Gehaßte Kinder — später Verbrecher.

Der Mangel an Gemeinschaftsgefühl ein Erziehungsfehler.

Im Wissenschaftlichen Klub hielt gestern Professor Dr. Alfred Adler einen Vortrag über das Thema „Individualpsychologie und Kultur“. Dr. Adler führte unter anderm aus: Das Wort „Kultur“ läßt sich als der Inbegriff der höchsten Forderungen einer Zeitperiode definieren, die dem Nutzen der Allgemeinheit dienen sollen. Das Streben nach idealer Gemeinschaft ist es, das allem menschlichen Tun innewohnt; es ist der ewige Weg, den die Menschheit gehen muß. Er ist dem Menschen vorgezeichnet durch die Verknüpfung des Einzelnen mit dem Kosmos, mit der Gemeinschaft, mit dem andern Geschlecht; alle Fehlschläge, die der Mensch erleidet, haben letzten Endes doch nur ihre Wurzel im Mangel an Gemeinschaftsgefühl, im Streben nach dem Ziel außerhalb des Nutzens der Allgemeinheit, außerhalb der Kultur.

Das ganze Wesen und die ganze Tätigkeit des Menschen, seine Sprache, sein Verstand, seine Moral: sie alle sind ein Ausfluß des großen Gemeinschaftsgefühles. Alles, was wir tun und unternehmen, geschieht im Hinblick auf die Umwelt und die Allgemeinheit. Selbst das Schaffen des Künstlers ist diesem Gesichtspunkt unterordnet. Die Künstler waren ja seit jeher die geistigen Führer der Menschheit; wir lernten von den Malern sehen, von den Musikern hören, von den Dichtern sprechen, tun und denken — aber auch die Kunst hat sich nur im Rahmen ihrer Allgemeinnützlichkeit entwickeln können. Eine Sache wird schön oder häßlich empfunden, je nachdem sie so der Allgemeinheit erscheint oder nicht; was wir

am Menschen schön finden, ist immer mit dem Begriff der Gesundheit und des Fortlebens der Menschheit in der Idealgestalt des Künstlers verbunden.

Die Erziehung zur Allgemeinnützlichkeit muß beim Kinde in der frühesten Jugend beginnen. Hier setzt die Aufgabe der Mutter ein: Das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in das Kind zu verpflanzen und ihm auf diese Weise eine der wichtigsten Voraussetzungen für seine künftige Lebensfähigkeit zu schaffen. Im Augenblick, wo dies verabsäumt wird, tritt beim Kinde eine Mechanisierung des Lebensstils ein, es verfolgt nur sein enges persönliches Ziel einer Ueberlegenheit jenseits allen Gemeinschaftsgefühles und die Folge sind Fehlschläge und Enttäuschungen. Aus diesen Kindern rekrutiert sich das große Heer der Nervösen, Verrückten, der Verbrecher und all jener, die der Bestimmung der Menschheit sozusagen entlaufen sind.

Hieher gehört auch das Kapitel der gefährdeten Kinder. Es sind das diejenigen, die, belastet, mit einem organischen Fehler behaftet sind und ihr Leben als Bürde empfinden. Sie haben keine Möglichkeit, neben der Sorge um die Wohlfahrt der eigenen Person auch noch das Verständnis für die Allgemeinheit aufzubringen. Die zweite Art der Gefährdeten sind die gehaßten Kinder, die nie einen Mitmenschen erlebt haben, die verkrüppelten, die häßlichen oder die bloß unerwünschten Kinder. Ihnen fehlt die Liebe und Wärme der Mutter, die die Beziehung zwischen ihnen und der Allgemeinheit vermitteln könnte. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet verstehen wir auch, warum es unter den Verbrechern so viele häßliche Menschen gibt. Dies ist nicht auf irgendeinen legendären Verbrechertypus zurückzuführen, sondern die Ursache ist einfach die, daß die Verbrecher in ihrer Jugend häßliche Kinder waren. Eine Statistik auf diesem Gebiet würde geradezu erschreckend wirken. Eine unverhältnismäßig große Zahl von Fehlschlägen und Fehltritten wird von gewesenen „häßlichen Kinder“ begangen. Der dritte, weitaus verbreitetste und am meisten gefährdete Typus ist der der verzärtelten Kinder. Sie sind es, die sich gegen die Umwelt ängstlich abschließen, weil die Bindung an die Mutter so übermächtig wird, daß sich das ganze Leben des Kindes auf diese Symbiose einstellt und für Initiative und Selbstbewußtsein kein Platz mehr übrig bleibt. Diese Menschen leben in der ewigen Erwartung, daß die andern für sie die erforderlichen Leistungen vollbringen werden. Wenn die Mutter es verabsäumt hat, dem Kind das Gefühl der Zusammengehörigkeit zur Gemeinschaft beizubringen, so bleibt nichts andres übrig, als nachträglich diesen Fehler am Menschen zu korrigieren, ihn sozusagen repetieren zu lassen.


Fuente: Kleine Volks-Zeitung (Viena), n.º 323, miércoles 21 de noviembre de 1928, pp. 2-3; crónica sin firma. Transcripción hecha sobre las imágenes de las páginas (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek), cotejada con el OCR de la ÖNB y con un OCR propio de Fraktur. Ortografía original («unterordnet»); los espaciados se dan en cursiva. La crónica empieza al pie de la cuarta columna de la p. 2 y sigue, sin indicación de continuación, en lo alto de la primera columna de la p. 3, donde termina. La p. 3 (imagen 3 de ANNO_kvz19281121) se descargó mediante el manifiesto IIIF público el 21-10-2026 para completar la crónica, de la que antes solo se tenía el comienzo; se transcribió sobre la imagen, cotejada con un OCR propio de Fraktur. Se conserva «von gewesenen „häßlichen Kinder“» (sin -n). Según el inventario de crónicas, es un texto de agencia que publicaron también el Salzburger Volksblatt (22-11-1928, p. 4) y el Grazer Tagblatt (23-11-1928, p. 8); no ha hecho falta cotejarlos, porque la Kleine Volks-Zeitung da el texto completo.