Rauschgift1
Von Dr. ALFRED ADLER
Das Problem: die psychischen Lebensformen des Morphinisten und Alkoholikers, stellt mich vor keine leichte Aufgabe. Es ist für mich um so schwerer, als mein Material nicht gerade übermäßig groß ist. Nicht allzu oft habe ich die Möglichkeit, tiefer in die psychische Entwicklung eines Morphinisten oder Alkoholisten einzudringen, um seinen Lebensstil, seine Grundmelodie aufzubauen, und als ich heute daranging, in meiner Erinnerung die in ihrer Ganzheit erfaßten Fälle zu sammeln, brachte ich kein allzu großes Material zutage. Man wird also von mir eine extensive Bearbeitung dieses Materials von Patienten nicht erwarten dürfen, vielleicht aber das Resultat einer intensiven Bearbeitung einzelner Fälle. Ich werde uns auch durchaus nicht aufhalten mit einer Schilderung oder einem Hinweis auf die Schädigung, auf die organischen Benachteiligungen, auf das soziale Verhalten, auf den Druck, der auf der ganzen Bevölkerung lastet, die für all die Kranken Sorge tragen muß, usw. Ich möchte vielmehr nur jene Gesichtspunkte in Erwägung ziehen, die mir als Individualpsychologen wichtig erscheinen, um einen Patienten, den man auf irgendeine Weise von seiner Gewohnheit, Rauschgifte zu nehmen, befreit hat, wieder dem Leben zurückzugeben und ihn lebensstark und arbeitsfähig zu machen, Fähigkeiten, die er ganz oder teilweise eingebüßt hat. Es darf uns nicht wundern, daß die Individualpsychologie auf diesen Punkt so viel Wert legt, denn schließlich und endlich würden wir uns ja mit dieser ganzen Frage nicht so plagen, wenn es sich nicht zeigen würde, daß die Beziehungen des Individuums zu den Aufgaben des Lebens durch Rauschgifte gestört werden. Erscheinungen, die freilich den Betreffenden, der an Morphinismus oder Alkoholismus leidet, nicht allzu sehr bedrücken, weil er diesen Punkt weniger ins Auge faßt und ihm weniger Gewicht beimißt, während wir finden, wir können das Rauschgiftproblem nur verstehen, wenn wir dabei die Bezogenheit des ganzen Individuums zu den mehr oder weniger gleichbleibenden Fragen des Kulturlebens ins Auge fassen. Das ist der Standpunkt der Individualpsychologie in allen Fragen psychischer Fehlschläge, und insofern ist die Individualpsychologie berechtigt, auch in der Frage der Rauschgifte ihren Standpunkt in die Diskussion hineinzutragen und darauf zu achten, welcher Typus von Mensch es eigentlich ist, der dem Morphinismus und Alkoholismus bei seiner Ablehnung der „Leistung“ verfällt. Es ist für mich keine Frage, daß es Menschen gibt, die absolut nicht zu bewegen wären, Morphinisten oder Alkoholisten zu werden, obgleich die Grenzen der Möglichkeiten sich unter dem Druck äußerer Verhältnisse außerordentlich verschieben können. Aber wir müssen doch immer die Spannung ins Auge fassen, die zwischen der Validität des Individuums und der ihm bevorstehenden Aufgabe erscheint, und da möchte ich, da wir uns hier noch in der allgemeinen Diagnostik befinden, das allgemeine Schema der Individualpsychologie charakterisieren, wie wir uns der Erkenntnis eines solchen Menschen zu nähern trachten. Für uns ist das Maßgebende, in erster Linie festzustellen: In welcher Situation hat der Mißbrauch begonnen? Denn wenn es uns gelingt, hier Klarheit zu schaffen, ganz genauen Einblick zu bekommen, was sich in dieser Situation abgespielt hat, dann finden wir die Frage beantwortet, die lautet: Für welche Situation war der Patient nicht vorbereitet? Es ergibt sich dabei der Eindruck, daß er auf seinem Lebensweg eine Strecke vorwärtsdringt und nun auf ein Problem stößt, dem er auszuweichen sucht. Das Ausweichen aber ist bei dem Morphinisten und Alkoholiker eine auffallende Tatsache, die auch von dem betreffenden Patienten verstanden und dargestellt wird. Es handelt sich in all diesen Fällen um Leute, die in einer bestimmten Situation eine Erleichterung suchen. Dadurch können wir aber schon weiter Schlüsse ziehen. Es sind nicht jene Personen, die Schwierigkeiten mit Mut und Geduld, mit einem geschulten Charakter gegenüberstehen, sondern es sind Menschen, deren Blick immer darauf gerichtet ist, in einer schwierigen Situation in erster Linie eine Erleichterung zu suchen.
Was ist das eigentlich für ein Typus von Menschen, die immer die Neigung haben, sich Fragen, denen jeder gegenübersteht, die jedem zur Lösung aufgegeben sind, zu erleichtern, irgendeinen Umweg zu finden, um auszuweichen? Es ist wahr, daß es unter den Morphinisten und Alkoholikern Menschen gibt, die vor einer Schwierigkeit sich berauschen und dann doch irgendwie diese Frage lösen. Das ist ein Typus, der nicht so selten vorkommt, und insbesondere von den Morphinisten habe ich den Eindruck, daß sich unter ihnen häufig hochstehende, erfolgreiche Menschen befinden, die den Durchschnitt sicherlich überragen, aber sie erreichen den Erfolg bedingungsweise, mit dem Gift im Leibe. Wenn wir ganz unvoreingenommen, ohne Formel, ohne Herumraten, erfassen wollen, was mit ihnen vorgeht, so müssen wir sagen, sie glauben, oder handeln, als ob sie glaubten, daß erst die Kraft, die sie mitbringen, plus dem Rausch ihnen eine erfolgreiche Lösung verspricht.
Dann gibt es andere, die steckenbleiben, die nicht weiterkommen, die z.B. im Zustand der Berauschung oder des Morphiumgenusses ihre Fragen ungelöst lassen, ganz beiseiteschieben, durch den Rauschzustand Fragen ausschalten, auch dadurch, daß sie immer höhere Morphiumdosen nehmen, wobei sie arbeits- und lebensunfähig werden.
In jedem Fall sehen wir ein Individuum in einem Gefühl der Unsicherheit, der Minderwertigkeit, eine Erleichterung suchend, ein Individuum, das diese Erleichterung in einem Rauschzustand zu finden trachtet, in welchem die Funktionsprüfung demnach schlecht oder gar nicht bestanden wird. Diese Prüfungssituation ist wohl in jedem Falle von einem Arzt festzustellen. Freilich finden wir meist nichts darüber in den landläufigen Krankengeschichten. Aber bei vorsichtiger Befragung kann sie doch immer wieder festgestellt werden und gibt uns in einem Punkt des Lebens dieses Menschen, seiner Entwicklung, eine klare Einsicht. Das ist die Stelle, wo er verwundbar ist; bis dorthin reicht seine Leistungsfähigkeit nicht; für die Lösung dieser Aufgabe ist er nicht richtig vorbereitet. Und nun erwächst für uns die weitere Aufgabe, nachzuforschen, warum er für die Lösung dieser Aufgabe nicht vorbereitet ist. Da dürfen wir Individualpsychologen die große Erfahrung der Individualpsychologie zu Hilfe nehmen, indem wir zurückblicken in sein früheres Leben, und hier nach Anhaltspunkten suchen, warum diese Vorbereitung nicht gelungen ist. Die Gesichtspunkte, die dabei auftauchen, sind reichlich genug. Aber wenn wir wollen, können wir sie schematisch einteilen in: Fragen der Beziehung vom Ich zum Du, wo es sich um Fragen der Freundschaft, der Kameradschaft, der Wahrhaftigkeit, der Treue, der Kontaktfähigkeit usw. handelt. Wir denken da z. B. an den stillen Säufer, ein Spezialfall, der uns vor die Fragen der Gemeinschaft stellt. Dann wird sich ebenso die Frage der Beschäftigung als außerordentlich bedrohlich herausstellen, wenn einer nach all den Qualitäten, all den Attributen der Gottähnlichkeit strebt, ungeduldig, genäschig, außerordentlich erfolgreich zu sein, einen krankhaften Ehrgeiz zu befriedigen, über andere zu triumphieren trachtet, was natürlich zu einer außerordentlichen, dauernden seelischen Spannung führt. Diese Spannung finden wir als auslösende Ursache in vielen anderen Fällen von Neurose, so auch bei den funktionellen Neurosen, wo sie auf den Körper, auf minderwertige Organe übergreift, bei der Angstneurose und Phobie mit Ergriffensein des emotionellen Gebietes, bei Zwangserscheinungen, bei denen in erster Linie der Denkprozeß irritiert wird, um den glatten Fortschritt zur Leistung zu verhindern, bei der Hysterie mit Befallensein der motorischen Sphäre, bei Selbstmord unter vollständiger Ausschaltung des Mitlebens, unter Zeichen des indirekten Angriffs gegen andere usw. Wenn wir da zurückblicken, finden wir auf Schritt und Tritt Erscheinungen und Ausdrucksformen, die uns darüber belehren können, daß diese Individuen wirklich nicht für volle Leistungen vorbereitet sind. Wir treffen dabei auf die Urform, den Kern einer Ganzheit und Persönlichkeit, den man schon in den ersten vier, fünf Jahren wahrnehmen kann, der sich aber sicherlich schon früher bildet, ohne daß wir es bis zur Keimzelle nachweisen können, eine Einzigartigkeit, die schon alle Funktionsmöglichkeiten für das spätere Leben in sich trägt, und alle Fähigkeiten, die später in der Stellungnahme zum Leben auch eine Meinung von seiner Leistungsfähigkeit und eine Meinung vom Leben ausdrücken, die auch schon ungefähr den Raum begrenzen, in dem seine Aktion sich abspielen wird. Im Vergleich dieser Urform, die ich die psychische Konstitution eines Menschen nenne, mit den Anforderungen des bevorstehenden Problems, können wir ungefähr voraussagen, daß sich eine gefährliche Spannung einstellen wird. Zur Lösung des Gemeinschafts-, Arbeits- und Liebesproblems ist das organminderwertige, das verzärtelte oder vernachlässigte Kind nicht vorbereitet. Die Strukturen, die man in einer solchen Urform findet, kann man zusammenfassen als Stimmung und Haltung der Minderwertigkeit, Unsicherheit usw.
Sind wir einmal so weit, feststellen zu können, daß das Individuum, das den Rauschgiften verfallen ist, auch schon in der frühen Kindheit sich als ein Mensch gezeigt hat, der den Aufgaben des Lebens gegenüber nicht richtig vorbereitet ist, dann begegnet uns natürlich die Frage: Was heißt denn das, den Aufgaben des Lebens gegenüber richtig vorbereitet zu sein? Ich habe die Frage der Beziehung vom Ich zum Du, die Frage der Beschäftigung erwähnt, wo immer schon gewisse Vorbereitungen, ein gewisses Training, eine Neigung zur Lösung dieser Fragen frühzeitig beobachtet werden kann, und zwar in der Stellungnahme zur Außenwelt. Ich habe noch die Frage der Liebesbeziehung zu erwähnen, von der man auch feststellen kann, wie bei all diesen drei Fragen, daß zu ihrer Lösung ein gewisses Maß von Interesse an dem andern unbedingt notwendig ist. Ich kann die Frage, die Beziehung des Ich zum Du nicht in normaler Weise lösen, das Problem der Freundschaft, Kameradschaft, Gemeinschaft nicht bewältigen, wenn das Interesse in dieser Urform nicht bereits vorhanden ist und weiterschreitend sich bis zu den Fragen des Lebens bewegt. Ich kann die Frage der Beschäftigung nicht lösen, wenn ich nicht das Interesse habe, mitzuarbeiten, mitzuspielen, eine Leistung zu vollführen, was nicht anders verstanden werden kann als etwas Nützliches für die Allgemeinheit, und ich kann die nützliche Leistung nicht zustandebringen, wenn es mir nicht vorschwebt, wenn ich es nicht in mir habe, für die andern etwas zu tun. Und ich kann natürlich auch die Frage der Liebe nicht lösen, wenn dieses Interesse in mir nicht steckt, diese Möglichkeit einer Hingabe für eine Person des andern Geschlechts. Wenn dieses Interesse nicht mir anhaftet — von dem ich gar nichts zu wissen brauche —, an der Wohlfahrt des Menschengeschlechts mitzuarbeiten, die Fortpflanzung der menschlichen Gesellschaft als meine Aufgabe anzusehen, wenn ich diese Strebungen in meinem Lebensstil entbehre, besser gesagt, wenn ich diese Bewegungslinie zur Gemeinschaft nicht in der Urform entwickelt habe, treffe ich ja gar nicht bis zu den Hauptfragen des Lebens, die das soziale Interesse, die Aktionslinie des Gemeinschaftsgefühls erfordern. Wir werden also verstehen, warum die Individualpsychologie solch ein Gewicht darauf legt, die Situation zu erfassen, in der es sich zeigt, wie bei einer Funktionsprüfung, daß der Betreffende nicht imstande ist, eine Frage zu lösen, die unausgesetzt nach dem Grade des sozialen Interesses fragt. Dieses soziale Interesse kann nicht als abgesondert aus dem Gesamtbild des Individuums entnommen werden, es ist vielmehr die Grundmelodie, die in allen Ausdrucksformen erscheint. Durch den Sehakt z. B. wird Sehbares natürlich nur aufgenommen, wenn Interesse für das Objekt auch wirklich vorhanden ist. Wir werden als Grundmelodie des Höraktes natürlich auch wieder dieses Gemeinschaftsgefühl, den Grad der Verbundenheit finden, ebenso in der Art, wie einer zum andern spricht und sich im Sprechen mit jemand verbindet. Natürlich finden wir die Grundmelodie auch in der Entwicklung des Verstandes, des common sense, der erfordert, irgendeine Situation, irgendeinen Menschen so zu erfassen, wie ich erwarte, daß jeder andere sie auch erfassen müßte. Ich bin da ein Teil des Ganzen in meinem Urteil über Dinge, Probleme, Menschen usw. Kurz, in all den Fähigkeiten, die zur Lösung einer Aufgabe wichtig sind, ist das Ausschlaggebende immer der Grad des Interesses für das Problem, und wie wir gesehen haben, ist ja dieses Problem nur lösbar, wenn ich auch den genügenden Grad von Interesse mitbringe.
Nun ist eine weitere Frage die: Wer ist denn eigentlich nicht vorbereitet im Gemeinschaftsgefühl, im sozialen Interesse? Man kann natürlich kurz sagen, der, der mehr an sich denkt als an die andern, einer, der so lebt, als ob er nur nehmen könnte und nicht geben; einer, der dem Leben so gegenübersteht, als ob das Leben nur die Aufgabe hätte, ihm Annehmlichkeiten zu bereiten, und der nicht erwartet, daß die Schwierigkeiten des Lebens auch zu ihm gehören und ihm Aufgaben setzen, die er im Interesse der Allgemeinheit lösen muß. Wir sehen, daß bei all diesen Lebensformen vor ihren für sie unlösbaren Problemen eine solche seelische Spannung eintritt, die der Ausdruck des Minderwertigkeitskomplexes ist: „Ich bin meiner nicht sicher, ich kann die Aufgabe nicht lösen“, in den mannigfachsten Formen der Neurose, in den mannigfachsten Formen abwegiger Charakterzüge, und wir werden feststellen, daß der genügende Grad des Gemeinschaftsgefühls fehlt, und daß ein solches Individuum von Anfang seines Lebens an nicht für die Verbundenheit vorbereitet war. Damit kommen wir auf die Grundlage zu sprechen, die wir bei allen Morphinisten und Alkoholikern finden: eine geringe Entwicklung des Interesses für die Allgemeinheit. Hier, glaube ich, mündet unsere Untersuchung in eine allgemein verständliche, allgemein akzeptable Feststellung. Der, der sich den Rauschgiften unterwirft, beweist dadurch allein schon, daß er die Fragen der Allgemeinheit nicht hoch genug einschätzt. Wie das zustande kommt, hat die Individualpsychologie in ziemlich umfangreicher, in scharfer, kritischer, ich möchte sagen, in skeptischer Art untersucht und festgestellt. Wir werden finden, daß Morphinisten und Alkoholiker als Kinder eine übergroße Neigung hatten, an sich zu denken und die andern auszuschalten. Ein Teil von ihnen hat frühzeitig an körperlichen Schwächen gelitten. Dieses Leiden kann dadurch zustande gekommen sein, daß sie mit minderwertigen Organen, körperlich erblich belastet zur Welt kamen und in ihrem Erleben der Welt größere Schwierigkeiten fanden als der Durchschnitt. Es ist begreiflich, daß solche Kinder, die das schwerere Erleben hatten, die die größere Bürde beim Start schon trugen, — es liegt keine Logik, keine Kausalität darin —, es ist aber begreiflich, daß solchen Kindern das Leben nicht wie ein Paradies entgegentritt, sondern wie ein Jammertal, natürlich auch wieder in den verschiedensten Varianten, aber doch immer so, daß sie das Leben schwer finden. Darauf haben Ärzte, wie besonders Czerny, schon hingewiesen, und es erweist sich auch in der Statistik, daß solche Kinder häufig später irgendwelche abwegige Charakterzüge zeigen.
Im Jahre 1907 und später habe ich darauf hingewiesen, wie häufig solche Kinder, die an minderwertigen Organen gelitten haben, dem Leben mit gewissen gegnerischen Charakterzügen entgegenstehen, worunter in erster Linie Überempfindlichkeit festzustellen ist. Diese Überempfindlichkeit zeigt daß dieses Kind nicht richtig eingebettet ist, daß es sich nicht als ein Teil des Ganzen betrachtet, daß es auszuweichen geneigt ist, daß es Dinge schwer nimmt, mit denen ein anderer leicht fertig wird. Sind wir hier auf der richtigen Spur, dann müssen alle diejenigen, die in der krankmachenden Situation ihren Mangel an Vorbereitung zeigen, aus diesem Charakterzug auch zu verstehen sein. Freilich ist dieser Charakterzug auch nur ein Teil des Ganzen, und wir dürfen uns natürlich der von uns inaugurierten Ganzheitsbetrachtung nicht entschlagen, wir müssen immer die ganze Persönlichkeit erfassen; aber wir können die ganze Persönlichkeit nur induktiv erfassen, indem wir von einzelnen wahrnehmbaren Erscheinungen zu der transzendentalen Idee der Ganzheit, der Persönlichkeit vorschreiten. Diese Ganzheit der Persönlichkeit ist nicht leicht zu beschreiben und nicht in einem einzigen Ausdruck darzustellen. Ich begnüge mich, einstweilen darauf zu verweisen, daß sie sich in dem Minderwertigkeitskomplex, der sich zeigt, wenn ein Problem auftaucht, für das sie nicht vorbereitet ist, in ihrer seelischen Überempfindlichkeit als abnormal darstellt.
Ein anderer Charakterzug, den wir wohl in der Situation, in der das Rauschgift genommen wird, als auch in der psychischen Konstitution, in der Urform wiederfinden, ist die Ungeduld. Wenn wir verstehen wollen, was ein Charakterzug bedeutet, ist es notwendig, ihn als Bewegung anzusehen. Es gibt keinen Charakterzug, der nicht eine soziale Bezogenheit darstellt. Die individuelle Art, wie einer Stellung nimmt zu einem andern, zu einer Aufgabe usw., hat die Sprache als Charakterzug bezeichnet. Der abstrakte Ausdruck für eine konkrete Stellungnahme gilt eigentlich nur „im Strom der Welt“, der Charakter kann nicht angeboren sein, weil er eine soziale Bezogenheit, einen abstrakten Ausdruck für eine konkrete Bezogenheit bedeutet. Die „Möglichkeit“ von Charakterzügen muß schon im Embryo liegen, aber was aus diesen Möglichkeiten wird, entscheidet sich in den ersten vier, fünf Jahren, weil hier die soziale Bezogenheit schon vier, fünf Jahre trainiert ist, unter nahezu gleichbleibenden Verhältnissen. Und nun wandert die Urform in ihrer stabilisierten Form weiter vorwärts, um auf soziale Probleme zu treffen. So kommen wir auch zur Betrachtung des Charakterzuges der Ungeduld. Wir können sagen, auch das ist nicht die Eigenschaft eines Menschen, der sich stark fühlt. Der Starke kann warten. Der Starke ist überhaupt Affekten nicht leicht zugänglich. Je stärker einer ist, je mehr Vertrauen er zu sich selbst hat, um so weniger werden wir finden, daß er ungeduldig, überempfindlich ist, daß er Affektneigungen besitzt. Denn der Affekt der Ungeduld zeigt immer, daß einer fürchtet, es könnte eine Niederlage, ein Entzug ihm drohen, wenn der Erfolg nicht sofort eintritt. Auf der andern Seite können wir feststellen, daß Ungeduld mehr bedeutet, ein Verlangen nach einer Sättigung. Wir können von „Genäschigkeit“ sprechen. Bei all den Menschen, deren Urform Interesse für den andern mangelt, finden wir diese Genäschigkeit, dieses Gerichtetsein nach dem Lustprinzip, ohne die große Grundmelodie des sozialen Interesses. So finden wir natürlich neben der Ungeduld, der Genäschigkeit, der Überempfindlichkeit auch die egozentrische Haltung, in der einer nur an sich denkt und nur an seine persönliche Überlegenheit. Und da kommen wir zu einem andern Grundzug, den man wahr- scheinlich bei all denen findet, die den Rauschgiften unterliegen, daß sie einen krankhaften persönlichen Ehrgeiz haben, den unsere Kultur nicht leicht befriedigen kann. Aber die Unbefriedigung eines krankhaften Ehrgeizes ist außerordentlich schmerzlich und um so schmerzlicher für einen Menschen, der auch verrät, daß er Züge von Überempfindlichkeit, Ungeduld, Genäschigkeit hat, der immer nur an sich denkt, so daß er überall verwundbar ist und diese Verwundbarkeit kraft seines Minderwertigkeitsgefühls viel schwerer verträgt als einer, dem das Interesse an den andern den Weg zeigt, der weiß, daß nicht nur die Annehmlichkeiten, sondern auch die Unannehmlichkeiten als Aufgaben zu ihm gehören, daß das Leben Aufgaben stellt, an deren Lösung er mitzuarbeiten hat.
Das sind die Ergebnisse, die in der allgemeinen Diagnostik aller Fehlschläge zu finden sind, deshalb auch ungenügend sind für die Untersuchungen des einzelnen, weil wir ja immer auf etwas Einmaliges stoßen. Die Ungeduld des einen, der sich dem Morphinismus ergibt, ist eine andere Ungeduld als die des andern, der sich ebenfalls dem Morphinismus ergibt. Um uns dem Einzelfall zu nähern, dürfen wir uns wohl der allgemeinen Diagnostik bedienen, aber wir müssen in die spezielle Diagnostik eintreten. Da können wir einen Weg schreiten, den die Individualpsychologie gezeigt hat und den ich erwähnt habe, als ich von der Minderwertigkeit von Organen sprach, derzufolge einer das Leben als eine Bürde empfängt. Natürlich wird er vorsichtig sein, und so finden wir Vorsicht auch bei allen Fehlschlägen. Wir werden auch einen Mangel an Mut finden. Mut richtig gesehen heißt: sich irgendwo zu Hause, sich heimisch fühlen, diese Welt mit allen Unannehmlichkeiten und Annehmlichkeiten als zu sich gehörig zu empfinden. Deshalb fehlt allen Fehlschlägen Mut, und statt dessen haben wir die Züge der List. Das beweist, daß alle Fehlschläge, wie auch Morphinisten und Alkoholiker, so leben, als ob sie in Feindesland wären. Sie sind auch mißtrauisch, schließen sich schwer an und warten immer auf irgendwelche Angriffe, auf irgendwelche Benachteiligungen. Sie sehen den andern immer in irgendeiner Art als Feind, und ich erinnere mich an einen Morphinisten, der während einer Entziehungskur, die damals in der Narkose durchgeführt wurde, ununterbrochen davon gesprochen hat, was ich für ein böser Mensch wäre, während er früher mein Freund gewesen ist oder so schien, so daß in der Narkose seine wahre Meinung durchdrang. Wir finden neben diesem Mißtrauen auch die Neigung zur Eifersucht, die wir nicht nur bei Alkoholikern, sondern auch bei Morphinisten außerordentlich häufig finden. Sie leben wie in Feindesland und fühlen sich nicht zu uns gehörig, was nichts anderes heißt, als daß sie einen Mangel an Gemeinschaftsgefühl haben.
Es gibt eine größere Gruppe von Kindern, in deren Entwicklung wir Fehlschläge erwarten, unter ihnen Alkoholiker, Morphinisten und Kokainisten. Das sind diejenigen, die ihre Urform aufgebaut haben in einer Situation großer Verzärtelung, in der sie abhängig waren von andern Menschen und dadurch Gelegenheit hatten, den andern von sich abhängig zu machen und sein Gemeinschaftsgefühl für die eigene Person auszubeuten. In der Regel war es die Aus- nützung der Mutter. Die Züge der Verzärtelung hat die Individualpsychologie sehr sorgfältig studiert, so daß wir aus einzelnen Beziehungsformen eines solchen Kindes, ob das Kind sie offen zeigt oder nicht, immer feststellen können, ob ein Kind verzärtelt gewesen ist oder Verzärtelung sucht. Auch ein verzärteltes Kind wächst auf wie in Feindesland. Gewöhnt an die Gegenwart einer einzelnen Person, wird ihm jede andere Situation unannehmbar erscheinen. Deswegen werden wir bei verzärtelten Personen finden, daß jede Änderung ihrer Situation für sie ein schwerer Eingriff ist. Alle verzärtelten Menschen werden dann von einer seelischen Spannung ergriffen, von der ich vorhin gesprochen habe, die immer auch in verschiedener Art auf Gedanken, Gefühle, Motorik oder Aktionen übergreift. Daß auch die verzärtelte Person an Mangel an Gemeinschaftsgefühl leidet, ist klar, denn die Verzärtelten haben nur Interesse für sich und für eine einzelne Person. Daß es hier auch tausend Varianten gibt, ist für denjenigen, der es sich leicht machen will, eine große Unannehmlichkeit, aber ich möchte ja, daß wir all diese Dinge nicht als leicht auffassen sollen und doch vor der Schwierigkeit einer individualpsychologischen Untersuchung nicht erschrecken.
Wir werden uns leicht ganz allgemein ein verzärteltes Kind in seiner sozialen Bezogenheit klarmachen können. Wenn ich die Frage aufwerfe, ob ein verzärteltes Kind Ordnung halten wird, werden wir es sicherlich verneinen. Denn das verzärtelte Kind wünscht in seiner parasitären Existenz zumeist, daß ein anderer Ordnung macht. Wenn ich frage, ob das Kind es verträgt, von seiner verzärtelnden Person getrennt zu werden, werden wir auch mit „Nein“ antworten. Es ist gegen jede neue Situation außerordentlich empfindlich, ungeduldig, in Spannung, zu Affekten geneigt, zu Emotionen der Trauer, des Zorns, der Angst, der Ungeduld, und so nicht vorbereitet zur Lösung von Aufgaben, denen es ohne Zögern, ohne irgendwelche Ausrede entgegengehen sollte. Nun, diese Kategorie von Kindern, in tausendfältigen Varianten, in denen sie erscheinen, bildet wohl den Hauptstock aller Fehlschläge, auch des Alkoholismus und Morphinismus. Das sind auch die Kinder und die Erwachsenen, die am leichtesten zu verleiten sind, wenn man ihnen freundlich entgegenkommt. Das sind diejenigen, die immer Wärme suchen, und wenn ihnen jemand Wärme zeigt, sofort gewonnen sind. Das sind diejenigen, die in ihrem Suchen nach Wärme sich immer dem andern anschließen, um ihn für sich zu gewinnen, abhängige Menschen, die wir immer wieder unter den Fehlschlägen finden, auch unter den Alkoholikern und Morphinisten.
Auch ein dritter Typus ist zu betrachten, der auch wie in Feindesland aufwächst, das heißt, unter einer Bürde seinen Lebensweg sucht. Das sind die vernachlässigten, die gehaßten Kinder, die nie etwas von sozialem Interesse erfahren haben, die gar nicht wissen, daß es ein Gemeinschaftsgefühl gibt, und die infolgedessen das ganze Leben als etwas Feindliches, Gegensätzliches empfinden, die immer von der Unruhe in der Kultur sprechen und die Kultur anschuldigen, aber keine Schritte machen, um diese Kultur für die Allgemeinheit günstiger zu gestalten, die immer nur nehmen wollen, aber niemals bereit sind, zu geben. Auch diesen Typus finden wir gelegentlich unter den Morphinisten und Alkoholikern, freilich seltener, weil überhaupt dieser reine Typ nicht weit verbreitet ist. Man findet ihn gelegentlich unter illegitimen Kindern, Waisen oder ungewollten Kindern.
So habe ich aus der allgemeinen Diagnostik der Fehlschläge, die sich auch auf Morphinismus und Alkoholismus bezieht, versucht, eine Grundlinie zu zeigen, und ich möchte aus den Fällen, die mir in Erinnerung sind, versuchen, nachzuweisen, wie sie sich in meinem Material spiegelt und der speziellen Diagnostik zugänglich wird.
Um vom Morphinismus zu sprechen, erinnere ich mich an einen Patienten, der als Kind plump gewesen ist, schwer beweglich; z. B. wenn man Ruhe vor ihm haben wollte, brauchte man ihn bloß auf den Rücken zu legen, in eine Lage, aus der er sich selbst, auch als er vier Jahre alt war, nicht wieder erheben konnte. Er hat früh an Angsterscheinungen gelitten, so, wenn er allein gelassen war, und war nicht zu bewegen, in die Schule zu gehen. Er war aus wohlhabendem Hause, das großen Einfluß besaß, und so gelang es den Eltern, die letzten Prüfungen, die er zu bestehen hatte, bevor er die Universität besuchen sollte, so einzurichten, daß die Prüfer zu ihm ins Haus kamen, indem man immer auf seine Angsterscheinungen, seine Platzangst hinwies. Später hat er geheiratet, hat aber nie eine richtige Beziehung zu seiner Frau gehabt, hat sie immer mit Eifersucht verfolgt, so daß die Frau, seiner überdrüssig, sich von ihm scheiden ließ. Er war ein intelligenter, scharfsinniger Mensch. Es gelang ihm, durch Protektion eine hohe Beamtenstelle zu erlangen, in der er nach der Meinung der einen sich auszeichnete, nach der Meinung der andern durchaus nichts Wesentliches geleistet hat. Bevor er diese Stellung übernahm — so erzählte er mir —, war er in großer Aufregung. Das war die Funktionsprüfung für ihn, und er konnte sich einige Zeit gar nicht entschließen. Da hatte er einen Bekannten, der ihm erzählte, daß er in solchen Situationen sich eine Morphiumspritze mache, um die Schwierigkeiten zu überstehen. So begann er mit dem Morphinismus, und jedesmal, wenn er in dieser hohen Stellung, für die er eigentlich doch nicht geeignet war, irgendwelche Schwierigkeiten empfand, griff er zum Morphium und setzte dies eine Zeitlang fort, so daß er zum Schluß ununterbrochen Morphium gebrauchte. Die Schwierigkeiten in seiner Stellung wuchsen mehr und mehr, man setzte ihn auf einen niedrigeren Posten, was zur Folge hatte, daß er die Morphiumdosen erhöhte, in dem Gefühl der Erniedrigung und einem überspannten Ehrgeiz, indem er sich für den Allerbesten unter allen Beamten seines Ressorts hielt, innerhalb dessen er auch gegen jeden andern kämpfte. Er hat ein zweitesmal geheiratet, und die Frau, die mit dem Morphinisten nicht viel anzufangen wußte, obwohl er durchaus seine Potenz nicht verloren hatte, wurde seiner überdrüssig, was ihn abermals zu erhöhten Morphiumdosen veranlaßte, hier auch wohl schon in der Erregung gegen seine Frau, gegen die nun die Erhöhung der Morphiumdosen einen feindlichen Akt, einen Angriff bedeuten sollte. Denn die Frau versuchte fortwährend, ihn davon abzubringen, und als sie eine Anzahl von hervorragenden Ärzten zu Hilfe rief, erklärte er, daß er sich nicht aus dem Bett erheben könne, daß er unfähig sei, seine Glieder zu bewegen, und daß er an Herzanfällen leide. In dieser Situation lernte ich ihn kennen und trachtete, ihn von dem Morphinismus zu befreien, was auch gelang, wo aber doch das fait accompli, die Abneigung seiner Frau, durchaus von ihm nicht verschmerzt werden konnte. Da die Frau besonders hartnäckig war und die Trennung als ihr gutes Recht ansah, griff er noch zu einem andern Mittel des feindlichen Angriffs und drohte mit Selbstmord, den er dann auch ausführte. Davon hörte ich später. So liegt der Ablauf seines Lebens vom Beginn seiner Kindheit bis zum Ende als unverbrüchliche Ganzheit klar zutage.
Während wir hier die Verzärtelung und die frühzeitige Neurose beobachten können, kann ich von einem andern Patienten, dessen Fall ich jetzt berichten möchte, sagen, daß er ein zweitgeborenes Kind von ungeheurem Ehrgeiz und von Aktivität war. Er war klein gewachsen, ein ausgezeichneter Schüler, ehrgeizig, riesig empfindlich, was ihn unfähig machte, sich leicht mit Kameraden zu umgeben, Freunde zu haben usw. Er war dann in einem Amt, wo er die große Erschütterung erlebte, daß der Chef die Frage stellte: „Wo bleibt denn der kleine Zwerg?“ Er trat sofort aus, konnte den Gedanken nicht verschmerzen, wie er von seinem Chef herabgewürdigt worden sei, und begann nun, um nicht dem schwierigen Problem einer niederträchtigen Kritik zu unterliegen, mit Morphiumeinspritzungen. Das ist der einzige Fall unter den vielen, den ich ohne irgendwelchen äußeren Zwang, in Freiheit, vom Morphinismus befreien konnte. Ich muß gestehen, daß ich selbst glaube, daß das ein Unikum ist, und daß ich mich nicht mehr getrauen würde, ohne irgendwelche Aufsicht einen solchen Fall nochmals vorzunehmen. Auch bei Ärzten versuchte ich, mich auf ihre Einsicht stützend, sie einer Entziehungskur in Freiheit durchzuführen, was mir aber nicht gelang.
Ein anderer Patient kam erst, nachdem er sechs Kuren durchgemacht hatte, zu mir in Behandlung. Von diesem Mann kann ich anführen, daß er der einzige Knabe unter fünf Mädchen war, also außerordentlich verzärtelt. Auch dieser Patient war stark egozentrisch und ehrgeizig. Er war erfolgreich, hat es auch zu einem höheren Rang gebracht, aber der Wurm saß im Gebälk. Als er sich zur Lösung der Liebesfrage entschlossen hatte, war er in einer ungeheuren Spannung und heiratete ein auffallend häßliches Mädchen. Derartige Fälle bezeugen in der Regel, daß einer sich selbst nicht viel zutraut, daß er sich eine erleichterte Situation schaffen will, etwa so, als ob er unausgesetzt darauf warten würde, daß dieses häßliche Mädchen zu ihm in Dankbarkeit emporblicke. Daß das immer ein Fehler ist, wissen ja die Menschen nicht. Sie wissen nicht, daß diese Situation unerträglich ist. So haben sie die Hoffnung, daß, wenn sie unter ihrem Stand wählen, dies eine Erleichterung sein müßte. Wir sehen auch hier wieder, wie er solch eine Erleichterung sucht. Es war während des Krieges, wo er eine Verwundung erhielt und wegen der Schmerzen einige Morphiuminjektionen bekam. Als er zurückkehrte und wieder seine Häuslichkeit aufnahm und die Ehegemeinschaft mit seiner Frau, fand er, daß die Frau außerordentlich widerspenstig war, und daß sie auch Züge der Untreue hatte. Dadurch außerordentlich erschüttert, nicht verstehend, wie er, dieser erfolgreiche Mensch, der von allen verzärtelt und hoch geschätzt wurde, nun durch die Haltung dieser Frau um sein Selbstbewußtsein kommen könnte, in einer Art Erinnerung, wie er Erleichterung bei der Verwundung erlangt hatte, griff er abermals zur Morphiumspritze und wurde ein Morphinist; seine Frau kam bald dahinter, und fand darin eine Erscheinung, die darauf hinwies, daß es sich um einen Racheakt handelt: der Partnerin zu zeigen, was sie aus ihm gemacht habe. Ähnliches finden wir zuweilen auch bei Alkoholisten: ein Jammerbild zu zeigen, um den andern anzuklagen, zu strafen. Als die Frau nun sah, daß der Mann vom Morphium nicht ablassen wollte, griff auch sie zum Morphium, um den Gegenangriff einzuleiten. Sie war, wie ich sagte, ein sehr häßliches Kind und stand während der ganzen Kindheit unter dem Druck eines sehr tyrannischen Vaters. Das ist vielleicht eine der Typen, die ich vorhin erwähnt habe, ein gehaßtes vernachlässigtes Kind. Ihre Häßlichkeit war sehr auffallend. Sie war empfindlich, ungeduldig, zu Affekten geneigt, so daß natürlich eine Harmonie zwischen den beiden erst dann entstehen konnte, als beide geheilt waren. Die Heilung konnte dadurch zustande kommen, daß ich beiden die Fehler, die Irrtümer, die sie in ihrer ursprünglichen Lebensform begangen hatten, ihren Mangel an Interesse für den andern, ihre Furcht, nicht bestehen zu können, wenn sie nicht immer an sich denken würden, erklären konnte.
Ein anderes einziges Kind einer wohlhabenden Familie, von dem wir voraussetzen dürfen, daß es verzärtelt wurde. Der Vater, Choleriker, zu Affektausbrüchen geneigt, intervenierte in allen Dingen, und als er eines Tages eine Liebesbeziehung des Jungen gewaltsam unterbrach, begann der Junge deprimiert zu werden, kam in eine Nervenanstalt, wurde von einem Morphinisten zum Morphinismus verleitet, machte sechs bis sieben Entziehungskuren durch, bis er nach der letzten Entziehungskur zu mir in Behandlung kam, wo all die Beziehungen seines Lebensstils aufgedeckt wurden. Er war außerordentlich genäschig, empfindlich, ungeduldig, widersetzlich, zu Affektausbrüchen geneigt, immer unter dem Druck des Vaters lebend, der dauernd nörgelte und den 35jährigen Mann immer gängeln wollte. Auch er wurde geheilt, als es ihm gelang, sich unabhängig vom Vater zu machen und diesen Druck, der durchaus nicht nötig war, von sich zu entfernen. Der Druck bestand nur solange, als er den Vater ernst nahm. Als es gelang, ihm die Nebensächlichkeiten dieser Beziehung klarzumachen, war es auch gelungen, ihn vor einem Rückfall zu bewahren. Seit 8 Jahren ist er frei vom Morphium.
Ein anderer einziger Sohn einer Millionärsfamilie, sehr verzärtelt, ungeduldig, bestrebt, seinen Eltern das Geld aus der Tasche zu ziehen, betrank sich, wenn sie ihm nicht genug gaben, machte dabei großen Lärm, so daß er dadurch alles erreichen konnte, bis sein Vater starb und seine Mutter in schwierige Verhältnisse kam, so daß sie ihm nicht mehr so viel geben konnte. Als er merkte, daß sein Rauschzustand sie nicht weichklopfen konnte, fiel er eines Tages einem Händler mit Morphium in die Hände, der ihn zum Morphinismus und Kokainismus verführte. Der Patient kam in eine Anstalt.
Dann erinnere ich mich eines Falles, es war der jüngste von mehreren erfolgreichen Söhnen. Bezüglich der jüngsten Kinder können wir in der allgemeinen Diagnostik sagen, daß sie außerordentlich ehrgeizig sind und immer bestrebt, den andern über den Kopf zu wachsen. Das ist wie in der Geschichte des biblischen Joseph, wo Joseph versonnen umhergeht und phantasiert, daß er mehr sei als alle andern usw. Dieser Junge, von dem ich spreche, wurde von seiner Mutter immer verzärtelt, von seinen Brüdern aber immer gedrückt. Er war der erfolgreichste und brachte es zu einem ungeheuren Vermögen. Eines Tages, in der Inflationszeit, ging der größte Teil seines Vermögens davon. Da er sein Kraftgefühl nur aufrecht erhalten konnte, wenn er mehr war als seine Brüder, fiel jetzt diese Stütze, die er hatte, weg. In dieser Traurigkeit, in dieser Verlassenheit, in der er sich fühlte, traf er eine Frau, die eine Morphinistin war, die ihm ihre Liebe gestand, ihn zur Heirat bewog und ihn zum Morphinisten machte, um ihn über seine Sorgen, über seine Trauer hinwegzubringen. So begann er Morphinist zu werden. Er ließ sich später von seiner Frau scheiden und machte einige Entziehungskuren durch. In einer Pause des Morphinismus heiratete er abermals, wurde aber wieder Morphinist, als sein Geschäft nicht gut ging. Nun setzte etwas ein, was man einen indizierten Morphinismus nennen könnte. Die Frau, die ihn immer bewegen wollte, vom Morphinismus abzulassen, setzte sich nicht durch, kämpfte beharrlich gegen seinen Morphinismus, und als es ihr nicht gelang, wie zur Strafe, um zu zeigen, was er angerichtet hatte, sicherlich auch in der Überzeugung, daß sie sich von ihrem Kummer so befreien konnte, begann auch sie, Morphium zu nehmen. Auch sie war ein verzärteltes Kind gewesen, das nie vertrug, ihren Willen nicht durchzusetzen. Im allgemeinen und im speziellen zeigte sie sich immer als der Typus, den ich als nervösen Charakter beschrieben habe.
Um vom Alkoholismus zu sprechen, von dem ich ja auch kein großes Material bieten kann, wohl aber Fälle, die ich intensiv studiert habe, möchte ich einiges hervorheben. So im Falle eines Mannes, der nach verschiedenen Behandlungen aller Art zu mir kam, weil er von Zeit zu Zeit so viel trank, bis er ganz besinnungslos wurde. Es stellte sich sehr bald heraus, daß er ein außerordentlich verzärteltes Kind war, das das Leben und seine Aufgaben nicht vertrug. Er war neben einer älteren Schwester als einziger Sohn von der Mutter und der älteren Schwester verzärtelt worden, während der Vater sich um ihn nicht kümmerte, so daß zwischen Vater und Sohn ein gespanntes Verhältnis entstand. Von der Mutter konnte er alles erwarten. Interessant ist eine kleine Begebenheit aus seiner frühesten Kindheit. Als seine Eltern verreisen mußten, kam er in die Obhut seiner Großmutter, die ihn nicht verzärtelte. Eines Tages, vier Jahre alt, schnürte er sein Ränzel, nahm es auf den Rücken, marschierte aus und erklärte, er bleibe nicht da, es gefiele ihm nicht, er gehe fort. Da sehen wir, daß ein Mensch von einer Situation, wo es ihm nicht gefällt, sich fortbewegt, um aus dieser Situation, die ihm unerträglich erscheint, sich in eine leichtere Situation zu retten. Eine andere Erinnerung war die, daß er von seiner Mutter und seiner Schwester als Puppe verkleidet und herumgetragen wurde. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf Verzärtelung. Als er in die Schule kam, sprach die Mutter mit dem Lehrer und bat ihn, den Jungen zart und freundlich zu behandeln. Er lebte in Amerika, wo in dieser Zeit die Prohibitionsgesetze stark gehandhabt wurden, was aber gar keinen Eindruck auf viele macht, die mehr trinken als sie vorher tranken, nur schlechtere Qualitäten. Sein Vater trank reichlich, ohne sichtlich Schaden davonzutragen, während die Mutter heftig remonstrierte und sich über das Trinken erregte. Nun beginnt dort oft die Jugend, um ihre Mannbarkeit zu zeigen, zu trinken. Auch er begann zu trinken, um das Gefühl des Verzärtelten, der Verlegenheit, der Schwäche und Unsicherheit zu kompensieren, sich als erwachsen und stark zu zeigen, wobei uns dieser Zug verrät, daß es sich um einen Menschen handelt, der wenig Selbstbewußtsein hat, der nach leichten Wegen sucht, um sich hervorzutun. Er kam in Trinkergesellschaft und trank. Die Mutter zeigte sich erschüttert und bat ihn händeringend, nie wieder zu trinken. Er versprach es. Eine Zeitlang hielt er auch sein Wort. Um einen Beruf zu ergreifen, kam er in eine andere Stadt, wo er auf sich angewiesen war, was er als zu schwer empfand. Er war scheu und beschäftigte sich mit sich selbst, blieb allein zu Hause, las viel, war ein guter Musiker. Er konnte es nicht vermeiden, gelegentlich eingeladen zu werden, was ihn bedrückte. Er kam dabei in eine große Spannung, und es geschah oft, daß er vor einer solchen Situation sich betrank und natürlich den Besuch nicht machen konnte. Er war hübsch, intelligent, vielversprechend, so daß gelegentlich Mädchen sich ihm gern näherten, was ihn ebenfalls in eine große Spannung versetzte, so daß er Reißaus nahm und sich dem Trunk ergab. Im Beruf hatte er keine glückliche Hand. Er wechselte oft den Beruf, und wenn er mit Kunden sprechen sollte, griff er auch wieder, um sich Mut zu machen, zum Glas und irrte oft zwei bis drei Tage besinnungslos umher. Am häufigsten trank er, wenn von seiner Mutter das Geld nicht pünktlich einlangte, das er für seinen Unterhalt brauchte. Da gingen immer Telegramme hin und her, und er konnte niemals Ordnung in seine Geldangelegenheiten bringen. Wenn die Mutter nicht umgehend Geld sandte, begann er wieder zu trinken. Daß er die Mutter dadurch am Schnürchen hielt und mit ihr machen konnte, was er wollte, ist klar. In diesem Zustand fand ich ihn, und es gelang mir, ihn nach einiger Zeit so weit zu bringen, daß er den Alkoholismus aufgab und sich seiner Arbeit widmete. Ich traf ihn nach drei Jahren wieder in vollkommen geordnetem Zustande. Meine Aufgabe gelang, weil ich ihn überzeugte, wie er der Spielball seines verzärtelten Lebensstils war.
Ferner will ich einen Bericht zeigen über einen Alkoholiker, den ich nie gesehen habe. Dieser Bericht ist sicherlich vollständig unzulänglich und auch wohl nicht nach den Grundsätzen der Individualpsychologie abgefaßt:
„Er ist der einzige Sohn seiner Eltern.“ Wir treffen schon wieder dasselbe Moment, von dem ich vorhin gesprochen habe. „Er ist von zartem Körperbau, klein, intelligent.“ Vielleicht von endokriner Minderwertigkeit. „Sein Vater war ein Trinker, jedoch imstande, seinen Beruf als Geistesarbeiter auszufüllen. Er starb früh, so daß die Mutter die Erziehung des einzigen Knaben allein zu leiten hatte.“ Das ist die Situation, die oft als unzulänglich erscheint, wenn nur die Mutter die einzige Beziehungsperson ist. Wenn wir jetzt noch hören werden, daß die Mutter ununterbrochen über ihn wacht, werden wir uns des Eindrucks nicht entschlagen können, daß er nur mit der Mutter in Beziehung steht. „In der Schule war er vom Spiel und Sport befreit. Die Mutter entschuldigte ihn oft wider besseres Wissen.“ Wir erwarten, daß die Mutter ihn nicht aus der Hand läßt. In seiner Urform besteht keine andere Beziehung als für die zärtliche Mutter. „Er entschied sich für den Lehrberuf, worin es ihm an Protektion nicht fehlte. Trotzdem die Mutter ihn vor dem Alkoholismus bewahren wollte, fing er, sich mehr selbst überlassen, an, Bier zu trinken.“ Da haben wir wieder die Funktionsprüfung. Wenn die Mutter nicht da ist, geht es nicht, und zwar besonders, wenn er über größere Summen Geldes verfügt. Da zeigt sich die Genäschigkeit. Da kann er sich nicht zurückhalten in dieser Situation, die eine Anspannung bedeutet, sich irgendwelche Köstlichkeiten, Beruhigung, einen Rausch zu verschaffen, der ihn über die Schwierigkeit der Situation, mit seiner Arbeit allein gelassen zu sein, enthebt. Das heißt natürlich auch: „Meine Mutter soll hier sein, ich kann nicht allein stehen, bin zu schwach.“ Hier haben wir den Ausdruck des Minderwertigkeitskomplexes. „Die Mutter log für ihn, wenn ihm Unannehmlichkeiten erwuchsen. Es gelang ihm, all seine Prüfungen zu bestehen und eine Anstellung zu erlangen. Als er allein über sein Gehalt verfügte, huldigte er dem Alkoholismus, besonders an Gehaltstagen, was so weit ging, daß er oft sein ganzes Geld durchbrachte.“
An dieser Stelle möchte ich eine Bemerkung machen, die ich bitte, nachzuprüfen. Sie betrifft das, was wir „Quartalssäufer“ nennen. Es ist oft die Ansicht geäußert worden, daß dafür keine Gründe vorliegen, also eine endogene Ursache vorläge. Soweit ich sehen konnte, liegen immer Gründe vor. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Mann an jedem Ultimo sein Gehalt bezog. Er ist daher kein Quartalssäufer, sondern er verhält sich entsprechend der Situation aus Gründen der Unsicherheit, in der er steckt.
„Er blieb unverheiratet.“ Auch da haben wir wieder den Hinweis: unfähig, eine Frage zu lösen, die Interesse für den andern erfordert. Ich bin überzeugt, daß auch seine Sexualität sich in einer Weise ausprägte, die deutlich zeigt, daß er kein Gemeinschaftsgefühl hat. Es ist wohl eine Sexualität wie bei einem Eigenbrötler, entweder Masturbation oder Leere, bedingt durch die Ganzheit seines Lebensstils, nicht umgekehrt. — „Die Mutter konnte zuletzt sein Laster nicht mehr verbergen und offenbarte sich dem Vorgesetzten. Wenn ihm die Mutter Vorwürfe machte, behandelte er sie grob und roh.“ Das finden wir bei verzärtelten Kindern oft, die früh Tyrannen des Hauses werden, frühzeitig trotzig, später aggressiv und gefährlich. „Er trat in einen Abstinenzler-Verein. Wurde rückfällig. Aus einer Anstalt entwich er, weil er nach seiner Angabe körperlich arbeiten mußte. Wieder in seinen Beruf zurückgekehrt verfiel er, trotz Mahnung seiner Mutter, an jedem Monatsende kürzere oder längere Zeit dem Alkoholismus. Er versäumte seinen Dienst, er wußte stundenlang nicht, was er tat.“
Wir werden auch aus diesem Bericht entnehmen können, daß dies ein Mensch ist, der für das Leben nicht vorbereitet ist, insbesondere nicht allein sein kann, der seine Mutter oder einen Ersatz zur Verfügung haben will. Wahrscheinlich liegt in seiner Trunksucht auch ein Angriff gegen seine Mutter, die ihn jetzt in einer Weise zurechtweist, die seinen krankhaften Ehrgeiz beleidigt.
Wenn ich zusammenfasse, möchte ich sagen, wir können im Rückblick auf die Urform, auf die in den ersten Jahren erworbene psychische Konstitution feststellen, was wir in vielen Fällen als zutreffend gefunden haben. Dieses krampfhafte Suchen nach Erleichterung finden wir in der Kindheit auch schon ausgedrückt in Fehlschlägen, bei schwer erziehbaren, bei nervösen und delinquenten Kindern. Einer der häufigst betretenen Wege, einer der billigsten ist der Tagtraum. Wir finden immer wieder den Ansatz zu einem Tagtraum dann, wenn ein Kind sich nicht stark genug fühlt, an größeren Minderwertigkeitsgefühlen leidet und ein Gefühl der Herabsetzung hat. Wie in einem Aufschwung flüchtet es in die Phantasie und baut große Pläne und Bilder auf, die ihm dazu verhelfen, seine wirkliche Lage zu vergessen, oder ihm dazu verhelfen, unter seiner wirklichen Lage nicht mehr zu leiden. Es ist die Sehnsucht, sich dem seelischen Leiden zu entschlagen. Und so können wir als einen Vergleich etwa den Morphinismus und den Alkoholismus als den Tagtraum des Erwachsenen bezeichnen.
Bezüglich der Frage, ob Psychotherapie allein für die Behandlung anzuwenden ist, sind wir uns alle einig. Solange wir den Morphinisten oder Alkoholisten nicht sicherstellen, können wir mit ihm nicht reden und arbeiten. Deshalb ist es notwendig, daß man die Entziehung durchführt. Die Ursache für die Abstinenzerscheinungen scheint in einer Wasservergiftung zu bestehen, die am besten wahrscheinlich durch Euphyllin zu beseitigen ist. In der psychiatrischen Klinik des Professors Pötzl in Wien hat Dr. Alexandra Adler die Entziehungskur des Morphinisten in wachem Zustand in etwa 3—8 Tagen durchgeführt, meistens so, daß kaum wesentliche Beschwerden bestehen.
Wir werden nun noch die Krankengeschichte eines Rauschgiftsüchtigen besprechen, die Herr Dr. Meyer, Berlin, uns freundlicherweise überwiesen hat. Ich werde aus dem ausführlichen Bericht nur einige Punkte hervorheben, die für unsere Betrachtungsweise wichtig sind und die übrigen Teile des Berichtes etwas kürzer zusammenfassen.
Die allgemeine Behandlung der Rauschgiftsüchtigen stützt sich hauptsächlich auf Entziehungskuren, die man durch entsprechende Einrichtungen und den Ausbau der Entwicklungsmethoden sehr erleichtert hat. Daß diese Methoden allein einen dauernden Erfolg gewährleisten, erscheint doch wohl allen jetzt mehr als fraglich. Auch über die Rauschzustände selbst herrscht noch große Unklarheit. Sicher ist nur das eine, daß im Rauschzustand psychische und physische Hemmungen wegfallen, was natürlich in allen Fällen bedrückenden Gehemmtseins dem Patienten außerordentlich viel bedeutet. Daher kommt es, daß die Morphinisten und Kokainisten gelegentlich auf großes Lustempfinden hinweisen und nicht selten auch einen Zusammenhang mit der Sexualität herstellen. Da der Sexualtrieb alle möglichen Verbindungen eingehen kann, braucht es uns nicht wundernehmen, und es braucht für uns keineswegs der Schluß daraus hervorzugehen, daß der Morphiumgenuß in einem besonderen Zusammenhang zum Sexualempfinden steht.
Es ist die Frage, ob nicht alle Menschen heute Entspannung suchen. Das heißt, wir brauchen wohl nicht anzunehmen, daß ein besonderer Zustand bei jedem diese Entspannungssucht hervorruft. Wenn wir wissen, daß es Morphinisten gibt, die aus eigener Kraft eine Entwöhnung vornehmen können und andererseits andere Fälle auch durch viele Entziehungskuren nicht geheilt werden können, so spricht es dafür, daß die Möglichkeit der Heilung mehr von allgemeinen Bedingungen der Persönlichkeit, als von einer speziellen Situation abhängt.
Wir, die wir in der Individualpsychologie von der Einheit der Persönlichkeit ausgehen und auch beim Morphinismus uns fragen, wie weit ist er durch den Lebensstil des Patienten bedingt, werden darum in jedem einzelnen Falle die Frage erheben: Wie weit zeigt sich der Patient den Aufgaben des Lebens in aktiver Weise angepaßt? Wir haben bei allen Morphinisten feststellen müssen, daß sie mehr vom Leben belastet waren, als es ihnen erträglich erschien.
Bevor wir aber zur nächsten Darstellung unserer Betrachtungsweise kommen, müssen wir eine andere Möglichkeit prüfen. Sollte diese Erscheinung vielleicht durch Vererbungsvorgänge zu erklären sein? Nun auch die Vertreter dieser Richtung können in bezug auf Morphinismus ihre Theorie nur in einer sehr vagen Form zur Anwendung bringen, daß nämlich „Psychopathen“ dem Morphinismus zugänglicher sind. Wir sehen, das betrifft nur einen Bruchteil und gibt keine Erklärungen für den Gesamtkomplex der Erscheinungen.
Demgegenüber behauptet die Individualpsychologie: Morphinismus ist einer der vielen Versuche, sich der Verantwortlichkeit in der Schwere des Lebens zu entziehen.
Selbstverständlich muß der Beweis für diese Behauptung in jedem Falle ohne Phrase und ohne Formeln erbracht werden, indem wir genau die individuellen Bedingungen prüfen, d. h. indem wir genau die Nuance der Lebensform feststellen, die Variante klar erkennen. Dann können wir auch zu einem sicheren Urteil kommen und unsere Behauptung unter Beweis stellen. Dabei werden uns selbstverständlich gewisse, allgemein durchgehende Linien für unsere Orientierung nützlich sein, sie werden uns dazu dienen, unser Arbeitsfeld zu beleuchten.
Bei allen Morphinisten fand ich gemeinsam das Bild eines wenig angepaßten Menschen, dem von der Kindheit her schon das richtige Zugehörigkeitsgefühl zu anderen Menschen und zu seinen Aufgaben fehlte. Wir werden also immer untersuchen müssen, wie weit diese Zugehörigkeit schon vor seiner Morphiumsucht mangelhaft war.
Noch ein Gesichtspunkt ist von vornherein zu erwähnen. Man muß bedenken, daß ein Patient, wenn er in Behandlung kommt, noch keineswegs vor Rückfällen gesichert ist, man muß ihn aber in der freundlichsten und mildesten Form behandeln, um nicht Widerstände in ihm zu erzeugen, die leicht Rückfälle provozieren können. Wir müssen uns hier, wie in vielen Fällen durchaus als Rettungsgesellschaft betrachten und den Protest des Patienten zu vermeiden suchen.
Wenn wir zu einer Zusammenhangsbetrachtung kommen wollen, so müssen wir uns zuerst fragen, in welche Gruppe von Fehlschlägen haben wir den Morphinismus einzureihen? In den verschwimmenden Grenzformen der Neurose können wir immer beachten, daß jeder Neurotiker versucht, zwischen sich und der Leistung ein Hindernis, eine Aufschubsmöglichkeit, eine Entschuldigung einzuschalten. Da ist uns nun klar, daß ein Morphinist seinen Morphinismus wie jedes neurotische Symptom zwischen sich und seine Aufgabe stellt. Wir brauchen einen Patienten nur zu fragen: „Was würden Sie tun, wenn Sie nicht Morphinist wären?“ Wir werden dann sofort von den Leistungen hören, die er vollbringen würde, vor der er aber seiner Eigenart und mangelnden Vorbereitung wegen zurückschrecke. Wir finden also auch bei ihm das für den Neurotiker so charakteristische: „Ja — aber.“
Wir lesen in dem vorliegenden Bericht, daß der Patient im Jahre 1925 schon an einer nervösen Verstimmung litt, die ihn unruhig machte. Es zeigten sich Gehörsüberempfindlichkeiten, leichte Herzbeschwerden usw. In dieser Zeit bekam er Durchfall, dessentwegen er vom Arzt wiederholt Opium erhielt.
Es gibt Patienten, die auf die kleinste Erregung mit Diarrhöe antworten. Es können also sehr wohl auch für diesen Durchfall psychische Ursachen vorhanden gewesen sein, und wir werden uns fragen: Auf welche Fragen antwortete der Patient mit diesen Symptomen? „Im Jahre 1926 schloß er eine Ehe mit einem Mädchen, mit dem er schon vorher Umgang hatte, und das er beim erstenmal schwängerte. Als das Mädchen in die Hoffnung kam, beschloß er es zu heiraten, obwohl er große Zweifel hatte, ob es von ihm schwanger sei.“ — Wir sehen, wir haben es mit einem mißtrauischen Menschen zu tun, der seinem „Liebespartner“ das Schlechteste zutraut.
„Rückblickend schildert er diese Ehe durchaus nicht als Liebesehe. Auffällig ist auch, daß er sagt, ich entschloß mich zu der Ehe, gerade weil das Mädchen und die Eltern mich nicht dazu drängten.“ — Was ist das für ein Mensch? Wir finden gewisse Analogien, wenn wir an Menschen denken, die gerade einen Krüppel oder einen minderwertigen Partner zur Ehe vorziehen. Es sind solche, die auf ewige Dankbarkeit rechnen und in der Ehe gern oben sein wollten.
„Als Kind war er bockig,“ — gehört also zu dem Typus, der seine Stärke in der Opposition sucht. Auch seine Frau schildert er als bockig, und bemerkt nochmals, daß er diese Ehe „nicht als Liebesheirat bezeichnen kann“. — Er muß also damals unter großen Spannungen gelebt haben: Keine Liebesheirat, Zweifel, ob es sein Kind wäre, schlechtes Verhältnis zu den Schwiegereltern, die von einer solchen Ehe nichts wissen wollten. Wollte er deshalb die Ehe?
„Er erzieht die Frau viel, macht sie auf Fehler aufmerksam, doch sie ist bockig.“ — Er steht also hier vor einem unlösbaren Problem und sieht sich in den Voraussetzungen seiner Ehe, daß die Frau immer zu ihm aufblicke, enttäuscht.
„Sie ist mir nie entgegengekommen, so daß ich auch heut noch nicht weiß, wieviel meine Frau für mich übrig hat. Als Mutter und Hausfrau ist sie gut, aber sie kann mir doch als Frau nicht genügen.“ — Wir sehen also, er wertet die Frau nur als Sexualobjekt. Was tut ein Mann in solchem Fall? Er versucht sich zu rächen. Die gewöhnlichste Form dieser Rache sind Seitensprünge. Wobei sich dann immer herausstellt, daß alle anderen Frauen besser gefallen als die eigene Frau.
„In dieser Zeit nimmt er unausgesetzt Opium, war viel in Behandlung, auch bei Kurpfuschern. Die Ärzte bemerkten seine Sucht nicht oder verstanden nicht, ihr entgegenzuwirken. In dieser Zeit war er zu seiner Frau sehr aufbrausend und mit ihr sehr unzufrieden, hatte auch viel Kopfschmerzen.“ — Er zeigt Symptome, die Rücksicht fordern. Sein ganzes Verhalten ist als eine Rache an der Frau zu erklären, mit der er nicht fertig wurde.
„Er betont auffällig, daß er auch große Schwierigkeiten mit seinem ältesten Sohn hatte, der ihm sehr ähnlich sei und den er gerade deshalb nicht leiden könne.“ — Der common sense würde nie so urteilen. Wie sollen wir uns das erklären, daß es ihm so besonders angenehm wäre, wenn der Sohn nicht so wäre wie er? Er hätte dann natürlich eine neue Waffe gegen seine Frau, da sein Verdacht in bezug auf die Vaterschaft eher gerechtfertigt wäre.
Von seiner frühen Kindheit erzählt er, „er hätte an seinem Vater sehr gehangen, der Mutter gegenüber sei er äußerst kritisch gewesen.“ — Diese Situation erkenne ich immer als zweite Phase in der Beziehung des Kindes zu seiner Mutter. Das Kind muß dann schon irgendeine Enttäuschung an seiner Mutter erlebt haben.
„Die Mutter war Morphinistin und sehr nervös. Eine ältere Schwester, die er hatte, bedeutete ihm nicht viel, mit seiner jüngeren Schwester lebte er ständig in Streit.“ — Wir sehen zwei Frauen, mit denen er in einem sehr schlechten Verhältnis lebt. Wir werden uns, da wir wissen, daß der Lebensstil schon in den ersten fünf Jahren feste Formen annimmt, nicht wundern, daß dieser Mann zu den Frauen kein gutes Verhältnis fand.
„Er hatte seit dem 17. Jahr Sexualverkehr, selten Befriedigung, verließ gewöhnlich jede Frau nach dem ersten Zusammensein und hatte ungefähr im Laufe der Zeit 30 Frauen. Wenn er ein Mädchen wirklich liebte, konnte er mit ihr sexuell nicht verkehren. In der Ehe kümmert er sich nicht allzuviel um seine Kinder; wenn ihre Bestrafung ihm geboten erscheint, überträgt er seiner Frau die Aufgabe, sie zu strafen.“ — Also ein Mensch der obenauf sein will, sich aber doch nicht die Kraft dazu zutraut.
„An seiner Frau tadelt er, daß sie eine tiefe Stimme hat und poltrig ist.“ — Andere Neurotiker klagen, daß die Frau eine zu hohe Stimme hat; wenn man zu tadeln sucht, findet man immer einen Grund.
Fassen wir unsere bisherigen Erfahrungen zusammen, so finden wir, daß unser Patient den sozialen Anforderungen schlecht angepaßt ist. In seinem Verhalten zeigt sich die Tendenz, andere herabzusetzen. Dazu paßt eine Neigung zu Tierquälerei. Auch durch Quälen kann man herabsetzen. Wesentlich ist noch, daß er in der Schule zwei Lehrer hatte, die ihre Schüler nicht nur erbarmungslos schlugen, sondern offenbar an allerhand Mißhandlungen Freude hatten. Das wird nicht ohne Einfluß auf ihn gewesen sein. Er beschreibt diese Vorgänge so, als ob er sie ablehnte. Im Grunde zeigt sein Verhalten dieselbe Tendenz.
Wir dürfen nicht vergessen, daß er schon in frühen Kinderjahren durch seine Mutter, die Morphinistin, lernte, wie man seine Umgebung durch derartige Selbstschädigungen, indem man sich Erleichterungen schafft, außerordentlich quälen kann, daß ihm seine Stellung zur Ehe, der Wunsch, an seiner Frau Rache zu üben, diese Quälerei wünschenswert machte, und daß dies bei einem Menschen, der von frühester Kindheit an soziale Unangepaßtheit zeigte, bei stärkerer sozialer Inanspruchnahme auch stärkere Formen annehmen konnte, so daß uns seine Sucht nach dem Rauschgift verständlich wird, das in letzterem Sinne als Fehlschlag an Stelle sozialer Bereitschaft stand, Erleichterung für ihn und Ausrede für seinen Mißerfolg im Leben, Anklage und Strafe für seine Frau.
Bezüglich des Alkoholismus scheint mir neben anderen Ursachen eine spezifische Neigung des Geschmacks für Alkohol oft vorhanden zu sein und bei der Wahl des Symptoms eine Rolle zu spielen. Außer meinen eigenen Beobachtungen darüber finde ich bisher keine diesbezüglichen Nachweise in der Literatur. Freilich könnte, wie oben bemerkt, der Kampf gegen eine in
Fuente: Alfred Adler, «Rauschgift», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 10 (1932), cuaderno 1, págs. 1-19 (artículo de apertura del volumen); transcripción del volumen anual digitalizado en Internet Archive (fichero local 1932/1932_Internationale-Zeitschrift-Individualpsychologie_Jg10-komplett__archive.pdf, págs. 7-25 del PDF), con el OCR de archive.org corregido sobre las imágenes de las páginas, revisadas una a una (cursivas, comillas y erratas del OCR). Según la nota del propio artículo, el texto procede de una conferencia pronunciada en la Casa de los Médicos de Berlín (Berliner Ärztehaus) el 25 de marzo de 1931, y su primera parte se publicó antes en Fortschritte der Medizin (Berlín, Hans Pusch), n.º 14, 10 de julio de 1931 (vol. 49, págs. 535-540 y 570-575 según la bibliografía, que da también una segunda entrega); esa publicación no se ha podido consultar (archive.org solo tiene la revista hasta 1929), de modo que no se ha cotejado. De ahí la fecha de 1931 con que se cita el texto y que lleva su Id en el inventario (AA1931-05); el fichero lleva la de la publicación transcrita, 1932. El texto conserva rasgos de la conferencia oral (alusiones al público, «heute», la historia clínica que «el Dr. Meyer, de Berlín, nos ha remitido»). Se respetan las grafías del impreso («zweitesmal», «solange», «Alkoholisten» junto a «Alkoholiker»), incluida «Entwicklungsmethoden» (pág. 15), probable errata por Entziehungsmethoden. El artículo no lleva firma al final. Las cursivas reproducen las del original. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.
Der erste Teil dieser Publikation wurde in Nummer 14 vom 10. Juli 1931 der Zeitschrift „Fortschritte der Medizin“, Med. Verlag Hans Pusch G. m. b. H., Berlin, nach einem Vortrag (gehalten im Berliner Ärztehaus am 25. März 1931) veröffentlicht. ↩