Lebenshilfe per Rundfunk
Der Wiener Individualpsychologe Dr. Alfred Adler über seine Radioklinik — Dr. Neuer über die Lebensberatungsstellen
Wir berichteten vor etwa einem halben Jahr über „Amerikas Erweckung zur Musik“, über die grandiose musikalische Vortragsreihe Dr. Damroschs, die von allen amerikanischen Sendern übertragen wurde und nichts geringeres bezweckte, als eine planmäßige Erziehung des Kindes zur Musik.
Heute nun können wir von einer neuen amerikanischen Radio-Institution berichten. Doppelt interessant wegen ihres Initiators: des berühmten Wiener Individualpsychologen Dr Alfred Adler.
Die Lehre Dr. Adlers, der über Einladung amerikanischer Universitäten und der „School for Social Research“ seit mehreren Monaten in New York weilt, hat dort in den weitesten Kreisen lebhaften Widerhall gefunden. Kürzlich nun konnte „New York Telegram“ einen neuen „Dr. Adler says“ starten. Die Meldung erwies sich als eine Sensation ersten Ranges, wurde in ganz Amerika kommentiert und diskutiert und — die von Dr. Adler vorgeschlagene Institution soll bereits in den nächsten Wochen ihre Arbeit aufnehmen.
Dr. Adler regte nicht mehr und nicht weniger an, als eine Radioklinik „für die sozialen Fragen Amerikas und die menschlichen Beziehungen seiner Bürger“.
In dem berühmt gewordenen ersten Interview sagte Dr. Adler:
„Ich schlage eine beratende Körperschaft von Psychologen, Ärzten und Erziehern vor — führenden Persönlichkeiten auf ihrem Gebiet — deren Ratschlag und Hilfe dem Publikum freisteht.“
„Diese Körperschaft nun wird einer Radioklinik vorstehen, die unter Bezugnahme auf aktuelle Ereignisse brennende Probleme der Ehe, der Erziehung, der Gesundheit, der Kriminalität usw. besprechen wird — wobei nicht nur allein der einzelne von der Besprechung etwas lernen wird, sondern auch die Gesamtheit aller Zuhörer.“
„Ich will es an einem Beispiel erklären: Ein Vater schreibt dem Psychologen: Warum beginnt mein Sohn zu stehlen? Was soll ich tun? Daraufhin sendet ihm die Klinik einen Fragebogen. Ist dieser in allen Punkten ausgefüllt, dann weiß der Psychologe so ziemlich alles über den Burschen. Unter Heranziehung dieses besonderen Falles spricht er dann sowohl zum Vater als auch zu dem Burschen durch das Radio. Was er da sagt, wird in gleicher Weise und in gleicher Stärke in Tausenden von anderen Häusern und Familien wirken, wobei trotzdem die absolute Anonymität des ursprünglichen Fragestellers gewahrt bleibt.“
Über die Behandlung von Problemen der Ehe äußerte sich Dr. Adler wie folgt: „Besonderen Wert lege ich darauf, daß auch Eheprobleme von der Klinik behandelt werden. Die Tatsache, daß Hörer jeden Alters den Vorträgen lauschen, wird natürlich zu einer besonders vorsichtigen Auswahl der öffentlich behandelten Fälle führen. Aber gerade die Tatsache, daß wir zu allen Altersstufen sprechen, wird erzieherisch von größter Bedeutung sein. So wird eben jeder lernen, daß eine Ehe soziale Verantwortlichkeit verlangt, daß sie nicht nur eine rein private Angelegenheit ist und daß sie nur auf Gleichwertigkeit der Partner und alles, was diese Gleichwertigkeit bedingt, gegründet werden kann.“
„Was das weite Gebiet der durch das Verbrechen gegebenen Probleme betrifft, so schlage ich eine Zusammenarbeit mit dem Publikum in der Weise vor, daß mehrere Ärzte und Erzieher einen Fall allgemeinerer Bedeutung je nach ihrer persönlichen Einstellung vor dem Mikrophon behandeln. Die Hörer mögen sich dann in einer Art Abstimmung über die einleuchtendste und beste Lösung äußern.“
„Auch der Zusammenarbeit mit den Schulen und den Colleges messe ich die allergrößte Tragweite bei.“
Das Interview schloß Dr Adler mit einem Kompliment für Amerika. Er sagte: „Ich halte Amerika für das einzige Land, in dem solch ein Projekt auf einer so breiten Basis in Angriff genommen werden kann.“
Was Dr. Neuer sagt:
Wir wandten uns an den intimsten Mitarbeiter Dr. Adlers, den bekannten Wiener Individualpsychologen Dr. Alexander Neuer, den Vorstand des Internationalen Vereines für Individualpsychologie. Dr. Neuer sagte: „Die gemeldete, von Dr. Adler angeregte Radio-Institution ist in ihrem Prinzip nicht neu. Wir haben in Wien bereits seit Jahren eine Reihe von Lebensberatungsstellen (zum Beispiel im Volksheim, in den verschiedenen Bezirksämtern, in der Arbeiterkammer, in den Kinderhorten, im Hause der Volkspatenschaft, im Hause der Bereitschaft usw.), die in gleicher Weise wie die neue amerikanische Radioklinik arbeiten. An bestimmten Tagen der Woche werden dort von führenden Individualpsychologen brieflich gestellte Anfragen und aktuelle Probleme behandelt.
Diese Einrichtung ist in der verhältnismäßig kurzen Zeit ihres Bestandes riesig populär geworden. Daß Dr. Adler diese Lebensberatungsstellen vor dem größten, für einen Vortragenden überhaupt erfaßbaren Publikum führen kann, vor den Radiohörern, ist natürlich ein Idealfall.
Daß es aber auch anderswo als in Amerika notwendig wäre, diesen Idealfall herbeizuführen, ergibt sich nicht nur aus der Krise aller menschlichen Beziehungen, sei es in der Familie das Verhältnis der Kinder zu den Eltern, des Mannes zur Frau oder des Schülers zum Lehrer, des Unternehmers zum Angestellten, des Vorgesetzten zum Untergebenen, überhaupt — es ergibt sich auch aus der Tatsache, daß weiteste Kreise von Hilfsbedürftigen finanziell nicht in der Lage sind, zu einem Psychologen zu gehen.
Aber ich fürchte stark, daß Dr. Adler recht hat mit seinen Worten: ‚Amerika ist das einzige Land, in dem solch ein Projekt auf einer so breiten Basis in Angriff genommen werden kann.‘“
G. E. R.
Fuente: Radiowelt (Viena), año 1929, n.º 20, p. 619 (mediados de mayo de 1929; fecha aproximada, deducida del número), artículo firmado «G. E. R.»; transcripción hecha sobre la imagen de la página en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, ANNOP_rwl19290120, imagen 11), cotejada con el OCR de la ÖNB (copia local en materiales/1929/1929_Radiowelt-Nr20_Entrevista-Radioklinik-NY-Telegram__anno/). Es una versión alemana, con las declaraciones de Adler entre comillas, de la entrevista que Adler concedió en Nueva York al New York Telegram sobre su proyecto de «consultorio radiofónico»; el original inglés no se ha podido consultar. Es la más completa de las versiones conocidas y la única que incluye lo que Adler dice del matrimonio, del delito y del cierre elogioso sobre América. Otras versiones, de agencia y más breves, que resumen la misma entrevista con otras palabras: «Eine „Radioklinik“ in Amerika», Freie Stimmen (Klagenfurt), suplemento dominical, 8 de septiembre de 1929, p. 16 (copia local materiales/1929/1929-09-08_Declaraciones-Freie-Stimmen-Radioklinik-NY-Telegram__anno/; también, según el inventario, Dresdner Nachrichten, 20 de agosto de 1929), y «Een radio-kliniek in Amerika. Een interview met Dr. Alfred Adler», Het Vaderland (La Haya), 17 de junio de 1929, p. 11, sección «Radio-Nieuws» (Delpher; copia local materiales/1929/1929-06-17_Entrevista-Het-Vaderland-Radio-Kliniek-in-Amerika__delpher.jp2). La neerlandesa y la de Freie Stimmen son el mismo texto de agencia (presentan el plan como «muy audaz, incluso para América», un consultorio gratuito sobre «cuestiones sociales y los deberes de los ciudadanos americanos», con el ejemplo del padre de un cleptómano, y subrayan que podrán acudir a él los que no pueden pagar a un psicólogo); la neerlandesa añade solo una frase final sobre el contacto con escuelas y universidades, que coincide con la de Radiowelt. Por eso no se publican aparte. Una entrevista inglesa sobre el mismo proyecto, de origen distinto, está en el archivo: «Radio Clinic» (Goulburn Evening Penny Post, 4 de octubre de 1929). Ortografía original («Dr Alfred Adler» sin punto, dos veces, «über Einladung», austriacismo). Las palabras espaciadas se dan en cursiva.