Neurose und Verbrechen

Von Dr. ALFRED ADLER (Wien)

Im Begriff und Wesen des Menschen liegt die Mitmenschlichkeit. Das „Liebe deinen Nächsten“ klang früher in den Herzen als von den Lippen. Jede Untat, an einem Menschen verübt, geht gegen die Logik des menschlichen Zusammenlebens und ruft Erschütterungen wach, die sich in unheimlicher, meist unverstandener Weise auswirken. Hier ist es ein lieblos behandeltes, von seiner Umgebung brutal umhergestoßenes Kind, das niemand zur Mitarbeit und Mitmenschlichkeit gewonnen hat. Es wächst zur Rache an der Gesellschaft heran, häuft, flügge geworden, Verbrechen auf Verbrechen. Keine Logik liegt in diesem Vorgang, auch keine Kausalität, aber ein allzeit bereiter, selten erkannter Irrweg. Not und Schwierigkeiten des Lebens steigern noch den Antrieb zum Menschenhaß, das selbstverständliche Versagen in der Freundschaft und in der Liebe raubt denen, die sich ausgestoßen glauben, jede Hoffnung und jeden Halt und läßt sie in den Abgrund stürzen, den sie nur durch List und Verschlagenheit zu meiden trachten. Aus einer kleinen Welt des Hasses und der gegenseitigen Feindschaft erwachsen, bringen sie ihre verbrecherischen Perspektiven und Haßschablonen in die große Gemeinschaft der Menschen, die sich nach Liebe und gegenseitige Hilfe sehnt, ohne sie bisher aus sich, aus eigener Kraft entwickeln und entfalten zu können. Auch ihre nachträglichen Eingriffe sind stümperhafte Bruchstücke: wir harren noch des Künstlers, des Führers, des Genies, des Erfinders, der diese Frage besser und vorbeugend löst oder mindestens den Weg zeigt, die Abtrünnigen wieder für die Gemeinschaft zu gewinnen.

Zuweilen ist es nur der Fleisch und Blut gewordene Eindruck des zum Erwachsenen herangereiften Kindes, als hätte man es herzlos aufwachsen lassen. Nicht die Tatsachen selbst sind es, die auf uns wirken. Wie wir sie ansehen und wie unsere Hauptstellung zum Leben ist, führt alle seelischen Folgen herbei. Die Kausalität, die sich im Seelischen ergibt, liegt nicht in einem Verhältnis wie von Ursache und Wirkung, sondern wir machen etwas zur Ursache und lassen ihm die Folgen folgen. Alle seelischen Vorgänge laufen von vornherein auf ein Ziel der Erhöhung der Persönlichkeit los. Auch der Druck einer lieblosen Erziehung wird nur insoweit und so schmerzlich empfunden, als er mit dem Persönlichkeitsgefühl in Widerspruch steht. Für das menschliche Seelenleben gilt als unverbrüchlich: Jede seelische Situation mit all ihren Eindrücken und Empfindungen erhält ihren Rang, ihren Wert und ihre Bedeutung innerhalb eines Bezugssystems und entsprechend demselben, welches sich unter der Diktatur des Geltungsstrebens entwickelt hat. (Fundamentalsatz der Individualpsychologie.)

Da jeder aber seinen Weg zur Höhe irrend sucht und suchen muß, kann es geschehen, daß bei verschiedenem Bezugssystem und bei der Vielfältigkeit der Irrwege ein und dieselbe „Ursache“ verschiedene „Folgen“ nach sich zieht. Ein zweites, ohne Wärme lebendes Kind behält genug Mut und Zuversicht und sucht im Leben, freilich meist zu stürmisch und voll Mißtrauen, die Liebe, die man ihm bisher vorenthalten hat. Ein drittes Kind in ähnlicher Lage sucht sich durch List zum Herrn der Situation zu machen und verrät uns dadurch sein gesunkenes Selbstvertrauen. Wieder ein anderes macht aus seinem Gefühl der Schwäche und Ohnmacht eine Waffe, die Waffe des sich schwach Fühlenden, gibt Selbstbewußtsein und Verantwortlichkeit auf, demonstriert mit seiner Unfähigkeit, schafft sich ein System von Gegengründen gegen jede Aktion und zwingt damit seine kleinere oder größere Umgebung, die Sorge für ihn zu übernehmen. Es wird im weitesten Sinne neurotisch.

Betrachten wir den Aktionsradius des Neurotikers von der Kindheit an bis zum Ende seiner Tage, so fällt uns vor allem seine Aggressionshemmung ins Auge. Weder im „Guten“ noch im „Bösen“ sind nennenswerte Leistungen zu verzeichnen. Ein letzter Rest von Aktivität tobt sich oft auffallend und ungebärdig nach einer oder beiden Richtungen aus, kann dem Nervösen zuweilen, wo er sich einer tragenden Idee angeschlossen hat, den Schein von Größe, Erhabenheit oder Niedrigkeit verleihen, ohne sich dauernd fruchtbar oder wertvoll zu gestalten. Die wenigen großen, im Wahnsinn aufbrüllenden Genies waren immer nur Besessene, im Schleptau einer sich unaufhaltsam vorwärtswälzenden Idee, und standen dort, wo traditionelle Hemmungen einen Nachteil bedeuteten. Oder sie trugen ihre Neurose wie Pfunde im Sattel, die sie den anderen vorgeben konnten, und trugen sie als Erinnerungszeichen und Narben aus Kämpfen und Schwierigkeiten der Kindheit, die sie im Gegensatz zu anderen erfolgreich, unter Kräftigung ihres Selbstvertrauens und unter Hebung ihres Mutes, bestanden hatten.

Wie einer, der auf die eine Seite zu fallen fürchtet, kraftlos sich wehrt oder sich fallen läßt, während andere mit mehr oder weniger Elan sich auf die andere, meist entgegengesetzte Seite werfen, fast keiner von ihnen aber ein Ebenmaß der Bewegungen zeigt —, so fehlt fast immer den durch Lieblosigkeit gebeugten Kindern das Gleichmaß und die Harmonie ihrer seelischen Entwicklung. Aus diesem großen Kreise stammen Schwächlinge, Sonderlinge, Neurotiker, Einzelgänger, Straffällige und Künstler jeder Art. In ihnen allen gärt unstillbare Unzufriedenheit, und nur dem Künstler und Philosophen gelingt die Versöhnung mit den gesellschaftlichen Daseinsformen, der notwendigen Voraussetzung jeder fruchtbaren Arbeit und jeder wertvollen Umgestaltung des menschlichen Zusammenlebens.

Ganz ähnlich verläuft, wenn auch auf anderen Wegen, der seelische Entwicklungsprozeß bei verzärtelten Kindern. Die verschmähte und verweigerte Liebe treibt die einen in die Isolierung, in die Unzufriedenheit und nötigt sie zur Ausschaltung der üblichen Lebensformen, behindert sie in der Lösung ihrer gegebenen Lebensfragen. Die verzärtelten Kinder in ihren verschiedensten Varianten haben im allgemeinen die Vorbereitung für ein selbständiges Leben versäumt, sind auf eine Anlehnung, in der Regel an die Mutter, erzogen, die es später um so weniger gibt, je mehr sie von diesen Kindern verlangt und erwartet wird. Ihre mangelhafte Vorbereitung für die Gesetzmäßigkeiten der Schule, der Kameradschaft, der Gesellschaft, des Berufes und der Liebe bringt unausgesetzt Enttäuschungen herbei, die der Entfaltung eines normalen Lebensmutes hinderlich im Wege stehen, ihn immer wieder beeinträchtigen und zermürben. Je nach der Situation, in der das Kind aufwächst, je nach den Vorbildern, nach den Milderungen oder Verschärfungen auf seiner berechenbaren Bahn und der daraus entspringenden größeren oder kleineren Irrtumsfähigkeit, je nach der Gunst oder Ungunst seines gesellschaftlichen Standortes erwächst ihm sein Schicksal, verständlich aber unverstanden, da „Ursache“ und „Wirkung“ zu weit für den menschlichen Scharfblick auseinanderliegen. Auch wie einer etwas zur Ursache und etwas zur Wirkung macht, ist dem menschlichen Verständnis noch allzusehr entrückt. So kommt es, daß jeder von ihnen die Schläge, die er empfängt, viel eher seiner eigenen Schwäche, seiner eigenen Minderwertigkeit, lieber noch dem bösen Willen der anderen, den Umständen zuschreibt, als daß er seinen Irrtum aufgreift und beseitigt, zu dem er durch eine fehlerhafte, kindliche Situation verlockt wurde.

Die ungeheure Zahl von irregehenden Menschen, die diesen beiden Gruppen entstammen, zeigen alle schon auf die große Verbreitung der Neurosen- und der Verbrechensbereitschaft hin. Sie gleichen sich 1. in dem Gefühl der Unzufriedenheit und Verkürztheit, 2. in ihrer mangelhaften Anschlußfähigkeit, ihrem gedrosselten Gemeinschaftsgefühl, in ihrer Rücksichtslosigkeit gegenüber den andern und gegenüber der Gesellschaft, in der mangelhaften Vorbereitung für eine soziale Rolle, 3. in ihrer egoistischen Perspektive und ihrer seit der Kindheit trainierten egoistischen Schablone ihrer Lebensform, 4. in ihrem unbändigen Drang, sich über ihr Niveau nicht durch mutiges Handeln, sondern durch Tricks, List oder Überrumpelung des andern zu erheben, 5. durch die starke Einengung ihres Aktionsradius. Alle diese Erscheinungen, die, wie leicht zu sehen, untereinander zusammenhängen, finden sich gleichmäßig in der Struktur der Neurose wie des Verbrechens.

Wodurch sie sich psychologisch unterscheiden, scheint auf den ersten Blick nicht sehr bedeutungsvoll. Der Schaden für Umgebung und Allgemeinheit, den die Neurose verursacht, seelische und materielle Schädigungen der andern, Fehlen der gesellschaftlich notwendigen Leistungen, steigert sich nicht selten bis zur Zerstörung des Lebensglückes, der Lebensfreude, ja selbst des Lebens Nahestehender. Aber diese Erfolge treten nie mit bewußter Absicht, immer in ihrem Zusammenhang mit der Situation des Patienten, wie spontan und sich von selbst ergebend auf. Auch wo es sich um Mord und Totschlag in der Psychose handelt, um Lustmord, Diebstahl, Verleumdung, Hochstapelei, wird stets die mangelhafte Vorbereitung, das Sinn- und Zwecklose in die Augen springen, das nur im neurotischen System sinnvoll und zweckmäßig erscheint, vom Ziel und von der Endabsicht des Nervösen aus gesehen. Es mangelt diesen schädigenden Leistungen auch der logisch und gesellschaftlich begreifliche Nutzen, der immerhin bei reinen Verbrechensformen in die Augen springt. So erschlägt ein Kranker im jugendlichen Irresein seinen Wärter, weil es sein Wahnsystem verlangt, daß er sich verfolgt glaubt und genötigt, sich zur Wehre zu setzen. Ein junger Mann, der irrigerweise den Glauben an seine Leistungsfähigkeit verloren hat, das düstere Geheimnis seiner Minderwertigkeit aber um jeden Preis zu verschleiern trachtet, sucht einen Rettungsbalken und findet ihn im Kokainismus und Alkoholismus. Diese Neurose und ihre Folgezustände bringen die Eltern um Hab und Gut, verbittern ihr Leben und greifen auf die Umgebung weiter, Schaden und Unheil stiftend. Alle Schädigungen ergeben sich nahezu mit mathematischer Sicherheit aus der irrigen Grundanschauung des Erkrankten und aus seiner falschen Lebensmethode. Der Mut für die Norm ist verlorengegangen —, der Kranke flieht vor seinen Lebensaufgaben, ist nur um den Schein besorgt und sucht seine Schwachmütigkeit und seine vermeintliche Wertlosigkeit zu verhüllen. Wie immer er über seinen Zustand denkt und spricht, solange seine Feigheit währt, hält ihn die Krankheit fest: er benimmt sich wie ein Mensch, der sich für den letzten Mist hält. Erst mit der Auflösung dieses tiefst sitzenden Irrtums und nach seiner Beseitigung kommt wieder der Mut zur Bewältigung der normalen Aufgaben des Lebens. Bei der individualpsychologischen Untersuchung des Nervösen findet man das Training des Verzagenden auf ein sicherndes, seine vermeintliche Minderwertigkeit verdeckendes neurotisches Symptom. Dabei ergeben sich Schädigungen anderer nahezu von selbst, ohne Verantwortlichkeit des Kranken, zumeist entgegen seiner Einsicht, entgegen seinem Gefühl. Das ganze Gebiet der sexuellen Perversionen ist das Fluchtgebiet der mutlos Gewordenen. Was dabei zutage kommt, wenn der Sexualtrieb in Bewegung kommt, läuft immer auf Schädigungen der andern hinaus. Von dieser Schädigung bleibt der Blick weggewendet. Sie ergibt sich wie bei einem Fahrlässigkeitsverbrechen, bei dem niemand „daran gedacht“ hat. Die gleichen seelischen Kräfteverhältnisse finden sich bei allen anderen Neurosen und Psychosen. Die Endabsicht des Erkrankten ist immer: den Aufgaben des Lebens, den sozialen, beruflichen, erotischen, auszuweichen, ihre Lösung auszuschalten. Bei diesen charakterologisch und personell gewordenen, automatisch und schablonenhaft verlaufenden Ausweichtendenzen ergeben sich von selbst die Neurosen als Symptome und die Schädigungen der eigenen Person und der Umgebung als unvermeidliche, unausweichliche, meist widerwillig empfundene Kosten, die der einmal eingeschlagene Irrweg auferlegt.

So beispielsweise ist es immer den Untersuchern aufgefallen, mit welcher Naivität und wie wenig vorbedacht die Fehltritte der sogenannten „moral insanity“, bei Kleptomanie, bei Lustmord, bei rein sadistischen Handlungen zu geschehen pflegen. So traurig derartige Exzesse auch oft enden, man empfindet sie als Mimikry, als ob einer, dazu schlecht vorbereitet, Verbrecher spielte. Die Handlung ist schlecht inszeniert, es fehlt die eigene Überredung zum Verbrechen, ja es fehlt die ganze Vorgeschichte, es mangelt die Anstrengung, erleichterte Bedingungen zu schaffen. Oft kann man eine stärkere Affektbeimischung feststellen, unerklärlich aus dem Bezugskreis, in dessen Mittelpunkt das Verbrechen steht, aber wohl verständlich innerhalb des Bezugskreises Neurose, der auf eine Ausbiegung vor den Lebensaufgaben, auf die Schaffung mildernder Umstände für die Ausreißerei und von Ausreden vor sich und den andern hinzielt. Während aber der Verbrecher sozusagen ehrlich bestrebt ist, sich aus Haß, Neid, Wut oder Furcht vor drohenden Nachteilen in Vorteil zu setzen, seinen Schritt auch vor sich und anderen durch solche Hinweise in milderem Lichte erscheinen zu lassen trachtet, während er durch den exakten Versuch einer Lösung des vorliegenden Verbrechensproblems in der Vorgeschichte belastet erscheint, sieht man den Neurotiker, nahezu unbekümmert um Nutzen oder Schaden, von ganz anderer Seite her getrieben als auf der Suche nach Vorteil, viel mehr im Gefühle seines Rechtes als den Verbrecher.

In einem unzerstörbaren Gefühl der Verantwortlichkeit vor sich und der Gemeinschaft wird der Verbrecher stets in seinem Gefühl der Not, seines Hasses, seines Neides, seiner Rachsucht eine notdürftige Deckung suchen. Dieses Gefühl der Verantwortlichkeit mangelt dem Neurotiker bei seiner Schädigungsabsicht. Zum Teil deshalb, weil seine Aufmerksamkeit von ganz anderen Dingen — im allgemeinen durch seine Furcht vor seinen Lebensaufgaben — in Anspruch genommen ist. Sicherlich zum Teil, weil sein Zugehörigkeitsgefühl gegenüber der Gesamtheit noch dürftiger geworden ist als beim Verbrecher. Größtenteils aber deswegen, weil der Neurotiker auf diesem Wege seine Endabsicht erreicht, sich der Norm einer Lebensbetätigung zu entschlagen. Hinter den Wirrnissen und Benachteiligungen, die ihm seine Handlungsweise einträgt, blinkt ein Stern: die Enthebung von den Aufgaben des Lebens. Ja selbst gesellschaftliche Ächtung und gerichtliche Strafen nimmt er williger in Empfang, weil sie ihn wieder um ein größeres Stück vom normalen Leben der Menschen absperren, das er fürchtet, in dem er immer nur Erniedrigungen erwartet.

In einem Punkt scheinen sich die Verfehlungen von Verbrechern und Neurotikern zu gleichen: sie haben ihren Opfern gegenüber immer die größeren Chancen voraus. Aber auch an diesem Punkt unserer Betrachtung wird man als Differenz feststellen müssen, daß die Opfer von Neurotikern meist allzusehr im Nachteil sind. Wir finden unter ihnen Angehörige, die durch ernstgenommene Verpflichtungen gebunden sind, Kinder, leichtgläubige Toren, oder es erfolgen Angriffe blitzartig und so überraschend, daß eine Gegenwehr ausgeschlossen ist. Oder es bietet sich zufällig eine Gelegenheit, bei der es den sicheren Anschein hat, daß niemand einschreiten kann. Alle diese scharf ausgeprägten Erscheinungen weisen darauf hin, daß der Neurotiker auch in seiner abwegigen Sphäre einen dauernden Mangel an Mut aufbringt. Einen planmäßig arbeitenden Einbrecher wird man unter den Neurotikern nur mit allergrößter Mühe finden.

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Die individualpsychologischen Einsichten und Erfahrungen gestatten uns, die Ausdrucksformen auf eine einheitliche Linie zu bringen, sie wie eine Melodie zu erfassen, um von ihr auf den Autor zu schließen. Am sinnfälligsten gelingt dies bei Neurotikern und Verbrechern. Die Ausbiegungen und Sicherungen gegenüber den gesellschaftlich durchschnittlichen Aufgaben des Lebens sind bei ihnen scharf und deutlich genug, so daß sie uns wie im Relief erscheinen. Die Anfänge dieser Linie stammen aus verstärkten Minderwertigkeitsgefühlen, aus unzweckmäßiger Verzärtelung oder Strenge und — wie wir noch hinzufügen müssen — aus schwer und übel empfundenen Organminderwertigkeiten und Schwächen der frühesten Kindheit, die sich zuweilen auch auf mangelhafte Entwicklung der Drüsen mit innerer Sekretion zurückführen lassen. Aber nicht einmal diese Mängel und oft vorübergehenden Schwierigkeiten wirken sich unmittelbar und kausal aus, sondern sie können unter bestimmten Umständen, bei denen die Hauptrolle der Abstand des Kindes von der Macht oder von dem Machtgefühl seiner Umgebung spielt, zu einem verschärften Minderwertigkeitsgefühl Veranlassung geben. Nun stellt das Kind künstlich eine neue Kausalität her: es benimmt sich so, als ob seine Minderwertigkeit eine unumstößliche Tatsache wäre, verfällt in einen schweren Pessimismus, verliert den Glauben an seine Kraft, traut sich nicht mehr die Leistungen zu, die man von ihm verlangt oder erwartet, und begibt sich bei der ersten Niederlage oder bei einem Anschein derselben auf die Flucht. Diese Flucht geht abseits von der Norm mit ihren Forderungen, denen das Kind sich nicht gewachsen glaubt, und der Weg in die Neurose oder in die Isolierung oder in Verwahrlosung und Verbrechen liegt nun offen. Entscheidend für die weitere Wahl wird nun: wieviel an Gemeinschaftsgefühl und an Mut das Kind im Moment der Abbiegung zur Verfügung hat. Form und Inhalt einer Neurose ergeben sich im reinsten Falle unter dem Gesichtswinkel der nahezu völligen Aussichtslosigkeit, durchzudringen bei einigermaßen erhaltener Anerkennung und Heiligung der Gemeinschaft, der Logik des menschlichen Zusammenlebens, durch Ausnützung ihrer Verpflichtungen gegenüber Schwachen und Kranken, und unter fortwährender Inanspruchnahme eines milderen Maßes für die eigenen Leistungen.

Der Lebensmut ist nicht ganz erschöpft. Dadurch grenzt sich die Neurose gegen die Psychose, vor allem gegen die Dementia präcox und gegen den Selbstmord ab. Aber er ist soweit herabgesetzt, daß die Krankheit auf der Flucht vor den Aufgaben des Lebens wie ein Rettungsbalken festgehalten wird, wenngleich unter fortwährenden Klagen über die Kosten einer so schlechten Lebensmethode. Die Endabsicht, vor den Entscheidungen des Lebens stehen zu bleiben, wird zur höchsten und ausschließlichen Aufgabe. Ihr gegenüber haben alle Pläne, alles Wollen, alle Einsicht so viel Wert, als etwa ein Zuspruch einem Hasen gegenüber, er möge sich doch vor den Hunden nicht fürchten. Und wie der Hase alles vom Hasenstandpunkt aus betrachtet, austastet und prüft, wie er sein ganzes Leben darauf einrichtet und in allen seinen Bewegungen verrät, daß er ein Hase ist, so der Neurotiker, der seine Form, Linie, Melodie bekommt, und, unbekümmert um unsere Logik, kraft seiner neurotischen Logik und Weltanschauung seinen neurotischen Weg nicht nur geht, sondern ihn unausgesetzt vorbereitet und trainiert. Sein Training und seine Arrangements gehen auf Abkehr vom Leben, und alle Schädigungen, die er verursacht, ergeben sich als Unterstützungen dieser Abkehr oder als ihre Notwendigkeiten.

Der deutlich erhaltene Rest seines Gemeinschaftsgefühls zeigt sich in der übertriebenen Furcht vor Konflikten mit der Gemeinschaft. Nur wenn ein solcher Konflikt zur verstärkten Abkehr notwendig wird, wird er gesucht und geübt. Sein ganzes Verhalten weist nicht mehr in die Richtung der Überwindung des anderen, sondern in die Richtung der Loslösung des Ich vom Du. Reiner als sonst zeigt sich die neurotische Lebensführung nach einer entscheidenden Niederlage im Leben, vor Prüfungen und Entscheidungen, aber gelegentlich auch bei Besserungen in seinem Befinden und aufkeimenden Erwartungen. Die Furcht vor neuen Niederlagen bringt alle neurotischen Erscheinungen dann zu schärferer Ausprägung.

Die Schwere und Bedeutung einer Neurose kann nur an dem Grad der Entmutigung gemessen werden, niemals an ihrer Form oder an ihrem Inhalt. Alle Maßnahmen, die, wenngleich ahnungslos, den Mut stärken, alle Wunderkuren, Suggestionen, Autosuggestionen und alle medizinischen Eingriffe wirken nur soweit, als sie den Mut des Kranken heben können. Sicheren Erfolg verspricht nur ein Traitement, das dem Neurotiker das Gefühl der Gleichwertigkeit gibt, indem es die Irrtümer der Kindheit von einer mangelhaften Befähigung zerstört.

Zuweilen findet man in den Gedanken und Phantasien von Neurotikern eine spielerische Beschäftigung mit Verbrechen oder Furcht vor einer solchen Neigung. Immer weist der Zusammenhang darauf hin, daß es sich nur um meist überflüssige Regungen des Gemeinschaftsgefühls handelt, das in dieser Weise seine Warnungen ertönen läßt, oft nicht ohne die Loslösung von der Gemeinschaft zu verstärken, was durch die Endabsicht des Kranken erfordert wird. Auf dieser Linie findet man auch im Verlaufe der Loslösung kleinere oder schwerere Schädigungen. Der oben erwähnte, an jugendlichem Irresein erkrankte Anstaltspatient übt seine Abkehr von den Menschen, indem er alle als Feinde sieht, und erschlägt bei der Gelegenheit seinen Wärter.

Vergleichen wir die Linie des Neurotikers mit der des Verbrechers, so finden wir den gleichen Ausgangspunkt: das Minderwertigkeitsgefühl. Auch die unvermeidlichen und vermeidbaren Mißerfolge, begreifliche Folgen der schlechten Vorbereitung für die Schule und fürs Leben, sind beiden gemeinsam. Aber die entscheidende Entmutigung und die Abkehr von den gesellschaftlich durchschnittlichen Lebensfragen tritt im zweiten Falle in einer seelischen Situation ein, wo in der seelischen Vorbereitung noch Mut genug und in der Richtung übrig ist, andere überwinden zu wollen. Die Überwindung freilich ist weder kulturell gedacht und gewollt, noch geschieht sie aus einem Gefühl der Kraft. Sie soll vielmehr eine Beruhigung des peinigenden Schwächegefühls ermöglichen, soll den Schein einer Heldentat erschleichen, trägt im Grunde aber alle Kennzeichen der Feigheit an sich. Immer geht die verbrecherische Aktion vor sich in der Linie eines vermeintlich geringeren Widerstandes. Diese Feststellung gilt nicht bloß für listige, sondern auch für tätliche Verbrechen. Im Zeitpunkt des Verbrechens zeigt sich der gleiche Mangel an Mut, der schon Veranlassung zur Abkehr von normalen Lebensbetätigungen war.

Dagegen ist die Beziehung zwischen Ich und Du wesentlich stärker1. Diese bessere Beziehung zur menschlichen Gesellschaft zeigt sich nicht nur in der Bandenbildung mit ihrem oft ritterlichen Einschlag. Auch der Besuch von Schenken, der Umgang mit dem anderen Geschlecht, Pflege von Freundschaften und Geselligkeit treten viel deutlicher hervor als bei den Neurotikern. Diese Erscheinungen liegen alle innerhalb des Zusammenhanges mit dem Überwinderwillen. Auch die Schonung und Milde gegenüber ausgesprochen schwachen und armen Menschen deutet in diese Richtung. Freilich tritt in ihrem geselligen Verkehr gegenüber allen anderen Erscheinungen die List unverhältnismäßig stark zutage, als Zeichen eines geistigen Trainings, wie man es bei weniger mutigen und selbstbewußten Menschen findet. Die einander widerstreitenden Tendenzen: Überwinderwillen und Minderwertigkeitsgefühl ergeben im Strom des Lebens eine lose Verknüpfung gesellschaftlicher Art, stark genug, um sich immer wieder im Kontakt mit Menschen durchzusetzen, nicht so stark aber, um die normalen Aufgaben zu erfüllen. Die Furcht, in letzteren zu unterliegen, läßt diese Menschen nach Leistungen suchen, die immer ihrer Feigheit entsprechen, ihnen aber doch den Schein von Siegern verleihen. Bei Mord, Raub, Totschlag, Einbruch und Diebstahl ist ihnen immer die Niederlage des Gegners wenigstens in sicherer Aussicht.

Als weiteres Zeichen ihrer Feigheit, die manchmal durch eitlen Wagemut überdeckt erscheint, oder im Augenblick einer Gefahr in Tollkühnheit ausartet, ist Kennern der Verbrecherseele der weitverbreitete Aberglauben bekannt. Er ist unter allen Umständen als ein Notanker anzusehen, als Stütze für die tiefsitzende Schwachmütigkeit dieser Menschen. In die gleiche Richtung weist uns die Eitelkeit und Prahlsucht, mit der sie ihr Minderwertigkeitsgefühl zu verschleiern trachten.

Es kommt zuweilen vor, daß Gewohnheitsverbrecher nach dem 30. Jahre ihre Laufbahn verlassen, ein Weib nehmen und einen Beruf ergreifen. Folgende Betrachtung gibt im Zusammenhang mit den obigen Erörterungen eine Erklärung ab: jeder Verbrecher hat den Hang, der aus seinem Überwinderwillen stammt, sich vor seinen Genossen auszuzeichnen. Dies gelingt aus natürlichen Gründen den Jüngeren viel leichter. Die revoltierende Art des jugendlichen Verbrechers bestreitet dem älteren unnachgiebig jede Geltung. So um seine Sicherheit gebracht, sucht der ältere Genosse wieder aus seiner Gilde herauszufinden.

Die Analogien in den seelischen Bewegungen von Verbrechern und Neurotikern liegen in ihrem frühkindlichen, verschärften Minderwertigkeitsgefühl, in ihrer niedrigen Selbsteinschätzung normalen Aufgaben gegenüber, in ihrem allzu raschen Abbruch der Bemühungen nach Enttäuschungen und Niederlagen und in ihrer mangelhaften Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls.

Die schwerwiegenden Unterschiede finden wir in einer unverstandenen Umgehung des Gemeinschaftsgefühls beim Neurotiker und im richtig erfaßten, wenn auch nicht in seiner Tragweite verstandenen Durchbruch desselben beim Verbrecher. Umgehung wie Durchbruch bedürfen eines Trainings und sind wohl vorbereitet. Der Verbrecher sucht seine billigen Siege, der Neurotiker träumt von ihnen und hindert sich durch sein Leiden daran. Beide suchen nach erleichternden Bedingungen, der Neurotiker für sein Stück Leistung im Leben, der Verbrecher für seinen Entschluß zur Tat und für die Tat selbst.

Im folgenden wollen wir aus der Laufbahn gut studierter Verbrecher obige Feststellungen erweisen.

Eine klassische Schilderung der seelischen Vorgänge, die zum Verbrechen führen, finden wir in Dostojewskis Raskolnikow. Der Dichter, ein scharfer Beobachter und Kenner von Verbrechern, läßt seinen Helden einen Monat lang im Bette den Mord vorbereiten. Dann erst erfolgt der Durchbruch des Gemeinschaftsgefühls. Die erleichternden Bedingungen findet Raskolnikow darin, daß sein Opfer eine alte Wucherin ist, zu nichts nütze, und daß er selbst nicht feige sein dürfe, nicht eine Laus, sondern ein Napoleon. Seine Ausbiegung beginnt, als er sich völlig von Geld entblößt findet, und seine Schwester in der Gefahr, sich an einen ungeliebten Mann verkaufen zu müssen. Gegen Schwache und Arme ist er stets hilfsbereit.

Aus unseren Ausführungen geht hervor, daß wir unter Berücksichtigung der individualpsychologischen Forschung viel größere Sicherheit in der Beurteilung, ob Neurose oder Verbrechen, erlangen könnten als bisher. Freilich fordern wir auch ein genaueres Eingehen in die Vorgeschichte und in die Lebensart des Untersuchten. Dabei wird die Wahrnehmung der obigen Gesichtspunkte sich als unumgänglich notwendig herausstellen. Nun sind wir in der schwierigen Lage, aus bereits vorliegendem Material unsere Feststellungen herauslesen zu müssen. Man ist überrascht von der Fülle der übereinstimmenden Tatsachen, die sich dabei ergeben.

Der berüchtigte Einbrecher Breitwieser begann seine Verbrecherlaufbahn, als er sich um die Früchte einer von ihm gemachten Erfindung betrogen glaubte. Er hatte geselligen Verkehr, nahm sich gelegentlich der Armen an und war auch in erotischer Beziehung unauffällig. Immer kampfbereit, wenn er angegriffen wurde, fiel er in einer Schlacht mit Polizeiorganen.

Aus der äußerst wertvollen „Aktenmäßigen Darstellung merkwürdiger Verbrecher“ von Anselm v. Feuerbach:

Josef Auermann, tadelloser Mensch, Bürger, Familienvater, schuldet seinem Knecht 400 Gulden. Dieser bedrängt ihn in der erbarmungslosesten Weise. Alles Hilfesuchen bleibt vergeblich. Der Gedanke, sich seines Peinigers zu entledigen, gewinnt Raum, erscheint ihm geradezu als einziger Weg. Fühlt sich von allen verlassen. Findet die erleichternden Gedanken in der Erwägung: „Wenn der Knecht noch bei mir ist und um das Geld mich quält, wozu er in meinem Hause kein Recht hat, zumal die Zahlungszeit noch nicht vorüber ist, so erschlage ich ihn. Er ist nicht mehr wert.“ Trinkt mehr als sonst in verschiedenen Wirtshäusern, um sein Gemeinschaftsgefühl, sein Gefühl der Verantwortung zu betäuben. So gelingt ihm der Durchbruch. Er erschlägt den Knecht beim nächsten Streit, gesteht seine Schuld nachher, stellt sich dem Gericht. Als er die Braut des Erschlagenen sieht, sucht er sich zu verstecken.

Konrad Kleinschrot erschlägt mit Hilfe eines Knechtes seinen Vater, der ein wüstes Leben führt, seine Familie grausam behandelt, und als sie einmal zurückschlagen, sie bei Gericht anzeigt. Der Gerichtsvorstand sagt: „Ihr habt einen bösen, streitsüchtigen Vater, Euch ist nicht zu helfen!“ Die Familie sann vergeblich auf Abhilfe. Der Vater lebte mit einer Dirne und drängte die Söhne, das Haus zu verlassen. Ein Taglöhner, der einer Leidenschaft huldigte, Hühnern die Augen auszustechen, und dem auch in 20jähriger wüster Soldatenzeit das Training zu Mord und Totschlag erleichtert war, riet ihnen, den Vater zu erschlagen. Darüber fanden lange Beratungen statt. Zuerst versuchte man es mit einem Zaubermittel. Als dieses versagte, erschlug Konrad gemeinsam mit dem Taglöhner den Vater.

Margarete Zwanziger, die deutsche Brinvillier, wuchs als Kostkind auf, war klein und verwachsen, und deshalb eitel, gefallsüchtig und kriecherisch höflich. Nach mehrfachem Mißgeschick, wo sie der Verzweiflung nahe ist, versucht sie dreimal durch Vergiftung von Frauen in den Besitz von deren Ehegatten zu kommen. Spiegelt in listiger Weise Schwangerschaften und Selbstmordversuche vor. Äußert in ihrer Selbstbiographie: „So oft ich nachher etwas Böses tat, dachte ich, mit dir hat kein Mensch Mitleid gehabt, so habe denn auch kein Mitleid, wenn andere unglücklich sind.“ Arbeitet also auf das Verbrechen hin und sucht nach Milderungsgründen.

Matthias Lenzbauer, schlechte Erziehung, durch Vernachlässigung an einem Fuße lahm. Vertritt an seinem jüngeren Bruder Vaterstelle, treibt aber in roher Weise seine Mutter zum Betteln an mit den Worten: „Geh’ nur wieder, du altes Luder, warum hast du mich krumm gemacht!“ Kann lange Zeit keine Arbeit finden, wird geschlechtskrank und hat kein Geld, um als Geselle freigesprochen zu werden. Erschlägt den Bruder auf dem Heimweg nach vergeblicher Arbeitssuche, um dessen kleines Erbe zu gewinnen.

Andreas Bichl, der Mädchenschlächter, verheiratet, ist als Dieb, als feig und grausam bekannt. Lockt Mädchen unter abergläubischen Vorgaben in einen Keller, wo er sie tötet und ihrer Habseligkeiten beraubt. Versetzt sich dabei in einen erotischen Zustand, durch den er sich sein Vorhaben erleichtert und rechtfertigt.

Simon Stigler, schlecht vorbereitet fürs Leben. Kann nicht lesen noch schreiben. Vater wegen Diebstahls im Zuchthaus. Macht das Training im Elternhaus durch, wo er den Eltern mit Erstechen droht, sobald sie ihm nicht den Willen tun. Später wird er gegen Fremde tätlich, die ihn an seinem Willen hindern, droht Gegnern mit dem Erstechen, gerät immer leicht in Raufhändel und tötet mehrere Menschen. Auf der Anklagebank leugnet er. Bricht in die Worte aus: „Was frage ich danach, ob mein Leben weg ist!“ Erwartet also nichts vom Leben, und findet darin eine Erleichterung für den Durchbruch des Gemeinschaftsgefühls.

Jakob Talreuter, unehelich, frühzeitig verwaist, kommt zu einer Pflegemutter, die ihn unglaublich verzärtelt. Lernt wenig, schreibt ganz schlecht, ist sehr geschäftskundig und strebt unausgesetzt danach, allen Leuten zu imponieren. Von seiner Pflegemutter, die sich in späteren Jahren in ihn verliebt, darin unterstützt, wird er zum Lügner, Prahlhans und Hochstapler, der, wo er kann, den Leuten Geld herauslockt. Brüstet sich, da seine Pflegeltern von kleinem Adel, mit hocharistokratischer Abkunft. Vergeudet das ganze Geld seiner Pflegeeltern und treibt sie zum Schluß aus dem Haus. Frühzeitig als Genie gepriesen, sieht er, von ehrlicher Arbeit durch die schlechte Vorbereitung und durch die Verzärtelung abgetrieben, seine Lebensaufgabe nur darin, seinen Überwinderwillen durch Lug und Trug zu befriedigen. Dadurch wird ihm jeder andere zum Gegner, den er zu überlisten trachtet. Beginn des Trainings in der Kindheit, gefördert durch die Pflegemutter, die ihn hoch über ihre eigenen Kinder und über den Mann stellt, und so Erwartungen auf ihn häuft, unter denen er zusammenbricht. Seine hochstaplerische Perspektive, alle andern zu überlisten und dies als Sinn des Lebens zu setzen, erleichtert ihm seine Verbrechen. Seine geringe Selbsteinschätzung, sein Mangel an Mut und Selbstvertrauen zeigen sich im Lügen, in der Prahlerei, in der Ausbiegung vor normalen Leistungen und in der Hochschätzung der List.

Ludwig Christian v. Ohnhausen, Zweitgeborener, der mit Macht emporzukommen trachtet — bei Zweitgeborenen und kleinem Adel häufig — sieht sich durch seinen älteren Bruder, der lässig, zu Diebstahl geneigt ist und ihn durch seine Skepsis in seinem mangelhaften Selbstvertrauen erschüttert, in seiner Karriere gehemmt. „Entweder mußt du, Bruder, zugrunde gehen oder ich, oder wir beide!“ sagt er sich, nimmt eine Pistole zu sich und erschießt den Bruder auf einem Spaziergang, als sich der wieder mit verletzenden Zweifeln von den Plänen des Jüngeren abwendet. Längeres Training gegen den Bruder, der ihn durch seine Lebensweise kompromittiert. Dessen fortgesetzte Weigerung, auf seine Pläne einzugehen, raubt ihm den Rest seines Selbstvertrauens. Er gewinnt einen erleichternden Standpunkt durch die Formel: du oder ich! Er hat nicht so viel Mut und Stärke, trotz des Bruders vorwärts zu gehen. Nach der Tat meldet sich sein Gemeinschaftsgefühl: es ist ihm, als erblicke er schreiende, große Raben. Er läuft davon. Beim Verhör verschweigt er seine Tat, weil der Justizamtmann erklärt, er sähe ihm zu rechtschaffen aus, um eine solche Tat zu begehen. Die ersten Bekenntnisse erfolgen lakonisch, abgerissen, abweisend. Vor einer besonderen Kommission für Adelige gesteht er alles.

Lorenz Simmler sieht seinen älteren Bruder im Besitz des väterlichen Hofes, während er als Knecht dienen muß. Im Verlust seines Selbstvertrauens verfällt er ins Spielen, Trinken und Vagabundieren. Geht in Kriegsdienste. Stößt einmal einem Spielkumpan das Messer von rückwärts in die Lunge. Der Bruder kümmert sich nicht um ihn. Öfters äußert er sich, er werde dem Bruder das Haus über dem Kopf anzünden. „Du mußt auch noch betteln gehen!“ Als ihm dieser wieder einmal etwas abgeschlagen hat, betrinkt er sich und zündet das Haus an. Feigheit, Training und erleichternde Bedingungen zwecks Durchbruch des Gemeinschaftsgefühls liegen klar zutage.

Kaspar Prison entläuft einer strengen Stiefmutter. Er ist krumm, „an den Hüften gelähmt und hat zu kurze Finger“. Große Eitelkeit. Ist einem Juden Geld schuldig. Lockt ihn in den Wald und erschlägt ihn. Ist tagelang vor der Tat sehr aufgeregt. Hört warnende Stimmen. Eine Eule schreit. Er ruft ihr zu: „Was schreist du denn, du Aas, schrei, wie du willst, ich tu es doch!“ Erleichtert sich die Tat durch fortwährende Gedanken, daß es sich nur um einen Juden handle.

Maler Franz leidet an Fallsucht. Ist verheiratet, hat ein Kind und lebt mit seiner Frau, die faul ist wie er, in Schulden und Not. Ernähren sich kümmerlich von Bettel und Diebstählen. Lange sinnt er auf einen größeren Diebstahl oder Mord. Tötet endlich eine alte Frau, die er vorher vergeblich angebettelt hatte. Als er verdächtigt wird, geht er zu Gericht, um sich zu beschweren, fällt aber dort auf die Knie und gesteht. Die Verweigerung seiner Bitte erleichtert ihm den lange vorher trainierten Mordplan. Sein überraschendes Geständnis ist durch das wiederkehrende Gemeinschaftsgefühl erzwungen.

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Der Durchbruch des Gemeinschaftsgefühls ist, wie wir sehen, keine leichte Sache. Wer an seine Grenze gerät, spürt die mächtige Erschütterung.

Ein Arzt erzählte mir folgendes Erlebnis: „Ich war im Kriege meiner Gutmütigkeit wegen bekannt. Die Soldaten meines Lazaretts konnten immer auf meine Nachsicht rechnen. Eines Tages sollte ein Student an die Front abgehen. Seiner, allerdings geringfügigen nervösen Beschwerden wegen schlug ich ihn zu leichtem Dienst vor. Da bat er mich, darauf Rücksicht zu nehmen, daß er seine Eltern durch Stundengeben erhalten müsse, und das könne er nur, wenn er gänzlich frei käme. Eine so weitgehende Rücksichtnahme war mir in meiner Gebundenheit versagt. In der Nacht träumte ich, ich sei ein Mörder, und irre, von Gewissensbissen gequält, in der Dunkelheit der Nacht in den Straßen umher. Ich erwachte in Schweiß gebadet. Mir fiel Raskolnikow ein. Dann aber erriet ich, daß es meine Bedenken wegen des Studenten waren, die mir im Traume die schwärzesten Konsequenzen vor die Seele stellten.“

Wie viele mögen im Kriege mit sich gekämpft und gerungen haben, bis sie das Training fertig hatten! Freilich verfügten sie auch über die bedeutsamsten Erleichterungen. Und wenn die Unterstützung zum Durchbruch durch die Grenze des Gemeinschaftsgefühls auch nur soweit geht, wie wir es in einer Bemerkung des großen Kenners der Seele, Balzac („Le medecin de campagne“), finden: „Wir großen Mörder wollen, daß unsere Opfer sich wehren, denn dann rechtfertigt der Kampf wenigstens den Mord.“

Stefan Lukszits, der zwei Menschen in grausamer Weiser ermordete, schrieb vor seiner Tat folgende Sätze nieder: „Vom Leben niedergetreten, von den Verwandten verstoßen, Gegenstand des Ekels und der Verachtung (er litt an Stinknase), beinahe zugrunde gerichtet durch das große Elend, hält mich nichts zurück. Ich fühle, daß ich nicht mehr lange aushalte. In meine Vernachlässigung könnte ich mich vielleicht noch fügen, aber der Magen, dem Magen kann man nicht befehlen. Es wurde mir prophezeit, daß ich Hungers sterben werde, in einem Graben neben irgendeiner Landstraße, und da kam mir der furchtbare Gedanke, es sei alles eins, ob ich Hungers sterbe oder mein Leben am Galgen beende. Ich kümmere mich nicht um die Folgen, ich muß ja ohnehin sterben und bin nichts, keiner will etwas von mir wissen, und die, mit der ich verkehren möchte, meidet mich (Gretchen, du Süße). Es ist alles eins, es wird meine Erlösung sein oder mein Untergang. Das ganze ist für Donnerstag geplant, das Opfer ist schon erkoren, ich muß nur noch auf die Gelegenheit warten. Wenn sie da ist, wird das kommen, was nicht jeder Mensch tun könnte („Überwinderwillen“). Schrecklich, wenn man nur daran denkt, erschauert man.“

Nach der Tat schrieb er: „Wie der Hirt die Herde, treibt der Magen den Menschen zu den dunkelsten Verbrechen. Möglich, daß ich den Morgen nicht mehr erlebe. Ich kümmere mich aber nicht darum. Das Furchtbarste ist, wenn man vom Hunger geplagt wird („Erleichternde Ausrede“). Ich bin auch wegen meiner unheilbaren Krankheit erbittert. Auch sie treibt mich aus der Gesellschaft fort, und ich hatte deswegen schon viele Unannehmlichkeiten. Die letzte Unannehmlichkeit werde ich haben, wenn man über mich zu Gericht sitzen wird. Ein sündiger Mensch wird für seine Sünden büßen müssen. Aber einmal muß man ja sterben, und es ist alles eins, wie man stirbt. Das wird vielleicht noch der schönere Tod sein als der Hungertod. Denn, wenn ich vor Hunger verrecke, schaut keiner auf mich, und so wird das viele, viele Publikum anwesend sein, und vielleicht wird einer von den Zuschauern Mitleid mit mir haben. Die Polizei wird mich bald als Mörder verhaften, denn es ist ja schon geschehen, was ich beschlossen habe. Ich habe eine aufregende Nacht durchlebt, und noch nie hat sich ein Mensch so gefürchtet, wie ich mich diese Nacht gefürchtet habe.“

Bei seinem Verhör erklärte Lukszits, freilich ohne den Kern der Sache treffen zu können: „Ich habe gemordet. Ich weiß, daß ich dem Henker verfallen bin. Ich kümmere mich nicht darum. Ich mußte es tun. Der junge Herr hatte sehr schöne Kleider, und ich wußte, daß ich nie solche haben werde. Der Gedanke, daß ich diese Kleider haben muß, wurde zur fixen Idee in mir. Deshalb habe ich gemordet.“

Daß er die schönen Kleider zur Ursache macht und ihnen die Folgen folgen läßt, wird ihm wohl nie klar werden.

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In meinen Untersuchungen über das abnorme Seelenleben stoße ich immer wieder auf das frühkindliche Verhalten und auf die mangelhafte Vorbereitung fürs Leben in dieser Zeit. Wir befinden uns da mit allen Seelenforschern mehr oder weniger im Einklang. Was aber die für unser Problem so schwerwiegende Tatsache des Gemeinschaftsgefühls anlangt, so erscheint uns immer bedeutsamer für seine Entfaltung und Pflege die Rolle der Mutter. Und dies deshalb, weil sie dem Kinde das Bewußtsein der unbedingten Verläßlichkeit eines Menschen vermittelt. Fehlt die Mutter oder verfehlt sie ihre Rolle, so wird es in unseren Zeitläuften schwer sein, einen vollgültigen Ersatz zu schaffen. In der Tat finden wir, wie auch aus den obigen Beobachtungen hervorgeht, daß unser Material auffallend in dem Punkte gelitten hat, weil es ohne Liebe oder verzärtelt aufgewachsen ist. Beide Lebensformen führen die Kinder von der Gemeinschaft weg, die erstere, indem sie die Vorbereitung schuldig bleibt, die andere, weil sie das Gemeinschaftsgefühl an eine einzige Person bindet. In beiden Fällen mangelt es den Kindern an der fürs Leben nötigen Sicherheit und an Selbstbewußtsein. Die Kinder finden sich bald wie in Feindesland, schätzen ihre eigene Kraft und Fähigkeit allzu niedrig ein und zeigen die Ausdrucksformen der Entmutigung und des Minderwertigkeitsgefühls. Körperliche Mängel der mannigfachsten Art zerstören weiter den Glauben an die eigene Kraft und schaffen so Ausgestaltungen von Lebensformen, in deren großen, nur allzu großen Kreis wir auch den Verbrecher und den Neurotiker entdecken.

Eine Kritik der verschiedenen Behandlungsformen von Neurose und Verbrechern hat mit diesen Gesichtspunkten zu rechnen.


Fuente: Alfred Adler, «Neurose und Verbrechen», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 3 (1924), n.º 1, diciembre de 1924, págs. 1-11 (artículo de apertura del fascículo); transcripción del ejemplar digitalizado en archive.org (fascículo completo), con OCR propio (Tesseract) cotejado con el OCR de archive.org y corregido sobre las imágenes de las páginas, revisadas una a una. Se respetan las grafías impresas «Schleptau», «Weiser» (por Weise), «Le medecin de campagne» y «Pflegeltern»/«Pflegeeltern». Los casos de las págs. 8-10 resumen los de Anselm von Feuerbach, Aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen (1828-1829), cuyo título cita Adler como «merkwürdiger Verbrecher». Las cursivas reproducen el espaciado del original; los asteriscos sueltos, los separadores impresos. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Auch die Verbrechersprache weist auf das erhaltene Gemeinschaftsgefühl hin. Eine Sprache der Neurotiker ist undenkbar. ↩