Die Vorbeugung der Delinquenz.
Von Prof. Dr. ALFRED ADLER (New York).
Der Titel dieser Arbeit kann in zweierlei Richtungen aufgefaßt werden, Einrichtungen zu treffen, daß irgendwelche verbrecherische Handlungen nicht begangen werden oder daß ihre Zahl vermindert wird. Was die sozialen Einrichtungen betrifft, kann man in der Tat sagen, daß bei dem gegenwärtigen Stand unserer Kultur der Entwicklung des Einzelnen unter Umständen Schwierigkeiten entgegentreten können, denen der eine oder der andere sozial nicht gewachsen ist. Es wäre also von einer Belastung Einzelner zu sprechen, unter der sie zusammenbrechen, oder wie wir Individualpsychologen sagen würden, der gegenüber das Gemeinschaftsgefühl nicht stark genug entwickelt ist. Man kann sich einen Idealzustand der Menschheit vorstellen, wenngleich wir überzeugt sind, daß wir ihn nie erreichen werden, so daß der Mensch allen Belastungen, denen man ihn aussetzen würde, gewachsen wäre. Ich will nicht von diesen Belastungen sprechen, aber wir verstehen, daß eine Anzahl unserer sozialen Einrichtungen seit jeher sich wie ein Druck für viele auswirkt, für die sie von Kindheit an nicht vorbereitet sind, so daß, soweit wir es überblicken können, die Anzahl der Verbrechen nicht zurückgegangen ist, in gewissen Zeitläuften sogar ansteigt, wofür Statistiken Gründe angeführt haben. Z. B. hat man angenommen, daß die Teuerung des Getreides die Verbrechen vermehrt — aber die Verbilligung auch, ja daß selbst in der Prosperität eines Landes Verbrechensneigungen auftauchen, die früher nicht dagewesen sind, z. B. in Amerika zu einer Zeit, wo das Leben leicht war, wo es keine Krise gab und trotzdem gerade in dieser Zeit, vielleicht durch das Verbot des Alkohols, die Anzahl von Verbrechen stiegen. Man steht vor einem außerordentlich komplizierten Problem, wenn man die Anzahl der Verbrechen von außen her einschränken will. Man kann von verschiedenen Voraussetzungen aus das Problem betrachten, ohne daß man sagen könnte, daß die eine oder die andere besonders maßgebend wäre. Wir wollen uns heute damit weniger beschäftigen, sondern mit den grundlegenden Fragen, soweit sie uns Individualpsychologen erwachsen sind, die uns dazu führen könnten, die Menschen so vorzubereiten, daß sie besser als früher Versuchungen widerstehen, daß sie stark genug sind in ihrem Interesse für andere. Wer von den Früchten der Individualpsychologie gekostet hat, weiß, um was es sich handelt, ob es gelingt, die angeborene Möglichkeit zum sozialen Verhalten so weit zu kultivieren, daß ein genügendes, lebendiges soziales Interesse daraus hervorgeht, so daß die ganze Stellungnahme eines solchen Menschen allen Aufgaben gegenüber eine allgemein nützliche ist.
Eigentlich verstehen wir unter Verbrechen die beabsichtigte Schädigung eines anderen oder anderer zum eigenen Vorteil. Es handelt sich da immer um Menschen, deren Gemeinschaftsgefühl keine genügende Entwicklung erlangt hat. Da wir aus vielen Erfahrungen wissen, wie dies zustandekommt, woran es liegt, daß sich dieses Geschenk der Evolution nicht genügend entwickelt hat, sind wir vorbereitet, den Standpunkt zu finden, der es uns ermöglicht, das Kind so für künftige Aufgaben zu erziehen, daß es sie im Sinne der allgemeinen Wohlfahrt aufnimmt und sie auch so zu lösen trachtet. Ein derartig gefestigtes Kind wird sich als einen Teil des Ganzen empfinden, das mitarbeitet, mitspielt, mitlebt und keinen anderen Blick für die kleineren und später größeren Aufgaben des Lebens hat, als: wie kann ich etwas beitragen. Dieses Kind wird natürlich eine Verbrechensneigung niemals zeigen, wenn nicht vielleicht der Druck der äußeren Verhältnisse einen solchen Grad erreicht, daß bei der heutigen menschlichen Vorbereitung auch dieser hohe Grad von Gemeinschaftsgefühl versagen würde. Ich muß, trotzdem ich voraussetze, daß viel individualpsychologisches Wissen bereits vorhanden ist, einiges sagen über die Möglichkeit des sozialen Interesses, das wir Individualpsychologen als angeboren, als ein Geschenk der Evolution ansehen. Es ist keine Frage, daß durch das ständige Zusammenleben, seitdem Menschentum überhaupt besteht, eine Hauptfrage für das Zusammenleben geworden ist, wie man sich zu den anderen bezieht, wie man die Gesamtheit fördert, ist bis zu einem gewissen Grade aus Bewegung Form geworden. Natürlich sind auf diesem Wege eine Anzahl von Fehlern geschehen, die die Menschheit gebüßt hat. Es ist sicher, wie das die großen Menschenkenner immer gesagt haben, daß das Glück der Menschheit in der Zusammenarbeit besteht, so zu leben, als ob man sich die Aufgabe gesetzt hätte, zum Wohle der Allgemeinheit beizutragen. Die Entwicklung der angeborenen Möglichkeiten geschieht dann, nachdem das Kind zur Welt gekommen ist, in erster Linie durch die Beziehung zur Mutter. Die Mutter ist die erste Person, die das Kind erlebt. Für diese Beziehung ist gut vorgesorgt, beide sind aufeinander angewiesen, ihr Bezugskreis ist von Natur nicht nur gegeben, sondern auch begünstigt. Wenn andere Psychologen meinen, daß das Kind durchaus als Egoist zur Welt kommt, mit einem Zerstörungstrieb, mit keiner anderen Absicht, als kannibalisch sich an der Mutter zu vergreifen, übersehen sie die Rolle der Mutter, die die Mitarbeit des Kindes nötig hat. Die Mutter mit ihrer gefüllten Brust und mit allen anderen geänderten Funktionen des Körpers bedarf des Kindes ebenso, wie das Kind der Mutter bedarf. Sie sind aufeinander angewiesen. Da fällt die Möglichkeit des sozialen Interesses hinein, wird Leben, wird greifbar als Beziehung zur Mutter. Das wäre die erste Kultivierung einer angeborenen Möglichkeit. Hier können schon viele Fehler sich einschleichen, weil Menschenwerk hinfällig sein kann; z. B. daß die Mutter mit dieser eingeengten Kultivierung des Gemeinschaftsgefühls vollkommen zufrieden ist, sich nicht darum kümmert, daß das Kind hinaus muß in einen viel größeren Kreis von Menschen, d. h., daß die Mutter diese Entwicklung der sozialen Möglichkeit in sich auffängt, nicht weiter ausbreiten läßt. Der Vater schon ist ausgeschlossen, wenn er nicht selbst Bemühungen macht, um in den Kreis der sozialen Beziehung hineinzu- kommen. Andere Kinder, Fremde usw. sind ausgeschaltet. Aufgabe der Mutter ist es, zu verhüten, daß das Kind in ihr die einzige Bezugsperson erblickt. Dieser Zustand, den man oberflächlich als „verwöhnt“ bezeichnen kann, kann auch hergestellt werden, wenn dieses Kind unter Entbehrungen leidet und nur bei der Mutter eine Erfolgsmöglichkeit hat, z. B. Kinder, die mit minderwertigen Organen zur Welt kommen. Sicher ist, daß ein solches Kind in der Beziehung zum Leben unter einem Druck steht, leidet. Auch hier kann es von der Mutter alles erwarten und kann, sobald Krankheiten eintreten, der Mutter die Aufgabe geben, sich mit ihm ausschließlich zu beschäftigen. Man kann nicht sagen, daß nur die schlechte Erziehung der Mutter den verzärtelten Lebensstil erzeugt, das Kind selbst verfällt auf diese Idee, wenn die einzige Bezugsperson immer die Mutter ist. Das kann nicht geschehen, ohne daß das Kind die vielen Vorteile, die es dabei hat, auf sich bezieht. Mit anderen Worten: dieses Kind wird immer an sich denken, wird alle seine Erfolgsmöglichkeiten darin sehen, alles von der Mutter zu erwarten, nichts beizutragen, immer nur zu nehmen, nichts zu geben. Hier wird sich das soziale Interesse am Ende befinden, es geht nicht weiter. Nun wird sich für dieses Kind ein Weltbild eröffnen, in dem es immer alles vom anderen zu erwarten hat. Das kann nicht anders geschehen, als im Dunkel seines Denkens die anderen als Objekte zu betrachten. Wenn ich alles von den anderen erwarte, sind für mich die anderen Objekte. Dadurch kann ich nicht das Gefühl der Gleichwertigkeit des anderen entwickeln, dadurch kann ich nicht sein Interesse ins Auge fassen, wenn der andere für mich der Außenseiter ist, der für mich zu sorgen hat, der mir zur Ausbeutung gegeben ist. Es kommt dazu noch etwas. Dieser Tatbestand wird außerordentlich verschieden gefärbt dadurch, ob dieses Kind aktiv oder mehr passiv sich zum Leben stellt. Ich kann auch in passiver Weise alles vom anderen erwarten. Liegt mehr Aktivität vor, dann werde ich aktiv vorgehen, um das an mich zu nehmen, was man mir freiwillig nicht gibt. Hier sind die Ansätze zur Delinquenz. Das scheint mir eine der wichtigsten Früchte zu sein, die wir aus der individualpsychologischen Erfahrung gezogen haben, daß wir die Struktur des Kindes feststellen können, das Gefahr läuft, zur Delinquenz zu neigen.
Eigentlich wäre ich mit der Beweisführung fertig, wenn es nicht nötig wäre, über die Struktur des Verbrechers mehr zu sagen. Unsere Behauptung geht dahin, daß wir bei Verbrechern den verzärtelten Lebensstil finden. Wenn wir den Verbrecher auf einer einmaligen Untat ertappen, oder wenn es sich um mehrfache Delinquenten handelt, die bei aller geistigen Gesundheit ein solches Weltbild besitzen, als ob eigentlich ihnen alles zur Ausbeutung gegeben wäre, als ob sie das Recht besäßen, sich der Habe des anderen zu bemächtigen, sein Leben, seine Gesundheit als ihr Ausbeutungsobjekt zu betrachten, sich über den anderen hinauszusetzen, da spiegelt sich immer wieder, was in der Kindheit zu sehen war, wenn man die Biographie eines Verbrechers verfolgt: Es sind immer Kinder, deren Gemeinschaftsgefühl Schiffbruch gelitten hat, nicht zur vollen Reife gelangt war, die früh schon in aktiver Weise sich dessen bemächtigen wollten, was ihnen als zu ihnen gehörig erschien. Ich sprach von ihrer geistigen Gesundheit. Darüber ist mehr zu sagen. Fehlt sie, dann können wir von Verbrechern nicht reden. Auf einen Wahnsinnigen, der eine Untat begeht, können wir den Begriff Verbrechen nicht anwenden, es gehört dazu die eigennützige, geplante Absicht, der „dolus“, die Bereicherung der eigenen Person. Auch hier sehen wir wieder, wie sich das mit dem verzärtelten Lebensstil deckt, der unter allen Umständen die Befriedigung seiner Wünsche — „Wunscherfüllung“ — durchzusetzen trachtet. Die Verbrecher, die ich studieren konnte, sei es aus Schriften oder aus der Wirklichkeit, haben immer denselben Typus gezeigt. Es waren Kinder, die durch Verzärtelung oder Selbstverzärtelung zu frühzeitigem Abschluß in der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls gelangt sind und ziemliche Aktivität aufwiesen, Herumtollen, Schädigung anderer, Rücksichtslosigkeit, Davonlaufen, Angriffe aller Art, zeigen sich frühzeitig und man kann beobachten, wie ihnen das Interesse für die anderen abgeht. Das sind Tatsachen, die man nicht aus dem Auge lassen darf. Ich übersehe gar nicht, daß bei dem allgemeinen Mangel der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls die Verbrechungsneigung sehr weit verbreitet ist und daß es dabei eines äußeren Anlasses bedarf, einer schwierigen Situation, wo die Verbrechensneigung gleichzeitig auch eine Erfolgsmöglichkeit für den Betreffenden bedeutet. Es wird niemals die schwierige Situation fehlen. Sie ist wie eine Prüfung auf sein Gemeinschaftsgefühl. Das können Anlässe sein, die für den Nichtverbrecher ganz belanglos erscheinen, z. B. einer wird ein Verbrecher, der mit einem Mädchen spazieren gehen will und kein Geld hat. Diese Fehlschläge weisen einen außerordentlichen Hochmut, Eitelkeit, krankhaften Ehrgeiz auf. Das kann außerordentlich bedeutsam werden, wenn sie jemanden im Besitze eines glitzernden Gegenstandes, im Besitze von Süßigkeiten sehen. Dabei beherrscht sie immer die feste Überzeugung, daß sie hier triumphieren werden, daß sie nicht erwischt werden. Diese feste Überzeugung stammt leider auch aus der frühen Kindheit. Ich habe noch nie einen delinquenten Jugendlichen gesehen, der nicht vorher schon gewisse Verbrechen begangen hatte, ohne erwischt zu werden. So kommt er zu dem Eindruck: das gibt es, ich kann etwas zum Schaden der anderen begehen, ohne daß man mich erwischt. Diese Sicherheit gewinnt er aus seiner Erfahrung.
Dabei kommt noch Folgendes in Betracht: es gibt kein Verbrechen, dem nicht ein Planen vorausgeht. Es ist, wie wenn alles durchdacht wäre. Das Planen gibt dem Verbrecher die Sicherheit, daß er der Polizei, den Gesetzen, dem Opfer überlegen ist. Er beginnt in der festen Überzeugung, überlegen zu sein. Das stimmt auch damit, daß zirka 40% aller Verbrechen nicht entdeckt werden und daß jeder Verbrecher in der Vorgeschichte verschiedene kleinere oder größere Verbrechen begangen hat, ohne erwischt zu werden. Daher auch teilweise Unverbesserlichkeit, die nur weichen würde, wenn er sein Weltbild des verzärtelten Lebensstils zum Weltbild des Gemeinschaftsmenschen umwandeln würde. Wir machen zu wenig Anstrengungen, um sein Gemeinschaftsgefühl zu heben. Das soll kein Tadel sein. Eigentlich ist der Verbrecher der schwierigste psychische Fehlschlag. Wenn man wirklich die Absicht hat, den Verbrecher auf den besseren Weg zu bringen, sollten die besten Erzieher genommen werden. Es ist sicher viel leichter, Volksschulkinder zu erziehen, als Verbrecher. Wenn wir die Erzieher vergleichen, so muß man sagen, daß die Volksschullehrer mehr von der Erziehung wissen, als zumeist diejenigen, denen Verbrecher übergeben sind, wobei kein Tadel auf diejenigen fällt, die sich mit größter Mühe diesem Werke hingeben. Aber vielleicht haben sie nicht die nötige Vorbereitung, vielleicht wissen sie gar nicht genau, daß es darauf ankommt, das Gemeinschaftsgefühl zu fördern. Die Verbrecher haben fast immer nur den einen Eindruck: diesmal war ich nicht geschickt genug, wenn ich geschickter gewesen wäre, hätte man mich nicht erwischt, einen Eindruck, den selbst Verbrecher haben, die schon unter dem Galgen stehen, die in Gefahr sind, hingerichtet zu werden. Ich erinnere mich eines Verbrechers, der immer wieder betonte: wenn ich nicht mein Augenglas vergessen hätte, hätte man mich nicht erwischt. Es ist sehr schwer, solange ein Verbrecher in dieser Mentalität lebt, vielleicht auch im Gefängnis Lehren empfängt, wie man es hätte besser machen können, ihm näher zu kommen. Solange diese eine Frage nicht gelöst ist, solange dieses Problem nicht weicht, daß der Verbrecher glaubt, er könnte durchrutschen, wenn er es geschickt anstellt, ist es schwer, ihm näher zu kommen. Er wird alles mit Verachtung abtun und dabei denken: wenn ich so und so vorgegangen wäre, würde ich nicht hier sitzen. Nun ist das die Eigenschaft, die alle ehrgeizigen Menschen haben, daß sie ein Alibi vorbereiten, wenn eine Niederlage sie bedroht, die ihren Nimbus beschädigen könnte. Immer ist Prestigepolitik damit verbunden, und so wundern wir uns nicht, daß Napoleon, als er auf St. Helena war, sagte: „Wenn ich erst nach Spanien und dann nach Rußland gegangen wäre, würde die ganze Welt mir gehören. So unwahrscheinlich es ist, so ist es doch ein Trost, eine Aufforderung, es das nächste Mal besser zu machen und vor allem sein Wertgefühl, damit sein seelisches Gleichgewicht zu erhalten. „Nur eine Kleinigkeit hat gefehlt.“ Es wäre notwendig, vor allem diese eine Schwierigkeit zu beseitigen, dem Verbrecher klarzumachen, daß es nicht richtig ist, den Triumph darin zu suchen, daß man andere überlistet, sondern lieber sein Glück darin zu suchen, daß man so viel als möglich zum Wohle der Allgemeinheit beiträgt.
Nun will ich auch noch etwas anderes zeigen, was das Verbrechen außerordentlich erleichtert. Um sein Verbrechen begehen zu können, muß sich der Verbrecher aufstacheln. Es ist ein Lichtpunkt in dieser Betrachtung der menschlichen Psyche und beweist eigentlich auch, daß selbst der Verbrecher Gemeinschaftsgefühl hat, nur nicht genug, das er aber zwecks Begehung seines Verbrechens gedanklich und gefühlsmäßig überwinden muß. Er muß das Gemeinschaftsgefühl erst erschöpfen, dann kann er daran gehen. Eine wunderbare Schilderung dieses Vorgangs findet sich in Dostojewskis „Raskolnikow“, wo er Raskolnikow zwei Monate im Bett liegen läßt und nachdenken läßt, ob er den Mord begehen darf. Wie er sein Gemeinschaftsgefühl töten will, indem er sich vormacht, wieviel Gutes er schaffen könnte mit dem Gelde der Wucherin. Noch gelingt es ihm nicht, weil noch zuviel Gemeinschaftsgefühl da ist, bis er endlich nach zwei Monaten in die Worte ausbricht: „Bin ich Napoleon oder eine Laus.“ Jetzt ist er gerüstet und benimmt sich wie „Napoleon“ und erschlägt die alte Frau. Was ist geschehen? Er hat einen Vergleich gewählt, eine Art Metapher, ein Symbol, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Er ist weder Napoleon noch eine Laus, aber er stellt die Alternative, stellt sie, weil er bereits von dem Mord nicht ablassen will, weil das bereits sein Ziel geworden ist. Nun stellt sich ein Schwung, ein Antrieb ein, die ihm diese Tat erleichtern. Er gelangt bis an das Ende seines zu geringen Gemeinschaftsgefühls und weiter hinaus gibt es keines mehr. Es kommt wieder zurück nach vollbrachter Tat, denn hier kann er die Metapher nicht mehr zu Hilfe nehmen. Ähnliches finden Sie in allen Fällen. Der, der sein Augenglas vergessen hatte, sagte: „Was liegt an diesem Knaben, wir haben mehr als eine Million solcher Knaben.“ Etwas wird vergleichsweise herangezogen, was für den common sense gar nicht annehmbar ist. Wir sehen, wie einer sich seine Untat erleichtert, der seinen Bruder erschlagen hat und dazu in dem Gedanken ausbricht: „Ich oder er, diese Erde ist nicht groß genug für uns beide.“ Es ist natürlich, daß es auch bei leichteren Verbrechen ähnlich zugeht. Z. B.: „Der Mann hat genug Geld, wozu soll er das Geld im Schrank liegen haben“ oder „Der Mann hatte schöne Kleider, ich hatte keine, deshalb mußte ich ihn erschlagen“. Von allen diesen Gedankengängen kann man nicht sagen, daß Schwachsinn vorläge, denn, wenn auch in völlig anderer Art, bedienen wir uns alle derartiger Hilfen, wenn wir dichterische Redensarten zu Hilfe nehmen, um unsere Absichten durchzuführen. So wenn bei Sympathien und Antipathien, wenn wir etwas hervorheben, wenn wir jemanden schlecht machen wollen oder wenn wir mit jemanden in Kontakt kommen wollen. Es sind Versuche, unsere Absichten zu stürzen. Z. B. wenn einer aufs Land gehen will, spiegelt er sich vor, in einer Alpengegend zu sein. Auf einmal ist er schon dort, obwohl er hier sein sollte. Diese Fähigkeit des Menschen, sich anzukurbeln für etwas Gutes, für etwas Schlechtes, das ist allen gegeben. Wir benützen diese Fähigkeit, aus Gedanken und Bildern Gefühle zu entwickeln, die uns zu Leistungen und Stellungnahmen einen Schwung verleihen, um das zu vollbringen, was wir ohne diesen Schwung auch vollbracht hätten, nur unter Hemmungen durch den common sense. Schon darin, daß er den anderen so geringschätzt, daß er in ihm nur das Opfer sieht, sieht man den Irrtum seines Weltbildes, den verzärtelten Lebensstil. Der wird viel leichter phantastischen Neigungen unterliegen, der weniger Gemeinschaftsgefühl, also weniger Vernunft („die uns alle bindet“), weniger common sense hat. Das Gemeinschaftsgefühl segnet auch seinen Besitzer mit einem größeren Ausmaß der Vernunft, was bedeutet, daß er sich selbst nicht betrügen, ebenso wie er den anderen nicht betrügen will. Was man so richtig den common sense nennt, ist die höchste Entwicklung der Vernunft, die Ewigkeitswert beansprucht, gegen die sich kein Widerspruch geltendmacht. Daß von vielen der common sense, die Vernunft, der Geist unterschätzt wird, weist vielleicht auch auf deren Mangel an Gemeinschaftsgefühl hin.
Dieses irrtümliche Weltbild des Verbrechers läßt sich bis in die früheste Kindheit zurückverfolgen. Man kann es bei jugendlichen Verbrechern mit Leichtigkeit feststellen, wenn man nach den ältesten Kindheitseindrücken frägt. Man hört da, wie folgt: „Ich habe beim Reinemachen geholfen, da sehe ich ein Geldstück liegen, das habe ich zu mir genom- men, als ich sechs Jahre alt war.“ Oder: „Mit fünf Jahren war ich dabei, wie ein Waggon auf der Station gebrannt hat. Kinderbälle wurden hinausgeworfen, ich packte so viele, als ich konnte.“ Oder: „Meine Mutter hat Geld liegen gelassen, ich habe jede Woche etwas herausgenommen.“ Diesen Mangel an Gemeinschaftsgefühl, verbunden mit aktiver Leistung, wird man immer finden. Daß hier der verzärtelte Lebensstil bei größerer Aktivität sehr deutlich zum Ausdruck kommt, halte ich für eine der bedeutendsten Erfahrungen der Individualpsychologie. Denn nun sind wir so weit, daß wir von Vorbeugung sprechen können.
Wir wissen, wie es zugeht, daß die angeborene Möglichkeit des Gemeinschaftsgefühls, etwa wie die angeborene Möglichkeit der Muskelkraft, nicht entwickelt wird. Wir wissen, daß die Höherentwicklung der Menschheit es erfordert, das Kind zum Mitarbeiter zu machen, sich als einen Teil des Ganzen zu fühlen, sich auf dieser Erdkruste zu Hause zu fühlen, d. h. auch seinen Mut zu entwickeln. Der Mitmensch, anders wie der Nebenmensch, besitzt auch genug Aktivität, durchdrungen davon, daß diese nützliche Aktivität dazu gehört, wenn er mitarbeiten will. So entwickelt sich der Mitmensch, der, ohne viel daran zu denken, automatisch immer auf dem Wege zu finden sein wird, der auf das Wohl der Allgemeinheit hinzielt, weil er alle seine Möglichkeiten in dieser Richtung entwickelt hat. Hier liegt die Hauptaufgabe der Erziehung. Die Festigkeit, die soziale Bereitschaft des Gemeinschaftsgefühls ist dem Menschen nicht angeboren, angeboren ist nur die Möglichkeit dazu, sowie nur die Möglichkeit angeboren ist, seine Muskulatur, seine Geschicklichkeit etc. zu entwickeln. Angeboren ist das Tastgefühl. Aber es so zu entwickeln, daß der Mensch damit etwas leisten kann, ist Sache der schöpferischen Kraft des Kindes unter Leitung seines Lebensstils. Dort, wo man das Tastgefühl als so hoch entwickelt angesehen hat, wie z. B. bei Helen Keller und Laura Bridgeman, ist es so außerordentlich fein geworden auf Grundlage einer hart strebenden Übung. Ein hervorragender Histopathologe Frederick Tilney, hat das Tastgefühl bei beiden untersucht und gefunden, daß es an sich nicht anders ist wie in der Norm. Beide können nur mehr damit ausrichten. Die Sehschärfe kann bei verschiedenen Menschen die gleiche sein, aber der eine kann sie viel besser verwenden. So ist auch die Möglichkeit des sozialen Interesses angeboren, aber wie weit er es entwickelt, was einer daraus macht, wieviel er damit ausrichtet, ist verschieden. Diese aus der individualpsychologischen Erfahrung gewonnene Tatsache wird über kurz oder lang die Auffassung der Erbpsychologie in unserem Sinne verändern.
Nun wäre die Möglichkeit gegeben, das soziale Interesse des Kindes bis zu einer solchen Stufe zu entwickeln, genügend, um den Widerstand gegen Versuchungen aller Art zu verstärken (nicht, um Wünsche zu unterdrücken, sondern sie in die Richtung allgemeiner Nützlichkeit zu lenken). Diese Versuchungen wirken sich bei Menschen mit verzärteltem Lebensstil viel stärker aus, sie empfinden ihr Wunschleben viel stärker und berechtigt, sodaß sie Fragen immer nur im Sinne einer persönlichen Überlegenheit lösen möchten. Das ganze Untersuchungsmaterial der Freudschen Psychoanalyse und alle ihre übertreibenden Erfahrungen beziehen sich ja auch auf den verzärtelten Lebensstil, ohne als dahingehörig erkannt worden zu sein. Auch die Beliebtheit dieser Schule in manchen Kreisen, das in ihr steckende Ressentiment, weisen auf die Aufnahmsbereitschaft des verzärtelten Lebensstils hin, der als richtig empfindet, was aus der Sphäre des verzärtelten Lebensstils stammt. Man wird nun in erster Linie daran denken, daß es Aufgabe der Mütter wäre, die angeborene Möglichkeit des Gemeinschaftsgefühls zu kultivieren. Aber wir müssen uns gestehen, daß es ein sehr langwieriger, hoffnungsloser Prozeß wäre, alle oder die meisten Eltern zu guten Erziehern zu machen. Ich glaube, so viele individualpsychologische Lehrer oder ähnlich gerichtete gibt es gar nicht, die da nachhelfen müßten. Was aber möglich wäre, ist, daß man die Schule für diese Aufgabe gewinnt und die vorhandenen Schwächen des Gemeinschaftsgefühls der Kinder beim Schuleintritt in den Kauf nimmt. Die Aufgabe der Schule wäre es dann, Kinder so zu erziehen, daß sie mit genügend entwickeltem Gemeinschaftsgefühl die Schule verlassen. Ich würde nichts dagegen einzuwenden haben, wenn maßgebende Leute ein Gesetz schaffen würden, nach welchem kein Kind die Schule verlassen dürfte, bevor man nicht sicher ist, daß es sich im Leben nützlich erweisen wird, daß sein Interesse für die anderen genügend entwickelt ist. Das setzt freilich neue Aufgaben für die Lehrer. Aber wir sind geneigt, den Lehrer als denjenigen anzusehen, der dem Erziehungswesen am nächsten steht. Übrigens würde sich auch herausstellen, daß Kinder, die in der Richtung eines entwickelten sozialen Interesses vorwärtsgehen, sich zum Wohle der Allgemeinheit zu entwickeln trachten, auch in den Lehrgegenständen viel mehr leisten würden. Denn die Leistungen in der Schule würden dann auch eine Vorbereitung für später sein, sich nützlich zu machen. Wie aber soll sich ein Schüler mit den Lehrgegenständen befreunden, dem es ferne liegt, sich nützlich zu machen? Die Gereiftheit eines Lehrers könnte so weit reichen, den Kindern klarzumachen, wozu sie dieses oder jenes lernen müssen, zu erfassen, welches Kind ein Mit-, Neben- oder Gegenmensch ist. Er würde sehr bald diese Kunst erlernen, sowie wir es in vielen Fällen erfolgreich versucht haben, sie den Lehrern beizubringen. Er würde bald herausbekommen, was notwendig ist, einem Kinde zu helfen, damit es auf den Weg allgemeiner Nützlichkeit kommt, sich nicht wie in Feindesland glaubt, sein Glück darin sucht, mitzutun, mitzuleben, mitzuarbeiten. Nur auf diesem Wege wäre eine spätere Generation imstande, die großen Fragen des Lebens zu lösen, den Zusammenhang mit den anderen Menschen richtig zu gestalten, den Beruf so weit auszugestalten, daß der Nutzen für die anderen zutage tritt, das Problem der Liebe so zu lösen, daß glückliche Ehen auf der Basis der Ebenbürtigkeit der Geschlechter, unter endgültiger Entscheidung beider Partner zustandekommen. Das Kind zum Mitarbeiter zu machen, es zu einer Hilfe und nicht zu einer Bürde werden zu lassen, und dies vom Beginn seines Lebens, könnte sobald allgemeine Erziehungstradition werden.
Wenn einer noch zweifelt, ob diese Untersuchung auch wirklich zeigt, daß der Verbrecher zu wenig Gemeinschaftsgefühl besitzt und infolgedessen die großen Fragen des Lebens nicht lösen kann, will ich auf zwei Punkte hinweisen. 50% aller eingelieferten Delinquenten sind ungelernte Arbeiter. D. h., daß sie schon als Kinder nicht mitgegangen sind, daß sie nicht dazu zu bringen waren, sich so weit zu entwickeln, um einen Beruf ausüben zu können. Eine andere Erscheinung, die ebenfalls zum Nachdenken anregt, ist, daß 50% aller Verbrecher an Geschlechtskrankheiten leiden, ein Beweis, daß sie nicht in der Lage sind, die Liebesfrage in normaler Weise als Aufgabe für zwei ebenbürtige Personen zu lösen. Geschlechtskrankheiten sind ja die Folge davon, daß einer die Sexualität als eine Aufgabe für eine, seine eigene Person betrachtet, während sie eine Aufgabe für zwei Personen ist, die nur gelöst werden kann, wenn jeder genügendes Interesse für seinen Partner hat.
Diese beiden Hinweise sind starke Bestätigungen für meine Auffassung. Ich möchte zum Schlusse Folgendes sagen: Es ist keine Frage, daß die Menschheit auf dem Wege, den die Individualpsychologie vorschlägt, außerordentlich viel zu gewinnen hat. Ich bin wegen der damit verbundenen ökonomischen Frage nicht besorgt. Ich weiß, daß die Kosten für den Strafvollzug tausendmal größer sind, als es kosten würde, bei den Kindern anzufangen und sie zu Mitmenschen zu machen. Das ist ein Gesichtspunkt, der einleuchten sollte. Die Kosten einer solchen Vorbeugungsaktion wären nicht so groß, daß nicht selbst der ärmste Staat sie aufbringen könnte. Auch die Zeit, bis die Lehrer dieser Aufgabe gewachsen wären, ist nicht groß. Wir sahen z. B. in Wien eine große Anzahl von Lehrern, die sicherlich schon die Reife zu dieser Arbeit erworben hatten. Andere wären leicht dazu zu bewegen, wenn sie den großen Vorteil für ihren Stand sehen würden, wie sie sich zu den Führern der Menschheit gesellen könnten, wie sie es in der Hand hätten, das Leben der künftigen Generation besser zu gestalten. Für den Beruf des einzelnen Lehrers wäre diese Ergänzung eine ungeheure Erleichterung. Eine gemeinschaftstüchtige, mutige Kinderschar heranzubilden ist sicher leichter, als eine Anzahl von fehlerhaften Kindern Jahre hindurch ins Schlepptau zu nehmen. Dazu kommt noch, daß ich bei schärfstem Zusehen nicht finden kann, wie solche Maßregeln Forderungen politischer oder religiöser Art des Staates beeinträchtigen könnten. Ich kann mir unter jeder Form einer Staatsführung eine derartige Erhöhung des Gemeinschaftsgefühls vorstellen, die ja jede größere Strömung in ihrem Programm hat. Sollten sich vielleicht auch noch Stimmen erheben, warum eigentlich nur die Individualpsychologie an diesem Werk beteiligt sein sollte, nicht auch andere psychologische Schulen, die glauben, dasselbe leisten zu können, so muß ich sagen, wir Individualpsychologen sind weitherzig genug, auch ihnen die Möglichkeit einzuräumen, zu zeigen, was sie in der Heranbildung derartiger geeigneter Lehrer leisten können. Kurz, ich sehe keinen Grund, warum man diese außerordentlich fruchtbare Idee nicht in die Wirklichkeit umsetzen sollte.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es nicht genug ist, daß einer recht hat, daß es manchmal sogar von Nachteil ist. Obwohl ich und vielleicht auch Sie durchdrungen sind davon, daß es ein lebenswichtiger Weg wäre, daß das Wohl der ganzen Menschheit davon abhängt, ich glaube nicht, daß wir durchsetzen werden, was uns so notwendig erscheint. Dies darf uns nicht hindern, darüber nachzudenken und Geschehnisse, wie das Verbrechensproblem von diesem Standpunkt aus zu betrachten. Wir haben lange Zeit daran gearbeitet; ich glaube, daß wir mit guten Resultaten gesegnet waren. Hier ist nicht nur Theorie zu sehen, ein außerordentlich praktisch zu nehmendes Problem ist lösbar, was nicht sagt, daß es wirklich auch gelöst werden wird. Aber es ist immer so, wenn man einen Weg gefunden hat, der sich von den Wegen anderer unterscheidet. Auch in der Entwicklung der Technik war es so, auch die erste Dampfmaschine, der erste Eisenbahnzug wurde als ein Feind betrachtet; nicht wenige Wissenschaftler waren es, die erklärten, wenn einer mit einer solchen Maschine fährt, muß er verrückt werden. Es hat sich gezeigt, daß die Menschen noch andere Geschwindigkeiten aushalten. Wenn man vielleicht glaubt, daß auf dem Weg, den wir gehen wollen, die Kinder Kopfweh bekommen könnten, so ist das ein ähnlicher Einwand.
Wir sind verpflichtet, Erfahrungen, die wir als stichhältig ansehen, die wir genau geprüft haben, nicht bei uns zu behalten, nicht zu verheimlichen, wir müssen darüber reden, wir müssen auffordern, nachzuprüfen. Wenn diese Arbeit auch nur den einen Erfolg hat, daß man nachprüfen wird, wie weit diese Auffassungen stimmen, wie weit es notwendig wäre, von diesem Standpunkt aus vorzugehen, so werden wir uns angesichts der Trägheit der menschlichen Entwicklung trösten müssen, daß wir das getan haben, was wir tun zu müssen glauben. Daß bei diesem tieferen Verständnis Anschauungen wie die der einseitigen Erbpsychologie, der nur raumgebenden Umweltstheorie, der Drüsenmythologie und der Freud’schen Sexualtheorie des Verbrechens einer schweren Prüfung auf ihren wahren Wert oder Unwert ausgesetzt sein werden, wird sich als weiterer Vorteil erweisen. Daß auch die Diagnostik des Schwachsinns, die, soweit es sich um leichte Fälle handelt, auf schwachen Füßen steht, dabei gewinnen wird, läßt sich mit Sicherheit voraussehen.
Fuente: transcripción a partir del ejemplar digitalizado en Internet Archive del número 4 (octubre-diciembre de 1935) de la Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 13. Jg., S. 197-206 (fichero local 1935-12_Internationale-Zeitschrift-Individualpsychologie_Jg13-H4_Vorbeugung-der-Delinquenz__archive.pdf; el PDF carece de capa de texto). Se partió del OCR de archive.org (.txt del mismo fichero), corregido página por página con las imágenes. Se conservan la ortografía y las particularidades del impreso (Verbrechungsneigung, Laura Bridgeman, stürzen en S. 202, quizá errata por stützen; falta de comillas de cierre en la cita de Napoleón, S. 201). Las cursivas reproducen la cursiva del original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.