Die Verschärfung des Sparsystems an den Mittelschulen.

Von Karl Furtmüller.

Die im Schuljahre 1931/32 im Bereiche der Wiener Bundesmittelschulen getroffenen Sparmaßnahmen sind für das Schuljahr 1932/33 nicht nur beibehalten, sondern in sehr wesentlicher und alle Befürchtungen weit übertreffender Weise verschärft worden. Bei der folgenden Darstellung kann selbstverständlich nicht auf die Frage eingegangen werden, ob die finanzielle Lage des Bundes den vollen Druck dieser Maßnahmen unvermeidlich gemacht hat oder ob nicht vielleicht doch durch weitergehende Ersparungen auf anderen Gebieten dem hart bedrängten Schulwesen mehr Schonung hätte zuteil werden können. Auf jeden Fall aber ist es notwendig, die Auswirkungen dieser Ersparungen auf die Organisation und auf die pädagogischen und didaktischen Verhältnisse des Wiener Mittelschulwesens mit aller Klarheit in ihrem ganzen Umfang und in ihrer ganzen Tiefe darzulegen.

Als in den ersten Monaten des Jahres 1931 zum erstenmal das Schlagwort von der Planwirtschaft in den Kreisen der Mittelschule erörtert wurde, da wurde von maßgebender Seite besonderer Wert darauf gelegt, daß bei den so bezeichneten organisatorischen Änderungen der Rationalisierungsgedanke das Entscheidende sei, während allfällige geringe Ersparungen, die sich im Zuge der Planwirtschaft etwa ergeben sollten, nicht den Zweck, sondern nur einen freilich erwünschten Nebenerfolg der Aktion darstellen würden. Heuer ist diese Erörterung völlig verstummt, weil die Tatsachen allzu deutlich reden. Es kann gar kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß augenblicklich die Planwirtschaft nichts anderes darstellt als eine Maßnahme zur energischen Drosselung des Mittelschulwesens. Das hat sich für Wien mit besonderer Deutlichkeit darin ausgedrückt, daß nach dem ersten Plane des Unterrichtsministeriums für das Schuljahr 1932/33, obwohl mit einer erheblichen Vermehrung der Gesamtschülerzahl sicher zu rechnen war, die Gesamtklassenzahl gegenüber dem Vorjahre von 600 auf 587 herabgesetzt werden sollte. In monatelanger angestrengtester gemeinsamer Arbeit aller beteiligten Stellen ist es nach wiederholtem Schriftenwechsel und einer Reihe mündlicher Verhandlungen gelungen, diese Zahl schrittweise zu erhöhen, bis man schließlich die Bewilligung von 602 Klassen, also an Stelle eines Minus von 13 ein Plus von 2 gegenüber dem Vorjahre erreichte.

Diese Fortschritte konnten nicht erzielt werden durch allgemeine Erörterungen, sondern machten die gründlichste Darstellung jedes einzelnen Falles und jeweils den konkreten Nachweis notwendig, daß ohne das Zugeständnis einer weiteren Klasse einfach unhaltbare Zustände eintreten müßten. Dabei muß leider gesagt werden, daß allmählich pädagogische Argumente für die Unhaltbarkeit auf volle Schlagkraft nur mehr dann rechnen können, wenn sie auch durch sozusagen physikalische Argumente, nämlich durch den Nachweis der faktischen Unmöglichkeit der Unterbringung einer bestimmten Schülerzahl in den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten gestützt werden können. So dankbar man also auch das im Verhandlungswege erreichte Zugeständnis von weiteren 15 Klassen begrüßen wird, so kann man doch nach dieser ganzen Vorgeschichte von vornherein nicht erwarten, daß in der zugestandenen Klassenzahl eine befriedigende Unterbringung der vorhandenen Schüler möglich gewesen sein sollte. Eine genaue Prüfung der Verhältnisse aber, wie sie sich tatsächlich ergeben haben, muß selbst dem so Vorbereiteten schwere Enttäuschungen bereiten und jeden an der Mittelschule Interessierten mit der ernstesten Sorge erfüllen.

Überblicken wir einmal die Entwicklung der Wiener Bundesmittelschulen in den letzten 3 Jahren:

Schuljahr:Gesamtschülerzahl:Klassenzahl:Durchschnittl. Klassenbesetzung
1930/3118.75461230·6
1931/3219.87060033·1
1932/3321.34160235·5

Im Laufe dieser 3 Jahre haben sich also die Wiener Mittelschulverhältnisse, die früher schon hinter den Bedürfnissen der Zeit weit zurückgeblieben waren und die gerade in den Jahren 1929/30 und 1930/31 wegen der vorhandenen Schwierigkeiten zu eingehenden Erörterungen in der Fachwelt geführt hatten, sprunghaft weiter verschlechtert. Ein Klassendurchschnitt von 35·5 in der Gesamtheit des Wiener Bundesmittelschulwesens bedeutet, daß unser höheres Schulwesen mit höheren Schülerzahlen zu rechnen hat als unser Volksschulwesen. Haben wir doch im laufenden Schuljahre in der Gesamtheit der Wiener Volks- und Hauptschulen eine Durchschnittsschülerzahl von 34·3, an den ein wenig stärker besetzten Hauptschulen allein einen Klassendurchschnitt von 34·5. Man darf wohl sagen, daß es sicherlich zum erstenmal in der Schulgeschichte vorkommt, daß das höhere Schulwesen einer Großstadt eine stärkere Klassenbesetzung aufweist als das Volksschulwesen. In dieser Gesamtzahl sind ja auch die fünften bis achten Klassen der Mittelschulen inbegriffen, bei denen nicht nur pädagogische Gründe, sondern auch die Tradition noch mehr für eine niedriger gehaltene Schülerzahl sprechen als in der Untermittelschule und wo es die individuellen Verhältnisse der einzelnen Anstalten auch heute noch mit sich bringen, daß eine Reihe von Klassen mit unter 20 Schülern (an BG IX und BG XVIII sogar je eine 7. Klasse mit 10 Schülern) sich erhalten haben. Es ist daher nicht zu verwundern, daß das Ergebnis noch krasser wird, wenn man die Unterstufe für sich allein betrachtet. In den ersten bis vierten Klassen der Wiener Bundesmittelschulen sitzen im heurigen Schuljahre 14.146 Schüler in 344 Klassen, was einen Durchschnitt von 41·1 Schülern pro Klasse ergibt. Um die Bedeutung dieser Durchschnittszahl zu verstehen, muß man sich erinnern, daß vor Einsetzen der Planwirtschaft für die zweite bis vierte Klasse die Zahl 45 als Teilungsschlüssel festgesetzt war und daß man in berücksichtigungswürdigen Fällen Teilungen auch dann zugestanden hat, wenn diese Schlüsselzahl nicht voll erreicht wurde.

Zur vollen Auswirkung aber kommen die als Planwirtschaft bezeichneten Sparmaßnahmen natürlich vor allem in den untersten Klassen, wo die Drosselung besonders energisch eingesetzt hat. Die ersten Klassen unserer Bundesmittelschulen haben folgende Entwicklung genommen:

Schuljahr:Schülerzahl:Klassenzahl:Durchschnittl. Klassenbesetzung
1930/3135659338·2
1931/3237758544·4
1932/3339778546·8

Aber auch die zweite Klasse, in der sich natürlich die im Vorjahre für die ersten Klassen durchgeführten Drosselungen auswirken, ist furchtbar überfüllt. Wir zählen 4123 Schüler in 92 Klassen, was einen Klassendurchschnitt von 44·8 Schülern ergibt. Bei Fortführung des gegenwärtigen Systems müssen wir mit Sicherheit gewärtigen, daß diese unerträgliche Überfüllung, wie ein allmählich lebensbedrohendes Ödem bei einem Schwerkranken, von Jahr zu Jahr eine Klasse höher dringt.

Dabei ist man bei Durchschnittszahlen immer in Gefahr, sich über den vollen Ernst der Situation zu täuschen, da ja bei ihnen naturgemäß die ärgsten Fälle durch vereinzelte günstigere Erscheinungen ausgeglichen sind. Dazu kommt, daß im Wiener Mittelschulwesen nicht etwa wie in unserem Volksschulwesen, wo man eine möglichste Nivellierung der Schülerzahl mit Erfolg anstrebt, ein weitgehender Ausgleich zwischen den einzelnen Klassen desselben Jahrganges stattfindet. Dies wird durch verschiedene unvermeidliche und auch durch vermeidbare Umstände, über die noch zu reden sein wird, verhindert, so daß die Streuung außerordentlich groß ist. Wir wollen uns also wenigstens in die Verhältnisse in den ersten Klassen einen genaueren Einblick verschaffen.

Von den 85 ersten Klassen der Wiener Bundesmittelschulen weist die eine Hälfte (43 Klassen) eine Besetzung von 32 bis 47 Schülern pro Klasse auf. In der anderen Hälfte (42 Klassen) sitzen in der einzelnen Klasse 48 bis 60 Schüler. Und zwar haben wir

48Schüler in4 Klassen
49„ „3 „
50„ „7 „
51„ „6 „
52„ „4 „
53„ „4 „
54„ „1 „
55„ „4 „
56„ „4 „
57„ „3 „
58„ „— „
59„ „1 „
60„ „1 „

Dem halte man entgegen, daß es unter den 4118 Klassen des Wiener Volksschulwesens nur 137 mit einer Schülerzahl von über 40 gibt, darunter im ganzen 2 Klassen mit 43 und 3 Klassen mit 44 Schülern. Das heißt, die in drei von 4118 Fällen erreichte Höchstschülerzahl des Wiener Volksschulwesens ist niedriger als die durchschnittliche Schülerzahl unserer zweiten und ganz erheblich niedriger als die durchschnittliche Schülerzahl unserer ersten Mittelschulklassen. Für die Höchstzahlen an unseren Wiener Mittelschulen aber findet man im Volksschulwesen unserer Großstadt auch nicht die entfernteste Analogie, durch sie kommt das höhere Schulwesen Wiens in Parallele mit dem begreiflicherweise der Großstadt gegenüber rückständigen Pflichtschulwesen der Kleinstädte und Landbezirke.

Da diese wachsende Überlastung der Mittelschulklassen ja nur zum geringen Teil auf eine absolute Verminderung der Klassenzahl, im wesentlichen aber auf ein Ansteigen der absoluten Schülerzahl zurückzuführen ist, dem nur die bewilligte Klassenzahl nicht Rechnung getragen hat, liegt es nahe, als eigentliche Wurzel des Übels den hauptsächlich aus den wirtschaftlichen Verhältnissen erklärten und als ungesund bezeichneten Zudrang zu der Mittelschule verantwortlich zu machen. Aber diese weitverbreitete Meinung kann einer Überprüfung an Hand der Zahlen nicht standhalten. Schon zu Beginn des vorigen Schuljahres wurde darauf hingewiesen, daß wir trotz der absoluten Steigerung der Schülerzahlen in den ersten Klassen der Mittelschulen doch schon vor einer, wenn auch zunächst schwachen, relativen Abnahme des Zuströmens zur Mittelschule standen. Denn nach den Schülerzahlen der vierten Volksschulklassen wäre für das Schuljahr 1931/32 gegenüber 1930/31 eine Steigerung von 8% zu erwarten gewesen, während die tatsächliche Vermehrung der Schülerzahl in den ersten Mittelschulklassen nicht ganz 6% erreichte. Diese Erscheinung zeigt sich zu Beginn des laufenden Schuljahres in außerordentlich verstärktem Maße. In den Wiener Volksschulen saßen im Schuljahre 1930/31 in den vierten Klassen 21.114 Kinder, 1931/32 waren es 22.719. Das ergibt ein Mehr von 7·6%. Dagegen stieg in den Bundesmittelschulen die Gesamtschülerzahl der ersten Klasse von 1931/32 (3775 Schüler) auf 1932/33 (3977 Schüler) um 5·3%. Im gleichen Zeitpunkt weisen die Wiener Hauptschulen ein Anschwellen von 17.051 Schülern auf 18.702, also eine Steigerung von 9·7% auf. Es ist also unzweifelhaft, daß zwar infolge des stärkeren Geburtenjahrganges beide Schulgattungen für die Elfjährigen einen absoluten Zuwachs aufweisen, daß aber relativ der Zustrom sich sehr merklich von der Mittelschule zur Hauptschule verschoben hat. Aber trotzdem geben diese Zahlen noch kein wirklich charakteristisches Bild der Schülerbewegung. Das erhält man erst, wenn man die Schülerzahl nach Geschlechtern getrennt betrachtet. Es stehen nämlich in den ersten Klassen der Bundesmittelschulen den 3002 Knaben und 775 Mädchen des Vorjahres heuer 3047 Knaben und 930 Mädchen gegenüber. Das bedeutet also bei den Knaben einen Zuwachs von 45 = 1·5%, bei den Mädchen einen Zuwachs von 155 = 20%. Dieses auf den ersten Blick ganz verblüffende Ergebnis bedarf zu seinem Verständnis einer Ergänzung durch die Zahlen für die Mädchenmittelschulen. Diese hatten 1932 in 30 ersten Klassen 1261 Mädchen, 1932/33 aber 1092 Mädchen in 27 ersten Klassen, ein Rückgang, der sich daraus erklärt, daß die im Zuge der Sparmaßnahmen für die Subventionierung der Mädchenmittelschulen getroffenen Bestimmungen eine Reihe von Mädchenmittelschulen daran hinderte, im laufenden Schuljahre ebenso viele erste Klassen zu eröffnen wie im Vorjahre. Die Gesamtzahl der in den ersten Klassen der Wiener Mittelschulen studierenden Mädchen beträgt also heuer 2122 gegenüber 2036 im Vorjahre, was eine Steigerung von 4·3% bedeutet. Es ist somit bei den Knaben das absolute Plus der Altersklasse gegenüber dem Vorjahre fast restlos von der Hauptschule aufgesogen worden und auch bei den Mädchen ist relativ die Orientierung zur Hauptschule hin gegenüber dem Vorjahre merklich verstärkt. An der stärkeren Gesamtschülerzahl ist also keineswegs ein wachsender und ungesunder Zudrang zur Mittelschule schuld, sondern einfach die Tatsache, daß vor einem Jahrzehnt die Not des österreichischen Volkes vorübergehend erleichtert war und damit die Geburtenzahl anstieg. Die Schülerzahlen der vierten (1931/32: 22.719, 1932/33: 22.914) und der dritten (1931/32: 22.765, 1932/33: 21.596) Volksschulklassen zeigen, daß wir noch in den beiden kommenden Schuljahren mit Geburtenjahrgängen von ähnlicher Stärke für die erste Mittelschul-, bzw. Hauptschulklasse zu rechnen haben werden. Dann wird sich der Geburtenrückgang rapid vom fünften Schuljahr aufsteigend auswirken. Dieser Überblick lehrt, wie besonders kostbar uns vom bevölkerungspolitischen Standpunkt aus die wenigen Geburtenjahrgänge von einigermaßen normaler Stärke sein müssen. Gerade die Blüte dieser Jahrgänge dadurch zu gefährden, daß man sie in überfüllte Klassen pfercht, in denen ihnen beim besten Willen nicht nur pädagogisch und didaktisch, sondern auch schulhygienisch nicht im entferntesten das geboten werden kann, was ihnen nottut, scheint uns doch zu bedeuten, daß man um verhältnismäßig geringer Ersparnisse während ganz weniger Jahre die Zukunftsentwicklung unseres Volkes auf Jahrzehnte hinaus schwer schädigt.

Schon im Vorjahre wurde darauf hingewiesen, daß die Bezeichnung der organisatorischen Sparmaßnahmen als Planwirtschaft insofern eine Berechtigung gewinnen könne, als man sich bemühe, durch planmäßige Organisation mit den verfügbaren Mitteln die vorhandenen Studienbedürfnisse möglichst gut zu befriedigen. Von diesem Gesichtspunkt aus muß man leider feststellen, daß einzelne der getroffenen Maßnahmen die aus dem Sparzwang erfließenden Schwierigkeiten nicht nur nicht mildern, sondern sogar ausdrücklich steigern.

Hiezu gehört vor allem die Art, wie die Mädchen unseren Knabenmittelschulen eingefügt werden. Seit 2 Jahren hält das Unterrichtsministerium an dem Standpunkt fest, daß an den Anstalten, an denen Mädchen zugelassen sind, das Nebeneinander von reinen Knaben- und von reinen Mädchenklassen die Regel sein müsse, während die Einrichtung gemischter Klassen nur mit Widerstreben in ganz besonderen Ausnahmsfällen zugestanden wird. Infolge dieses Standpunktes sind heuer von den 85 ersten Klassen 15 reine Mädchenklassen. Bei den zwei Mädchenklassen am BG XVI ist die Scheidung nicht willkürlich, sondern durch die Verschiedenheit der Type bedingt (die Knabenklasse gymnasial, die beiden Mädchenklassen Realgymnasium C). Die übrigen 13 Mädchenklassen stehen aber neben typengleichen Knabenklassen. Dabei ergeben sich nun folgende Verhältnisse:

Bundesgymnasium XII:gymn. Knabenklasse50Mädchen 35
Realgymnasium XXI:Realg. B/C Knabenkl.50„ 37
2. Bundesrealschule II:Knabenklasse42„ 53
Bundesrealschule III:„32„ 46
Bundesrealschule IX:„38„ 55
Bundesrealschule XVI:„53„ 46

In 6 von 13 Fällen haben also die typengleichen Mädchenklassen den Ausgleich zwischen recht ungleich besetzten Klassen verhindert und dadurch zu einer erheblichen Verschärfung des Übels der Überfüllung geführt. In 5 von diesen Fällen wäre es möglich gewesen, durch Bildung gemischter Klassen wenigstens unter der ominösen Zahl 50 zu bleiben, die man so um eines dogmatischen Standpunktes willen ohne sachliche Notwendigkeit überschritten hat.

Noch größer sind die Schwierigkeiten, die aus der derzeit geübten Behandlung der Typenfrage erfließen. Der Standpunkt, daß man in einer Zeit, wo man so viele berechtigte Wünsche der Eltern aus finanziellen Gründen nicht erfüllen kann, ihnen wenigstens dort entgegenkommen soll, wo die Erfüllung ihrer sich im Rahmen des Mittelschulgesetzes bewegenden Wünsche und Erwartungen auch nicht einen Groschen kosten würde, hat sich noch immer nicht durchsetzen können.

Bekanntlich können wir seit Jahren einen durch die Gestaltung des Berechtigungswesens leicht erklärlichen Hindrang zu den verschiedenen Formen des Realgymnasiums feststellen. Das wird auch im laufenden Schuljahr wieder bestätigt. Die Verteilung der Schüler der ersten Klassen auf die verschiedenen Typen stellt sich im Vergleich zum Vorjahre wie folgt:

GymnasiumRealgymn. ARealgymn. B/CRealschule
1931/3277812073771384
1932/3374712964861475

Diese Zahlen, bei denen Knaben und Mädchen zusammengefaßt sind, geben aber kein völlig scharfes Bild der wirklichen Lage. Man muß bedenken, daß die meisten der als Realschulklassen errichteten Mädchenabteilungen auf der Oberstufe vermutlich als Realgymnasium C weitergeführt werden dürften, ferner auch, daß die Typenverhältnisse bei den Mädchen nur durch den Zusammenhalt mit den Mädchenmittelschulen völlig übersehen werden können. Man kann aber auf diese eingehendere Untersuchung bezüglich der Mädchen ruhig verzichten, weil hier die Typenfrage insofern befriedigend gelöst ist, als jedes Mädchen ohne besondere Schwierigkeit Zugang zu der von ihm gewünschten Type finden kann. Ganz anders bei den Knaben. Bei diesen allein betrachtet, liegen die Verhältnisse folgendermaßen:

GymnasiumRealgymn. ARealgymn. B/CRealschule
1931/326741133227955
1932/336491217287894

Wir sehen also bei den Gymnasien und den Realschulen neuerlich einen leichten Rückgang. Der Zuwachs beim Realgymnasium B/C entspricht genau dem Rückgang bei der Realschule, während der Zuwachs des Realgymnasiums A nicht nur den Rückgang des Gymnasiums kompensiert, sondern auch das ganze Plus der Gesamtschülerzahl in sich aufgenommen hat. Dabei muß man feststellen, daß diese Zahlenverteilung nicht natürlich entstanden, sondern gewissermaßen das Ergebnis eines Kampfes der Behörde mit den Elternwünschen ist. Man hat sich zwar allmählich entschließen müssen, dem Realgymnasium durch Belegung von Gymnasien mit realgymnasialen Klassen schrittweise mehr Raum zu geben. An unseren 12 Wiener Bundesgymnasien gibt es derzeit 17 gymnasiale und 10 realgymnasiale Klassen. Trotzdem ist für das Realgymnasium A noch ganz unzulänglich vorgesorgt. Haben wir schon den allgemeinen Schülerdurchschnitt in den ersten Klassen mit 46·8 als erschreckend hoch befunden, so steigt er in den Klassen des Realgymnasiums A gar auf 48·4%. Dies müßte nicht so sein, wenn man nicht in jedem einzelnen Falle gegen die Umwandlung einer gymnasialen in eine realgymnasiale Klasse sozusagen bis zum letzten Hauch von Roß und Mann Widerstand leistete. Eine Zeitlang schien man sogar so weit gehen zu wollen, solche erste Gymnasialklassen, die nach der Planwirtschaft vorgesehen waren, für die aber zu wenig Anmeldungen vorlagen, zwangsmäßig durch Zuweisung von Realgymnasiasten aufzufüllen und den Eltern zu erklären, daß ihre Kinder auch in der vierten Klasse keine Aussicht hätten, an derselben Anstalt die Möglichkeit realgymnasialen Studiums zu finden. Man ist vor diesem äußersten Schritt dann doch zurückgeschreckt. Immerhin befindet sich unter den als gymnasial bezeichneten Klassen eine, die etwa zu zwei Drittel aus Realgymnasiasten und nur zu einem Drittel aus Gymnasiasten besteht und über deren weitere Gestaltung von der vierten Klasse an das Unterrichtsministerium sich die Entscheidung vorbehalten hat. Dabei darf man nicht übersehen, daß schon ohne Zwangsmaßnahmen die Überfüllung der realgymnasialen Klassen und die damit im Zusammenhang stehende leichtere Zugänglichkeit einzelner gymnasialer Klassen eine Reihe ursprünglich für das Realgymnasium bestimmter Schüler dem Gymnasium zuführt. Die betroffenen Anstalten sind sich nicht im Zweifel darüber, daß diese Verhältnisse keineswegs eine Hebung der durchschnittlichen Qualität der Gymnasialschüler herbeizuführen geeignet sind.

Der auf die Dauer unerträglichen Überfüllung des Realgymnasiums A könnte man natürlich, ohne die Gymnasien noch weiter als bisher für realgymnasiale Zwecke beanspruchen zu müssen, ohne weiteres dadurch abhelfen, daß man den Eltern aller Bezirke Wiens es ermöglicht, ihre Knaben auch in ein Realgymnasium B/C zu schicken. Es ist ein Beweis für die innere Lebenskraft dieser Type, daß sie sich trotz des zähen Widerstandes, der ihr entgegengesetzt wird, doch Jahr um Jahr etwas mehr Luft zu verschaffen weiß. Vom 21. Bezirk abgesehen, der ja durch seine geographische Lage eine Sonderstellung einnimmt, steht dieser Typus den Knaben immer noch nur am Realgymnasium VIII und am Realgymnasium XX offen. An beiden Anstalten ist der Zudrang so groß, daß sie auch für die eigenen Bezirke und die nähere Umgebung auf die Dauer nicht ausreichen. Schon heuer hat der Andrang von Knaben am BRG XX dazu geführt, daß man die vorgesehene Mädchenklasse notgedrungen in eine gemischte Klasse verwandeln und eine ganze Reihe in nächster Nähe der Schule wohnender Mädchen nach der 1. Bundesrealschule im II. Bezirk hinüberweisen mußte. Da man hiebei andererseits dem begreiflichen und berechtigten Widerstand der Eltern doch gewisse Zugeständnisse zu machen genötigt war, zählt die gemischte Klasse im BRG XX 52 Schüler, während die Mädchenklasse an der 1. BR II mit 34 Schülerinnen angesichts der heutigen Verhältnisse zu wenig ausgenützt ist. Also auch hier eine überflüssige Verschärfung des bestehenden Notstandes, die bei einer von persönlicher Stellungnahme freien rein sachlichen Durchführung des Mittelschulgesetzes leicht zu vermeiden wäre.

Schon im Vorjahre war die Einschränkung der Klassenzahl nicht die einzige Sparmaßnahme, die dem Mittelschulwesen Wunden geschlagen hat. Der härteste Schlag, der auf anderem Gebiete fiel, war bekanntlich die völlige Einstellung der naturwissenschaftlichen Schülerübungen. Alle Hinweise auf die ein halbes

Jahrhundert umfassende Tradition dieser Übungen und auf die ungeheure Bedeutung, die sie nicht nur für die einzelnen Fächer, sondern für die Durchdringung unserer Schule mit dem Arbeitsgedanken haben, vermochten nicht zu verhindern, daß auch für 1932/33 diese Sparmaßnahme in ihrer ganzen Härte aufrecht blieb. Eine weitere Verschärfung war hier, wo man schon im Vorjahre hundertprozentig vorgegangen war, nicht mehr möglich.

Zu solchen weiteren Verschärfungen ist man jedoch bei dem Schlüssel für Assistenzen und Klassenteilungen in den technischen Fächern und bei den körperlichen Übungen geschritten. Bei Zeichnen und der Darstellenden Geometrie wurde die Schlüsselzahl von 31 auf 36, bei den körperlichen Übungen von 31 auf 35 für die Oberstufe, auf 40 für die Unterstufe hinaufgesetzt. Als sich dann zeigte, daß die tatsächliche Steigerung der Klassenbesetzung auch bei diesen neuen Schlüsselzahlen eine erhöhte Anzahl von Assistenzen oder Klassenteilungen erzwingen mußte, hat man für die körperlichen Übungen rundweg verfügt, daß die vorjährige Zahl von Assistenzstunden nicht überschritten werden dürfe, was auch über die neue Schlüsselzahl hinaus eine Streichung von weiteren 160 Assistenzstunden zur Folge hatte. Es ist selbstverständlich, daß die Turnstunde mit mehr als 40 Kindern unter einem einzigen Lehrer sich methodisch nicht mehr frei bewegen kann und daß trotzdem die körperliche Sicherheit der turnenden Jugend unter solchen Umständen nicht mehr voll behütet ist. Dabei muß auch heuer wieder festgestellt werden, daß der Umstand, daß solche Sparmaßnahmen nicht rechtzeitig vor Beginn des Schuljahres verfügt, sondern daß sie nach Schuljahrsbeginn in etappenweiser Steigerung angeordnet werden, den Eintritt völlig geregelter Verhältnisse an den einzelnen Schulen bis in den November hinein verzögert und damit die aus den Sparmaßnahmen erfließenden pädagogischen und didaktischen Schwierigkeiten neuerlich erheblich steigert.

Es kann somit nicht in Abrede gestellt werden, daß die vor einem Jahre in der „Wiener Schule“ ausgesprochene Ansicht, die damaligen Sparmaßnahmen stellten das Höchstausmaß dessen dar, was der Mittelschule an Einschränkungen auch in härtester Zeit billigerweise zugemutet werden könne, sich als irrig erwiesen hat. Die für das laufende Schuljahr geschaffenen Verhältnisse gehen nicht nur über das Vorjahr an Härte weit hinaus, sie zeigen, daß die derzeit auf das Mittelschulwesen angewendeten Grundsätze zwangsweise von Jahr zu Jahr zu einer noch immer schlimmeren Gestaltung führen müssen. Es liegt in der Natur der Sache, daß die gesundheitlichen, erziehlichen und didaktischen Schädigungen unserer Jugend, die aus diesen Zuständen erfließen, sich nicht mit einem Schlage zeigen, dafür aber im Fortschritt der Jahre immer unheilvoller werden müssen. Damit hängt es zusammen, daß allem Anscheine nach bisher weder die höchsten Stellen unserer Verwaltung noch die Elternschaft, ja vielleicht nicht einmal die Gesamtheit der Lehrerschaft sich völlig darüber klar geworden ist, welche unheilvolle Entwicklung sich hier vorbereitete. Es sei nur kurz nochmals auf die wichtigsten Gefahren verwiesen.

  1. Das Leben in einer zu großen Klassengemeinschaft wird unter allen Umständen zumindest für den nervös bedrohten Teil unserer Jugend auch eine gesundheitliche Gefährdung darstellen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo diese großen Klassen zumeist in ungeeigneten Räumen mit zu geringem Luftraum untergebracht sind, wo vielfach der Zwang besteht, in den Bänken mehr Kinder zusammenzudrängen als eigentlich Plätze vorgesehen sind, sind die gesundheitlichen Gefahren für die Gesamtheit der betroffenen Schüler so offensichtlich, daß die Schulbehörde, die solche Zustände bestehen zu lassen gezwungen ist, in einen schweren Gewissenskonflikt kommt.

  2. Die Arbeit unter diesen gesundheitswidrigen Verhältnissen gefährdet auch die Gesundheit und die Nervenkraft des Lehrers. Es ist klar, daß dadurch in notwendiger Wechselwirkung auch die Lage der Schüler neuerlich verschlechtert wird.

  3. Die Lehraufgaben, die unsere Lehrpläne stellen, sind unter der Voraussetzung einer normalen Schülerzahl aufgebaut und stellen bekanntlich schon unter dieser Voraussetzung den Lehrer vor sehr schwierige didaktische Probleme. In der überfüllten Klasse die Gesamtheit des vorgeschriebenen Lehrstoffes zu erledigen, dabei in der vorgeschriebenen Weise alles Wesentliche in der Schule zu erarbeiten — eine Aufgabe, die mit dem Problem des eigentlichen Arbeitsunterrichtes nicht identisch ist, sondern auch für den Methodiker älterer Richtung ebenso apodiktisch besteht — und auch im Sinne der Lehrpläne einen wesentlichen Teil der Einübung in die Schule zu verlegen, wird einfach unmöglich. Die unvermeidlichen Schädigungen werden sein: Sinken des Niveaus, wachsender Prozentsatz der Mißerfolge, Überwuchern des Hauslehrerwesens.

  4. Die überfüllte Klasse macht dem Lehrer die an sich schwierige Aufgabe des Klassifizierens noch schwieriger. Insbesondere dann, wenn der Unterrichtsbetrieb in der Klasse durch häufigere Erkrankungen der Schülerschaft gestört war oder wenn der Lehrer selbst auch nur ein oder zwei Wochen lang krank war, wird unter Umständen der Klassifikation ein aleatorischer Charakter geradezu aufgedrängt. Noch um viel schwieriger ist es, unter solchen Umständen Prüfungen so vorzunehmen, daß die notgedrungene Eile nicht die psychische Situation des Geprüften sehr ungünstig beeinflußt.

  5. Eine weitere Verschärfung der Situation tritt dadurch ein, daß in der übergroßen Klasse die rein technischen Angelegenheiten des Schulbetriebes und die Aufrechterhaltung der Schulzucht naturgemäß unverhältnismäßig mehr Zeit beanspruchen als in der normalen Klasse und daß daher für die schwieriger gewordenen didaktischen Aufgaben weniger Zeit zur Verfügung steht.

  6. Die Überfüllung der Klassen muß leider auch die Schäden, die aus der extremen Verfächerung erfließen, wie sie unsere Lehrpläne und auch unsere Prüfungsvorschrift für das Lehramt an Mittelschulen vorsehen, ganz empfindlich steigern. Man halte sich nur vor Augen, daß einem zweistündigen Lehrgegenstand per Konferenzperiode ungefähr 15 Wochenstunden, einem einstündigen ungefähr 7 Stunden zur Verfügung stehen. Und man stelle sich dann den Betrieb des zweistündigen Französisch oder Englisch auf der Oberstufe mit mehr als 40 Schülern, man stelle sich den Unterricht der Geschichte in der ersten Klasse mit 50 bis 60 Schülern vor. Und dabei soll der Lehrer ja auch in solchen Klassen nicht nur unterrichten, sondern auch klassifizieren; er muß also beispielsweise im November anläßlich der ersten Zensurkonferenz nach 7 Stunden Geschichte in der ersten Klasse für 50 bis 60 Kinder Noten schreiben. Dabei ist das einzige mögliche Gegenmittel, nämlich die Vereinigung möglichst vieler Gegenstände in einer Hand, ja nicht nur durch unsere Prüfungsordnung erschwert, sondern wird auch in dem bescheidenen Ausmaß, in dem es auf Grund der Prüfungsordnung noch möglich wäre, durch den administrativen Zwang, jeden Lehrer der Anstalt mit einer genau bestimmten Stundenzahl zu beschäftigen, sehr oft praktisch unanwendbar.

  7. Die eigentliche Aufgabe, vor die unsere Mittelschule durch das Mittelschulgesetz gestellt worden ist, nämlich die innere Reform, die Erneuerung und Ausgestaltung unserer Methoden, wird durch diesen Notstand gewaltsam unterbrochen. Gerade jetzt aber drängen sich an unseren Mittelschulen die Probelehrer, die auf diese Weise beim besten Willen aller Beteiligten um eine wirklich vollwertige Einführung in die Aufgaben ihres Lehramtes gebracht werden. So steht zu befürchten, daß auch von dieser Seite her die Übel der Gegenwart in eine recht lange Zukunft weiterwirken müssen.

  8. Der Notstand, in den unsere Mittelschuljugend durch diese Verhältnisse versetzt ist, macht natürlich die Betonung der Erziehungsaufgabe der Schule noch dringlicher. Wir hoffen, daß möglichst viele Lehrer sich für diese Aufgabe auch unter den jetzigen schwierigen Verhältnissen nicht nur die Begeisterung, sondern auch die Nervenkraft bewahren. Aber auch für sie wird die Frage, woher sie für diese wichtigste Aufgabe der Schule die Zeit gewinnen sollen, immer von neuem ein bedrohliches Problem sein.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de Die Wiener Schule. Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, Jg. 1932, Stück IV, 1 de noviembre de 1932, págs. 1-4 (el artículo ocupa el número entero), en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ssr19321101, imágenes 5-8), hecha desde la imagen con el OCR de la ÖNB como apoyo (incompleto y con lagunas en las tablas y en los bordes de columna); cifras y tablas cotejadas con la imagen. En el sumario, el autor figura como «Hofrat Dr. Karl Furtmüller, Landesschulinspektor». Ortografía de 1932 («erfließen», «hiebei», «Ausnahmsfällen»), sin la s larga de la letra gótica. Se respetan las cifras del impreso aunque no cuadren del todo (las sumas por tipos de escuela de la pág. 3 no coinciden exactamente con los totales de primera clase de las págs. 1-2; «48·4%» por «48·4»; «1932» por «1931/32» en las cifras de las escuelas medias femeninas). Los pasajes en espaciado del original van en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa del número.