C. G. Jung: Über Konflikte der kindlichen Seele. (Jahrbuch Bleuler, Freud. II. Bd. 1910.)

Die wertvollen Bestätigungen unserer psychoanalytischen Kenntnisse, die uns der Autor in den Mitteilungen eines den Durchschnitt überragenden klugen Vaters über die geistige Entwickelung seines 5jährigen Töchterleins vorlegt, zeigen uns wieder ein Kind, das um seine zukünftige Stellung ringt. Man kann ruhig voraussetzen, dass die beobachteten Spannungen zutreffend erfasst und im Zusammenhang gesehen sind. Denn in der Psyche des kleinen Mädchens spielt sich ein gut Teil jener Erscheinungen ab, die uns aus den Psychoanalysen der Neurotiker klar geworden sind, und bringen uns so wertvolle Bestätigungen richtig erkannter kindlicher und neurotischer Konflikte.

Man kann Jungs Deutungsversuchen sowohl Scharfsinn als kluge Mässigung zusprechen. Der strenge, kritische Massstab, mit dem die Anhänger der Psychoanalyse jede neue Arbeit messen, aber auch die Voreingenommenheit der Gegner, denen jedes Mittel zuweilen geeignet erscheint, um psychoanalytische Befunde zu entwerten, lassen es geraten erscheinen, solche Selbstzucht der Gedanken, wie Jung sie pflegt, zu üben. Er beschreibt bloss, zieht nur zwingende Schlüsse, lässt hie und da Vermutungen sprechen, um sich in noch nicht abgeschlossenen Fragen, wie in der Sexualaufklärung, eine Entscheidung für später vorzubehalten.

Immerhin hält er sich strenge an die Leitfäden der Freudschen Libidolehre. Die erwachenden Liebesregungen gegen die Eltern, die Verwandlungen und Schicksale dieser Tendenzen sind geschickt hervorgehoben und zur biologischen Begründung der Angstzustände, des Forschertriebs und der Stellung des Mädchens zu den Eltern herangezogen.

Bezüglich der psychischen Dynamik betont Jung vornehmlich das Wirken des Forschertriebs unter dem Druck des zum Vater drängenden Sexualtriebs. An dieser Stelle sei uns, soweit dies an dem vom Vater des Kindes wohl einheitlich gerichteten Material angängig ist, ein Einwand gestattet. Der Forschertrieb dieses Mädchens hält, wie Jung richtig hervorhebt, die gewöhnliche Linie ein, die uns aus dem infantilen Material der Neurotiker sowie aus Analysen kindlicher Neurotiker (vergl. Freud „Kleiner Hans“ und Adler „Disposition zur Neurose“) geläufig ist und sich in die Frage kleidet: wo kommen die Kinder her? — Annas Forschertrieb betätigt sich in auffälliger Weise im Nachdenken über den Geburtsakt. Sie hat das Vorgefühl einer zukünftigen weiblichen Rolle, bringt — es ist nicht klar, aus welchen Erfahrungen heraus — das Gebären mit dem Sterben in Zusammenhang und behält von dieser Grundstimmung aus die ängstliche Erwartung im Gemüte, es werde ihr etwas geschehen. Jungs vorzügliche Darstellung erlaubt noch einen Schritt weiter zu gehen. Wie kommt das Kind zu der Phobie, welche die Formel hat, erdrückt zu werden? Und zur Identifizierung von Krankheit und Gebären? Es ist wohl der Gedanke gerechtfertigt, dass die übertriebene Vorstellung von den Gefahren, die der Frau durch den Geschlechtsverkehr und durch die Geburt drohen, das Kindchen aus seiner Ruhe bringen. Durch allerlei Winkelzüge sucht es sich zu sichern, durch die Angst, durch Wissen. Ob man auch zu Kindern kommen könne — etwa wie die Pflegeschwester? Es beginnt die Wertschätzung des Mannes. Der Mann ist obenauf, ist darauf bedacht, das Weib unterzutauchen. Wie, wenn man das Genitale beseitigen, abhobeln könnte oder obenauf reiten könnte? Kurz, wie macht man aus einem Mädchen einen Mann?

Analysen wie die Jungs gehören zu den köstlichsten Gaben der Psychoanalyse. Ihr Wert besteht nicht bloss in der Bestätigung angezweifelter Ergebnisse, sondern in der Eröffnung und in der Sicherung neuer Perspektiven. Vielleicht drängt die Verfolgung seines Materials bezüglich der kleinen Anna dem Verfasser auch obigen Gesichtspunkt auf.

Adler.


Fuente: transcripción a partir del número completo del Zentralblatt für Psychoanalyse 1 (1910/11), H. 3, digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal), págs. 122-123 de la sección «Referate und Kritiken»; el OCR se cotejó con las imágenes de las páginas (págs. 44-45 del PDF). Ortografía original de 1910; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.