Zum Thema: Sexuelle Perversionen12

Von Dr. Alfred Adler

Ich hoffe, Sie werden nicht enttäuscht sein, wenn ich über das Thema, das ich heute besprechen will, nur eine schematische Darstellung gebe. Ich darf es um so eher tun, weil der größte Teil von Ihnen mit den Grundanschauungen der Individualpsychologie vertraut ist, so daß Sie das spurweise Anklingen eines Problems so auffassen werden, wie eine ausführliche Behandlung desselben. Hier kommt es vielmehr darauf an, Ihnen den Einklang unserer Weltanschauung mit der Struktur der sexuellen Perversion zu zeigen. In unserer Zeit ist das keine ungefährliche Angelegenheit, denn gerade heute ist die Strömung übermächtig, die die sexuellen Perversionen auf angeborene Faktoren zurückführt. Das ist so bedeutsam, daß man diesen Gesichtspunkt nicht aus den Augen lassen darf, da es sich nach unserer Anschauung um Kunstprodukte handelt, die in die Erziehung eingeflossen sind, ohne daß der Betroffene es weiß. Daraus sehen Sie den großen Gegensatz, in dem wir zu anderen stehen, und die Schwierigkeiten, die uns nicht erleichtert werden, wenn andere, wie z. B. Kraepelin, eine ähnliche Auffassung betonen.

Um unser Verhältnis zu anderen zu beleuchten, will ich einen Fall erzählen, der nicht sexuelle Perversionen betrifft oder sie nur von fern berührt. Es handelt sich um eine Frau, die in glücklicher Ehe lebt und zwei Kinder hat. Sie steht seit sechs Jahren im Kampf mit ihrer Umgebung. Es handelt sich um folgendes Problem: sie behauptet, daß eine langjährige Freundin, die sie schon seit ihrer Kindheit kennt, die sie wegen ihrer Fähigkeiten bewundert hatte, sich seit sechs Jahren als herrschsüchtige Frau entpuppt und immer auf Quälereien aus ist. Sie selbst hat darunter am meisten zu leiden und führt eine Anzahl von Beweisen dafür an, die von den anderen geleugnet werden. Sie behauptet: es könnte sein, daß ich in manchen Dingen zu weit gegangen bin, aber im Grunde habe ich doch recht. Vor sechs Jahren hat diese Freundin in Abwesenheit einer anderen Freundin abfällige Bemerkungen über letztere gemacht, während sie in deren Anwesenheit immer die Liebenswürdige spielte. Sie fürchtet nun, daß die Freundin auch ähnliche Bemerkungen über sie machen könnte. Ein anderer Beweis: die Freundin bemerkte: „Der Hund ist zwar gehorsam, aber dumm.“ Dabei warf sie einen Blick auf unsere Patientin, der sagen sollte: „So wie Du.“ Sie können sich denken, daß die Umgebung der Patientin über diese Darstellung, der sie kein Gewicht beilegt, außerordentlich entrüstet war und fest auf Seite der Angeschuldigten stand. Den anderen gegenüber zeigte sich diese Frau von der schönsten Seite. Zur Bekräftigung ihrer Anschauung sagte die Patientin: „Seht doch nur, wie sie ihren Hund behandelt. Sie quält ihn, und läßt ihn Kunststücke machen, die dem Hund ungeheuer schwer fallen.“ Die Umgebung meinte: „Das ist doch nur ein Hund, das kann man nicht mit dem Verhalten zu Menschen vergleichen, zu Menschen ist sie gütig.“ Die Kinder meiner Patientin hingen sehr an der Freundin und stellten sich gegen die Anschauung der Mutter. Auch der Mann leugnete, daß eine andere Auffassung möglich sei. Die Patientin fand immer neue Beweise für die Herrschsucht der Freundin, die sich besonders gegen sie richteten. Ich stand nicht an, der Patientin zu erklären, daß ich den Eindruck habe, daß sie recht habe. Sie war begeistert. Es ergab sich dann noch manches, was für die Herrschsucht der Frau sprach, und mein Eindruck wurde mir schließlich von dem Mann bestätigt. Da sah man auf einmal: die arme Frau hat ja recht, sie macht nur einen schlechten Gebrauch davon. Anstatt zu verstehen, daß es so etwas wie verkappte Herabsetzungstendenz gibt, und daß man einem Menschen etwas zugute halten muß, wandte sie sich vollkommen gegen diese Frau, fand alles tadelnswert und ärgerte sich. Sie hatte eine feinere Epidermis, sie konnte besser erraten, wenn auch nicht verstehen, was in der Freundin vorgeht.

Was ich damit sagen will, ist: es ist oft das Fatalste in der Welt, wenn man recht hat. Es klingt überraschend — Sie werden es vielleicht in Ihrem eigenen Leben finden, daß Sie recht gehabt haben und daß daraus Unheil entsprungen ist. Sie brauchen nur daran zu denken, was geschehen könnte, wenn diese Frau jemandem in die Hände fällt, der nicht eine feine Epidermis hat; er würde von Querulantenwahn, paranoiden Ideen sprechen und würde sie so behandeln, daß es ihr immer schlechter gehen würde. Es ist schwer, wenn man recht hat, es aufzugeben. In diesem Falle befinden sich alle Forscher, die überzeugt sind, recht zu haben und sich nun verteidigen müssen. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn auch um unsere Anschauungen große Kämpfe entbrennen. Wir müssen uns nur hüten, recht zu haben und einen schlechten Gebrauch davon zu machen: Wir wollen uns dadurch nicht irritieren lassen, wenn es so viele Forscher gibt, die unsere Anschauungen bekämpfen. In der Wissenschaft muß man außerordentlich viel Geduld haben. Wenn heute in bezug auf die sexuellen Perversionen der Hereditätsgedanke vorwaltet, ob es sich um einfache Hereditarier handelt, die vom dritten Geschlecht sprechen oder davon, daß das andere Geschlecht einem eingeboren ist oder um solche, die davon sprechen, daß angeborene Faktoren zur Entfaltung kommen und daß man da nichts machen könne oder ob man von angeborenen Komponenten spricht, alle diese Faktoren können uns nicht bestimmen, unsere Anschauung zu verlassen. Es zeigt sich, daß die Organiker beim Suchen nach organischen Veränderungen, nach organischen Anomalien außerordentlich schlecht abschneiden.

Was die Homosexualität anbelangt, möchte ich Ihnen eine Mitteilung vorlegen, die im vorigen Jahr erschienen ist, und die jenes Problem betrifft, das 1927 aufgeworfen wurde, als Laqueur fand, daß man im Harn aller Menschen Hormone des anderen Geschlechts findet. Wer nur schwach in unserer Anschauung ist, auf den wird dieses Faktum überraschend wirken. Er könnte sich denken, wenn sich Perversionen entwickeln, stammen sie aus der Zweigeschlechtlichkeit. Die Untersuchungen von Bran an neun Homosexuellen haben ergeben, daß sich dieselben Hormone bei ihnen gefunden haben wie bei Nichthomosexuellen. Das ist ein Schritt vorwärts in unserer Richtung. Die Homosexualität hängt nicht von den Hormonen ab.

Ich will Ihnen heute ein Schema vorlegen, mit dem Sie alle Richtungen der Psychologie einteilen können. Es gibt Besitzpsychologien, die sich damit befassen, festzustellen, was ein Mensch auf die Welt mitbringt und besitzt, die aus diesem Besitz alles Seelische ableiten wollen. Vom Standpunkt des common sense ist das eine fatale Angelegenheit. Sonst ist man im Leben nicht geneigt, alle Folgerungen aus dem Besitz zu ziehen, sondern daraus, welchen Gebrauch er von dem Besitz machen kann. Uns interessiert der Gebrauch vielmehr als der Besitz. Wenn einer ein Schwert besitzt, so ist nicht damit gesagt, daß er damit den richtigen Gebrauch macht; er kann es wegwerfen, kann dreinhauen, es schleifen usw. Uns interessiert der Gebrauch. Deshalb möchte ich sagen: es gibt andere Richtungen der Psychologie, die man als Gebrauchspsychologien betrachten müßte. Die Individualpsychologie, die die Stellungnahme eines Menschen zu den Lebensfragen berücksichtigt um ihn zu verstehen, berücksichtigt den Gebrauch. Für richtig denkende Menschen brauche ich nicht hinzuzufügen, daß niemand einen Gebrauch machen kann, der über seine Fähigkeiten hinausgeht, daß er immer im Rahmen menschlicher Fähigkeiten bleibt, über deren Tragweite wir nichts Endgültiges aussagen können.

Bezüglich des Gebrauchs der Fähigkeiten ist zu sagen: es war eigentlich der stärkste Schritt, den die Individualpsychologie gemacht hat, daß sie das Bewegungsgesetz im Seelenleben eines Menschen als das Ausschlaggebende für seine Eigenart erklärt hat. Obgleich es notwendig war, die Bewegung einfrieren zu lassen, um sie als Form zu sehen, haben wir immer alles vom Gesichtspunkt aus, daß alles Bewegung ist, gesehen und gefunden, daß es so sein muß, um zur Lösung von Fragen, zur Überwindung von Schwierigkeiten zu gelangen. Da kann man nicht sagen, daß das Lustprinzip dem widersprechen würde; auch das Streben nach Lust ist die Überwindung einer Unlustempfindung. Wenn das richtig ist, dann werden wir die sexuellen Perversionen auch in diesem Licht sehen müssen. So wird erst einmal das Feld der Bewegung beleuchtet, wie es die Individualpsychologie verlangt. Ich möchte betonen, daß wenn wir dabei zu Formeln, Grundanschauungen der Struktur der Neurose kommen, für den einzelnen Fall damit lange nicht genug getan ist. Jeder einzelne Fall stellt etwas Einmaliges dar, etwas nie Wiederkehrendes. Wenn man z. B. an eine Therapie geht, ist es zu verwerfen, mit allgemeinen Redensarten vorzugehen. Aus der Tatsache der Gebrauchspsychologie folgt, daß das Individuum, losgelöst aus dem normalen, sozialen Verband, nichts von seiner Eigenart verraten könnte. Wir werden erst über seine Eigenart etwas aussagen können, wenn wir es einer Prüfung unterwerfen und nun den Gebrauch seiner Fähigkeiten beobachten können. In diesem Sinn ist die Individualpsychologie der viel engeren Experimentalpsychologie angenähert, nur daß das Leben hier die Experimente anstellt. Die exogenen Faktoren, die sich vor das Individuum stellen, sind für unsere Betrachtung von größter Bedeutung; wir müssen verstehen lernen, welche Bezogenheit gerade dieses einmalige Individuum zu dem bevorstehenden Problem hat. Wir müssen zwei Seiten betrachten und lernen, in welcher Art dieses Individuum sich gegenüber dem äußeren Problem bewegt. Wir suchen, wie es Herr zu werden trachtet über das Problem. Die Gangart, das Bewegungsgesetz des Individuums einer stets sozialen Aufgabe gegenüber ist das Beobachtungsfeld der Individualpsychologie. Wir stehen hier vor millionenfachen Verschiedenheiten. Man kann sich in der ungeheuren Verschiedenheit nur zurechtfinden, wenn man vorläufig etwas Typisches annimmt, im sicheren Bewußtsein, daß das, was man als typisch annimmt, immer Varianten zeigt. Das Verständnis für das Typische beleuchtet nur das Untersuchungsfeld, und nun beginnt die schwierige Aufgabe, das Individuelle zu suchen. Dazu gehört eine feine Epidermis; man kann sie auch erwerben. In diesem Bewegungsgesetz, das wir wahrnehmen, können wir vier typische Formen unterscheiden, die ich in meinen zwei letzten Arbeiten in dieser Zeitschrift beschrieben habe.

Abgesehen von den anderen Bewegungsformen Aufgaben des Liebeslebens gegenüber finden wir bei den Perversionen in auffallender Weise die verengerte Aufmarschbreite. Es zeigt sich, daß die normale Aufmarschbreite nicht vorhanden ist, daß sie außerordentlich eingeengt ist, daß nur ein Teil des Problems gelöst wird, wie z. B. beim Fetischismus. Wichtig ist auch, zu verstehen, daß alle diese Bewegungsformen auf ein Ziel der Überwindung von Minderwertigkeitsgefühlen gerichtet sind. Wenn wir die Bewegung betrachten, den Gebrauch, den einer von seinen Fähigkeiten macht, wobei ihn seine Meinung leitet, der Sinn, den er dem Leben unterschiebt ohne es zu missen, ohne es in Worte und Begriffe gebracht zu haben, wenn wir von diesem Standpunkt ausgehen, können wir erraten, welches Ziel der Überwindung ihm vorschweben muß, welche Genugtuung, die ihm als Überwindung erscheint, wenn er sich dem Liebesproblem nicht ganz hingibt, in einer Distanz bleibt oder langsamer vorgeht und die Zeit vertrödelt. Da kann man auf das Beispiel des Fabius Maximus Cunctator hinweisen, der die Schlacht gewonnen hat, weil er lange gezögert hat. Dieses Ziel der Überwindung wird auch klar in den sexuellen Neurosen (Frigidität, Ejaculatio praecox usw.). Das Problem wird berührt, aber in einer Distanz, in zögernder Haltung, ohne Kooperation, was nicht zur Lösung des Problems Anlaß gibt. In dieser Bewegungsform finden wir auch die Tendenz zur Ausschaltung, die am stärksten bei der reinen Homosexualität zutage tritt. Auch in anderen Fällen ist sie wirkend, wie beim Fetischismus und Sadismus. In letzterem finden wir eine starke Aggression, die nicht zur Lösung des Problems führt und können eine eigenartige Form des Zögerns, der Ausschaltung wahrnehmen, in der eine Sexualerregung zur Unterdrückung des andern führt, einen starken Ansturm, der zu einer mangelhaften Lösung eines Problemes Anlaß gibt. Ebenso beim Masochismus, bei dem das Ziel der Überlegenheit in zweierlei Richtungen verstanden werden muß. Es ist klar, daß der Masochist seinem Partner Befehle gibt und daß er sich trotz seines Schwächegefühls als Befehlshaber des anderen empfindet. Gleichzeitig schaltet er die Möglichkeiten einer Niederlage bei normaler Aufmarschbreite aus. Er kommt durch einen Trick zur Überwindung der ängstlichen Spannung.

Wenn wir die individuelle Stellungnahme des Individuums betrachten, so finden wir folgendes: wenn einer eine bestimmte Bewegungsform einhält, ergibt es sich von selbst, daß er andere Formen der Lösung des Problems ausschaltet. Diese Ausschaltung ist keine zufällige; ebenso wie dieser Bewegungsvorgang trainiert ist, so ist auch die Ausschaltung trainiert. Es gibt keine sexuelle Perversion ohne Training. Das sieht freilich nur der, der auf die Bewegung achtet. Noch einen zweiten Gesichtspunkt werden wir scharf hervorheben müssen. Der normale Bewegungsvorgang wäre der, auf ein Problem loszugehen, um es in seiner Gänze zu lösen. Wir finden diese Vorbereitung gar nicht, wenn wir die vorhergehende Bewegung des Individuums betrachten. Da finden wir bis in die ersten Kinderjahre, in denen ein Prototyp gebildet wird aus angeborenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, angeregt durch Einflüsse von außen. Was aber dieses Kind aus allen Einflüssen und dem Erlebnis seiner Organe macht, können wir nicht wissen. Hier arbeitet das Kind im Reiche der Freiheit mit eigener schöpferischer Kraft. Man findet Wahrscheinlichkeiten in Hülle und Fülle; ich war immer bemüht sie hervorzuheben und gleichzeitig ihre kausale Bedingtheit zu leugnen. Es ist nicht richtig, daß ein Kind, das mit einer Schwäche der endokrinen Organe zur Welt kommt, ein Neurotiker werden muß, aber es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß sich im allgemeinen gewisse Erlebnisse in annähernd ähnlicher Richtung auswirken, wenn nicht die richtigen erzieherischen Einflüsse zugunsten des sozialen Kontaktes wirksam werden. Auch die Einflüsse des Milieus sind nicht solche, daß wir voraussagen könnten, was das Kind daraus machen wird. Hier gibt es tausend Möglichkeiten im Reiche der Freiheit und des Irrtums. Jeder wird einen Irrtum gestalten, weil niemand der absoluten Wahrheit habhaft werden kann. Es zeigt sich folgendes: der Prototyp muß, um ein annähernd normaler Mensch zu werden, mit einem gewissen Impuls zur Mitarbeit versehen sein. Es hängt die Entwicklung eines Menschen davon ab, wieviel von dem Kontaktgefühl in seinem 3., 4., 5. Lebensjahr entwickelt ist. Dort schon zeigt sich der Grad der Anschlußfähigkeit. Wenn Sie die Fehlschläge daraufhin betrachten, so sehen Sie, daß alle fehlerhaften Bewegungsformen aus einem Mangel an Kontaktfähigkeit zu erklären sind. Noch mehr, wegen seiner Eigenart ist der Betreffende gezwungen gegen jede andere Form zu protestieren, für die er nicht vorbereitet ist. Wir müssen im Urteil gegen diese Menschen tolerant sein, weil sie es nicht gelernt haben, das genügende Maß von sozialem Interesse zu entwickeln. Wer dies verstanden hat, versteht auch, daß das Liebesproblem ein soziales Problem ist, das nicht gelöst werden kann von einem, der für den anderen wenig Interesse aufbringt, auch nicht gelöst werden kann von einem, der es nicht in sich trägt, daß er an der Entwicklung der Menschheit mitbeteiligt ist. Der wird ein anderes Bewegungsgesetz haben als ein solcher, der zur Lösung der Liebesfrage geeignet ist. So können wir von allen Perversen feststellen, daß sie nicht zu Mitgehenden geworden sind.

Wir können auch die Fehlerquellen herausfinden, die uns verstehen lassen, warum das Kind im Mangel an Kontaktfähigkeit steckengeblieben ist. Diejenige Erscheinung im gesellschaftlichen Leben, die am stärksten Anlaß gibt zur mangelhaften Kontaktfähigkeit ist die Verwöhnung. Verwöhnte Kinder haben Kontakt nur mit der verwöhnenden Person und sind infolgedessen genötigt, alle anderen Personen auszuschalten. Für jede einzelne Perversion sind noch andere Einflüsse nachzuweisen. Man kann sagen: hier hat dieses Erlebnis auf das Kind so eingewirkt, daß es sein Bewegungsgesetz so gestaltet hat, daß es die Frage seiner Beziehung zum anderen Geschlecht in dieser Richtung durchgeführt hat. Alle Perversionen zeigen ihr Bewegungsgesetz nicht nur dem Liebesproblem gegenüber, sondern bei allen Prüfungen, für die sie nicht vorbereitet sind. Deswegen finden wir bei sexuellen Perversionen alle Charakterzüge der Neurose, wie Überempfindlichkeit, Ungeduld, Neigung zu Affektausbrüchen, der Gier, wie sich ja auch alle Perversen damit rechtfertigen, daß sie wie unter Zwang stehen. Es ist eine gewisse Besitzgier, die darauf ausgeht, den Plan, der ihnen durch ihre Eigenart gegeben ist, durchzuführen, so daß man den Protest gegen eine andere Form außerordentlich stark findet, so stark, daß für den anderen auch Gefahren nicht ganz ausgeschlossen sind (Lustmord, Sadismus).

Ich möchte Ihnen heute zeigen, wie die Beobachtung des Trainings für eine bestimmte Form der sexuellen Perversion zu eruieren ist, wie sie uns zeigt, daß gewisse Perversionen entstehen müssen auf Grund eines solchen Trainings. Man muß das Training nicht am Material suchen, man muß verstehen, daß das Training auch gedanklich und im Traum durchgeführt werden kann. Das ist ein starker Hinweis der Individualpsychologie, weil viele glauben, daß z. B. ein perverser Traum ein Beweis für angeborene Homosexualität ist, während wir aus unserer Auffassung des Traumlebens feststellen können, daß dieser homosexuelle Traum zum Training gehört, genau wie er dazu gehört, das Interesse für das gleiche Geschlecht zu entwickeln, das andere auszuschalten. Dieses Training möchte ich Ihnen heute zeigen, in einer Zeit, wo von sexuellen Perversionen noch nicht die Rede sein kann. Ich werde Ihnen zwei Träume vorlegen, um zu zeigen, daß man das Bewegungsgesetz auch im Traumleben findet. Wenn man mit individualpsychologischen Kenntnissen ausgestattet ist, wird man nicht davor zurückschrecken in jedem kleinen Bruchstück die ganze Lebensform zu erforschen. Wir müssen aber auch im Trauminhalt die ganze Lebensform finden. Ich möchte dem Gedanken Ausdruck geben, daß es uns so geht, wie bei einer Detektivarbeit. Wir sind nicht gesegnet mit allen Materialien, die wir zu unserer Aufgabe benötigen, wir müssen die Fähigkeit des Erratens außerordentlich steigern, um die Einheit des Individuums festzustellen.

Erster Traum: „Ich versetze mich in die zukünftige Kriegszeit. Alle Männer, sogar alle Knaben über zehn Jahre müssen einrücken.“ . . .

Aus dem ersten Satz kann der Individualpsychologe schließen, daß das ein Kind ist, welches sein Augenmerk auf die Gefahren des Lebens richtet, auf die Rücksichtslosigkeit der anderen.

. . . „Nun geschieht es, daß ich eines abends, als ich aus dem Schlaf erwache, sehe, daß ich mich im Spitalbett befinde. Am Bette sitzen meine Eltern.“

Aus der Auswahl des Bildes sieht man die Verwöhnung.

„Ich fragte sie, was los sei. Sie sagten, es sei Krieg. Sie wollten, daß mir der Krieg nicht so arg würde, deshalb haben sie mich operieren lassen, damit ich ein Mädchen werde.“

Daraus können Sie sehen wie die Eltern um ihn besorgt sind. Das heißt, wenn ich in Gefahr bin, so halte ich mich an meine Eltern. Das ist die Ausdrucksform eines verzärtelten Kindes. Wir werden keinen Schritt weitergehen, als wir unbedingt können. Wir haben die Verpflichtung bei unserer Arbeit so skeptisch wie möglich zu sein. Das Verwandlungsproblem taucht auf. Wenn Sie von wissenschaftlichen Versuchen absehen, die noch fraglich sind, so muß man sagen, es ist eine laienhafte Anschauung, daß sich ein Knabe in ein Mädchen verwandeln könnte. Hier beweist sie die Unsicherheit in Beziehung auf das Geschlechtsleben; es zeigt uns, daß der Träumer nicht ganz sicher ist in der Überzeugung von seiner Geschlechtsrolle. Das wird manchen überraschen, wenn er hört, daß es ein 12jähriger Junge ist. Sie werden beobachten können, wie er zu dieser Auffassung kommt. Ihm erscheint das Leben durch Aufgaben wie die des Krieges unannehmbar; er protestiert dagegen.

„Die Mädchen müssen nicht in den Krieg ziehen. Wenn ich einrücken müßte, könnte mir der Geschlechtsteil nicht weggeschossen werden, da ich ja keinen wie die Buben habe.“

Im Krieg könnte einer um den Geschlechtsteil kommen. Ein wenig einleuchtendes Argument zugunsten der Kastration.

„Ich kam nach Hause, doch wie durch ein Wunder hatte der Krieg aufgehört.“

Also war die Operation überflüssig. Was wird er nun tun?

„Vielleicht ist es nicht notwendig, daß ich mich wie ein Mädchen verhalte, vielleicht gibt es keinen Krieg.“

Sie sehen, er trennt sich nicht ganz von seiner Knabenrolle. Das müssen wir in seinem Bewegungsgesetz vermerken. Er trachtet ein Stückchen auf der männlichen Seite weiterzugehen.

„Zu Hause wurde ich sehr traurig und weinte viel.“

Kinder, die viel weinen, sind verzärtelte Kinder.

„Als meine Eltern mich fragten, warum ich weine, sagte ich, ich habe Angst, da ich zum weiblichen Geschlecht zähle, daß ich, wenn ich älter werde, Geburtswehen bekommen würde.“

Mit der weiblichen Rolle ist es auch nichts. Wir waren auf dem richtigen Wege, daß der Junge allen Unannehmlichkeiten ausweichen will. Ich habe bei sexuell Perversen gefunden, daß sie verzärtelte, oft in Unwissenheit gehaltene Kinder sind. Da kann es vorkommen, daß das Kind nicht weiß, ob es ein Knabe oder ein Mädchen ist . . . Was soll er machen? Auf der Männerseite gibt es keine Hoffnung, auf der anderen auch nicht.

„Am nächsten Tage gehe ich in meinen Verein, denn ich bin in Wirklichkeit in einem Pfadfinderverein.“

Wir können uns schon vorstellen wie er sich dort benehmen wird.

„Ich träumte, in unserem Verein ist ein einziges Mädchen. Das war abgesondert von den Buben.“

Suchen nach Trennung der Geschlechter.

„Die Buben riefen mich zu ihnen. Ich sagte: ich sei ein Mädchen, ging zu dem einzigen Mädchen. Mir kam es so sonderbar vor, daß ich kein Bub mehr sei und ich dachte nach, wie ich mich benehmen müßte als Mädchen.“

Auf einmal taucht die Auffassung auf: wie ich mich benehmen müßte als Mädchen.

Dies ist das Training. Nur wer das Training bei allen sexuellen Perversionen beobachtet hat, wie es erzwungen wird unter Ausschaltung der Norm, nur der versteht, daß die sexuelle Perversion ein Kunstprodukt ist, das jeder selber schafft, zu dem jeder angeleitet wird durch seine psychische Konstitution.

„Im Nachdenken wurde ich durch einen Krach gestört. Ich wachte auf und merkte, daß ich mit dem Kopf an die Wand geraten sei.“

Der Träumer hat auch oft die Haltung, die seinem Bewegungsgesetz entspricht. (Schlafstellung.) Mit dem Kopf an die Wand rennen, ist eine landläufige Redensart. Sein Verhalten mutet uns so an.

„Der Traum hat mir so einen Eindruck hinterlassen.“ . . .

Die Absicht des Traumes ist, einen Eindruck zu hinterlassen.

. . . „daß ich in der Schule noch im Zweifel war, ob ich ein Bub oder ein Mädel bin. In den Pausen mußte ich aufs Klosett gehen, um nachzuschauen, ob ich nicht doch ein Mädchen bin.“

Zweiter Traum: „Ich träumte, ich treffe das einzige Mädchen in unserer Klasse. Dasselbe Mädchen, von dem ich vorhin geträumt hatte. Sie wollte mit mir spazieren gehen. Ich antwortete ihr: ich gehe jetzt nur mit Buben. Sie sagte: ich bin auch ein Bub. Ich verlangte von ihr, da mir das nicht glaubhaft erschien, sie möge es mir beweisen. Da zeigte sie mir, daß sie einen Geschlechtsteil wie die Buben habe. Ich fragte sie wie das möglich sei. Sie erzählte mir, sie sei operiert worden. Bei den Buben war es leichter, sie in ein Mädchen zu verwandeln, umgekehrt ist das schwieriger, da mußte man etwas dazugeben. So hatte sie aus Kautschuk einen Knabengeschlechtsteil angenäht. Doch eben wurde unsere Diskussion durch ein lautes ‚Aufstehen‘ gestört. Meine Eltern haben mich aufgeweckt. Ich konnte nur mit Mühe und Not 5 Minuten Faulenzen erbitten, aber da ich kein Zauberer bin, konnte ich den Traum nicht wieder hervorrufen.“

Sie werden bei einem gewissen Typus von verwöhnten Kindern die Neigung für Zauberkunststücke finden; das Zaubern erscheint ihnen das Wichtigste, sie wollen alles ohne Anstrengung und Mühe haben.

Nun werden Sie hören wie der Junge versucht, sich diesen Traum zu erklären:

„Ich hatte in Kriegsbeschreibungen gelesen: Geschlechtsteile fliegen durch die Luft. Ich habe gehört, wenn man den Geschlechtsteil verliert, stirbt man.“

Sie sehen die Wichtigkeit, die der Junge dem Geschlechtsteil zumißt.

„Auf dem Titelblatt einer Zeitung habe ich gelesen: Zwei Hausgehilfinnen in zwei Stunden in Soldaten verwandelt.“

Es dürfte sich um eine Mißbildung der Geschlechtsorgane gehandelt haben, die verkannt wurde.

Zum Schluß möchte ich einem Gedanken Ausdruck geben, der alle Diskussionen auf eine einfache Basis stellt. Es gibt wirkliche Hermaphroditen, bei denen tatsächlich die Entscheidung schwer wird, ob man es mit Mädchen oder Knaben zu tun hat. Man überläßt ihnen den Gebrauch, den sie von dem Hermaphroditismus machen wollen. Bei den Pseudohermaphroditen finden wir Mißbildungen, die die Ähnlichkeit mit dem anderen Geschlecht vortäuschen. Tatsache ist, daß jeder Mensch spurweise Anteile des anderen Geschlechtes in sich trägt, wie auch Sexualhormone des anderen Geschlechts im Urin. Da kommt man auf einen Gedanken, der kühn erscheint: daß in jedem Menschen ein Zwilling steckt. Es gibt die verschiedensten Formen von Andeutung der Zwillingschaft, und das Problem der Gleichzeitigkeit zweier Geschlechtsformen im Menschen wird sich in der Zukunft im Zwillingsproblem auflösen. Wir verstehen, daß jeder Mensch aus männlichem und weiblichem Material geboren wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir bei der Zwillingsforschung auf Probleme stoßen, die uns bezüglich des Hermaphroditismus, der in jedem Menschen angedeutet ist, größere Klarheit geben.

Bezüglich der Behandlung: Sie werden immer hören, daß eine Perversion unheilbar ist. Unmöglich ist die Heilung nicht, aber schwer. Die Schwierigkeit der Heilung erklärt sich daraus, daß es Menschen sind, die im Verlaufe des Lebens auf die Perversion trainiert haben, weil sie ein eingeengtes Bewegungsgesetz haben, das ihnen den Verlauf vorschreibt. Sie müssen in dieser Richtung gehen, weil sie von frühester Jugend an den Kontakt nicht gefunden haben, um den richtigen Gebrauch von Körper und Seele zu machen. Der richtige Gebrauch kann nur unter Voraussetzung eines entwickelten Gemeinschaftsgefühles gemacht werden.


Fuente: Alfred Adler, «Zum Thema: Sexuelle Perversionen», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 10 (1932), S. 401-409 (según la paginación del volumen, que empieza cada cuaderno en S. 1, 81, 161, 241, 321 y 401, el sexto y último cuaderno del año). Transcripción a partir del volumen completo de 1932 en la reimpresión de Swets & Zeitlinger (Ámsterdam, 1968) digitalizado en archive.org (PDF, págs. 407-415): capa de texto OCR cotejada página a página con la imagen. Las cursivas reproducen las del original. Erratas del impreso respetadas: «missen» por «wissen» (S. 404) y el nombre «Bran» (S. 403); se ha unido sin indicarlo la sílaba duplicada en el corte de línea «er-erzählen» (S. 401). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Vortrag, gehalten im Akademischen Verein für medizinische Psychologie in Wien. ↩

  2. S. auch Adler: Das Problem der Homosexualität. Verlag S. Hirzel, Leipzig, 1930. ↩