Sorgenkinder.

Dr. Alfred Adler über eigenartige Kindernaturen.

Originalbericht des „Neuen Wiener Journals“.

Der bekannte Wiener Psychiater und Begründer der Individualpsychologie Dr. Alfred Adler hielt vor den Hörern der Sommerschule des Austro-American-Instituts einen Vortrag, in dem er die Wege, das Heranwachsen lebensuntüchtiger Kinder zu verhüten, anzudeuten versuchte. „Jeder Mensch,“ sagt er, „wird mit einem Gefühl der Unterlegenheit geboren und nimmt schon in den ersten Kinderjahren jenen Kampf auf, der ihm die Ueberlegenheit über seine Mitmenschen verleihen soll. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich nach der nützlichen Seite des Lebens hin zu entwickeln, den Gegenpol bilden die unnützen Mitglieder der Gesellschaft, etwas anderes gibt es nicht. Die wichtigste Lebensperiode, in der sich der Mensch für die Erfordernisse des Lebens entwickelt, bilden die ersten fünf Lebensjahre. Hier wird der Lebensstil geformt, das Ziel wird festgesetzt und alles, was später folgt, bedeutet nur die weitere Ausgestaltung der in diesen ersten Jahren bereits vorhandenen Keime.

Die wichtigste Rolle in dieser Zeit fällt der Mutter zu. Ihre Aufgabe ist es, das Kind so zu leiten, daß es sich der es unmittelbar umgebenden Gesellschaft anpasse. Es muß sich mit seinen Geschwistern vertragen lernen, muß seine Interessen mit denen der Umgebung in Einklang bringen, kurzum: es muß jetzt schon das lernen, worauf es im späteren Lebenskampfe ankommt, nämlich die Rücksichtnahme auf die Umgebung, die maßvolle Beherrschung egoistischer Triebe. Das zweite wichtige Moment, das eine wichtige Pflicht der Mutter ist, besteht darin, das Interesse des Kindes der Allgemeinheit gegenüber zu erwecken. Es muß beizeiten erkennen lernen, daß es außerhalb des Elternhauses wesentlich anders aussieht, daß die Menschen einander als Kampfpartner gegenüberstehen, ohne daß sie einander jedoch mit unrechten Mitteln befehden sollten; daß aber dort, wo dies wirklich der Fall ist, aufrechte Haltung bewahrt werden müsse. Sorgenkinder, wie sie leider nur allzu oft vorzukommen pflegen, sind daher in der Regel das Resultat falscher Einflußnahme durch die Mutter.

Die Erfahrung lehrt allerdings, daß Sorgenkinder oft auch organischen Defekten ihr Dasein zu verdanken haben. Die traurige Erscheinung der Vererbung spielt hier eine große Rolle. Um so mehr muß gerade bei solchen Kindern mit systematischen Erziehungsmethoden vorgegangen werden, nur ein klarer Verstand kann hier das Werden lebenstüchtiger Menschen verhüten. Der zweite Typ, von dem Dr. Alfred Adler sprach, ist freilich schon ein Erziehungsergebnis. Dieser Typ führt den Namen: Das verzogene Kind. Wenn eine Mutter ihrem Kinde in allem nachgibt oder nach erfolgter Bestrafung erst recht weich wird und alles tut, um dem Willen des Kindes gerecht zu werden, dann muß eine menschliche Kreatur entstehen, die später Schiffbruch leidet. Solche Kinder werden von den Hindernissen, die sie im späteren Leben vorfinden, glatt zurückgeworfen und an die Wand gedrückt. Der dritte Typ endlich besteht in den, wie Dr. Adler sagte, „gehaßten Kindern“. Da handelt es sich meist um illegitime Kinder oder um solche Sprößlinge, deren Zeugung unerwünscht war. Auch Waisenkinder müssen zeitweilig dieser Kategorie beigezogen werden. Die Grausamkeit der Eltern solchen Lebewesen gegenüber geht manchmal allzuweit, so daß diese Kinder zu den großen Sorgenkindern kultivierter Menschen gerechnet werden müssen.

Dr. Adler gab im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zwei Beispiele für den Typ der verzogenen und der gehaßten Kinder. Er erzählte von einem verzogenen Knaben, der seine ersten Lebensenttäuschungen zu empfinden begann, als seinen jüngeren Geschwistern eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Da begann er allerhand dumme Streiche aufzuführen, die zunächst harmlos waren, aber dann auch komplizierteren Charakter annahmen. Wenn man seinen Beweggründen nachforschte, so mußte man auf Grund der Individualpsychologie zu der Ueberzeugung gelangen, daß er seine Streiche nur deshalb ausführte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Hätte man ihm gegenüber ein richtiges Verhältnis auch nach der Geburt seiner Geschwister bewahrt, so hätte man sich in ihm das Sorgenkind ersparen können. Uebrigens ist dieser Knabe später zu einem sehr brauchbaren Mitglied der Gesellschaft herangewachsen. Als gehaßten Kindertyp erwähnte Dr. Adler ein Mädchen, das vom Elternheim entfloh, sich den Männern an den Hals warf und wahllos mit Soldaten und Schiffern verkehrte.


Fuente: Neues Wiener Journal, n.º 12.465, domingo 5 de agosto de 1928, p. 12; «Originalbericht» del periódico, sin firma, en la segunda columna (bajo el folletón «Sommer auf der Alm») y con la conclusión en lo alto de la tercera. Transcripción hecha sobre la imagen de la página (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_nwj19280805, imagen 12, descargada mediante el manifiesto IIIF público el 21-10-2026), cotejada con un OCR propio de Fraktur (tesseract frk+deu); no había texto local previo. Ortografía original; el nombre espaciado se da en cursiva. Se conservan tal como se imprimieron «nur ein klarer Verstand kann hier das Werden lebenstüchtiger Menschen verhüten» (el sentido pide «fördern» o «lebensuntüchtiger»), las comillas de la cita de Adler, que se abren en el primer párrafo y no se cierran, y «in den ... gehaßten Kindern». La crónica no da la fecha ni el lugar exacto de la conferencia (curso de verano del Austro-American Institute, en Viena). Fila 21 del inventario de crónicas.