Alfred Adler über Erziehungsfehler

Ein Vortrag in Freudenstadt

Von J. B. Schairer

Der Begründer der Individual-Psychologie, Dr. Adler, Wien, sprach im neuen Kurtheatersaal über „Erziehungsfehler“. Dr. Bauer, in dessen Sanatorium Hohenfreudenstadt der berühmte Mann einige Tage zu Gast war, führte ihn ein, zugleich im Namen der kleinen, aber rührigen Individualpsychologischen Arbeitsgemeinschaft des Ortes.

Eine untersetzte Gestalt, Ende der Fünfziger wohl, mit weichem Gesicht und unbewegter, gelassener Miene, so steht Adler vor uns. Seine lässige Geste und unbekümmerte Haltung wirkt aber durchaus nicht als überlegene Gleichgültigkeit, sondern als reife Frucht eines ungeheuren Erfahrungsschatzes, als beruhigender Ertrag eines unermüdeten Arbeitslebens. Adler ist Wiener in Reinkultur. Im Privatgespräch gefragt, wie denn wohl die Donaustadt neben ihrer sonstigen Eigenart die Hochburg der modernen praktischen Psychologie geworden, erklärt er mir in behaglicher Anschaulichkeit: „Nun, wie wars denn bei uns? Da war der Hof und da war die Kirche; wer zu den beiden gehörte, der konnte was werden. Wir anderen aber — wir mußten halt zugucken. Und wissen 'S, wenn man anderen zuschaut, wie es die machen, da wird man kontemplativ. Was blieb uns sonst übrig? Das ist heut noch dem Wiener sein Bestes, dazustehen und dem Andern zuschauen, wie der es treibt. Und so sind wir Psychologen geworden.“

Diese kontemplative Ruhe, die durch nichts mehr zu stören ist, die aber anderen aufgeregten, notleidenden Seelen so unendlich wohl tut, liegt in dem Manne als seine Stärke, als die Kraft, die ihn zu einem wahren Arzte macht, zu einem Wohltäter mit einfachsten Mitteln. Sie erklärt auch seine Macht über die Menschen. Mehr in seinem Ton, seinem Wesen steckt sie als in seinen oft sehr schlichten, fast banal scheinenden Worten.

So auch der Ton und Inhalt seines Vortrags über Erziehungsfehler. Voraus schickt er ein paar kurze, schlagende Sätze über den Gesamtgehalt der von ihm geschaffenen Methode und Bewegung der Individualpsychologie. Ja nie irgend etwas beim Menschen, etwa einen Fehler, eine Klage einzeln für sich nehmen; sondern fort und fort die Gesamtpersönlichkeit, die Individualität als solche ins Auge fassen. Der schlimmste Erziehungsfehler ist: beim Kinde einen Fehler als solchen zu bekämpfen, zu bestrafen. Immer suchen und abtasten, was in der Gesamtpsyche dahinterstecke. Das ist meist eine Entmutigung, ein Minderwertsgefühl. Das Geheimnis jeder Erziehung: 1. den Menschen seinen Wert erleben lassen, 2. in ihm Interesse für den Andern zu wecken durch werbende Liebe, 3. diese erwachte Liebe an die Allgemeinheit weiterleiten.

Die Erstberufene dazu ist immer und immer die Mutter. Sie soll der erste „Mitmensch“ werden. Versäumt oder verfehlt sie ihre Aufgabe, so kommen später die Neurosen, die Entfaltungsstörungen. Will man Erwachsenen helfen, so bleibt nur der Weg: zu wiederholen, was die Mutter hätte machen sollen: Erweckung des Gemeinschaftserlebnisses und Ueberführung dieser Regung an nützliche Objekte. Nie wird Erziehung aus einem schlechten Menschen einen guten machen, sondern nur einen weniger schlechten. Die Individualität soll keinesfalls umgebogen und radikal verändert werden: mag einer sich entfalten wie er will — wenn er nur auf die „nützliche Seite des Daseins“ kommt! Oft muß man zufrieden sein, die größeren Dummheiten, in denen einer steckt, durch kleinere zu ersetzen.

Der beachtliche Einwand, der oft gegen die Individualpsychologie erhoben wird, behauptet: diese Methode sei in der Anlage zu flach, in der Zielsetzung zu platt und erstrebe auch eine gewisse allgemeine Wohlfahrt und spießbürgerliche Nützlichkeit. — Nun weiß Dr. Adler genau — man darf das einem Arzt, der schon Zehntausende verwickelter Lebensschicksale in Händen gehabt, zutrauen —, er weiß, daß die Verhältnisse nicht so einfach sind, um sie mit billigen Mitteln oder gar Mätzchen zu bearbeiten. Aber — sagt er: warum die Sachen noch schwerer machen als sie sind? Es ist nicht Kurzsichtigkeit, sondern Kunst, nicht Beschränktheit, sondern Methode, daß er alle Entgleisungen, Störungen und Fehler auf eine einfache Formel zu bringen sucht. Die heißt: mißleitetes, mißglücktes Geltungsstreben. Und wenn dann in der Zielbildung der Begriff „Allgemeinheit“, Gemeinschaftseignung auftaucht und beherrschend wird, so wurde aus den feierlichsten Stellen des Vortrags klar: wohl sieht Adler in der sozialen Gestaltung des Individuums die einzige Rettung. Aber die Worte „Allgemeinheit“ und Gemeinschaft gewinnen in seinen Augen wirklich die Bedeutung metaphysischer Größen.

Das „Interesse für die Andern“ ist entscheidend für den Wert jeder Persönlichkeit; erst als Glied des strebenden Ganzen ist sie verwirklicht. Wir sind Adler dankbar, daß er, um allem Abstrahieren vorzubeugen nie große Worte wählt. Umso konkreter ging er in die so gar kleinen Verhältnisse des Alltags, das Familien- und Berufsleben ein. Mit intuitivem Scharfblick enträtselt er das „verzärtelte“ Kind, das unglücklicherweise zum Mittelpunkt gemacht worden ist und nun lebenslang nur auf Liebe und Wärme reagiert, aber total versagt, wo das harte Dasein diese günstigen Bedingungen verweigert. Solche Menschen leben dauernd nur anderen zuliebe oder zum Trotz, statt einer sachlichen Bearbeitung der Lebensaufgaben sich zu widmen. — Seine speziellen medizinischen Forschungen widmete er dem „organminderwertigen“ Kinde, dessen Charakter durch irgend einen angeborenen oder erworbenen Defekt grundlegend bestimmt oder verändert erscheint. Dazu zählt er auch die „häßlichen“ Kinder, deren Mißgestalt sie von Jugend an mit stärksten Minderwertsgefühlen belastet. In der Reaktion dagegen, im Streben, sich dennoch gegen die unbarmherzige Mitwelt zu behaupten, entgleisen sie bis zum Verbrecher. Einer falsch nachkonstruierenden Wissenschaft bleibt es dann vorbehalten, aus der Endentwicklung später den „Typ des geborenen Verbrechers“ zu bilden, den Adler völlig leugnet. — Als eine bittere Kulturschande bezeichnete es der edle Philanthrop, daß es heutzutage noch „gehaßte“ Kinder gebe, unwillkommene schon bei der Geburt und hernach, sei es als Waisen, sei es als Uneheliche, herumgestoßen, verachtet und gemieden. — Bange Ratlosigkeit überfällt im späteren Verlauf dann auch die „überlasteten“ Kinder, von denen in früher Jugend zu viel verlangt wurde. Sei es, daß sie in der guten Gesellschaft glänzen und paradieren mußten (Wunderkinder), oder daß in ärmlichen Verhältnissen des Lebens Last zu früh auf die schwachen Schulter geworfen wurde. — Im besten Sinn erwärmend waren die Teile des Vortrags, die zeigten, wo und wie dem Kinde das Gemeinschaftserlebnis gewährt werden müsse und könne. Von der Aufgabe der Mutter hiebei war schon die Rede. Aber alle Beachtung verdient es, was er über die Bedeutung der gemeinsamen Mahlzeiten hiefür darlegte. In wie zahlreichen Familien ist die Mahlzeit die einzige Gelegenheit, wirklich vollzählig beisammen zu sein; wie wird aber nun diese wunderbare Möglichkeit, das Kind einzugliedern, verdorben durch das stete Korrigieren, Tadeln, Besprechung der Kindesfehler, der schlechten Schulleistungen, der mangelhaften Gabelhaltung usw. usw. Ueberhaupt warnte der Pädagoge sehr davor, irgend eine Tugend, und sei es die beste, allzu sehr in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen. Wird ein Kind einseitig mit Reinlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Gehorsam, Gescheitheit u. a. geplagt, so wird aus dieser Dressur notwendig eine Lebensuntauglichkeit fließen. Ueberbetonte Gewissen- und Wahrhaftigkeit mündet z. B. oftmals in unfreies Sünden- und Schuldgefühl aus. Und der Psychotherapeut hat mühsam abzubauen, was kurzsichtige Eltern allzu gut gemacht haben.

Ich mußte beim Schluß des Vortrags an ein anderes Wort aus der Individualpsychologie denken: „Erziehen ist garnicht schwer — man braucht es nur richtig zu machen.“

Daß Dr. Adler uns wohl zeigen kann, wie man es richtig macht, daß er auch die Forderungen der Pädagogik nicht überspannt, sodern in weiser Bescheidung Grenzen und Möglichkeiten derselben genau kennt und aufweist, das danken wir ihm.

Der Vortragende reiste andern Tags nach Paris weiter, um jetzt von dort auf einige Monate nach Amerika zu fahren. Hier wird er, der schlichte Wiener Arzt, vor Tausenden sprechen. Dazwischen schreibt er hochwissenschaftliche und doch „selbstverständliche“ Bücher in genialer Arbeitsleistung. Seine „Menschenkenntnis“ (Verlag Hirzel, Leipzig) sollte keinem Pädagogen, keinem Elternpaare fremd sein, das seinen Kindern Gutes geben und Schlimmes ersparen möchte. — Es ist zu hoffen, daß es der Stuttgarter Individualpsychologischen Arbeitsgemeinschaft gelinge, Dr. Adler im Oktober des Jahres zu einem Vortrag oder Kurse auch für Stuttgart zu gewinnen.


Fuente: Stuttgarter Neues Tagblatt, edición de la mañana, n.º 17, viernes 11 de enero de 1929, p. 2, en el folletón (bajo la raya), cinco columnas; firmado por J. B. Schairer. Transcripción hecha sobre la imagen de la página (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, vía Deutsche Digitale Bibliothek), cotejada con el OCR de la plataforma y con un OCR propio de Fraktur, que se complementan (el de la DDB omite, por ejemplo, la línea «Worte wählt. Umso konkr-»). Ortografía original; las palabras espaciadas se dan en cursiva. Se respetan «Minderwertsgefühl», «die schwachen Schulter» y la errata «sodern»; «Voraus» se lee con una letra dañada en la imagen. La conferencia fue pocos días antes (Adler siguió viaje «al día siguiente» hacia París y Estados Unidos), probablemente a comienzos de enero de 1929.