DR. ALFRED ADLER (Wien):
Die Tragfähigkeit der menschlichen Seele.
Wenn auch die Individualpsychologie mit Erfolg bestrebt war, die Neurose und Psychose ihres Scheins der Passivität zu entkleiden und das große Aktivum festzustellen, den Kampf, die vehemente Anklage, die Verachtung, das Streben nach Überlegenheitsnachweisen, das ihre stärkste Triebfeder darstellt, so können wir doch in Berücksichtigung der großen Kosten seelischer Art die Entwicklung dieser Leiden als einen Zusammenbruch bezeichnen. Die Größe des Zusammenbruchs schätzen wir ab nach der Differenz des Neurotikers zum Mitmenschen, der im Gegensatz zum ersteren, der Gemeinschaft, ihrer Forderungen und ihrer Güter teilhaftig ist.
Dieses Abstandnehmen von den Forderungen der Gemeinschaft erfolgt immer nur bei exklusiven, isolierten Personen, deren Kontakt mit dem Leben immer nur ein loser war und zumeist nur durch den persönlichen Ehrgeiz hergestellt wurde. Die Erfahrung ergibt nun regelmäßig, daß man sämtliche Aufgaben des Lebens in drei Gruppen teilen kann:
- in die gesellschaftliche,
- in die Berufsaufgabe, und
- in die erotische.
Neurotisch Disponierte zeichnen sich dadurch aus, daß sie zu allen diesen Fragen eine falsche Stellung einnehmen, daß sie mehr oder weniger nur persönliche Privatangelegenheiten in allen diesen Forderungen erblicken, daß sie die gemeinschaftlichen Zusammenhänge übersehen und das Allgemeingültige verkennen. Dementsprechend verlieren sie leicht im Falle eines Mißlingens oder einer drohenden Niederlage den Mut. Die Tragfähigkeit der menschlichen Seele hängt demnach ab von der Stärke ihrer Verknüpfung mit der Gemeinschaft. Sie wird sich am deutlichsten zeigen in der Nähe irgendeiner Entscheidung oder Prüfung.
Ist die Tragfähigkeit der menschlichen Seele erschüttert, so wird sich dies in ihrer Haltung gegenüber den Forderungen des Lebens deutlich zeigen. Geringere Defekte äußern sich dermaßen, als ob der Patient sich und der Welt zu verstehen geben wollte: „Von mir kann man nicht soviel verlangen; mich muß man mit einem anderen Maß messen!“ „Das, was ich leiste, ist nicht alles, was ich leisten könnte, wenn ich gesund wäre!“ Die stärksten Grade der Neurose und Psychoneurose geben einem zu verstehen: „Von mir kann man gar nichts verlangen!“ Etwas von dieser Haltung haben alle Menschen. Die Symptome und Zustandsbilder liegen alle auf einem der Norm entlegenen Kriegsschauplatz und zeigen in ihrer Struktur für den Individualpsychologen immer erkennbar das Minderwertigkeitsgefühl und das persönliche Streben nach Überlegenheit, beides auf einen engsten Raum beschränkt: auf die Familie oder auf die eigene Person. Im Delirium, in der Absperrung, in der Psychose überhaupt zeigt sich die Ablösung von der Gemeinschaft klar, zugleich aber die Übergipfelung derselben durch Entwertung des Mitmenschen und der Logik. Der Irrsinnige hat die Verbindung mit den obigen drei Grundfragen des Lebens zerrissen, weil er sich eine Lösung nicht mehr zutraut, weil er entmutigt ist.
Die Entmutigung tritt um so leichter ein, je mehr er nach Überlegenheit strebt. Seine Tragkraft wird durch sicher zu erwartende Mißerfolge systematisch zermürbt. Man kann seinen Abbruch der Beziehungen voraussagen. Man kann auch den Zeitpunkt seines Zusammenbruches voraussagen. Er ist immer bedroht, sobald er an die Front des Lebens kommt. Die Phasen der Pubertät, der Liebe, des Berufsantrittes, des Alterns sind die entscheidensten Phasen. Innerhalb derselben wird sich die Erschütterung seiner Tragfähigkeit zeigen, sobald er vor Entscheidungen gestellt ist.
Ermutigungen können die Tragfähigkeit stärken und den Ausbruch der Neurose hindern, mildern oder hinausschieben.
Der Angriffspunkt für die Kur ist demnach das Streben nach Überlegenheit, das Ziel: die Aussöhnung mit der Wirklichkeit und die Ermutigung. Deshalb bietet nur die Individualpsychologie die Möglichkeit einer ätiologischen Behandlung, weil ihre Grundanschauungen die Irrtümer aufweisen, die die Tragfähigkeit der Seele erschüttert haben.
Fuente: Alfred Adler, «Die Tragfähigkeit der menschlichen Seele», autorresumen (Autoreferat) de su ponencia en el I Congreso Internacional de Psicología Individual (Múnich, diciembre de 1922), en «Bericht über den I. internationalen Kongreß für Individualpsychologie in München, 1922. Dezember (Autoreferate)», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 2 (1923), n.º 2, noviembre de 1923, pág. 42. Transcripción del fascículo digitalizado en archive.org (IZI_II_1923_2), a partir de un OCR propio (Tesseract) corregido íntegramente sobre la imagen de la página (hoja 43 del escaneo); el inventario daba este número como «sin artículo de Adler», pero el texto sí está. Se respeta «entscheidensten». Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.