Individualpsychologische Skizze einer Zwangsneurose1

Von Dr. Alfred Adler (Wien)

Betrifft ein Mädchen, 30 Jahre alt, aus kleinbürgerlichem, stark religiösem Milieu.

Die Distanz zum Eheproblem fällt in die Augen und muß irgendwie zum Lebensstil der Patientin hinüberleiten.

Sie hat eine Anzahl Geschwister, darunter eine etwas ältere Schwester, die durch Charme und Geist alle anderen in den Schatten stellte.

Diese gleich zu Beginn der Behandlung geoffenbarte Erinnerung und Feststellung enthüllt eine wichtige Ursache eines Minderwertigkeitsgefühls, das offenbar ihrer Distanz zur Ehe zugrunde liegt. Trotz aller Wünsche scheint sie der Ehe auszuweichen, weil sie die altgewohnte Zurücksetzung gegenüber einem andern Mädchen (ursprünglich der Schwester) fürchtet. Eine alltäglich zu beobachtende Verstärkung dieses Minderwertigkeitsgefühls dürfen wir ohne weiteres darin vermuten, daß sie vielleicht zwei Jahre lang die Jüngste war, infolgedessen einer natürlichen Verzärtelung anheimgegeben war, aus der sie später herausgerissen wurde. Dieser Umsturz trifft die meisten Kinder mit mehr oder weniger verletzender Schärfe. An dieser neuen unwillkommenen Situation, an der Geburtsstätte der Persönlichkeit gelegen, verschärft sich das Minderwertigkeitsgefühl unglaublich vieler Kinder und drängt ihren Lebensstil stark auf die nützliche Seite, zumeist freilich auf die unnützliche, der Schwererziehbarkeit oder der Neurose. Sehr deutlich findet man diese Wendung, aus der Natur der Sache erklärlich, bei Erstgeborenen ausgesprochen. Unsere Patientin stand dem Sonnenkind näher als die andern Geschwister und wurde deshalb durch deren Übergewicht besonders hart mitgenommen.

Schon frühzeitig zeigte sich bei ihr ein den Fragen ihres Lebens ausweichender Zug. Schüchternheit, Verschlossenheit, Isolierungstendenz, Entwertung der andern, gepaart mit ursprünglichem Respekt, decken ihr Minderwertigkeitsgefühl auf. Da sie, aus Angst vor einer Niederlage, nichts fertig brachte, galt sie bald als unfähig und ungeschickt. Vertraute Freundinnen hatte sie keine, Gesellschaft mied sie so gut sie konnte. Schon vor der Pubertät litt sie an moralischen und religiösen Zwangsgedanken. Sie warf sich fortwährend Sünden und Fehler vor, die sie durch Schwüre und Gebete abzubüßen und zu ändern trachtete. Ihre Schwüre schienen ihr aufgezwungen durch die Furcht, daß irgend jemand aus ihrer Umgebung andernfalls in die Hölle kommen könnte.

Entledigt man diese Zwangsgedanken und Zwangshandlungen ihres Inhalts, wie es uns die individualpsychologische Methode vorschreibt, so bleibt uns eine rein formale Bewegung übrig, die deutlich genug von unten nach oben führt, ohne gerade von allgemeinem Nutzen zu sein, ohne an der Stellung Mensch-Mitmensch auch nur das Geringste zu ändern. Auf dem Wege des sichtlich geringsten Widerstandes, unabhängig von jeglicher Konkurrenz, vor allem der der begünstigten Schwester, scheint es der Patientin gelungen zu sein, sich die Aufgabe einer völlig fehlerlosen, sündenfreien Person zuzuweisen, freilich erst für die Zukunft, indem sie scharf hinter den kleinsten, oft lächerlichsten Verfehlungen her ist, im Gefühle des Gerechteren, der, anders wie die andern, an seiner Reinigung arbeitet. Die erhabene Stellung, die sich Patientin hiermit zuweist, ist ihr nicht bekannt, aber sie nimmt sie ein. Daß sie jetzt ihrer Schwester überlegen ist, kommt ihr nicht in den Sinn, aber sie ist auf dem Wege der Kompensation ihres Minderwertigkeitsgefühls. Aus der unerträglichen Situation, der Schwester unterlegen zu sein, hat sie ein Streben nach oben entwickelt, daß ihr bis auf weiteres als tröstender Ersatz für das Gefühl ihrer Wertlosigkeit dienen kann und für die Zukunft den Sieg verspricht. Für diesen Ersatz zahlt sie alle Kosten, und dies um so lieber, als sie für ihre eigene Person, langsam aber auch für die andern, eine Krankheitslegitimation gewinnt, derzufolge sie von nützlichen Leistungen leichter enthoben wird oder wenigstens für sie mildernde Bedingungen beanspruchen kann. Aber sie kann nicht genug trauern und klagen und leiden, denn je mehr sie leidet, um so deutlicher tritt ihr Anspruch auf Heiligkeit hervor.

Und noch wie zur Bestätigung zeigt der zweite Teil ihrer Zwangsgedanken den gleichen formalen Zug nach oben: sie hat es in der Hand, ob jemand in die Hölle kommen soll oder nicht. Ein kleiner Schwur aus ihrem Munde, und er ist erlöst. Hier ist die von der Individualpsychologie behauptete Gottähnlichkeit mit Händen zu greifen. Auch die Unruhe und Angst, die sie befiel, wenn sie sich nicht ihrer Allmacht bediente, erscheint jetzt in klarem Lichte. Sie sind Mittel, ebenso wie das Gefühl des Zwanges, den Schwur aussprechen zu müssen, um an der Macht zu bleiben, um den vom Minderwertigkeitsgefühl erlösenden Lebensstil einheitlich aufrechterhalten zu können. Die schöpferische Kraft dieses für nützliche Lösungen allzu feigen Mädchens reicht nur bis zu diesem fiktiven, einer Lebenslüge gleichkommenden Arrangement.

Als sie 24 Jahre alt war, traf sie ein neuer Schlag. Ein ebenso schwachmütiger Jüngling bewarb sich um ihre Hand. Auf den ersten Einspruch seiner Schwester unterließ er jede weitere Werbung, bevor die beiden noch warm geworden waren.

Wieder war sie um eine Niederlage reicher geworden, auf einer Hauptlinie ihres Lebens, wo sie vielleicht zu einem Gefühl der Parität gegenüber ihrer Schwester hätte kommen können. Die Entmutigung war weiter vorgeschritten, und wir könnten in ähnlichen Fällen „mit prophetischem Blick“ voraussagen, daß nunmehr ein weiteres Abrücken von der großen Lebensfrage, der Frage der Liebe erfolgen werde. In der Tat hatte sie bis zu unserer Kur jedes Interesse für Männer verloren.

Aber schon die Annäherung an den oberwähnten Jüngling hätte die schwache Basis des Mädchens aufdecken können. Sie bezeichnete ihn selbst als Hampelmann. Es ist geradezu das tragische Schicksal solcher entmutigter Menschenkinder, daß sie sehr leicht wieder auf entmutigte Partner stoßen und so ihre eigenen Schwierigkeiten vermehren, wie sich ja überhaupt in der Sphäre der Entmutigung die Schwierigkeiten häufen. Die Brüchigkeit solcher Beziehungen zeigt sich in unserem Falle ganz kraß.

An dieser Stelle höre ich wieder unsere verehrten Kritiker fragen: aber wo bleibt denn da der „männliche Protest“? Wo das Gefühl der weiblichen Minderwertigkeit? Es gibt ja noch immer einige Autoren, die, um nur rasch mit der Individualpsychologie fertig zu werden, im männlichen Protest das Um und Auf unserer Anschauungen suchen, ohne zu verstehen, daß dieser nur eine wichtige Konkretisierung des formalen Strebens nach Überlegenheit vorstellt, nicht viel anders als wenn ein Knabe dieses Streben in der Berufswahl eines Kutschers, Schaffners oder Generals zu realisieren versucht. Nun, mag sein, daß das Verständnis dieser Zusammenhänge nicht ganz einfach ist. Vielleicht führt uns eine einfache Fragestellung näher zur Klärung. Warum hat sich dieses Mädchen abseits der weiblichen Norm entwickelt? Weil sie nicht so schön war wie ihre Schwester. Wir können daraus folgern, daß ihr vorschwebte, ein Mädchen müsse, um ihre Rolle spielen zu können, schön sein. Diese Überschätzung der Schönheit des Weibes, ein durchaus männlicher Kunstgriff, der zur schädlichen, dauernden Abhängigkeit der Frau vom Urteile des Mannes führt, ist ganz allgemeiner Unfug, beherrscht sowohl den Mann als die Frau und schränkt die Lebensmöglichkeiten der Frau außerordentlich ein. Besonders bei entmutigten Frauen, und dies sind alle nervösen, wird man immer auf diese tiefwurzelnde Anschauung stoßen. Das männliche Privileg in unserer Kultur bringt es zuwege, ein wichtiges Prinzip der natürlichen Auslese, die Schönheit als Unterpfand der Gesundheit künftiger Geschlechter, in einen Machtfaktor zugunsten des Mannes umzufälschen. Unsere Patientin nun, die auch in dieselbe Abhängigkeit geraten war, fand sich automatisch gedrängt, der Frauenrolle auszuweichen, nicht in ihr die Konkretisierung ihres Strebens zu suchen, sondern in einer fiktiven Machtstellung, in der sie so tat, als ob sie etwas täte, oder nur bedingungsweise mitzuspielen, so wenn der männliche Partner ein Hampelmann, also vielleicht gar kein Mann war. Selbstverständlich hatte sie auch in der Jugend häufig Einfälle der Art, um wie viel besser es wäre ein Mann zu sein.

Ihr weibliches Minderwertigkeitsgefühl scheint also wohl außer Zweifel. Wo steckt aber der männliche Protest? Nun, ihr ganz neurotischer Lebensstil ist ein Aufruhr gegen die weibliche Rolle, ist Streben nach männlicher Machtfülle, nach Entfaltung ihres Lebens in der Richtung der väterlichen, nicht der mütterlichen Stellung. Aber es scheint, daß deutlichere Beweise not tun. Hier sind sie: eines Tages entdeckte sie unzweideutige aktive homoerotische Neigungen.

Vergleiche meine Abhandlung über „Homosexualität“ im Handbuch der normalen und pathologischen Physiologie, Verlag J. Springer, Berlin 1926. — Die psychoanalytische Presse wirft uns regelmäßig vor, daß wir auf die Liebe oder auf die Erotik vergessen hätten. Wir sind nur nicht darauf trainiert, auch nicht verpflichtet, alle seelischen Erscheinungen aus diesem Punkt zu betrachten. Wir hatten Wichtigeres zu tun. Wir hatten zu zeigen, daß die Erotik eines Menschen sowohl in der Kindheit als nachher immer jene Form annimmt, die zum Lebensstil des betreffenden Individuums innerhalb einer bestimmten Situation gehört. So daß wir leicht hätten erraten können, wie dieses Mädchen, nach einer Niederlage auf dem Wege zur normalen Liebe, ihre selbstverständlich vorhandene Erotik entsprechend ihrem männlichen Protest und ihrer Ausweichung gegenüber der Norm unter Ausschaltung des Mannes umbiegen mußte. „In Flucht geschlagen glaubt er zu jagen.“

Einer ihrer vielen Ärzte, von sexualpsychologischen Irrlehren befangen, glaubte ihre Heilung durch eine sexuelle Annäherung herbeiführen zu können. Die Folge war ein wochenlang andauernder Verwirrtheitszustand, der nur langsam abklang. Vielleicht lag nur ein Irrtum des Mädchens vor. Auch dies wäre ein genügender Hinweis — wenn unsere Auseinandersetzung noch nicht genügend Klarheit über die Untauglichkeit der Patientin zu Liebesbeziehungen geschaffen hätte, wenn einer noch Zweifel hegte, daß erst das Minderwertigkeitsgefühl gemildert werden muß, bevor solch ein Mensch zum Leben erwachen kann — die sogenannte „Übertragung“ mit allen Mitteln zu verhindern. Da sie dem weitverbreiteten Irrtum von Männern und Frauen zum Opfer gefallen war, als ob die ganze Aufgabe der Frau darin bestünde, den Mann zu bezaubern, sie sich aber diese respektable Leistung nicht zutraute, konnte jedes Drängen in die Richtung der Erotik nur Panik hervorrufen. Eine große Anzahl von Psychosen und mancher Neurosen entstehen in dieser, dem Nervenarzt in der Regel unverständlichen Panikstimmung. In dieser Ratlosigkeit werden alle wirklichen Werte außerordentlich gering eingeschätzt.

Was weiter den Inhalt der Zwangsgedanken dieses Mädchens betrifft, so stellen sie einen groben Mißbrauch religiöser Formen dar und konkretisieren das Streben nach Macht, die formale kompensatorische Bewegung außerordentlich treffend. Denn sie setzen eine solche Machtfülle voraus, wie sie nur einem Gott zugeschrieben werden könnte. Ihr steht es nun zu, ob einer zur Hölle verdammt ist oder erlöst werden kann, und so entscheidet sie über das Schicksal der Menschen. Eine weitere Zwangsidee, die sie quälte, bestand darin, daß sie insbesondere beim Essen durch Worte oder Blicke einen Menschen vergiften könnte. Der Torheit dieser Idee scheint übrigens die menschliche Seele in ausgedehntem Maße zugänglich zu sein. Denn nicht minder groß als bei diesem Mädchen ist die Macht jener Personen gedacht, die man Menschen mit dem bösen Blick zumutet oder die man den Hexen zugeschrieben hat. Einer der Reste dieses Aberglaubens hat sich wohl auch in den Aberglauben des Hellsehens und des Mediumismus hinübergerettet. Sieht man näher zu, so findet man die Wurzel dieses ganzen Unfugs in dem auch heute noch allgemein verbreiteten Aberglauben, als ob es angeborene Fähigkeiten gäbe, die anderen Menschen nie und nimmer zugänglich wären.

Viele Neurologen und Psychologen wenden hier ein, was auch den Patienten sonderbar und unglaubwürdig vorkommt: warum denn dann, wenn bei solchen Symptomen eine solche Machtfülle erreicht wird, der Patient dabei so schmerzlich berührt wird und leidet? Nehmen wir einmal an, der Patient genösse das Gefühl seiner Macht, wie wir es wohl bei Giftmörderinnen bemerken konnten, ohne daß eine reale Machterweiterung erfolgt wäre. Dann hätten wir vielleicht den Fall einer Melancholie oder einer Schizophrenie vor uns. Das heißt: der Patient hätte sich aus den Banden des Gemeinschaftsgefühles so weit gelöst, daß ihm auch die Logik, die Vernunft, die uns alle bindet, abhanden gekommen wäre. So steht aber der Fall bei der Zwangsneurose nicht, der Patient sieht seine Gedanken selbst als töricht an. Aber: so töricht sie auch sein mögen, gegenüber dem Standpunkt, dem Ziel eines Mitmenschen betrachtet, als Mittel, sich von jenen Aufgaben loszulösen, vor deren Erfüllung er sich fürchtet, sind sie vollkommen geeignet. Und außerdem findet er sich in seiner Stellungnahme auf der unnützlichen Seite des Lebens ganz und gar gerechtfertigt. Diese Rechtfertigung ginge verloren, wenn er sich über sein neurotisches Tun auch noch freuen möchte. Also leidet er.

Eine weitere Notwendigkeit zu überaus großem Leiden ergibt sich daraus, daß der Patient mit seinem Leiden nicht bloß die Luft, sondern auch die ihm zugängliche Umgebung erschüttert und sich gefügig macht. Könnte er dies, wenn er lustig wäre?

Drittens aber ist sein Leiden bei diesen Zwangsgedanken innigst verbunden mit dem Hinweis auf seine Zauberkraft, auf seinen Edelmut, auf seine Heiligkeit. Je mehr er leidet, desto deutlicher wird ihm seine Machtfülle. Ja, er kann gar nicht genug leiden, denn sein Leiden ist das einzige Stück im ganzen Zwangssystem, das sich der Realität einzugliedern trachtet, das Realitätswert besitzt. Aus seinem Leiden wächst ihm die Gewißheit seiner Größe. Nur daß er auf das Leiden blickt, so wie bisher alle anderen Betrachter der Zwangsneurose, und seine Macht sich nicht gewahr werden läßt. Wir müssen ihn lehren, auf den fiktiven Machtzuwachs zu achten, dessentwegen er, in seiner Schwachmütigkeit den nützlichen Aufgaben gegenüber, die Neurose angesponnen hat.

Die Ersetzung des neurotischen Bezugssystems durch ein mitmenschliches — und das ist die Aufgabe der Individualpsychologie — ist gleichbedeutend mit der Ermutigung des Patienten. So gelang es auch in diesem Falle, die soziale, die berufliche und die Liebesfähigkeit des Mädchens wieder herzustellen. Die nutzlos verstrichene Zeit mag wohl Gegenstand des Bedauerns sein. Aber die Neurose hat, dank dem gegenwärtigen Stand unserer Wissenschaft, die Patientin an einen Punkt geführt, von wo aus sie das Leben besser übersieht und die Notwendigkeit eines Wirkens im Sinne der allgemeinen Nützlichkeit besser empfindet. Für sie, die durch das Fegefeuer der Individualpsychologie gegangen ist, gilt das Bibelwort, daß im Himmel mehr Freude ist über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte.


Fuente: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 4 (1926), Heft 5, S. 253-256. Transcripción a partir del ejemplar digitalizado en archive.org (fascículo 5 del vol. 4; págs. 1-4 del PDF), con su OCR corregido sobre la imagen de las páginas; el espaciado del original se da en cursiva. El párrafo que empieza «Vergleiche meine Abhandlung über „Homosexualität“» va en el cuerpo del texto, con la misma letra, aunque por su contenido parece una nota sin llamada; se reproduce donde está. Se respetan las grafías de la época («anders wie die andern», «daß ihr bis auf weiteres», «auf die Liebe ... vergessen»). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Nach einem Vortrag im Internat. Verein für Individualpsychologie, Sektion Wien. ↩