Mittelschule und Sparmaßnahmen.

Von Karl Furtmüller.

Die äußeren Schwierigkeiten des Wiener Mittelschulwesens, beruhend auf ungenügender räumlicher Ausstattung und auf in vielen Fällen zu hoher Klassenbesetzung, haben im Schuljahre 1930/31 wiederholt den Gegenstand der Erörterung in Fachkreisen gebildet. Am Ende dieses Schuljahres und zu Beginn des Schuljahres 1931/32 sind nun unter dem Druck der bundesfinanziellen Schwierigkeiten eine Reihe von Maßnahmen erfolgt, die den Wiener Mittelschulen eine ganz erhebliche neuerliche Verschlechterung der Bedingungen, unter denen sie arbeiten, gebracht haben. Der Ersparungszwang, der hier wirksam wurde, wird wohl noch geraume Zeit andauern. Es gilt daher, die getroffenen Maßnahmen und ihre Auswirkungen sorgsam zu überprüfen, um für die Zukunft die zweckmäßigste und am wenigsten schädigende Art der Durchführung von Sparmaßnahmen, soweit sie wirklich unvermeidlich sein sollten, zu finden und auch darüber ins klare zu kommen, welche pädagogischen Folgerungen aus der nun einmal bestehenden äußeren Lage unserer Mittelschule zu ziehen sind.

Die erste wesentliche Veränderung in der Organisation unseres Mittelschulwesens geschah durch die sogenannte „Planwirtschaft“. Ihrem allgemeinen Grundgedanken, die Klassenzahl einer Schule, damit auch die Zusammensetzung ihres Lehrkörpers und die Lehrfächerverteilung von den Zufällen einiger im letzten Augenblick erfolgenden An- oder Abmeldungen oder von dem Ergebnis einzelner Wiederholungs- oder Aufnahmsprüfungen unabhängig zu machen und es dadurch auch zu ermöglichen, schon vor den Hauptferien die Gestaltung der Schule im kommenden Schuljahre wenigstens in den Hauptzügen festzulegen, wird jeder zustimmen müssen. Eine sachlich befriedigende Durchführung dieses Grundsatzes würde bedeuten, daß unser Schulwesen nach den Störungen der Kriegs- und Nachkriegszeit endlich wieder zu ruhigen und normalen Verhältnissen zurückkehrt. Voraussetzung dafür wäre freilich die allgemeine Durchführung einer pädagogisch befriedigenden, niedrig gehaltenen Klassenbesetzung, so daß man eine zeitweise Überschreitung dieser Klassenbesetzung in einer geringen Anzahl von Fällen als erträglich hinnehmen könnte. Unter unseren konkreten Verhältnissen gewann freilich das Schlagwort der Planwirtschaft sofort den entgegengesetzten Sinn. Es handelte sich nicht darum, die aus sachlichen Gesichtspunkten notwendige Klassenzahl planmäßig zu ermitteln und sicherzustellen, sondern es stand von vornherein fest, daß trotz des zu erwartenden Schülerzuwachses und trotz der schon gegebenen Überfüllung vieler Klassen die Klassenzahl unbedingt noch weiter herabgedrückt werden mußte. Den 18.754 öffentlichen Schülern der Wiener Bundesmittelschulen des Schuljahres 1930/31 standen 612 Klassen, den 19.870 Schülern des Schuljahres 1931/32 nur 600 Klassen zur Verfügung. Besonders kraß hat sich das in der 1. Klasse ausgewirkt. Im vorigen Jahre gab es 93 Abteilungen der ersten Klasse für 3565 Schüler und Schülerinnen, heuer dagegen durften für 3775 Kinder nur 85 Abteilungen eröffnet werden. Damit ist die durchschnittliche Besetzung der ersten Klassen von 38·2 — gewiß schon ein sehr unerfreulicher Durchschnittswert — sprunghaft auf 44·4 gestiegen. Diese Durchschnittszahl kommt natürlich nur dadurch zustande, daß wir in vielen Einzelfällen Klassen von 49, von 50, ja von 52, 53, 54 und 57 Schülern haben. Besonders kraß wirken diese Zahlen, wenn man sich vor Augen hält, daß für die Altersgenossen dieser Kinder in den Wiener Hauptschulen die Durchschnittszahl 33·1 gilt, d. h. also, daß in einer ersten Wiener Mittelschulklasse durchschnittlich etwa um ein Drittel mehr Kinder sitzen als in einer Hauptschulklasse. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, daß die Auswirkung dieser Reduktion der Klassenzahl auf den ersten Jahrgang beschränkt sei. Man beachte, daß die Durchschnittsschülerzahl der 5. Klassen im Vorjahre 27·6 Schüler betrug und im laufenden Schuljahre sprunghaft auf 32·9 gestiegen ist; schon jetzt gibt es eine Reihe von Oberklassen, die nicht viel weniger als 50 Schüler zählen.

So deutlich diese Zahlen lehren, daß die Planwirtschaft sozusagen im Handumdrehen ihren eigentlichen Sinn ins Gegenteil verkehrt hat, so irrig wäre es, die Notwendigkeit und relative Zweckmäßigkeit auch dieser Art von Planwirtschaft leugnen zu wollen. Es wird sicher Aufgabe aller Fachmänner und aller Verwaltungsstellen sein, der Schule auch unter den gegebenen schwierigen Verhältnissen wenigstens das pädagogisch Unentbehrliche retten zu wollen. Steht aber einmal fest, daß ihr für ein bestimmtes Schuljahr eben nur eine bestimmte Klassenzahl zugebilligt wird, dann ist es um so wichtiger, diese beschränkte Zahl planmäßig auszunützen, um mit ihr eine möglichst große Befriedigung des bestehenden Bedarfes zu erzielen. Gerade deshalb

werden wir aus den Erfahrungen des ersten Jahres für die Zukunft zu lernen haben.

Das Problem, das sich zunächst in den Vordergrund drängt, ist die Frage des Zudranges zu den Mittelschulen. Es ist zweifellos, daß er in den letzten Jahren außerordentlich gestiegen ist und die Gründe hiefür sind genugsam erörtert worden. Die kritischen Wirtschaftsverhältnisse spielen hiebei eine große Rolle, und so wird man in absehbarer Zeit eine wesentliche Änderung nicht erwarten dürfen. Immerhin kann man feststellen, daß für das Schuljahr 1931/32 in den ersten Klassen der Mittelschulen rechnungsmäßig ein Zuwachs von 8% zu erwarten gewesen wäre, daß der tatsächliche Zuwachs dagegen nicht ganz 6% beträgt. Dieser Eindruck einer leichten relativen Abnahme des Zustromes zur Mittelschule verstärkt sich noch bei den Knaben. 1930/31 waren es 2895, 1931/32 sind es 3002, was also eine Steigerung von nur 3·7% bedeutet. Dagegen haben wir heuer in den ersten Klassen der Bundesmittelschulen 775 Mädchen gegenüber 670 des Vorjahres, d. i. eine Steigerung von 15·3%, eine Steigerung, die rein technisch auf die Eröffnung zahlreicher reiner Mädchenklassen an Bundesmittelschulen zurückzuführen ist, mit der aber auch eine Steigerung des Besuches der Mädchenmittelschulen parallel geht. Diese neuerliche Ausbreitung des Mädchenstudiums entspricht einer seit Jahrzehnten wirkenden Tendenz, die wahrscheinlich erst zum Stillstand kommen wird, wenn die praktischen Auslesebedingungen für das Mittelschulstudium der Mädchen denen der Knaben vollkommen angeglichen sein werden.

Es mag verwunderlich erscheinen, daß dieser Zudrang zur Mittelschule sich gerade in einer Zeit äußert, wo die Oberstufe der Pflichtschule so wichtige neue gesetzliche Berechtigungen erhalten hat, daß sie den Eltern ein Hinausschieben der Entscheidung über die Schulbahnwahl bis zum Ende der Schulpflicht ermöglichen. Man darf allerdings nicht vergessen, daß in den letzten Jahren eine Reihe von Kundgebungen amtlicher Stellen und amtsnaher Persönlichkeiten danach angetan waren, das Vertrauen mancher Kreise der Bevölkerung in diese neue Funktion der Pflichtschule zu erschüttern. Jetzt bleibt füglich nichts anderes übrig, als den Eltern die ihnen durch unsere Schulgesetzgebung gewährte freie Wahl zwischen Hauptschule und Mittelschule auch tatsächlich zu ermöglichen. Eine künstliche Begrenzung der Zahl der in die Mittelschule aufzunehmenden Schüler kann praktisch wohl gar nicht in Frage kommen. Wünschenswert wäre dagegen freilich, wenn nur begabte und zum Studium geneigte Kinder in die Mittelschule gebracht würden. Wer eine planmäßige Handhabung solcher sachlicher Auslese wirklich will, der hätte daran festhalten müssen, daß die Entscheidung über den Eintritt in eine höhere Schule erst nach dem 8. Schuljahr zu erfolgen hat, so wie es bei Durchführung des Systems der Allgemeinen Mittelschule und der Allgemein-bildenden Oberschulen geschehen wäre. Eine Aufnahmsprüfung mit 10jährigen Kindern kann eine solche Auslese ohne Gewaltsamkeit und Härte nicht erreichen. Eine Verschärfung der Prüfung könnte hier nur Zwang zu drillmäßiger Prüfungsvorbereitung und damit Verschiebung der Auslese auf das soziale Gebiet bedeuten und wird daher auch von der Lehrerschaft mit Recht abgelehnt. Der gesunde Grundsatz, Aufnahmswerber, bei denen der ungünstige Erfolg der Aufnahmsprüfung das mindergünstige Urteil der Volksschule bestätigt, abzuweisen, hat sich ja jetzt in der Praxis bis auf sicherlich vereinzelte Ausnahmsfälle durchgesetzt. Darüber hinaus wird man nicht gehen können und man wird daher auch für die kommenden Schuljahre die Anzahl von ersten Klassen, die dem jeweiligen Bedarf entspricht, bereitzustellen haben.

Eine große Erschwerung für eine möglichst ökonomische Verteilung der Schüler auf die einzelnen Anstalten ist zweifellos der Umstand, daß das Prinzip der achtjährigen Vollanstalt eine typenmäßige Sonderung der Kinder auch schon in den Jahrgängen erzwingt, wo sie lehrplanmäßig noch nicht nötig wäre. Man darf die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten nicht auf Kosten der Studienwünsche des Elternhauses und der Kinder lösen wollen. In einem so ausgebreiteten und vielverzweigten Schulwesen wie dem Wiens muß jedem Kind die Möglichkeit zum Eintritt in die von ihm bzw. seinen Eltern gewählte Type gegeben werden. Der Hinweis darauf, daß ja auch in den Mittelschulstädten der Provinz nur eine eingeschränkte Typenwahl gegeben ist, ja in vielen Fällen nur ein einziger Typus zur Verfügung steht, ist nicht stichhältig. Die Beschränkung in den Klein- und Mittelstädten beruht auf zwingenden äußeren Umständen. In der Großstadt Wien mit ihrem halben Hundert von Bundesmittelschulen ist bei gutem Willen und kluger Organisation die Befriedigung der Elternwünsche ohne weiteres und auch ohne Mehrkosten möglich. Bisher freilich haben wir auf diesem Gebiete nur Unvollkommenes geleistet. Die Zahl der realgymnasialen ersten Klassen, die zunächst zur Verfügung gestellt wurde, war viel zu gering und auch nach Bewilligung der Umwandlung einzelner Gymnasial- und Realschulklassen in realgymnasiale Klassen ist die Schülerverteilung noch ungleichmäßig. Während in den ersten Gymnasialklassen der Schülerdurchschnitt 43·4, in den Realschulen 42·7 beträgt, haben wir an den Realgymnasien die Durchschnittszahl von 46·4 Kindern. Dabei war ein großer Teil der Eltern von vornherein nicht in der Lage, bei der Typenwahl die durch das Mittelschulgesetz zugesicherten Möglichkeiten auch faktisch auszunützen. Denn eine Anmeldung für das Realgymnasium mit grundständiger moderner Fremdsprache gab es für Knaben nur im 8., 20. und 21. Bezirk. Im größten Teil des Wiener Siedlungsgebietes blieben also für die Knaben zwei von den fünf möglichen Formen des Mittelschulstudiums von vornherein ausgeschaltet. Damit sind die Knaben unter schlechtere Bedingungen gestellt als die Mädchen. Hier wird man zweifellos für die Zukunft eine zweckmäßigere und gerechtere Lösung finden müssen. Gerade in einer Zeit, wo die Schule der Bevölkerung aus Sparsamkeitsgründen so manchen berechtigten Anspruch versagen muß, muß sie um so mehr die Verpflichtung fühlen, erfüllbare Wünsche zu erfüllen.

Im Sinne einer ökonomischen Gebarung war es gewiß gelegen, daß man die zum Studium an Knabenmittelschulen zugelassenen Mädchen an eine Reihe von Schulen zu konzentrieren bemüht war. Dagegen hat die Aufstellung des Grundsatzes, mit ganz wenigen Ausnahmen gemischte Klassen nicht zuzulassen, gerade im gegenteiligen Sinne

gewirkt. Auf grundsätzliche Fragen der Koedukation und Koinstruktion sei hier nicht eingegangen. Aber es ist klar, daß bei den früher erwähnten unerfreulich hohen Durchschnittszahlen der Klassenbesetzung das Übel noch künstlich vermehrt wird, wenn man den ziffernmäßigen Ausgleich zwischen Parallelklassen durch das starre Festhalten an der Trennung für Geschlechter verhindert. Ebenfalls ohne jedes Eingehen auf grundsätzliche Fragen sei hier auch festgestellt, daß eine ökonomische Ausnützung der zur Verfügung stehenden Lehrkräfte immer auf Schranken stoßen muß, solange in den beide Geschlechter unterrichtenden Bundesmittelschulen den Lehrerinnen die volle dienstliche Gleichberechtigung verwehrt wird.

Ergab sich aus der Planwirtschaft die äußere Folge zahlreicher unerwünscht stark besetzter und nicht weniger geradezu überfüllter Klassen, so griffen die Sparmaßnahmen, die zu Beginn des laufenden Schuljahres erfolgten, unmittelbar in den inneren Unterrichtsbetrieb ein. Der Freifächererlaß unterband zunächst die Freien Arbeitsgemeinschaften und damit eine Einrichtung, welche das Mittelschulgesetz des Jahres 1927 auf die Initiative des Unterrichtsministeriums selbst hin, aber in deutlicher und berechtigter Anlehnung an das höhere Schulwesen des Deutschen Reiches neu geschaffen hatte. Hier werden hoffnungsvolle Ansätze einstweilen unterbunden, aber was hier getroffen wurde, war — leider — noch keine organische und unentbehrliche Einrichtung unseres Mittelschulwesens geworden. Es ist nicht zu leugnen, daß die Ängstlichkeit, die dieser neuen Einrichtung gegenüber bemerkbar geworden war und die sich in der Erschwerung und Verzögerung des Arbeitsbeginnes und in der bis ins kleinste gehenden Kontrolle und Beeinflussung der Arbeitspläne geäußert hatte, gerade hier das in der Bezeichnung enthaltene Moment der Freiheit nicht ganz zur Entfaltung kommen ließ. Hoffen wir, daß beim Wiederaufleben dieser vom Gesetz vorgesehenen Freien Arbeitsgemeinschaften auch günstige Voraussetzungen für ihre innere Entwicklung geschaffen werden. Bestürzung mußte es erregen, daß von allen möglichen eigentlichen Freifächern eines unter völliges Verbot gestellt wurde, und zwar die Handarbeit für Knaben. Auch hier ein Anzeichen für die Gefahr, daß an Stelle der mit Recht erstrebten Gleichberechtigung der Geschlechter paradoxerweise eine Benachteiligung der Knaben treten könnte. Lehrplantheoretisch galt es bisher als Selbstverständlichkeit, daß ein Lehrfach, das von einem gewissen Zeitpunkt an aus äußeren Gründen nicht mehr verbindlich geführt werden kann, als Freifach weiterleben muß, um das geweckte Interesse und das erzielte Können weiterzupflegen. Gerade bei der Handarbeit für Knaben kommt hinzu, daß aus Gründen der physischen Entwicklung die volle Entfaltung dieses Faches erst vom 8. Schuljahr an möglich wird und daß eine Reihe von Wiener Anstalten auf diesem Gebiete seit langen Jahren sehr Schönes, zum Teil Vorbildliches geleistet haben.

Ein noch schwererer Schlag für das Mittelschulwesen war die völlige Unterbindung der naturwissenschaftlichen Übungen, eine Maßnahme, die in eine mehr als halbhundertjährige didaktische Entwicklung völlig unerwartet und schonungslos eingegriffen hat. Vom Standpunkte der Didaktik der einzelnen Fächer aus ist diese Maßnahme so vielfach erörtert worden, daß die vorgebrachten Argumente hier nicht wiederholt werden müssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß vom allgemein pädagogischen Standpunkte aus diese Maßnahme nicht minder schmerzlich empfunden wird als vom Standpunkte des Fachmannes. Gerade die naturwissenschaftlichen Übungen waren es, von denen aus der Gedanke des Arbeitsunterrichtes in die Mittelschule sich Eingang verschafft hat und wo er auch heute noch am sichersten und klarsten verankert ist. Die Unterbindung dieser Übungen droht daher nicht nur die unmittelbar betroffenen Fächer methodisch zurückzuwerfen, sondern sie beraubt uns bei der mühevollen Arbeit der allmählichen Durchdringung des gesamten Mittelschulunterrichtes mit dem Arbeitsgedanken einer unserer entscheidenden Hilfen. Die Verteidiger dieser Maßnahme beeilten sich darauf hinzuweisen, daß da und dort einmal solche Übungen weniger glücklich und mehr als unbedeutender Anhang denn als vertiefende Ergänzung des verbindlichen Unterrichtes geführt worden sind. Solche Momente hätten bei einer aus Ersparungsgründen angeordneten Einschränkung der Übungen voll berücksichtigt werden können, ihre vollständige Unterbindung kann unmöglich die zweckentsprechende Reaktion auf solche Ausnahmsfälle sein. Immerhin werden wir dabei darauf aufmerksam, wie notwendig es ist, alle Einrichtungen, die wir der Mittelschule erhalten wollen, restlos mit pädagogischem Leben zu erfüllen, weil sonst den Faktoren, die zur Wahrnehmung der finanziellen Interessen berufen sind und die in der Epoche der Ersparungen zwangsläufig zu unerbittlichen und nicht immer wohlwollenden Kritikern werden, Handhaben gegeben werden können zu Maßnahmen, die weit über den faktisch gegebenen Anlaß hinausreichen.

Da die Assistenzen in einzelnen Gegenständen ein Auskunftsmittel darstellen, um wenigstens die krassesten Schädigungen durch überbesetzte Klassen zu mildern, ist es selbstverständlich, daß in dem Augenblick, wo die Klassenbesetzung so sprunghaft erhöht wird wie jetzt, der Bedarf an Assistenzstunden steigt. Auch hier hat der streichende Rotstift — wenigstens bei den körperlichen Übungen — fleißig gearbeitet und das pädagogische Übel dadurch noch verschärft. Auch hier wird es notwendig sein, die unentbehrliche Einrichtung der Assistenzen durch ihre gewissenhafteste Ausnützung zu stützen. Auch hier versucht man sich des Argumentes zu bedienen, daß es da und dort bisher „leerlaufende Assistenzen“ gegeben habe, und es ist kein Zweifel, daß diese verschwindende Minderheit von Fällen an manchen Stellen die Überzeugung von der Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit der Einrichtung gemindert hat. Sicherlich wird man auch in dem Bestreben weiterschreiten müssen, überall dort, wo es die Verhältnisse gestatten, das pädagogisch unvollkommene Mittel der Assistenz durch das weit zweckmäßigere der Teilung der Klasse in dem betreffenden Gegenstand zu ersetzen. Bei diesem Anlasse muß aber mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß der Kreis der Gegenstände, bei denen eine zu hohe Klassenbesetzung besonders schädigend wirkt, sich infolge der didaktischen Entwicklung erweitert hat: Niemand, der die modernen Methoden des Unterrichtes

lebender Fremdsprachen auch nur von ferne kennt, wird sich einer Täuschung darüber hingeben können, daß hier Schülerzahlen über 40 nicht nur einen Raubbau an der Kraft des Lehrers bedeuten, sondern auch die Lehrerfolge noch unverhältnismäßig viel mehr herabdrücken müssen als in anderen Gegenständen. Der Natur des Gegenstandes nach kann von Assistenzen hier nicht die Rede sein, aber die Teilung überbesetzter Klassen in den lebenden Fremdsprachen ist sachlich so dringend geboten, daß sie sich auch in dieser schweren Zeit wird durchsetzen müssen.

Wer aber die Wirkung der Ersparungsmaßnahmen auf den lebendigen Körper der Schule voll ermessen will, der kann auch an der tiefen Depression nicht vorübergehen, die seit Beginn dieses Schuljahres unsere Lehrerschaft bedrückt. Die schweren Gefahren, die sie bedroht haben und deren schlimmste im letzten Augenblick mit knapper Mühe noch abgewehrt wurde, lassen das nur zu begreiflich erscheinen. Trotz alledem aber darf man keinen Augenblick vergessen, daß die Mittelschule und damit ihre Lehrerschaft sich nur verteidigen können, indem sie in Eltern und Schülern und damit in der ganzen Bevölkerung das Bewußtsein wach erhalten, daß hier lebendige vorwärtsstrebende Kräfte am Werke sind, für die sich auch in schwersten Zeiten Opfer lohnen. Käme es erst dahin, daß die ungünstigen Bedingungen, unter denen wir arbeiten müssen, aus unserer Arbeit eine verdrossene Routine machen, so hätten wir uns selbst aufgegeben. Daher gibt es für uns nur einen Weg: trotz der unerhört ungünstigen äußeren Bedingungen müssen wir das innere pädagogische Leben in unserem Schulwesen lebendig erhalten, nur so werden wir uns schrittweise auch die äußeren Voraussetzungen wieder erobern können, deren dieses innere Leben zu seiner Entfaltung bedarf. Das große Werk der inneren Umgestaltung unserer Mittelschulen ist in dieser Periode der drückenden Sparmaßnahmen zweifellos in seinem Vorschreiten schwer gehemmt, völlig zum Stillstand kommen darf es nicht und vor allem innerlich aufgegeben werden darf es nicht.

Daraus ergibt sich für uns vor allem die eine unmittelbare Aufgabe, diese schwere Zeit, die ja Lehrer und Schüler gleich schwer trifft, den Schülern tragen zu helfen. Der Geist der Verdrossenheit und Niedergeschlagenheit, der unser ganzes Leben zu überfluten droht, soll aus der Schulstube so weit als möglich verbannt bleiben. Die erschwerten Arbeitsbedingungen des Lehrers sollen nicht von den Schülern gebüßt werden müssen. Vor allem wird sich hier in den überfüllten Klassen das schwere Problem ergeben, nicht mutlos von modernen Methoden zum alten Drill zurückzukehren, sondern an Selbsttätigkeit und lebendiger Mitarbeit der Schüler innerhalb der durch den Massenunterricht erzwungenen Einschränkungen festzuhalten. Wenn es so der Lehrer auf das Maximum des pädagogisch noch Erreichbaren abstellt, so wird er andererseits sich damit bescheiden müssen, daß das Ziel in der überfüllten Klasse von vornherein weniger weit gesteckt werden kann als in der normalen. Es wäre ein Unrecht an den Kindern, wollte man die Mängel der Schuleinrichtung durch verstärkten Notendruck und übermäßige Anforderungen an die häusliche Arbeit wettmachen. Das hieße schließlich nur Förderung des Hauslehrerwesens und wäre in dieser Zeit der wirtschaftlichen Krise noch weniger zu verantworten als sonst.

Mit unermüdlichem Eifer wird daran zu arbeiten sein, bei allen maßgebenden Stellen und in der Öffentlichkeit die Überzeugung wachzurufen, daß weitere Einschränkungen des Mittelschulwesens nicht mehr erträglich sind, ja daß selbst die schon getroffenen Maßnahmen baldigst gemildert werden müssen. Gerade bei den Kulturausgaben wird es besonders deutlich, daß Sparen nicht einfach ein arithmetisches Problem ist, sondern daß die Verkleinerung einer Ausgabe bis zu dem Punkt, daß ihr Erfolg fraglich wird, aus der Ersparung geradezu Vergeudung und Verschwendung macht. Wie eine zum menschlichen Genuß ungeeignete Speise unter allen Umständen teurer ist als eine gesunde und nahrhafte, so sind wir auch nicht reich genug, um uns eine Schule leisten zu können, die pädagogisch und didaktisch versagen muß, weil man darauf hinweisen will, daß gewisse äußerliche Ersparungsgrundsätze rein mechanisch auch auf dieses Gebiet angewendet worden sind. Für diesen Standpunkt werden wir um so eher Gehör finden, wenn wir andererseits die Wege zu sachlich vertretbaren Ersparungen selbst weisen und mit unserer fachmännischen Erfahrung an einer restlos ökonomischen Verwendung der für die Mittelschule zur Verfügung stehenden Gelder mitarbeiten. So wird es insbesondere gelten, rechtzeitig für eine den Bedürfnissen entsprechenden Einrichtung der ersten und der fünften Klassen des nächsten Jahres zu sorgen und den Vorgang der Schüleranmeldung, Aufnahmsprüfung und Aufnahme möglichst reibungslos zu gestalten.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de Die Wiener Schule. Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, Jg. 1931, Stück VII, 1 de noviembre de 1931, págs. 1-4, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ssr19311101, imágenes 9-12), hecha desde la imagen con el OCR de la ÖNB como apoyo; cifras cotejadas con la imagen (el OCR omite los puntos decimales: 38·2, 44·4, 33·1, 27·6, 32·9, 3·7, 15·3, 43·4, 42·7, 46·4). En el sumario, el autor figura como «Hofrat Dr. Karl Furtmüller, Landesschulinspektor». Ortografía de 1931 («Aufnahmsprüfung», «hiefür», «stichhältig»), sin la s larga de la letra gótica. Los pasajes en espaciado del original van en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa del número.