunger der breiten Schichten und den damit verbundenen gesundheitlichen Schäden ein Ende zu machen, anderseits um auf diese Weise dem Schleichhandel den Boden abzugraben, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß die Schwierigkeiten, die sich dieser Aufgabe entgegenstellen, nahezu unüberwindlich sind. Die Erfassung der Vorräte auf dem Lande ist ohne die Mithilfe der bäuerlichen Produzenten und ihrer Organisationen unmöglich. Wird die staatliche Autorität, die in allen früheren Perioden unterlegen ist, nach der Ernte 1919 siegen? Wenn aber im bäuerlichen Besitz größere Vorräte zurückbleiben, so können sie gar keinen anderen Weg gehen als den des Schleichhandels: denn der freie Handel ist für die meisten Produkte ausgeschaltet. Würde die Inlanderzeugung an Lebensmitteln selbst vollständig erfaßt, so könnte sie nicht ausreichen, um die Hungersnot zu beenden. Sie muß ergänzt werden durch Auslandsware in Mengen und zu Preisen, die sie der Volksernährung nutzbar machen. Aus unserer hoffnungslosen Ernährungslage kann uns fürs erste nur die Wiederherstellung unserer Kredit- und Zahlungsfähigkeit retten. Wenn es einen Ballod gibt, der diese Rettung durch unsere eigene gesteigerte Bodenwirtschaft errechnet, so gibt es leider niemand, der Ballods Rechnung in Taten umsetzt. Und Lebensmittelnot bekämpft man nicht mit Berechnungen und nicht mit Verordnungen, sondern nur mit Lebensmitteln.
Nach fast fünf Jahren der Kriegswirtschaft (Kriegssozialismus!!) begreift auch unsere offizielle Ernährungspolitik endlich den Zusammenhang zwischen Lebensmittelnot und Schleichhandel sowie die Unmöglichkeit, ihn unter den bestehenden Verhältnissen zu beseitigen. Denn wir können ihn nicht abschaffen, solange wir ihn so dringend gebrauchen wie — nun eben wie einen Bissen Brot. Robert Schmidt, der deutsche Ernährungsminister, sagte in der Ernährungsdebatte der deutschen Nationalversammlung in Weimar: „Der Schleichhandel ließe sich wirksam nur bekämpfen, wenn die Rationen so hoch gesetzt werden könnten, daß das Interesse am Schleichhandel wegfällt.“ Eldersch sagte ähnlich in der „Arbeiter-Zeitung“ vom 23. März 1919: „Insolange die staatliche Bewirtschaftung nicht Rationen ermöglicht, die ausreichen, das nackte Leben zu fristen, wird der unwiderstehliche Zwang zum Hamstern nicht zu unterdrücken sein.“ Wenn wir in der Lage wären, unseren ganzen Bedarf auf dem Weltmarkt anzukaufen — Voraussetzung dazu ist nicht nur die Aufhebung der Blockade, sondern neben der Transportmöglichkeit vor allem unsere Zahlungsfähigkeit — dann entfiele jede Diskussion über die Bekämpfung des Schleichhandels, weil er ohne Kampf verschwinden würde. Leider sind wir nicht so weit. Wir haben vielleicht noch auf Jahre hinaus neben der staatlichen Bewirtschaftung mit dem Schleichhandel oder einer anderen Nebenversorgung als einen wichtigen Faktor in unserer Volksernährung zu rechnen.“
Fuente: transcripción a partir del facsímil de Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift (Viena), año 12 (1919), n.º 7, págs. 300-304, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (dks19190107, imágenes 20-24), hecha desde la imagen con el OCR tesseract (frk+deu) y el de la ÖNB como apoyo; cifras cotejadas con la imagen. Firmado «Margret Hilferding». Se respeta la ortografía de 1919 y las erratas del impreso («Mehlt»). Los pasajes en espaciado del original van en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa. La bibliografía de psychoanalytikerinnen.de lo fecha por error en 1920 (Der Kampf 13).