Der Aufbau der Neurose1

Von Dr. ALFRED ADLER

So schwierig es ist in der kurzen Zeit ein Kapitel aus der Individualpsychologie ausführlich zu behandeln, möchte ich das Schwierigste herausgreifen und die Struktur der Neurose auseinandersetzen.

Ich möchte sagen, daß wir in der Neurose kaum eine Erscheinung finden, die man in einer psychologischen Betrachtung, sofern sie den Einklang der Einzelerscheinung mit der Ganzheit nicht erfaßt hat, nicht auch außerhalb der Neurose in geringerem Grade findet. Es ist begreiflich, daß man Angsterscheinungen beobachten kann, ohne daß man von Neurose sprechen kann; auch gedankliche Festlegungen finden sich bei den meisten Menschen, die auf Regeln und Formelkram einen besonderen Wert legen. So geht es bei allen anderen neurotischen Erscheinungen auch, z. B. Ermüdungserscheinungen, wie bei der Neurasthenie usw. Auch bei den Erscheinungen der funktionellen Neurosen sehen wir dasselbe. Jeder Mensch wird nach seinem besonderen Typus auf seelische Spannungen reagieren. Bei der Angst wird man die verschiedensten Auswirkungen beobachten können wie Herzklopfen und Atembeschwerden usw. All das kann noch außerhalb der Neurose stehen. Schluckbeschwerden treten im Stadium der Unsicherheit auf. Andere werden im Falle eines Angstaffektes Erscheinungen des Magen-Darmapparates aufweisen, oder Blasenerscheinungen; eine große Anzahl von Menschen gibt es, bei denen der Angstaffekt sich in Beziehung zum Sexualorgan setzt. Es ist ein besonderer Typus von Menschen, bei dem die Angst eine Sexualerregung verursacht, und sie alle schwören, daß das bei jedem so sein müßte, bauen gelegentlich sogar eine Theorie darauf auf. Wir wollen festhalten, daß Erscheinungen, die außerhalb des menschlichen Seelenlebens und seiner Ausstrahlungen liegen, in der Neurose auch nicht vorkommen.

Ich muß kurz die Grundanschauungen der Individualpsychologie, insbesondere den Begriff der Seele streifen. Es ist ganz klar, daß wir uns da auf transzendentales Gebiet begeben. Watson u. a. wollen von der Seele nichts wissen, ebenso sehen diejenigen, die einer rein mechanistischen Anschauung huldigen, vom Seelenleben ab. Der Psychologe kann dies nicht tun; er nimmt an, daß seine Idee vom Seelenleben als unterliegende Idee alle Erscheinungen verbindet, die nach einer bestimmten Richtung zu ordnen sind. Es gibt keinen Beweis gegen den Bestand eines Seelenlebens. Es ergibt sich aber die Notwendigkeit einer spekulativen Einsicht in die Zusammenhänge, die uns außerhalb des Gebietes der Erfahrung führen. Auch hier ergibt sich kein Widerspruch, wenn wir annehmen, daß es ein Seelenleben gibt. Die Seele ist ein Teil des Lebens. Der wichtigste Charakter des Lebens ist Bewegung. Das sagt nicht, daß das Lebewesen nicht im Ruhezustand sein kann, aber Bewegungsfähigkeit ist dem Leben eigen. Wir können auch das seelische Leben nur als Bewegung feststellen. Alle Erscheinungen, die wir auf das Seelenleben beziehen, können wir so in räumlicher und zeitlicher Anschauung betrachten. Wir fangen die Bewegung ein, sehen sie so, als ob sie geronnene Bewegung, Form, im Ruhezustand wäre. Erst wenn wir die seelische Ausdrucksform als Bewegung verstanden haben, nähern wir uns dem Verständnis. Der auffallendste Charakterzug einer jeden Bewegung ist, daß sie ohne Ziel nicht zustande kommen kann. Wir werden annehmen müssen, daß jede seelische Ausdrucksform nach einem Ziel gerichtet ist. Dieses Ziel könnte nicht bestehen, wenn nicht das gesamte Seelenleben ein Ziel hätte. Man nimmt allgemein diese Tatsache als bestehend an, wenn man sich auch nicht so scharf äußert wie wir. Das Ziel muß charakterisierbar sein, auch wenn es nicht vom Individuum in Worten gefaßt ist. Es ist sicher, daß wir im Bewußtsein eine Unzahl von Eindrücken tragen, die nicht begrifflich gefaßt sind. Wir können sie unter Umständen begrifflich fassen. Rechnet man als mit einem Gegensatz, so meint man, daß, wenn man unbegriffliche Fakten in Worte kleidet, man vom Unbewußten etwas ins Bewußte gehoben hat. Sicherlich ist dies nicht der Fall.

Ich habe davon gesprochen, daß jede Bewegung ein Ziel hat. „Trieb“, „Anlage“ sind richtungslos, können deshalb zum Verständnis seelischer Vorgänge nicht herangezogen werden. Diese Bewegung nach einem Ziel zeigt sich uns als einheitlicher Stil. Die Zielsetzung des Seelenlebens erst bringt das ganze Seelenleben in eine Einheit. Daraus folgt, daß jeder Teil der Bewegung dieses Ziel in sich trägt, also ein Teil der Einheit ist. Für uns folgt daraus, daß wir einen Teil des Seelenlebens erst verstanden haben, wenn wir feststellen, daß er ein Teil der Einheit ist, von dem gleichen Strom des Geschehens durchflossen ist. In der praktischen individualpsychologischen Tätigkeit ist dieser Standpunkt von größter Wichtigkeit. Es wird notwendig sein, Aufklärung darüber zu verschaffen, wie das Ziel zustande kommt.

Die Zielstrebigkeit findet sich im Leben überall. Es wächst alles, als ob ihm das Ziel der Vollendung vorschweben würde. Das Ziel der Vollendung nennen wir das Ziel der Überwindung. Die Sprache ist arm, und so sagt der Begriff der Überwindung für jeden etwas anderes. Das Ziel jedes Individuums ist verschieden von dem eines anderen. Wenn wir „Macht“, „Stärke“, „Ausweichen vor den Problemen des Lebens“ sagen, haben wir etwas Typisches gesagt, was beim einzelnen Falle keine klare Einsicht bringt, aber eines haben wir gewonnen: wir beleuchten das Gesichtsfeld, und so gelingt es uns, einzelne Bewegungen festzustellen. Dazu gehört Erfahrung, Scharfsinn, unvoreingenommene, skeptische Durchleuchtung des einzelnen Falles. Alle Erscheinungen tragen eine Minus- und eine Plussituation (Minderwertigkeitsgefühl — Streben nach Überlegenheit) zugleich in sich. Das Minderwertigkeitsgefühl kann sich in tausenden Varianten zeigen, ebenso das Streben nach Überlegen-heit. Die Frage taucht auf: wer errichtet den für jeden verschiedenen Ausbau im Ablauf des Lebens? Wenn die Natur sich so auswirkt, warum schafft sie nicht gleiche Individuen? Die Tatsache brauche ich vor Ärzten nicht zu betonen: jedes Kind kommt mit verschiedenen Möglichkeiten zur Welt. Unser Einspruch gegen die Bedeutung der Hereditätslehre und jeder „Besitzpsychologie“ lautet im Sinne einer „Gebrauchspsychologie“: es kommt nicht darauf an, was einer mitbringt, sondern was einer daraus macht. Wer macht es nun? Die Einflüsse der Umgebung? Wer sagt uns, daß gleiche Einflüsse in gleicher Weise erfaßt, verarbeitet, verdaut, beantwortet werden? Wir können nicht darauf verzichten noch eine Kraft anzunehmen, wodurch die Unhaltbarkeit der Anschauung derer, die an die Heredität oder derer, die an das Milieu glauben, noch zu größerer Unsicherheit steigert: die schöpferische Kraft des Kindes. Wir können nicht umhin, dem Kinde schöpferische Kraft zuzusprechen, die alle diese Einflüsse, die alle Möglichkeiten ordnet, um eine Bewegung zu gestalten, die zur Überwindung führt, in einer Form, die von dem Kinde als richtunggebende Überwindung empfunden wird. Aber daß alle Bewegungserscheinungen im Seelenleben eines Kindes zur Überwindung drängen, daran ist kein Zweifel. Das gilt für alle unmittelbar zu erfassenden Ausdrucksbewegungen und auch für alles, was man in transzendentaler Anschauung als Trieb ansieht. Denn der Trieb ist nicht gerichtet, solange das Kind selbst ihm nicht ein Ziel gibt. Der Trieb ist richtungslos, deshalb ist es vergeblich, auf den Trieben eine Psychologie aufzubauen, ohne die schöpferische Eigenart des Kindes in Betracht zu ziehen. Es gibt aber, wohl nicht als kausales Element, wohl aber als verlockende Gelegenheit eine Anzahl von Faktoren im frühesten Kindesalter, die auf das Kind einwirken und nahelegen, in welcher Art es sein Leben ausgestalten soll. Das wird von den verschiedenen Kindern verschieden beantwortet. Es gibt keine mathematische Regel, nach der man aus „Besitz“ den richtigen „Gebrauch“ machen kann. Was wir beobachten können, ist der Gebrauch, nicht der Besitz. Diese Anzahl von Faktoren treten als verlockende Gelegenheiten in Erscheinung, sind nicht kausal, sondern als Wahrscheinlichkeit in der Statistik auftretend2. Sie können von uns „verstanden“ werden. Wir verstehen nach unserer menschlichen Erfahrung, daß Kinder mit minderwertigen Organen in bezug auf die Aufgaben des Lebens sich schwächer fühlen werden, daß diese Minus-Situation von einem solchen Kinde stärker empfunden werden kann als vom Durchschnitt. Das bedeutet viel, denn wieder deckt es sich mit unserer Erfahrung, daß dort, wo eine Situation als besonders unsicher empfunden wird, auch die Folgen, die daraus erwachsen, auffällig sind, insbesondere das Drängen nach einer Plussituation. Das betrifft Kinder, die mit minderwertigen Organen zur Welt kommen, minderwertige Sinnesorgane, vielleicht eine minderwertige Gehirnstruktur, minderwertige endokrine Drüsen besitzen. Das alles muß sich als organische Minussituation nicht geltend machen, aber das Kind erlebt die Schwäche seines organischen Bestandes und muß sich damit einrichten. Es gibt eine Unzahl von Formen, in denen wir das Drängen nach Überwindung feststellen können. Die einen suchen die Überwindung darin, indem sie bestrebt sind, Probleme auszuschalten; sie sind eines Problems ledig geworden und fühlen sich dadurch in erleichterter Stimmung. Andere ringen und streben (Linkshändigkeit z. B.), äußere Einflüsse werden mit einbezogen, die Ausführung hängt von der schöpferischen Kraft des Kindes ab, die sich regellos ausweitet, doch immer den Erfolg sucht. Nach dem 3., 4. Lebensjahr hat ein solches Kind seine Lebensform beendigt, hat das Ziel der Überwindung konkret gestaltet. Aus seiner Haltung kann man das Resultat des Prozesses wahrnehmen. Zwischen Extremen gibt es millionenfache Varianten, die dem Grade nach, der Tönung, dem Rhythmus nach verschieden sind.

Die zweite, zu einer bestimmten, annähernd ähnlichen Lebensform verlockende Gelegenheit stammt von außen. Sie betrifft die Verwöhnung. Je mehr ich mich in die Materie vertieft habe, desto deutlicher konnte ich sehen: es gibt gar keine Neurose, wo nicht die Tatsache der Verwöhnung feststellbar wäre. Die Abhängigkeit von einer zweiten Person zwecks Lösung der Aufgaben spielt eine auffallend große Rolle. Unter Verwöhnung verstehen wir nicht, daß das Kind geküßt und gekost wird, sondern daß die Mutter stets sich um das Kind bewegt und ihm seine Aufgaben abnimmt. Hier vollzieht sich das Leben wie in einer Symbiose, das Kind wächst auf wie ein Parasit. Da entwickeln sich eine Unzahl von Varianten. Entweder es wachsen Menschen heran, die später eine übertriebene Neigung haben, jede Beeinflussung strikte abzulehnen, oder aber solche, die immer hilfesuchend um sich schauen. Dazwischen tausend Varianten.

Eine dritte Form ist die Vernachlässigung von Kindern (illegitime, unerwünschte, häßliche Kinder). Äußere Einflüsse können die Vernachlässigung verstärken. Jedes verwöhnte Kind gerät später automatisch in eine Situation, in der es sich vernachlässigt fühlt.

Wir wollen die unterliegende einigende Linie suchen, die alle diese Typen verbindet. Alle drei Typen stehen dem Leben gegenüber unsicher da. Das scheint ein Charakteristikum aller Fehlschläge zu sein. Wir werden aus ihren Antworten sehen, wie weit sie zur Lösung der Aufgaben vorbereitet sind. Die Aufgaben sind immer sozialer Natur. Es gibt keine anderen (Gesellschaft, Beruf, Liebe). Die Lösung dieser Aufgaben hängt davon ab, wie weit einer sozial vorbereitet ist. Das Gegenteil gilt für alle Fehlschläge, schwererziehbare Kinder, Verbrecher, Selbstmörder, Neurotiker, Psychotiker, Trinker, sexuell Perverse usw., sie alle sind keine Mitarbeiter, keine Mitmenschen, eher Nebenmenschen, wenn nicht Gegenmenschen. Was bedeutet dieser Gesichtspunkt, der nun anfängt aus der Individualpsychologie eine Wertpsychologie zu machen? Nur der kann die Aufgaben lösen, wie sie unser gesellschaftliches Leben bietet, der sozial zum Mitgehen vorbereitet ist. D. h. es muß in der Lebensform, im Bewegungsgesetz eines Menschen ein bestimmter Grad von Kontaktgefühl, von Streben nach Kooperation zu finden sein. Ich habe früher schon gezeigt, bei welchen Kindern sich die Leistungsneigung nicht richtig entwickelt: bei denen, die sich unsicher fühlen. Dort bildet sich ein Lebensstil, der Mangel an sozialem Interesse zeigt, weil der unsichere Mensch mehr an sich als an die anderen denkt, von sich nicht loskommt.

Wir werden für den Neurotiker feststellen, daß bei ihm ein Mangel an sozialem Interesse besteht. Wir werden uns dadurch nicht irre machen lassen, daß manche Neurotiker als Weltbeglücker auftreten. Die Minussituation ist stark, ihr Streben nach Überwindung ist ebenso stark, wie es sich auch im Organischen zeigt. Wo ein Hindernis groß ist, dort ist auch die Spannung groß. Das Ziel der Überwindung ist hoch gestellt, es bezieht sich, wie auch beim Normalen, auf das persönliche Wertgefühl, das aus der Überwindung fließt. Im Bewegungsgesetz des Neurotikers herrscht ein Mangel an sozialem Gefühl. Der Mangel ist nicht so groß wie beim Verbrecher, der die Mitmenschlichkeit kennt, aber ablehnt. Der Neurotiker lehnt sie nicht ab, aber seine Bestrebungen gehen dorthin, das Gemeinschaftsgefühl der anderen auf die Probe zu stellen, es auszunutzen. Das gilt für alle Neurosen, so daß wir aus der Struktur der Neurose den allgemeinen Gesichtspunkt festhalten können: die Ausnützung des Gemeinschaftsgefühls der anderen, die Hinderung der eigenen kooperativen Leistung durch ein „Aber“, welches alle neurotischen Symptome charakterisiert. Der Neurotiker lebt unter der Parole: Ja — aber! Darin finden wir alle hindernden Symptome. Er leitet sein Wertgefühl davon ab, wieviel ein anderer zu seinem Wertgefühl beiträgt. Was die funktionellen Neurosen anbelangt, so stehen sie unter dem gleichen Gesichtspunkt. Es handelt sich um das jenseits der Mitarbeit erwachsende Arrangement eines Affektes (Angst, Unsicherheit, Überempfindlichkeit, Zorn, Ungeduld, Gier). Die Spannung, in der der Neurotiker ist, macht es ihm leicht, in Affekt zu geraten. Das wirkt sich entweder am locus minoris resistentiae aus und es tritt die familiäre Eigenart deutlich in Erscheinung, von der ich früher gesprochen habe (Magen, Blase usw.). So können wir verstehen, daß eine funktionelle Neurose nur dann zu verstehen sein wird, wenn wir das Individuum als Einheit erkannt haben, das, vor eine Prüfung gestellt, nicht selbständig und mitgehend die Fragen zum Nutzen der Allgemeinheit zu lösen trachtet, sondern im Interesse seines persönlichen Ehrgeizes. Dasselbe gilt auch für andere Neurosen. Alle Neurosen erwachsen aus der seelischen Spannung eines sozial schlecht vorbereiteten Menschen anläßlich einer Aufgabe, die mehr Gemeinschaftsgefühl zur Lösung erfordert als der Betreffende in sich trägt. Was man endogene Faktoren nennt, wird deutlich, wenn das Individuum vor einer Prüfung steht. Hier spielt die „Meinung3“ des Individuums eine große Rolle. Wir sind nicht der Ansicht, daß der Neurotiker die Fragen, an denen er scheitert, nicht lösen könnte, aber er hat es noch nicht in sich, was zur ungefähr richtigen Lösung gehört: die Anschlußfähigkeit besitzt er nicht. Da entwickelt sich nun jene seelische Spannung, wie bei jedem, der unsicher ist. Diese Spannung ergreift den ganzen Körper und das ganze Seelenleben. Bei verschiedenen Menschen immer in anderer Art. Es gibt Menschen, bei denen die Spannung sich intellektuell auswirkt, gedanklich, begrifflich, so wie wir es am deutlichsten bei der Zwangsneurose beobachten können oder in der Paranoia. Bei anderen tritt eine andere Sphäre des Seelenlebens in Bewegung: das Gefühlsmäßige, z. B. die Angst bei der Angstneurose, Phobie. Ich will die Bedeutung der exogenen Faktoren unterstreichen. Es gibt kein neurotisches Symptom ohne endogene und exogene Faktoren. Das Exogene ist in seinem Gewicht nur bei Durchleuchtung des ganzen Individuums, im Zusammenhang mit dem Lebensstil, zu verstehen. Der Untersucher muß sich in die Meinung des Patienten hineinfühlen, um zu verstehen, daß für diesen Menschen eine bestimmte Situation als zu schwierig erscheint. Z. B. kam dieser Tage ein Patient zu mir, der schon früher von einem Individualpsychologen erfolgreich behandelt worden war. Er hatte damals sexuelle Regungen nur, wenn er Tiere erblickte (platonisch). Es ist sicher interessant, nachzuforschen, warum er Tiere gewählt hatte. Doch muß ich diesen Teil seines Lebensstils übergehen. Den weitaus wichtigsten Teil der Liebesbeziehung hatte er ausgeschaltet, in einem starken Minderwertigkeitsgefühl, wie ich es als charakteristisch für alle Perversionen nachgewiesen habe4. Er steht nun im Begriffe, eine Ehe zu schließen. Er sagte: „Ich möchte heiraten, aber nun stehe ich vor der Frage: ich muß meiner zukünftigen Frau gestehen, was früher war. Wenn ich es tue, bin ich sicher, daß sie sich abwenden wird.“ Noch einmal also versucht er, mit einer anderen Wendung, der Lösung des Liebesproblems zu entgehen. Ich sagte: „Sie können doch nicht über alle unangenehmen Fakten, an denen Sie unschuldig sind, jedermann eine Beichte ablegen. Es ist unschicklich, über gewisse Dinge zu sprechen. Es war doch der schäbige Rest, der übriggeblieben war, infolge Ihrer Lebensfeigheit. Auch können Sie erwarten, daß der andere durchaus anders verstehen wird, was Sie ihm da mitteilen“. Das hat ihm eingeleuchtet. Ich hoffe, daß der letzte Rest seiner Furcht vor dem Problem der Liebe geschwunden ist.

Versteht man das Bewegungsgesetz der Neurose, so findet man immer Patienten, bei denen erst wieder das Gedankliche, oder das Gefühlsmäßige, oder das Stellungsmäßige in den Vordergrund tritt, während das Übrige des seelischen Ablaufs, dynamisch noch stets vorhanden, nicht in Erscheinung kommt. (Neurasthenie, Hysterie, Katatonie.) In der Behandlung muß der ganze psychische Ablauf klar herausgestellt werden. Reine Fälle gibt es nicht, nur Mischfälle, von denen wir nur sagen können, daß einmal das eine, das andere Mal das andere des Ablaufs in den Vordergrund tritt, was Uneingeweihte meist verleitet von Unbewußtem zu sprechen, wo meist nur Unbegriffliches vorliegt.

Wenn man die Aufmerksamkeit auf die Bewegung richtet, was einzig die wahre Aufklärung gibt, so findet man verschiedene Bewegungstypen unter den Neurotikern, wie ich sie kurz im vorigen Heft dieser Zeitschrift beschrieben habe:

Erstens: Das Distanzproblem. Es gibt Neurotiker, die eine auffallende Distanz zur Lösung des Problems zeigen (hysterische Ohnmacht, Unentschlossenheit, Zweifelsucht, bedeutet nichts als Stillstand). Wenn einer nicht weiß, ob er das oder jenes tun soll, ist nur eines sicher: daß er sich nicht bewegt. Auch die Angstneurose kann sehr deutlich die Distanz zum Ausdruck bringen. Dasselbe gilt auch für die funktionellen Neurosen. Auch sie sind imstande den Menschen zu hindern, das gesellschaftliche Problem zu lösen (z. B. Harndrang, wenn einer in Gesellschaft gehen soll). Auch bei der Zwangsneurose kann es zum Stillstand kommen, wenn der Betreffende etwas ausführen soll.

Die zweite Gangart ist die zögernde Attitude. Der Neurotiker geht wohl vorwärts, aber zögernd. Ein Beispiel ist das Stottern. Das Problem wird stotternd angegangen. Dieses Zögern kann zu einem Hinausschieben der Lösung führen (Agrypnie). Der Mensch ist so müde, daß er die Aufgabe nur zögernd lösen kann. Auch bei der Neurasthenie kommt es zu Ermüdungserscheinungen. Bei der Agoraphobie wird es deutlich, daß ein anderer Hilfe leihen muß.

Die dritte Bewegungsform, die für alle neurotischen Symptome gilt, ist die Ausbiegung vor dem Problem, das Aufsuchen eines Nebenkriegsschauplatzes. Das ist bei der Zwangsneurose sehr deutlich. Der Betreffende stellt einen Gegenzwang auf gegen den Zwang der sozialen Fragen. Er schiebt letzteren dadurch hinaus (Waschzwang).

Die vierte Bewegungsform ist die komplizierteste und auffälligste: die verminderte Aufmarschbreite. Einer gibt sich nicht dem ganzen Problem hin, er greift nur einen Teil heraus (Perversionen). Freilich auch Künstlerschaft.

Das Ziel der Überwindung stellt sich bei jedem Menschen anders dar. Wenn man generell vorgeht, wie bei der allgemeinen Diagnostik, findet man Züge von unverhüllter Herrschsucht, so daß der andere der Sklave ist (Angstneurose). Das sind Menschen, die in der Kindheit gelernt haben, durch Erweckung von Angst andere zu zwingen zu Hilfe zu eilen. Bei anderen ist das Wichtigste zum Ziel der Überwindung zu kommen, eine Ausrede zu haben. Ihre ehrgeizige Strömung wird sehr deutlich, wenn die Patienten auf dem Standpunkt stehen: wenn ich schlafen könnte, würde ich der Erste sein. Es genügt ihm, diese Ausrede zu haben. Das wird nicht jeder begrifflich zum Ausdruck bringen, deshalb wird man auf sein Innenleben Bezug nehmen müssen. Bei einer dritten Form handelt es sich um das Gefühl des fiktiven Wertes, den die Patienten in sich erzeugen. Er besteht darin, was sie trotz der Neurose erreicht haben. Solche Patienten werden wir außerordentlich häufig finden.

Noch eines: im Seelenleben sind die einzelnen Sphären nicht so geteilt wie in der Schulpsychologie. Es gibt keinen Platz, wo sich nur das Emotionelle, das Handeln, Wollen abspielt, der seelische Ablauf umfaßt alles. Wir sind genötigt, wenn wir einen Teil wahrnehmen, nach den anderen zu fragen. Wenn einer uns seine erste Kindheitserinnerung bringt, so werden wir das Gedankliche, Gefühlsmäßige, Stellungsmäßige daraus entnehmen und erst dann gelangen wir zur Erfassung der einheitlichen Persönlichkeit. Auf Grund unserer Erfahrung ist es uns möglich, mit größter Vorsicht freilich das Gedankliche, das Emotionelle und das Stellungsmäßige festzustellen.

Wir werden zur Auffassung gelangen: alle neurotischen Symptome sind Sicherungen von Personen, die sich den Lebensfragen gegenüber als zu schwach empfinden, die aber dennoch eine gewisse mehr platonische Wertschätzung des Sozialgefühles in sich tragen, oft nur darin sichtbar, daß sie auf das Gemeinschaftsgefühl der andern rechnen, um es für sich in Anspruch zu nehmen. Hat man nach langer Mühe und nach großer Erfahrung diesen Zusammenhang erkannt, dann taucht wie von selbst dem wahren Kenner die Erkenntnis auf, daß man es in der Neurose immer mit dem Typus der Verwöhnung zu tun hat, mit dem Typus eines Menschen, der nicht Mitspieler geworden ist, weil er in seiner frühesten Kindheit darauf trainiert wurde, andere für die Lösung seiner Aufgaben in Anspruch zu nehmen. Dies zeigt sich sehr häufig bereits in der Schwierigkeit den primitiven Funktionen des Essens, der Reinlichkeit, der Exkretionen ihre kulturelle, soziale, das heißt selbständige Richtung im Sinne der Kooperation zu geben.


Fuente: „Der Aufbau der Neurose“, Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 10 (1932), Heft 5, S. 321-328 (Leipzig: S. Hirzel; Nachdruck Amsterdam: Swets & Zeitlinger, 1968); Digitalisat des Nachdrucks auf archive.org. Transkription nach dem OCR von archive.org, durchgehend mit dem Seitenbild verglichen (Kursiven nach dem Druck; berichtigt u. a. „Besitzpsychologie“, „Patienten“). Das „vorige Heft“, auf das Adler verweist, enthält „Die Systematik der Individualpsychologie“ (S. 241-244). Das Heft ist aus der Seitenzählung erschlossen.

  1. Vortrag, gehalten in der ärztlichen Arbeitsgemeinschaft für Individualpsychologie, Wien. ↩

  2. Vgl. die gleichlaufenden Anschauungen in der modernen Physik, die, was Kausalität und Richtung anbelangt, unabhängig von uns die gleiche Auffassung zeigen. ↩

  3. Keineswegs ist hier eine konkrete, begrifflich gefaßte Meinung zu denken, sondern was wir aus der Haltung des Individuums als seine begrifflich zu fassende Meinung konstruieren müßten. Diese Konstruktion führt uns zum Verständnis des „Sinnes“ einer Äußerung und ist unentbehrlich in der Behandlung. ↩

  4. Adler: Das Problem der Homosexualität (und anderer Perversionen). Verlag S. Hirzel, Leipzig. 1930. ↩